Klassentreffen - Simone van der Vlugt - E-Book

Klassentreffen E-Book

Simone van der Vlugt

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Beschreibung

SAGEN SIE NICHT, WIR HÄTTEN SIE NICHT GEWARNT.

Seit neun Jahren hat Sabine nicht mehr an Isabel gedacht. Erst die Einladung zum Klassentreffen beschwört unheilvolle Erinnerungen an die einst beste Freundin wieder herauf, die damals spurlos verschwand. Ausgerechnet das, was an jenem Tag geschah, scheint Sabine vergessen zu haben ...

Als Sabine die Einladung zum Klassentreffen erhält, wird ihr Leben zum Albtraum. Plötzlich stürmen Erinnerungen auf sie ein an eine Zeit vor neun Jahren, die sie längst überwunden zu haben glaubte. Sabine ist vierzehn Jahre alt, als sie zum ersten Mal tief verletzt wird. Ihre beste Freundin Isabel beachtet sie nicht mehr, schlimmer noch, zusammen mit ihren Klassenkameraden quält sie Sabine, die sich immer mehr in die Einsamkeit zurückzieht. Eines Tages verschwindet Isabel — spurlos. Jede Suche endet vergeblich, auch ihre Leiche wird nie gefunden. Aber ist Isabel tatsächlich ermordet worden, wie alle in Den Helder glauben? Was ist damals geschehen? Und warum scheint Sabine die Erinnerung an genau jenen Tag verdrängt zu haben?

• Petra Hammesfahr hat endlich Konkurrenz bekommen!
• Ein meisterhaft inszenierter Psychothriller, der den Leser bis zur letzten Seite auf die Folter spannt!

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Seitenzahl: 464

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Inhaltsverzeichnis
 
Das Buch
Die Autorin
Lieferbare Titel
Widmung
PROLOG
 
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
 
Copyright
Das Buch
Als Sabine die Einladung zum Klassentreffen erhält, wird ihr Leben zum Albtraum. Plötzlich stürmen Erinnerungen auf sie ein an eine Zeit vor neun Jahren, die sie längst überwunden zu haben glaubte. Sabine ist vierzehn Jahre alt, als sie zum ersten Mal tief verletzt wird. Ihre beste Freundin Isabel beachtet sie nicht mehr, schlimmer noch, zusammen mit ihren Klassenkameraden quält sie Sabine, die sich immer mehr zurückzieht. Eines Tages verschwindet Isabel - spurlos. Jede Suche endet vergeblich, auch ihre Leiche wird nie gefunden. Aber ist Isabel tatsächlich ermordet worden, wie alle in Den Helder glauben? Was ist damals geschehen? Und warum scheint Sabine die Erinnerung an genau jenen Tag verdrängt zu haben?
 
 
 
Pressestimmen
»Am Ende schlägt man das Buch zu und ist wie betäubt. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.« Libelle
Die Autorin
Simone van der Vlugt, geboren 1966, ist als Autorin von historischen Jugendromanen international erfolgreich. Ihr zweiter großer Erfolgsroman »Schattenschwester« eroberte in den Niederlanden wie das Debüt »Klassentreffen« kurz nach Erscheinen die Bestsellerliste. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Alkmaar.
Lieferbare Titel
»Schattenschwester« (978-3-453-29020-4)
Die Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel De reünie bei Anthos, Amsterdam.
Für meine Eltern,die mir eine so glückliche,unbeschwerte Kindheit ermöglicht haben.
PROLOG
Das letzte Stück fährt sie allein. Sie winkt ihrer Freundin nach und konzentriert sich dann wieder auf die Straße. Mit erhobenem Kopf und unbekümmertem Blick singt sie leise vor sich hin.
Die Schule ist aus, es ist Montag, ein freier Nachmittag liegt vor ihr.
Ihre weiße Lederjacke hat sie auf den Gepäckträger geklemmt, über die Schultasche aus schwarzem Segeltuch. Die Sonne wärmt ihre nackten Arme.
Es ist ein herrlicher Tag, der Auftakt zu einem vielversprechenden Sommer. Der Himmel wölbt sich über ihr wie eine hohe blaue Kuppel.
Vor der Ampel zieht sie die Handbremsen an und steigt ab. Es ist eine Ampel draußen vor der Stadt, wo viel weniger Schüler auf Fahrrädern, Motorrad- und Autofahrer unterwegs sind als im Zentrum.
Ganz allein steht sie an der Ampel. Weder Autos noch Busse fahren vorbei. Sie guckt nach links und rechts, das sinnlose Warten strapaziert ihre Geduld.
Hinter ihr kommt ein Transporter mit knatterndem Motor zum Stehen.
Grün.
Sie steigt auf und fährt geradeaus weiter. Der Transporter zieht an ihr vorbei und hüllt sie in eine blaue Dieselwolke. Sie hustet, wedelt mit der Hand und hört kurz auf zu treten.
Der Transporter braust davon, in Richtung Dunkle Dünen. Sie denkt an ihre Verabredung. Auf einmal ist ihr nicht mehr so recht wohl bei der Sache. Vielleicht hätte sie sich doch lieber für einen belebteren Ort als Treffpunkt entscheiden sollen.
KAPITEL 1
Ich habe die Hände in den Taschen meiner Wildlederjacke vergraben, stehe am Strandaufgang und schaue aufs Meer. Es ist der 6. Mai und viel zu kühl für die Jahreszeit. Von ein paar Muschelsuchern abgesehen, ist der Strand leer. Das bleifarbene Meer nimmt bedrohlich schäumend immer mehr Strand in Besitz.
Ein Stück entfernt sitzt ein Mädchen zusammengekauert auf einer Bank. Auch sie schaut aufs Meer. Sie trägt eine Daunenjacke und feste Schuhe. Neben ihren Füßen liegt eine pralle Schultasche. Ganz in der Nähe steht ihr Fahrrad an den Stacheldraht gelehnt; es ist abgeschlossen, obwohl sie fast daneben sitzt.
Ich sehe sie an. Ich habe erwartet, sie hier zu finden.
Blicklos schaut sie aufs Meer. Den Wind, der aufdringlich an ihrer Jacke zerrt, scheint sie gar nicht wahrzunehmen. Er peitscht ihr die hellbraunen Haare ums Gesicht.
Trotz der scheinbaren Unempfindlichkeit gegen Wind und Wetter hat das Mädchen etwas Verletzliches, das mich anrührt.
Ich kenne sie. Dennoch zögere ich, sie anzusprechen, denn sie kennt mich nicht. Aber es ist ungeheuer wichtig, dass sie mich kennen lernt. Dass sie mir zuhört. Dass ich zu ihr durchdringe.
Langsam gehe ich auf die Bank zu, lasse das Meer aber nicht aus den Augen, so als wollte ich die Aussicht auf die wilden Wellen genießen.
Das Mädchen schaut her; ihr Gesicht zeigt keine Regung. Für einen Moment sieht es so aus, als wollte sie gehen, aber dann scheint sie sich damit abzufinden, dass ich den Bannkreis der Einsamkeit um sie herum durchbrochen habe.
Wir sitzen nebeneinander auf der Bank, die Hände in den Taschen, und sehen, wie Himmel und Wasser ineinander übergehen.
Ich muss etwas sagen. Sonst geht sie womöglich, und wir haben nicht miteinander gesprochen. Aber was sagt man, wenn es auf jedes Wort ankommt? Ich muss erst die richtigen Worte finden.
Als ich tief Luft hole und mich ihr zuwende, schaut sie mich wieder an. Wir haben dieselbe Augenfarbe. Wahrscheinlich auch denselben Blick.
Sie ist ungefähr fünfzehn. Genauso alt wie Isabel, als sie verschwand.
 
