Beschreibung

Manchmal macht es Spaß, ein Werwolf zu sein! Auf dem Heimweg vom Kino wird Motte, ein zehnjähriger Junge, von einem seltsamen Hund gebissen. Nur ein bisschen, es tut fast nicht weh. Der Hund war ein Werwolf, aber das merkt Motte erst, als er sich selbst in einen verwandelt: Seine Fingernägel werden zu Krallen und ihm wächst ein Fell! Manchmal macht Motte das Werwolf-Sein sogar Spaß - wenn die großen Jungs endlich Angst vor ihm haben oder er nachts den Mond anheult. Aber trotzdem ist er heilfroh, als er gemeinsam mit seiner Freundin Lina einen Weg findet, wieder ein ganz normaler Junge zu werden.

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Seitenzahl: 61


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Eine unheimliche Begegnung

Es passierte an einem Sonntagabend im Oktober.

Einem scheußlichen Abend.

Motte war mit Lina im Kino gewesen, und als sie hinaus auf die Straße traten, war es schon ganz dunkel. Motte mochte die Dunkelheit nicht. Wenn es nach ihm ginge, dann hätte man die Nacht längst abgeschafft. Die Nacht, den Mond und alles, was dazugehörte.

Ein feuchter, kalter Wind wehte ihnen entgegen. Er trieb verwelkte Blätter vor sich her. Leute schlugen die Kragen hoch und machten, dass sie nach Hause kamen. Hunde knurrten sich an. Zwischen den Wolken hing milchig weiß der Mond.

»Ein blöder Film«, sagte Lina. »Absolut blöde.«

Ohne ein weiteres Wort machte sie sich auf den Heimweg. Mit so langen Schritten, dass Motte wie immer Mühe hatte hinterherzukommen. Lina war einen Kopf größer als er und seine allerbeste Freundin. »Also, ich fand ihn nicht schlecht«, sagte er.

»Kann ich mir vorstellen«, antwortete Lina.

Sie mochten nie dieselben Filme. Lina mochte alles mit Tieren, Motte mochte Weltraumgeschichten. Lina mochte Filme, in denen alle schrecklich nett zueinander waren. Motte mochte die, in denen es von Fieslingen nur so wimmelte. Aber das Streiten darüber brachte beiden Spaß, viel mehr als die Filme selbst.

»Dieser Kerl sah so dämlich aus!«, schimpfte Lina. »Hast du sein Kinn gesehen? Gott, sah der blöd aus.«

Motte fand, dass er wunderbar ausgesehen hatte. So stark und heldenhaft. Und mindestens zwei Köpfe größer als alle anderen.

Sie bogen in den kleinen Weg zur U-Bahn-Unterführung ein. Wie weißer Rauch hing ihr Atem in der Luft.

»Brrr!« Lina verzog das Gesicht. »Ich hasse es, da durchzugehen. Es stinkt und ist unheimlich.«

»Ach, nun komm schon«, sagte Motte. Nach dem Kino war er immer mutiger als sonst.

Der Tunnel in der U-Bahn-Böschung gähnte ihnen wie ein schwarzes Maul entgegen. Er sah wirklich nicht sehr einladend aus, aber es war der kürzeste Weg nach Hause.

Lina griff nach Mottes Hand. »Igitt«, sagte sie, »heute stinkt es besonders scheußlich, was? Irgendwie anders als sonst.« Ihre Schritte hallten unheimlich in der Dunkelheit. Linas Stimme klang seltsam hohl. »Hallo, ist da jemand?«, rief sie.

»He, lass das!«, sagte Motte. Er tastete sich an der kalten, feuchten Tunnelwand entlang – Commander Motte, gelandet auf einem unbekannten Planeten … Aber sogar für Commander Motte war diese Dunkelheit ein echter Herzschlagbeschleuniger.

Über ihre Köpfe dröhnte die U-Bahn hinweg. Dann war es wieder still.

»Motte!«, flüsterte Lina. »Motte, guck mal.«

»Lass die blöden Witze!«, brummte er.

Aber Lina machte keine Witze.

Von der anderen Seite fiel das Licht einer Straßenlaterne in den Tunnel. Und da, nur einen Schritt vor dem Tunnelende, stand eine Gestalt.

Kein Mensch. Ein Hund oder etwas Ähnliches.

»Toll«, sagte Motte. »Ein Hund. Du magst doch so gerne Hunde.«

Er mochte sie überhaupt nicht. Kein bisschen.

»Der sieht aber unheimlich aus«, flüsterte Lina und blieb stehen. »Sollen wir nicht lieber umdrehen?«

Motte schüttelte den Kopf. Lächerlich. Umdrehen wegen eines Hundes. Er konnte sich genau vorstellen, was sein großer Bruder dazu sagen würde. Langsam ging er auf die dunkle Gestalt zu.

Der Hund hob witternd die Schnauze. Seine Augen waren gelb, gelb wie Bernstein. Den Schwanz hatte er zwischen die Hinterläufe geklemmt.

Motte drückte sich gegen die Tunnelwand. Je mehr Abstand zwischen ihm und der spitzen Schnauze war, desto besser.

