Klänge des Waldes - Martin Weixelbaum - E-Book

Klänge des Waldes E-Book

Martin Weixelbaum

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Beschreibung

Paul ist verzweifelt. Seine Tochter ist seit zwei Monaten spurlos verschwunden. Der einzige Hinweis, ein Abschiedsbrief. Wenn er herausfände, dass sie von einem Monster des Waldes bewacht wird, würde ihm wohl das Blut in den Adern gefrieren. Paul und Maja ahnen schließlich, dass hier irgendwas nicht stimmen kann und glauben, der Spur immer näherzukommen. Doch Amelie sollte nicht die Einzige bleiben, die den Klängen des Waldes zum Opfer fällt.

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Seitenzahl: 437

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Martin Weixelbaum

Klänge des Waldes

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Klänge des Waldes

Prolog

1 Maja

2

3 Paul

4 Maja

5

6

7 Paul

8 Maja

9 Emilia, drei Monate vor ihrem Tod…

10 Paul

11

12

13 Maja

14 Theo

15 Maja

16 Joe

17 Theo

18 Paul in der Nacht zuvor, nach seinem Angriff auf Buchmann…

19 Joe, etwa zwei Stunden nachdem er niedergeschlagen wurde…

20 Paul

21

22

23

24 Maja

25 Theo

26 Maja

27 Paul

28 Buchmann

29 Maja

30 Paul

31 Joe

Jetzt…

32 Paul

33 Maja

34 Paul

35 Maja

36 Paul

37 Buchmann

38 Theo

Vorher…

39 Theo

Jetzt…

40 Paul

41 Buchmann

42 Maja

43 Paul

44 Amelie

45 Paul

46 Bernd

47 Paul

18 Jahre früher…

48 Bernd

Jetzt…

49 Paul

50 Bernd

51 Amelie

52 Maja

53 Paul

Drei Wochen später…

54 Maja & Amelie

Impressum neobooks

Klänge des Waldes

Hell is empty and all the devils are here.

-William Shakespeare

Prolog

Eine Totenstille beherrscht den Raum als Amelie langsam versucht ihre Augen zu öffnen. Anfangs ist es schwer für sie, etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Sie muss schon eine ganze Weile so daliegen, viel länger als sie normalerweise schläft. Sie kann sich an kaum etwas erinnern. Erst nach einigen Sekunden gelingt es ihren Sinnen, etwas in dieser Fremde aufzunehmen. Ein schwaches Licht flackert neben ihr an der Wand, welches gerade einmal so stark scheint wie eine kleine Friedhofskerze. Plötzlich spürt Amelie ihren Rücken, der auf einem überaus harten Untergrund liegt, schmerzen. So fühlt es sich ansonsten nur an, wenn sie am Steg ihres kleinen Dorf Sees liegt und sich von der heißen Mittagsonne ihre dunkelblonden Haare ausbleichen lässt. Mit dem Unterschied, dass sie dieses Gefühl als angenehm empfindet, während sie nun unter immer größer werdenden Schmerzen leidet. Ihre Glieder sind schwach und ohne jegliche Kraft. Langsam beginnt sie ihren Kopf zu drehen, um auszumachen, wo sie hier bloß ist. Der Versuch, sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht zu streichen, wird von den engen Kabelbindern, die ihre Handgelenke an der Holzpritsche festmachen, verhindert.

Was soll das? Wo bin ich?

Der Zug der Ungewissheit und Angst überfährt sie gnadenlos, während sie kräftig versucht, sich aus ihren Fesseln zu befreien und unter Panik feststellen muss, dass auch ihre Füße festgeschnallt sind. Sie sitzt in der Falle. Aber wo?

Scheiße! Ok, ruhig bleiben. Ist es ein Traum? Nein, mir tut alles weh. So ist das nicht, wenn ich träume. Was kann ich tun? Wenn ich nur etwas sehen könnte. Dieses beschissene Licht hier! Sollte ich nach jemandem rufen? Nein, keine gute Idee. Niemand würde mich hören. Zumindest niemand, der mir helfen könnte.

Amelie ist nicht dumm. Sie weiß, aus welchem Stoff Horrorgeschichten sind und genau das hier scheint eine solche zu sein. Wie oft hat sie schon mit ihren Eltern und ihrer besten Freundin darüber diskutiert, was zu tun sei, wenn man entführt würde und wie viele Szenarien hat sie bereits brillant in ihrem Kopf gemeistert. Doch das hier ist etwas anderes. Etwas vollkommen anderes. Sie wird nämlich nicht gekidnappt, sie ist bereits gefangen und, soweit sie das beurteilen kann, auch bewegungsunfähig. Ausgeliefert. Hilflos.

Sollte ich nun doch schreien? Nein, das würde meinen Tod vielleicht nur vorantreiben. Vielleicht werde ich ja auch gar nicht umgebracht, sondern bloß…

Sie verwirft diesen Gedanken so schnell wie er ihr einschoss, aber auf deinem vermeintlichen Totenbett kannst du gewisse Dinge eben nicht ausblenden.

Vielleicht wäre ein schneller Tod auch besser für mich.

Der Angstschweißperlen, die von ihrer Stirn über ihr Gesicht herablaufen, vermengen sich mit einer großen Träne. Einer Träne, die ihr Schicksal bereits ahnt, jedoch noch nicht besiegeln will.

Jetzt komm schon! Lass dir was einfallen, denk nach!

Wieder und wieder rüttelt sie mit aller Kraft an den Kabelbindern, in der Hoffnung sie würden einfach wie durch ein Wunder aufspringen, aber nichts passiert. Ihr Körper ist wie in Ketten gelegt.

Der Entführer versteht etwas von seinem Handwerk.

Diese Gedanken passen einfach zu Amelie. Schon immer dachte sie an völlig absurde Dinge in den unpassendsten Momenten. Wie damals, als ihre Mutter vor ihren Augen aufgebahrt wurde und sie nur fand, dass sie vor ihrem Tod ruhig nochmal dem Friseur einen Besuch hätte abstatten können.

Mittlerweile haben sich ihre Augen gut an das spärliche Licht gewöhnt und sie beginnt, sich in dem noch immer sehr dunklen Raum umzusehen. Das flackernde Licht stammt von einer Fackel, die an einer steinernen Wand hängt. Eine Hausmauer kann das unmöglich sein, dafür ist sie nicht gerade genug. Neben der Fackel erkennt sie einen in den Boden eingeschlagenen Holzpfahl, der wohl als Stütze für das Dach fungieren soll, wenn es so etwas wie ein Dach hier überhaupt gibt. Langsam gewinnt Amelie den Eindruck, als sei sie in einer Art Bergstollen, oder zumindest etwas Ähnlichem. Die einzige Wärme, die sie in dem Raum, was immer es nun auch ist, spüren kann, ist das flackernde Feuer der Fackel.

Erst jetzt, als sich ein kleiner dünner Holzsplitter der Pritsche in ihren nackten Rücken bohrt, bemerkt sie, dass sie kaum etwas anhat. Ihre Kleidung wurde ihr bis auf die Unterwäsche genommen und nun erreicht die Panik in ihr das volle Ausmaß. Sie kann keinen klaren Gedanken mehr fassen und beginnt, noch stärker zu schwitzen. Sie versucht, sich mit Erinnerungen an ihre beste Freundin abzulenken und tastet mit ihren Fingern an das blaue Freundschaftsarmband, das sie sich beide vor einigen Jahren, als Zeichen ihrer engen Freundschaft, besorgten, doch es scheint, nicht da zu sein. Mühsam hebt sie ihren Kopf, um nachzusehen und tatsächlich, es ist weg. Amelie wundert sich nicht einmal großartig, denn der Verschluss des Armbands war schon etwas kaputt und ging ständig auf. Wahrscheinlich hat sie es verloren.

Was wird Maja bloß denken, wenn sie meinen Körper finden, falls sie ihn finden, und ich trage unser Armband nicht? UNSER Armband, das ihr immer so viel bedeutet hat.

Und erneut spuken ihr unsinnige Gedanken im Kopf herum, die in ihrer Lage völlig belanglos sind.

