Kirkstall-Abbey - David Gardner - E-Book
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Kirkstall-Abbey E-Book

David Gardner

2,0

Beschreibung

Der Londoner Rechtsanwalt Tyler Brown, seit einem halben Jahr verwitwet, fährt zu einem Wochenendausflug aufs Land. Dort stößt er auf die längst verfallene Ruine einer ehemaligen Klosterabtei: Kirkstall-Abbey. Die alten Gemäuer ziehen ihn mehr und mehr in ihren Bann. Menschen verschwinden, längst vermisste tauchen plötzlich, nach Jahren wieder auf. Tyler kauft sich in der Nähe der Ruine ein kleines Haus und verbringt mehr und mehr Zeit dort. Er merkt bald, dass in Kirkstall-Abbey nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Schließlich spitzt sich die Situation immer mehr zu. Dann passiert die Katastrophe - das Verhängnis. Verhängnis - ist der erste Teil der Reihe "Kirkstall-Abbey"

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David Gardner

Kirkstall-Abbey

Verhängnis

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Kapitel 1

Teil 1

 

 Die sogenannten Hundstage, die jeden Sommer Einzug ins Land hielten, hatten mit der Regelmäßigkeit eines hartnäckigen, winterlichen Lippenherpes eingesetzt und verwandelten den Süden von England, in einen heißen, kaum zu ertragenden Horror-Backofen.

Der Abreißkalender, in Tyler Browns Küche, ein Weihnachtsgeschenk des Supermarktes, von dem er jeden Tag ein Blatt abriss, hatte an diesem Morgen den 1. August, 2011 angezeigt. Unter dem Datum, stand dort für jeden neuen Tag, ein mehr oder weniger sinniger Spruch - die Weisheit des Tages. Als er am heutigen Tag diesen Vers gelesen hatte, hatte er kurz aufgelacht. Probleme sollte man als Chance betrachten zu wachsen und sich zu überwinden, hieß es dort. 

Klasse, hatte er sich da gedacht. Ein wirklich hilfreicher Spruch. Probleme als Chance zu betrachten, war auch eine Möglichkeit sich das Leben schönzureden. Manchmal fragte er sich ernsthaft, wer sich all diese dämlichen Sprüche eigentlich ausdachte.

Es war ein typischer August und doch war er anders. Der zurückliegende Monat und auch die fünf vorangegangenen, war wie kein anderer zuvor, im Leben von Tyler Brown gewesen. Er wusste seit knapp sechs Monaten, dass alles anders war. Anders als das bisherige Leben. Als sein Leben noch in seinem gewohnten, ruhigen Bachbett dahingeflossen war.

So wie ein gemütlicher, ruhig dahinplätschernder Fluss. Ein Gewässer, dessen Wildheit, durch regelmäßig angeordnete Staustufen im Zaum gehalten wurde, keiner dieser reisenden, ungemütlichen Sorte, wie man sie im Norden von England, im Hochland manchmal fand. Tyler hatte all die Jahre über, immer das Gefühl gehabt, nichts und niemand könnten ihn, Maggy und die Kinder, irgendwie noch einmal aus dem gewohnten Gleichgewicht bringen. Da war einfach nichts gewesen, dass diese Staustufen, die sein Leben so lange und stetig begradigt hatten, einzureisen vermochte.

Ein paar stürmische Tage hier und da, das, was es überall mal gab im Leben einer kleinen und netten Durchschnittsfamilie. Ein Mann, eine Frau und zwei Kinder, wobei die Bezeichnung Kinder, in dem Sinne irreführend war, wenn man das Wort Kind mit klein umschrieb. Kind im eigentlichen Sinne war jedes Kind seiner Eltern, ganz egal ob erst fünf oder aber schon zwanzig Jahre alt.

Doch Damokles, dieser grausame und unbarmherzige Scharfrichter mit seinem Schwert, war ein allgegenwärtiges Ding, das immer und überall, irgendwo dort oben hing und nur darauf wartete, den Schlag auszuführen, von dem niemand hoffte, dass er eines Tages doch kommen würde. Schicksal, Zufall, Bestimmung oder wie immer man es auch nennen mochte. Wer gab dafür eine Garantie, dass dieser Schlag niemals kam? Vielleicht ein Gott, ein Schöpfer, ein großes und unbekanntes Etwas, das nach Meinung vieler all die Geschicke der Menschen zu einem Großteil lenkte? Nein, das sicher nicht.

Von diesem seltsamen Irrglauben, war Tyler längst abgerückt. Längst, und erst recht seit einem halben Jahr. Religion, Propheten und ein Gott, lenkte absolut nichts auf dieser Erde. Das hier war einfach nur eine Kugel. Banal gesagt, ein gigantischer Ball, mit einem Durchmesser von mehr als 7000 Meilen, dessen Oberfläche zu fast siebzig Prozent von Wasser bedeckt war und auf dem ein großer Haufen Ameisen umher krabbelte, die sich Menschen nannten und die von sich behaupteten, dass sie die Krone der Schöpfung wären.

Das Leben selbst, war eben eine fragliche Gratwanderung, eine gefährliche Sache an sich. Der scharfe Grat, auf dem man immer weiterging, auf dem man lebte, weinte und lachte, sich freute und trauerte, war oft sehr schmal. Zu schmal. Und immerfort bestand eigentlich die Gefahr, dass man daneben trat, dass man einfach in die Tiefe stürzte und im schlimmsten Fall sogar, sein Leben dabei verlor.

Das war wie bei einem Bergsteiger, der sich aufmachte, um einen Berg zu besteigen. Letztlich konnte niemand vorhersagen, ob er auch wieder heil ins Tal zurückkam. Man konnte seine Geschicke nur zu einem Teil lenken, bestimmen und im Auge behalten. Doch dieses allerletzte Quäntchen, der Zufall, die Verkettung mehrerer ungünstiger Umstände, dieses Ding lenkte man eben nicht, es lenkte sich selbst.

Er überlegte eine ganze Zeit lang. Wäre das jetzt überhaupt der schlimmste Fall für ihn, ging ihm gerade ein Gedanke durch den Kopf, während er auf der ruhigen und einsamen Landstraße dahinfuhr, und über all das nachdachte. Wenn er dieser Bergsteiger wäre und hier und jetzt neben den Grat treten würde? Wenn er hinab in die Tiefe stürzen- und von Felsen, sprich vom Leben zerschmettert werden würde?

Dieser absurde Gedanke hatte ihn in der letzten Zeit schon mehrmals beschlichen. Anfangs nur alle paar Tage, dann immer öfter und mittlerweile suchte er ihn fast ständig heim. Für ihn wäre es nicht mehr der schlimmste Fall, dessen war er sich in dem Moment ziemlich sicher.

Was war denn da noch Bedeutendes, das kommen mochte in seinem Leben? Die bittere Tatsache, dass Maggy vor einem halben Jahr, mit einem Fuß neben diesen Grat getreten war, ja. Das war der schlimmste Fall von allen, der hatte eintreten können. Für ihn und auch für die Kinder, seine beiden, mittlerweile großen Mädchen.

Ja, Damokles Schwert hatte zugeschlagen. Erbarmungslos, schnell und von einer zur anderen Sekunde - ohne jedes Mitleid zu zeigen. Fast im selben Moment rügte er sich wieder selbst. Es war einfach schändlich, solch abstrusen Gedanken nachzuhinken. Die Mädchen brauchten ihn, sie hatten ihre Mutter verloren. Sie hatten nur noch ihn. Wie konnte er nur an so etwas denken?

Hass, da war so etwas wie Hass gegen sich selbst, der in seinem Innern aufflammte. Nur kurz, dann verschwand er, wie er gekommen war. Er konnte und durfte sich nicht selbst hassen für diese Gedanken, und er musste versuchen sie auszublenden.

Als sie sich an jenem Morgen, vor einem halben Jahr voneinander verabschiedet hatten, als er ihr noch zuversichtlich durch das Küchenfenster zugewunken hatte, während sie draußen in den Wagen gestiegen war, hatte er nicht geahnt, dass sie sich so nicht mehr wiedersehen würden. Dass er Maggy nicht mehr sehen würde - nicht lebend.

Als man ihn dann knapp drei Stunden später aufgesucht hatte, dann schon, nach einigen Augenblicken des Wachwerdens, die sein Verstand gebraucht hatte, um aus der Versenkung des Begreifens zu erwachen. Wie ein Schlag, mit einem massiven Eisenhammer, mitten ins Gesicht, war ihm diese Gewissheit in dieser einen Sekunde eingebläut worden.

