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Für Leichtgläubige ... Die Geschichten spielen in einem Umfeld, das wir alle kennen oder zu kennen glauben. Wenn wir uns da mal nicht täuschen!
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2017
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ZEIT IM STRANDKORB
KIRCHENFEUER
TIEFBLAU
POLTERGEIST
Nach fünfzig Jahren, beginnt das Leben eines Mannes schleichend etwas bröselig zu werden. Es schleift sich an den Kanten ab, wie alter Sandstein, der zu lange der Witterung ausgesetzt ist. Im Kern noch fest, verliert es Zusehens an Form, wird langsam unansehnlich und leider auch unerträglich.
Der fünfzigste Geburtstag ist daher kein Festtag. Wer ihn als Mann mit einem rauschenden Fest begeht, ist entweder total beknackt oder mathematisch unterbelichtet. Conrad Stadler war weder das Eine, noch das Andere. Er sah die Dinge realistisch. Sein Leben war zu Zweidrittel abgelebt, der Rest, bröselig und abgeschliffen, musste mit Vorsicht angegangen werden. Statt ordentlich mit dem faltigen Arsch zu wackeln, kündigte er, ohne nähere Angaben von zwingenden Gründen, seinen Job bei der Oberfinanzdirektion, der ihn mehr als dreißig Jahre über Wasser gehalten hatte. Mehr aber auch nicht. Von einem erfüllten Arbeitsleben, pflichtbewusst, korrekt und mit Hingabe bewältigt, konnte keine Rede sein. Er hatte dreißig Jahre funktioniert, wie der Kaffeeautomat in der Kantine.
Neunzig Tage vor seinem fünfzigsten Geburtstag hatte er mit dem gleichen, nur vorgetäuschten Pflichtbewusstsein das in dreißig Jahre über Wasser gehalten hatte, seine langjährige Freundin auf die Straße gesetzt, seinen Vater zu Grabe getragen und sein Erbe in Form eines zweistöckigen Mietshauses angetreten. Er nahm eine der sechs Wohneinheiten für sich selbst in Anspruch, renovierte sie nach seinen Vorstellungen und übertrug den Rest des Hauses einer Maklerfirma mit zweifelhaftem Ruf. Seine langjährige Freundin verschwand in einem Möbelwagen, sein Vater (ein tyrannischer Nachkriegstyp mit straffen Prinzipien), endete gottgewollt unter zwei Tonnen Marmor. Ein friedliches Ende für einen Mann, der ihn lebenslang mit dämlichen Weisheiten gequält hatte, stellte Conrad erleichtert fest.
Seine fristlose Kündigung wirbelte weniger Staub auf als ein Kinderpups. Conrad war nicht das Ass der Abteilung, als Mitarbeiter des Monats hatte er deshalb nie zur Debatte gestanden. Sein Schreibtisch war immer sauber und aufgeräumt gewesen, fein geordnet wie sein restliches Leben, über das seine Kollegen nur wenig wussten. Er war stets freundlich gewesen, aufmerksam, zurückhaltend und nie auf Kollisionskurs. Der Verlust, den Conrads Abgang hinterließ, war nicht erwähnenswert.
Alter Schreibtisch, neuer Mitarbeiter, Deckel drüber.
Am letzten Arbeitstag schüttelte Conrad ein paar Hände, gab seine Identitätskarte zurück und pinkelte heimlich in einen monströsen Blumentopf.
Nach gelungener Flucht aus staatlicher Obhut, gönnte er sich eine Woche Urlaub an der Ostsee. Jeder andere Platz auf dieser Welt wäre ihm ebenso willkommen gewesen. Das Hotel in der Nähe von Stralsund hatte seine Aufmerksamkeit erregt, weil es Ruhe und Erholung versprach. Ideal, so sagte man ihm im Reisebüro, den Kopf frei zu bekommen. Genau das was er wollte. Noch hatte er manchmal das dringende Bedürfnis in weitere monströse Blumentöpfe zu pinkeln. Ein kleines Laster, das dem Ex-Mitarbeiter einer deutschen Oberfinanzdirektion, nicht sonderlich gut zu Gesicht stand. Er unternahm lange Spaziergänge, folgte unauffällig alleinstehenden Frauen und würzte seinen Nachmittagskaffee mit einem kräftigen Schuss Amaretto. Am Abend erzählte er den alleinstehenden Damen von seinen langen Spaziergängen, wechselte von Amaretto zu Gin Tonic und stahl sich mit dem Hinweis, er sei ein glücklich verheirateter Ehemann, aus jeder weiteren Verantwortung.