Ihre Freunde, ihr neues Auto, all die Typen, die ihr aufgrund ihres fabelhaften Aussehens hinterherliefen, das ist nun nichts mehr wert. Das Einzige, was sie nun will, ist überleben. Und Amelie ist bereit, alles dafür zu tun, sollte sich eine klitzekleine Chance ergeben.

Wie konnte es eigentlich passieren, dass ich hierhergekommen bin? Ich kann mich an nichts erinnern.

Das Knarren eines alten Stuhls ist plötzlich zu hören, sodass Amelie kurz vor lauter Schreck aufschreit.

„Na bitte“, sagt eine Stimme aus dem dunklen Bereich des Zimmers. „Du kannst ja doch noch sprechen. Hab´ schon gedacht, da sei etwas schiefgelaufen oder es hätte dir einfach nur die Sprache verschlagen. Weißt du, ich hab das selbst noch nicht so oft erlebt, musst du wissen. Ich war überzeugt davon, du würdest schreien, aber da hast du mich eines Besseren belehrt. Ich mag dich.“

„Wer sind Sie?“

„Betrachte mich als deinen Freund.“

„Ach, tatsächlich? Bislang hat mich noch kein Freund auf einen Holztisch gefesselt.“ Amelie will mutig sein und keine Angst zeigen, doch ihre zittrige Stimme hilft ihr dabei nicht besonders.

„Bis jetzt zumindest.“

„Was haben Sie vor?“

„Keine Sorge, ich werde dir nichts tun.“ Seine Stimme klingt ziemlich jung.

„Und wieso bin ich dann festgeschnallt und halbnackt?“, gibt Amelie weinerlich von sich, während eine weitere große Träne im Fackellicht schimmert.

„Du musst dafür still liegen“, antwortet die Stimme knapp. „Sonst wird es bloß unangenehmer.“ Noch immer ist der Mann, dem sie gehört, nicht zu sehen, obwohl er nur wenige Schritte von Amelie entfernt steht.

„Wofür muss ich still liegen?“

„Möchtest du das wirklich jetzt schon wissen?“

Amelie überlegt kurz, ob sie es tatsächlich wissen möchte. Sie schweigt. Da tritt der Mann plötzlich an sie heran. Er trägt eine Kappe, Sonnenbrille und ist zusätzlich vermummt, sprich unmöglich zu erkennen.

„Wer sind Sie?“

„Mach dir keine Sorgen“, sagt er erneut und holte ein Glas aus seiner Tasche hervor. Mithilfe eines Löffels beginnt er damit, den Inhalt über Amelies Beine zu verteilen. Es ist eine klebrige, dicke Flüssigkeit. Ein süßer Geruch steigt ihr in die Nase.

Honig? Was hat der denn für eine kranke Vorliebe?

„Wenn Sie vorhaben, mich zu vergewaltigen, dann tun Sie das gefälligst ohne diesen kranken Scheiß. Wenn mich mein Vater findet, möchte ich nicht wie das Spielzeug eines Psychopaten aussehen.“ Ihre Stimme ist auf einmal voll Zorn. Der Mann blickt sie nun direkt an, durch seine dunkle Brille.

„Ich werde dich nicht vergewaltigen.“

„Wieso haben Sie mich dann ausgezogen?“

„Das, was ich tun wollte, habe ich bereits getan, während du schliefst. Was hab´ ich denn davon, wenn du herumschreist und dich wehrst? Und wehtun will ich dir nicht, denn wie gesagt, du kannst mich als deinen Freund betrachten.“

„Krankes Arschloch!“, schreit Amelie, aber das scheint den Mann nur zu belustigen, als er die leicht strampelnden Beine des Mädchens seelenruhig fertig beschmiert. „Was haben Sie dann mit mir vor?“

„Du hast ein gutes Elternhaus, wenn du mich noch immer siezt. Aber keine Sorge, ich nehme es dir nicht übel, du darfst mich duzen.“, lacht er.

„Was hast DU mit mir vor?“, schreit Amelie jetzt sehr laut.

„Ich sagte doch bereits, ICH werde dir nichts tun“, sagt der Mann gelassen, beinahe als würde er soeben ein Puzzle lösen.

Amelie verschlägt es die Sprache. Ihr stockt der Atem. Der verschmierte Honig auf ihrem Körper ist kalt. Eisig kalt. Sie versucht zu schlucken, ehe sie ein Wort herausbringt.

„Wer dann?“, fragt sie so leise und verbittert, dass man es kaum hören kann.

Darauf erhält sie jedoch keine Antwort. Ihr Entführer lässt sie für einen Moment allein. Amelie hat keine Ahnung, was ihr in den nächsten Sekunden widerfahren würde. Nach einer kurzen Weile, in der bloß das leise Wimmern des Mädchens im Raum widerhallt, hört Amelie plötzlich, wie etwas Eisentür ähnliches aufgesperrt wird. Die Scharniere knarren laut, als der Mann sie öffnet. Kurz darauf öffnet er ein weiteres Schloss, das weiter weg zu sein scheint. Dann wird es wieder still.

Ist er gegangen? Was waren das für Türen?

Als sie für einen kurzen Moment glaubt, allein zu sein, vernimmt sie ein weiteres Geräusch, das ihr diesmal jedoch das Blut in den Adern gefrieren lässt. Es ist ein überaus tiefes Brummen, das sie so noch nie gehört hat. Wieder und wieder hört sie es, denn es kommt näher.

Das kann doch kein Mensch sein.

Irgendetwas wird über den Boden gezogen, beinahe so wie die Nägel eines Hundes, die er beim Laufen auf dem Asphalt schleifen lässt, nur langsamer. Mühsam versucht Amelie ihren Kopf aufzurichten, um etwas sehen zu können, doch nun wünscht sie sich, sie hätte es nicht getan. Im flackernden Schein der Fackel muss sie mitansehen, wie ein großer dunkler Bär, dem links und rechts der Schaum aus dem Mund läuft, langsam auf sie zukommt.

Honig, denkt Amelie, legt ihren Kopf zurück und schließt ihre Augen zum letzten Mal, bevor das gigantische Tier zur Attacke ansetzen würde. Festgeschnallt. Hilflos. Totgeweiht.

1 Maja

Platsch machte es, als Maya völlig gedankenversunken einen flachen Stein einfach ins Wasser plumpsen ließ, anstatt ihn anständig zu werfen und über die Oberfläche gleiten zu lassen wie sie es gemeinsam mit ihrer besten Freundin früher getan hatte. Obwohl heute Wolken den Himmel zierten und bereits leichter Nieselregen einsetzte, beschloss Maja nicht von dem kleinen Steg wegzugehen, an dem sie und Amelie sich ansonsten in ihren Bikinis bräunen ließen. Etwa zwei Monate war es nun her, als sie die Nachricht erhielt, ihre beste Freundin habe sich umgebracht und glauben, konnte sie es noch immer nicht. Den Schmerz der ersten Trauerphase hatte sie bereits hinter sich, doch die seelischen Wunden, welche der Tod ihrer besten Freundin hinterließ, gingen tief, wie Messerstiche in ihr Herz, jedes Mal, wenn sie daran erinnert wurde. Eine wirkliche Beerdigung gab es nicht, weil man ihre Leiche nie gefunden hatte, was ihren Vater übermäßig erschütterte. Seit Amelies Tod, oder besser gesagt ihrem Verschwinden, hatte er alles darangesetzt, um sie zu finden, denn ohne Leichnam wollte und konnte er es nicht wahrhaben. Auch Maja zerbrach beinahe daran, sich nicht wirklich von ihr verabschieden gekonnt zu haben.

Ohne den Blick vom ruhigen See abzuwenden, tastete sie nach dem Abschiedsbrief in ihrer Hosentasche, den sie seit zwei Monaten stets dabeihatte und versuchte, daraus schlau zu werden.

