Kleine Schwester - Barbara Gowdy - E-Book

Kleine Schwester E-Book

Barbara Gowdy

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Beschreibung

Ein Gewitter nach dem anderen zieht sich in diesem heißen Sommer am Himmel zusammen und immer, wenn es ausbricht, verliert Rose Bowan das Bewusstsein und hat intensive, vollkommen realistische Träume, in denen sie im Körper einer anderen Frau ist. Sind das nur Träume? Oder »bewohnt« sie tatsächlich eine Fremde? Was geschieht ihr? So verstört wie fasziniert fängt sie an zu recherchieren, verlässt den Kokon des kleinen Programmkinos ihrer Familie und taucht in das aufgewühlte Leben von jemandem ein, der ganz anders ist als sie. Gleichzeitig erkrankt ihre Mutter an Demenz und fängt an – zum ersten Mal seit Jahrzehnten –, über eine andere gespenstische Präsenz zu sprechen: über Roses Kleine Schwester. In Kleine Schwester erkundet Barbara Gowdy die erstaunliche Macht der Empathie, die Frage, wo wir aufhören und die anderen anfangen, und erzählt mit großer Eindringlichkeit von den tiefen familiären Bindungen, die uns prägen – ob wir wollen oder nicht.

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Seitenzahl: 304

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ZUM BUCH

Eine junge Frau stellt zu ihrem eigenen Erstaunen und Entsetzen fest, dass sie sich zuweilen im Körper einer anderen Frau befindet, Ihre Gefühle fühlt, ihren Zigarettenrauch einatmet und spürt, wie das ungewollte Baby in ihrem Bauch wächst. Wie kann das sein?

Ein Gewitter nach dem anderen zieht sich in diesem heißen Sommer am Himmel zusammen und immer, wenn es ausbricht, verliert Rose Bowan das Bewusstsein und hat intensive, vollkommen realistische Träume, in denen sie im Körper einer anderen Frau ist. Sind das nur Träume? Oder »bewohnt« sie tatsächlich eine Fremde? Was geschieht ihr? So verstört wie fasziniert fängt sie an zu recherchieren, verlässt den Kokon des kleinen Programmkinos ihrer Familie und taucht in das aufgewühlte Leben von jemandem ein, der ganz anders ist als sie. Gleichzeitig erkrankt ihre Mutter an Demenz und fängt an – zum ersten Mal seit Jahrzehnten –, über eine andere gespenstische Präsenz zu sprechen: über Roses kleine Schwester.

In Kleine Schwester erkundet Barbara Gowdy die erstaunliche Macht der Empathie, die Frage, wo wir aufhören und die anderen anfangen, und erzählt mit großer Eindringlichkeit von den tiefen familiären Bindungen, die uns prägen – ob wir wollen oder nicht.

ÜBER DIE AUTORIN

BARBARA GOWDY, geb. 1949, lebt in Toronto. Ihre Romane sind mit vielen Preisen ausgezeichnet worden und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zwei ihrer Kurzgeschichten wurden verfilmt.

»Ich liebe diese blitzgescheiten Geschichten von Barbara Gowdy, weil sie mit einer diabolischen Unschuld erzählt und ihre wunderbaren Pointen setzt, ohne dabei die Miene zu verziehen.« TILMAN SPENGLER

BARBARA GOWDY

KLEINE SCHWESTER

ROMAN

Aus dem Englischenvon Ulrike Becker

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

FÜR ANTJE KUNSTMANN

MITTWOCH, 29. JUNI 2005

AUS IHREM BÜRO über dem Regal-Programmkino beobachtete Rose Bowan, wie auf der anderen Straßenseite eine Coladose über den Bürgersteig rollte. Die Dose verpasste knapp den Hydranten, traf einen Baum, wurde unter dem schmiedeeisernen Gartentor des Cafés hindurchgefegt und wirbelte dann um die Tische herum, deren heftig flatternde Sonnenschirme dringend jemand zuklappen sollte.

Sie rief ihre Mutter auf dem Festnetz an.

»Hallo mein Schatz«, sagte Fiona über das Plärren des Fernsehers hinweg.

»Hallo Mom. Ich kann dich kaum hören.«

»Was?«

»Machst du das bitte leiser?«

»Wo hab ich denn …« Die Lautstärke nahm ab. »Gleich kommt eine Sondermeldung zum Wetter.«

»Es fängt jeden Moment an zu gießen. Am besten hole ich dich ab.«

»›Windböen bis zu sechzig Stundenkilometer‹«, sagte Fiona. Sie las vor. »›Im Großraum Toronto muss mit …‹«

Ein Blitzschlag knisterte in der Leitung.

»Hast du gehört?«, fragte Rose.

»Wenn ich bei ein bisschen Sturm keine fünf Blocks mehr laufen kann, dann ist der Tag gekommen, an dem du mir eine Kugel in den Kopf jagen kannst.«

»Hast du die Fenster zugemacht?«

Schweigen.

»Mom?«

»Willst du einen unanständigen Witz hören?«, sagte Fiona mit einer veränderten, verschmitzt klingenden Stimme und irischem Akzent.

»Nein«, sagte Rose unerbittlich.

»Was passierte dem Mann, der ins Klo fiel?«

»Kann sein, dass ich mein Schlafzimmerfenster offen gelassen habe.«

»Zuerst wurde es dunkel.«

»Mom, wir sehen uns später.«

»Dann fing es an zu regnen.«

»Bis nachher also.«

»Na gut, mein Schatz«, sagte Fiona mit ihrer normalen Stimme. »Bis nachher.«

Es gab einen langen Blitz, und das ganze Büro flackerte wie ein alter Film. Das imposante, getragene Donnergrollen, das folgte, nannte man Brontide wie Rose zufällig wusste. Sie legte den Hörer zurück auf die Station und betrachtete die ›Wand der Stars‹, die diesen Namen trug, weil sie mit Fotos übersät war, auf denen ihr Vater neben legendären Filmstars posierte. Das direkt ihr gegenüberhängende Foto zeigte ihren Vater und Groucho Marx Zigarre rauchend; ihr Vater schien sie aus diesem Bild direkt anzulächeln, und Rose hatte sich angewöhnt, ab und zu hinzuschauen und ihm vom Kino, den Finanzen und ihrem Programm zu berichten oder von ihren Plänen, dieses oder jenes reparieren zu lassen, weil es so kaputt war, dass die Reparatur sich nicht mehr aufschieben ließ. In den letzten Monaten hielt sie ihn auch über den Zustand ihrer Mutter auf dem Laufenden.