Der kleine, etwas mollige Polizist, ein Mann mit der Statur Kunde Nummer eins bei Mc Donalds, hatte ihm die schreckliche Nachricht, unter der offenen Haustüre überbracht. Ein paar Augenblicke lang, hatte Tyler wahrhaftig gedacht, der Mann wollte ihn verschaukeln. Was dieser Polizist ihm da unter der Haustür unterbreitet hatte, war so dermaßen absurd gewesen, geradezu unbegreiflich, dass er es im ersten Moment gar nicht hatte annehmen können.

Sekundenlang, immer das betroffene Gesicht des Polizisten vor Augen, war die Erkenntnis förmlich in seinen Verstand hineingekrochen. So langsam wie eine Schnecke, die dabei war, eine zehn Yards breite, asphaltierte Autobahn zu überqueren. „Mr. Brown, es tut mir sehr leid ihnen eine traurige Mitteilung machen zu müssen“, hatte der Polizist zu ihm gesagt.

Tyler hatte den Mann aus großen Augen angestarrt, hatte sich da aber immer noch Gedanken, über den Umfang der Taille des rundlichen Polizisten gemacht. „Ihre Frau, sie hatte einen schweren Autounfall, Mr. Brown. Drüben, in Manchester. Es tut mir sehr leid, aber…

Stop!, hatte sein Verstand in dem Moment geradezu geschrien, aber der Polizist hatte den Satz beendet. „Sie ist leider, an den Folgen des Unfalls verstorben. Tut mir leid, mein tief empfundenes Beileid, Mr. Brown.“

Nach dem Unglauben, waren dann einige Momente der Verwirrung gefolgt. Dann, sehr schnell, brutal und schonungslos, war die Erkenntnis gekommen, die ihm mitten ins nackte Gesicht geschlagen hatte. „Un...fall?“, hatte er stammelnd wiederholt. „Maggy hatte einen Unfall? Und sie ist...

„Ja, Mr. Brown, es tut mir sehr leid, ich möchte ihnen noch einmal mein aufrichtiges und herzliches Beileid aussprechen“, hatte der Polizist noch einmal gesagt.

Da, in genau diesem Moment, war auch der Schwindel über Tyler gekommen. Für Momente lang, hatte sich alles um ihn herum angefangen, in einem Wirbel zu drehen. Die Welt, seine Welt, die Erde, das ganze Universum, einfach alles war in der Sekunde für Tyler Brown aus den Fugen geraten. Es war über ihn gekommen, wie ein kleiner, auf den Punkt gerichteter Zyklon, der ihn und seinen Kopf in einem Kreisel drehte und ihm alle Standfestigkeit raubte.

Das ruhig dahinplätschernde Wasser, es hatte sich urplötzlich in einen reißenden, brutalen Fluss verwandelt. Ein Strom, der mit vielen Tausend Kubikmetern tobender Gischt, mitten durch seinen Kopf gerast war. Er war nach hinten getaumelt, bis zur Hauswand hin, hatte sich mit dem rechten Arm abgefangen und war schließlich, weiß wie eine frisch getünchte Wand, an ihr kleben geblieben. Mit dem Rücken an der Hauswand, aus dem Sturzbäche heißen Schweißes hervorgebrochen waren, zitternd wie trockenes Laub in einem Herbststurm.

Ein halbes Jahr war das jetzt schon wieder her, dachte er in dem Moment. Ziemlich genau auf den Tag. Und für Tyler hatte sich seitdem fast alles geändert. Sein Leben war ein komplett anderes Leben geworden. Da war das große, einsame Haus, in das er jetzt nur noch ungern zurückkahm, dann die langen Abende, die sich quälend und fast kriechend bis ins Unendliche, ja Unerträgliche ausdehnten.

Meistens saß er alleine vor dem Fernsehgerät, wo ihn das meiste, was ihn früher brennend interessiert hatte, nicht mehr interessierte. Er zappte stundenlang die Kanäle rauf und runter. Schaute hier zwei Minuten, dort eine und doch war es eigentlich nur ein sich hin- und her winden bis zu dem Zeitpunkt, wo ihn dann irgendwann endlich doch die Müdigkeit einholte und ihm sagte: „Jetzt kannst du endlich ins Bett gehen, Junge, jetzt bist du reif für die Insel. Tyler, versuch´s, versuch zu schlafen, versuche einfach an nichts zu denken, und hoffe auf das Beste für dich.“

Er dachte an all die vielen schlaflosen Nächte zurück, während er diese Straße entlangfuhr. Er dachte an die endlos vielen Stunden, in denen er wach gelegen war und an die halbdunkle Decke des Schlafzimmers gestarrt hatte, von der er mittlerweile jeden Zoll bestens kannte. Irgendwie fühlte er sich schlecht. Nicht schlecht in dem Sinne, dass ihm sein Magen übel mitspielte - nein. Dieses miese Gefühl, kam von irgendwo ganz anders. Es hatte seinen Ursprung in seinem Kopf, sagte er sich. Ja sicherlich, irgendwo in seinem Kopf. Das Denken, das Grübeln, das nicht Abschalten können, das war es, was ihn und seinen Kopf geradezu wie mit Peitschen prügelte.

Ein Imbiss tauchte ganz plötzlich am Straßenrand auf. Er lag in einer schmalen Haltebucht, die gleich neben der Landstraße, etwas zurück in den niedrigen Wald geschlagen lag. Tyler verspürte seit einiger Zeit schon, ein gewisses Grummeln in der Magengegend. Es war das andere Gefühl, jenes, das tatsächlich aus seinem Bauch kam und es war ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich endlich der Hunger bei ihm meldete. „Ja Sir, Hunger hab ich“, flüsterte ihm dieser kleine Muskelsack, inmitten seiner anderen Eingeweide immer wieder zu.

Das karge Frühstück, noch bevor er losgefahren war, hatte den Magen längst durchwandert und gerade jetzt, in dem Moment, als dieser Imbiss aufgetaucht war, gierte es ihn irgendwie nach etwas Fettigem, etwas Schwerem, etwas richtig Ungesundem. Vielleicht eine Currywurst mit dicken Pommes oder ein triefender Burger, dick belegt mit Käse und Fleisch. Tyler setzte hastig den Blinker und steuerte den BMW Z-4 langsam in die Haltebucht hinein.

Er visierte einen der freien Parkplätze an. Momente später stellte er den Motor ab, und betrachtete den Imbiss einen Moment lang durch die Windschutzscheibe des Wagens. Dort gab es sicherlich, ein richtig kühles Guinness, dachte er in dem Moment. Wenn nicht, dann wäre er mächtig sauer auf den Imbissbesitzer, der gerade eben vor seinem Laden herumwuselte und mit Kreide eine wackelige, schwarze Tafel bekritzelte, die gleich neben dem Eingang des Imbiss hing.

Er nahm zumindest an, dass der Mann der Wirt der guten Stube war. Tyler stieg aus und verriegelte die Türen mit der Schlüsselfernbedienung. Einen Moment lang, schaute er sich um und streckte sich wie ein Autobahn-Junkie nach neunhundert Meilen Nonstop-Fahrt.

Außer einem klapprigen Renault, standen da noch drei andere Autos sowie zwei Motorräder der Sorte Dinosaurier. Während Tyler langsam an den Maschinen vorbeiging, betrachtete er sich, die vor Hochglanz Metall protzenden Ungetüme, die ihn, wenn er es sich recht überlegte, tatsächlich an zwei stählerne Tyrannosauren erinnerten.

Die beiden Maschinen hatten Auspuffrohre, so dick wie Arnold Schwarzeneggers Oberarme, zu seinen besten Zeiten. Die langgezogenen Lenker der beiden Motorräder, die steil in Richtung Himmel aufragten, waren mit unzähligen bunten Lederbändchen umwickelt. Die Rückbank der einen Maschine, bestand aus hellrotem, nietenüberzogenem Leder, hinten begrenzt durch eine hochgezogene, blitzende Rückenlehne aus Chrom, die in der Sonne blitzte wie poliertes Silber.

Diese Lehne, erinnerte ihn plötzlich irgendwie, an die in den Siebzigerjahren überall beliebten Bonanza-Fahrräder, die mittlerweile längst aus der Mode gekommen waren. Die Sitzbank der anderen Maschine, war wesentlich älter, war sogar ziemlich verschlissen und bestand aus einfachem braunem Leder. Es waren Harleys, ohne Frage. Tyler stand da, betrachtete sich die beiden Ausgeburten der wahrhaftigen Hölle und schwelgte kurz in Erinnerungen an früher. 