Seine Ambitionen Verantwortung zu übernehmen, waren nie sonderlich ausgeprägt gewesen. Einer der Gründe, weshalb er nie geheiratet und ein halbes Dutzend Kinder in die Welt gesetzt hatte. Mit fünfzig Jahren irgendetwas daran ändern zu wollen, machte wenig Sinn.
Auf einem seiner langen Spaziergänge, stieß er auf einen Laden der gebrauchte Strandkörbe verkaufte. Er ging hinein, fand ein Exemplar mit blau-weißer Musterung und erstand es zu einem sensationellen Sonderpreis. Lieferung frei Haus, innerhalb von sieben Tage, garantiert weniger als zwei Jahre im Gebrauch, versprach der angedudelte Verkäufer. Conrad glaubte ihm, trotz der deutlichen Alkoholfahne. Er leistete eine minimale Anzahlung, ertrug abends den Spott der alleinstehenden Damen und erfreute sich seines neuen Lebens.
Nach sieben Tagen setzte er sich in ein zwanzig Jahre altes Mercedes Kabriolett und fuhr zurück in seine frisch renovierte Wohnung im Zentrum einer Kleinstadt nördlich von München. Seine Abreise wirbelte noch weniger Staub auf, als sein nüchterner Abgang aus der Oberfinanzdirektion. Außer einer alleinstehenden Dame aus Zimmer Vierundzwanzig im ersten Stock und der rothaarigen Hupe an der Rezeption im Erdgeschoss, nahm niemand Kenntnis davon.
Der Weg zurück in ein Leben, das nicht an den Kanten abgeschliffen wurde wie verwitterter, alter Sandstein, fiel Conrad Stadler überraschend leicht. Dreißig Jahre Stallgeruch ließen sich natürlich nicht von heute auf morgen in Jasminduft verwandeln. Der Alltag roch auch in seiner frisch dekorierten Wohnung nach Pflicht, Ehre und Kaffeemaschine. Seit er ins Singlezeitalter abgetaucht war, roch es außerdem hin und wieder nach verpasster Müllentsorgung, Waschmaschine und antibakteriellen Schimmelreiniger. Der Kampf mit Mindesthaltbarkeitsdaten wurde zur alltäglichen Bedrohung. Manchmal gewann, manchmal verlor er den Kampf.
Langsam nahm sein Leben verschleißfreie Formen an.
Vier Tage nach Rückkehr aus dem Urlaub, wurde der Strandkorb geliefert. Er fand seinen idealen Platz auf dem überbreiten Balkon, nahe der Glasfront zum Wohnzimmer, leicht schräg ausgerichtet um freies Sichtfeld zur Domkirche hinauf zu haben. Erste Tests verliefen überaus zufriedenstellend. Der gewählte Standort erwies sich als windresistent, geräuscharm und größtenteils uneinnehmbar für neugierige Nachbarn. Trotzdem zog der nur bis zur Hälfte sichtbare Strandkorb, wie selbstverständlich die Aufmerksamkeit des Viertels auf sich. Einmal entdeckt, wurde er über lange Tage hinweg zur absoluten Attraktion. Manche Beobachter schüttelten verständnislos den Kopf, andere dachten womöglich an ihr eigenes, abgeschliffene Leben und lächelten zustimmend. Conrad Stadler genoss ihr Interesse mit Zurückhaltung. Er war dreißig Jahre im Kreis gelaufen und musste sich erst an die neue Laufrichtung gewöhnen.
Nachdem die Aufregung um den Strandkorb wichtigeren innenpolitischen Themen gewichen war (zum siebten Mal in wenigen Jahren, stand der Verantwortliche für den Bau der Westumgehung vor dem Rauswurf), zelebrierte Conrad in einer lauschigen Nacht Richtfest für den neuen Strandkorb. Einziger Gast: Er selbst. Als kulinarischer Höhepunkt des Abends, wurde nach Einbruch der Dunkelheit eine Flasche Rotwein aus Südafrika und eine aufgepimpte Pizza mit zerkrümelter Salsicca, Chilischoten, roten Zwiebeln, Mozzarella und Oregano gereicht. Aufgrund einer zweiten Flasche Wein, dauerte das Fest beinahe die ganze Nacht. Der Kater am nächsten Tag dauerte etwa bis Mittag.