»Sie wird allmählich vulgär«, sagte sie heute. »Wie ein kleiner Junge.«

Er wusste schon Bescheid. Heute sah sie in seinen Augen, dass er alles, was war und was noch kommen würde, bereits wusste, und sie drehte sich mit ihrem Stuhl um und schaute dem Regen zu.

Als sie sich wieder zurückdrehte, las sie unwillkürlich das Schild unter dem Foto. Sie blinzelte erstaunt und las es noch einmal: Groucho Marx, 12. Januar 1962. Ihr Blick glitt über die Reihen der kleinen Schilder: Jerry Lewis, 14. Juli 1966; Gloria Swanson, 15. September 1966; Mickey Rooney, 23. Oktober 1968. Normalerweise konnte sie diese Texte selbst aus nächster Nähe und bei gutem Licht nicht entziffern. Doch jetzt, in diesem trüben Licht, waren sie sogar vom Schreibtisch aus vollkommen leserlich.

Wie konnte das sein?

Rose schaute sich im Büro um: Alles – das Sofa, die Filmrollen, die Plakate, Bücherregale und Zeitschriftenrücken – war gestochen scharf, und nicht nur das, es pulsierte.

Sie schob ihre Brille hoch. Jetzt behinderten schwarze Flecken ihre Sicht, Hunderte von geometrischen Punkten, wie kleine abgebrochene Buchstabenstücke. Sie rieb sich die Augen, und die Flecken fingen an, sich zu mittelalterlichen Festungen zusammenzufügen, so als würden sie belagert. Die Brille änderte nichts daran. Mit oder ohne wurden die wilden Gebäudestrukturen immer größer.

So lange, bis kein Platz mehr war, dann fielen sie in sich zusammen. Rose erlebte einen Schwall von Übelkeit, dann das kurze, köstliche Gefühl, als würde ihre Haut kühl und zöge sich zusammen und ihr Fleisch hinge an einem dynamischen Knochengewebe. Die Sehschärfe kehrte zurück, diesmal ohne das Pulsieren. Rose sah eine kleine weiße Spinne, die sich von der Decke abseilte, erkannte den Webfaden und die transparenten Beine. Sie berührte den Faden mit ihrem Stift, und die Spinne schwang sich hinter den Schreibtisch, außer Sichtweite.

Allerdings war es nicht ihr Schreibtisch, nicht ihr alter Davenport aus Mahagoni. Es war ein schnittiger heller Tisch. Darauf befand sich nichts als ein gebundenes Dokument, ein Laptop und ein Schreibblock. Der Block trug den Aufdruck Goldfinch. Sie hörte einen laufenden Kopierer und Stimmen aus einem anderen Zimmer.

Ihre Hand, ihre kalte kleine Hand, schrieb Montag, 9.00 Dr. A. auf den Block und unterstrich die Notiz doppelt. Die andere Hand wischte Krümel von ihrem Rock, der mehrere Zentimeter oberhalb ihrer Knie endete und blassgelb war mit dunkelblau umrandeten Punkten. Ihre Fingernägel waren brutal abgekaut. Ihre Oberschenkel waren nackt.

Das Telefon klingelte. Sie griff schnell nach dem Hörer. »Hier spricht Harriet«, sagte sie mit einer heiseren, zaghaften Stimme, die nicht Roses Stimme war, aber irgendwie doch so klang. Und natürlich war es nicht ihr Name, aber er passte zu der kleinen, beweglichen Person, die sie innerlich zu sein schien.

»Hi«, sagte ein Mann.

»Wo bist du?«, fragte sie.

»Im Büro.«

»Ich komme runter.«

»Nein, nicht«, flüsterte er. »Alle sind noch da.«

Sie drehte sich zum Fenster. Hinter der Regenwand stapelten sich die trübe erleuchteten Fenster der Bürohochhäuser. »Ich dachte, wir hatten eine Vereinbarung«, sagte sie missmutig. »Wenn ich anrufe, gehst du ran.«

»Ich konnte nicht. Tut mir wirklich leid.« Es klang aufrichtig.

»Es ist nur, ich …«

»Was ist los?«

Sie schüttelte den Kopf. Wenn sie redete, würde sie losheulen.

»Harriet?«

Und das war’s, es war vorbei. Rose saß wieder an ihrem eigenen Schreibtisch in ihrem eichenholzgetäfelten Büro. Sie trug ihre eigenen Sachen: Bluejeans und ein weißes T-Shirt. Das hier waren ihre Brüste. Dies ihre Schenkel, wie Holzklötze im Vergleich zu den anderen.

Blut tropfte aus ihrer Nase.

Sie griff über die Schachtel mit den Papiertüchern hinweg und musste ihre Hand zurücksteuern. Der Kummer wirkte noch in ihr nach, und sie gestattete sich ein paar Tränen. Sie musste eingeschlafen sein, obwohl die genauen, ganz banalen Einzelheiten, nicht bloß die Spinne und der Rock, auch ihre kalten Finger, die kindliche Art, den Stift zu halten, die Hintergrundgeräusche – diese ganze alltägliche, ausgefüllte Welt mit ihren unzähligen Empfindungen – ihr genauso wirklich vorgekommen waren wie das hier, nur (sie schaute sich um) wesentlich schärfer und klarer.

Harriet? Wer war Harriet? Rose hatte noch nie geträumt, dass sie eine andere Person war. Oder in einer anderen Person drin. Ja, in ihr drin beschrieb das Gefühl, den Körper dieser Frau zu besuchen, statt ihn zu besitzen, treffender. Rose roch an ihrer leeren Kaffeetasse und dachte an ihren neuen Mitarbeiter Lloyd, den ehemaligen Drogendealer.

