King George II - Norman Davies - E-Book

King George II E-Book

Norman Davies

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Beschreibung

König von Großbritannien und Irland und Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg

Mit seinen Bediensteten sprach er Deutsch, in der Familie vorzugsweise Französisch. Georg II. August, der zum ersten Mal mit 31 Jahren nach England kam, herrschte 33 Jahre als kritisch beäugter „Ausländer“ über das britische Empire. Zugleich war Georg August Kurfürst seiner Heimat Braunschweig-Lüneburg. Mit leichter Hand portraitiert der britische Historiker Norman Davies dieses barocke Schwergewicht und zieht alle Register stilistischer Eleganz und britischer Ironie.

  • Britischer Monarch und deutscher Kurfürst: seiner deutschen Interessen wegen zog der Welfe an der Seite Preußens in den Siebenjährigen Krieg
  • Familienstreit in aller Öffentlichkeit: Georg August hatte ein vollkommen zerrüttetes Verhältnis zu seinem Vater - und später ein ebenso schlechtes Verhältnis zu seinem Sohn
  • Skurrile Tradition: Weil Georg II. 1750 bei der Uraufführung von Händels „Messias“ zum „Halleluja“ aufstand, erhebt man sich dazu in England bis heute
  • Das Leben eines barocken Schwergewichts: mit leichtfüßiger Eleganz und britischem Humor erzählt

Der letzte britische König, der selbst in die Schlacht zog: 1743 bei Dettingen

Unter der Herrschaft Georg II. erlebte das Empire im 18. Jahrhundert eine außergewöhnliche Blütezeit - wirtschaftlich, militärisch, kulturell. Sein Interesse an der Politik im Heiligen Römischen Reich blieb aber immer ungebrochen. So kämpfte der Welfe aus Sorge um seine Hannoveraner Herrschaft im Siebenjährigen Krieg auf der Seite Friedrichs des Großen gegen Maria Theresia und Frankreich. Georg II. August war beides: Mächtiger Reichsfürst und König eines kolonialen Empires. Mit Esprit und feiner Ironie erzählt Norman Davies die Biografie eines ebenso unbeherrschten wie unkultivierten Mannes, dessen bleibendes Vermächtnis in Deutschland die Georg-August-Universität Göttingen ist.

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EPUB

Seitenzahl: 268

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Die englische Originalausgabe ist 2021 bei Allen Lane, einem Imprint von Penguin Books, unter dem Titel George II. Not Just a British Monarch erschienen.

© Norman Davies, 2021

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

wbg Theiss ist ein Imprint der wbg.

© der deutschen Ausgabe 2021 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.

Lektorat: Kristine Althöhn, Mainz

Gestaltung und Satz: Arnold & Domnick, Leipzig

Einbandgestaltung: www.martinveicht.de

Einbandmotiv: Georg II. als Kurprinz in Rüstung. Gemälde, um 1704/06, Johann Leonhard Hirschmann (1672–1750) zugeschrieben. Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum. © akg-images

Abb. auf S. 2: Krönungsporträt, 1727. Kurfürst Georg II. August, souveräner Herrscher über eine Personalunion aus zwei Königreichen, einem Kurfürstentum des HRR und deren abhängigen Gebieten. Atelier von Charles Jervas, Öl auf Leinwand

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-8062-4310-9

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:

eBook (PDF): 978-3-8062-4414-4

eBook (epub): 978-3-8062-4415-1

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Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Inhalt

Prolog

Sprachliche Verwirrung oder die Sache mit den Namen

Die Hannoveraner Welfen

Mittel- und nordeuropäische Dynastien, die königlichen Status erlangten

Karten

I1683: Die Welt von Georg August von Welf

II1683–1714: Einunddreißig Sprossen auf der Leiter

III1714–1727: Lehrjahre

IV1727–1760: Auf dem Thron, Teil I – Höflinge, Kleriker, Knauser und Sklaven

VOberhaupt des Familienunternehmens

VIGeorg August als animal politicum

VIIAuf dem Thron, Teil II – Dichter, Begnadigungen, Hoheitsrechte

VIIILebensabend

IXTod

XVermächtnis

Anhang

Anmerkungen

Weiterführende Literatur

Bildnachweis

Register

Prolog

Georg Ludwig, der alte Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg – oder Georges-Louis, wie er sich selbst vorgestellt hätte –, starb am Morgen des 11. Juni 1727 im Alter von 67 Jahren im Bischofspalast in Osnabrück, im selben Zimmer, in dem er einst zur Welt gekommen war. Zwei Tage zuvor hatte er auf der Heimreise von einem Auslandsbesuch in einem Gasthaus in Delden, der letzten niederländischen Gemeinde vor der Reichsgrenze, gespeist und übernachtet. Tags darauf war er im Morgengrauen aufgestanden und hatte um 7:30 Uhr in Begleitung seines Hofmarschalls Hardenberg und seines Kammerherrn Fabrice die Kutsche bestiegen. Später berichteten jene, er habe einen gesunden Eindruck gemacht und unbedingt weiterreisen wollen. Nach rund fünfzehn Kilometern verabschiedeten sie sich von ihrer Eskorte niederländischer Kavalleristen und überquerten die Grenze ins Heilige Römische Reich.