Vor vielen Jahren bin ich hier in der Nähe zur Schule gegangen. Jeden Tag fuhr ich die zehn Kilometer mit dem Rad hin und zurück, manchmal mit dem Seewind im Rücken, meist aber mit Gegenwind.
Der Wind kam vom Meer angerast und hatte auf dem flachen Polder freie Bahn, bis er auf mich traf. Das tägliche Ankämpfen gegen den Wind stärkte meine Lungen, sorgte für eine gute Kondition und gab mir außerdem die Möglichkeit, meinen Frust wegzustrampeln.
Diese zehn Kilometer zwischen Schule und Zuhause, das Niemandsland aus Wiesen und salzigem Wind, bildeten eine Art Übergangsreich zwischen den zwei Welten, in denen ich lebte.
Ich schaue aufs Meer, das mit den Wellen einen Strom von Erinnerungen anspült. Ich hätte nicht zurückkommen sollen.
Was hat mich überhaupt auf die Idee gebracht?
Die Zeitungsnotiz. Vor zwei Wochen stand ich mit einem Becher Kaffee am Küchentisch und blätterte in der Zeitung. Es war acht Uhr, ich war angezogen, hatte gefrühstückt, aber keine Zeit mehr, in Ruhe Zeitung zu lesen. Nur die Überschriften, mehr war nicht drin.
Ich blätterte um, und mein Blick fiel auf eine Notiz in der Randspalte. EHEMALIGENTREFFEN DER GYMNASIASTEN VON DEN HELDER.
Rasch überflog ich die Ankündigung des Klassentreffens. Es handelte sich um mein altes Gymnasium, das in der Zwischenzeit mit einigen anderen Schulen in Den Helder zusammengelegt worden war.
Und nun wollen sie ein Treffen für ehemalige Schüler veranstalten. Ich bin dreiundzwanzig, die Schulzeit liegt zum Glück schon einige Jahre zurück.
Ich denke nicht daran hinzugehen.
 
Das Mädchen ist weg. Sie ist mir entwischt, als ich kurz in Gedanken versunken war. Macht nichts, bestimmt treffe ich sie wieder.
Der Wind bläst mir die Haare ins Gesicht und raubt mir immer wieder den Atem. Ja, so war das früher auch. Ich trat bei Gegenwind in die Pedale, während mir die Tränen übers Gesicht liefen. Meine langen Haare hatte ich zu einem Pferdeschwanz gebunden, weil sie sonst total verfitzt wären. Wenn ich sie abends wusch, rochen sie nach Salz und Meer.
Gerüche ändern sich nicht. Sie überfallen einen, lassen alte Erinnerungen wieder lebendig werden und bringen einen dazu, in den dunklen Ecken des Gedächtnisses herumzustöbern.
Warum bin ich hergekommen? Was wollte ich damit erreichen? Habe ich etwa geglaubt, es könnte reinigend oder befreiend sein?
Beides ist nicht der Fall. Es ist verwirrend, eine schmerzliche Konfrontation, ein einziger großer Irrtum.
Vielleicht bringt es mir wenigstens mehr Klarheit. Ich weiß aber nicht, ob ich dafür schon bereit bin.
 
Ich gehe zu meinem Auto zurück. Vor mir stiebt Sand auf, und der Wind schiebt mich vorwärts, mahnt mich zur Eile. Ich bin hier nicht willkommen. Ich gehöre nicht mehr hierher.
Trotzdem möchte ich nicht gleich nach Amsterdam zurück. Auch als heftiger Regen einsetzt, gehe ich nicht schneller.
Mein Auto steht einsam auf dem großen Parkplatz. Normalerweise ist er brechend voll, aber der Sommer hat uns bisher im Stich gelassen. Ich denke an die Blechreihen, die hier an heißen Tagen in der Sonne funkeln.
Es war schön, so nahe am Meer zu wohnen. Ich fuhr einfach an den im Stau schwitzenden Autofahrern vorbei, lehnte mein Rad an den Stacheldraht, zog das Handtuch unter dem Spannband hervor und suchte mir ein sonniges Plätzchen. Ärgerte mich über die vielen mit deutschen Bierdosen gefüllten Sandmulden. Aber das gehörte nun mal dazu. In Zandvoort findet man heute überhaupt keinen Platz mehr, wenn man nicht schon gegen neun am Strandaufgang ist.
Ich mache die Autotür auf und bin froh, als ich sitze. Heizung an, einen Radiosender mit fröhlicher Musik suchen, die Tüte Lakritz auf den Beifahrersitz, den Motor anlassen - und nichts wie weg. Ich verlasse den Parkplatz und fahre am Waldstück Dunkle Dünen entlang in Richtung Zentrum.
Bei Regen bietet Den Helder einen trostlosen Anblick. Amsterdam auch, aber in Amsterdam ist wenigstens immer was los. Den Helder ähnelt dann eher einer Stadt, in der es gerade Fliegeralarm gegeben hat.
Ich mag Städte mit einem alten Kern, Städte, die eine Seele haben. In Den Helder sind nur die Einwohner alt. Die jungen Leute zieht es nach der Schule nach Alkmaar oder Amsterdam. Übrig bleiben nur Marinesoldaten und Touristen, die nach Texel übersetzen wollen.
Da wäre ich heute Morgen auch fast gelandet. Seit meine Eltern vor fünf Jahren nach Spanien ausgewandert sind, war ich nicht mehr in Den Helder, und ich kenne die Stadt als Rad-, aber nicht als Autofahrerin. Ich verpasste eine Abzweigung, fuhr auf den Deich zu, konnte nur noch rechts abbiegen und stand plötzlich hinter einer langen Schlange Autos, die auf die Fähre nach Texel warteten. Ich legte den Rückwärtsgang ein, aber hinter mir versperrte bereits der Wagen einer Urlauberfamilie den Weg. Erst ganz vorn konnte ich wenden und so einem unfreiwilligen Ferienaufenthalt unter Schafen entgehen.
Ich fahre auf dem Middenweg zu meinem alten Gymnasium. Aus dem Autofenster sehe ich den fast leeren Schulhof. Nur ein paar Jugendliche trotzen dem Nieselregen und inhalieren gierig Nikotin, das ihnen helfen soll, den Tag zu überstehen.
Ich fahre weiter. Drehe eine Runde um das Schulgebäude und nehme dann denselben Weg, den ich früher nach Hause gefahren bin. An der Kaserne Deibelkamp vorbei in Richtung Lange Vliet. Der Gegenwind kann mir heute nichts anhaben; ich zockle ruhig weiter, mit Blick auf den Radweg, den ich so viele Jahre gefahren bin. Isabel wohnte im selben Ort wie ich. An jenem Tag fuhren wir zwar nicht zusammen nach Hause, aber sie muss die Lange Vliet entlanggefahren sein.
Ich weiß noch, dass ich sie vom Schulhof fahren sah. Ich trödelte absichtlich noch ein wenig herum, bevor ich mich auf den Weg machte. Wäre ich gleich hinter ihr hergefahren, wäre vielleicht nichts passiert.
Ich gebe Gas und fahre so schnell über die Lange Vliet, wie gerade noch erlaubt ist. In Julianadorp biege ich bei der ersten Gelegenheit links ab zur Schnellstraße. Als ich am Kanal entlangfahre, lege ich den fünften Gang ein und drehe das Radio lauter.
Weg hier. Zurück nach Amsterdam.
Laut singe ich die Lieder aus der Hitparade mit und angle mir ein Lakritz nach dem anderen aus der Tüte. Erst als Alkmaar hinter mir liegt, bin ich wieder in der Gegenwart angekommen. Ich denke an die Arbeit. Am Montag geht es wieder los. Heute ist Donnerstag; noch habe ich drei Tage für mich. Ich habe keine große Lust, wieder arbeiten zu gehen, aber es wird mir bestimmt gut tun. Ich hocke viel zu viel allein zu Hause rum und sehe dann plötzlich rätselhafte Bilder, wie Träume, vor meinen Augen. Höchste Zeit, dass ich mich wieder unter die arbeitende Bevölkerung mische. Und zwar so, wie es mir meine Therapeutin empfohlen hat: für den Anfang nur ein paar Stunden pro Tag. Damit ich nachmittags was Schönes unternehmen kann. Das hat sie mir verordnet.
 