Er war jetzt fünfundfünfzig und es war noch keine dreißig Jahre her, da hatte er seinen Arsch auch fast jeden Tag, auf so einer ledernen Sitzbank abgerieben. Zu einer Harley, hatte es bei ihm damals zwar nicht ganz gereicht, aber sein ganzer Stolz, war eines dieser italienischen Steckenpferde gewesen, eine Moto Guzzi, Baujahr 1964. Die wäre heute fast ein Oldtimer, dachte er in dem Moment.

Diese grellblaue Mafia-Mühle, hatte auf der Autobahn auch ihre hundertfünfzig Sachen gebracht und hatte Tyler manches Mal das Gefühl vermittelt, dass er mit Al Italia unter seinem Hintern, und Al Capone auf der Rückbank in Richtung Sizilien unterwegs wäre. Lange her, dachte er sich, als er sich neben eines der Motorräder kniete und den verchromten, in der Sonne blitzenden Auspuff, näher betrachtete.

Er konnte sein Gesicht im verchromten Rohr spiegeln sehen und irgendwie, hatte er plötzlich das Gefühl, als käme da gerade ein Anflug von Wehmut über ihn, den er sich jetzt, wo er diese wunderbaren Maschinen sah, sogar fast halbwegs erklären konnte. Er erinnerte sich an seine Clique von damals, die italienischen Hengste hatten sie sich stolz genannt.

Ihr Logo, einen grazilen Pferdekopf, hatten sie sich sogar grellrot auf ihre, bei den Mädchen eher belächelten Kutten aufsticken lassen. Verdammt lange her war das. Aber - mit einem Schlag, war damals der ganze Zauber vorbei gewesen. Von heute auf morgen, einfach so.

Als sie nämlich dabei gestanden waren, hinter der rot-weißen Plastikbandabsperrung, als die Feuerwehrmänner die kläglichen Reste von Timothy Huttons Gehirn, von einer alten achtzigjährigen Eiche am Straßenrand gekratzt hatten, da war es vorbei gewesen mit den italienischen Hengsten; zumindest für ihn.

Timothy war damals sein bester Kumpel gewesen. Eine richtig echte Männerfreundschaft. Sie waren zusammen nicht nur durch dick und dünn gegangen, sondern auch durch feucht und fröhlich. Wie hatte Timothy damals immer gesagt: „Wir sind die italienischen Partyhengste schlechthin, wir zerren alles ins Bett, das auf zwei Beinen stehen kann, und das mehr als zwei natürliche Körperöffnungen hat.“

Der Spaß am Moto Guzzi fahren, war Tyler damals mit einem Male und für alle Zeiten vergangen. Er hatte seine Maschine an einen Liebhaber aus Manchester verkauft, für den sprichwörtlichen Apfel und das berühmte Ei.

Einen Moment lang kniete er noch dort, betrachtete sich die beiden Harleys und stand schließlich auf. Er ging die wenigen Schritte, bis zur Eingangstüre des Imbisses hin. Der Wirt, ein langer, fast erschreckend hagerer alter Mann, blickte auf, als er Tyler neben sich bemerkte. „Hallo, schönen Tag auch, Mister“, sprach er mit einem derben, irländischen Akzent. Tyler sah, dass dem Mann schillernder, leicht glitzernder Schweiß auf der Stirn stand. „Schönen Tag auch“, entgegnete er, „ist ziemlich heiß heute oder? Der da oben, meint es mal wieder ein wenig zu gut mit uns.“

Der alte Mann richtete sich mühsam auf und lächelte Tyler verschlagen an. „Kann man so sagen, ja. Aber es ist eben nun mal Sommer - und wen's im Sommer nicht heiß sein darf, wann soll es dann heiß sein? Mein Vater pflegte immer zu sagen: Wenn es heiß ist, dann werden auch die Röcke der Mädchen kürzer - und das mein Junge, hat seine Vorteile, das wirst du bald merken!“

 Tyler lachte. „Da haben Sie sicher recht“, pflichtete Tyler dem Alten bei. „Ich hoffe doch sehr, Sie haben für einen durstigen Ausflügler, ein schönes, frisches Guinness im Kühlschrank?“

Der Alte grinste wie die Grinse-Katze, von Alice im Wunderland. Dann deutete er mit der Hand auf das Schild, das er gerade eben bekritzelt hatte. Heute: Guinness vom Fass, stand dort in krakeliger, unruhiger Schrift. „Halleluja“, meinte Tyler. „Da hab ich wohl den Nagel auf den sprichwörtlichen Kopf getroffen.“

„Kommen Sie, Sir“, bat der Wirt der Imbissstube, die außen, mit waagrecht verlaufenden, massiven Eichenrundhölzern verkleidet war. „Durstige soll man nicht warten lassen, hat mal jemand zu mir gesagt.

Schatz! Da ist ein Kenner, der gerne ein frisch gezapftes Guinness möchte!“, rief der Alte, während sie das Innere des Gastraumes betraten. 

„Ist in Arbeit!“, hörte Tyler die dunkle Stimme einer Frau, von irgendwoher rufen. Was von außen zunächst den Eindruck gemacht hatte, als wäre es etwas schäbig und heruntergekommen, vielleicht auch ein klein wenig schmuddelig, offenbarte sich in Wahrheit beim Betreten als kleine Oase der Gemütlichkeit. Das war zumindest Tylers allererster Gedanke, als er hinter dem alten Gastwirt den Imbiss betrat. Er war vollkommen überrascht, als er sich kurz in der kleinen Gaststube umblickte. Alles war hell, wirkte offen und freundlich und war einladend.

Es gab eine Reihe saubere Tische an der Fensterseite, die zur Straße hin lag. Getrennt durch einen Mittelgang, gab es außerdem links davon eine lange Theke, mit einigen gemütlichen Barhockern davor.

Die Theke selbst, war mit einer Art Resopal überzogen, dessen Farbton, Tyler irgendwie an dieses dunkle Schwedenrot erinnerte, das in aller Munde war und mit dem immer mehr Leute ihre Häuser von außen bepinseln ließen.

Die Innenwände der Imbissstube zierten zudem dutzende Retrobilder. Das waren diese blechernen Werbeschilder, aus den frühen Vierzigern oder Fünfzigern, die man in speziellen Souvenirläden noch kaufen konnte. Da hing unter anderem die obligatorische Coca Cola Werbung, die irgendwie nirgendwo fehlen durfte.

 Das Blechschild zeigte einen englischen Soldaten, in Uniform und mit Helm auf dem Kopf, mit einem roten Coca Cola Becher in der Hand - gleich darunter der Spruch: The drink, thats fight back. „Fahr an den Arsch der Welt und was findest du zwischen den Backen? Ganz sicher eine Coca Cola Flasche, eingeklemmt zwischen zwei mächtigen, schneeweißen Arschbacken“, hatte mal einer zu Tyler gesagt, und irgendwie besaß der Satz einen dicken Brocken Wahrheit.

 Coca Cola war so etwas wie die Luft zum Atmen, es war fast allgegenwärtig, hatte die Welt sprichwörtlich überschwemmt. Gleich daneben hing da noch ein Werbeschild für Lippton Eistee. Ein kleines, pausbackiges Mädchen, das eine Flasche Lippton hochhielt und seine roten Backen so dick auftrug, wie zwei rote, überreife Äpfel.

 Tyler sah auch ein Retroschild, das für Mars-Riegel warb, eines für Maggie-Suppen und eines, das ganz besonders schön aussah, wie er fand. Es war für Penaten-Creme.

Es gab noch etliche andere Werbeschilder, die aber alle eines gemeinsam hatten. Sie waren auf eine ganz besondere Art und Weise, von Hand entworfen worden und wirkten vielleicht gerade deshalb so derart nostalgisch. Damals, zu Zeiten, als Computer und Hochleistungs-Grafik-Programme noch so etwas wie unaussprechliche Wörter aus einer anderen Galaxie gewesen waren.

 Wirkliche Könner ihrer Zunft, hatten diese Werbeschilder vor vielleicht dutzenden Jahrzehnten schon entworfen und anschließend in einer ganz besonderen Maltechnik zu Papier- und schließlich aufs Metall gebracht. Die Übergänge der einzelnen Farben waren so unendlich weich, so fließend, fast wie durch einen Polarisationsfilter betrachtet.

