Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Kleine Morde in Paris E-Book

Chris Ewan  

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E-Book-Beschreibung Kleine Morde in Paris - Chris Ewan

"Kaum hatte ich das Haus von außen in Augenschein genommen, drehte ich mich zu Bruno um und erklärte: "Auf den ersten Blick würde ich sagen: ein Kinderspiel." Ehrlich, kein Scherz. Ein Kinderspiel. Das habe ich gesagt. Rückblickend kann ich mich nur kopfschüttelnd fragen, was ich mir dabei wohl gedacht habe ..." Charlie Howard - Krimiautor und Meisterdieb - ist noch ganz berauscht vom Erfolg seines letzten Buches, als er ein seltsames Angebot erhält: Nach einer Lesung bittet ihn einer der Gäste, ihm zu zeigen, wie er in ein Apartment einbricht. Sein eigenes Apartment. Erst am nächsten Tag erfährt Charlie: Das Apartment gehört einer Frau, und deren Leiche taucht plötzlich in Charlies Hotelzimmer auf ...

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E-Book-Leseprobe Kleine Morde in Paris - Chris Ewan

Chris Ewan

KLEINEMORDEIN PARIS

Roman

Aus dem Englischen vonStefanie Retterbush

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright 2008 by Chris Ewan

All Rights Reserved

Titel der englischen Originalausgabe:

»The Good Thief’s Guide to Paris«

Originalverlag: Long Barn Books Ltd., Ebrington

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2009 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Katharina Rottenbacher

Titelillustration: © Engin Hakki Bilgin/shutterstock

Datenkonvertierung E-Book: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-5653-0

Sie finden uns im Internet unter

www.luebbe.de

Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

Meiner Familie

EINS

Kaum hatte ich das Haus von außen in Augenschein genommen, drehte ich mich zu Bruno um und erklärte: »Auf den ersten Blick würde ich sagen: ein Kinderspiel.«

Ehrlich, kein Scherz. Ein Kinderspiel. Das habe ich gesagt und anscheinend auch tatsächlich geglaubt. Rückblickend kann ich mich nur kopfschüttelnd fragen, was ich mir dabei wohl gedacht habe. Würde man einen solchen Satz am Anfang eines Krimis schreiben, wäre das praktisch die Garantie dafür, dass man schnurstracks auf eine verflixt komplizierte Geschichte zusteuert. Und doch stand ich – selbst ein Krimiautor – da und sprach nichtsahnend ebendiesen Satz. Hätte nur noch gefehlt, dass ich ein T-Shirt mit der Aufschrift »Katastrophengebiet« trug.

Der arme Bruno. Der hatte natürlich von alledem nicht die geringste Ahnung.

»Wunderbar«, entgegnete er entzückt.

Mahnend hielt ich einen Finger in die Höhe. »Der erste Eindruck kann allerdings täuschen. Und wir wollen doch nichts überstürzen.«

»Und was machen wir jetzt?«

»Wir kundschaften alles aus. Machen uns mit den Gegebenheiten vertraut.«

Bruno nickte, die Konzentration stand ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Freudige Erregung blitzte in seinen Augen auf, die ich nur zu gut von meinen ersten Diebeszügen kannte. Abgesehen davon waren ihm seine kriminellen Energien nicht anzusehen. Eigentlich wirkte er durch und durch wie ein grundanständiger junger Franzose: kurz geschnittene Haare, leichter Dreitagebart, Poloshirt, leicht abgeschabte Turnschuhe.

»Auch von außen kann man schon eine ganze Menge in Erfahrung bringen«, erklärte ich. »Zum Beispiel sehe ich mir die Klingelknöpfe am Eingang an und zähle sie: genau elf.«

»Zwölf.«

»Meinen Sie?«

»Ganz unten ist noch einer, wo das Licht nicht so gut ist.«

»Aha«, brummte ich und fragte mich, wie sehr der Alkohol in meinem Blutkreislauf meine Sehfähigkeit bereits eingeschränkt hatte. »Okay, also zwölf Wohnungen. Und dann zähle ich, mal sehen, zwei beleuchtete Fenster hier an der Vorderseite des Hauses.«

»Stimmt.«

»Normalerweise würde ich sagen, nach hinten raus werden es sicher noch mal so viele sein, also sollten wir davon ausgehen, dass die Bewohner von mindestens vier der Appartements augenblicklich zu Hause sind.«

Bruno runzelte skeptisch die Stirn. »Aber die Leute könnten auch ausgegangen sein und bloß das Licht angelassen haben.«

»Möglich. Aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Und Sie sagten doch, die Wohnung liegt im vierten Stock, nach vorne raus, und dort brennt kein Licht. Zumindest sehe ich keins.«

»Stimmt, da haben Sie recht.«

Ich wies auf das betreffende Fenster. »Und die Gardinen sind nicht zugezogen und die Rollläden nicht geschlossen. Sollte also die Person, die in dieser Wohnung lebt, nicht zufälligerweise bereits um Viertel vor zehn abends zu Bett gegangen sein, ohne das Schlafzimmer gegen das helle Licht der Straßenlaterne abzudunkeln, können wir davon ausgehen, dass niemand zu Hause ist.«

»Wir könnten doch auf Nummer sicher gehen«, meinte Bruno und drehte sich zu mir um.