Ich arbeite in der Zentrale einer Großbank mit Niederlassungen im Ausland. Nicht gerade mein Traumjob. Ich habe Niederländisch und Französisch für das Lehramt studiert, aber ich fand keine Schule, die mir zusagte. Ich muss zugeben, dass ich auch ziemlich bald keine Bewerbungen mehr schrieb. Die erste Bekanntschaft mit pubertärer Aufsässigkeit während meines Praktikums hatte mir ganz und gar nicht gefallen.
Also machte ich im letzten Studienjahr eine Sekretärinnenausbildung an einer Abendschule, ließ mich in die Welt der EDV einführen und bewarb mich in der freien Wirtschaft. So landete ich bei der BANK, im neunten Stock, direkt an der Ringstraße.
Das Gebäude hat mich beim ersten Mal tief beeindruckt. Vor dem Eingang liegt ein gepflegter Park, und als ich durch die Drehtür eine großzügige Welt aus Marmor betrat, hatte ich das Gefühl, zu einem völlig unbedeutenden Wesen zusammenzuschrumpfen, das in dieser luxuriösen Umgebung nichts zu suchen hatte.
Aber es war alles halb so schlimm. Wie sich herausstellte, steckten in den teuren Anzügen und Kostümen um mich herum auch nur normale Menschen.
Ich legte mir eine neue Garderobe zu und beherzigte dabei den Rat meiner Mutter, dass man von ein paar teuren, aber hochwertigen Teilen zum Kombinieren mehr hat als von einem Haufen Billigklamotten. Meine Jeans verbannte ich in den hintersten Winkel des Kleiderschranks. Von nun an gehörten taillierte Blazer, knielange Röcke und dunkle Strumpfhosen zu meinem Standard-Outfit. In meiner Verkleidung als Frau von Welt betrat ich jeden Tag die imposante Eingangshalle.
Die Arbeit selbst entsprach allerdings nicht ganz meinen Erwartungen. Es hatte sich alles so gut angehört: Sekretärin in der Hauptniederlassung der BANK, Voraussetzungen: Kontaktfreude und Fremdsprachenkenntnisse in Wort und Schrift.
Aber für Standardsätze wie Please, hold the line und das Nachbestellen von Pritt-Stiften hätte ich keine Studienfinanzierung beantragen müssen. Wahrscheinlich war das mit der ebenfalls vorausgesetzten »Flexibilität« gemeint.
Die Arbeit war also alles andere als aufregend, dafür war das Betriebsklima umso besser.
Ich hatte eine eigene Wohnung und einen Job. Mein neues Leben hatte begonnen.
Ein Jahr später brach ich zusammen.
KAPITEL 2
Zur Feier meiner Rückkehr gibt es keine Torte, und im Sekretariat hängen keine Girlanden. Hatte ich auch nicht erwartet. Na ja, ein bisschen vielleicht schon. Als ich nach dem anstrengenden Treppensteigen in der Tür stehe, entweichen Erwartung und Vorfreude mit meinem keuchenden Atem.
Ich hätte natürlich den Lift nehmen können, aber ich treibe ohnehin kaum Sport. Mein Arzt hat mir empfohlen, öfter mal Treppen zu steigen. Er weiß allerdings nicht, dass ich im neunten Stock arbeite.
Es dauert eine Weile, bis mich die Kolleginnen bemerken. Ich registriere sämtliche Veränderungen mit einem Blick: meinen beschlagnahmten Schreibtisch, den vertrauten, freundschaftlichen Umgang meiner Vertretung mit den anderen, die neuen Gesichter. Ein wenig kommt es mir so vor, als würde ich mich um meine eigene Stelle bewerben.
Dann werde ich wahrgenommen, die Kolleginnen kommen auf mich zu und begrüßen mich. Mein Blick gleitet rasch über die Gesichter, sucht jemanden, der nicht da ist.
»Hey, Sabine! Wie geht’s dir?«
»Bist du wieder richtig fit?«
»Na, dann mach dich mal auf was gefasst. Hier geht’s zu wie im Irrenhaus!«
»Wie geht’s? Du siehst gut aus.«
Niemand von ihnen hat sich blicken lassen, als ich krank war, außer Jeanine.
Renée kommt mir mit einem Becher Kaffee entgegen. »Hallo, Sabine«, sagt sie lächelnd. »Alles okay?«
Ich nicke und sehe zu meinem Schreibtisch hinüber.
Sie bemerkt meinen Blick. »Ich möchte dir Margot vorstellen, deine Vertretung«, sagt sie. »Margot hat, solange du weg warst, deine Aufgaben übernommen. Sie bleibt, bis du wieder voll einsatzfähig bist.«
Ich lächle Margot an, und sie lächelt zurück, macht aber keine Anstalten, aufzustehen und mir die Hand zu geben.
»Wir haben uns bereits kennen gelernt«, sagt sie.
Renée guckt erstaunt.
»Bei der Weihnachtsfeier«, hilft ihr Margot auf die Sprünge, und Renée nickt. Sie erinnert sich.
Ich will gerade auf meinen Arbeitsplatz zugehen, als Renée mich zurückhält. »Da hinten ist noch ein Schreibtisch frei, Sabine. Margot arbeitet jetzt schon so lange hier, dass es Unsinn wäre, wenn sie jetzt umziehen müsste.«
Ich sage mir, dass es kein guter Einstand ist, gleich am ersten Tag ein Drama um so etwas Banales wie einen Schreibtisch zu machen. Schweigend gehe ich in die hinterste Ecke des Sekretariats und richte mich an meinem neuen Platz ein, weit weg von den anderen. Mein Blick fällt auf den Schreibtisch, dem ich früher gegenübersaß.
»Wo ist Jeanine?«, frage ich, und gleichzeitig beginnt ein Drucker zu rattern.
»Kaffee?«, fragt Renée munter.
»Ja, gern.«
»Mit Milch, stimmt’s?«, sagt sie. Ich nicke, und sie verschwindet.
Ist doch nur ein Schreibtisch. Einatmen, ausatmen.
 