Liebe Maja,

Ich hoffe, es geht dir gut. Anders als mir, zumindest. Seit einigen Wochen habe ich das Gefühl, als lebe ich außerhalb meines Körpers. Ich spüre keine Angst. Ich bin ein Schatten meiner selbst. Versprich mir ja nicht zu weinen, bitte, wenn du das liest. Es fällt mir so schwer, aufzustehen und ihr helft dabei nicht, wenn ihr mich nur bemitleidet. Auch in der Schule gelingt mir einfach nichts mehr. Vor Kurzem wurde mir auch mein Herz gebrochen. Aber ich habe dir nichts davon erzählt, tut mir leid. Du weißt, wie ich bin, Maja. Man kann über alles reden, schon klar. Aber manchmal eben nicht. Irgendwo habe ich mich verloren und nie mehr gefunden. Ihr früher Tod hinterließ im Herzen meines Vaters ein riesiges Loch, so auch in meinem. Draußen im Wald, wenn ich spaziere, denke ich oft an sie, meine Mutter. Es tut mir leid, Maja, dass ich es dir nicht persönlich sagen kann, aber es geht einfach nicht, sich von Angesicht zu Angesicht zu verabschieden. Bitte verzeih es mir. Das, was ich vorhabe.

Erinnerst du dich, als wir dreizehn waren, gut gegessen hatten bei Oma und beim Bach Frösche zählten. Diese Tage am Bach möchte ich wieder haben. Aber es geht nicht. Ich stehe in einer Sackgasse.

Dieser Brief ist ein Abschied, das Letzte, das es von mir geben wird. Ich habe einen Weg gefunden, spurlos von dieser Welt zu verschwinden. Niemand wird durch meine Leiche eine Last tragen müssen! Ich liebe dich, Maja!

Deine Amelie

Wie immer brauchte Maja an dieser Stelle einen Moment, um zu schlucken und zu versuchen, ihre Tränen zu unterdrücken. Der Zettel in ihrer Hand war bereits von Falten und Knittern übersäht. An manchen Stellen war das Papier bereits sehr brüchig, aufgrund der eingetrockneten Tränen. Sie fand ihn im Briefkasten, er kam mit der Post. Unglaublich. So oft sie diesen Brief schon gelesen hatte und so oft sie dabei schon geweint hatte, es taten sich stets dieselben Fragen auf. Dieselben quälenden Fragen danach, ob sie Mitschuld an dem Selbstmord ihrer Freundin hatte oder ob sie sie hätte retten können. Aber das, was sie am meisten fertig machte, war, dass keine richtigen Antworten in diesen Zeilen steckten. Amelie erweckte niemals den Eindruck, dass ihr der Tod ihrer Mutter so naheging. Natürlich kann man in einen Menschen nicht hineinsehen, schon gar nicht, wenn er sich selbst umbringt, da herrscht doch meistens die größte Unberechenbarkeit. Dennoch, Amelie hatte kein besonders enges Verhältnis zu ihrer Mutter. Vor ihrem Tod sahen sie sich kaum noch, weil sie und ihr Vater getrennt lebten und Amelie es bevorzugte, bei ihrem Vater zu sein. Ein einziges Mal hatte sie eine Träne für ihre Mutter vergossen und das war am Tag ihrer Beerdigung. Maja bezweifelte, dass ihre Mutter der große Auslöser für diese Verzweiflungstat gewesen sein soll. Und davon, dass ihr Herz gebrochen wurde, hatte sie auch nicht das Geringste mitbekommen. Was war also der Grund für ihren Selbstmord? Und wie hatte sie es getan? Ihr Brief gab darüber nicht die leiseste Auskunft.

Traurig, jedoch nicht unter Tränen – denn diese hatte sie in den letzten Wochen alle bereits aufgebraucht – betrachtete sie das blaue Freundschaftsarmband auf ihrem rechten Handgelenk. Früher schimmerte es leicht bei Tageslicht, aber seit zwei Monaten wirkte es nun so, als hätte man die oberste Schicht abgekratzt und eine fades, blaues Matt hinterlassen. Das lag heute wohl weniger am Tod ihrer besten Freundin und viel mehr am tristen Wetter, doch trotzdem erschien das Band ihr seit diesem Vorfall in einem anderen Licht. Es hatte nicht länger eine echte Bedeutung für sie. Das Einzige, was es tat, war Maja an diesen grauenvollen Verlust zu erinnern.

Nimm es ab! Schmeiß es in den See!

Sie konnte es nicht. Noch nicht, zumindest.

Feigling, sagte sie leise und meinte dabei nicht nur sich selbst, sondern zum Teil auch Amelie. Auf irgendeine komische Art und Weise war sie wütend auf ihre Freundin. Nicht, weil sie sich umgebracht hat. Sie war wütend darüber, wie sie es getan hat.

Ein Brief. Keine Leiche. Das soll´s gewesen sein? Echt jetzt?

Die Ungewissheit schnürte sich um ihren Bauch wie eine Schlange, die nicht mehr loslassen wollte.

Ich darf deswegen doch nicht wütend auf dich sein. Oder doch?

Ein Psychiater hätte Maja wohl vermittelt, dass es in Ordnung war, ihre Gefühle über den Tod von Amelie durcheinander zu bringen, aber da sie eine von ihrer Klassenlehrerin vorgeschlagene Therapie abgelehnt hatte, musste sie damit selbst klarkommen.

Ha, ein Psychiater! Na klar! Wenn du das hören könntest, du hättest mich ausgelacht, Amelie.

Doch da schoss Maja plötzlich der Gedanke ein, dass ein Psychiater womöglich genau das Richtige für Amelie gewesen wäre. Vielleicht würde ihr ein Besuch beim Hirndoktor ja tatsächlich weiterhelfen.

Ehe sie ihre Überlegung zu Ende führen konnte, wurde sie von der Vibration ihres Handys aus ihrer Trance gerissen.

Hey, wo bist du? Warte schon seit 15 min. Muss mit dir reden! stand auf ihrem Display. Es war Joe, ihr Freund, den sie in den vergangenen zwei Monaten völlig vernachlässigt hatte. Eigentlich Josef, doch alle nannten ihn einfach Joe. Er hasste seinen Namen. Er hätte viel lieber tatsächlich Joe geheißen, aber seine überaus traditionsbewussten Eltern benannten ihn nach gefühlt jedem dritten Ü40 Österreicher aus dem vergangenen Jahrhundert. Vielleicht trug dieser Umstand dazu bei, dass Josef ständig negativ in der Schule auffiel und bereits zwei Mal die Nacht in einer Zelle verbringen musste, wovon jedoch nicht viele wussten, bis auf seine Eltern und Maja. Letztere verstand selbst nicht wirklich, wie jemand wie er, etwas in ihr auslösen konnte, was man annähernd als Liebe bezeichnen konnte.

Scheiße, das hab´ ich total vergessen!

Maja war mit Joe zum Essen verabredet. Sie packte hastig Amelies Abschiedsbrief wieder in ihre Hosentasche, stand auf und lief zu ihrem Fahrrad. Der Nieselregen schien nun stärker und die Wolken finsterer zu werden, weshalb sich Maja umso mehr beeilte, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was Joe mit Wir müssen reden eigentlich gemeint haben könnte.

2

Die Reifen ihres Fahrrads versanken regelrecht in der feuchten, matschigen Wiese. Maja hatte in aller Eile ihre Regenjacke übergezogen und kämpfte nun gegen den zunehmenden Wind an. Ihre Gedanken kreisten um Amelie.

Was tat Amelie bloß? Wie ging es ihr dabei? Hatte sie Schmerzen?

KRR quietschten die Bremsen des Fahrrads, als sie beim Hinausfahren auf die Straße beinahe einen SUV übersehen hätte, dessen Fahrer sie wild an hupte.

Du musst endlich mit den Tagträumen aufhören, dachte sie erschrocken.

Mühsam kämpfte sie sich nun durch das Unwetter und es dauerte nicht lange, da war sie schon am Ziel angekommen. Elegant sprang sie von ihrem Fahrrad und befestigte es rasch an einem nahestehenden Laternenpfahl, dessen Licht soeben anging, weil die empfindlichen Sensoren durch die düstere Wolkenschicht dachten, es sei bereits spät abends. Maja betrat ein kleines Gebäude mit der Aufschrift Irish Pub. Tagsüber ein etwas schäbiges Lokal, nachts eine meist mit Alkoholleichen gefüllte Bar. Der ganze Stolz des kleinen Dorfes und sogleich die einzige Möglichkeit eines Nachtlebens. Maja traf sich hier oft mit Freunden, um am Wochenende ein wenig abzuhängen und ab und an einen über den Durst zu trinken, was Teenies eben so machen.