»Und wie?«

»Einfach klingeln.«

»Stimmt«, gab ich zurück, »aber Sie vergessen den Nachtportier.«

Mit ausgestrecktem Zeigefinger wies ich auf die verglaste zweiflügelige Eingangstür des Hauses und den korpulenten, beinahe kahlköpfigen Herrn, der hinter einer auf Hochglanz polierten Rezeptionstheke thronte und hochkonzentriert auf eine gefaltete Zeitung starrte. In der Hand hielt er einen Kugelschreiber, woraus ich messerscharf schloss, dass er gerade mit einem Kreuzworträtsel kämpfte. Obwohl das auch ziemlich egal war. Mich interessierte allein seine Anwesenheit.

»Denken Sie mal kurz nach«, empfahl ich. »Wenn Sie jetzt auf die Klingel drücken und keiner aufmacht, dann riecht der Portier doch sofort den Braten, wenn Sie anschließend versuchen, einfach nonchalant hineinzuspazieren, um dem Wohnungseigentümer einen kurzen Besuch abzustatten.«

»So weit hatte ich nicht gedacht.«

»Tja, darum bin ich ja auch hier.« Wohlwollend legte ich ihm eine Hand auf die Schulter. »Also, Sie sagten, die Vordertür sei immer abgeschlossen. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder das Schloss ist alt – womöglich schon so alt wie das Haus selbst –, dann ist es vielleicht verrostet und lässt sich sogar mit dem Schlüssel nur schwer öffnen. Oder die Stifte sind schon so abgenutzt, dass ich das Ding in nicht mal einer Sekunde geknackt habe. Aber so oder so darf uns der Portier nicht dabei erwischen, vor allem nicht mit Ihnen als blutigem Anfänger.«

Bruno guckte mich mit zusammengekniffenen Augen an, als sei ich eine kleine Gestalt weit weg am fernen Horizont. »Was schlagen Sie also vor?«

»Ein kleines Ablenkungsmanöver, um ihn von der Rezeption wegzulocken. Los, helfen Sie mir mal, ein bisschen Müll zu sammeln.«

Zu meiner Verblüffung war es ein Leichtes, im Nobelviertel Marais genügend Müll auf den Straßen zu finden. So begehrt das Viertel als Wohngegend auch geworden war, so viele teure Boutiquen, exklusive Galerien und angesagte Brasserien in den letzten Jahren dort auch eröffnet worden waren, lagen doch überall unzählige dieser grünen Plastikmüllsäcke herum. Jeder von uns schnappte sich einen Sack aus einem der Torbögen des Säulengangs am Place des Vosges, dann führte ich Bruno zurück zur Rue de Birague.

Mit dem Kinn wies ich in eine dunkle Gasse hinter dem Gebäude, zu dem wir uns Zutritt verschaffen wollten. Dort stand eine große Mülltonne, die aussah, als gehörte sie zu dem kleinen, noch bis spät abends geöffneten Gemüseladen gleich rechts neben unserem Haus.

»Für Sie«, flötete ich charmant, reichte Bruno meinen Müllsack und wischte mir die Hände an der Hose ab. »Folgen Sie mir unauffällig.«

»Aber der Portier – der wird uns doch sehen.«

»Nicht, wenn wir schnell sind. Der liest gerade die Zeitung, schon vergessen?«

Und ehe Bruno weitere Widerworte geben konnte, war ich auch schon über die Straße geflitzt und grinste übers ganze Gesicht wie ein Honigkuchenpferd angesichts der Absurdität meines Vorhabens. Nie im Leben würde ich bei einem meiner eigenen Aufträge etwas derart Hirnrissiges versuchen. Das war eigentlich alles bloß Show, um Bruno das Gefühl zu geben, er bekomme etwas geboten für sein Geld. Ich meine, jeder professionelle Dieb wird Ihnen bestätigen, dass die einfachste Lösung immer die beste ist. Und mit ein paar Tagen Bedenkzeit wären mir sicher ein Dutzend einfachere Methoden eingefallen, um den Portier elegant zu umgehen. Bestimmt hätten wir auf der Rückseite des Hauses einen Hintereingang oder einen Notausgang gefunden, der diese ganze hirnverbrannte Aktion überflüssig gemacht hätte. Vielleicht hätten wir sogar durch den Gemüseladen oder das Zwei-Sterne-Hotel auf der anderen Seite des Hauses hineinkommen können. Dieser Bruno war ja wirklich ein netter Kerl, aber er hatte anscheinend nicht alle Tassen im Schrank, wenn er mir ernsthaft diesen Mülltrick abkaufte.

Rasch schlüpfte ich in die Gasse hinter dem Haus, hob den Deckel von der Mülltonne und sah hinein. Sie war leer, roch aber durchdringend nach faulem Obst. Entschlossen hob ich die Mülltonne hoch und trug sie neben den Seiteneingang des Hauses. An der hübsch lackierten Tür klebte ein Schild mit der Aufschrift Post.

»Ich gehe davon aus, dass sich der Portierschalter gleich hinter dieser Tür befinden müsste«, meinte ich.

Bruno nickte.