Er wechselte gerade die Plastiktüten der beiden Mülleimer in der Lobby aus. Er hörte sie die Treppe herunterkommen und sagte: »Das hier ist die letzte von den großen.«

Seine verrauchte Gangsterstimme; an die hatte Rose sich immer noch nicht gewöhnt. »Schau mal unter dem Waschbecken nach«, sagte sie.

»Okay, mach ich. Hat dir das Feuerwerk gefallen?«

Sie schwieg. »Feuerwerk?«

»Bei dem einen Donnerknall hab ich gedacht, es hätte bei uns eingeschlagen.«

»Wir haben Blitzableiter.« Sie ging weiter nach unten. Ihr war bewusst, dass sie sich übertrieben gerade hielt, wie eine Frau, die einen Krug Wasser auf dem Kopf trägt. »Mein Kaffee schmeckte komisch«, sagte sie, obwohl es nicht stimmte.

»Wie, komisch?«

Wie schmeckten wohl Amphetamine? »Bitter.«

»Echt? Meiner war okay. Allerdings nehme ich viel Milch und Zucker.«

»Metallisch«, sagte sie.

Er drehte den Tütenrand ein und band die Enden zusammen. »Ich werde mir eine Tasse schwarzen einschenken, mal sehen, was da los ist. Vielleicht ist etwas mit der Kaffeemaschine.«

Seine Nonchalance war so überzeugend, dass Rose sich unmöglich vorkam. Wieso sollte er ihr etwas in den Kaffee mischen? Was hätte er davon, sie in eine Zwei-Minuten-Halluzination zu schicken? »Ist meine Mutter schon hier gewesen?«, fragte sie.

»Noch nicht.«

Sie ging an ihm vorbei zur Snackbar und stellte ihre Tasse ab. Zu nah am Rand. Ehe sie reagieren konnte, fiel die Tasse zu Boden und zersprang. »Oh Gott!«, rief Rose.

Lloyd trottete mit wippendem grauen Pferdeschwanz in Richtung Besenkammer.

»Die ist ja förmlich explodiert«, sagte Rose, um ihren Ausbruch zu erklären.

»Altes Porzellan«, sagte er. »Das wird brüchig.«

Sie schaute zu, wie er hin und her manövrierte, um die tausend Scherben aufzufegen. Zwischen Gürtel und T-Shirt stach seine Wirbelsäule hervor. Er war ein drahtiger, muskulöser Mann, mit Mitte fünfzig immer noch hart wie Holz, und sein Arm war mit verblichenen Tattoos von Schlangen und Schädeln übersät. Er trug immer dieselben derben alten Cowboystiefel, sodass Rose und ihre Mutter sich schon fragten, ob das wohl sein einziges Paar Schuhe war.

Ihre Mutter hatte ihn eingestellt. Terrys Videoladen ein Stück weiter die Straße rauf machte zu, und als Fiona hingegangen war, um Terry ihr Mitgefühl auszusprechen, stapelte Lloyd dort gerade die DVDs aufeinander. Sie kamen ins Gespräch. Er sagte, er sei Vorführer im Strand-Kino gewesen und suche jetzt Arbeit, und Fiona hatte ihm sofort einen Job angeboten. Vier Jobs, um genau zu sein: Vorführer, Einlasskontrolleur, Putzkraft und Hausmeister. »Alles, was dir so viel Bauchschmerzen bereitet hat«, trumpfte sie hinterher Rose gegenüber auf, ganz so, als hätte sie nicht erst Stunden zuvor Roses Vorschlag, einen Mitarbeiter einzustellen, entrüstet abgelehnt. Angesichts der Umstände schob Rose ihre Bedenken wegen Lloyds Vorstrafe beiseite: Er hatte acht Monate wegen illegalen Handels mit Amphetaminen und Marihuana gesessen. Immerhin hatte er das freiwillig erzählt, und es war Ende der Achtzigerjahre gewesen, also schon eine ganze Weile her.

»Ich sauge noch mal drüber«, sagte er jetzt. Sie standen nebeneinander und betrachteten den endlos langen, ausgetretenen ziegelroten Teppich.

»Das war die Lieblingstasse meiner Mutter«, sagte sie.

»Bei Starbucks verkaufen sie so ähnliche Tassen. Vermutlich etwas dicker. Und vermutlich steht unten Starbucks drauf.«

»Das würde sie vielleicht gar nicht bemerken. Aber ich will nicht anfangen, sie zu hintergehen. Sie hat schon genug Schwierigkeiten, alles auf die Reihe zu bekommen.«

»Ist mir gar nicht aufgefallen.«

Rose schaute ihn an. »Sie hat es dir nicht gesagt, oder.«

»Was gesagt.«

»Sie hat Demenz.«

»Kann nicht sein.«

»Sie hat behauptet, sie hätte es dir gesagt.«

»Alzheimer?«

»Vaskuläre Demenz.« Rose fuhr sich über das Gesicht. »Da bekommt man eine Reihe von Mini-Schlaganfällen. Letztendlich läuft es auf das Gleiche hinaus.«

»Mann, das hätte ich nie gedacht.«

»Hast du dich nicht über ihren Akzent gewundert, der mal da ist und mal nicht?«

»Ist sie nicht Irin?«

»Doch, schon, aber sie lebt seit fünfzig Jahren hier. Tatsächlich besteht ein Teil, ein beträchtlicher Teil sogar, deiner Aufgabe darin, während der Vorführungen ein Auge auf sie zu haben und einzugreifen, wenn sie sich komisch benimmt.«

Er lächelte. »Vielleicht hat sie mir deshalb nichts gesagt.«

»Du hast dich auf mehr eingelassen, als du dachtest.«

»Ich kann gut mit schrägen Leuten.« Er fegte die zerschmetterte Tasse auf den hinteren Teil des Kehrblechs. Auch seine Augen waren in gewisser Weise zerschmettert, aber sein Blick wirkte nicht verzweifelt. Ganz und gar nicht, denn wenn er lächelte, schien er Zugang zu einer ganz persönlichen Seligkeit zu finden.