Der Kurfürst war zweifellos erschöpft. Nicht nur die anstrengende Reise machte ihm zu schaffen – er spürte den Stress seiner vielen hohen Ämter, der sich über Jahrzehnte in ihm angesammelt hatte, ganz zu schweigen von dem skandalösen Zerwürfnis mit seiner Ehefrau, die inzwischen verstorben war, und den endlosen Streitereien mit Georg August, seinem einzigen Sohn. Später kamen Gerüchte auf, er sei über einen Brief erschrocken, den seine Frau im vorangegangenen Jahr geschrieben hatte und den man ihm aus irgendeinem Grund erst jetzt in Delden überreicht hatte; dieser Brief habe prophezeit, dass er binnen zwölf Monaten sterben müsse. Doch wie seine Biografin betont, schien er „völlig gesund“, er war „guter Laune“, und „es gab vieles, auf das er sich freuen konnte“. Er wollte im nahe gelegenen Osnabrück haltmachen, bevor er sich auf die letzte, 130 Kilometer lange Etappe der Reise zu seiner Sommerresidenz begab:

In Osnabrück würde er mit [seinem Bruder Fürstbischof] Ernst August zusammentreffen, dem letzten Verwandten aus seiner eigenen Generation: Seine Halbschwester Sophie Charlotte war 1725 gestorben … Der Fürstbischof würde sich dem König und [seiner Mätresse] Melusine [von der Schulenburg] für die Dauer des ganzen Besuchs anschließend. In Herrenhausen würde Georg (Anna) Luise, seine und Melusines älteste Tochter, wiedersehen, die dort im Delitzschen Palais wohnte. Und vor allem würde seine legitime Tochter Sophie Dorothea, die Königin von Preußen, aus Berlin zu Besuch nach Herrenhausen kommen, wo man den Plan für die Doppelhochzeit vollenden wollte. Nun, da die Kriegsgefahr gebannt war, hatte Georg ihr mitgeteilt, sei es an der Zeit, den Plan der Öffentlichkeit bekannt zu machen … Abgesehen von den Zusammenkünften mit Verwandten, freute sich Georg darauf zu sehen, wie weit sein neuestes Projekt in Herrenhausen gediehen war. Er hatte 1725 die Anpflanzung von Linden angeordnet, die eine lange Doppelallee zwischen der Sommerresidenz und der Stadt Hannover bilden sollten.1

Dann befahl Georg Ludwig irgendwo in der Nähe des Weilers Nordhorn mit einem Mal, die Kutsche anzuhalten; er wolle aussteigen und eine Pause einlegen. Als er zurückkehrte, blickten seine entsetzten Mitreisenden in ein verzerrtes Gesicht, dem kein Wort über die Lippen kam: Der Kurfürst hatte aus heiterem Himmel einen Schlaganfall erlitten. Aus einer der Kutschen, die ihnen folgten, wurde rasch ein Arzt herbeigerufen, und man beschloss, den Patienten über die holprige Straße so schnell als möglich in das vierzig Kilometer entfernte Osnabrück zu bringen. Dort angekommen, trug man Georg Ludwig, der inzwischen ins Koma gefallen war, die Hintertreppe des Palastes empor und brachte ihn in das vertraute Zimmer.

24 Stunden lang lag der Sterbende komplett angekleidet auf einem Sofa. Nur einmal erlangte er kurzzeitig das Bewusstsein zurück und lüftete schweigend den Hut, als wolle er die besorgten Höflinge grüßen, die sich im Zimmer versammelt hatten. Sie sahen zu, wie er die Augen schloss und sein Atem immer langsamer wurde, bis man ihn kaum noch wahrnahm. Kurz nach Mitternacht am zweiten Tag näherte Melusine sich ihm im Kerzenschein und suchte mithilfe eines Vergrößerungsglases auf seinen Lippen nach Spuren von Feuchtigkeit. Sie verkündete, dass er verschieden sei. Man schlug Alarm. Unter der Ägide des Fürstbischofs wurden umgehend die nötigen Vorkehrungen getroffen: Erstens ordnete man an, den Leichnam des Verstorbenen in den Hauptwohnsitz der Familie, das Leineschloss, zu überführen, und dort die Bestattung vorzubereiten. Und zweitens verständigte man per Eilboten den einzigen Sohn und Erben des toten Herzogs. Da niemand widersprach, übernahm der 44-jährige Georg August nach allgemeiner Sitte und Überzeugung umgehend alle Ländereien und Titel seines Vaters: Seine Hoheit, Herzog von Calenberg, Lüneburg, Grubenhagen, Celle, Lauenburg usw., Erzschatzmeister und Fürst des Heiligen Römischen Reiches, Erzpannerherr von Osnabrücks bischöflichem Hochstift, Seine Durchlaucht Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg sowie „von Gottes Gnaden“ (in der von der Familie bevorzugten Form) Sa majesté, Défenseur de la Foi, Roi de la Grande Bretagne, France et Irlande.

Sprachliche Verwirrung oder die Sache mit den Namen

Aus praktischen Gründen sollte ein Sachbuch wie dieses in einer einzigen Sprache verfasst sein. Man kann die Geschichte der Könige von England auf Englisch oder auf Walisisch oder auf Japanisch schreiben, aber nicht in mehreren Sprachen zugleich, ohne dass ein heilloses Durcheinander entsteht. Ein Band, der über alle englischen oder britischen Monarchen in deren jeweiliger Muttersprache berichten will, müsste mit einem Kapitel über Æðelstan beginnen, das in angelsächsischer Sprache verfasst ist, gefolgt von Kapiteln auf Dänisch, Normannisch, Französisch und Mittelenglisch, im Englisch des House of Tudor und des House of Stuart, im schottischen Lallans-Dialekt, auf Niederländisch, auf Französisch und auf Deutsch.