»Also, der Plan sieht folgendermaßen aus: Wir stecken die Mülltüten in die Tonne und zünden sie an, dann klopfen wir an die Tür und laufen zurück zur Vorderseite. Während der Portier noch damit beschäftigt ist, das Feuer zu löschen, knacken wir das Schloss und spazieren in aller Seelenruhe zur Vordertür hinein.«

»Meinen Sie nicht, das ist ein bisschen zu plump?«

»Überhaupt nicht«, entgegnete ich und wedelte Brunos durchaus berechtigte Sorge mit einer abschätzigen Handbewegung fort. »Ihm bleibt überhaupt keine Zeit zum Nachdenken. Er muss schnell agieren. Und während er hier hinten agiert, agieren wir vorne. Und wenn wir schließlich alle fertig sind mit agieren, stehen wir beide wie gewünscht oben in der Wohnung.«

Bruno schulterte die Müllsäcke. »Glauben Sie denn, das Zeug brennt ordentlich?«

»Klar«, erwiderte ich, nahm ihm die Tüten aus der Hand und stopfte sie in die Tonne.

»Ich überlege nämlich gerade«, fuhr er fort, »vielleicht könnten wir auch Ihr Buch nehmen?«

Bruno grinste mich an, wobei er eine Reihe makelloser weißer Zähne entblößte, dann bückte er sich, kramte das Buch aus seinem Rucksack und hielt er mir vor die Nase. Ich lächelte tapfer zurück, als sei er ein echter Scherzkeks, auch wenn ich ihm am liebsten einen harten Handkantenschlag gegen die Luftröhre verpasst und ihm dann als Zugabe mit meiner Kniescheibe die Nase zertrümmert hätte. Warum, fragen Sie? Weil es mich über ein Jahr meines Lebens gekostet hatte, dieses Buch zu schreiben, das er so beiläufig zu verbrennen vorschlug. Es war das mit Abstand schwierigste Projekt gewesen, an dem ich je gearbeitet hatte. Jeden einzelnen Satz hatte ich mir im Schweiße meines Angesichts abgerungen, jedes einzelne Wort, und da stand nun der gute alte Bruno, den ich erst seit drei Stunden kannte, und riss dumme Witze darüber, es als Grillanzünder zu verwenden.

»Keine gute Idee«, widersprach ich so ruhig wie möglich.

»Meinen Sie, der Einband brennt vielleicht nicht? Soll ich ihn besser zerreißen?«, fragte er und packte das Buch, als ob er seine Drohung sofort wahr machen wolle.

»Nein«, protestierte ich und hielt sein Handgelenk fest. »Ich finde, wir sollten mal ganz kurz logisch darüber nachdenken, was Sie da gerade vorschlagen. Sie wollten, dass ich Ihnen zeige, wie man in diese Wohnung einsteigt, ohne erwischt zu werden, richtig? Nun, Lektion Nummer eins, mein lieber Bruno: Ich halte es für keine gute Idee, ein Buch zu verbrennen, auf dem mein Name steht; ein Buch, in das ich eine persönliche Widmung für Sie geschrieben habe. Das ist so ziemlich das Dämlichste, was ich je gehört habe. Mal angenommen, wir klopfen an die Tür und der Portier kommt raus, noch ehe das Buch gründlich verbrannt ist? Oder was, wenn das Buch gar nicht richtig Feuer fängt? Ich würde sagen, es sähe doch ziemlich verdächtig aus, wenn jemand genau an dem Abend in eine Wohnung hier im Haus einbricht, an dem der Portier ein verkokeltes Exemplar meiner Memoiren findet, oder nicht?«

Wieder grinste Bruno über das ganze Gesicht. »Schon gut«, beschwichtigte er mich, drückte meinen Arm und strich liebevoll über den Buchtitel. »Das war doch nur Spaß, Charlie.«

»Sehr lustig.«

»Schauen Sie, ich stecke das Buch wieder ein«, beruhigte er mich und verstaute meinen Roman in seinem Rucksack. »Da drin ist es ganz sicher. So, können wir jetzt das Feuer legen?«

Finstere Verwünschungen vor mich hin murmelnd, griff ich in meine Jackentasche und zog ein Päckchen Zigaretten heraus. Ich zündete eine Zigarette an, zog zur Beruhigung einmal kräftig daran und warf Bruno mein Feuerzeug zu. Dann beobachtete ich, wie er sich vorbeugte, halb in der Tonne verschwand und den Müll in Brand steckte. Sekunden später quollen dicke, schwarze Rauchschwaden aus der Tonne.

Ich blies den Rauch aus und kramte währenddessen in meiner Hosentasche herum, bis ich das kleine, biegsame Plastikutensil gefunden hatte, das ich suchte. Für das ungeübte Auge mochte der Gegenstand auf den ersten Blick aussehen wie eines dieser Rührstäbchen, wie man sie am Kaffeeausschank zum Mitnehmen bekam, aber wenn man genauer hinschaute, konnte man am Ende des Stiels eine Reihe winziger Plastikborsten erkennen. Und durch diese Borsten vermittelte das kleine Gerät den Eindruck einer sehr kleinen, aber ziemlich unsanften Zahnbürste.

»Das werden Sie gleich brauchen«, erklärte ich, reichte Bruno das handliche Werkzeug und nahm noch einen Lungenzug.

»Und was macht man damit?«, erkundigte er sich, während er das Gerät in seinen großen Händen drehte und wendete.

