Kleine freie Männer - Terry Pratchett - E-Book

Kleine freie Männer E-Book

Terry Pratchett

4,5
8,99 €

Beschreibung

Manchmal sind sich Welten so nahe, dass sie sich berühren, und wenn das geschieht, nutzt die böse Feenkönigin die Gelegenheit, Dinge zu stehlen und Kinder von der Scheibenwelt zu entführen. Als der kleine Willwoll in ihre Fänge gerät, bricht seine Schwester, die Nachwuchshexe Tiffany, mit ihren kampfeslustigen, winzigen, blauhäutigen, tätowierten, rothaarigen Begleitern zu einer Reise ins Feenland auf. Doch das Reich der Märchen ist voller Gefahren, und die Rettung des Bruders so gut wie ausgeschlossen …



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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 385



Sammlungen



Buch

Manchmal sind sich Welten so nahe, dass sie sich berühren, und wenn das geschieht, nutzt die böse Feenkönigin die Gelegenheit, Dinge zu stehlen und Kinder von der Scheibenwelt zu entführen. Als der kleine Willwoll in ihre Fänge gerät, bricht seine Schwester, die Nachwuchshexe Tiffany, mit ihren kampfeslustigen, winzigen, blauhäutigen, tätowierten, rothaarigen Begleitern zu einer Reise ins Feenland auf. Doch das Reich der Märchen ist voller Gefahren, und die Rettung des Bruders so gut wie ausgeschlossen …..

Autor

Terry Pratchett, geboren 1948, gilt als einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Von seinen mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Romanen wurden weltweit bisher über 80 Millionen Exemplare verkauft, seine Werke sind in 38 Sprachen übersetzt. Für seine Verdienste um die englische Literatur wurde ihm sogar die Ritterwürde verliehen. Terry Pratchett starb im März 2015.

Terry Pratchetts Fanclub in Deutschland: www.pratchett-fanclub.de

Mehr Informationen zum Autor und seinen Büchern sowie eine Gesamtübersicht über seine bei Goldmann und Manhattan lieferbaren Titel erhalten Sie unter www.pratchett-buecher.de

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3. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2003 by Terry und Lyn Pratchett

Copyright © Illustrationen 2003 by Paul Kidby Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2005 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Published by arrangement with Random House Children’s Books, one part of the Random House Group Ltd All rights reserved Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Paul Kidby An · Herstellung: Str.

eISBN 978-3-641-09988-6V004

 

 

 

www.goldmann-verlag.de

www.randomhouse.de

Inhaltsverzeichnis

Copyright1 Ein gutes Scheppern2 Fräulein Tick3 Jagt die Hexe4 Die Kleinen Riesen5 Das grüne Meer6 Die Schäferin7 Erster Blick und Zweite Gedanken8 Land des Winters9 Verlorene Jungen10 Meisterstück11 Erwachen12 Fröhlicher Seemann13 Land unter der Welle14 Klein wie EichenHinweis des Autors

Tiffany las die Worte und lächelte.

»Aha«, sagte sie. Es gab nichts, an das sie hätte klopfen können, deshalb fügte sie lauter hinzu: »Klopf, klopf.«

Die Stimme einer Frau kam aus dem Zelt. »Wer ist da?«

»Tiffany«, sagte Tiffany.

»Tiffany wer?«, fragte die Stimme.

»Tiffany, die nicht versucht, einen Witz zu machen.«

»Ah. Das klingt vielversprechend. Komm herein.«

Sie strich die Plane beiseite. Im Zelt war es dunkel, stickig und heiß. Eine dürre Gestalt saß hinter einem kleinen Tisch. Die Frau hatte eine schmale, spitze Nase und trug einen großen schwarzen Strohhut mit Papierblumen. Er passte überhaupt nicht zu dem Gesicht.

»Bist du eine Hexe?«, fragte Tiffany. »Ich hätte nichts dagegen.«

»Wie kannst du jemanden mit einer solchen Frage überfallen?« Die Frau wirkte ein wenig schockiert. »Euer Baron hat Hexen in seinem Land verboten, das weißt du ja wohl, und trotzdem fragst du mich sofort, ob ich eine Hexe bin? Warum sollte ich eine Hexe sein?«

»Du trägst schwarze Kleidung«, sagte Tiffany.

»Jeder kann schwarze Kleidung tragen«, erwiderte die Frau. »Das bedeutet nichts.«

»Und du hast einen Strohhut mit Papierblumen auf«, fuhr Tiffany fort.