Als sie die Bar betrat, fiel ihr Joe sofort ins Auge. Er lungerte an einem Ecktisch und war gerade dabei, seinen Toast aufzuessen. Das Bierglas neben dem Teller hatte er bereits ausgetrunken.

Typisch. Wohl nicht sein Erstes.

Maja streifte ihre Regenjacke ab und nahm auf der Bank gegenüber von ihm Platz.

„Hi“, sagte sie so freundlich es ihr möglich war.

„Hey.“

„Tut mir echt leid, dass ich zu spät bin. Ich habe irgendwie die Zeit aus den Augen verloren und…“

„Schon gut“, sagte Joe ausdruckslos und verschlang das letzte Stück Toast. „Ich bin´s mittlerweile gewohnt, ob du´s glaubst oder nicht. Du verlierst nun die Zeit seit Wochen schon aus den Augen.“

Na klar tu ich das. Meine beste Freundin ist spurlos verschwunden und so wie es aussieht tot, du Idiot.

„Ich weiß, ich weiß, aber sieh mal. Seit Amelies Tod…“

„Nein. Ich will es nicht mehr hören. Ja, Amelie ist verschwunden und hat sich umgebracht, aber das ist doch nicht das Ende der Welt.“ Sie wurden kurz von der Kellnerin, die Joe ein weiteres Bier hinstellte, unterbrochen. Auf die Frage, ob Maja etwas bestellen möchte, antwortete sie mit einem knappen Kopfschütteln.

„Sie war meine beste Freundin.“

„Maja. Ich kann mir vorstellen, dass das hart für dich sein muss, aber ich verliere meine Freundin immer mehr. Du hast keine Lust mehr, mich zu sehen, oder etwas zu unternehmen. Wir schlafen nicht mal mehr miteinander.“

Darum geht es dir also, war ja klar.

„Ich werde versuchen, das alles zu ändern, aber du musst verstehen, dass die letzten zwei Monate nicht einfach für mich waren.“ Die Verzweiflung in Majas Stimme war nicht zu überhören, jedenfalls nicht für die Nachbartische, doch Joe schien davon wenig mitzubekommen.

„Ich kann so nicht weitermachen, sorry. Ich möchte eine Freundin haben, keinen Geist.“

Du willst einfach eine, die du ficken kannst, kein emotionales Wrack, das du unterstützen solltest.

„Soll das heißen, es ist Schluss?“, sagte Maja mehr schockiert, als traurig.

„Ja, Maja, das soll es heißen, sorry.“

Dein Sorry kannst du dir in den Arsch schieben.

Maja saß für einen kurzen Moment da und musste sich sammeln, doch ihre Gutmütigkeit fiel in diesem Moment zusammen wie das World Trade Center 2001.

„Weißt du was? Ich will auch nicht mehr mit jemandem zusammen sein, der nicht im Stande ist, seine Freundin in einer derart harten Zeit, wie dieser, zu unterstützen. Ich brauche niemanden, der herumheult, weil er durch ein psychisches Trauma seiner Freundin ein paar Wochen keinen Sex bekommt.“ Majas Augenbrauen haben sich in einem finsteren Winkel zusammengetan und ihre Enttäuschung über sich selbst, sich so einen Freund ausgesucht zu haben, stand ihr ebenfalls ins Gesicht geschrieben.

„Na schön“, sagte Joe schließlich. „Ich dachte, wir könnten das wie Erwachsene lösen, aber wenn du es so haben willst.“

Wie Erwachsene, pah, dass ich nicht lache.

„Was genau hat dich denn am meisten gestört? Dass ich zu traurig war, um mit dir zu schlafen, oder dass ich oft geweint habe, weil sich meine beste Freundin umgebracht hat?“, bebte Majas Stimme.

„Einfach alles. Sieh dich mal an. Du kommst hierher, zu unserer Verabredung, in Jogginghose und T-Shirt, vom Schminken bist du auch weit weg.“

„Du Vollidiot. Ich will dazu nichts mehr sagen. Wenn Amelie jetzt hier wäre…dann würde sie dir dafür in den Arsch treten.“ Diese Worte kamen Maja nur sehr schwer über die Lippen.

„Wobei du sie schon wieder erwähnst“, sagte Joe im Aufstehen. Er beugte sich nun zu Maja hinunter und flüsterte ihr leise etwas ins Ohr. „Amelie und ich hatten was miteinander, ein paar Wochen vor ihrem Verschwinden, aber das hat sie dir sicher nicht gesagt. Jammerschade, dass sie nun tot ist, sie war echt gut.“

Jeder Mensch hat einen Punkt, an dem die angestaute Wut sein volles Ausmaß erreicht und man einfach nicht anders kann, als sich körperlich zur Wehr zu setzen. Wo einem die Worte fehlen, wird mit Taten nachgeholfen, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das war schon immer so. Deshalb griff Majas Hand wie von allein nach dem noch unberührten Glas und schüttete Joe den gesamten Inhalt ins Gesicht. Und für einen kurzen Moment fiel in ihr eine riesige Last ab, die sie bereits seit Monaten in sich trug und immer schwerer und schwerer wurde. Doch eben nur für einen Augenblick, denn im nächsten wischte sich Joe den Schaum aus seinen Augenhöhlen, sah Maja mit einem teuflischen Blick entgegen und holte mit der rechten Hand weit aus. Es ging so schnell, dass Maja beinahe vergaß, ihre Augen zu schließen.

Wie oft würde er mich schlagen können, bevor ihn jemand zu Boden reißt?

Ihren letzten Gedanken, bevor seine Hand in ihrem Gesicht aufprallen würde, konnte sie überraschenderweise zu Ende führen.

Wieso schlägt er nicht zu?

Langsam öffnete sie ihre Augen und nahm ihre Arme, die zur intuitiven Schutzhaltung übergegangen waren, hinunter. Ein Junge stand hinter Joe und hielt seinen Arm fest, bevor er zuschlagen konnte.

„Was soll das?“, raunte Joe energisch und drehte sich um, bereit auch dem Jungen weh zu tun. Dabei bemerkte man, dass er doch schon das ein oder andere Bierchen zu viel erwischt haben durfte.

„Willst du das wirklich tun?“, fragte der Junge ruhig, ohne Joes Arm loszulassen.

„Ich zeig dir gleich, was ich tun werde.“ Joe holte nun mit seinem linken Arm aus und versuchte gleichzeitig, sich aus dem Griff des Jungen zu befreien. Geschickt wich jener allerdings dem Schlag aus und zog Joe mit einem gezielten Tritt die Beine vom Fußboden.

„Du Arschloch“, stammelte Joe unter Schmerzen auf dem Boden kauernd.

„Du kannst mir danken, ich hab dich nur vor einem schweren Fehler bewahrt“, sagte der Fremde und schenkte ihm ein Lächeln.

Die anderen Bar Gäste studierten gespannt das Spektakel. Dann rappelte sich Joe – er musste sich dabei an einem Stuhl festhalten- wieder auf die Beine. Obwohl er etwa einen halben Kopf größer war, als der Junge, wusste er, dass er in diesem Kampf keine Chance mehr hatte, zumindest nicht heute.

„Du bist es ohnehin nicht wert, mir die Finger schmutzig zu machen“, sagte er zu Maja, die wie angewurzelt dasaß und verschwand aus der Bar.

Was war denn das?

Es fühlte sich gut an. Zum ersten Mal seit langem fühlte sie sich wieder gut, auch wenn es nur ein kleiner Sieg war, den sie errang. Maja fiel endlich eine schwere Last von den Schultern, die sie bis dahin gar nicht erkannte und diese Last trug den Namen Joe.

Amelie und ich hatten was, ein paar Wochen vor ihrem Verschwinden, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf und dieser Gedanke ließ sie nun nicht mehr los. War Joe derjenige, der ihr Herz gebrochen hat, von dem sie nichts wusste?

Der Film in ihrem Kopfkino brachte sie an den Rand der Verzweiflung und er wurde unbarmherzig weitergespielt.

Was, wenn er mit ihrem Verschwinden etwas zu tun hatte?

Auf einmal wurde der Film unterbrochen, denn der fremde Junge setzte sich an ihren Tisch.