»Man nennt das eine Harke. Die steckt man in den Schlüsselkanal des Schlosskerns und stemmt sie gegen die Stifte, die das Schloss daran hindern aufzuspringen. Währenddessen schiebt man den Schraubenzieher unten ins Schloss und drückt damit die Stifte herunter.« Ich drückte ihm einen meiner Mikro-Schraubenzieher in die Hand – den mit dem roten, sechseckigen Griff. »Dann zieht man die Harke wieder raus. Bei einem einfachen Schloss schieben die Plastikborsten die Stifte genau auf die richtige Höhe, sodass sich der Kern des Schließzylinders drehen lässt.«

»Und Sie meinen, das funktioniert hier auch?«

Ich zog an meiner Zigarette und hielt den Rauch einen Moment in der Lunge. »Ich glaube, das funktioniert an diesem Schloss, aber Sie müssen schon noch den Knauf drehen, damit die Tür aufgeht.« Womit ich meine Zigarette in die Mülltonne warf. Schon jetzt umzüngelten die Flammen einen großen Teil des Mülls, und der Geruch von verbranntem Plastik und der Duft warmer, vergammelter Bananen lagen in der Luft. »Normalerweise würde ich bei so etwas Handschuhe tragen. Aber diesmal dürfte es auch ohne gehen. Also, sind Sie so weit?«

Er schaute mich an und nickte ernst.

»Also gut«, rief ich aufmunternd und klopfte kräftig gegen die Holztür.

Dreimal hämmerte ich energisch gegen die Tür, dann gab ich Bruno einen Schubs und schob ihn in Richtung Straße. Er stolperte ungelenk über seine eigenen Füße, taumelte ein paar Schritte, fing sich dann aber und rannte los. Ich blieb ihm dicht auf den Fersen. Am Ende der Gasse wollte Bruno schon hektisch um die Ecke galoppieren, aber ich packte ihn geistesgegenwärtig am Kragen und hielt ihn zurück.

»Nicht so schnell«, ermahnte ich ihn und drückte ihn gegen eine Obstauslage vor dem Gemüsegeschäft. »Zuerst müssen wir uns vergewissern, dass er weg ist.«

Vorsichtig schlich ich ein paar Schritte weiter und reckte den Hals, um durch die Glastür ins Foyer zu spähen. Dabei erhaschte ich gerade noch einen Blick auf die braunen Ärmel des Portiers, als der in der kleinen Kammer hinter seinem Schalter verschwand. Ich winkte Bruno, zu mir zu kommen.

»Zuerst die Harke«, befahl ich und schaute zu, wie er die Harke ins Schloss steckte. Dann packte ich sein Handgelenk und führte seine Hand energisch nach oben, sodass die Borsten gegen die Stifte im Inneren des Schlosses gedrückt wurden. »Gut. Und nun den Schraubenzieher. Wunderbar. Jetzt ziehen Sie die Harke rasch heraus und drehen im gleichen Moment den Schraubenzieher im Uhrzeigersinn herum.«

»Einfach das Ding rausziehen und drehen?«

»Jawohl. Einfach schwungvoll rausziehen und drehen und dabei den Türknauf nicht vergessen.«

»Moment.« Verdutzt schaute er mich an. »Den Türknauf soll ich auch noch drehen?«

»Ich mache das«, knurrte ich. »Konzentrieren Sie sich ganz auf das Schloss. Okay?«

Wieder nickte er.

»Also los.«

Und was soll ich sagen, das tat er dann auch.

»Wahnsinn«, staunte Bruno, als der Sperrriegel zurückglitt und ich im exakt richtigen Augenblick den Türknauf drehte.

»Nach Ihnen«, gab ich zurück und ließ ihm den Vortritt.

ZWEI

Genau in dem Moment, als wir das Foyer betraten, erschien der Nachtportier wieder auf der Bildfläche. Erstaunt runzelte er die Stirn, und seine Hand erstarrte nur Zentimeter über dem Feuerlöscher, der an der Wand hinter seinem Schalter hing.

»Bonsoir Monsieur«, grüßte ich verwegen mit einem beiläufigen Winken und einer leichten Verbeugung, packte Bruno unauffällig am Ellbogen und dirigierte ihn freundlich, aber bestimmt durch das Foyer. Brunos Füße schienen ihm im Weg zu sein. Ich riskierte einen verstohlenen Seitenblick auf den Portier. Der hatte sich noch immer nicht vom Fleck gerührt.

»Quatrième étage«, stammelte ich noch und zeigte mit dem ausgestreckten Finger nach oben.

Endlich zuckte der Portier eher gleichgültig und gelangweilt mit den Schultern und murmelte irgendwas in seinen Bart, als sei es ihm ohnehin egal, wo wir hinwollten.

»Bonsoir«, rief ich ihm noch vollkommen unnötig hinterher, während er uns schon den Rücken zugedreht hatte, den Feuerlöscher aus der Wandbefestigung wuchtete und dann durch die Tür in die Seitengasse verschwand.

Am anderen Ende des Foyers angekommen, drückte Bruno den Aufzugsknopf. Ich hörte einen antik klingenden Glockenton und das Surren unsichtbarer Zahnräder und Kabel, gefolgt vom gedämpften Läuten des Fahrstuhlglöckchens, als die Fahrkabine zu uns herunterschwebte. Von draußen war das Zischen und Spucken des Feuerlöschers zu vernehmen. Dann eine Pause, gefolgt von einem zweiten und dritten spritzenden Strahl aus dem Löscher, begleitet von einem der wenigen französischen Wörter, an die ich mich von meinem Schüleraustausch noch erinnerte.