Wenn man eine Erzählung, in der es um einen mehrsprachigen oder multikulturellen Kontext geht, in nur einer einzigen Sprache verfasst, geht das unweigerlich auf Kosten der historischen Realität. Und eine historische Abhandlung, in der es um ein Thema (teilweise) außerhalb des englischen Sprachraums geht, die ausschließlich in englischer Sprache geschrieben ist, neigt möglicherweise zu Falschdarstellungen, wenn darin versucht wird, alle relevanten Namen, Orte, Titel und Schlüsselbegriffe zu anglisieren, ohne auf die ursprünglichen Begriffe zu verweisen.*

Der Monarch, um den es in diesem Band geht, ist ein exzellentes Beispiel. Er wurde in Deutschland geboren und wuchs in einer Adelsfamilie auf, in der alle Französisch sprachen. Als er die Herrschaft über seine englischsprachigen Königreiche erlangte, war er mittleren Alters. Als Fürst des Heiligen Römischen Reiches spielte er darüber hinaus bis zum Lebensende eine aktive Rolle in der deutschen Politik. Folglich waren seine Herrschaft und die Rolle(n), die er spielte, von einer linguistischen Vielfalt geprägt, die man als Historiker sprachlich reflektieren sollte; zumindest sollte man das versuchen. Verwendet man lediglich eine anglozentrische (oder, wie im Falle dieser Übersetzung, eine eingedeutschte) Terminologie, wird der Darstellung zwangsläufig etwas fehlen.

Der Titel des Monarchen beispielsweise vermittelt auch und gerade in seiner ständigen Wiederholung eine wirkmächtige Botschaft darüber, wer und was die betreffende Person war. Doch fast alle Bücher über ihn geben sich damit zufrieden, ihn als „König“ zu bezeichnen: König Georg II., Nachfolger von König Georg I. und Vorgänger von König Georg III. Der konventionelle Titel „König“ wird dem vollen Status Georgs II. allerdings kaum gerecht. Er war nicht nur dreifacher König, sondern zugleich Herzog von Braunschweig-Lüneburg und Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches. Historiker sollten Wege finden, um die Komplexität solcher Anhäufungen von Funktionen und Titeln aufzuzeigen, auch wenn dies zunächst ein wenig Verwirrung stiftet. Natürlich kann man unmöglich ständig alle Titel aufzählen, aber man könnte wenigstens die beiden wichtigsten verwenden und ihn „König und Kurfürst“ nennen statt bloß „König“. Ähnlich kennen wir das von Victoria, die als Königin des Vereinigten Königreichs auch den Titel „Kaiserin von Indien“ führte und daher mitunter als „Kaiserin und Königin“ bezeichnet wird.

Kommen wir nun zum Namen der Dynastie des Königs und Kurfürsten. In den vergangenen 300 Jahren hat man sich daran gewöhnt, diese Dynastie als „Haus Hannover“ (auf Englisch: „House of Hanover“) zu bezeichnen. Heute weiß kaum jemand mehr, dass diese Bezeichnung im Jahr 1701 in England im Zusammenhang mit dem Act of Settlement, der neuen protestantischen Thronfolgeregelung, erfunden wurde. Und in diesem Zusammenhang gibt es zahlreiche Ungenauigkeiten. Das Oxford English Dictionary beispielsweise behauptet: „1714 wurde der Kurfürst von Hannover zum König von England“ – was gleich doppelt falsch ist. Die Mitglieder der Fürstenfamilie, von der man uns weismacht, sie habe seit jeher „Haus Hannover“ geheißen, hätten sich selbst wohl eher als Welfen definiert, genauer als „Welfen von Braunschweig-Lüneburg“; und es wird ihnen nicht leichtgefallen sein, sich an den neumodischen, fremden Namen zu gewöhnen.

Die Namensänderung war ein subtiles Detail einer Image-Kampagne – zweifellos dachten sich die protestantischen Fundamentalisten unter König Wilhelm III. für Wilhelms Nachfolger das geniale „Hannover“-Label aus, um den Namen des Hochadelsgeschlechts der Welfen zu vermeiden, einen Namen, der starke Assoziationen zum Katholizismus weckte.

Wie sollte man als Historiker nun verfahren? Duldet man stillschweigend den Taschenspielertrick, mit dem 1701 das „Haus Hannover“ aus dem Hut gezaubert wurde, oder sucht man nach einer vernünftigeren Lösung? Ein Kompromiss könnte es sein, die Dynastie „Haus Braunschweig-Lüneburg“ zu nennen und sie immer dann, wenn man von ihrer Rolle auf den Britischen Inseln spricht, als „Haus Hannover“ zu bezeichnen. Doch dann könnten sich die Wolfenbütteler zu Recht übergangen fühlen, und schon wäre man bei einem Monstrum wie „Haus der Welfen der Linie Calenberg-Lüneburg des Hauses Braunschweig-Lüneburg“. Im vorliegenden Text werde ich den König und Kurfürsten als Oberhaupt entweder der „Calenberger Welfen“ oder der „Hannoveraner Welfen“ bezeichnen.

Nicht weniger kompliziert ist die Namensfindung für das komplexe Gebilde, das aus den diversen Einflussbereichen der Dynastie bestand. Den Hannoveraner Welfen gelang es, die Königreiche von Großbritannien und Irland und das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg zu einem hybriden Ganzen zu vereinen, das in Personalunion von ein und demselben Souverän regiert wurde. (Ihr Anspruch auf die Krone Frankreichs war kaum mehr als symbolisch.) Aber ein Namensungetüm wie „Großbritannien-Irland-Braunschweig-Lüneburg“ wäre natürlich viel zu kompliziert – eine Kurzform muss her. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich damit bei manchen in die Nesseln setze: Wenn ich im Folgenden „Großbritannien“ schreibe, wird das Königreich Irland mit gemeint sein, und wenn ich „Kurfürstentum“ schreibe, werden die von Braunschweig-Lüneburg abhängigen Territorien Lauenburg, Bremen-Verden und Bentheim mit gemeint sein. Obwohl das Kurfürstentum offiziell erst 1814, als es zum Königreich aufstieg, den Namen „Hannover“ annahm, wurde es im Volksmund schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts als „Kurfürstentum Hannover“ bezeichnet. Insofern erscheint mir das artifizielle Gebilde Großbritannien-Hannover immerhin weniger inakzeptabel als die anderen möglichen Lösungen.