Tyler warf einen kurzen Blick auf ein paar der Schilder, dann entschied er sich spontan und ohne lange zu überlegen, für einen Platz an der langen Theke, wo sonst niemand saß. Die Plätze an den Fenstern, schienen ihm in dem Moment eindeutig zu warm für seinen Geschmack.

Drei, der aus derbem Eichenholz gefertigten Fenstertische, waren trotz der direkt einfallenden Sonne, mit Gästen besetzt. Ein Pärchen, das er ganz eindeutig den beiden Harleys draußen zuordnete, saß ganz hinten am letzten Tisch. Außerdem waren da zwei ältere Ehepaare in der Mitte, die jedoch keinerlei Notiz von ihm genommen hatten, als er hereingekommen war. Tyler setzte sich, dann begann er die laminierte Karte zu studieren, die in kurzen Abständen, immer wieder auf dem Tresen auslag.

 Am frühen Morgen, nach einem, aus einer kleinen Schale Müsli bestehenden Frühstück, war Tyler an diesem vielversprechenden Samstag aufgebrochen. Wochenlang war der Gedanke wegzufahren, in seinem Kopf vor sich hin gegoren wie frischer Traubenmost. Und heute, ja heute hatte er sich endlich dazu entschlossen, dazu durchgerungen, den gärenden Gedanken, der ihn seit einiger Zeit beschäftigte, tatsächlich in die Tat umzusetzen. Ihn gewissermaßen auch zu trinken.

 Nichts Bewegendes hatte es werden sollen. Einfach mal raus an die frische Luft gehen. Wohin, das war eigentlich egal, so hatte er sich das Ganze zumindest gedacht. Einfach ins Auto steigen und mit dem Ziel, ich weiß nicht wohin, einfach so losfahren. Mit dem Ziel scheißegal wohin und auch warum. Fahren, sehen, erfahren und erleben. Was da kam, sollte eine Überraschung sein und er wollte es nehmen, wie es eben kam.

Er wollte die Gedanken irgendwie auf ein anderes Gleis bringen. Von Gleis scheiße, am besten auf Gleis hochzufrieden. Doch er wusste auch, dass man besser damit fuhr, erst mal kleine Brötchen zu backen, statt gleich vier Pfund Brote in den Ofen der Erwartung zu schieben. Kleine Schritte, kleine Erfolge, nicht zu viel erwarten von sich und von dieser Welt da draußen.

Seit einem halben Jahr ging das jetzt so bei ihm. Er saß daheim, glotze starr und stumpfsinnig vor sich hin. Er ging auf seine Arbeit, glotzte genauso vor sich hin. Er starrte allabendlich in den Fernseher wie in das Fenster einer Peepshow, in der Erwartung, endlich mal das Programm zu finden, das ihn wirklich interessierte.

Dabei verlor er sich in seinem unendlich tiefen Grübeln, suhlte sich wie ein Wildschwein im Dreck seines eigenen Selbstmitleides. Mel und Gibby, seine Töchter lebten nun mal nicht mehr zu Hause, das war eine Tatsache, die er endlich kapieren musste, auch wenn es ihm noch so schwerfiel.

Sie lebten beide längst ihr eigenes Leben; und recht hatten sie auch. Sie hatten ihre Familie, ihre Männer, ihre ganz eigene Existenz eben. So gut sie es auch mit ihm meinten. Wie oft sie ihn auch zu sich einluden, zum Sonntagsessen bei Braten und Knödeln, bei Plumpudding oder Irish Stew.

Am Ende, wenn er dann wieder nach Hause zurückkam, war er doch immer wieder da, wo er die ganze Zeit über gewesen war. Sein Punkt Null, sein ganz persönlicher Ground Zero, mitten in Manhattan. Der Fahrstuhl der Emotionen, er fuhr nicht mehr weiter nach unten, hatte seine letzte Station längst erreicht. Der Ort hieß schlicht und einfach Meer der Einsamkeit. Nicht Meer der Ruhe, das war Neil Armstrongs Spielplatz gewesen, nicht seiner.

Eine humpelnde alte Frau, in einer gut aufgetragenen, weißen Schürze, kam durch einen kleinen Seiteneingang herein gehinkt und trug in der Hand ein Glas Bier. „Sir, ich denke mal, Sie sind der Glückliche, der dieses Guinness bestellt hat“, sprach sie zu Tyler und entblößte dabei gelbe, etwas unansehnliche Zähne, die Tyler irgendwie an eingetrocknete Orangenschalen erinnerten.

Er nickte stumm lächelnd und die Frau stellte ihm das Bier auf den Tresen. „Bitte, zum Wohle.“ „Danke“, sagte er, dann schaute er der Alten hinterher, wie sie durch den gleichen Durchgang wieder verschwand, aus dem sie Momente vorher gekommen war. Es duftete ungemein verführerisch und Tyler sah, auf einer rechteckigen Grillplatte, direkt an der zurückliegenden Wand all die Köstlichkeiten liegen, und vor sich hin brutzeln, nach denen es ihn so gierte. Einen Moment lang führte er wieder Zwiegespräche mit seinem gerade aufbegehrenden Magen.

Er bestellte sich schließlich bei dem alten Wirt, ganz banal und spartanisch eine Currywurst mit Pommes. Als er schließlich das kühle Glas Bier, von der Theke in seine Hand nahm, überkam ihn für kurze Augenblicke lang so etwas wie eine tief empfundene Zufriedenheit. Gegen ein oder zwei kleine Bier, konnte man nichts einwenden, ging ihm da gerade ein Gedanke durch den Kopf.

Ein beruhigender Gedanke, einer von der Sorte, der es meisterlich verstand, seinen Geist einzulullen, ihn gefügig zu machen und zu etwas zu überreden, von dem er doch wusste, dass es nicht sonderlich gut war. Eins war so gut wie keins, und ein Zweites, war dann auch nur noch so etwas wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

 Eigentlich scherte ihn diese recht neue Angewohnheit nur noch wenig. Zwei Bierchen zu trinken, wenn er sich noch ans Steuer setzen musste, das biss sich zwar ungemein mit seinem Job als Anwalt, aber es war nun mal so, es war unabänderlich, dachte er. Früher hatte er das nie getan. Früher, ja, als alles noch ganz anders gewesen war. Da hatte er so vieles nicht getan, was er heute als selbstverständlich betrachtete. Und vieles, das er selbstverständlich getan hatte, tat er heute nicht mehr. Da waren zum Beispiel seine Kegelabende gewesen.

Er hatte sich sehr regelmäßig, einmal pro Woche, mit drei anderen Männern zum Kegeln getroffen. Auf einer Kegelbahn, in der Londoner Innenstadt. Drei gute Bekannte, genau wie Tyler, waren sie Anwälte gewesen, zwei sogar mit eigenen Kanzleien in der Innenstadt. Über Jahre hinweg eigentlich, hatte er so einmal pro Woche einen Abend mit seinen Kegelbrüdern, wie er sie immer genannt hatte, verbracht. Das tat er jetzt nicht mehr.

Er hatte sich kurz nach Maggys Tod, von Woche zu Woche irgendeine andere fadenscheinige Ausrede ausgedacht, um ja nicht mehr dorthin gehen zu müssen. Kopfschmerzen, Übelkeit, ein wichtiger Termin, Einladungen bei einer seiner Töchter und so weiter. Bis ihm das Ganze, irgendwann so dermaßen gegen den Strich gegangen war, und er Jonny am Telefon rüde angeherrscht hatte. Das war's dann gewesen mit den Kegelabenden. Geschichte, an einen fünf Zoll langen Zimmermannsnagel gehängt, irgendwo tief in seinem Kopf.

Er war auch oft, vor allem in den Sommermonaten, mit dem Rennrad über die Land- und Nebenstraßen, kreuz und quer durch die Grafschaft Kent geradelt, hatte dann bis zu siebzig Meilen an einem Abend heruntergespult, in unregelmäßigen Abständen hatte er sogar Mehrtagestouren mit dem Rennrad absolviert. Das alles aber, war auch längst passe. Er konnte sich einfach nicht mehr dazu aufraffen, aufs Rennrad zu steigen. Auf der einen Schulter saß der Gute, der Engel, der ihm sagte: „Tue es doch einfach“. Auf der anderen aber, saß der kleine Gehörnte, der ihm dann immer wieder einflüsterte, dass er es lieber lassen sollte.