Im Foyer selbst war es schon beinahe gespenstisch still, und das Licht war gedämpft. Die Gestaltung des Eingangsbereichs wirkte elegant, aber minimalistisch. Den Boden unter unseren Füßen bedeckten Marmorfliesen, und an den cremefarbenen Wänden hingen einige wenige, recht gewagte moderne Gemälde.

Auch wenn der Portier eben vielleicht nichts gesagt haben mochte, so arbeitete er doch in einem vornehmen Haus, und es war gut möglich, dass ihn unsere Ankunft zeitgleich mit dem Feuer stutzig machen könnte.

»Das dauert alles viel zu lange«, flüsterte ich Bruno zu.

»Wir können auch die Treppe nehmen.«

»Nein – damit würden wir uns nur noch verdächtiger machen. Ich wünschte bloß, der Aufzug käme endlich.«

Bruno warf einen Blick auf die Anzeige über unseren Köpfen. »Noch zwei Stockwerke.«

»Na toll.«

Angestrengt betrachtete ich meine Schuhspitzen, wobei mir auffiel, dass ich meine Schuhe mal wieder putzen müsste. Eigentlich hatte ich das noch vor der Lesung erledigen wollen. Wobei es nicht den Anschein gehabt hatte, als hätte sich irgendwer an meiner schlampigen Aufmachung gestört. Am Ende des Abends hatte ich mehr Bücher verkauft als erhofft, und dieser glückliche Umstand hatte erheblichen Einfluss darauf gehabt, wie viel Wein ich anschließend getrunken hatte, und der Wein hatte erheblichen Einfluss darauf gehabt, warum ich mich hatte breitschlagen lassen, Bruno zu zeigen, wie man in eine Wohnung einbrach. Hätte ich zu den Leuten mit gewienerten Schuhen gehört, hätte ich mich vermutlich nie im Leben auf eine derart aberwitzige Idee eingelassen. Eigentlich verblüffend, wie viel Ärger man sich durchs Schuheputzen ersparen könnte.

Hätte ich genügend Zeit gehabt, wären mir sicher noch allerhand andere Dinge eingefallen, die ich stattdessen besser gemacht hätte, aber genau in diesem Augenblick klingelte das Aufzugsglöckchen noch zweimal, und die polierten Metalltüren öffneten sich widerstrebend. Als wir einstiegen, sah ich aus dem Augenwinkel, dass Bruno auf den Knopf mit der Nummer drei drücken wollte.

»Nein«, fuhr ich ihn an, schlug energisch seine Hand weg und drückte auf die Taste für das vierte Stockwerk, ehe er die Gelegenheit hatte, mit dem Finger irgendeinen anderen Knopf zu betätigen.

Verwirrt drehte Bruno sich zu mir um, doch ich lächelte unbewegt weiter, während wir darauf warteten, dass die Fahrstuhltüren sich hinter uns schlossen. Sobald sie zugegangen waren und die Kabine nach oben zu fahren begann, fragte Bruno: »Was sollte das denn?«

Entnervt verdrehte ich die Augen. »Weil ich dem Portier gesagt habe, dass wir in den vierten Stock wollen.«

»Aber die Wohnung ist doch im dritten.«

»Ich weiß, ich hab’s vermasselt. Das letzte Glas Wein hätte ich wohl besser nicht getrunken.«

Bruno schüttelte theatralisch den Kopf, als hätte ich gerade eine Beule in seinen Wagen gefahren.

»Nicht weiter schlimm«, beruhigte ich ihn. »Wir steigen einfach im vierten Stock aus und laufen dann die Treppe runter.«

»Wir hätten ohnehin besser die Treppe genommen.«

Ich seufzte. »Hören Sie, niemand benutzt in einem Haus wie diesem die Treppe, wenn es einen funktionierenden Aufzug gibt. Und wir wollen doch nichts tun, womit wir unnötig Aufmerksamkeit erregen.«

Bruno guckte mich streng an.

»Zugegeben, dieser Abend mag da die Ausnahme sein, die die Regel bestätigt. Aber an der Theorie an sich ist nicht zu rütteln.«

Das Klingeln des Aufzugsglöckchens unterbrach uns, und dann hielt die Fahrkabine mit einem Ruck an, weshalb mein Magen einen kleinen Überschlag machte. Ratternd öffneten sich die Türen.

»Nur zu«, sagte ich aufmunternd und bedeutete Bruno, vor mir aus dem Aufzug zu steigen.

Ungefähr so unauffällig wie eine aufgedonnerte, singende und Cancan tanzende Moulin-Rouge-Tänzerin stolperte Bruno in den Flur, wobei er gleich einen Bewegungsmelder auslöste, der im Korridor die Wandlampen aufleuchten ließ. Die Wände waren ungefähr bis auf Schulterhöhe dunkelrot gestrichen, darüber schimmerten sie satt cremefarben. Dem Aufzug direkt gegenüber standen ein Gummibaum mit großen, glänzenden Blättern und eine niedrige, mit hellbraunem Leder bezogene Sitzbank. Ich betrat hinter Bruno den Korridor und folgte ihm an zwei identisch aussehenden, einander gegenüberliegenden Türen vorbei zu einer unscheinbaren cremefarbenen Tür am Ende des Gangs. Eine grüne Lampe mit der Aufschrift »Sortie de Secours« beleuchtete den Weg zum Notausgang.