Doch das ist immer noch nicht alles. Man muss sich zu guter Letzt noch entscheiden, wie man den Mann nennen soll, der im Juni 1727 König und Kurfürst wurde. In einem Teil seines Reiches wurde er als „King George“ gekrönt, im anderen Teil nannte man ihn „Georg August“ oder auf Latein „Georgius Augustus“. Da die Namen der britischen Monarchen im Deutschen aber ohnehin eingedeutscht werden (aus „James“ wird „Jakob“, aus „Henry“ „Heinrich“), soll er in seiner Eigenschaft als König Großbritanniens „Georg II.“ heißen – womit der anglisierte „George“ ja letztlich nur seine ursprüngliche Form zurückerhält. In seiner deutschen Heimat blieb er aber nach der Thronbesteigung „Georg August“, und so möchte ich ihn auch im Folgenden nennen, wenn es nicht explizit um die britische Politik geht. Damit gelangen wir also zu drei Bezeichnungen für das Subjekt dieses Buches – „König und Kurfürst“, „Georg August“ und „Georg II.“

Wie in populären Sachbüchern üblich, sind in diesem Band alle fremdsprachigen Quellentexte übersetzt, wodurch natürlich viel verloren geht. Das bekannteste Bonmot, das Georg II. zugeschrieben wird, stammt vom Sterbebett seiner Ehefrau. Als sie ihn bat, nach ihrem Tod wieder zu heiraten, soll er geantwortet haben: „Nein, aber ich werde Mätressen haben.“1 Und so hat er das natürlich nie gesagt.

*Für die deutsche Übersetzung einer solchen Abhandlung gilt dies analog natürlich ebenso; Anm. d. Übers.

Die Hannoveraner Welfen

Mittel- und nordeuropäische Dynastien, die königlichen Status erlangten

Die Britischen Inseln um 1750

Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (1733–1760)

I

1683: Die Welt von Georg August von Welf

Georg August erblickte am 10. November 1683 im Familienschloss, dem Leineschloss in Hannover, das Licht der Welt. Als Enkel des regierenden Herzogs von Calenberg und Sohn von dessen Thronfolger Georg Ludwig wuchs er unter dem prägenden Einfluss seiner Großeltern, Herzog Ernst August (1629–1698) und Herzogin Sophie von der Pfalz (1630–1714), auf. Sie sprachen miteinander Französisch und mit ihren Dienstboten Deutsch.

Nach der Identität des Kindes gefragt, hätte jeder Verwandte oder Gefolgsmann „Prinz von Braunschweig“ geantwortet. Vielleicht hätte derjenige hinzugefügt, dass das Herzogtum Braunschweig-Lüneburg, das alte Reichsfürstentum des Heiligen Römischen Reichs, seit Langem zweigeteilt war, in eine ältere Linie Braunschweig-Lüneburg-Wolfenbüttel und eine jüngere Linie Braunschweig-Lüneburg-Calenberg, die verwirrenderweise beide denselben verkürzten Namen verwendeten. „Aber macht Euch keine Sorgen“, könnte der Informant gesagt haben, „sie alle sind protestantische Welfen und zerstückeln immer wieder aufs Neue ihre Ländereien, um sie untereinander zu verteilen.“

Obwohl sich die Residenz derer von Calenberg in Hannover befand, hätte man sie kaum als „Hannoveraner“ bezeichnet. Der landbesitzende Adel identifizierte sich mit dem Land seiner Väter, nicht mit einer Stadt. Für sie hätte „Haus Hannover“ nicht weniger seltsam geklungen, als wenn jemand den König von England als Oberhaupt eines „Hauses London“ bezeichnet hätte. 1683 war das Konzept „Hannover“ noch nicht erfunden.

Georg August von Welf (so sein vollständiger Name) gehörte einem alten europäischen Adelsgeschlecht an, dem Haus Welf (oder Guelph), das im Mittelalter durch seine kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Waiblingern (oder Ghibellinen) berühmt geworden war. Sie führten ihre Abstammung auf einen Spießgesellen von Attila dem Hunnen im 5. Jahrhundert zurück. Die väterliche Linie stammte von Otto dem Kind (1204–1252) ab, dem allerersten Herzog von Braunschweig-Lüneburg.1

Im 17. Jahrhundert wurde das Haus Welf durch widerstreitende religiöse Bindungen entzweit. Zu den katholischen Zweigen der Familie zählte das Adelsgeschlecht Este in Ferrara, das sich später mit den Habsburgern zusammentat. Die im Zuge der Reformation lutherisch gewordenen Welfen lebten in einem Dutzend norddeutscher Staaten und verheirateten sich mit diversen Herrscherfamilien von Schweden bis Preußen.

Herzog Ernst August und seine Brüder hatten vor langer Zeit den Grundstein für einen Kleinstaat gelegt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren sie, obgleich immer noch Vasallen des Heiligen Römischen Reiches, der damaligen Sitte gefolgt und hatten einen quasi-souveränen Status erlangt. Ihr Vater, der erste Herzog von Calenberg, hatte ihnen mehrere Regionen im Wesertal hinterlassen, die in zwei Hauptbezirke unterteilt waren – den „Unterwald“ rund um Calenberg und Hannover und den „Oberwald“ rund um Göttingen. (Die dazwischen liegenden Gebiete gehörten den Wolfenbütteler Welfen.) Der Bezirk Grubenhagen kam 1665 hinzu, Lauenburg zwanzig Jahre später.