„Hi, mein Name ist Theo.“

3 Paul

„4€? Für diese beschissene Dose hier? Wollen Sie mich etwa auf den Arm nehmen?“, klagte Paul, als ihm der Kassierer der Tankstelle diesen, für Pauls Begriffe, viel zu hohen Preis für einen Energydrink nannte. Normalerweise war er niemand, der solche Aufputschgetränke zu sich nahm, doch seit dem angeblichen Selbstmord seiner Tochter hatte er regelrecht kein Auge zugetan. Das lag nicht etwa daran, dass ihn die Albträume plagten, sondern viel mehr an dem Drang, die Wahrheit herauszufinden. Er wollte einfach nicht ruhen, bis er Gewissheit haben würde und deshalb musste er nun des Öfteren zu härteren Maßnahmen greifen, wie eben zu völlig überteuerten Tankstellendosen, um wach bleiben zu können.

„Hören Sie, ich mach die Preise nicht. 4€ wären das dann“, antwortete der junge Kerl, der sich gerade noch so ein müdes Gähnen verkneifen konnte. Sein Traumjob schien das hier jedenfalls nicht zu sein. „Bitte“, fügte er mit gequältem Lächeln hinzu.

„Unfassbar“, schüttelte Paul den Kopf. Als er in seiner Brieftasche genervt nach Kleingeld kramte, stellte er entsetzt fest, dass ihm 1€ fehlte.

So eine Scheiße!

„Ich zahle mit Karte.“

„Sorry, geht nicht.“

„Wie, geht nicht? Wieso nicht?“ Pauls Stimme wurde nun etwas lauter, was den Jungen ein wenig zu beunruhigen schien. Er beobachtete, wie die Hände des Mannes zitterten und plötzlich fielen ihm seine leicht geröteten Augen und die tiefen, dunklen Ringe direkt darunter auf.

„Das Gerät hat vorhin den Geist aufgegeben, tut mir leid“, erklärte der Junge zaghaft.

Du Vollpfosten. Hättest du auch nur das Geringste in der Birne, wüsstest du, wie man es repariert. Aber dann würdest du hier wohl auch nicht arbeiten.

„Na schön, Sie können scheinbar nichts dafür“, sagte Paul schließlich als er sich selbst etwas beruhigte. „Es ist nur so, dass ich nicht genug Bargeld dabeihabe.“

„Ok…dann…“, überlegte der Kassierer verzweifelt. Er hatte nun etwas Angst vor dem Mann mit dem komischen Auftreten. Angst vor Paul Ritter, einem Finanzamt-Bediensteten. Einem einfach gestrickten Mann, der sich nie in seinem Leben etwas zu Schulden kommen ließ. Dessen Name in keiner Polizeiakte zu finden war, jedenfalls nicht negativ behaftet. Angst vor dem Mann, der vor zwei Monaten seine Tochter verloren hatte. Tod oder verschwunden blieb ungelöst. Ein Mann, der kurz vor einem Nervenzusammenbruch deswegen stand, doch das konnte der junge Bursche hinter der Tankstellentheke natürlicherweise nicht ahnen.

„Hier“, sagte jemand, der schon ein Weilchen hinter Paul stand und die Konversation mit anhörte. „Wie viel brauchen Sie denn?“

Verwirrt starrte Paul den Mann an, der seinen Motorradhelm lässig auf dem Kopf, über seiner Stirn balancierte. Sein Bandana zog er von der Nase und brachte somit seinen buschigen Bart zum Vorschein.

Na toll. Dieser Möchtegern Hells Angel mit seiner pseudo Barmherzigkeit hat mir gerade noch gefehlt.

„Danke, ich brauche kein Geld von Ihnen“, antwortete Paul gereizt.

„Tja, aber es sieht so aus als müssten sie mein Geld annehmen, oder wollen Sie die Dose etwa stehlen?“

Paul schien nachzudenken und sagte nichts.

„Also gut“, meinte der Biker, der nun die Geduld zu verlieren schien. „Ich bin heute das erste Mal seit Langem wieder mit dem Motorrad unterwegs und es sieht ganz danach aus, als würde es bald zu regnen beginnen, deshalb würde es mich freuen, wenn Sie meine Hilfe annehmen, damit ich weiterfahren kann.“

Mürrisch blickte Paul ihm entgegen. Es machte ihn fertig, dass dieser Typ vernünftiger und netter war als er, zumal er ja ebenfalls so zu sein pflegte, aber seit den letzten Wochen hatte er sich einfach geändert. Doch wer würde das nicht, wenn seine Tochter spurlos verschwindet?

„Ich brauche 1€“, sagte er leise, besiegt.

„1€“, wiederholter der Biker und kramte in seiner Börse. Er hielt Paul schließlich die Münze hin und setzte ein zufriedenes Lächeln auf, welches man trotz des buschigen Vollbartes gut erkennen konnte. Er bekam ein schüchternes, knappes „Danke“ zurück.

Paul bezahlte und verließ ohne ein Wort des Abschieds mit seinem Energydrink das Geschäft. Dabei rammte er beinahe eine etwas ältere Dame, die bereits hinter dem Biker wartete.

Seine Hände zitterten erneut, als er die Dose im Auto öffnete. Ein kleiner Tropfen spritzte dabei auf das Armaturenbrett des Polos seiner verstorbenen Frau, aber das war Paul ziemlich egal. Er leerte das Getränk bis zur Hälfte und fuhr los. Vor ein paar Jahren verkaufte er notgedrungen seinen so geliebten Mercedes, weil er sich allein keine zwei Autos leisten konnte und er es nicht übers Herz brachte, den Polo seiner Geliebten wegzugeben.

Ohne den Geschwindigkeitsbegrenzungen jegliche Beachtung zu schenken, fuhr er durch das kleine Dorf, auf direktem Wege zur Polizeistation.

Es donnerte heftiger als er gedacht hätte, als er die leere Dose in den stählernen Mistkübel warf.

„Guten Tag, Herr Ritter“, begrüße ihn eine Polizistin beim Hineingehen. Man kannte Paul auf der Dienststelle bereits.

„Guten Tag. Ich möchte zu Herrn Buchmann“, sagte er.

„Aber natürlich. Chefinspektor Buchmann ist im Moment in seinem Büro, glaube ich. Sie kennen sich ja aus, Herr Ritter.“

„Danke.“

Paul schritt nun durch einen längeren, mit Teppich ausgelegten Gang, an dessen Ende er eine Milchglastür öffnete. Ein Schild an der Wand trug die Aufschrift „ChefInsp. Buchmann und wurde von einem kleinen Passbild des Beamten, sowie vom österreichischen Wappenadler verziert.

„Hans“, begrüßte Paul den Polizisten.

„Paul, schön dich zu sehen“, antwortete er und erhob sich aus seinem Schreibtischsessel, um seinem alten Schulfreund die Hand zu schütteln. „Oh, das nehme ich zurück. Es ist nicht schön, dich zu sehen. Du siehst beschissen aus. Wann hast du das letzte Mal geschlafen?“

„Lass das! Sag mir lieber, ob du was Neues hast“, entgegnete Paul nervös und setzte sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.

„Im Ernst, wie geht es dir? Du siehst nicht gut aus, alter Freund.“

„Es geht mir gut…Nein, nein. Es geht mir nicht gut, aber das weißt du doch. Ich werde schlafen, wenn Amelie wieder da ist, in Ordnung? Also, was hast du für mich?“ Paul drängte auf eine Antwort, wohl wissend, dass sich seit dem gestrigen Tag nicht allzu viel getan haben konnte.

Buchmann setzte sich, atmete einmal tief durch die Nase und richtete die Papiere auf seinem Schreibtisch gerade. „Nun, die benachbarten Dienststellen haben noch ein weiteres Team geschickt, um alles abzusuchen. Durch meinen Einfluss im Bezirk konnte ich den Radius noch einmal erweitern. Amelies Bild hängt nach wie vor an jeder Polizeistation im ganzen Land. Doch leider hat sich bis jetzt noch niemand gemeldet. Paul, wir müssen langsam damit rechnen, dass sie nicht gefun…“

„Nein“, wurde er unterbrochen. „Sie ist da irgendwo. Sie muss doch irgendwo sein. Wir müssen sie finden!“ Paul hämmerte bei den letzten Worten mit der Faust auf den Tisch.