Ein schmerzhafter Teil der neuen Laufrichtung, an die er sich erst gewöhnen musste.
Wieder in Form gebracht, stellte er sich seinen Mietern als neuer Hausherr und Vermieter vor. Da er wenig Kontakt zu seinem verstorbenen Vater gepflegt hatte, war er den Meisten völlig unbekannt. Einigen war er während der Renovierungsarbeiten schon kurz über den Weg gelaufen. Mehr als ein flüchtiger Gruß unter Zufallsbekanntschaften war dabei nicht ausgetauscht worden. Sein Vater Maximilian Stadler, war Zeit seines Lebens ein überzeugter Eigenbrötler gewesen. Nur in den kurzen vier Jahren, in denen er mit Conrads Mutter verheiratet gewesen war, hatte er hin und wieder kurz über den Tellerrand hinausgelinst. Offenbar hatte er seine Mieter in ähnlich zurückgezogenen Kreisen gesucht und gefunden. Ehepaar Seifert, seine Flurnachbarn auf der rechten Seite, lebte lautlos wie ein kaputtes Fernsehgerät. Kein einziger lauter Ton drang je aus ihrer Wohnung, keine Tür knallte, kein zänkisches Gezeter und auch kein guter alter Rock`n Roll.
Im ersten Stockwerk residierte Zahnarzt Doktor Kleist, nebst Papagei Nepomuk und Putzfrau Swetlana aus Kasachstan. Kleist und Nepomuk waren Dauergäste, Swetlana kam zweimal die Woche. Der weitaus unterhaltsamste Teil des Trios war der Papagei. Er beherrschte mehr deutsche Wörter als die Putzfrau und legte in seinem Käfig in einer Stunde mehr Meter zurück, als Doktor Kleist an einem ganzen Wochenende zwischen Hausbar und Kleiderschrank zustande brachte.
Gegenüber logierten zwei ältere Schwestern, die mit dem Adjektiv älter noch gut bedient waren. Maria und Sebastiana Popp hielten sich mit Hilfe von täglich angebotenen Quizsendungen auf diversen Fernsehkanälen und der massenhaften Einnahme leistungsstärkender Präparate aus dem Drogeriemarkt, halbwegs bei akzeptablem Verstand. Sebastiana war in jüngeren Jahren Nonne gewesen, ehe man sie wegen Unzucht mit einem rosaroten Dildo aus dem Konvent geworfen hatte.
Im Erdgeschoss waren ein Architekturbüro und ein Nagelstudio untergetaucht. Beide mit befristeten Mietverträgen über zehn Jahre, von denen vier schon abgelaufen waren. Architekt Waclaw Grzyl – die korrekte Aussprache lautete Gschill – war vor Jahren aus Polen zugezogen, legal und ohne weite Umwege über irgendein Auffanglager. Er war spezialisiert auf Rundbauten wie Futtersilos oder Wassertürme.
Das Nagelstudio war fest in asiatischer Hand. Wie ein Blick in die Bücher zeigte, bezahlte Familie Lo ihre Miete pünktlich und machte auch sonst keinen nennenswerten Ärger. Lediglich die Anzahl der Personen, die über die Adresse des Nagelstudios ihre Post zugestellt bekamen, gab hin und wieder Rätsel auf. Vielleicht die asiatische Form eines verschleißfreien Lebens, das nicht an den Kanten abgeschliffen wurde.
Die laufenden Mieteinnahmen garantierten Conrad Stadler ein sicheres Einkommen. Dreißig Kilometer nördlich von München und vermutlich noch weit darüber hinaus, wurde aus Einkommen sprachlich ein Auskommen. Warum auch immer. Conrad war es egal, er plante weder eine sündhafte teure Weltreise, noch die Anschaffung des neuesten Kraftprotzes mit Stern auf der Motorhaube, noch ein zunehmend beliebter werdendes kleines Spielchen mit Spekulationspapieren jeglicher Art und Herkunft. Ob nun Ein- oder Auskommen, nach dreißig Jahren staatlicher Abhängigkeit, befand er sich plötzlich unerwartet auf der finanziellen Überholspur und nur das war wichtig. Das Schleifen an den Kanten seines Lebens hörte nicht gänzlich auf, aber es wurde erträglicher.