1683 lebten nur noch zwei der vier Brüder. Der ältere, Georg Wilhelm (1624–1705), Herzog von Celle und ein Waffenbruder Wilhelms von Oranien, hatte durch eine morganatische Ehe und seine langwierigen Bemühungen, sein einziges Kind, Sophie Dorothea, als legitim anerkennen zu lassen, für jede Menge Ärger gesorgt. Der jüngere der zwei, Ernst August, hatte aus dem Land, das ihm seine verstorbenen Brüder hinterlassen hatten, sein eigenes Herzogtum zusammengestellt, dessen Besitz umfangreicher war, als es die Einwohnerzahl von rund 500 000 vermuten lässt.

Wertvolle Kupfer- und Eisenminen, die entlang der Straßen zu den Seehäfen von Bremen und Hamburg lagen, erwirtschafteten ein Einkommen, mit dem sich eine herzogliche Armee von 20 000 bis 30 000 Mann finanzieren ließ.

Die befestigte Stadt Hameln, 43 Kilometer von Hannover entfernt, vergrößerte die militärischen Ressourcen des Herzogtums. Die dortige Festung war eine strategisch wichtige Bastion zur Verteidigung des Reiches gegen die dauerhafte Bedrohung durch die Franzosen:

Hamelin town’s in Brunswick,

By famous Hanover city.

The River Weser broad and wide

Washes its wall on the southern side.

A prettier spot you’d never have spied …2

[Die Stadt Hameln in Braunschweig,

Nahe der berühmten Stadt Hannover.

Die Wellen der breiten Weser

Klatschen gegen ihre südliche Mauer.

Einen schöneren Ort hast du nimmer erblickt …]

Die Außengrenzen der geopolitischen Welt der Hannoveraner Welfen wurden durch die Angelegenheiten des Heiligen Römischen Reiches bestimmt, das in ständigem Konflikt mit Frankreich im Westen und den Osmanen im Osten lebte. Während die Franzosen im Jahr 1683 Luxemburg belagerten, lag eine gewaltige osmanische Armee vor Wien. Die Flügelhusaren von König Johann III. Sobieski von Polen schrieben Geschichte, als sie den Kahlenberg hinabstürmten, in das Lager des Sultans eindrangen und so die Belagerung beendeten. Der Reichsoffizier Georg Ludwig war Zeuge der Schlacht am Kahlenberg und wird seinem Sohn sicherlich davon erzählt haben.3 „Kahlenberg“, mag er ihm erklärt haben, war nicht dasselbe wie „Calenberg“.

Die inneren Angelegenheiten des HRR unter seinem langjährigen Kaiser Leopold I. (reg. 1658–1705) waren davon geprägt, dass die Macht der Habsburger stagnierte und die Fürsten, insbesondere die Hohenzollern, eine enorme Eigensinnigkeit an den Tag legten. Die fürstlichen Rivalitäten wurden an den kaiserlichen Höfen und in den Landtagen ausgefochten und schlugen sich in der Politik der neun Reichskreise und der Reichsarmee nieder. Der Reichstag traf sich in Regensburg, in Frankfurt am Main fanden die Kaiserkrönungen statt. Braunschweig-Lüneburg wetteiferte mit den 28 Mitgliedstaaten des Niedersächsischen Reichskreises um Macht und Einfluss.4

Die Kultur erfuhr kaum merkliche Veränderungen. Spinoza und Locke attackierten die vorherrschenden politischen Konzepte des Absolutismus und des „göttlichen Rechts“ der Monarchen. Für die Fürsten waren Theorie und Praxis des Krieges von herausragender Bedeutung; mit der Schlacht bei Rocroi im Jahr 1643 hatte Frankreich Spanien als führende Militärmacht Europas abgelöst. Ökonomische Konzepte beschränkten sich nach wie vor auf die Prämissen des Merkantilismus. Die gesellschaftlichen Strukturen des Reiches waren streng hierarchisch, patriarchalisch und weitgehend feudalistisch geprägt.

Religiöse Konflikte wurden nach dem Prinzip cuius regio, eius religio geführt: Jeder Fürst bestimmte, welcher Konfession seine Untertanen angehörten. Die naturwissenschaftliche Revolution veränderte allmählich die allgemeine Einstellung zur Religion; Isaac Newtons Philosophiae naturalis principia mathematica (1687) demonstrierte, dass die göttliche Vorsehung kein Monopol besaß. In der Kunst verströmte das Barock Grandezza und Überschwang; 1685 kamen unweit von Hannover sowohl Bach als auch Händel zur Welt – der eine in Eisenach, der andere in Halle.5

Keinem außenstehenden Beobachter des Heiligen Römischen Reiches konnte verborgen bleiben, dass der langjährige Aufstieg der Habsburger auf einer „Doppelautorität“ beruhte, bei der die Kaiser ihre Position innerhalb des Reiches mithilfe ihrer ausgedehnten Territorien und Streitkräfte außerhalb des Reiches bewahrten. Leopold I. regierte gleichzeitig als gewählter Kaiser und Erbkönig von Ungarn. Jetzt, im Jahr 1683, gefährdete der Einfall der Osmanen in Ungarn Leopolds Doppelautorität. Er konnte sie nur aufrechterhalten, indem er die kaiserlichen Fürsten und Verbündete wie den König von Polen um Unterstützung bat. Das Königreich der Habsburger wurde durch das Kaiserreich der Habsburger gerettet, und sie mussten sich ihre Position innerhalb des Reichs wiederholt durch ihre externen Ressourcen bestätigen lassen.