Wir marschierten durch die Tür und fanden uns in einem Treppenhaus wieder. Die Luft war hier merklich kühler als im bewohnten Teil des Hauses, und als wir hinuntergingen, hallten unsere Schritte dumpf von den Wänden wider. Beim Betreten des Korridors im dritten Stock flammten wieder die Wandlampen auf. Dieser Flur war genauso gestaltet wie der im Stockwerk darüber, nur dass hier anstelle des Gummibaums ein Schirmständer aus Aluminium stand.

»Ich sehe gar keine Überwachungskameras«, stellte ich fest.

»Nein«, stimmte Bruno mir zu.

»Im Foyer auch nicht?«

»Nur der Portier.«

»Wundert mich.«

»Ist ein altes Haus.«

Ich kaute auf meiner Unterlippe herum. »Aber renoviert und modern gestaltet. Und eine ziemlich teure Adresse. Recht ungewöhnlich heutzutage.«

»In London vielleicht.«

Hartnäckig schüttelte ich den Kopf. »Wissen Sie, in meinem Haus in der Nähe von Grenelle gibt’s auch keine Kameras. Aber es ist immer noch sehr viel sicherer als das hier.«

»Ach ja?«

»Einer der Gründe, weshalb ich dort lebe. Vor allem wegen der Abschreckung.«

Skeptisch schaute Bruno mich von der Seite an. »Wenn ich also eine sichere Wohnung suche, sollte ich mich vorher wohl erst erkundigen, ob ein Dieb im Haus wohnt.«

»Sie haben’s erfasst. Aber wie wollen Sie das anstellen? Die Augen aufhalten, ob Sie einen Kerl mit gestreiftem Overall und Augenmaske sehen, der einen dicken Sack mit der Aufschrift Beute über der Schulter trägt?«

Bruno lächelte schief und wies auf eine cremefarbene Tür mit der Nummer 3 A. In die Tür war ein Messing-Spion eingelassen, und ein bisschen tiefer etwas, das wie ein handelsüblicher Türriegel aussah.

»Geht das damit?«, fragte er, öffnete die Hand und zeigte mir die Harke.

»Mit ein bisschen Glück vielleicht.« Ich schloss seine Finger um das Werkzeug. »Aber noch sind wir nicht so weit. Sie haben sich noch nicht vergewissert, dass niemand in der Wohnung ist.«

Bruno wirkte verwirrt. »Aber das weiß ich doch schon.«

»Falsch«, entgegnete ich und wackelte mahnend mit dem Zeigefinger. »Sie glauben es zu wissen. Aber Sie wissen es nicht hundertprozentig. Und wenn Sie die Sache wie ein Profi angehen wollen, dann klopfen Sie.«

Bruno zog den Kopf ein. »Ist das nicht ein bisschen albern?«

»Für Sie vielleicht. Für mich nicht.«

Ich wies auf die Tür. Bruno wedelte mit der Harke vor meiner Nase herum.

»Trauen Sie mir nicht?«, fragte er.

»Ich wäre nicht hier, wenn ich Ihnen nicht trauen würde.«

»Ich habe Sie nämlich schon bezahlt. Schon vergessen?«

»Darum geht es nicht.«

Bruno kniff ein Auge zusammen und stierte mich aus dem anderen durchdringend an. Sah aus wie eine komplizierte Gesichtsmuskelübung. Vielleicht übte er das zu Hause vor dem Spiegel.

»Die Sache ist die«, fuhr ich fort, »wir haben uns gerade erst kennengelernt, stimmt’s? Und Ihr Anliegen ist doch eher ungewöhnlich. Und natürlich haben Sie mich im Voraus bezahlt, und ich habe zugestimmt, aber ich weiß genauso wenig wie Sie, ob wirklich niemand in der Wohnung ist. Dabei will ich doch nichts weiter, als dass Sie an die verflixte Tür klopfen, und Sie machen so einen Aufstand deswegen.«

Bruno stöhnte und ließ die Schultern hängen. Mit einem resignierten Blick auf seine Handrücken schüttelte er den Kopf. Dann verdrehte er die Augen, ballte die rechte Hand zu einer Faust und klopfte mit Bedacht gegen die Tür.

Wir warteten.

»Klopfen Sie noch mal.«

Ungläubig riss Bruno die Augen auf, tat aber, wie ihm geheißen. Ich trat näher heran und drückte mein Ohr gegen die Tür. Von drinnen war kein Laut zu hören. Also schubste ich Bruno beiseite und schaute durch den Messing-Spion. Leider ohne Erfolg.

»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass niemand da ist«, nörgelte Bruno.

»Scheint so«, stimmte ich ihm zu und trat zurück.

»Also?«

»Also gut. Knacken Sie das Schloss, dann haben wir ’s geschafft. Wir sollten sowieso nicht so lange hier herumstehen.«

Noch habe ich keinen Pariser je das Wort Sacrebleu ausstoßen gehört, aber ich brüste mich mit dem Gedanken, dass Bruno in diesem Augenblick ganz kurz davor war. Stattdessen brummte er aber nur missmutig und ging dann in die Hocke, um das Schloss in Augenschein zu nehmen, wobei er mir mit dem Hinterkopf die Sicht versperrte. Ich schaute zu, wie er die Harke in den Schließzylinder einführte und gegen die Stifte stemmte, wie ich es ihm gezeigt hatte. Dann brachte er den Schraubenzieher in Position und übte ein wenig seitlichen Druck aus. Schließlich holte er tief Luft, straffte die Schultern und zog die Harke heraus.