»Aha!«, sagte die Frau. »Das ist der Beweis. Hexen tragen große, spitze Hüte. Das weiß jeder, dummes Kind.«

»Ja, aber Hexen sind auch sehr schlau«, sagte Tiffany ruhig. Das Funkeln in den Augen der Frau veranlasste sie weiterzusprechen. »Sie schleichen umher. Wahrscheinlich sehen sie nicht oft wie Hexen aus. Und eine Hexe, die hierher käme, wüsste vom Baron und würde einen Hut tragen, von dem alle wissen, dass eine Hexe ihn nicht trägt.«

Die Frau musterte sie. »Das ist außerordentlich gut überlegt«, sagte sie schließlich. »Du wärst eine gute Hexensucherin. Weißt du, dass man Hexen früher verbrannt hat? Welchen Hut auch immer ich trage, für dich wäre er ein Beweis dafür, dass ich eine Hexe bin, nicht wahr?«

»Auch der Frosch auf dem Hut gibt einen Hinweis«, sagte Tiffany.

»Eigentlich bin ich eine Kröte«, sagte das Wesen, das zwischen den Papierblumen hockte und Tiffany beobachtet hatte.

»Für eine Kröte bist du sehr gelb.«

»Ich war ein wenig krank«, sagte die Kröte.

»Und du sprichst«, stellte Tiffany fest.

»Du hast nur mein Wort«, sagte die Kröte und verschwand hinter den Papierblumen. »Du kannst nichts beweisen.«

»Du hast doch keine Streichhölzer dabei, oder?«, wandte sich die Frau an Tiffany.

»Nein.«

»Gut, gut. Wollte nur sichergehen.«

Wieder war es einige Sekunden still, während die Frau einen nachdenklichen Blick auf Tiffany richtete.

»Ich heiße Fräulein Tick«, sagte sie schließlich. »Und ich bin eine Hexe. Es ist natürlich ein guter Name für eine Hexe.«

»Soll er vielleicht darauf hinweisen, dass du einen Tick hast?«, fragte Tiffany und runzelte die Stirn.

»Wie bitte?«, erwiderte Fräulein Tick kühl.

»Nervöse Zuckungen und dergleichen«, erklärte Tiffany.

»Oder meinst du Tick wie in ›du tickst nicht richtig‹?«

»Ich meine, dass es nach Mystik klingt«, sagte Fräulein Tick.

»Oh, ein Wortspiel. In dem Fall könntest du auch ›Tisch‹ heißen, wie in ›mystisch‹ und ›enigmatisch‹, oder ›Voll‹ wie in ›geheimnisvoll‹, oder…«

»Bestimmt kommen wir bestens miteinander zurecht«, sagte Fräulein Tick. »So gut, dass es vielleicht keine Überlebenden gibt.«

»Bist du wirklich eine Hexe?«

»Ja«, sagte Fräulein Tick. »Ich bin wirklich eine Hexe. Ich habe ein sprechendes Tier, neige dazu, andere Leute zu korrigieren, stecke meine Nase gern in fremde Angelegenheiten und, ja, ich trage einen spitzen Hut.«

»Kann ich jetzt die Feder bedienen?«, fragte die Kröte.

»Ja«, sagte Fräulein Tick, den Blick weiter auf Tiffany gerichtet. »Betätige die Feder.«

»Es macht mir Spaß, die Feder zu bedienen«, sagte die Kröte und kroch zum hinteren Teil des Hutes.

Es klickte, und ein leises Fwep-fwep erklang, als der mittlere Teil des Hutes langsam und ruckartig nach oben fuhr. Die Papierblumen fielen zur Seite.

»Äh…«, sagte Tiffany.

»Hast du eine Frage?«, erkundigte sich Fräulein Tick.

Mit einem letzten Fwop richtete sich die Hutmitte auf und bildete eine perfekte Spitze.

»Woher weißt du, dass ich nicht wegrenne und dem Baron Bescheid gebe?«, fragte Tiffany.

»Weil du das gar nicht willst«, antwortete Fräulein Tick. »Du bist absolut fasziniert. Du möchtest selbst eine Hexe sein, nicht wahr? Wünschst du dir vielleicht, auf einem Besen zu fliegen?«

»Ja!« Tiffany hatte oft vom Fliegen geträumt. Die nächsten Worte von Fräulein Tick brachten sie auf den Boden zurück.

»Tatsächlich? Trägst du gern dicke, wirklich dicke Unterhosen? Glaub mir: Wenn ich fliegen muss, trag ich zwei Paar aus Wolle, und darüber eine Leinenhose, die nicht sehr feminin wirkt, ganz gleich, wie viele Borten und Tressen man aufnäht. Da oben kann es sehr kalt sein. Das vergessen die Leute. Und dann erst die Borsten. Frag mich nicht nach den Borsten. Ich will nicht über die Borsten reden.«

»Aber kannst du nicht einen Wärmezauber verwenden?«, fragte Tiffany.