»Also«, sagte Rose, »bisher sind ihre Ausfälle immer nur kurz, manchmal dauern sie bloß ein paar Sekunden. Und ich bin ja immer oben.«

»Morgen gehe ich bei Starbucks vorbei«, sagte er. »Mal sehen, was sie haben.«

Sie verdächtigte ihn jetzt nicht mehr, aber als sie wieder im Büro saß, googelte sie Methamphetamin. Es war ein Stimulant, in der Regel kein Halluzinogen. Sie googelte LSD, Peyote, Meskalin, Magic Mushrooms und erfuhr, dass all diese Stoffe die Wahrnehmung verzerrten und verwischten, statt sie zu schärfen. Sie scrollte sich durch die Seiten, die sie damals, in den höllischen Tagen nach der Demenz-Diagnose, zu den Lesezeichen hinzugefügt hatte. Undeutliche Aussprache? Nein. Verändertes Sehen? Eindeutig. Schwindel? Leichter. Kopfschmerzen? Nein. Verwirrung? Ganz leichte. Angst? Nicht währenddessen.

Wegen der Flecken gab sie auch Migräne ein und las etwas über ein Phänomen, das Augenmigräne genannt wurde und bei dem man Sehstörungen und ein Gefühl körperlicher Desorientierung erlebte und in schweren Fällen auch Nasenbluten bekam, aber keine Kopfschmerzen hatte. Sie las weiter und wurde nach etlichen Seiten einer klinischen Studie belohnt mit dem Satz: »Manche Migräneauren eskalieren und systematisieren sich so weit, dass sie uneingeschränkt glaubhaften Illusionen oder Träumen gleichkommen.«

Das war es: Der Stress, unter dem sie stand, hatte zu Sehstörungen und körperlicher Desorientierung geführt, die wiederum einen glaubhaften Traum erzeugt hatten, in dem sie sich im Innern dieser zierlichen, traurigen, heiser sprechenden Geschäftsfrau mit den ausgesprochen guten Augen befand.

Es war zwanzig nach vier. Eine ganze Stunde verloren. Rose war müde, sie hätte am liebsten ein Nickerchen gemacht, aber sie blieb am Schreibtisch sitzen und beantwortete Anrufe. Erst als dem MGM-Vertreter zu einem Donnerschlag an seinem Ende der Leitung ein »Wow« entfuhr, bemerkte sie das Gewitter.

Ein Blitz leuchtete auf. Vor ihren Augen wurde alles scharf. »Ich rufe später noch einmal an«, sagte sie.

Die Phasen des ersten Vorfalls kamen und gingen: geometrische Flecken, Festungen, Übelkeit, ein Gefühl, als schrumpfe ihre Haut und würde kühl, als hänge ihr Fleisch an einem leichtgewichtigen Skelett, als fände eine totale räumliche und körperliche Transformation statt, ebenso schnell und leicht irritierend wie das Erwachen aus dem Schlaf.

»Ich bin für diesen Job nicht geschaffen«, sagte sie mit rauchiger Stimme.

Sie saß in einem parkenden Auto, hatte die Füße auf das Armaturenbrett gelegt, den Rock bis über die Hüften hochgeschoben. Gepunkteter Rock, kleine Füße, schmale Hüften.

»Du kannst nicht zwei Bücher zum gleichen Thema herausbringen«, sagte die Person neben ihr. Sie klang wie der Mann aus dem Telefonat. Der Regen prasselte aufs Autodach. Sie parkten als Einzige auf dem Oberdeck eines Parkhauses, in einer entlegenen Ecke. Sie wischte sich mit einem Papiertaschentuch die Innenseite ihrer Oberschenkel ab. »Klimawandel ist nicht das Gleiche wie das Aussterben der Singvögel«, sagte sie.

»Das eine führt zum anderen.« Er reckte sich. Er war ein athletisch wirkender Mann mit langen Gliedmaßen und einem großen, schönen Kopf. »Es ist dasselbe Problem.«

Eine halb gerauchte Zigarette und ein Feuerzeug lagen im Becherhalter, und sie nahm beides heraus und zündete die Zigarette an. Er machte das Fenster ein paar Zentimeter auf.

»Ja, na gut.« Sie seufzte. »Das habe ich ihr im Grunde auch gesagt.«

»Du bist leicht rumzukriegen.«

Sie lächelte, war aber plötzlich verzweifelt und kletterte auf seinen Schoß. Er hatte graue, leicht schräg stehende Augen. Sein Haar war tiefbraun und wurde an den Schläfen allmählich dünner. Sie fuhr mit den Fingern über die Bartstoppeln, die seine Aknenarben nur unzureichend verdeckten. Sie hielt ihm die Zigarette an die Lippen, und er sog den Rauch ein. Sie rauchten abwechselnd, schauten sich an, ohne etwas zu sagen, dann warf sie die Kippe weg und küsste ihn. Es war ein sinnlicher Kuss, unglaublich sexy.

»Sieh nur, was du angerichtet hast«, sagte er und deutete auf seine Erektion.

Ein anderes Auto kam über die Rampe herauf. »Scheiße«, sagte sie und duckte sich.

»Die parken beim Ausgang«, sagte er.

Sie wartete kurz, ehe sie sich umdrehte. Drei Frauen gingen schnell in Richtung Treppe.

»Sind sie aus dem Büro?«, fragte sie.

»Ich glaube nicht.«

Sie hatte jetzt Angst, in ihrem Bauch rumorte es. »Wir hätten auf den anderen Parkplatz fahren sollen.«

»Spinnst du? Da parkt Lesley immer.«

Sie schaute ihn an. »Wenn du ihren Namen aussprichst, sehe ich sie vor mir, und dann kann ich das hier nicht machen.«

»Was meinst du?« Seine Erektion erschlaffte. »Du sprichst ihren Namen doch auch aus.«

»Es ist etwas anderes, wenn du es tust.«

»Wie spät ist es?« Er schaute auf seine Armbanduhr.

»Was sie wohl tun würde, wenn sie es herausfände.«

»Halb sechs.«

»Was du wohl tun würdest.«

»Warum sprechen wir jetzt darüber?«

Sie kletterte von seinem Schoß und klappte ihre Sonnenblende herunter. Sie lockerte ihr Haar auf. Und genau dann, ohne jede Vorwarnung, ohne die geringste Welle in ihrem Sichtfeld, war Rose wieder in ihrem eigenen Körper. Sie saß an ihrem Schreibtisch, und auf ihren Computer tropfte Blut.