Gesegnet mit einer Menge Freizeit und einem Bankkonto das regelmäßig befüllt wurde, verging der erste Sommer mit ausgedehnten Erkundungstouren durch die Stadt und langen Wanderungen über blühende Wiesen, vorbei an goldgelben Getreidefeldern und eingezäunten Viehweiden. In unbeobachteten Momenten knallte er manchmal einen spitzen Stein auf das breite Hinterteil einer Milchkuh, die verärgert im gestreckten Galopp das Weite suchte. In beobachteten Momenten hingegen, ließ er spitze Steine unangetastet liegen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und gab theatralisch den einsamen Spaziergänger.
Am Ende des Sommers war sein neues Leben in ein Fahrwasser geraten, dass ihn rundherum zufrieden stellte. Seine Mieter und der Postbote grüßten höflich – wenn sie ihre Lautlosigkeit für einen Augenblick ablegen konnten -, sein neuer Hausarzt hatte ihm eine Zeckenschutzimpfung verpasst und das Cafe Ludwig, am Anfang der innerstädtischen Einkaufsmeile, akzeptierte ihn langsam als Stammgast und gewährte ihm gewisse Sonderkonditionen. Sein betagtes Mercedes Kabriolett hatte sicheren Unterschlupf im Parkhaus am Mühlbach gefunden. Vorausgegangen war ein dezenter Tipp seines neuen Hausarztes. Völlig kostenlos, versteht sich, Krankenschein nicht nötig. Etwas schwieriger gestaltete sich die Suche nach einem neuen Frisör. Die Auswahl war groß, die Gegenargumente noch größer. Nach fünfzig Jahren Seitenscheitel kam eine Risikobehandlung nicht in Betracht. Modischer Firlefanz noch viel weniger. Hairdesign Mattie erfüllte alle nötigen Voraussetzungen, auch wenn ihm der Name nicht sonderlich zusagte. Er war auf der Suche nach einem gepflegten Haarschnitt und wollte nicht designt werden. Besitzerin Mattie Weber überzeugte ihn mit Humor und einem kostenlosen Kamm für den Seitenscheitel.
Die Kleinstadt, in der er jetzt einen Sommer lang wohnte, erlangte seine Zuneigung erst nach und nach, in unzählig kleinen Schritten. In vielen Ecken roch es noch zu sehr nach Maximilian Stadler, seinem verstorbenen Vater. Eine Parkbank am Pflasterweg hinauf zur Domkirche, rühmte ihn mit Messingschild als edlen Spender derselben. Das städtische Kulturamt fragte nach, ob er das Abonnement für Platz Zwölf, Reihe Vier, im Stadttheater aufrecht erhalten wolle. Nein, wollte er nicht. Auch als Mitglied einer politischen Vereinigung, stand er nicht zur Verfügung, es sei denn, so ließ er mitteilen, sie könnte sich mit den Plänen des Ku-Klux-Klans einverstanden erklären. Das wiederum, wollte die Vereinigung nicht.
So kam es, dass man Conrad Stadler im letzten Sonnenlicht oft vor dem Cafe Ludwig wiederfand, und nicht am politischen Stammtisch der Klangegner. Er trank in aller Ruhe seinen Dämmerschoppen, lauschte dem letzten verbliebenen Straßenmusiker oder hörte sich die Sorgen von Erin, der türkischen Kellnerin an. Sie hatte sich mit einem verheirateten Mann eingelassen, noch dazu einem Deutschen, und machte sich große Sorgen was Allah und ihr Vater dazu sagen würden. Conrad versicherte ihr, beide würden den Fehltritt verzeihen.
Als die Tage langsam spürbar kürzer wurden, saß er an einem frühen Morgen im Wartezimmer seines Hausarztes Doktor Plesser. Nichts Ernstes, nur ein bisschen Rückenschmerzen der vergänglichen Art. Ungewollt, und anfänglich wenig interessiert, musste er die Unterhaltung zweier jungen Frauen mit anhören. Eine der Beiden lebte in einer Doppelhaushälfte am Stadtrand, zusammen mit ihrem Mann und ihrer sechsjährigen Tochter. Sie war völlig durch den Wind, hochgradig erregt und den Tränen nahe. Aus heiterem Himmel, wie sie sagte, hatte ihr Vermieter den weiteren Verbleib von zwei Katzen untersagt, die seit mehr als fünf Jahren bei ihnen lebten und der ganze Stolz ihrer Tochter waren. Er führte hygienische Gründe ins Feld, schickte Ungeziefer an die Front und pochte, falls das nötig sein sollte, auf sein verbrieftes Recht als sorgengeplagter Hausherr.