Vier oder fünfmal war er nahe daran gewesen, hatte sich in sein Radtrikot gezwängt, schweren Herzens, hatte sich zwei Trinkflaschen abgefüllt, war dann auch bis in die Garage gekommen, bis hin vor sein Rennrad. Das Ziel der Begierde vor Augen, hatte er aber jedes Mal das Handtuch geschmissen. Da war jedes Mal diese Klappe gefallen. Nein, ich kann's nicht, nein ich will's auch nicht, wozu auch? Das bringt's nicht. Das macht keinen Spaß, und wenn doch, dann wäre es falsch. Es wäre unschicklich Spaß am Rad fahren zu haben. Jetzt, wo er mit der Gewissheit leben musste, dass Maggy dort oben, keine fünfhundert Yards weit weg, auf dem Friedhof lag, in dieser Urne. Der Gedanke daran Spaß zu haben, widerstrebte ihm zutiefst, war ihm dann so zuwider, dass ihm beinahe schlecht dabei wurde. Er würde Schuldgefühle haben, ohne Frage.

Tyler beobachtete den Wirt dabei, wie er ihm den Teller mit der Currywurst zubereitete. „Ich wünsche einen guten Appetit“, sprach der Alte mit dem markanten irländischen Akzent, als er ihm lächelnd den Teller hinstellte.

Tyler bedanke sich und er bemerkte plötzlich, dass er immer noch das Glas Guinness in der Hand hielt und es betrachtete. Er hatte die ganze Zeit über nachgedacht, hatte an die Sache mit dem Kegeln und dem Radfahren gedacht und hatte über all dem sein Bier vergessen. Er trank schließlich zwei kräftige Schluck des herben Gerstensaftes und stellte das Glas auf die Theke zurück. Während er anfing zu essen, beobachtete er den Wirt weiter.

Der Alte schabte mit einem breiten Metallspatel, das alte und verbrauchte Fett von der einen Hälfte der Grillplatte ab, und versenkte die braune, klebrige Masse anschließend in einem Eimer neben dem Herd. Als er damit fertig war, begann er die paar Gläser zu spülen, die neben dem, bereits mit Seifenwasser gefüllten Spülbecken standen.

Tylers Blick traf den des Wirtes, der Alte lächelte verschmitzt. „Schmeckt es dem Herrn?“, fragte er, „Sie können gerne noch Nachschlag haben, wenn Sie möchten.“ „Sehr gut“, entgegnete Tyler zufrieden. „Wirklich. Und danke, ich glaube, wenn ich diese Portion unten habe, dann muss ich erst mal eine Pause einlegen. Ich hätte heute Morgen nicht gedacht, dass ich jetzt hier sitzen würde und so etwas Gutes esse, und noch dazu so ein herrlich kühles Bier vor mir habe.“ Der Wirt grinste verschroben und spülte weiter.

„Ist nicht viel los um diese Zeit oder?“, fragte Tyler und schluckte ein Stück Currywurst. „Tja, Sir, es ist ja auch noch ziemlich früh am Tag. Aber warten Sie's ab, wenn es auf High Noon zugeht, dann komm ich mit dem Wurst auflegen gar nicht mehr hinterher. Dann wird's hier gerappelt voll - die Biker, wissen sie. Die rennen mir im Sommer, und dann bei solcher Witterung, regelmäßig die Bude ein die Jungs. Lederjacken-Junks, die Herren der ultraheißen Öfen.“

„Motorradstopp, ich verstehe“, sprach Tyler. Der Alte nickte. „Ja, kann man wirklich so sagen. Da röhren draußen die Harleys, als wäre eine brunftige Herde Hirsche vor der Türe unterwegs. Da knallen die Fehlzündungen, dass man glauben möchte die Deutschen sind wieder da.“ Tyler lachte.

„Woher kommen Sie, Sir?“, fragte der Wirt. „Nicht von hier, das hört man sofort an ihrem Akzent. Londoner Gegend würde ich tippen. Aus dem Norden, nicht wahr?“ Tyler nickte. „Ein Nordlicht, da hat es Sie aber ganz schön weit hierher verschlagen. War's Zufall oder eher Absicht? Wenn's so wäre, wär es nicht schlimm.“ Tyler legte die Gabel zur Seite. „Mehr zufällig, wenn ich ehrlich bin. Ich hab mir gedacht, setz dich einfach ins Auto und fahr ohne festes Ziel einfach drauflos.

Ohne Ziel, einfach so, frei der Schnauze nach.“ „Kenne ich“, sagte der Alte. „Kenne ich gut. Hab ich früher auch öfter so gemacht. Aber wo ich dann am Ende meistens rausgekommen bin, sag ich ihnen lieber nicht, ist nicht ganz jugendfrei, wissen Sie.“ Er grinste schelmisch und Tyler lachte seicht über den verschrobenen Humor des alten Kauzes.

„Und so ganz alleine unterwegs?“, setzte er plötzlich nach. „Ihre Frau? Die haben Sie sicher zu Hause gelassen nehme ich an.“ Tylers Lächeln versiegte in einem kurzen, nachdenklichen Schweigen. „Nicht ganz so“, sprach er schließlich nach einigen Momenten. „Ich bin seit einem halben Jahr alleine.“ Er seufzte leise. „Witwer“, fügte er noch hinzu. Das Grinsen aus dem Gesicht des Wirtes verschwand, fiel wie ein alter Vorhang von ihm ab. „Oh, das tut mir leid, Sir“, brummte er nachdenklich. „Das tut mir wirklich aufrichtig leid.“

„Ist schon in Ordnung“, sagte Tyler. „Konnten Sie nicht wissen, und man sieht's mir denke ich auch nicht an.“ Der Alte kaute verlegen auf seiner rissigen, leicht spröden Unterlippe. „Nein, in der Tat“, sprach er, und ging daran weiter seine Gläser zu spülen. Tyler fing wieder an zu essen. Er war froh, dass der alte Mann nicht weiter nachhakte. Irgendwie hatte er im Augenblick absolut keinen Nerv, dem Wirt sein Leben auseinanderzublättern, wie eine übervolle Zeitung.

„Ach ja, da gibt es etwas, das ich noch fragen wollte“, sprach Tyler und hielt wieder kurz im Essen inne. Der Alte reckte den faltigen Hals hoch und schaute ihn mit fragenden Augen an.

„Was gibt's hier in der Gegend so Sehenswertes? Ich meine, wirklich Sehenswertes?“, fragte Tyler. „In meiner Karte, die ist schon fast zwanzig Jahre alt, steht nichts Bewegendes drin. Könnten Sie mir da einen kleinen Geheimtipp geben?“

„Sehenswertes“, brummelte der Alte. „Tja, kommt ganz darauf an, was Sie so sehen möchten?“ Er hielt inne, hörte plötzlich auf, das Bierglas zu spülen, mit dem er gerade beschäftigt gewesen war, und stellte es neben sich ab. „Interessieren Sie sich vielleicht für alte Gemäuer? Ich meine Burgen, Ruinen und solche Sachen?“

Tyler nahm zwei große Schluck Guinness und setzte das leere Glas vor sich auf dem Tresen ab. Der Alte folgte dem Glas kurz mit seinen wässrigen, roten Augen.

„Sicher“, sprach Tyler. „Brennend sogar. Wissen Sie, oben im Norden, da gibt es nicht sehr viele, echte Ruinen. Jede Menge bewohnte Burgen und kleine Herrenschlösschen, ja, aber so gut wie keine Ruinen oder verfallene Gemäuer. Eigentlich schade, dass diese alten Bauten auf Teufel komm raus saniert werden und zu Wohnhäusern, Landsitzen und all solchem Zeugs umgebaut werden.“

„Wissen Sie“, fuhr der Alte fort, „ich interessiere mich auch für solche Sachen. Das ist ein echter Zufall oder wie soll man es sonst nennen?“ Das Funkeln, in den Augen des alten Irländers, der aber seit dreiunddreißig Jahren schon in England lebte, hob an und er ging plötzlich eiligen Schrittes davon. Tyler starrte ihm, ein wenig verdutzt hinterher. Er humpelte in eine Ecke des Gastraumes, nahm dort unter Mühe ein Plakat von der Wand, und kam mit dem Druck in der Hand wieder zurück. Er breitete das Papier, das etwa zwanzig mal dreißig Zoll im Rechteck maß, auf der Theke, vor Tyler aus. Ein halb verfallenes, seltsam anmutendes Gemäuer, war darauf zu sehen.