Ihre Hand griff über die Kleenex-Box hinweg. Die Finger schlossen sich, griffen ins Leere, schlossen sich und griffen ins Leere, wie die mechanische Kralle in einem Kirmes-Automaten. Rose lenkte den Arm mit der anderen Hand und ergatterte ein Tuch. Sie wischte zuerst ihre Nasenlöcher, dann die Tastatur ab und suchte in ihrer Schreibtischschublade nach ihrem Spiegel.

Ihr Gesicht war ihr eigenes. Das Gesicht im Spiegel der Sonnenblende hatte einer Fremden gehört, einer etwa gleichaltrigen Frau mit kurzen dunklen Haaren, sehr hübsch. Die Augen erinnerten Rose an irgendjemanden. An wen? »Ach«, sagte sie erschrocken. An ihre Schwester Ava. Sie legte den Spiegel weg und dachte an den Mann.

Ihn hatte sie schon einmal gesehen, da war sie sich ganz sicher; vielleicht unten in der Lobby. Komisch, dass sie von den gleichen Leuten träumte und dass es auf dem Parkplatz ebenso wie hier halb sechs war und regnete, ganz so, als ob er und die Frau ihr Leben zwischen Roses Träumen gar nicht weit von hier entfernt fortgeführt hätten. Rose bemerkte, dass sie ein bisschen weinte, um der Traurigkeit der Frau ein Ventil zu verschaffen.

Der Regen hatte nachgelassen. Sie stand auf, ging über den Flur zur Damentoilette und trank ein paar Schluck Wasser aus einem der Hähne. Unter ihrer Haut spielte sich eine eigenartige Aktivität ab, es war, als würden im ganzen Körper Fäden gezogen. Gar nicht mal unangenehm. Sie betrachtete sich in dem Spiegel über dem Waschbecken. Sie berührte ihren Mund. Aus welcher Quelle hatte sie geschöpft, um einen Kuss hinzubekommen, wie sie ihn im echten Leben nicht einmal ansatzweise erlebt hatte?

»Klimawandel ist nicht das Gleiche wie das Aussterben der Singvögel«, sagte sie mit der rauchigen Stimme der Frau.

Die Tür flog auf. »Mit wem sprichst du da?«, fragte ihre Mutter mit einem Blick auf die Kabinen.

»Mit mir selbst«, sagte Rose.

Fiona ließ ihre Kosmetiktasche auf die Ablage über dem Waschbecken plumpsen. »Dabei bin ich diejenige, die angeblich nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.« Sie strich sich übers Haar. Sein Weiß war immer noch von etlichen rotblonden Strähnen durchzogen, aber insgesamt wurde es dünner, und die Haarklammern, die den Knoten, den Fiona bei der Arbeit trug, hielten, mussten inzwischen sorgfältiger gesteckt werden. Schnappschüsse von vor einem halben Jahrhundert zeigten die gleiche forsche, elfenhafte Frau im gleichen uniformartigen Outfit: Pumps mit kleinem Absatz, ein gerade geschnittener Rock in Grau oder Dunkelblau, eine weiße oder pastellfarbene Bluse.

»Du hast also den Regen abgewartet«, sagte Rose.

»Der hat ja nur fünf Minuten gedauert«, sagte Fiona spöttisch. Sie fischte einen Lippenstift aus ihrem Täschchen. »Hatte ich nicht recht mit Lloyd? Ist er nicht ein Glückstreffer?«

»Er ist ziemlich toll«, gab Rose zu.

»Wir zahlen ihm einen Hungerlohn. Wie kommt er nur damit klar? Ich hab dir doch erzählt, dass er eine Tochter hat, oder? Für die er sorgt?«

»Wir zahlen ihm zwei fünfzig über dem Mindestlohn«, erinnerte Rose sie.

»Sie ist sechzehn. Sie verbringt jedes zweite Wochenende bei ihm.«

»Hast du mir erzählt.«

»Lloyd hat die Mutter im Gefängnis geschwängert. Sie waren nicht verheiratet, aber er durfte …« Sie spannte die Lippen über den Zähnen und korrigierte mit ein paar geschickten Strichen ihren Lippenstift. »Wie nennt man das noch mal?«

»Intimbesuche.«

»Intimbesuche haben«, sagte Fiona betont langsam, um kundzutun, dass der Begriff lächerlich war und man ihn deshalb ruhig vergessen durfte. Sie setzte die Kappe wieder auf den Lippenstift. »Hoffentlich gibt es nicht wieder Ratatouille.«

∗∗∗

Jeden Montag und Mittwoch kam Victor, Roses Freund, vorbei und brachte Abendessen für sie drei mit. Er setzte es vor der Arbeit zu Hause in einem Schongarer auf und füllte das Gericht zehn Stunden später in eine Kasserolle, um es mit dem Fahrrad quer durch die Stadt zu transportieren. Er hatte damit angefangen, nachdem seine Mutter gestorben war. Er hätte ohne Weiteres mit Fiona und Rose zu Abend essen können, auch ohne die Mahlzeit selbst mitzubringen. Doch von den Konservierungsstoffen in dem Takeout-Essen, das die beiden sonst meistens aßen, bekam er Ausschlag.

Victor arbeitete als Meteorologe bei Environment Canada. Von neun bis fünf erstellte er Vorhersagen, Unwetterwarnungen und Gutachten. Er war gut darin, man hatte ihn schon einmal mit einem Branchenpreis ausgezeichnet, doch er selbst hielt sich für einen Schriftsteller, einen geplagten noch dazu. Die meisten Abende und Wochenenden widmete er den Büchern, an denen er schon arbeitete, solange Rose ihn kannte. Eins war eine Enzyklopädie des Weltklimas von der Urzeit bis heute. Das andere, ebenfalls potenziell endlose Projekt war ein Almanach des Promi-Klatsches. Man brauchte bloß einen beliebigen Filmstar, tot oder lebendig, zu erwähnen, und ziemlich sicher konnte Victor wie aus der Pistole geschossen die Höhe seiner Gagen und den Beruf des Vaters nennen. Jedes Mal, wenn jemand ihm sagte, er sähe aus wie Paul Simon, erzählte er, Paul Simon habe früher den Künstlernamen Tico getragen, und fragte dann: »Was glauben Sie, wie groß Paul Simon ist?«, womit er klarstellen wollte, dass die körperliche Ähnlichkeit beim Kopf aufhörte. Paul Simon war eins fünfundfünfzig, Victor eins achtundsechzig groß. Rose, die eins siebenundsiebzig war, begriff erst nach mehreren Jahren Beziehung, dass Victors Freude an ihren langen Gliedmaßen von der Scham über seine eigenen kurzen unterminiert wurde. Doch schien er mit dem, was für Rose das weitaus heiklere Thema gewesen wäre, ganz entspannt umzugehen: seinem schielenden Auge. Jeden Morgen schaute er durch kleine Löcher in einer schwarzen Pappe, doch das, so behauptete er, tat er nur, um einer Kurzsichtigkeit vorzubeugen.