„Ich weiß. Ich versteh dich ja. Momentan müssen wir jedoch den Tatsachen ins Auge sehen, so leid es mir tut. Es ist nun zwei Monate her, seitdem sie als vermisst gemeldet wurde.“

„Sie ist hier irgendwo, sie muss hier irgendwo sein. Ihr müsst nochmal alles absuchen. Überall nachsehen. Ihr müsst sie finden.“

„Paul, wir haben alles im Bezirk abgesucht, den Wald durchkämmt, die alten Ställe am Rand des Dorfes überprüft, sogar der See wurde von den Tauchern mehrmals gecheckt.“

„Sie muss irgendwo sein“, stammelte Paul wie ferngesteuert.

Ich weiß, dass du hier irgendwo bist, Amelie.

Buchmann lehnte sich nun nach vorne und legte seine Hände auf die geballte Faust seines Gegenübers. Pauls Augen glänzten rötlich und die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Der Chefinspektor hatte in seiner gesamten Laufbahn als Polizist noch nie solche Verzweiflung im Gesicht eines Mannes gesehen. Sein Freund tat ihm unendlich leid. Es muss unvorstellbar sein, keine Gewissheit über den Tod seines eigenen Kindes zu haben. Aber er wollte ihn davon überzeugen, das Kämpfen aufzugeben, denn er schien daran zu zerbrechen.

„Es gab einen Abschiedsbrief, Paul“, sagte er so vorsichtig und einfühlsam er nur konnte. „Mit ihrer Handschrift. Es gibt also einen Beweis dafür, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach, nicht mehr unter uns weilt. Wir wissen, dass es wohl passiert ist, Paul, nur wissen wir nicht, wie. Es ist nicht klar, ob wir das jemals herausfinden werden, aber vielleicht sollten wir das auch gar nicht. Es scheint, als ob es Amelies Wunsch gewesen war, …weg zu sein, wie immer sie es auch anstellte. Und vor allem wollte sie nicht, dass du dadurch in Probleme gerätst. Sie wollte mit Sicherheit nicht, dass ihr Vater so an etwas zerbricht, das sie sich scheinbar sehnlichst wünschte.“

Komischerweise trösteten Buchmanns Worte Paul und er begann plötzlich bitterlich zu weinen. Nicht aus Verzweiflung. Zum ersten Mal trauerte er nun um seine Tochter. Bisher fehlte ihm jemand, der die offensichtliche Wahrheit nicht verschwieg und scheinbar konnte er nun endlich damit anfangen, loszulassen und Amelies Tod akzeptieren. Der Chefinspektor stand auf, um seinen alten Freund nun in den Arm zu nehmen. Sein dunkelblaues Polizeihemd saugte dabei Pauls Tränen auf.

In diesem Moment öffnete sich die Tür des Büros erneut und die Polizistin, die Paul vorhin begrüßte, betrat den Raum. Sie schien etwas überrascht über die Situation zu sein, verstand jedoch den Grund dafür.

„Warten Sie bitte draußen, Frau Brenner, ja?“, bat sie der Chefinspektor.

„Es tut mir leid, Chef. Ich fürchte, das kann nicht warten.“

Paul richtete sich auf und wischte sich sein mit Tränen überströmtes Gesicht ab.

„Im Fall Amelie Ritter gibt es Neuigkeiten. Wir wurden soeben von der Dienststelle unserer Nachbarn angerufen.“

Und da war es. Etwas, das man einem Mann, der sein Schicksal gerade zu akzeptieren versuchte, nicht geben durfte. Hoffnung.

„Und? Nun sagen Sie schon“, befahl Buchmann und unterbrach somit die kurz herrschende Stille, während Paul wie angewurzelt im Zimmer stand und mit offenem Mund versuchte, seine Gefühle zu ordnen.

„Ein Mann soll angeblich gesehen haben, wie Amelie in einen Zug gestiegen ist. Und zwar einen Tag nach ihrem Verschwinden.“

4 Maja

„Hi, mein Name ist Theo“, sagte der Junge und streckte Maja seine Hand zur Begrüßung entgegen. Doch sie schien nicht so recht Notiz davon zu nehmen.

„Ich bin Theo“, begann er von Neuem. „Wie ist dein Name?“

Da legte Maja schließlich ihre erschreckenden Gedanken beiseite und fing sich wieder. „Ich bin Maja, entschuldige“, sagte sie und wusste nicht, worauf sie ihren Blick richten sollte. Auf die hellblau leuchtenden Augen, die ihr entgegenstrahlten oder doch auf den vom Bier völlig verklebten Fußboden.

„Ich muss schon sagen, Maja, das war eine ordentliche Dusche, die du dem Armen da verpasst hast. Der musste das wohl echt verdient haben.“

Oh ja, das hat er.

„Ach, ich wollte das schon immer Mal ausprobieren. Das hätte jeden treffen können“, antwortete Maja verschmitzt. Sie wollte sich nichts anmerken lassen.

„Im Ernst“, sagte Theo. „Was hat er dir denn angetan?“

Maja schwieg.

„Ich meine, die Bierdusche hat er sich redlich verdient, wenn er so einer ist, der Frauen schlägt, aber was ist da denn da vorgefallen, dass es so weit kam?“

„Du bist ziemlich neugierig, dafür, dass wir uns noch gar nicht kennen, weißt du das?“ Sie legte ihr verschmitztes Lächeln so schnell wieder ab, wie sie es aufgesetzt hatte.

„Ok, ok. Verstehe, du musst nicht darüber sprechen, wenn du nicht willst. Wir können uns auch einfach so unterhalten.“

Maja wurde plötzlich bewusst, dass er womöglich nur mit ihr ins Gespräch kommen wollte und es wohl nicht böse meinte. Er konnte ja schließlich nichts von Amelie und ihren Problemen mit Joe wissen. Außerdem hatte er ihr soeben ein blaues Auge erspart und sie fühlte sich ihm Gegenüber nun etwas gemein.

„Hey, tut mir leid. Ich wollte nicht so direkt sein. Danke, dass du den Idioten vorhin aufgehalten hast.“

„Keine Ursache. Idioten halte ich gerne auf“, lachte Theo und auch Maja konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen. „Verzeih mir bitte, falls ich wieder zu weit gehe, aber ich hoffe, es ist jetzt alles in Ordnung?“

„Ja“, sagte Maja nach einem tiefen Atemzug. „Es ist nur…ach, nicht so wichtig. Möchtest du was trinken, Theo? Ich denke, ich könnte jetzt ein Gläschen oder zwei gut vertragen.“

„Da sag ich natürlich nicht nein, Maja. Aber ein Bier werde ich heute wohl besser nicht mehr bestellen.“

Da musste Maja lauthals lachen. Ein bisschen aus Charme, jedoch hauptsächlich, weil sie Theo sympathisch fand. Zum ersten Mal seit langer Zeit gelang es jemandem, außer Chandler Bing aus ihrer Lieblingsserie „Friends“, sie wieder ehrlich zum Lachen zu bringen.

Ein schönes Gefühl.

Das kleine Glöckchen an der Eingangstür klingelte laut und Paul Ritter, Amelies Vater, betrat nervös das Pub. Mittlerweile war es schon halb acht abends. Er schien etwas neben der Spur zu sein, dachte Maja, aber wer konnte es ihm verdenken? Langsam durchstreifte er das Pub nach einem freien Sitzplatz, welchen er schließlich direkt an der Bar fand.

„Ein Glas Whisky, bitte“, stammelte er der Kellnerin entgegen während er sich mit der Handfläche übers ganze Gesicht wischte, beinahe so, als hätte er schon fünf oder sechs davon gehabt. In Wahrheit jedoch hatte er seit dem Vorfall mit Amelie keinen Tropfen Alkohol zu sich genommen und das wusste Maja. Er wollte seinen Schmerz nicht mit Rauschmittel verschleiern, jedenfalls nicht, solange es noch eine Chance gab, seine Tochter zu finden.

„Ist irgendwas?“, wollte Theo wissen, der bemerkte, dass Maja etwas abwesend zu sein schien.

„Ach, nein, nein. Es ist nur…Ich kenne diesen Mann da. Seine…er…er hat es gerade nicht leicht, musst du wissen.“

„Verstehe. Ist das etwa dein Vater?“

„Was? Nein. Er ist ein Bekannter.“ Maja verstand sich mit Theo so gut, sie wollte ihm einfach nichts von Amelies plötzlichem Verschwinden erzählen. Sie konnte es einfach nicht. Mit dieser Info würde sie das ganze Gespräch - und wer weiß, vielleicht ja noch mehr - zerstören.