»Das könnte ich. Aber so was macht eine Hexe nicht. Wenn man Magie anwendet, um sich zu wärmen, dann benutzt man sie bald auch für andere Zwecke.«

»Aber ist das nicht genau das, was eine Hexe…«, begann Tiffany.

»Wenn man von Magie erfährt, ich meine, wenn man sie lernt, wenn man alles über Magie lernt, was möglich ist, muss man die wichtigste aller Lektionen lernen«, sagte Fräulein Tick.

»Und die wäre?«

»Verwende keine Magie. Hexen benutzen nur dann Magie, wenn ihnen keine Wahl bleibt. Magie ist harte Arbeit und schwer zu kontrollieren. Wir befassen uns mit anderen Dingen. Eine Hexe achtet auf alles, was geschieht. Eine Hexe macht von ihrem Kopf Gebrauch. Eine Hexe ist sich ihrer selbst sicher. Eine Hexe hat immer Bindfaden dabei…«

»Ich habe immer Bindfaden dabei!«, sagte Tiffany. »Ist sehr praktisch.«

»Gut. Allerdings steckt mehr als nur Bindfaden hinter der Hexerei. Eine Hexe erfreut sich an kleinen Details. Eine Hexe durchschaut Dinge und blickt um sie herum. Eine Hexe sieht weiter als die meisten anderen. Eine Hexe sieht Dinge von der anderen Seite. Eine Hexe weiß, wo sie ist und wann sie ist. Eine Hexe würde Jenny Grünzahn sehen«, fügte Fräulein Tick hinzu. »Was ist passiert?«

»Woher weißt du, dass ich Jenny Grünzahn gesehen habe?«

»Ich bin eine Hexe«, erwiderte Fräulein Tick. »Rate mal.«

Tiffany sah sich im Zelt um. Es gab nicht viel zu sehen, selbst jetzt nicht, nachdem sich ihre Augen an die Düsternis gewöhnt hatten. Die Geräusche der Außenwelt drangen durch die schweren Planen.

»Ich glaube …«

»Ja?«, fragte die Hexe.

»Ich glaube, du hast mich mit dem Lehrer sprechen gehört.«

»Stimmt. Ich habe nur meine Ohren benutzt«, sagte Fräulein Tick und ließ Untertassen mit Tinte unerwähnt. »Erzähl mir von dem Ungeheuer mit Augen so groß wie Suppenteller mit acht Zoll Durchmesser. Was haben Suppenteller damit zu tun?«

»Das Ungeheuer wird in einem Märchenbuch erwähnt, das ich gelesen habe«, sagte Tiffany. »Darin heißt es, Jenny Grünzahn hätte Augen so groß wie Suppenteller. In dem Buch ist auch ein Bild, aber kein gutes. Deshalb habe ich einen Suppenteller gemessen, um genau Bescheid zu wissen.«

Fräulein Tick stützte das Kinn auf die Hand und lächelte seltsam.

»Das war doch in Ordnung, oder?«, fragte Tiffany.

»Was? Oh, ja. Äh… ja. Vollkommen in Ordnung. Fahr fort.«

Tiffany erzählte von dem Kampf mit Jenny, doch Willwoll erwähnte sie nicht, weil sie befürchtete, dass Fräulein Tick vielleicht Anstoß daran genommen hätte. Die Hexe hörte aufmerksam zu.

»Warum die Bratpfanne?«, fragte sie. »Du hättest dir einen Knüppel besorgen können.«

»Eine Bratpfanne schien mir einfach besser geeignet«, sagte Tiffany.

»Ha! Damit hattest du völlig Recht. Jenny hätte dich gefressen, wenn du so dumm gewesen wärst, einen Knüppel zu benutzen. Eine Bratpfanne besteht aus Eisen, und solche Wesen können Eisen nicht ausstehen.«

»Aber es ist ein Ungeheuer aus einem Märchenbuch!«, sagte Tiffany. »Warum taucht es plötzlich in unserem kleinen Fluss auf?«

Fräulein Tick sah Tiffany eine Zeit lang an und fragte dann: »Warum möchtest du eine Hexe sein, Tiffany?«

Es hatte mit Mährchen für liebe Kinder begonnen. Eigentlich hatte es mit vielen Dingen begonnen, aber vor allem mit den Märchen.