Irgendetwas ist anders. Ich weiß noch nicht genau was, aber die Stimmung hat sich spürbar verändert. Das Interesse an meiner Rückkehr hat sich schnell gelegt. Ich hatte mich darauf eingestellt, mit den Kolleginnen, vor allem aber mit Jeanine, ein bisschen zu plaudern und zu erzählen, aber um mich herum ist nur Leere.
Alle konzentrieren sich wieder auf ihre Arbeit, und ich sitze in meiner Ecke. Ich greife nach dem Stapel Post im Eingangskorb und frage, ohne jemanden direkt anzusehen: »Wo ist eigentlich Jeanine? Hat sie Urlaub?«
»Jeanine hat vor kurzem gekündigt«, sagt Renée, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen. »Zinzy ist ihre Nachfolgerin. Du wirst sie im Lauf der Woche kennen lernen, sie hat gerade ein paar Tage frei.«
»Wie? Jeanine ist gegangen?«, sage ich verblüfft. »Das wusste ich ja noch gar nicht.«
»Es gibt so einiges, was du noch nicht weißt«, sagt Renée, den Blick nach wie vor auf ihren PC gerichtet.
»Und das wäre?«, frage ich.
Jetzt dreht sie sich zu mir um. »Wouter hat mich im Januar zur Leiterin des Sekretariats ernannt.«
Unsere Blicke treffen sich.
»Aha«, sage ich. »Ich wusste gar nicht, dass so eine Position bei uns überhaupt existiert.«
»Es bestand Bedarf.« Renée wendet sich wieder ihrem Bildschirm zu.
Mir geht so vieles durch den Kopf, dass ich nicht weiß, was ich darauf sagen soll. Ich lege den Poststapel vor mich hin, und plötzlich erscheint mir der Vormittag endlos lang. Ich unterdrücke das Bedürfnis, Jeanine anzurufen. Warum hat sie mir nichts von ihrer Kündigung erzählt?
Ich starre aus dem Fenster, bis ich merke, dass mich Renée beobachtet. Erst als ich mich über die Post beuge, wendet sie den Blick wieder ab.
Herzlich willkommen im Büro, Sabine.
Jeanine und ich haben gleichzeitig hier angefangen, als das Sekretariat noch unbesetzt war. Die BANK hatte kurz zuvor einen neuen Trustfonds eingerichtet, der noch aufgebaut werden musste.
Jeanine und ich kamen gut miteinander aus. Wir lästerten über die Finanzberater und Sachbearbeiter, für die wir Sekretariatsarbeiten erledigten, wir führten gemeinsam ein besseres Ablagesystem ein und vertraten uns gegenseitig am Telefon, wenn eine mal eine halbe Stunde etwas Privates erledigen wollte. Im Großen und Ganzen war ich mit meinem Job zufrieden.
Bald wuchs uns die Arbeit über den Kopf. Für den Trustfonds wurden immer mehr Leute eingestellt, sodass die Sekretariatsarbeit kaum noch zu bewältigen war. Wir brauchten Unterstützung, und zwar schnell.
Jeanine und ich führten gemeinsam die Bewerbungsgespräche, und so kam Renée dazu. Sie arbeitete gut, aber die Atmosphäre veränderte sich schlagartig. Renée war vorher Chefsekretärin gewesen. Sie wusste, wie man ein Sekretariat führt. Und sie fand, dass unser Sekretariat sehr zu wünschen übrig ließ, und das galt auch für Jeanine und mich. Verlängerte Mittagspausen oder mal schnell eine Besorgung machen, wenn’s ein bisschen ruhiger war - solche Dinge fanden vor ihren Augen keine Gnade. Im Grunde hatte sie natürlich Recht, aber dass sie sich in einem persönlichen Gespräch hinter verschlossenen Türen bei Wouter über uns beschwerte, das wiederum fand vor unseren Augen keine Gnade. Wouter jedenfalls war hellauf begeistert von Renée: ein echter Glücksfall für die Abteilung!
»Und die haben wir auch noch selbst eingestellt!«, sagte Jeanine.
Wouter war der Meinung, dass Renée die Einstellung einer vierten Sekretärin in die Hand nehmen solle, denn sie habe den richtigen Blick dafür.
»Wir nicht«, gab ich zu.
»Wie sich gezeigt hat«, meinte Jeanine.
Renée gab Stellenanzeigen in den großen Tageszeitungen auf und telefonierte mit Zeitarbeitsfirmen. Damit war sie vollauf beschäftigt, sodass die ganze Arbeit wieder an Jeanine und mir hängen blieb. Sie führte tagelang Bewerbungsgespräche mit mehr oder weniger gut geeigneten jungen Frauen, aber keine davon wurde eingestellt.
»Es ist so schwer, gutes Personal zu finden«, sagte sie kopfschüttelnd, wenn sie aus dem Besprechungsraum kam. »Ehe man sich’s versieht, hat man Mädchen am Hals, die glauben, die Arbeit einer Sekretärin bestehe nur aus Briefetippen und Faxeverschicken. Und mit solchen Leuten soll man dann ein gut funktionierendes Team bilden!«
Also ackerten wir weiter, denn der Trustfonds wuchs, und die Arbeit stapelte sich.
Wir machten jeden Tag Überstunden und arbeiteten oft die Mittagspause durch. Ich war fix und fertig und bekam Schlafstörungen. Ich fühlte mich gehetzt, lag mit Herzklopfen im Bett und starrte an die Decke. Sobald ich die Augen zumachte, erfasste mich ein Schwindel, der mich in einen sich immer schneller drehenden Strudel riss. Ein paar Monate hielt ich noch durch, aber dann brach ich zusammen. Anders kann man das nicht nennen. Ich verfiel in eine totale Apathie, die schlagartig alle Farben um mich herum verblassen ließ.
 
Ab Mai war ich krank geschrieben und ließ mich erst zur Weihnachtsfeier wieder in der BANK blicken. Ich trank ein Glas Wein und plauderte mit den Kollegen, das heißt, ich versuchte es. Die meisten übersahen mich geflissentlich oder redeten über Dinge, von denen ich keine Ahnung hatte. Es waren auch viele Neue dazugekommen. Jeanine war nicht da, sie lag mit Grippe im Bett.
Ich nippte an meinem Wein und blickte in die Runde. Von Renées Beförderung war damals noch nicht die Rede; mir fiel nur auf, dass sie ständig das große Wort führte. Die während meiner Abwesenheit dazugekommenen Neuen, darunter auch Margot, nahmen keine Notiz von mir.
Vielleicht haben sie Hemmungen, dachte ich.
Ich lächelte sie freundlich an; sie wandten den Blick ab.
Ich suchte Kontakt zu Luuk und Roy, zwei Sachbearbeitern, mit denen ich mich immer gut verstanden habe. Sie antworteten auf meine interessierten Fragen, bemühten sich aber nicht, das Gespräch in Gang zu halten. Bald begannen sie über Fußball zu sprechen und über einen schwierigen Kunden, der ständig Einblick in die Zahlen verlangte. Ich hörte zu, nippte wieder an meinem Wein und blickte in die Runde.
Wouter stand neben mir und hatte mir halb den Rücken zugekehrt.
Ich ging früh nach Hause.
 