„Möchtest du zu ihm gehen?“, fragte Theo, denn Maja konnte ihren Blick nicht von Paul abwenden.

„Schon gut.“

„Sicher?“

In dem Moment vergrub Paul sein Gesicht in den Händen und man konnte von Majas Sicht nicht sagen, ob er weinte oder einfach nur müde war, oder beides zugleich.

„Ach, weißt du was? Ich denke, ich werde doch mal nach ihm sehen.“

„Ok, soll ich mitkommen?“

„Nein“, entfuhr es Maja wie aus der Pistole geschossen. „Das mache ich lieber alleine, nichts für Ungut.“

„Aber…“, sagte Theo zaghaft.

„Keine Sorge, der hier wird nicht versuchen, mich zu schlagen. Und falls doch, werde ich dich zuerst anrufen, versprochen“, scherzte sie. Auch Theo grinste verlegen.

„Aber du hast meine Nummer noch gar nicht. Wie willst du mich da denn bloß anrufen?“

„Stimmt. Gib mir dein Handy.“ Hastig tippte Maja ihre Nummer in Theos Handy und gab es ihm zurück. Mit einem kurzen Anruf stellten sie sicher, dass nun auch Maja Theos Nummer besaß.

„Vielleicht meldest du dich ja mal bei mir, wenn du Lust hast. Wir könnten wieder was trinken gehen und unser Gespräch fortsetzen“, sagte Maja so cool es ihr möglich war, doch sie konnte sich ihr Lächeln einfach nicht verkneifen.

„Ja“, schmunzelte Theo. „Gerne. Tja, dann. Bis bald“, verabschiedete er sich und verließ klingelnd das Pub.

Maja wanderte schließlich hinüber zu Paul und setzte sich auf den freien Hocker neben ihm.

„Herr Ritter“, sagte sie überrascht. „Wieso trinken Sie denn? Neulich haben Sie mir doch erklärt, Sie könnten das nicht tun.“

Noch nicht, zumindest. Was ist passiert?

„Maja, du liebes Kind. Ich komme gerade von der Polizeiwache und du glaubst nicht, was ich da gehört habe“, sagte er, nippte an seinem Whisky und ignorierte ihre besorgte Frage vollkommen.

„Was denn?“

„Jemand von der Polizei aus dem Nachbarsdorf rief an und behauptete, dass es einen Zeugen gäbe, der Amelie einen Tag nach ihrem Verschwinden gesehen hätte.“

„Was? Aber wieso denn erst jetzt?“

„Das war auch das erste, das mir in den Sinn kam. Aber pass auf. Sie meinten, der Zeuge sei damals auf der Durchreise gewesen. Er ist von irgendwo weiter weg. Jedenfalls war er heute wieder hier und hat zufällig das Vermisstenfoto, das ich überall aufgehängt habe, gesehen und angeblich bestünde kein Zweifel, dass die Person auf dem Foto dieselbe ist, die er vor zwei Monaten hier am Bahnhof gesehen hatte, als sie gerade in einen Zug steigen wollte.“

„Aber wie kann er sich da sicher sein? Das ist nun zwei Monate her. Außerdem hätte es jemand sein können, der Amelie genau ähnlichsieht. Viele Mädchen haben blondes Haar und sind eins fünfundsechzig groß.“

„Laut der Aussage des Zeugen soll Amelie ihm beinahe vors Auto gelaufen sein, weil sie so gedankenverloren umhergetorkelt war. Er hätte sie gefragt, ob sie bescheuert sei. Daraufhin soll sie sich bei ihm entschuldigt haben und dabei hätte er sich ihr Gesicht gemerkt. Er meine, es gebe keinen Zweifel.“

Maja musste kurz schlucken. Ihr fiel nichts ein, was sie nun sagen sollte.

„Das ist etwas, Maja!“, sagte Paul aufgeregt. „Das ist eine Spur. Die erste, die wir haben!“

Die kommt aber recht spät.

„Aber eines versteh ich dann nicht“, überlegte Maja laut.

„Was denn?“

„Wieso sitzen Sie dann hier und trinken?“

„Chefinspektor Buchmann hat mich nachhause geschickt und mein Fahrzeug beschlagnahmt. Er meinte, ich sei viel zu müde und abgelenkt, um zu fahren, bräuchte dringend Schlaf und könne bei der Ermittlung ohnehin nichts ausrichten. Das sei Polizeiarbeit. Irgendwie hat er ja auch recht. Ich bin tatsächlich etwas müde.“

In diesem Zustand würde ich Sie auch nicht mehr ans Lenkrad lassen.

„Ja, das ist durchaus verständlich, aber warum trinken Sie dann? Das sind doch mal gute Neuigkeiten, zur Abwechslung.“

Paul schüttelte verständnislos den Kopf. Er schob sein Glas mit den Fingerspitzen nun etwas von sich weg.

„Ich weiß es nicht“, sagte er und lächelte gequält. „Schon komisch, was? Da steckt man über Wochen im schlimmsten Albtraum seines Lebens und nimmt keinen Tropfen Alkohol zu sich, um nicht vollends zu versinken und dann kommt ein kleines Licht am Ende des Tunnels und man greift zur Flasche. Ich kann es dir auch nicht erklären. Ich wollte nicht nachhause gehen. Jetzt wo ich weiß, dass es womöglich eine Chance gibt, sie zu finden und ich selbst jedoch nichts ausrichten kann, frustriert mich das umso mehr. Ich möchte das nicht, hörst du. Ich möchte das tatsächlich nicht. Es ist einfach...passiert.“

„Ich verstehe das, Herr Ritter. Werfen Sie sich nichts vor. Sie haben alles getan, was Sie konnten. Jetzt ist die Polizei an der Reihe. Lassen Sie das Glas stehen, ich bringe Sie heim und Sie schlafen sich erst einmal in Ruhe aus.“ Maja streichelte mit ihrer Hand über Pauls Rücken, um ihn zu beruhigen. Schließlich schüttelte er den Kopf, schob das Whisky Glas noch weiter von sich weg und stand auf. Maja bezahlte derweil alle Getränke, die noch offenstanden. „Gehen wir“, sagte sie beruhigend.

Die Glocke klingelte erneut beim Hinausgehen. Maja befreite ihr Fahrrad vom Laternenpfahl und schob es neben Paul her, während sie ihn nachhause begleitete.

„Maja“, sagte Paul, als sie an seinem Haus angekommen waren. Das Haus, in dem sie schon so oft ihre beste Freundin besuchte. Das Haus, in dem sich Herr Ritter immer seltener aufhielt. „Du hast doch schon den Führerschein, nicht wahr?“

„Ja“, antwortete Maja zögerlich. „Ich bin aber schon seit Längerem nicht gefahren.“

„Egal. Morgen früh wirst du mich abholen.“ Maja konnte das Leuchten in Pauls Augen nicht deuten.

Was haben Sie vor?

„Ich habe auf der Polizeistation die Adresse von dem Zeugen mitgehört. Morgen früh fahren wir dahin und danach werden wir unsere Amelie finden!“

5

„Get up, stand up“, dröhnte Bob Marleys Stimme durch die einsame Morgenstille in Majas Zimmer.

Ich hasse diesen Wecker.

Wie ferngesteuert drehte sie sich über die rechte Schulter zur Bettkante, streckte ihren Arm und wischte mit dem Zeigefinger über das Display ihres Handys. Stille. Der Grund, wieso sie sich in ihren Sommerferien überhaupt einen Wecker stellte, war ebenso genial wie irrelevant. In einer Woche würde die Schule wiederbeginnen und Maja wollte sich auf diese Weise vorbereiten, früher aufstehen zu können. Genial, weil sich der Körper dadurch besser umstellen kann. Irrelevant, weil Majas Körper vor 7 Uhr morgens grundsätzlich nie ohne einen liebevollen Tritt ihrer Mutter auf die Beine kam, egal wie früh sie ihren Wecker stellte. Dennoch versuchte sie es von Jahr zu Jahr erneut.