Er war vierundvierzig, zehn Jahre älter als Rose, ein ernster, bodenständiger Mann mit strikten Gewohnheiten. Aber das galt auch für Rose selbst. Wenn man chaotisch oder verantwortungslos war, konnte man kein Kino betreiben. Die beiden trafen sich montags und mittwochs zum Abendessen, dienstags und freitags spätabends zum Sex und sonntags zum Brunch und einem Film in einem Erstaufführungstheater, es sei denn, er wollte schreiben, dann verbrachte sie den Sonntagnachmittag mit Freunden.

Der Sex fand bei ihm zu Hause statt. Als seine Mutter noch lebte, hatten sie mit Roses schmalem Bett im Zimmer am Ende des Flurs bei Fiona vorliebgenommen. Jetzt fuhr Rose, nachdem sie das Kino geschlossen und Fiona nach Hause gefahren hatte, weiter zu Victor. Seit einigen Jahren täuschte sie ihre Orgasmen vor. Zu versuchen, einen zu bekommen, dauerte zu lange, und das Vortäuschen erlaubte es ihr, sich in aller Ruhe dem weniger aufreibenden, gebenden Teil der Sache zu widmen.

Früher war sie über Nacht geblieben. Zurzeit ging sie wieder nach Hause, um da zu sein, wenn ihre Mutter aufwachte. Victor brachte sie zum Auto, obwohl Rose dachte, wenn einer von ihnen überfallen würde, dann eher er, der kleine Mann mit der Taschenlampe. Beim Wegfahren sah sie im Rückspiegel sein verlorenes Winken. Er sagte, er würde sie verstehen, und übermittelte mit diesem Winken dann seine Enttäuschung.

Sie dagegen war froh, eine Ausrede zu haben, um nicht bleiben zu müssen. Sie mochte sein Haus nicht. Abgesehen von den dunklen, vollgestopften Zimmern war es noch durch die zwielichtigen Umstände seines Erwerbs belastet, nämlich, dass Victors Vater dafür Geld aus dem Verkauf gestohlener Alexandrit-Edelsteine verwendet hatte, die Victors Mutter in dem, was sie ihre »weiblichen Regionen« nannte, über mehrere Grenzen geschmuggelt hatte. Wenn Rose nach dem Sex schlaflos und ein bisschen wund in Victors Bett lag, dachte sie immer an diese Edelsteine, daran, welche Angst seine Mutter gehabt haben und wie peinlich es für sie gewesen sein musste, Victor ihre »Sünde«, wie sie es nannte, zu beichten. Zur Zeit dieses Geständnisses lag Victors Vater nach einem Nierenversagen im Sterben, und seine Mutter litt an Parkinson und an der unüberwindlichen Angst, die Bank oder die Anwälte könnten eine Untersuchung einleiten, wenn das Haus auf ihren Namen überschrieben wurde. Warum hatte es nie eine Hypothek gegeben? Woher hatten diese armen russischen Immigranten so viel Bargeld gehabt?

Doch es hatte keine Untersuchung gegeben. Nur eine Witwe, die zusätzlich zu ihrer Parkinson-Erkrankung an übermäßiger Ängstlichkeit litt. Besorgte Nachbarn schauten durch den Briefkastenschlitz und riefen ihren Namen, aber sie versteckte sich hinter den Möbeln. Wenn Rose vorbeikam, ging sie sofort in ihr Zimmer. Aber sie mochte Rose und warf ihr oft ein entschuldigendes Lächeln zu, ehe sie davonschlurfte. Einmal zeigte sie noch auf ein Tischchen, wo sie einen Zettel hingelegt hatte, auf dem in ihrer krakeligen Parkinson-Handschrift stand: Rose, bitte verzeih mein Verschwinden. Du lächelst wie ein Engel.

Ihre Glieder wurden langsam steif. Victor besorgte ihr ein Notruf-Armband und einen Gehstock und kaufte den Schongarer, um das Essen aufsetzen zu können, ehe er ins Büro ging. Eines späten Abends, als Rose und er an seinem Küchentisch Wein tranken und dazu reifen Cheddar aßen (auch eine ihrer Gewohnheiten), sagte er, er habe angefangen, sich nach Langzeitpflegeheimen zu erkundigen.

»Ist das nicht ein bisschen überstürzt?«, fragte Rose.

»Du siehst doch, wie sie das Bein nachzieht. Sie hat Schwierigkeiten, in die Badewanne und wieder heraus zu kommen.«

»Und ein Pflegedienst für zu Hause?«

»Mir gefällt eine Einrichtung besser. Sie haben dort spezielle Vorrichtungen. Und sie bieten Yoga an, Filmabende, Restaurantbesuche.«

»Aber Victor, sie ist krankhaft menschenscheu.«

»Sie wird sich daran gewöhnen. Ihr wird nichts anderes übrig bleiben. Es wird ihr guttun.« Er schnitt seinen Käse in winzige Vierecke. »Hast du eine Ahnung, was die Pflege zu Hause kostet?«

»Beleih doch das Haus.«

Als Antwort darauf zeigte er ihr Webseiten von Heimen mit so peinlichen Namen wie Haus Immerdar oder Zur Güte. Er wies sie auf die lächelnden Bewohner hin.