Gefreut habe ich mich also nicht darauf, wieder zur Arbeit zu gehen, aber was soll’s, es ist ja nur halbtags. Wird schon werden!
Ich fange an, die Umschläge zu öffnen und Gummibänder zu entfernen. Schon nach einer halben Stunde habe ich es gründlich satt. Wie spät ist es, um Himmels willen? Noch nicht mal neun! Wie soll ich diesen Tag bloß durchstehen?
Ich sehe mich im Sekretariat um. Ein paar Meter weiter sitzt Margot; ihr Schreibtisch steht im rechten Winkel zu dem von Renée, sodass die beiden miteinander reden können, ohne dass ich etwas mitbekomme.
Die Sachbearbeiter gehen ein und aus, sie bringen Konzepte, die abgetippt werden müssen, Post, die per Einschreiben zu verschicken ist, und dergleichen mehr. Renée organisiert und delegiert wie ein Schiffskapitän. Die unangenehmsten Jobs bekomme ich. Und davon gibt es mehr als genug. Schachteln falten fürs Archiv, Kaffee im Konferenzraum bereitstellen, Besucher in der Halle abholen. Der Vormittag schleppt sich dahin.
Als ich um halb eins meine Tasche nehme, habe ich mit niemandem ein freundliches Wort gewechselt und fühle mich total ausgelaugt.
Ich gehe zum Parkplatz, steige in mein Auto und fahre langsam vom Firmengelände.
KAPITEL 3
Todmüde komme ich nach Hause. Meine Zweizimmerwohnung ist ein einziges Chaos. Nach der funktionalen Strenge im Büro fällt mir die bunt zusammengewürfelte Einrichtung besonders auf. Kein Mensch hat mir je gesagt, dass mein Gehalt hauptsächlich für den Kredit und den Supermarkt draufgehen würde; dass kaum noch etwas übrig bleibt für den jeweils angesagten Lifestyle. Mit weiß gestrichenen Wänden, etwas Farbe für die abblätternden Fensterrahmen und einem pastellfarbenen Teppich auf dem kahlen Dielenboden habe ich versucht, etwas Atmosphäre zu schaffen. Ich lege meine Tasche auf den Tisch. Mein Burn-out-Syndrom saugt mich aus, lässt mich wie eine ausgequetschte Zitrone aufs Sofa sacken.
Nach einer Weile raffe ich mich auf und werfe auf dem Weg in die Küche einen Blick auf den Anrufbeantworter. Das rote Lämpchen zwinkert mir zu. Überrascht bleibe ich stehen. Eine Nachricht?
Neugierig drücke ich die Abhörtaste. Ein eintöniges Besetztzeichen verrät mir, dass sich der Anrufer nicht die Mühe gemacht hat, eine Nachricht zu hinterlassen. Verärgert drücke ich die Löschtaste, damit der Anruf nicht mehr angezeigt wird. Ich kann es nicht leiden, wenn Leute nach dem Piepton auflegen. Jetzt darf ich mir den ganzen Nachmittag über den Kopf zerbrechen, wer wohl angerufen hat.
Meine Mutter kann’s nicht gewesen sein, die quatscht nämlich immer das ganze Band voll. Die meiste Zeit des Jahres lebt sie mit meinem Vater in Spanien. Ich sehe sie nur selten.
Wahrscheinlich mein Bruder Robin. Er ruft fast nie an, aber wenn, hat er auch wirklich das Bedürfnis, mit mir zu reden. Er hasst Anrufbeantworter und hinterlässt fast nie eine Nachricht.
Ich gehe in die Küche, lege das Schneidebrett zurecht, hole eine Schale Erdbeeren aus dem Kühlschrank, angle zwei Scheiben Vollkornbrot aus der Tüte und bereite meinen üblichen Mittagsimbiss zu. Nichts schmeckt besser als frische Erdbeeren auf Brot. Ich bin regelrecht süchtig danach.
Während ich die Erdbeeren halbiere und aufs Brot lege, denke ich wieder an den verpassten Anruf. Wer kann das gewesen sein? Vielleicht doch nicht Robin, sondern Jeanine? Aber warum sollte sie mich anrufen? Wir haben schon länger nichts mehr voneinander gehört.
Ich stecke mir eine riesengroße Erdbeere in den Mund und gucke gedankenverloren aus dem Küchenfenster. Jeanine und ich haben uns praktisch auf Anhieb verstanden, aber aus irgendeinem Grund hat sich unsere Beziehung auf den Job beschränkt. Als wäre der Übergang von der Kollegin zur Freundin schon zu viel des Guten. Das hat sich auch während meiner Krankheit gezeigt. Anfangs kam sie noch ab und zu vorbei, aber jemand, der nur apathisch auf dem Sofa rumliegt und vor sich hinstarrt, ist keine besonders angenehme Gesellschaft. Nach einigen Versuchen ihrerseits, mich aufzuheitern, was im Übrigen niemandem gelungen wäre, schlief unser Kontakt mehr oder weniger ein. Trotzdem hatte ich mich darauf gefreut, sie heute wiederzusehen. Ich bin ihr auch nicht böse, dass sie sich nicht mehr um mich gekümmert hat, denn mit mir war ja sowieso nichts anzufangen.
Unsere Freundschaft hatte einfach nicht die Chance, sich richtig zu entwickeln, und ich war eigentlich davon ausgegangen, dass wir da weitermachen würden, wo wir aufgehört hatten. Ich habe einfach nicht das Talent, Kontakte so zu pflegen, dass sich dauerhafte Freundschaften daraus ergeben. Obwohl ich nicht schüchtern bin, gern unter Leute gehe und mich problemlos über Gott und die Welt unterhalten kann, entsteht nie die Nähe, die eine engere Beziehung ausmacht. Wahrscheinlich rede ich zu viel und sage zu wenig. Daran möchte ich auch nicht unbedingt etwas ändern, denn warum sollten die Leute alles Mögliche über mich wissen? Aber das hat nun mal zur Folge, dass sich andere auch nicht dazu berufen fühlen, mich ins Vertrauen zu ziehen. Das war auch während des Studiums so. Meine Kommilitonen mochten mich schon, jedenfalls waren sie immer nett und herzlich. Trotzdem habe ich mich vier Jahre lang wie eine Außenseiterin gefühlt.
Im ersten Studienjahr wohnte ich zu noch Hause. Soweit ich mich erinnere, habe ich nur zweimal ernsthaft nach einem möblierten Zimmer in Amsterdam gesucht. In der Rhijnvis Feithstraat wurde eines angeboten. Erwartungsvoll ging ich hin. Ich klingelte bei der angegebenen Adresse, es summte, und die Tür sprang auf. Auf dem Treppenabsatz erschien ein dicker Mann in Unterwäsche. »Was gibt’s?«, brüllte er zu mir herunter.
Ich sah sein unrasiertes Gesicht und den dicken Bierbauch.
»Nichts«, sagte ich. »Schon gut.«
Das andere Zimmer, das ich mir ansah, lag in der Pijp, genauer gesagt in der Govert Flinckstraat. Es war ein scheußliches Loch unterm Dach mit feuchten Wänden und Aussicht auf gammlige Hinterhöfe voller Wäscheleinen. Dazu gehörte eine versiffte Gemeinschaftsküche und eine Toilette ohne Wasserspülung.
Ich sah mir die Bude an und stellte mir vor, hier zu wohnen. An sich war es schon verlockend, nicht mehr zwei Stunden täglich mit der Bahn fahren zu müssen. In Gedanken sah ich mich auf dem Weg zur Pädagogischen Hochschule die Herengracht entlangfahren, vorbei an den stattlichen Giebelhäusern, die sich in den Grachten spiegelten, und das mit der Lässigkeit einer Großstädterin, die all die belebten Straßen und Plätze als ihr Wohnzimmer betrachtet. So wäre ich gern gewesen, aber tief in meinem Herzen war ich eben doch ein Landei, das sich den Sprung in die große weite Welt nicht zutraute.
Eigentlich war das Zuhausewohnen gar nicht so schlecht. Ich brauchte mir keine Gedanken um meine Wäsche zu machen, die wurde gewaschen und gebügelt; abends stand pünktlich das Essen auf dem Tisch - Fleisch und frisches Gemüse statt Fastfood, mit dem meine Kommilitonen ihre Gesundheit ruinierten. Außerdem fühlte ich mich zu Hause sehr wohl. Ich dachte also nicht mehr ans Ausziehen, bis meine Eltern Auswanderungspläne schmiedeten. Als sie mir von ihrem Vorhaben erzählten, war ich neunzehn, und ich flippte völlig aus. Meine Eltern - mein Halt, mein Rettungsanker - kehrten mir einfach den Rücken! Wie kamen sie bloß auf die Idee, ich sei erwachsen, könne auf eigenen Füßen stehen und ohne sie zurechtkommen? Wer hatte ihnen diesen Floh ins Ohr gesetzt? Ich konnte nicht ohne sie leben, niemals! Wohin sollte ich dann an den Wochenenden, bei wem Unterstützung finden? Ich saß auf dem Sofa, schlug die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus.
Im Nachhinein schäme ich mich ein bisschen, dass ich es Papa und Mama so schwer gemacht habe. Robin erzählte mir später, dass sie ernsthaft überlegt hätten, ihren Plan aufzugeben, er ihnen aber geraten habe, sich von mir nicht so beeinflussen zu lassen.
»Demnächst hat sie einen Freund, und dann seht ihr sie sowieso kaum mehr«, redete er ihnen zu. »Jetzt seid ihr noch jung genug, um euren Traum zu verwirklichen. In zehn Jahren, wenn Sabine längst ihr eigenes Leben führt, wagt ihr diesen Schritt vielleicht nicht mehr.«
Sie unterstützten mich finanziell, sodass ich mir eine kleine Wohnung in Amsterdam kaufen konnte, und reisten ab. Alle paar Wochen flogen sie zurück in die Niederlande, zu mir. Aber nur am Anfang.
Meine Studienjahre, aber auch die Zeit danach, waren einsam. Mit keinem meiner Kommilitonen habe ich Kontakt gehalten. Ehrlich gesagt hätte mir auch die Energie gefehlt, mich nach Feierabend noch mit Leuten zu verabreden. Meine Welt bestand fünf lange Arbeitstage pro Woche aus dem Sekretariat der BANK, den mit dunkelblauem Teppichboden ausgelegten Fluren, den Toiletten mit den Energiesparlampen, die einen hohläugigen Alien aus einem machen. Meine freie Zeit verbrachte ich in der Kantine oder am Süßigkeitenautomaten im zehnten Stock, zu dem Jeanine und ich gegen vier flüchteten, um kurz Pause zu machen.
Offiziell war um fünf Uhr Schluss, aber jede zweite Woche hatte ich Telefondienst bis um sechs; dann fing ich auch eine Stunde später an. Wenn ich dann gegen halb sieben nach Hause kam, hatte ich nicht mehr die Kraft zu kochen, geschweige denn, soziale Kontakte zu pflegen.
Ich schaffte es gerade noch, mich mit einem in der Mikrowelle aufgewärmten Fertiggericht aufs Sofa fallen zu lassen und den Fernseher einzuschalten. Wenn ich aufs Klo ging, guckte ich routinemäßig auf meine Armbanduhr, um mir dann zu sagen, dass ich schließlich zu Hause war und in aller Ruhe sitzen bleiben konnte, weil da keine Renée war, die bei meiner Rückkehr vorwurfsvoll auf die Uhr guckte. Meine Freundschaft mit Jeanine begann sich gerade auf die Wochenenden auszudehnen, als ich krank wurde. Jetzt arbeite ich wieder, und sie ist nicht mehr da! Warum hat sie gekündigt?
 