Ihre Mutter hatte sie ihr vorgelesen, als sie klein gewesen war, und später hatte sie sie selbst gelesen. Und in allen Geschichten kam eine Hexe vor. Die böse alte Hexe.

Und Tiffany hatte gedacht: Wo sind die Beweise?

Die Geschichten erklärten nie, warum die Hexe böse war. Es genügte, eine alte Frau und allein zu sein und keine Zähne zu haben, und deshalb seltsam auszusehen. Es genügte, Hexe genannt zu werden.

Eigentlich führte das Buch überhaupt keine Beweise an. Es sprach von einem »hübschen Prinzen«… War er wirklich hübsch, oder fanden ihn die Leute nur attraktiv, weil er ein Prinz war? Und »ein Mädchen, das so schön war wie der Tag lang«… Welcher Tag war gemeint? Mitten im Winter waren die Tage ziemlich kurz und sehr dunkel! Die Geschichten wollten nicht, dass man dachte. Sie wollten nur, dass man glaubte, was sie erzählten…

Und sie erzählten, dass die alte Hexe ganz allein in einer seltsamen Hütte wohnte, die aus Pfefferkuchen bestand, oder mit riesigen Hühnerfüßen umherging, dass sie mit den Tieren sprach und zauberte.

Tiffany kannte nur eine Alte, die jemals allein in einer seltsamen Hütte gewohnt hatte…

Nein, das stimmte nicht ganz. Aber sie kannte nur eine Alte, die in einer seltsamen Hütte gewohnt hatte, die sich bewegte, und das war Oma Weh. Sie war zu magischen Dingen fähig gewesen, zu Schafmagie, und sie hatte mit Tieren gesprochen, und es war nichts Böses an ihr gewesen. Was bewies, dass man den Geschichten nicht glauben durfte.

Und dann gab es da noch die andere Alte, von der alle gesagt hatten, sie wäre eine Hexe. Und was mit ihr geschehen war, hatte Tiffany sehr … nachdenklich gemacht.

Jedenfalls zog Tiffany die Hexen den geschniegelten hübschen Prinzen vor, und erst recht den dummen, blöde lächelnden Prinzessinnen, die nicht einmal so intelligent waren wie ein Käfer. Immer hatten sie prächtiges blondes Haar, und Tiffany nicht. Ihr Haar war braun, einfach nur braun. Ihre Mutter verglich es manchmal mit Kastanien und Nüssen, aber sie wusste, dass es braun war. Braun wie ihre Augen. Braun wie der Boden. Und hielt das Märchenbuch Abenteuer für Leute mit braunen Augen und braunem Haar bereit? Nein, nein, nein… Es kamen immer nur die Blonden mit den blauen Augen und die Rothaarigen mit den grünen Augen in die Geschichten. Wenn man braunes Haar hatte, war man einfach nur ein Bediensteter oder Holzfäller. Oder ein Milchmädchen. Nun, das würde nicht geschehen, selbst wenn ihr Käse wirklich gut war. Ein Prinz konnte sie nicht sein, und eine Prinzessin würde sie nie sein, und die Rolle des Holzfällers kam ebenfalls nicht in Frage. Sie wollte die Hexe sein und Bescheid wissen, so wie Oma Weh …

»Wer war Oma Weh?«, fragte eine Stimme.

 

Wer war Oma Weh? Diese Frage stellten sich die Leute jetzt. Und die Antwort lautete: Oma Weh war dort. Sie war immer dort. Das Leben aller Wehs schien sich um Oma Weh zu drehen. Unten im Dorf wurden Entscheidungen getroffen und Dinge erledigt, und das Leben ging weiter in dem Wissen, dass Oma Weh oben im Hügelland in ihrer alten, Schafe hütenden Hütte auf Rädern saß und alles im Auge behielt.

Und sie war die Stille der Hügel. Vielleicht mochte sie Tiffany deshalb, auf ihre unbeholfene, zögernde Art und Weise. Ihre älteren Schwestern schwatzten, und Oma mochte keinen Lärm. Tiffany schwieg, wenn sie oben bei der Hütte war. Es gefiel ihr einfach, dort zu sein. Sie beobachtete die Bussarde und lauschte dem Ton der Stille.

Dort oben hatte die Stille einen Ton. Stimmen und Geräusche von Tieren schwebten nach oben zum Kreideland, machten die dortige Stille tief und komplex. Und Oma Weh wickelte diese Stille um sich und machte in ihrem Innern Platz für Tiffany. Auf der Farm herrschte immer rege Betriebsamkeit. Dort gab es zu viele Menschen mit zu viel Arbeit. Zeit für Stille gab es ebenso wenig wie Zeit zum Zuhören. Aber Oma Weh war still und hörte die ganze Zeit über zu.