»Du darfst in dieser Angelegenheit nicht geizig sein«, sagte Rose. »Das ist zu wichtig.«

Sein schielendes Auge wanderte in die äußere Ecke. »Nicht jeder erbt ein Kino.«

»Das ist nicht fair.«

»Genau.« Er klappte den Computer zu und fing an, den Tisch abzuräumen. Keiner von ihnen sagte ein Wort, während sie ihren Mantel anzog und alleine den Weg hinausfand.

Sie weinte sich in den Schlaf. Wie konnte sie mit einem Mann zusammen sein, der seine menschenscheue Mutter in ein Heim steckte? Die folgenden Tage ließ sie seine Anrufe von der Mailbox entgegennehmen und hörte sich dann an, wie er seine Entscheidung verteidigte, argumentierte, seine Mutter möge das Haus nicht, es müsse frisch gestrichen werden und der Umgang mit den Handwerkern würde ihr noch mehr Schwierigkeiten bereiten als der mit dem Pflegepersonal. Eines Morgens lautete die Nachricht, dass seine Mutter im Schlaf gestorben war.

Rose versöhnte sich mit ihm. Er war jetzt verwaist, und ihre Liebe wurde entsprechend größer. Er fing an, ihr Abendessen ins Kino zu bringen. Ob er das tat, um nicht jeden Abend alleine essen zu müssen oder um sein Ansehen bei Rose wiederherzustellen, spielte für sie keine Rolle. Sie sprachen davon, sich eine gemeinsame Wohnung zu nehmen, einen neuen Anfang zu machen.

Sechs Jahre später wohnte Rose immer noch mit ihrer Mutter zusammen und Victor immer noch in den mit Holzimitat getäfelten, mit Hochglanzfarbe gestrichenen Wänden aus der Zeit seiner Mutter. Anders als Victor war Rose schon einmal zu Hause ausgezogen. In ihrer Studienzeit hatte sie sich eine Wohnung mit einer anderen Betriebswirtschaftsstudentin geteilt, und im ersten Jahr ihres Vollzeitjobs im Kino wohnte sie in einer Mietwohnung über einem Zoogeschäft, das sich auf exotische Vögel spezialisiert hatte, deren Krächzen und Piepsen ihr das belebende Gefühl gaben, in einem Baumhaus im Dschungel zu leben. Sie kehrte nach Hause zurück, als ihr Vater starb. »Bleib nicht meinetwegen hier«, sagte Fiona. »Ich leiste mir auch gern alleine Gesellschaft.« Hätte Victor mehr darauf gedrängt, dass sie zusammenzogen, dann wäre es vielleicht anders gekommen. Aber Victor widmete sich mittlerweile voll und ganz dem Schreiben, Rose dem Erhalt des Kinos. Und obwohl sie weiterhin das Gegenteil behauptete, ging es Fiona ganz offensichtlich nicht gut.

An diesem Mittwoch waren Rose und Lloyd gerade dabei, die schweren Ständer, an denen die Absperrbänder für die Kasse befestigt waren, an Ort und Stelle zu schleppen, und Fiona räumte das Flyer-Regal auf, als Victor eintraf. Er und Lloyd hatten sich bereits kennengelernt, und nach ein paar ersten Bedenken hatte Victor zugegeben, dass Lloyds berufliche Laufbahn seit der Verbüßung seiner Haftstrafe ohne Fehl und Tadel gewesen war. Dennoch warf er besorgte Blicke in Richtung des älteren, größeren Mannes, und als Lloyd anbot, ihm die Kasserolle abzunehmen, sagte er kurz angebunden: »Geht schon.«

»Ist da etwa eine Goldbouillon drin?«, fragte Fiona.

»Ich habe den Topf zu voll gemacht«, sagte Victor. Dann lenkte er ein und hielt die Kasserolle ein Stück von sich weg. »Es kleckert.«

»Ich nehm sie schon«, sagte Lloyd.

Victor beobachtete den Transport des Gefäßes in die Küche. »Die Hintertür war abgeschlossen«, sagte er zu Rose.

»Oh, tatsächlich? Tut mir leid.«

»Hast du mich nicht klopfen hören?«

»Wir waren alle hier vorne.«

Er nahm seinen Fahrradhelm mit dem integrierten Rückspiegel ab. Er zog den Reißverschluss seiner orangefarbenen Warnweste und dann den seiner gelben Regenjacke auf. Um den Hals trug er eine Pfeife, über den Sneakern blaue Neopren-Überschuhe. Nichts davon war etwas Neues, aber Rose, die sich das ganze übertriebene Getue aus Lloyds Sicht vorstellte, war peinlich berührt und schämte sich dann für ihre Geniertheit. »Armer Victor«, sagte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Hast du etwa diese Sonder-Wettermeldung herausgegeben?«, fragte Fiona.

»Ich habe sie abgenickt«, sagte er.

»›Überflutungen in niedrigen Lagen‹«, zitierte Fiona spöttisch. »Ich habe nicht mal nasse Füße gekriegt.«

»Du sitzt ja auch immer auf dem hohen Ross«, erwiderte er und wurde fröhlicher. Er war der irrigen Meinung, dass Fiona an diesen neckischen Schlagabtäuschen ihren Spaß hatte. »Ich habe dein Leibgericht gekocht«, sagte er zu ihr. »Jambalaya.«

»Hoffentlich hast du auch genug für Lloyd gemacht«, erwiderte sie, als Lloyd in die Lobby zurückkam.

»Nicht für mich, danke, ich habe spät zu Mittag gegessen«, sagte Lloyd. Er durchquerte den Raum und steuerte auf die Treppe zum Vorführraum zu. Sie schauten ihn alle an, den alternden, athletischen Exhäftling mit den Tattoos und dem Pferdeschwanz.

Das Küchenfenster klemmte und ließ sich nicht öffnen. Selbst bei Victor, der stark war, rührte es sich nicht. Rose holte einen Besenstiel und sperrte damit die Hintertür einen Spalt auf.

»Ihr solltet die Eingangstür auch aufmachen«, sagte Victor.

»Die Tür lassen wir nie offen stehen«, sagte Fiona.

»Ach was, Fiona, geh doch mal auf Risiko.«

»Als hätte ich das nicht mein Leben lang getan.«

Rose überließ sie ihren Neckereien. Sie durchlebte noch einmal die Träume und versuchte, das sirrende, schwerelose Gefühl zurückzuholen, das sie in dem zarten, angespannten Körper gehabt hatte.