Jeanine öffnet die Tür einen Spaltbreit, ihr Kopf ist in Alufolie eingepackt. »Sabine!«, sagt sie verdutzt.
Leicht verlegen sehen wir uns an. Ich will mich schon für den Überraschungsbesuch entschuldigen, als sie die Tür ganz aufmacht. Wir küssen uns auf die Wange.
»Steht dir gut«, sage ich mit einem Blick auf die Folie.
»Schon gut. Ich färbe mir gerade die Haare, deshalb auch der alte Bademantel. Da sind noch die Flecken vom letzten Mal dran. Ich hab mich echt zu Tode erschreckt, als es klingelte.«
»Dann mach doch nicht auf.«
»Na, hör mal! Ich will schließlich wissen, wer vor meiner Tür steht. Gott sei Dank warst du es bloß.«
Ich setze mich in einen Korbstuhl mit weißem Kissen, der bequemer ist, als er aussieht.
Wir sehen uns an und lächeln verlegen.
»Willst du einen Kaffee?«, fragt Jeanine. »Oder können wir uns schon was Stärkeres genehmigen?« Sie guckt auf die Uhr. »Halb neun. Gerade richtig. Wie wär’s mit einem Glas Wein?«
»Lieber erst Kaffee«, sage ich und rufe ihr, als sie in die Küche geht, nach: »Aber bring den Wein gleich mit!«
Ich höre sie lachen und schaue mich zufrieden um. Die Entscheidung, Jeanine zu besuchen, war richtig. Kein langer, öder Abend in meiner Wohnung, stattdessen werden wir bei einer Flasche Wein gemütlich plaudern. Genau so hatte ich mir mein Leben vorgestellt, als ich damals in eine eigene Wohnung zog.
»Arbeitest du schon wieder?« Jeanine kommt mit zwei Bechern Kaffee und der Weinflasche unterm Arm ins Zimmer. Sie stellt alles auf den Tisch und holt zwei Weingläser aus dem Schrank.
»Heute war mein erster Arbeitstag.«
»Und? Wie war’s?«
»Es war …« Ich suche nach dem richtigen Wort. »Bescheiden. Ich war froh, als es halb eins war.«
»Also war’s schrecklich.«
»Das kann man laut sagen.«
Schweigend trinken wir Kaffee.
»Deshalb bin ich auch gegangen«, sagt Jeanine nach einer Weile. »Das Arbeitsklima hat sich total verändert. Renée leidet an akutem Größenwahn und stellt nur Leute ein, die ihr aus der Hand fressen. Das hab ich Wouter auch gesagt, als ich gekündigt hab. Aber du kennst ihn ja. Er ist überglücklich mit unserer Potentatin. Wie war sie zu dir?«
»Wir haben kaum miteinander geredet. Genauer gesagt: Ich habe mit niemandem wirklich geredet. Die meisten kannte ich nicht, und von denen hat sich gerade mal die Hälfte die Mühe gemacht, sich vorzustellen. Ich hab brav die Post geöffnet und Schachteln gefaltet.«
»Du musst da weg. So schnell wie möglich.«
»Und dann? Was soll ich denn machen? Ich hab nichts auf der hohen Kante und kann’s mir nicht leisten zu kündigen. Wer weiß, ob ich einen neuen Job finde!«
»Du findest garantiert was. Melde dich bei einer Zeitarbeitsfirma.«
»Nein, danke. Da werde ich von hier nach dort geschickt, darf Ablage machen und den lieben langen Tag Daten eingeben. Ich warte lieber ab. Der erste Tag ist immer der schlimmste. Und dann such ich mir in aller Ruhe etwas anderes. Außerdem weiß ich noch gar nicht, was du jetzt machst!«
»Ich arbeite in einer Anwaltskanzlei«, erzählt Jeanine. »Macht echt Spaß. Die Arbeit ist zwar nicht viel anders, aber das Betriebsklima …«
Nicht ohne Neid trinke ich deprimiert den Kaffee aus.
»Ich hör mich für dich um«, verspricht Jeanine spontan. »Über Beziehungen geht’s immer leichter, und ich hab dort schließlich mit vielen Leuten zu tun.«
Dankbar sehe ich sie an. »Wenn du das tun würdest …«
»Klar doch, kein Problem. Arbeitet Olaf eigentlich noch bei der BANK?«
»Olaf? Welcher Olaf?«
»Stimmt, den kennst du ja noch gar nicht. Er arbeitet in der EDV, ein irre cooler Typ. Die PCs liefen alle einwandfrei, aber die ganze Abteilung lag danieder.« Jeanine kichert.
»Den hab ich noch nicht gesehen«, sage ich.
»Dann sieh mal zu, dass du ihn kennen lernst«, sagt Jeanine. »Zieh einfach den Stecker von deinem Computer raus und ruf Olaf.«
»Ach, hör doch auf!«
»Renée ist hin und weg von ihm«, grinst Jeanine. »Du musst sie mal beobachten, wenn er ins Sekretariat kommt. Du wirst dich kringeln!« Sie springt auf und imitiert eine kokettierende Renée, sodass ich ebenfalls lachen muss.
»Zum Glück lässt sie ihn völlig kalt«, sagt Jeanine zufrieden. »Ist dein Kaffee alle? Dann gehen wir jetzt zum Wein über. Schenk schon mal ein, ich muss mir nur noch schnell die Haare ausspülen, sonst sind sie morgen orange.«
Während Jeanine im Badezimmer herumkleckst, schenke ich die Weingläser voll. Ich habe mich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt. Es ist doch gut, die Initiative zu ergreifen. Sollte ich häufiger tun. Nicht abwarten, sondern selbst auf Leute zugehen. Vielleicht hat Renée ja mal Lust, mit mir ins Kino zu gehen.
Kichernd trinke ich einen Schluck Wein.
Mit nassen, dunkelroten Haaren kommt Jeanine zurück. Sie trägt jetzt eine Jeans und ein weißes T-Shirt und wirkt fröhlich und lebhaft. Ganz so, wie ich sie kenne, bis auf die Haarfarbe.
»Sieht toll aus«, sage ich voller Bewunderung. »Aber ganz schön gewagt nach dem Braun!«
Der Abend wird lang. Wir trinken, lachen und ziehen über Renée her. Jeanine informiert mich genauestens über die neuen Kolleginnen und kommt zu der Schlussfolgerung, dass sie eigentlich ganz okay sind, aber leider nicht merken, wie manipulativ Renée ist.
»Sie hat bei den Kollegen Gift über dich verspritzt«, warnt mich Jeanine. »Du darfst nicht warten, bis sie zu dir kommen, das machen sie nämlich nicht. Geh selbst auf sie zu und zeig ihnen, dass du nicht so bist, wie Renée dich dargestellt hat.«
»Hat sie mich denn wirklich schlecht gemacht?«, sage ich zweifelnd. »So falsch kann sie doch nicht sein?«
»O doch«, sagt Jeanine laut. »Wenn’s nach ihr geht, bist du erst krank, wenn du auf der Intensivstation liegst oder von Kopf bis Fuß eingegipst bist. Sie hat mal gesagt, wie krank man ist, sei lediglich eine Frage von Willenskraft, und daran würde es dir eben fehlen. So hat sie dich den neuen Kolleginnen geschildert. Ich war selbst dabei, also sei gewarnt.«