Die Katzen Kim und Phoebe mussten weg. Ehemann Alfred hatte sie nach langem hin und her, an diesem Morgen ins Tierheim gebracht.
Conrad Stadler war zeitlebens nicht der engagierte Tierschützer gewesen, aber die Geschichte um die beiden Katzen gefiel ihm ganz und gar nicht. Aus mehreren Gründen hielt er sie für ungerecht, sowohl gegenüber der sechsjährigen Tochter, als auch mit Blick auf zwei unschuldige Katzen. Sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, wie Kopfschmerzen nach einem gigantischen Fönsturm. Sie verfolgte ihn zur Terminvereinbarung von sechs, durch Doktor Plesser verschriebene Massagen, drängte sich in sein sonst erholsames Mittagsschläfchen und versaute das Kartoffelgratin, das er normalerweise mit verbundenen Augen auf den Teller zauberte. Am frühen Abend – Kartoffelgratin Versuch Zwei führte zum gewünschten Erfolg - setzte er sich mit einem Glas Rotwein in den Strandkorb, legte die Beine hoch und schloss die Augen. Nach einer Weile wurde das Licht schwächer. Die Zeit war blockiert!
Ein paar Tage danach, bekam das Doppelhaus am Stadtrand ungebetenen Besuch. Aus einem Erdloch hinter den Mülltonnen kroch eine Kompanie Mäuse, grau, wuselig, ausgehungert, und machte sich auf die kurze Wanderschaft zu den Kellerabteilen des Hauses. Hausherr Rainer Schwarzmann, Betreiber eines Reformhauses in der Innenstadt, lagerte dort seine eisernen Vorräte an abgepackten Körnermischungen, Nüssen aller Art, geschroteten Samen und diversen biologisch einwandfreien Backzutaten. Aus Sicht der Mäuse ein wahres El Dorado. Der Schaden, den die gut ausgebildete Schar unter seinen Vorräten innerhalb der nächsten Stunden anrichtete, war enorm. Außer einigen Flaschen erlesener Gemüsesäfte überlebte so gut wie Nichts die hinterhältige Attacke.
Einen Tag danach fuhr Ehemann Alfred, auf Wunsch von Hausherrn Schwarzmann, ein weiteres Mal zum Tierheim. Sein Auftrag lautete: Befreiung der beiden Katzen Kim und Phoebe und sofortige Rückführung der beiden in gewohnte Umgebung. Zweck der Aktion: Vollständige Niederwerfung, wenn möglich restlose Vernichtung der ungebetenen Eindringlinge. Der Plan ging auf. Kim und Phoebe schienen zu wissen, dass ihr weiterer Verbleib davon abhing, wie schnell und wie nachhaltig sie der Mäuseplage zu Leibe rückten. Innerhalb von vierzehn Tagen war das Massaker beendet. Die beiden Katzen erhielten daraufhin ein lebenslanges Bleiberecht. Rainer Schwarzmann behielt sein Reformhaus in der Innenstadt.
Am gleichen Abend saß Conrad Stadler wieder in seinem Strandkorb, trank ein Glas Rotwein, legte die Beine hoch und schloss zufrieden die Augen. Nach einer Weile wurde das Licht über der Stadt intensiver. Die Zeit war entzerrt.
Erin, die türkische Kellnerin aus dem Cafe Ludwig, steckte in ernsthaften Schwierigkeiten. Vater Achmed war durch einen dummen Zufall hinter ihre Beziehung mit einem deutschen Mann gekommen, und als wäre das nicht Grund genug für ein paar private Reformen, hatten sie die Typen vom Autohaus Splitt auch noch kräftig über den Tisch gezogen. Grundsätzlich finanziell wackelig aufgestellt, war der einzig gangbare Weg aus der Misere, der endgültige Verzicht auf ausgedehnte Einkaufstouren durch hochpreisige Klamottenläden und die reumütige Rückkehr an Papas breite Brieftasche.