Dies war der Hintergrund für die wohl bemerkenswerteste Entwicklung der Leopoldinischen Ära: den Aufstieg der preußischen Hohenzollern. Dreißig Jahre zuvor hatten zwei Linien der Hohenzollern über zwei getrennte Staaten geherrscht – die eine über das kaiserliche Kurfürstentum Brandenburg und die andere über das Herzogtum Preußen, 600 Kilometer weiter östlich. Der Hof der Hohenzollern in Berlin war den Habsburgern zur Treue verpflichtet, sein Gegenstück in Königsberg dem Königreich Polen. Der Kurfürst und der Herzog, obgleich Verwandte, herrschten über zwei verschiedene Gebiete – bis 1618, als ihre Gebiete unter einem gemeinsamen Herrscher vereinigt wurden, wodurch der Doppelstaat Brandenburg-Preußen entstand, eine Hälfte nach wie vor innerhalb des Reiches, die andere Hälfte außerhalb. Mit ihrer eigenen Variante der Doppelautorität bewaffnet, sollten die Hohenzollern bald den Habsburgern nacheifern und ein strategisches Programm in Angriff nehmen, das ihnen dazu diente, sich selbst zu überhöhen, wobei sie die Kunst der Illoyalität zur Vollendung führten.

Der Herrscher von Brandenburg-Preußen, der diese Doppelautorität perfekt auszuüben verstand und der immer noch aktiv war, als Georg August geboren wurde, war der Herzog und Kurfürst Friedrich Wilhelm von Hohenzollern (reg. 1640–1688), auch bekannt als „Großer Kurfürst“. Der gebürtige Berliner verbrachte den ersten Abschnitt seines Lebens abwechselnd in Königsberg und in Warschau und war sowohl kaiserlicher Prinz als auch polnischer Vasall. Nach dem Vorbild des ihm wohlbekannten dualistischen Unionsstaats Polen-Litauen, einst der größte Staat Europas, schmiedete er seinen eigenen unabhängigen Staat, indem er mehrfach gekonnt die Loyalitäten wechselte. Nachdem er 1675 in der Schlacht bei Fehrbellin die bislang unbesiegte schwedische Armee in die Flucht geschlagen hatte, machte er keinen Hehl mehr daraus, dass er vorhatte, König zu werden.6

Die preußischen Winkelzüge hatten viele Bewunderer, doch ein ganz spezielles Ereignis gewährte Georg August einen intimen Einblick in die preußische Geisteshaltung: 1683 wurde dem Markgrafen von Brandenburg-Ansbach, einem Verwandten des Großen Kurfürsten, eine Tochter geboren. Wilhelmina Caroline von Ansbach (1683–1737) wuchs in Berlin zusammen mit den Enkelkindern der Hohenzollern auf und war mit großem politischen Feingefühl gesegnet. 22 Jahre später sollte sie Georg August heiraten.

In der Zwischenzeit standen deutsche Fürsten Schlange, um Titel außerhalb des Reiches zu erwerben. Vorgemacht hatten es die Herzöge von Oldenburg, die nordwestlichen Nachbarn der Calenbergs, die lange auf dem Thron von Dänemark-Norwegen gesessen hatten. Der heranwachsende Georg August konnte beobachten, wie andere ganz ähnliche Ambitionen hatten. 1697 nahm der östliche Nachbar der Calenbergs, August der Starke, seines Zeichens Herzog von Sachsen, die Wahl zum König von Polen an.7 1701 wurde der Sohn des Großen Kurfürsten, Friedrich I., zum „König in Preußen“ gekrönt. Und 1713 wurde Viktor Amadeus, der Herzog von Savoyen, durch den Vertrag von Utrecht zum souveränen König von Sizilien ernannt.8 Die Zahl dieser Personalunionen wuchs und wuchs. Dem jungen Calenberger Prinzen wird unweigerlich der Gedanke gekommen sein, dass auch seine Familie eines Tages von diesem Trend würde profitieren können.

Die Oldenburger müssen damals einen starken Eindruck hinterlassen haben. Knapp eine Tagesreise von Hannover entfernt, war Oldenburg zwei Jahrhunderte lang eine von Dänemark regierte Enklave innerhalb des Reiches gewesen. Obwohl sie schon seit Generationen in Kopenhagen residierten, sprachen die Herrscher kaum Dänisch und schlossen ihre Ehen innerhalb desselben Kreises hochwohlgeborener protestantischer Clans wie den Calenbergs. Der amtierende König-Herzog Christian V. (reg. 1670–1699) war der Sohn von Georg Augusts Großtante Sophie Amalie von Braunschweig-Lüneburg und regierte über mehrere weit entfernte Gebiete, von Grönland bis zum Nordkap. Als Protestant aus Überzeugung und Absolutist aus Prinzip verbrachte er viel Zeit damit, mit Schweden um die Vorherrschaft in Skandinavien zu ringen.9 Die Wasa-Könige von Schweden-Finnland jonglierten ihrerseits mit einer Ansammlung ererbter Territorien, darunter zwei beträchtliche Teile des HRR.10 Für den jungen Georg August, der jeden Tag etwas Neues über die Funktionsweise der Monarchie lernte, waren diese komplexen Staatengebilde ganz normal.

Im Zeitalter des Absolutismus, als die Autorität von Monarchen und Dynastien kaum jemals infrage gestellt wurde, waren dynastische Erbfolgeordnungen das wichtigste Thema der internationalen Politik. Immer wieder verkompliziert durch konfessionelle Bindungen, stellten sie Fragen der nationalen Identität oder des wirtschaftlichen Interesses in den Schatten und waren ein Quell ständiger Konflikte. Zu Lebzeiten von Georg August lösten sie eine lange Reihe großer Kriege aus, vom Neunjährigen Krieg (1688–1697) um die Thronfolge in der Pfalz bis hin zum Österreichischen Erbfolgekrieg (1740–1748). Dabei waren die Gesetze der Thronfolge mitnichten einheitlich geregelt. In weiten Teilen Westeuropas, einschließlich Englands, galt die männliche Primogenitur, in vielen deutschen Staaten schloss die alte Lex Salica Frauen von der Erbfolge aus, und mancherorts, so auch in Braunschweig-Lüneburg, wurde das Erbe eines toten Herrschers traditionell auf seine männlichen Nachkommen verteilt.