Es war ein gemaltes Bild, keine neuzeitliche Fotografie. Die Ruine, die darauf abgebildet war, war entgegen der meisten Ruinen, die Tyler jemals in echt oder auf Fotos gesehen hatte, geradezu gewaltig. „Schauen Sie sich dieses Bild mal an, Sir“, sprach der Alte. „Übrigens, ich bin Ryan, Ryan Robertson.“ Er streckte Tyler, seine faltige, von harten Jahren der Arbeit zerfurchte Hand hin. „Tyler, Tyler Brown“, erwiderte Tyler lächelnd. Er reichte ihm seine Hand. „Das hier ist die Ruine von Kirkstall-Abbey“, fuhr der alte Mann fort zu erzählen.

„Ich garantiere ihnen, Tyler, wenn sie Kirkstall-Abbey einmal in natura gesehen haben, dann werden Sie es niemals mehr in ihrem Leben vergessen, so viel ist sicher. Eine gewaltigere, so gut erhaltene Ruine, sucht ihresgleichen in ganz England.“

Tyler las, was ganz oben auf dem Plakat aufgedruckt war und er war sich jetzt sicher, dass es eine Art Plakat war, das irgendwann einmal, irgendwo ausgehangen war.

900 Jahre Kirkstall-Abbey, stand oben, über dem Plakat, in großen, hellen Buchstaben, in einem querliegenden Oval. „Dieses Plakat, haben wir zur 900-Jahr Feier der alten Dame drucken lassen“, sprach Ryan Robertson weiter, nicht ohne einen gewissen Stolz in der Stimme. „Als der Vorsitzende, des gemeinnützigen Vereins, zur Erhaltung von Kirkstall-Abbey, der ich nun mal bin,“ betonte er, „habe ich es mir nicht nehmen lassen, das Ganze richtig groß aufzuziehen.“

Tyler schaute Ryan Robertson an. „Sie sind ... aha, dann wird mir so einiges klar. Sie leben praktisch für die alte Dame.“ Ryan Robertson lächelte verschmitzt und nickte. „Würde er lieber ein wenig mehr für mich leben, hier ist nämlich auch eine alte Dame!“, polterte plötzlich eine Stimme, von irgendwo weiter hinten her und unterbrach die Unterhaltung.

Tyler blickte auf und sah die alte Frau, aus dem Nebenraum zurückkommen. Ihre blaue Schürze, Marke Hausmütterchen, flatterte hinter ihr her, wie das Bramsegel eines Schiffes, im Herbststurm. „Ach Aretha“, knurrte Ryan Robertson, „dass du das immer wieder sagen musst. Du bist doch meine alte Dame Nummer eins, das weißt du doch ganz genau.“

Die winzig kleine Frau wischte sich ihre nassen Hände an einem Handtuch ab, das sie über ihrer Schulter hängen hatte. „Darf ich vorstellen, Aretha, das ist Mr. Brown. Er interessiert sich für alte Ruinen und Gemäuer, da hab ich gedacht...

„Ja ja, da hast du dir natürlich gedacht, du könntest ihm Abbey schmackhaft machen, ich weiß schon mein lieber Mann“, brummelte die Frau zu dem Alten hin, der schulterzuckend hinter seinem Tresen stand.

„Lassen Sie sich nur nicht die Ohren von ihm vollschwatzen, Mr. Brown“, warnte ihn Aretha Robertson mit einem gutmütigen Grinsen. „Wenn Ryan nämlich erst mal in seinem Element ist, dann kennt er kein Halten mehr, dann rollen Köpfe, wenn es sein muss.“ Tyler grinste ein wenig verlegen. „Nun, wenn es nichts Schlimmeres ist“, sagte er. „Wenn's nur der Kopf ist.“

Aretha Robertson schaute einen Moment lang auf das Plakat, das immer noch auf der Theke lag und irgendwie, sanken ihre Mundwinkel in dem Moment steil nach unten. „Oh, die Feier, wenn ich daran nur denke“, sagte sie, winkte mit einer abwehrenden Handbewegung ab, und ging einfach davon. Ryan Robertson, schaute einen Moment verlegen zu Tyler hin. Augenblicke lang schwiegen sie.

Dann, um die Stille zu durchbrechen, sprach Ryan Robertson: „Wie gesagt, Tyler, Kirkstall-Abbey ist jederzeit zu besichtigen. An vierundzwanzig Stunden pro Tag, dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr. Es kostet keinen Eintritt, man hat keinerlei Verpflichtung, außer, dass man hingeht und sich wohlfühlt.

Ist auch nicht sehr weit von hier, die Landstraße weiter Richtung Auchencain, vier, fast fünf Meilen, dann biegt rechts ein befestigter Waldweg ab. Dort ist die Ruine dann auch schon ausgeschildert. Mit einem einigermaßen tüchtigen Auto ist der Weg locker zu schaffen. Die letzten drei Kehren, sind ein wenig steil, aber das bekommt man hin, wenn man nicht gerade einen Trabanten fährt.“

Ein donnerndes, fast schallendes Lachen, ließ die beiden die Köpfe drehen. Die vier Harley-Fahrer, die ganz am Ende der Tischreihen saßen, lachten gerade herzhaft, wohl über irgendetwas ganz besonders Witziges. Bisher hatte Tyler die Männer so gut wie nicht beachtet, doch jetzt, wo sie plötzlich akustisch die Ruhe des kleinen Imbisses durchbrachen, wie eine Feuerwalze den Yosemite-Nationalpark, war die Aufmerksamkeit von Tyler kurz auf sie gelenkt. Zwei der Vier, trugen ihre polierten Polkappen zur Schau. Sie hatten Glatzen, die vom Schweiß silbern glitzerten.

Die anderen beiden, waren der genaue Gegenpol. Sie hatten Haare, die ihnen fast hinab bis zu ihren Ärschen reichten. Einer trug sie offen, der andere hatte die zottelige Pracht, hinten mit einem dicken Haargummi zusammengebunden.

 Alle aber, trugen sie abgewetzte Lederkutten, die übersät waren mit Nieten und irgendwelchen aufgenähten Emblemen oder Symbolen, die Tyler noch nie im Leben gesehen hatte. Hells Angels waren die Vier auf jeden Fall nicht, eher die stark abgespeckte Variante, die Baby-Angels.

Alles in allem wirkten die Kerle aber trotzdem nicht gerade so, als sollte man sich unbedacht mit ihnen anlegen. Das war eine andere Liga wie seine italienischen Hengste von früher, ging es Tyler kurz durch den Kopf.

Da saß die Eisenwurz sehr wahrscheinlich ziemlich locker in der Hand, und ehe man sich versah, hatte man ein Gerichtsverfahren wegen unerlaubten Waffenbesitzes am Hals, wegen zwei Messern, die zwischen den eigenen Rippen steckten. Tyler erinnerte sich an eine Begebenheit aus seiner frühen Jugend; eine Erinnerung, die ihn auch heute noch schaudern ließ.

Er war damals zehn Jahre alt gewesen, war mit seinem Klassenkameraden Joe Kanzler auf dem Nachhauseweg von der Schule gewesen und kam gerade am U-Bahnhof Ecke Lincoln-Harper Street vorbei. Als sie um die Ecke eines Hauses getrottet waren, Tyler hatte an nichts Böses gedacht, waren sie mitten in die Fronten, einer ordentlichen Keilerei zweier verfeindeter Motorradgruppen geraten.

Tyler erinnere sich an einen der Motorradjünger, der mit blutüberströmtem Gesicht an ihm vorbei gestolpert war, ihn fast umgerannt hätte und mit einem dumpfen Scheppern, gleich hinter ihm an die Hauswand gekracht- und dort zum Liegen gekommen war. Der Kerl hatte dagesessen wie ein Mexikaner bei seiner Siesta. Breitbeinig, den hängenden Kopf auf die Brust gesenkt, und die starren, blutüberströmten Augen auf den Boden vor sich gerichtet. Sein Schritt war nass gewesen, dass Gesicht so rot wie ein Korb voller Cherry Tomaten. Tyler konnte sich an die dumpfen Schläge erinnern, die immer wieder aus dem U-Bahnschacht heraufgeschallt waren, wie brennende Kanonenschläge, die man in Kanaldeckel fallen ließ. Whump-whump. Eisen auf Fleisch, Eisen auf Knochen, splitternde Knochen.

Tyler wurde plötzlich bewusst, dass er die vier Männer schon eine ganze Zeit lang anstarrte. Er sah, dass einer der Männer seit einigen Momenten zu ihm blickte, ihn fixierte und ihn aus seinen ausdruckslosen Augen musterte.