Um kurz vor sieben steckte Lloyd den Kopf durch die Tür. Fiona hatte ihn gebeten, zu den Vorstellungen ein Jackett zu tragen, und heute trug er ein blaues.

»Todschick siehst du aus!«, sagte sie.

»Draußen stehen sie Schlange.«

»Ich komme, ich komme schon.«

Victor wartete, bis die Tür wieder zugefallen war. »Was ist los?«, fragte er dann. »Bist du sauer auf mich oder so?«

Rose erzählte es ihm. Nicht die ganze Geschichte. Nicht von ihrem paranoiden Verdacht, dass Lloyd ihr eine Droge untergejubelt hatte, und nicht von dem Kuss im Auto und der Erektion des Mannes. »Wer sie auch waren, sie hatten gerade Sex gehabt«, sagte sie und fuhr fort mit einem Bericht über ihre Recherche und ihre Theorie.

Natürlich hatte Victor von Augenmigräne schon einmal gehört. Er spekulierte, dass auch noch Schlafapnoe im Spiel sein könnte. »Andererseits allerdings…«

»Was?«

»Könnte es auch Narkolepsie sein.«

»Narkolepsie!«

»Du bist ja sehr schnell weggetreten gewesen.«

»Ich bin aber nicht hingefallen.«

»Bist du in letzter Zeit oft müde?«

»Ich bin jetzt müde. Aber das Einschlafen ist gar nicht entscheidend. Es war das Gefühl, in einer anderen Person drin zu sein, in dieser Harriet, in ihrer Haut zu stecken, all ihre körperlichen Empfindungen zu spüren, aber keine physische Kontrolle darüber zu haben. Auch keine geistige. Als ich zum Beispiel mit ihren Fingern, die meine Finger geworden waren, die Zigarette hielt, war sie diejenige, die entschied, wann sie daran zog, wo sie hinschaute, was auch immer sie mit diesem Körper machte. Verstehst du, was ich sagen will? Es war so, als würde ich sie tragen wie ein Kleidungsstück.«

»Einen Harriet-Anzug«, sagte er.

»Genau. Einen lebendigen Harriet-Anzug, und ich war darin verloren. Ich war nichts als ein Faden. Ein vager Schimmer.«

»Du hast geträumt. Wir erfinden unsere Träume.«

»Ja, aber alles war total solide, total da. So wie du da bist, und dieser Tisch. Ich konnte Gerüche wahrnehmen. Hast du schon mal im Traum Gerüche wahrgenommen?«

»Bestimmt habe ich das.«

»Ich konnte das Auto riechen. Ich habe den –« sie hatte Spermageruch sagen wollen – »Geruch nach neuem Auto wahrgenommen.«

»Hast du zufällig eine digitale Uhr auf dem Armaturenbrett gesehen?«

»Warum?«

»Eine Möglichkeit, festzustellen ob man träumt, besteht darin, eine Uhr anzuschauen. Die Zeit ändert sich nicht. Lichtschalter funktionieren auch nicht.«

»Aber ich stelle nicht in Frage, ob ich geträumt habe oder nicht. Ich meine, ganz vage war mir klar, dass es so sein musste, aber es fühlte sich an wie wach sein. Und was bedeutet es, dass es zwei Mal passiert ist? Zwei Mal bin ich in dieser zierlichen Person mit der rauchigen Stimme, die wie Demi Moores klingt, gewesen.«

»Wirklich?« Er schwärmte für Demi Moore.

»Ist das nicht komisch? Ist es nicht komisch, dass ich die gleichen Sachen trug und mit dem gleichen Mann sprach?«

»Das nennt man einen progressiven Traum. Man macht dort weiter, wo man aufgehört hat.«

»Davon habe ich noch nie gehört.«

»Das ist sogar ziemlich verbreitet. Und ich wüsste nicht, warum Träume bei Augenmigräne nicht progressiv sein sollten. Hast du heute viel Kaffee getrunken? Koffein kann Migräne auslösen.«

»Zwei Tassen.« Sie legte ihren Kopf auf ihre Arme. Die Lobby zerrte an ihr, die Menschen, die sich draußen unterhielten, der Geruch des Popcorns.

»Gewitter können auch ein Auslöser sein, wenn ich es mir recht überlege.«

»Aber in beiden Träumen war alles genau gleich. Genau gleich, bis hin zum Muster des Rocks.« Sie rieb sich die Stirn an ihren gefalteten Händen. »Das scheinst du nicht zu kapieren.«

»Ich habe es kapiert.«

»Bis hin zu den Nagelhäuten.«

»Morgen erreichen uns noch weitere Unwetter. Das erste so gegen fünfzehn Uhr.« Er erhob sich vom Tisch. Mittwochabends arbeitete er immer an seinem Almanach, und er war bereits länger geblieben als sonst. »Da solltest du lieber nicht Auto fahren.«

»Oh. Ja, du hast recht.«

Sie half ihm in sein Radfahrer-Outfit und küsste ihn auf die Lippen. Sie winkte ihm von der Hintertür aus nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Sie leistete Abbitte für den Kuss im Auto, für das Schaudern, das sie immer noch in den Gliedern spürte. Wenn sie wieder in einen Traum verfiel, würde sie dann wieder im Innern der Frau sein? Sie verriegelte die Tür, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und stieß einen Seufzer aus, den sie gefühlt mehrere Stunden lang unterdrückt hatte.

Ihre Mutter und Lloyd sprachen über Schlafanzüge. »Ich schlafe splitterfasernackt«, sagte Fiona. »Immer schon.«

Lloyd, der gerade Popcorn auffegte, sagte »Aha!«. Er wirkte unbeeindruckt. »Nicht schlecht besucht«, sagte er zu Rose. »Mehr, als ich erwartet hatte.«

»Henry Fonda zieht«, sagte sie.

»Diese blauen Augen«, sagte Fiona. »Wenn Henry Fonda hier hereingeschneit wäre und mich gebeten hätte, mit ihm wegzulaufen, da wäre ich schwer in Versuchung geraten.«

»Ich komme zur Pause wieder herunter«, sagte Rose.