Herrscherhäuser, die unter Kinderlosigkeit oder einem Mangel an männlichen Erben litten, waren daher oft versucht, die Regeln zu manipulieren. 1682 hatte Herzog Ernst August per Dekret in Braunschweig-Lüneburg-Calenberg die Primogenitur eingeführt. 1701 veranlasste der ultra-protestantische Wilhelm von Oranien per Parlamentsbeschluss, alle Katholiken von der englischen Nachfolge auszuschließen, und 1703 unterzeichneten die Söhne des Kaisers und Königs Leopold einen gegenseitigen Erbfolgepakt, um ihre Differenzen beizulegen. 1713 verkündete einer dieser Söhne, Karl VI., die sogenannte Pragmatische Sanktion, um das Erbe seiner Tochter zu schützen. Und 1714 änderte Ludwig XIV. sein Testament, um seine unehelichen Nachkommen zu legitimieren.

Die Herrscherhäuser waren außerdem regelrecht süchtig danach, ihre Blutlinien nach Rechtsansprüchen auf irgendwelche anstehenden Erbfolgen zu durchforsten, und beschäftigten Ahnenforscher und Anwälte, die ihnen dabei halfen. In dieser Hinsicht bot der Stammbaum derer von Braunschweig-Lüneburg-Calenberg eine Reihe vielversprechender Verbindungen – zum Herzogtum Lüneburg-Celle, zur rheinischen Pfalz und zu den Königreichen Böhmen, Dänemark und Frankreich. Als Georg August alt genug war, um die Zusammenhänge zu begreifen, wird ihm seine Großmutter Sophie erzählt haben, dass sie nicht nur eine Prinzessin von der Pfalz war, sondern auch eine Enkelin von Jakob I. Und als solche hatte sie einen Anspruch auf den Thron der britischen Stuarts. Wer weiß, ob sie ihm auch erzählte, dass in der Thronfolge der Stuarts noch dreißig oder vierzig Personen über ihr rangierten. Zu jener Zeit war die Verbindung zum Hause Stuart kaum mehr als eine kuriose Randnotiz.

Allerdings sind Erblinien niemals in Stein gemeißelt – mit jeder relevanten Geburt, jedem Tod und jedem juristischen Kniff verändern sie sich. Insofern war auch die Erbfolge der Stuarts später nicht mehr dieselbe wie im Jahr 1683. Als Georg August zur Welt kam, hatte der alternde Karl II., König von England, Schottland und Irland, keinen unmittelbaren Erben; sein katholischer Bruder James, Duke of York, war kinderlos, seine protestantischen Nichten Mary und Anne waren beide frisch verheiratet, und sein unehelicher Sohn James, Duke of Monmouth, war ebenfalls Thronprätendent.11

Der Hofstaat im Leineschloss wurde umfassend über die Entwicklungen informiert. Herzogin Sophie, die in den Niederlanden aufgewachsen war, wo ihre Eltern im Exil lebten, war (wie ihr Schwager Georg Wilhelm) eine lebenslange Vertraute von Marys Ehemann Wilhelm von Oranien.12 Darüber hinaus hatte man ihren Sohn Georg Ludwig von Welf im Jahr 1680 als potenziellen Bräutigam für Prinzessin Anne nach England geschickt. Am Ende verzichteten beide Familien auf die Verbindung. Anne Stuart heiratete ordnungsgemäß Prinz Georg von Dänemark, und Georg Ludwig ehelichte in Übereinkunft mit einem familiären Pakt seine Cousine, die kürzlich legitimierte Sophie Dorothea von Celle. Die „Hannoveraner Welfen“ hatten eine Heiratsstrategie gewählt, die die Konsolidierung ihres lokalen Erbes über etwaige riskantere Unternehmungen im Ausland stellte.

Die erste Frucht dieser Strategie war die Geburt von Georg August. Die Ehe seiner Eltern wurde verschiedentlich als „katastrophal“, als „mésalliance“ und als „völliger Misserfolg“13 beschrieben, und als er auf die Welt kam, konnte niemand davon ausgehen, dass er irgendwann einmal einen ausländischen Titel tragen würde.

Georg August von Welf (Mitte) im Alter von sieben Jahren, ca. 1690, mit seiner Schwester und seiner Mutter Sophie Dorothea von Celle, die bald darauf lebenslänglich inhaftiert wurde; Gemälde von Jacques Vaillant, ca. 1690

II

1683–1714: Einunddreißig Sprossen auf der Leiter

Beim Prinzen Georg August kümmerte man sich mehr um die Erziehung, als es bei den durchschnittlichen deutschen Adligen üblich war.1 Da die Eltern des Jungen häufig abwesend waren, hatten Herzog Ernst August und Herzogin Sophie die Zügel in der Hand. Vier Jahre lang wuchs er unter der Obhut von Sophies Oberhofmeisterin auf, danach wurde er von Privatlehrern unterrichtet, unter anderem von Philip von der Eltz, der im Zimmer nebenan übernachtete, um über seinen Schützling zu wachen. Am Unterricht nahmen mitunter auch Georg Augusts jüngere Schwester und andere adlige Kinder teil, die abwechselnd im alten Leineschloss wohnten und in dem acht Kilometer entfernten Sommerschloss Herrenhausen, das gerade renoviert wurde.2