Der Wille zählt, dachte sie und schmiss sich die Bettdecke über den Kopf, um, ihren Plan ignorierend, einfach weiterzuschlafen. In dieser Nacht hatte es gefühlte Ewigkeiten gedauert bis sie ihr Gehirn in Ruhe schlafen ließ. All die Gedanken über die Szene in der Bar, dass Joe womöglich etwas mit Amelies Selbstmord zu tun hatte, machten ihr schwer zu schaffen. Doch in ihrem Hinterkopf schwirrten etliche weitere Gedanken umher, von denen sie spürte, dass sie da waren, sie aber nicht ordnen konnte, weil es so viele waren. In diesem Moment klingelte ihr Handy von Neuem. Diesmal allerdings nicht wegen Bob Marley, sondern wegen Paul Ritter, der Maja gerade anrief.

Verdammt, das habe ich ja schon wieder vergessen.

Da war der verloren geglaubte Gedanke, welcher in Majas Hinterstübchen umherschlich und sich versteckt hielt wie ein Kleinkind, das etwas angestellt hat. Müde wischte sie sich den Schlaf aus den Augen, atmete einmal tief durch und nahm den Anruf an.

„Guten Morgen, Herr Ritter.“

„In einer viertel Stunde bei mir, Maja“, sagte Paul ohne jegliche Zeit zu verschwenden, beinahe so, als ob sie etwas Illegales vorhatten, was es ja auch irgendwie war, oder nicht?

„Ähm, Herr Ritter? Was genau haben Sie oder wir denn eigentlich vor?“

„In einer viertel Stunde bei mir“, wiederholte Paul ohne ein weiteres Wort und beendete das Gespräch. Er hörte sich ausgeschlafen an. Motiviert, zielstrebig.

Ok? Was um alles in der Welt war das? Was mache ich denn jetzt?

Für eine Weile starrte sie die Decke an und überlegte, was wohl alles schief gehen könnte. Doch mehr als Rausschmeißen würde dieser Zeuge sie wohl nicht. Und irgendwie war Maja selbst daran interessiert, Neues über Amelies Verschwinden heraus zu finden. Also entschloss sie sich dazu, aus ihrer Betthöhle zu schlüpfen und ins Badezimmer zu wanken. Ihre Eltern arbeiteten beide bereits, sie war allein zuhause. Aufgrund des Zeitdrucks, den Paul ihr gab, versuchte sie ihre Zähne zu putzen, während sie sich gleichzeitig ihre Haare frisierte.

Wenn mich jetzt einer sehen könnte…

Rasch zog sie sich an, packte Handy und Geldbörse in ihre Tasche, nahm den Autoschlüssel ihrer Mutter zur Hand und verließ mit sieben verbleibenden Minuten das Haus. Sie stresste sich nicht, denn bis zu Amelies Haus waren es schließlich nur etwa vier Minuten. Da Majas Eltern in derselben Firma angestellt waren, teilten sie sich jeden Morgen ein Auto, wodurch der Seat Ibiza ihrer Mutter zu Majas freien Verfügung stand. Allerdings war sie seit über zwei Monaten nicht mehr mit dem Auto gefahren, weshalb sie sich erst einmal wieder daran gewöhnen musste, schließlich hatte sie ja noch nicht Mal ein ganzes Jahr ihren Führerschein. Maja stieg ins Auto und schmiss ihre Tasche elegant auf den Beifahrersitz und schrie kurz vor Schreck laut auf.

„Ruhig! Sei ruhig!“, beruhigte sie Paul hysterisch. „Oder willst du, dass jemand die Polizei ruft?“

Vielleicht sollte ich ja die Polizei rufen? Du musst ja krank sein.

„Was machen Sie denn hier? Ich dachte, ich soll Sie abholen?“, sagte Maja noch immer nach Luft schnappend.

„Ich war schon hier, als ich dich angerufen habe. Wollte nur, dass du dich beeilst.“

„Nein, nein. Ich meine, was tun Sie HIER? Im Auto meiner Mutter.“

„Die Tür war offen. Anscheinend hat deine Mutter vergessen, das Auto zuzusperren. So wie ich Angelika kenne, ist ihr das wohl nicht zum ersten Mal passiert.“

Da hast du womöglich recht.

„Aber trotzdem können Sie doch nicht einfach in ein Auto steigen, das Ihnen nicht gehört. Ich habe mir vor Angst beinahe in die Hose gemacht.“

Da fällt mir ein, ich müsste tatsächlich Mal.

„Das tut doch jetzt nichts zur Sache“, beruhigte Paul das Mädchen. „Los doch, lass uns fahren.“

„Wieso fragen wir nicht einfach Inspektor Buchmann, wie die Vernehmung gelaufen ist?“, fragte Maja und steckte den Schlüssel ins Zündschloss.

„Geht nicht. Er hat mir einige Tage Ruhe verordnet. Er möchte nichts von mir hören. Meinte, sie melden sich, wenn es etwas Neues gäbe. Schwachsinn. Ich werde das selbst in die Hand nehmen.“

„Herr Ritter?“, fragte Maja ein wenig besorgt.

„Hm?“

„Bringen wir uns heute in Schwierigkeiten? Immerhin machen wir nachher eine unerlaubte Zeugenbefragung, oder?“

„Ach, weißt du… Ich würde das weniger als eine unerlaubte Zeugenbefragung bezeichnen.“ Er schien ein wenig nach einer passenden Antwort zu grübeln. „Viel mehr, als einen freundlichen Besuch zwischen Unbekannten mit dem Ziel, eine vermisste Person zu finden.“

Naja, viel besser hört sich das für mich auch nicht an, dachte Maja und startete zweifelnd den Motor.

Sie fuhr etwas ruckelnd, aber sie fuhr. Währenddessen gab Paul die Adresse des Zeugen in das Auto-Navi ein.

„20 Minuten, na bitte“, sagte er mit freudiger Stimme.

Die Zeit verstrich recht schnell. Viel zu bereden, hatten die beiden nicht. Den Großteil der Autofahrt saßen sie mehr oder weniger teilnahmslos da und starrten auf die Straße, was Maja jedoch keineswegs störte. Zum einen hätte sie sowieso nicht gewusst, worüber sie sich mit dem Vater ihrer verschwundenen Freundin unterhalten sollte und zum anderen benötigte sie ihre volle Konzentration, um das Fahrzeug sicher ans Ziel zu bringen. Nach etwas mehr als 20 Minuten erreichten sie schließlich das Haus des Unbekannten. Maja musste beim Einparken zwar einmal zurücksetzen, war jedoch heilfroh, dass es bei diesem einen Mal blieb. Paul verließ das Auto in exakt der Sekunde, in der es zum Stillstand kam. Als trüge er Scheuklappen, zischte er ohne zu schauen über die Straße, ging durch das geöffnete Vorgartentor und betätigte die Glocke ohne auch nur im Ansatz auf Maja zu warten.

„Herr Ritter“, rief sie ihm hinterher. „Jetzt warten Sie doch bitte.“

Es dauerte ohnehin ein Weilchen ehe jemand die Tür öffnete. Skeptisch wurden sie von einem etwas jüngeren Mann von oben bis unten gemustert.

„Falls Sie mir etwas verkaufen wollen, muss ich Sie leider enttäuschen, ich brauche nichts. Und an Gott glaube ich auch nicht“, sagte er beinahe so, als hätte er diesen Text auswendig gelernt.

„Schön, ich nämlich auch nicht“, sagte Paul und schob sich rücksichtslos durch den Türspalt ins Haus hinein. Vorbei an dem überaus verwunderten Mann.

„Herr Ritter!“, herrschte Maja ihn vorwurfsvoll an. Doch als sie merkte, dass sie ihn nicht stoppen konnte, lächelte sie den Fremden an und schlich sich ebenfalls an ihm vorbei. Der vermeintliche Augenzeuge schien mit der Situation mehr als überfordert zu sein.

„Wer zum Teufel sind Sie denn?“, wunderte sich der Mann. „Wenn ich fragen darf“, fügte er rasch hinzu.

„Mein Name ist Paul. Das hier ist Maja. Wir sind auf der Suche nach einer vermissten Person, genauer gesagt, meiner Tochter.“

„Amelie Ritter“, ergänzte der Mann.

Paul nickte. „Dürfen wir uns setzen?“