Ich bin aus den Schuhen geschlüpft und sitze mit angezogenen Beinen auf dem Sofa. »Aber du glaubst mir doch?«, frage ich besorgt.
»Klar.« Jeanine gießt mein Glas wieder voll und geht in die Küche. Während sie in einem Schränkchen kramt, redet sie weiter, jetzt etwas lauter, damit ich sie höre. »Ich kenne etliche Leute mit einem Burn-out: Du hattest doch ein Burn-out, oder?«
Sie kommt mit einer Schale Kartoffelchips zurück und sieht mich fragend an.
Ich nicke, weil ich glaube, dass Burn-outs, Depressionen und Nervenzusammenbrüche mehr oder weniger auf dasselbe hinauslaufen.
Jeanine schenkt mir nach und zieht dann ebenfalls die Füße unter die Oberschenkel. »Ich versteh schon, was Renée meint: Das Burn-out-Syndrom hat sich inzwischen zu einer regelrechten Epidemie ausgewachsen. Alle Welt leidet daran, in unterschiedlicher Ausprägung, und man kann nicht feststellen, ob jemand wirklich noch nicht wieder arbeiten kann oder einfach noch eine Weile zu Hause abhängen will. Es gibt sicher Leute, die das ausnutzen, und Renée bildet sich ein, sie könnte die Diagnose selbst stellen. Wahrscheinlich hat sie in einem früheren Leben Medizin studiert. Als ich mal stark erkältet war und mich krank gemeldet habe, stand sofort einer vom Ärztlichen Kontrolldienst vor der Tür. Normalerweise schicken sie höchstens nach ein paar Tagen einen vorbei, aber nein, eine Stunde nach meinem Anruf im Büro war er schon da. Auf den dringenden Wunsch meines Chefs hin, sagte der Kerl. Und nun rate mal, wer Wouter wohl dazu angestiftet hat?«
Ich trinke einen Schluck und gucke Jeanine verständnislos an. »Warum hat Renée dir nicht geglaubt? Erkältet ist doch jeder mal.«
»Wahrscheinlich, weil ich vorher rumgemault habe, dass ich mir nicht mal einen einzigen Tag freinehmen kann. Ich hab mich nicht mal mehr in den Laden an der Ecke getraut, um ein Netz Orangen zu kaufen. Vor lauter Angst, was passiert, wenn wieder ein Kontrolleur klingelt, und ich bin nicht da!«
»Voll gemein«, sage ich aus tiefstem Herzen und nehme mir eine Hand voll Chips. Irgendwie gerät mir ein ziemlich großes Stück in die Luftröhre und bleibt dort stecken. Ich bekomme einen Hustenanfall, der mir die Tränen in die Augen treibt, aber der Chipskrümel bleibt, wo er ist.
»Trink einen Schluck Wein«, sagt Jeanine und hält mir mein Glas hin. Aber ich muss so stark husten, dass ich würge.
»Nun trink doch!«, ruft sie besorgt.
Ich bedeute ihr, dass es nicht geht, aber sie hält mir das Glas weiterhin vor die Nase und drängt. »Spül’s runter!«
Vielleicht wäre es gut, wenn sie mir auf den Rücken klopfen würde. Um ihr das klar zu machen, versuche ich es selbst. Viel zu weit unten, ich komme nicht zwischen die Schulterblätter.
Jeanine steht auf und schlägt mir fest auf den Rücken. Viel zu fest und viel zu tief.
Ich hebe die Hand zum Zeichen, dass sie aufhören soll, aber sie meint, ich wolle sie anspornen, und schlägt noch fester. »Soll ich den Heimlich-Griff machen? Steh auf!«, schreit sie, aber da löst sich der Krümel, und ich kriege wieder Luft. Noch immer hustend, lasse ich mich in die Sofapolster fallen, wische mir die Tränen ab und trinke einen Schluck Wein.
»Geht’s wieder?«, fragt Jeanine besorgt. »Hab ich nicht gesagt, du sollst was trinken?«
Ich stelle das Glas auf die Sofalehne. »Du blöde Nuss«, sage ich. »Fast hättest du mich zum Krüppel gemacht, so, wie du auf meine Wirbelsäule eingedroschen hast!«
»Eingedroschen? Gerettet hab ich dich!«, ruft Jeanine empört.
»Indem du erst zuguckst, wie ich ersticke, und dann rufst, ich soll Wein trinken?«
Jeanine starrt mich sprachlos an, ich starre zurück, und dann prusten wir beide los.
Jeanine wischt sich die Tränen ab. »Vielleicht sollte ich mal wieder einen Erste-Hilfe-Kurs machen. Bei mir im Büro suchen sie noch Freiwillige.«
Ich schnappe mir die leere Weinflasche und deute damit auf sie: »Eine super Idee, echt, voll gut!«
Jetzt ist das Eis endgültig gebrochen; alles ist wieder genau wie früher. Wir trinken, plaudern, lachen, lästern und trinken noch mehr. Irgendwann stehe ich auf, um zur Toilette zu gehen. Die Zimmerdecke wogt auf und ab, und ich sinke stöhnend zurück aufs Sofa.
»Haben wir etwa zu viel getrunken?«, lalle ich.
»Nö«, sagt Jeanine. »Ich seh dich nur doppelt. Wenn ich richtig betrunken bin, seh ich vierfach.«
Sie kichert, und ich kichere mit.
»Du musst hier übernachten«, sagt Jeanine mit schwerer Zunge. »So lass ich dich nicht auf die Straße. Wie spät ist es überhaupt? O Gott, schon zwei Uhr.«
»Das darf doch nicht wahr sein!« Ernüchtert springe ich auf. »Ich muss morgen wieder arbeiten!«
»Meld dich doch krank, das versteht Renée bestimmt.«
Prustend holen wir eine Bettdecke vom Boden, stopfen sie mit vereinten Kräften in einen Bezug und richten für mich ein Schlaflager auf dem Sofa her.
»Gute Nacht«, sagt Jeanine schläfrig.
»Gute Nacht«, murmle ich und schlüpfe unter die Decke, bette den Kopf auf ein Sofakissen und versinke in einer überwältigenden Weichheit.
KAPITEL 4
Es wird über mich geredet. Nicht offen, sondern hinter meinem Rücken. Ich merke das, weil Stille eintritt, wenn ich mit meiner Unterschriftenmappe ins Sekretariat komme, ich merke es an den ausweichenden Blicken und den ertappten Gesichtern. Das verunsichert mich und lässt mir den Vormittag noch länger werden als er sowieso schon ist.
Ich nehme mir ein Formular und bestelle Scheren, Locher und Büroklammern nach. Aus den Augenwinkeln sehe ich zur Uhr. Ist das Ding etwa stehen geblieben?
Da durchbricht eine tiefe Männerstimme die Stille im Sekretariat. »Guten Morgen! Wie ich höre, gibt’s hier ein Problem?«
Ich fahre auf meinem Bürostuhl herum und sehe einen durchtrainierten Mann von eins neunzig mit blondem Wuschelkopf. Ein breites Lachen auf einem sympathischen Gesicht.