Auf Befehl von Ernst August hatte der Unterricht in der lutherischen Religion Vorrang vor allem anderen. (Traditionell fungierten regierende protestantische Fürsten als summus episcopus, Oberbischof, der Staatskirche ihres Fürstentums.) Aktive Lektionen gab es beim Rittmeister, beim Fechtmeister und beim Tanzmeister. Der akademische Unterricht begann mit Lesen und Schreiben in Französisch, dann kamen Latein und Griechisch hinzu, gefolgt von Mathematik und den modernen Sprachen: Deutsch, Italienisch und – auf Geheiß seiner Großmutter – Englisch. Genealogie und Heraldik hatten ebenfalls ihren Platz. Der Kalender des Hofes war randvoll mit Gottesdiensten, religiösen Festen, Jagdgesellschaften, fürstlichen Festmählern, Maskenspielen, Karnevalsfeiern, Bällen, Konzerten und Paraden. Mit sechzehn Jahren begann der junge Mann seine Ausbildung als Kadett in einer der herzoglichen Elite-Kavallerieeinheiten.

Während er zum Mann heranreifte, stellte sich nach und nach heraus, dass Georg August das gute Aussehen seines Vaters leider nicht geerbt hatte. Er war kurz gewachsen und stämmig, hatte ein rotes Gesicht, dicke Schenkel und übergroße Hände. Seine Augen standen zu weit auseinander und „wölbten sich wie Taubeneier“, und obendrein war er stets extrem schlecht gelaunt.3 Ein Traummann war er also wahrlich nicht, aber er war fit und aktiv, widmete sich der Musik und dem Zeremoniell, ging regelmäßig in der Göhrde, dem riesigen Wald, in dem sich Mufflons tummelten, auf die Jagd und war alles in allem eine außerordentlich gute Partie.

Vorbilder gab es zuhauf. Die Erinnerungen an den Dreißigjährigen Krieg waren noch immer lebendig, und man sprach vom „großen Condé“, dem Sieger von Rocroi, und von Turenne, Wallenstein und Gustav Adolf, dem „Löwen des Nordens“. Herzogin Sophia erzählte dem Enkel von ihrem verstorbenen Bruder, Prinz Ruprecht von der Pfalz (1619–1682), einem schneidigen General, der im Englischen Bürgerkrieg auf der Seite der Royalisten gekämpft hatte, während der Stuart-Restauration zum Admiral ernannt worden war und später Gouverneur der Privatkolonie der Hudson’s Bay Company im fernen Nordamerika war.4

Georg August war von Verwandten und Nachbarn umgeben, die alle tief in der soldatischen Tradition verwurzelt waren. Ein Onkel, Friedrich August (1661–1690), starb in jungen Jahren auf einem Feldzug in Siebenbürgen, ein anderer, Maximilian Wilhelm (1666–1726), befehligte später die kaiserliche Kavallerie in Blenheim. Seine Nachbarn in Wolfenbüttel brachten eine ganze Reihe prominenter Militärs hervor, von denen einige dem Kaiser dienten, andere den Preußen, den Niederländern, den Dänen. Dazu zählten Feldmarschall Ferdinand Albert II. (1680–1735), August Wilhelm, Herzog von Wolfenbüttel-Bevern (1715–1781), ein Günstling Friedrichs des Großen, sowie die Brüder Ludwig Ernst (1718–1788), bekannt als „Dicker Ludwig“, und Ferdinand (1721–1792), beide Feldmarschälle und Herzöge von Braunschweig. Georg August hatte vor allem ein Auge auf die Karrieren seiner nächsten Zeitgenossen: August der Starke, Herzog von Sachsen (1670–1733), Friedrich Wilhelm von Brandenburg-Preußen (1688–1740), der künftige „Soldatenkönig“, und Karl XII. von Schweden (1682–1718), ein Verwandter seiner Großmutter, der bereits gekrönt war, bevor Georg August seinem Regiment beitrat.

Georg August wuchs während des turbulenten letzten Viertels der Herrschaft des Sonnenkönigs auf,5 als Europa einen Krieg nach dem anderen erlebte; das Heilige Römische Reich geriet ins Wanken, und Braunschweig-Lüneburg war akut gefährdet. Während die allgemeine Unsicherheit wuchs, kämpften sich die Calenbergs durch ein dichtes Unterholz nationaler, militärischer und internationaler Ereignisse. Ihr Hauptanliegen war das Heilige Römische Reich und die Stellung ihres Herzogtums darin. Sie verfolgten mit Argusaugen die unvorhersehbaren Wendungen von Krieg und Diplomatie, insbesondere im Hinblick auf die antifranzösische Koalition, der sie angehörten. Und wie jede ehrgeizige Dynastie beobachteten sie aufmerksam den aristokratischen Heiratsmarkt und notierten jede Geburt, jeden Tod und jedes eheliche Bündnis, die Europas wichtigste Erblinien beeinflussen mochten.

In den ersten zehn Jahren seines Lebens nahm Georg August seine Umgebung lediglich aus der doch recht eingeschränkten Perspektive eines Kindes wahr. Er wird weder die hartnäckigen Bemühungen seines Großvaters verstanden haben können, Geld aufzutreiben, um Truppen auszuheben, und die Gunst des Kaisers zu gewinnen, noch die Folgen der Reunionskriege, des Edikts von Nantes oder der Augsburger Allianz. Dennoch wird er beeindruckt gewesen sein von der Rolle des Militärs und der Bedeutung von Status und Hierarchien innerhalb der Gesellschaft. Sicherlich beobachtete er Soldaten beim Marschieren und beim Drill, bewunderte paradierende Kavalleristen und ließ sich vom Klang von Pfeife und Trommel mitreißen. Die Welt jenseits von