Der eigentliche Grund ihrer verzweifelten Lage, war der schwarze Sportwagen aus bayrischer Fließbandproduktion, das Geschenk ihres Vaters zum zwanzigsten Geburtstag. Sie hatte den Wagen an diesem Morgen zur Inspektion gebracht, wohl wissend, dass ihr aktueller Kontostand nicht viel mehr als einen flüchtigen Blick unter die Motorhaube abdecken konnte. Seit einem kurzen Anruf vor etwa zwanzig Minuten wusste sie, wie pikant die Situation tatsächlich war. De facto war ihr Konto vor zwanzig Minuten in einem glutroten Feuersturm aufgegangen. Erin hatte die teilnahmslosen Worte noch deutlich im Ohr: „Die Inspektion hat weitere Schäden an dem Fahrzeug ergeben. Aus Sicherheitsgründen mussten wir das elektrische Schiebedach austauschen. Da war nichts mehr zu machen.“
Exakt, dachte Erin, da war nichts mehr zu machen.
Das Autohaus Splitt stellte ihr eine vierstellige Summe in Rechnung. Fällig bei Abholung. Bar oder mit Karte? Ihr Chef Otto Sander, Pächter des Cafés und Ex-Türsteher, geschult in vielen finanziellen Schräglagen, gab der Geschichte die entscheidende Wendung.
„Ausschlaggebend ist immer, was im Auftrag steht“, sagte er wissend. „Die Werkstatt darf nur das machen, was du mit Unterschrift abgesegnet hast. Bist du mit dem Austausch des Schiebedachs einverstanden gewesen, oder nicht?“
„Nein, Mann“, sagte Erin aufgebracht, „ich wollte nur die Inspektion.“
„Und genau das, und nichts anderes, steht im Auftrag?“
„Klar, ich hab das Ding hier.“ Erin kramte es aus ihrer Handtasche und hielt es Otto unter die Nase. Ein kurzer prüfender Blick genügte, der Auftrag zum Wechsel des Schiebedachs war nicht erteilt worden.
Otto Sander verschaffte seiner Kellnerin noch am gleichen Tag, einen Termin bei einem befreundeten Rechtsanwalt. Sie erstattete Anzeige gegen das Autohaus Splitt wegen grob fahrlässiger Täuschung und Betrug. Ihr Auto wurde bis zur endgültigen Klärung der Geschichte einbehalten. Ein großer Nachteil für Erin. Sie wohnte zusammen mit einer Freundin in der nächsten Stadt und war auf ihr Auto angewiesen. Mehr als auf ihren deutschen Liebhaber, dem Vater Achmet einen abgeschnittenen Pimmel in Aussicht gestellt hatte. Ohne Auto war sie aufgeschmissen. Voll krass, Alter!
Conrad Stadler wurde die Geschichte keine Stunde später zugetragen. Zwischen Dämmerschoppen und dem Abendfilm auf Kanal Zwei, erzählte ihm Erin persönlich die traurige Story ihrer unglücklichen Liebe zu einem deutschen Auto und einem deutschen Liebhaber, der, sollte ihr Vater nicht bald zur Vernunft kommen, in absehbarer Zeit ohne Pimmel herumlaufen würde. Seine Frage, wer ihr wichtiger sei, der Liebhaber oder das Auto, ging klar zum Vorteil eines schwarzen Sportwagens aus bayrischer Fließbandproduktion aus.
Am folgenden Abend setze sich Conrad mit einem Glas Rotwein in seinen Strandkorb, legte die Beine hoch und schloss die Augen. Nach einer Weile wurde das Licht schwächer. Die Zeit war blockiert!
Zuerst entdeckte der Wachmann das Loch im Drahtzaun, kreisrund gearbeitet, als wäre ein echter Künstler am Werk gewesen. Die Fußspuren im aufgeweichten Boden zeigten, dass mehrere Personen aus Richtung der nahen Zubringerstraße zur Autobahn Nürnberg gekommen waren, durch das Loch im Zaun stiegen und sich gleichmäßig über den Firmenparkplatz von Autohaus Splitt verteilten.
Als nächstes entdeckte der Wachmann einen arg mitgenommen Geländewagen der gehobenen Mittelklasse. Kühlergrill und Motorhaube fehlten gänzlich, ansonsten erschien er ihm äußerlich unbeschädigt. Einige Sekunden später entdeckte er die eingedrückte Glasscheibe auf der Fahrerseite. Lose Kabelenden quollen aus dem Armaturenbrett. Das Navigationsgerät war – soweit er das beurteilen konnte – fachmännisch ausgebaut worden.