»Der hat ja gelbe Augen!«, zischte Lina. »Kein Hund hat gelbe Augen.« Sie versuchte, Motte am Arm zurückzuzerren. »Komm weg! Das ist ein Wolf. Ein echter Wolf!«

»Quatsch.« Motte schob sich weiter an der Tunnelwand entlang. Das war nun wirklich zu albern. Ein Wolf mitten in der Stadt.

Der Hund hob den Kopf und folgte ihm mit den Augen. Sie leuchteten in der Dunkelheit wie goldenes Feuer.

Motte schob sich gerade langsam, ganz langsam an ihm vorbei, da stieß sein Fuß gegen eine leere Cola-Dose. Mit lautem Scheppern rollte sie dem Hund vor die Pfoten.

Motte zuckte zusammen.

Lina schrie auf.

Und der Hund schnappte nach Mottes Hand. Schnell wie der Blitz. So schnell, dass es fast nicht wehtat.

Dann machte er einen Satz – und verschwand in der Dunkelheit.

»Er hat dich gebissen!«, rief Lina entsetzt. »Oh nein, er hat dich gebissen! Tut’s sehr weh?«

»Nein«, murmelte Motte. Er guckte gegen die schwarze Tunnelwand. Bloß nicht auf die Hand sehen.

»Komm!« Lina zerrte ihn hinter sich her, raus aus dem Tunnel, unter die Laterne.

Motte kniff die Augen zu und hielt ihr die Hand hin. Ganz heiß fühlte sie sich an. Heiß und klopfend.

»Na, ein Glück!«, seufzte Lina. »Sieht nicht so schlimm aus.«

»Wirklich?« Motte wagte immer noch nicht sich die

Bescherung anzusehen. »Ist sie – ist sie nicht irgendwie zerfetzt oder so?«

»Quatsch!« Lina kicherte. »Ist nur ein Kratzer.«

Zögernd öffnete Motte die Augen. »Ich kann einfach kein Blut sehen. Ganz komisch wird mir davon.«

»Hm, schwer zu glauben.« Lina zog ein Taschentuch aus der Jacke und wickelte es ihm um die Hand. »Und was ist mit den Filmen, in die du mich immer schleppst?«

»Filme sind was anderes«, sagte Motte.

Auf wackeligen Beinen folgte er Lina über die Straße, vorbei an den Geschäften, die gerade schlossen, bis sie vor dem Haus standen, in dem sie beide wohnten – Motte im Erdgeschoss, Lina ganz oben.

»Na, dann.« Lina stieß die Tür auf. »Und geh morgen zum Arzt, ja? Wegen Tollwut und so.«

»Ja, ja!« Motte guckte ihr nach, wie sie mit langen Beinen die Treppe hinauflief. Dann versteckte er die verletzte Hand in der Jackentasche und drückte auf die Klingel.

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Fell und Krallen

Mottes Eltern und sein großer Bruder Paul saßen schon beim Abendessen.

»Na, wie war der Film?«, fragte Paul.

»Spitze.« Motte verbarg seine Hand unterm Tisch, aber mit einer Hand kann man sich kein Brot schmieren.

»Was hast du denn mit deiner Hand gemacht?«, fragte Mama.

»Och, nur ein Kratzer«, sagte Motte.

»Lass mal sehen!« Mama griff über den Tisch, aber Motte ließ die Hand schnell wieder verschwinden. Wenn seine Mutter sah, dass das ein Biss war, würde sie ihn sofort zum Arzt schleppen. Und Ärzte mochte Motte noch weniger als Hunde. Ärzte wurden nur noch von Biolehrern übertroffen, aber das war eine andere Geschichte.

»Wir schreiben morgen Mathe«, sagte er schnell. Das war eine Notlüge, lenkte seine Eltern aber garantiert ab.

»Oje!«, sagte Mama.

»Hast du auch genug geübt?«, fragte Papa. »Am besten setzt du dich heute Abend noch mal eine Stunde mit deinem Bruder zusammen.«

Paul war in Mathe ein Ass. Selbstzufrieden thronte er Motte gegenüber, knapp zwei Jahre älter, einen Kopf größer und durch kein Schulfach der Welt zu verunsichern.

»Wie sieht’s aus, kleiner Bruder?«, fragte er. »Mal wieder etwas Nachhilfe fällig?«

»Nee, ist nur ein kleiner Test«, antwortete Motte und stopfte sich zwei Scheiben Wurst in den Mund. »Das kann ich auch alleine.« Er schnupperte. »Igitt, ihr habt wieder diesen Stinkkäse gekauft, was? Ist ja nicht auszuhalten.«

»Wieso?« Überrascht sah seine Mutter ihn an. »Den hab ich doch extra im Kühlschrank gelassen. Da kannst du ihn ja wohl schlecht riechen, oder?«

»Im Kühlschrank?«, murmelte Motte. Er roch den Käse ganz deutlich. Komisch.

»Also wenn hier was stinkt, mein Lieber«, sagte Paul, »dann bist du das. Du stinkst aus dem Mund wie Klopoteks Boxer. Was hast du gemacht? Eine Dose Hundefutter gegessen?«

Bei dem Wort »Hund« verschluckte Motte sich und bekam einen Hustenanfall.