Nichts passierte.

Bruno knurrte unwillig und schob die Harke wieder ins Schloss. Dann drückte er sie noch etwas energischer nach oben, wobei er den Griff ein ganz klein wenig verbog. Ein zweites Mal zog er die Harke heraus, diesmal mit mehr Bedacht.

»Zu langsam«, bemerkte ich.

Unwillkürlich spannte Bruno die Schultern an. Er sah mich zwar nicht an, aber man merkte, dass es ihn wurmte.

»Sie müssen schneller sein. Stellen Sie sich die Stifte einfach bildlich vor und …«

»Schon gut«, blaffte er mich an. »Mache ich ja.«

Ein drittes Mal ließ Bruno die Harke ins Schloss gleiten und zog sie wieder heraus – auch diesmal ohne Erfolg. Er versuchte es ein viertes und ein fünftes Mal. Nach dem sechsten Misserfolg spuckte er ein paar Flüche aus und warf die Harke auf den Boden.

»Immer mit der Ruhe«, mahnte ich und legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. »Das ist kein einfaches Schloss. Falls Ihnen das eine Hilfe ist, Sie machen alles richtig. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist die Harke einfach nicht das richtige Werkzeug.«

Bruno zuckte mit den Schultern wie ein aufsässiger Teenager, dem man eine Gardinenpredigt hält.

»Soll ich das Schloss lieber knacken? Sie können es gerne selbst versuchen, aber man braucht dazu ein bisschen Übung, also wäre es vielleicht das Beste, Sie schauen mir erst mal dabei zu.«

»Also gut, zeigen Sie ’s mir«, murmelte er.

Folgsam trat ich an die Tür, griff in die Innentasche meiner Jacke und zog ein ganz gewöhnlich wirkendes Brillenetui heraus. Ich klappte es auf und wählte aus meinem Werkzeugarsenal einen der etwas biegsameren Haken und einen Schraubenzieher mit geringfügig größerer Klinge als dem, den ich Bruno gegeben hatte. Nachdem ich dann die verbogene Plastikharke vom Boden aufgehoben und das Brillenetui eingesteckt hatte, kniete ich mich hin und nahm das Schloss ins Visier. Behutsam steckte ich den Haken in den Schließzylinder und machte mich an die Arbeit.

Und, siehe da, keine drei Minuten später hatte ich das Ding geknackt. Der Riegel glitt mit einem beruhigenden satten Plock zurück, ein Geräusch wie vom Kofferraumdeckel eines deutschen Sportwagens, und ich griff nach oben und drehte den Türknauf.

Genau im selben Moment hörte ich das piep-piep-piep einer Alarmanlage, die kurz davor war, loszugehen.

»Verdammt«, knurrte ich, als Bruno sich an mir vorbei nach drinnen schob. »Sie haben mir nicht gesagt, dass die Wohnung eine Alarmanlage hat.«

»Vielleicht hätten Sie zuerst nachschauen sollen«, rief er über die Schulter, knipste im Vorbeigehen einen Lichtschalter an und beeilte sich, zur Alarmanlage zu kommen. Eine Reihe Deckenleuchten beschien den Flur, und das helle Strahlen spiegelte sich im Parkettboden. Rasch schlüpfte ich hinein und schloss die Tür hinter mir, dann richtete ich meine ganze Aufmerksamkeit auf das Ende des Flurs, wo Bruno stand und gerade einen deckenhohen Wandschrank öffnete. Ungeschickt tastete er nach der Zugschnur, um die Lampe anzuschalten, und klappte dann die Plastikabdeckung des Bedienfelds der Alarmanlage herunter.

Wenn ich nicht irrte, blieben ihm noch ungefähr acht Sekunden, um den richtigen Code einzutippen, ehe die Alarmanlage losging. Das war mir in der Vergangenheit ein, zwei Mal passiert, und so was sollte man niemals auf die leichte Schulter nehmen. Selbst wenn man es schließlich schaffte, das nervige Ding endlich auszuschalten, was nützte einem das, wenn es erst mal ordentlich losgeheult hatte? Es hatte seine Pflicht getan und sämtliche Leute in der näheren Umgebung auf den Plan gerufen. Zumindest habe ich mir das sagen lassen – ich bin nie lange genug geblieben, um mich mit eigenen Augen davon zu überzeugen.

Klar, hätte ich von der Alarmanlage gewusst, hätte ich sie austricksen oder umgehen können. Und normalerweise hätte ich die Tür nach Hinweisen auf eine Alarmanlage abgesucht, bevor ich mich mit meinen Haken ans Werk machte. Aber dafür war es nun zu spät. Ich war mit der Tür ins Haus gefallen, buchstäblich, war Brunos Frustration und der heimtückischen Falle, die mein eigenes übergroßes Ego mir gestellt hatte, auf den Leim gegangen. Und sicher lag es auch am Alkohol. Wie viel hatte ich eigentlich getrunken? Drei, vielleicht sogar vier Gläser von diesem schweren Bordeaux? Zu viel, um noch Auto zu fahren, aber anscheinend gerade genug, um mich wohlig wie ein Fisch im Wasser kopfüber in einen kleinen spontanen Einbruch zu stürzen. Und genau das ging mir so gegen den Strich – wie leichtfertig ich mich auf die Sache eingelassen hatte.