 

»Was?«, fragte Tiffany und blinzelte.

»Du hast gerade ›Oma Weh hörte mir immer zu‹ gesagt«, meinte Fräulein Tick.

Tiffany schluckte. »Ich glaube, meine Großmutter war ein wenig Hexe«, sagte sie nicht ohne Stolz.

»Im Ernst? Wie kommst du darauf?«

»Hexen können Leute verfluchen, nicht wahr?«, fragte Tiffany.

»So heißt es«, antwortete Fräulein Tick diplomatisch.

»Mein Vater sagte einmal, Oma Weh konnte den Himmel blau fluchen.«

Fräulein Tick hüstelte. »Fluchen ist nicht gleich Fluchen. Es gibt das harmlose Fluchen, in der Art von ›verflixt‹, ›Mist‹, ›zum Teufel auch‹ und so weiter. Richtiges Fluchen klingt eher wie ›Ich hoffe, dass dir die Nase explodiert und die Ohren davonfliegen!‹«

»Ich glaube, Omas Fluchen kam dem richtigen Fluchen recht nahe«, sagte Tiffany bestimmt. »Und sie sprach mit ihren Hunden.«

»Und was sagte sie zu ihnen?«, fragte Fräulein Tick.

»Oh, Dinge wie ›hierher‹ und ›zu mir‹ und ›das genügt‹«, erwiderte Tiffany. »Die Hunde haben ihr immer gehorcht.«

»Aber das sind doch nur Schäferhundbefehle«, sagte Fräulein Tick und winkte ab. »Von Hexerei kann da keine Rede sein.«

»Aber dadurch werden sie zu Intimi«, entgegnete Tiffany verärgert. »Hexen haben Tiere, mit denen sie sprechen, Intimi genannt. Wie deine Kröte.«

»Ich bin nicht intim«, erklang eine Stimme zwischen den Papierblumen.

»Und sie kannte alle Arten von Kräutern«, beharrte Tiffany. Oma Weh sollte eine Hexe sein, und wenn sie den ganzen Tag reden musste. »Sie konnte alles heilen. Mein Vater meinte, sie konnte bewirken, dass der Brei des Schäfers aufstand und mähte.« Tiffany senkte die Stimme. »Und sie konnte tote Lämmer ins Leben zurückholen…«

 

Während des Frühlings und im Sommer war Oma Weh fast immer unterwegs. Die meiste Zeit des Jahres über schlief sie in ihrer alten Hütte auf Rädern, die hinter den Schafherden hergezogen werden konnte. Aber als Tiffany die Alte zum ersten Mal im Farmhaus gesehen hatte, kniete sie vor dem Feuer und schob ein totes Lamm in den großen schwarzen Backofen.

Tiffany hatte geschrien, und Oma hatte sie vorsichtig hochgehoben, ein wenig unbeholfen, sie auf ihren Schoß gesetzt und zu beruhigen versucht. Sie nannte sie »meine kleine Jiggit«, während auf dem Boden ihre Schäferhunde Donner und Blitz mit hündischer Verwunderung zu ihr aufsahen. Mit Kindern konnte Oma nicht besonders gut umgehen, weil sie nicht mähten.

Als Tiffany schließlich zu weinen aufhörte, weil sie außer Atem war, setzte Oma Weh sie ab und öffnete den Backofen, und die kleine Tiffany beobachtete, wie das Lamm wieder lebendig wurde.

Später, als sie etwas älter geworden war, fand Tiffany heraus, dass »Jiggit« im Yan Tan Tethera, der alten Zählsprache der Schäfer, »zwanzig« bedeutete. Die alten Leute benutzten diese Sprache noch immer, wenn sie glaubten, etwas Besonderes zu zählen. Tiffany war Oma Wehs zwanzigstes Enkelkind.

Und später verstand sie auch die Sache mit dem wärmenden Ofen, der nie wärmer als… warm wurde. Ihre Mutter ließ den Brotteig darin aufgehen, und der Kater Rattenbeutel schlief darin, manchmal auf dem Teig. Es war genau der richtige Ort, um ein schwaches Lamm wiederzubeleben, das nachts im Schnee zur Welt gekommen und halb erfroren war. Weiter nichts. Magie war dabei nicht im Spiel. Aber damals war es Magie gewesen, und es hörte nicht auf, Magie zu sein, nur weil man eine Erklärung dafür kannte.

 

»Gut, aber nicht direkt