An einer cremefarbenen Limous-ine fehlte das Steuergerät, die Scheinwerfer vorne und der Kofferraumdeckel. Nichts mit purer Gewalt entfernt, vielmehr präzise entnommen wie ein inneres Organ. Aus einem zweisitzigen Kabriolett waren das Sportlenkrad und die beiden handgenähten Ledersitze entfernt worden. Der Übeltäter hatte nach getaner Arbeit, sogar die Türen links und rechts wieder sorgfältig geschlossen. Es schien als würde er Autos lieben, auch wenn er sie ausnahm wie einen gefangenen Fisch.
Am schlimmsten hatte es einen schwarzen Sportwagen mit Schiebedach erwischt. Seine nackten Achsen standen auf Holzklötzen, Felgen und dazugehörige Reifen fehlten gänzlich. Der Innenraum war praktisch ausgeweidet, sogar die Sonnenblenden waren entfernt worden. Frei zugängliche Teile des Motors waren abgeschraubt. Zu diesem Zweck waren die beiden Kotflügel gewaltsam nach außen gebogen worden. Gleiches am Heck des Fahrzeuges. Die Schürze über den Auspuffrohren war fachmännisch abmontiert. Trotzdem hatten es Blechschäden zu Hauf gegeben. Aus der Sicht eines erfahrenen Gutachters, war der Wagen nur noch ein Haufen Schrott.
Inhaber Walter Splitt war auf Geschäftsreise, also wurde Geschäftsführer Hinrich Moltke-Schreiber zum Tatort zitiert. Er besah sich den Schaden und informierte die Polizei. Die Beamten einer erst kürzlich zusammengestellten Sonderkommission namens „OSTMARK“, erkannten anhand der Spurenlage sofort die Handschrift einer professionellen Diebesbande aus Osteuropa, die seit Jahren im süddeutschen Raum unterwegs war. Sie arbeitete auf Bestellung, wusste genau was geordert wurde und wo es zu finden war. Sie waren Profis, keine kleinen Gelegenheitsdiebe.
Moltke-Schreiber meldete den Schaden wie üblich der Versicherung und schickte seinem Boss eine kurze Mail.
Als der Gutachter der Versicherungsgesellschaft zwei Tage später die Geschäftsbüros des Autohauses betrat, war der schwarze Sportwagen mit Schiebedach längst auf dem Schrottplatz gelandet. Das Autohaus Splitt hatte der Besitzerin des Wagens, Erin irgendwas mit oglu am Ende, ein großzügiges Angebot gemacht, das sie innerhalb von einer Stunde telefonisch angenommen hatte. Voller, großzügiger Schadensersatz für das zerstörte Auto, Rücknahme aller ausstehenden finanziellen Forderungen resultierend aus den Folgen eines falsch interpretierten Inspektionsauftrags und, falls gewünscht, kostenlose Bereitstellung eines Ersatzfahrzeuges für die Dauer von sechs Wochen. Einzige Bedingung: Sofortige Rücknahme der eingereichten Strafanzeige.
Und wieder saß Conrad Stadler mit einem Glas Rotwein in seinem Strandkorb, legte die Beine hoch und schloss zufrieden die Augen. Nach einer Weile wurde das Licht über der Stadt intensiver. Die Zeit war entzerrt.
Der Winter kam früh in diesem ersten Jahr seines Verweilens in der Kleinstadt nördlich von München. Mitte Oktober fiel der erste Schnee. Die Nächte wurden bitterkalt, in manchen Landesteilen sanken die Temperaturen bereits stellenweise unter null Grad.
Ende Oktober machte Conrad Stadler seinen Strandkorb winterfest. Er schlug den Innenraum mit goldfarbener Wärmefolie aus dem Sanitärfachgeschäft aus und stapelte Schaffelle – von Schafen aus natürlicher Aufzucht, wie man ihm beim Kauf versicherte – darüber. Links und rechts des Korbes platzierte er gasbetriebene Heizstrahler, deren Wärmeabgabe einem Kampfjettriebwerk neuester Baureihe alle Ehre gemacht hätte. Über die Schaffelle warf er bunte Daunendecken, laut Hersteller hochgebirgsgetestet, und legte eine Wollmütze aus norwegischer Produktion bereit. Im Bodenfach hortete er einen kleinen Vorrat hochprozentiger Spirituosen. Strohrum aus Südtirol und selbst gebrannter Pflaumenschnaps aus Kroatien nahmen die besten Plätze ein.
Nach einer besonders stürmischen Schneenacht