Ich schaute zu, wie Bruno den Code in die Tastatur eintippte, woraufhin vier rasch aufeinanderfolgende tiefere Töne das Gepiepse unterbrachen. Dann kam noch ein langgezogenes Piep, danach Stille.

Bruno drehte sich zu mir um.

»Sollte das ein Test sein?«

Er blinzelte und schüttelte den Kopf. »Hatte ich ganz vergessen. Mehr nicht.«

Ich nickte und versuchte, es mir nicht zu Herzen zu nehmen. »Wollen Sie mich nicht reinbitten?«

Also führte Bruno mich durch einen Türbogen am Ende des Flurs in einen offenen Wohnraum mit einer teuer wirkenden Küchenzeile am einen Ende. Dann betätigte er einen Dimmer, und auf den Anblick, der sich mir da bot, war ich nicht im Geringsten vorbereitet. Es gab kaum Möbel – nur eine große, kahle Fläche nackten Betonbodens, der völlig farbverkrustet war. Der verschüttete, verspritzte Lack schillerte in allen Farben des Regenbogens wie eine riesige Installation von Jackson Pollock. Ringsum lehnten unzählige Gemälde – fertige und unfertige – an den Wänden des Zimmers, die meisten davon abstrakt, aber auch das ein oder andere etwas klassischere Porträt darunter. Bei den bodentiefen Fenstern standen einige Bilder auf Staffeleien, und zwischen den Staffeleien etwas, das aussah wie ein Tapeziertisch, der sich unter der Last zahlloser Farbtuben und Pinsel und Spatel und Terpentinkanistern bog.

Scharfsinnig, wie ich nun mal bin, drehte ich mich zu Bruno um und fragte: »Sie malen?«

»Ein bisschen«, entgegnete Bruno mit einem knappen Nicken.

Dann nahm er den Rucksack ab, machte den Reißverschluss auf und kramte mein Buch heraus, das er auf die Arbeitsfläche legte.

»Möchten Sie einen Kaffee?«, fragte er.

»Gerne«, erwiderte ich und ging rüber zu den Gemälden. Meine Schuhsohlen klebten am Boden. Vielleicht doch nicht so blöd, dass ich sie noch nicht geputzt hatte. »Die sind gut, Bruno. Wirklich.«

Bruno gab keine Antwort. Er hatte alle Hände voll damit zu tun, zwei gestreifte Tassen und ein Päckchen Kaffee aus einem Hängeschrank zu nehmen. Stumm schaute ich zu, wie er die Kaffeemaschine ein Stückchen von der Wand abrückte, etwas von dem Pulver hineinschüttete und dann einen Schalter an der Maschine betätigte, der daraufhin gelb aufleuchtete. Schnell begann der Kaffee durchzulaufen, und Bruno öffnete die Kühlschranktür. Er steckte den Kopf hinein.

»Keine Milch«, stellte er bedauernd fest.

»Ich trinke ihn auch schwarz«, gab ich zurück und strich mit der Hand über eins der Bilder. »Vielleicht werde ich dann wieder nüchtern.«

Ach, wäre mir dieser Gedanke doch bloß ein paar Stunden früher gekommen …

DREI

Ich möchte, dass Sie etwas für mich stehlen.« Diesen Satz hörte ich nicht zum ersten Mal. Wobei derjenige, der ihn äußerte, üblicherweise zunächst ein bisschen um den heißen Brei herumredete. Anders der Amerikaner. Der kam sofort auf den Punkt, völlig ohne Umschweife …

So begann mein letztes Buch, Amsterdam Ein Meisterdieb jagt seinen Schatten, und als ich von dem Exemplar aufschaute, das ich gerade in der Hand hielt, und den Blick über die vielen Gesichter vor mir schweifen ließ, musste ich mich zusammenreißen, um den beinahe unwiderstehlichen Drang zu unterdrücken, eine kurze Pause einzulegen und mich zu vergewissern, ob mein Publikum auch wirklich und tatsächlich wollte, dass ich weiterlas.

Wäre ich vor einem Jahr im Buchladen aufgekreuzt und hätte erklärt, wer ich bin und was für Bücher ich schreibe, hätte man mir sofort die Tür gewiesen, noch ehe ich die Gelegenheit gehabt hätte zu fragen, ob vielleicht einige meiner Werke vorrätig seien, ganz zu schweigen davon, ob man sich möglicherweise vorstellen könne, eine Lesung mit mir zu veranstalten. Doch inzwischen hatte sich das Blatt gewendet. Mit nur einem Buch war aus dem unbekannten Schundromanschreiber praktisch über Nacht der ebenfalls unbekannte Autor der Memoiren eines Meisterdiebes geworden, die nun allerdings drohten, mir erhebliche Glaubwürdigkeit zu verleihen. Die wenigen Kritiker, die bisher rezensiert hatten, bezeichneten den Roman einhellig als geniale Täuschung nicht nur, dass der Autor zahlloser Groschenromane über einen professionellen Dieb vorgab, im wahren Leben ebenfalls ein Dieb zu sein, nun tat er auch noch, als habe er ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben. Die Sache hatte nur einen Haken: Das Ganze war keine Erfindung.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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