Hastig drehte Tyler den Kopf weg und schaute auf seinen Teller, wo immer noch ein paar einsame, mittlerweile aber längst kalte Pommes lagen.

„Darf es noch ein Bier sein?“, fragte Ryan Robertson plötzlich und riss Tyler mitten aus seinen Gedanken. Tyler blinzelte „Äh, ja. Ein Bier, natürlich, eins geht noch.“ Robertson kicherte und machte sich auf in die Hinterstube, um das Bier zu zapfen. Tyler begann sich ein klein wenig zu wundern.

Draußen vor der Tür standen nur zwei Harleys. Und hier drinnen saßen gleich vier dieser protzigen Kerle. Es war einigermaßen ungewöhnlich, dass diese Gorilla-Typen zu zweit auf einer Harley fuhren. Wunderlich schon, aber nicht ganz und gar ausgeschlossen.

Robertson kam einen Moment später zurück, und stellte ihm sein Bier hin. Ein kurzer Blick zu den Motorradfahrern deutete Tyler an, dass Robertson sich wohl schon seine ganz eigene Meinung zu den Typen gebildet hatte, ob gut oder schlecht, war im Augenblick einmal dahingestellt. „Tyler, sehen sie diese vier Pussys dort hinten?“, fragte er plötzlich, und wirkte in seinem angeschlagenen Ton auf einmal ziemlich angriffslustig. „Die vier Pussys, die vorgeben harte Kerle zu sein? Aber ich weiß es besser, sie sind es nicht.“

„Was meinen Sie?“, fragte Tyler fast erschrocken. „Nun, schauen Sie sich die Vier doch mal genau an“, fuhr Robertson fort. „Einer ein größeres Weichei als der andere. Ich weiß, ich nerve sie vielleicht mit dem ganzen Scheiß oder erschrecke sie, keine Ahnung auch, aber ich weiß, dass die Kerle dort drüben etwas vorgeben, das sie in Wirklichkeit nicht sind. Nicht so wie Sie und ich vielleicht denken. Harte Schale, butterweicher, schmalziger Kern, Hosenscheißer sozusagen allesamt.“

 „Und was denken sie, was sie sind?“, fragte Tyler, und nippte an seinem frischen Bier „Scheißtypen“, erwiderte Robertson nüchtern. „Das sind Scheißtypen, die nichts anderes in ihren hohlen Schädeln haben, als den Leuten hier Ärger zu machen. Die nichts als einen Haufen brodelnder Scheiße in ihren Köpfen haben, dort, wo bei normalen Menschen das Gehirn sitzt.

 Glauben Sie mir, wenn ich wollte, wie ich nicht darf, dann würde ich nach hinten gehen, meine Knarre holen, und den Dreckskerlen das Licht ausblasen.“ Er seufzte laut. „Aber das darf ich nun mal nicht, leider Gottes.“ Tyler starrte den alten Irländer Momente lang ziemlich verdutzt an, dann nickte er einfach nur zustimmend, egal was er im Moment auch denken mochte.

Dieser alte Bursche, war ein ziemlich rabiater Kerl, dachte er in diesem Augenblick. Doch er war freundlich zu ihm, trotz allem. Und was er mit diesen Typen dort hinten hatte, das ging ihn schließlich nichts an.

 

Kapitel 2

 

Schwärzeste, abgrundtiefe Dunkelheit herrschte über dieses Land. Diese andere, unnormale Dimension oder aber der Zustand, wie immer man es auch nennen mochte. Diese Schwärze, war beinahe so unerträglich wie ein Stück glühendes Eisen, das einem in die nackten Augenhöhlen fuhr, und die Augäpfel binnen einer einzigen Sekunde ausbrannte, zerstörte, für immer und ewig zunichtemachte.

Da war etwas im Leben des Jungen, das einem solch glühenden Eisen gleichkam. Dieses glühende, stinkende und bösartige Stück Eisen war in seinem Fall, sein eigener Vater, die Schwärze und Dunkelheit sein kindlicher Gemütszustand.

Oder der, der sich seinen Vater nannte. Der biologische Vater, nicht der Vater-Vater. Der liebevolle, nette, gerechte Vater. Er kam aus den grausamen Tiefen irgendeines Landes, gleich dem mit Namen Mordor, wo der dunkle Herrscher Sauron über alles thronte und gebot. Ein Fantasieland, das es niemals gegeben hatte, das niemals existiert hatte, und doch war es vergleichbar mit seinem. Sauron, der über Leben und Tod entschied, über Glück oder Trauer, Freude oder auch Angst. Angst. Ja, das war es, er hatte Angst, mehr noch, da war Panik, kopflose und unberechenbare Panik.

Innerlich war der Junge längst tot. Eine leere Hülle, die nur noch aus Knochen, Haaren, Fleisch und pergamentartiger, blasser Haut bestand. Die Fassade, die er krampfhaft versucht hatte aufrechtzuerhalten, und die mehr und mehr gebröckelt war.

Nach außen hin trug er diese lächelnde, bizarre Maske, aufgesetzt um alles und jeden um ihn herum zu täuschen, vor allem aber, die eigene Mutter zu täuschen und irrezuführen, in Sicherheit zu wägen. Doch die Täuschung gelang ihm nur bis zu einem gewissen Grad und Punkt. Das Unterbewusste, Vegetative, das nicht von außen oder innen bewusst Steuerbare, kehrte es immer wieder und vor allem immer öfters an den Tag, und in die Nacht.

 Der arme kleine Junge, das war er. Marina Brown wusste nicht, was mit dem Jungen los war. Er war jetzt sieben Jahre alt. Und vor knapp drei Monaten hatte es angefangen, einfach so, von heute auf morgen. Er hatte einfach angefangen, nachts wieder ins Bett zu pinkeln, ohne jeden offen ersichtlichen Grund.

Sie fragte sich, warum das so war. Weshalb fing ein 7-jähriger, eigentlich kerngesunder Junge an, wieder ins Bett zu pinkeln? Fast jede Nacht ging das seitdem so. All das war jetzt fast schon zur widerlichen Routine geworden. Sie tat einiges, um sich irgendwie an die Sache heranzutasten.

 Einiges, aber sehr wahrscheinlich doch nicht genug, dachte sie sich immer wieder, warf sie sich selbst vor. Sie zermarterte sich ihren jungen, hübschen Kopf, an was das liegen mochte. Sie redete auf Henry, ihren Mann, ein, versuchte ihn dazu zu bewegen mit ihr darüber zu diskutieren, doch er winkte, wann immer sie das Thema anschnitt, einfach ab.

 „Das wird sich schon geben, Liebes“, oder, „das wird schon wieder, das ist eben so eine Phase“, waren seine immer gleichen Kommentare, einfach und lapidar. Männer, die Könige im Diskutieren, dachte sie sich dann immer. Es war fast unglaublich und haarsträubend, mit welchen Ausreden Männer sich immer wieder vor wichtigen Diskussionen drückten.

Marina gab dem Jungen seit einiger Zeit abends nur noch sehr wenig zu trinken. Sie hatte außerdem in der Drogerie, in der nächsten Kleinstadt extra-große Windeln gekauft. „Für die Großmutter“, hatte sie der Drogistin peinlich lächelnd erklärt.

 „Sie wissen ja, wie das mit den alten Leuten so ist“, hatte hinterher noch hinzugefügt. Wie eine groteske Entschuldigung dafür, dass sie diese Windeln gekauft hatte. Der Junge war nun mal etwas kräftig. Doch in letzter Zeit hatte sie das Gefühl, dass er langsam und stetig an Gewicht verlor.

Die immer schwelende Angst, die sein Leben begleitete, und die ihn an nichts Vernünftiges mehr denken lassen konnte, hatte sich in seinem jungen, kindlichen Kopf wie eine Art Stigma manifestiert. Etwas, das man nicht wollte, und das doch da war, das Wunden hinterließ, im Kopf, im Herzen und in der kleinen, zerbrechlichen Seele. Äußerliche Wunden nur zu einem Teil. Innerliche dafür umso Schlimmere.

Das Monster. Dieses übermächtige, schwarze Monster, das mit seinen geifernden Klauen immer wieder nach ihm griff, das ihn packte, festhielt, ihn mit sich schleppte in seine kalte, feuchte Höhle, dorthin, wo alles einfach nur dunkel, schwarz und vollkommen trostlos war. Immer dann, wenn er schlief, kroch das Monster in sein Zimmer, unbemerkt von allem.