»Na so was, Sabine!« Mit großen Schritten durchquert er das Sekretariat und setzt sich auf meine Schreibtischkante. »Ich dachte schon gestern, das musst doch du sein, aber jetzt bin ich mir sicher. Du kennst mich wohl nicht mehr, was? Ich seh’s dir an.«
Ich überlege fieberhaft, woher ich diesen Mann kenne, aber ich komme nicht drauf.
»Äh … ja … war das nicht … ich meine …«
Inzwischen registriere ich, dass mich meine Kolleginnen verblüfft und leicht missgünstig anstarren. Wahrscheinlich verdächtigen sie mich jetzt eines Doppellebens: tagsüber die brave Sekretärin und nachts Gott weiß was.
»Olaf«, sagt er. »Olaf van Oirschot, du weißt schon, Robins Freund.«
Der dichte Nebel in meinem Gehirn lichtet sich. Erleichtert atme ich auf. Klar! Der lange Olaf, ein Freund meines Bruders. Damals auf dem Gymnasium trieb sich Robin eine Zeit lang mit ein paar Typen rum, denen mehr an blödsinnigen Provokationen lag als an ihren Schulnoten.
»Jetzt weißt du’s wieder«, sagt Olaf zufrieden.
Ich nicke, lehne mich zurück und betrachte ihn eingehend. »Du warst doch der, der damals in dem Lokal so getan hat, als wäre er blind, oder?«
Olaf lacht peinlich berührt. »Ach je, die Geschichte kennst du? Na ja, was soll ich dazu sagen? So waren wir damals eben. Im Übrigen haben wir den Schaden komplett ersetzt.«
Um uns herum stehen bereits einige Kolleginnen. Renée braucht anscheinend ganz dringend was aus meinem übervollen Eingangskorb, den sie normalerweise bewusst ignoriert. Sie wendet sich an Olaf, als würde sie seine Gegenwart erst jetzt bemerken, und sagt lächelnd: »Hallo, Olaf, gut, dass du hier bist. Ich hab da nämlich ein Problem mit meinem PC. Wenn ich etwas speichern will, kriege ich immer so komische Meldungen. Könntest du dir das bitte mal ansehen?« Noch im Reden zieht sie Olaf mit sich zu ihrem Schreibtisch. »Schau mal, das meine ich.«
Olaf dreht sich zu mir um: »Bis später, Sabine.«
Ich nicke und will mich wieder auf meine Bestellformulare konzentrieren, aber es gelingt nicht; die unerwartete Konfrontation mit einer Zeit, die ich längst hinter mir gelassen habe, hat mich völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Außerdem kann ich es kaum fassen, dass aus dem jungen Schlaks von damals so ein attraktiver Typ geworden ist …
Als ich um halb eins endlich gehen kann, begegnen wir uns wieder. Im Lift.
»Na, gehst du auch essen?«, sagt Olaf.
»Nein, ich gehe nach Hause.«
»Noch besser.«
»Ich arbeite zurzeit halbtags«, sage ich etwas verlegen.
»Ich im Prinzip auch, obwohl ich meist den ganzen Tag hier bin«, sagt Olaf grinsend.
Mit verschränkten Armen lehnt er an der Spiegelwand und mustert mich ungeniert. Mit jeder Sekunde kommt mir der Lift enger vor.
Ich lehne mich genauso lässig an die Wand, verschränke ebenfalls die Arme, aber mein Blick irrt nervös hin und her. Mein Lachen über Olafs Scherze klingt schrill. Benimm dich nicht wie ein Teenie, Sabine, sage ich mir. Das hier ist Olaf, du kennst ihn.
Aber mein Gefühl sagt etwas ganz anderes. Nicht jetzt, wo er mich so ansieht. Verzweifelt bemühe ich mich um einen lockeren Tonfall: »Äh … du arbeitest hier wohl noch nicht sehr lange, oder? Ich meine, ich hab dich hier noch nie gesehen.«
»Erst seit ein paar Monaten.« Schamlos lässt er den Blick von meinen Beinen zum Busen gleiten. Die Anerkennung darin verwirrt mich.
»Ich war krank. Ein Burn-out«, erkläre ich. Depression klingt gleich so nach Zwangsjacke.
Olaf schnalzt mit der Zunge.
»Ach je«, sagt er mitfühlend. »Warst du lange außer Gefecht?«
»Ziemlich lange.«
»Und jetzt gehst du’s also langsam wieder an, ja?«
Ich nicke. Eine kurze Stille, in der wir uns leicht verlegen anschauen, oder besser gesagt, ich schaue ihn verlegen an, denn er lächelt völlig entspannt. Was gefällt mir eigentlich so an ihm? Seine Gesichtszüge sind zu kantig und unregelmä ßig, als dass man sie schön nennen könnte, und die blauen Augen zu hell, als dass sie einen reizvollen Kontrast zu den blonden Wimpern und Brauen bilden würden. Sein Haar ist dick, aber störrisch, eines von der Sorte, das nie richtig sitzt. Trotzdem, seine Größe und die breiten Schultern machen ihn zu einer attraktiven Erscheinung. Wie sehr er sich doch verändert hat! Ihn wiederum scheint mein Äußeres ebenfalls zu überraschen, dabei dachte ich immer, ich hätte mich seit dem Gymnasium kaum verändert. Mein hellbraunes, glattes Haar trage ich nach wie vor schulterlang, ich schminke mich kaum, bis auf Lidstrich und Wimperntusche, und mein Geschmack, was Kleidung angeht, hat sich auch nicht groß geändert. Ich richte mich nach der Mode, bin aber keine Trendsetterin. Es dauert immer eine Weile, bis ich die größten Modeschocks verdaut habe, sie schätzen und die entsprechenden Sachen auch tragen kann. Meistens sind sie bis dahin schon wieder out. So war das früher, und so ist das auch heute noch. Aber Olaf guckt mich an, als wäre ich das coolste Girl, dem er seit langem begegnet ist, was natürlich Quatsch ist. Wahrscheinlich macht er sich nur über mich lustig.
»So ein Zufall, dass wir uns hier getroffen haben«, sagt Olaf mit einem strahlenden Lächeln. »Andererseits scheinen alle nach Amsterdam gezogen zu sein. Wenn du wüsstest, wie viele alte Bekannte ich hier schon getroffen habe. Früher oder später läuft man hier jedem über den Weg. Aber sag mal, musst du jetzt gleich nach Hause, oder wollen wir noch zusammen essen?«
Erschrocken sehe ich ihn an. Zusammen essen? Damit er mich die ganze Zeit anstarrt und mir die Hände zittern, wenn ich die Gabel zum Mund führe?
 
 
 
 
 
Taschenbucherstausgabe 05/2007
© 2004 Simone van der Vlugt Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006
und dieser Ausgabe by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Redaktion | Christiane Burkhardt München - Zürich, Teresa Mutzenbach, unter Verwendung der Fotos von © Peter Lilja/© Michael Wildsmith/Getty Images Herstellung | Helga Schörnig
eISBN : 978-3-641-03398-9
 
 
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