Der Junge, er war alleine. Der Junge war einsam, mit sich und einer alptraumhaften Welt in den das Monster ihn mehr und mehr hinein schleppte und von wo es keinen Weg mehr zurück gab. Und mit jedem weiteren Tag, den er in der Nähe dieses Monsters lebte, verkümmerte sein Leben weiter.

Kapitel 3

 

Tyler schritt mit langsamen, fast bedächtigen Schritten zurück zu seinem Wagen. Ein schneller Blick, auf seine Seiko sagte ihm überraschenderweise, dass er länger Rast gehalten hatte, als er es eigentlich vorgehabt hatte.

Ganze zwei Stunden hatte er in diesem Imbiss verbracht, hatte mit Ryan Robertson geredet, und sich von dem alten Iren köstlich unterhalten lassen. Der zugezogene 66-Jährige, der seiner großen Liebe Aretha wegen nach Großbritannien gekommen war, hatte ihm ein paar nette Altmännergeschichten serviert, und Tyler hatte sich dabei so köstlich und gut unterhalten, wie er es schon lange nicht mehr getan hatte.

Er hatte ihm unter anderem erzählt, wie er als junger Bursche die schlimmste Nacht seines noch jungen Lebens, in einem schmuddeligen Etablissement in Belfast verbracht hatte. Zu seinem Achtzehnten hatten sie ihn dorthin geschleppt, mit dem festen Vorsatz, ihn erst wieder mitzunehmen, wenn er die erste Dame am Platz beglückt hatte.

Tina Vagina sei ihr Name gewesen, ihr Künstlername, hatte Robertson süffisant grinsend erklärt. Unter den kritisch dreinblickenden Augen seiner vorbeihumpelnden Aretha hatte er Tyler erklärt, dass es sein schlimmstes Erlebnis gewesen war, was Tyler ihm aber nicht so ohne weiteres abnahm.

 Ryan Robertson hatte ihm auch einiges wirklich Wissenswerte über Kirkstall-Abbey erzählt. Der Alte schien eine wahre Koryphäe zu sein, was die Ruine, dieser ehemaligen Zisterzienserabtei in West Yorkshire betraf. Und mit jeder Minute, mit jedem Augenblick, wo er den Erzählungen länger gelauscht hatte, hatte ihn die Ruine mehr und mehr für sich eingenommen.

Tyler wischte sich mit dem Ärmel seines T-Shirts den Schweiß von der Stirn, als er seinen Wagen erreicht hatte. Und urplötzlich, das Verlangen war da, überkam ihn eine sanfte Welle aus, was war es, fragte er sich in dem Moment. Die lange vergessene Gier nach einer Zigarette? Blödsinn, schoss es ihm fast gleichzeitig durch den Kopf.

Er hatte das Rauchen bereits vor über sechs Jahren aufgegeben. Zuvor aber, hatte er fast sein ganzes Leben lang geraucht. Sechs Jahre keinen Glimmstängel, und jetzt, ganz plötzlich hatte er Verlangen danach?

Angefangen, hatte alles in der Clique in der Tyler damals heimisch gewesen war. Der sogenannte Gruppenzwang, über den die meisten jungen Leute Kontakt mit Zigaretten oder auch Alkohol bekamen. Man wollte nicht derjenige sein, der den Stempel auf der Stirn hatte. Nichtraucher, Feigling, uncooler Typ, ganz egal was. Man wollte gefallen, sich anpassen und nicht irgendwo am Rande der Veranstaltung stehen, so wie das fünfte Rad am Wagen nicht zum Auto gehörte.

Also steckte man sich eben auch einen Glimmstängel in den Mund und tat so, als wäre es die coolste Sache seit der Erfindung von Rock and Roll und dem Gruppenwichsen im Klo des Jugendklubs. Später dann war es die Gewohnheit, und darauf erst die schleichende- dann die galoppierende Sucht.

Man konnte gar nicht mehr Nein sagen, denn sonst bekam man Schweißausbrüche, das Herz raste wie bei einem Schlagzeugsolo von Phil Collins und man wurde fickrig ohne Ende. Noch später dann war es der Stress an der Uni, der als Begründung herhalten musste nicht mehr damit aufzuhören. Zuletzt dann schließlich der Stress in der Kanzlei. Es hatte immer einen guten und gewichtigen Grund gegeben, sich diese stinkenden Sargnägel zwischen die Lippen zu klemmen. Vor sechs Jahren dann etwa, von heute auf morgen, hatte er es einfach gelassen.

Ein befreundeter Geschäftsmann aus Wighfield, sein Name war Chester Norman gewesen, er war in etwa seinem Alter gewesen, war elendig an einem Karzinom in der Lunge über den sprichwörtlichen Jordan gegangen. Und das binnen weniger Wochen. Tyler hatte noch immer das Bild vor Augen, als er ihn in der Krebsklinik in Glasson Dock, direkt am Meer gelegen, besucht hatte.

Ein paar Mal hatte er das getan, dann hatte es sich erübrigt. Dieses Bild hatte sich in seinen Kopf, in seine Netzhaut eingebrannt, wie es früher bei besonders hellen Flecken im Programm, oft bei Röhrenfernsehern passiert war.

Chester, sitzend, nein, mehr hängend auf einem Stuhl, im Garten der Cafeteria der Pneumologie - und Toraxklinik. In der rechten, stark zitternden Hand hatte er den Glimmstängel gehalten, in der linken Hand den Zerstäuber mit dem Lungenspray. Wie einer dieser kleinen, elektrisch betriebenen Trommelaffen aus der berühmten Duracell-Werbung, die abwechselnd die linke und die rechte Hand hochschnellen ließen.

Genauso hatte Chester dort gesessen, im Angesicht des eigenen Todes. Tyler sah dieses Bild, und groteskerweise projizierte sein Kopf hinter Norman diesen grotesken Sensenmann, der doch eigentlich nur eine Metapher für den Tod war, etwas, das dem Tod ein Gesicht gab, das ihn sichtbar, ja greifbar machte. Eine Gestalt im dunklen Gewand, den Schädel in der Kutte versteckt, in den knochigen Händen die Sense haltend, die direkt über Chester schwebte.

Dennoch hatte er nicht von den Stängeln lassen können. Damals hatte man in den Cafeterien der Kliniken noch rauchen dürfen, heutzutage war so etwas undenkbar. Sie würden einen an den Haaren hinauszerren, an den nächsten Baum binden und so lange mit Steinen bewerfen, bis man tot war.

Wahrscheinlich hatte Chester da schon geahnt, dass es sowieso nichts mehr bringen würde mit dem Qualmen aufzuhören. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen war, dann brauchte man ihm nicht hinterher zu jammern, so lautete dieses alte Sprichwort, und da war sicherlich etwas Wahres dran. Wenn die Lunge längst ausschaute wie ein Stück gestampfte Braunkohle, dann war es meistens schon zu spät, das Ganze noch rückgängig zu machen. Ärzte waren keine Zauberer, sie waren Menschen wie jeder andere.

Und irgendwo in einem der OP-Säle, in einer der Kliniken, in einem der Schränke einen spitzen, hohen Hut, und einen Zauberstab mit einem Kern aus Phönix Federn zu vermuten, war ganz sicher eine fatale Fehleinschätzung der wahren Lage. „Wird schon wieder.“ Das waren Chesters immer gleichen Worte gewesen. „Wird schon wieder, Tyler.“ Es waren auch seine ziemlich letzten Worte gewesen. „Wird schon, alter Junge.“

Nicht viel später, hatten sie ihn in einem Plastiksack zur Haustüre hinausgetragen, und in einen schwarzgrauen Leichenwagen geschoben, von wo er dann seine letzte Reise angetreten hatte. Klappe, das war's dann gewesen mit: Wird schon wieder Kumpel.

 Jetzt, genau in dem Augenblick, als Tyler dastand, an sein Auto angelehnt, verspürte er urplötzlich das groteske Verlangen nach einer Zigarette. Es war so, als sei in ihm irgendeine kleine Lampe angegangen, war von Rot auf Grün gesprungen, freie Fahrt und grünes Licht. „Ich will, nun mach schon, Tyler, sieh zu, dass die Lunge was zum Beißen kriegt!“

 Er schaute zurück zum Imbiss, um sich zu vergewissern, dass dort …ja, was? Ob dort ein Automat hing? „Ts...sss“, zischte er durch seine halb geschlossenen Lippen. „Tyler Tyler, du Idiot. Denk nur mal an Chester.“ Er nickte, wie um sich selbst zu bestätigen, dass er recht hatte.