Klirrende Stille - Keller & Jensen - E-Book

Klirrende Stille E-Book

Keller & Jensen

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Beschreibung

Eine Unterhaltung über Liebe. Eine schlimme Nachricht am Telefon. Und dann der Blackout.

»Liebst du mich noch?«, fragt Michaela ihren Mann David am Frühstückstisch. Seine Antwort wirft sie aus der Bahn: »Nein.« Und er möchte sich von ihr trennen. Kurz darauf streitet David ab, diese Unterhaltung je geführt zu haben. Mehr noch, er mache sich große Sorgen um sie. Was stimmt nicht mit ihr? Kehren Michaelas frühere Aussetzer zurück? Anders kann sie sich kaum erklären, dass ihr auch die Erinnerung an ein wichtiges Telefonat fehlt, in dem es um ihre eigene Tochter ging. Michaelas Unruhe wächst. Kann sie sich selbst noch trauen? Oder spielt ihr Mann ein falsches Spiel? Was ist wahr, und was Lüge? Hilfesuchend wendet sie sich an Nachbarinnen und Freunde. Und stellt dabei fest, dass nicht nur David etwas vor ihr verbirgt …

Neuauflage! Dieser Roman ist bereits im Knaur Verlag unter dem Titel »Lügentanz« erschienen.

Weitere Thriller von Keller & Jensen: Hirngespenster; Vater, Mutter, Kind

Die Levke-Sönkamp-Reihe: Möwentrauer; Möwenschuld; Möwenzorn

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Ähnliche


KLIRRENDE STILLE

KELLER & JENSEN

SÓTANO

INHALT

Neuauflage

Das Buch

Keller & Jensen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Nachwort

Weitere Romane von Keller & Jensen

Hirngespenster

Vater, Mutter, Kind †

NEUAUFLAGE

Bei diesem Roman handelt es sich um eine Neuauflage des bereits im Knaur Verlag unter dem Autorennamen Ivonne Keller erschienenen und inzwischen vergriffenen Titels »Lügentanz«. Sollten Sie dieses eBook versehentlich gekauft haben, wenden Sie sich unter [email protected] an die Autorin.

DAS BUCH

Liebst du mich noch?«, fragt Michaela ihren Mann David am Frühstückstisch.

Seine Antwort wirft sie aus der Bahn: »Nein.« Und er möchte sich von ihr trennen.

Kurz darauf streitet David ab, diese Unterhaltung je geführt zu haben. Mehr noch, er mache sich große Sorgen um sie.

Was stimmt nicht mit ihr? Kehren Michaelas frühere Aussetzer zurück? Anders kann sie sich kaum erklären, dass ihr auch die Erinnerung an ein wichtiges Telefonat fehlt, in dem es um ihre eigene Tochter ging. Michaelas Unruhe wächst. Kann sie sich selbst noch trauen? Oder spielt ihr Mann ein falsches Spiel? Was ist wahr, und was Lüge?

Hilfesuchend wendet sie sich an Nachbarinnen und Freunde. Und stellt dabei fest, dass nicht nur David etwas vor ihr verbirgt …

KELLER & JENSEN

Die aus Hessen stammende Krimiautorin Ivonne Keller verfasst unter dem Pseudonym Stina Jensen Inselromane und -krimis – da bot es sich an, die beiden Namen für ihre Thriller miteinander zu verbinden.

Schon seit ihrer Kindheit liebt die Autorin das Spiel mit der Sprache. Bereits in der Schule begeisterte sie sich für englischsprachige Literatur und lernte später während eines Auslandsstudiums im andalusischen Granada Spanisch. Die Faszination für Sprache, gekoppelt mit dem Interesse für alles Menschliche, führte sie neben ihrer früheren Tätigkeit als Personalerin zum Schreiben. Dabei interessiert es sie besonders, was mit Menschen passiert, die kurz davor sind, auszuflippen: Wenn das Leben so anstrengend wird, dass die Fassade bröckelt und man auf das schauen kann, was dahinterliegt.

Nach Zwischenstopps in Granada und Offenbach lebt sie mit ihrer Familie seit vielen Jahren in der hessischen Wetterau.

www.ivonne-keller.dewww.stina-jensen.de

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1

10. DEZEMBER 2000

Sie hätte den kleinen pulsierenden Punkt auf dem Bildschirm fast übersehen.

»Das ist das Herz«, sagte der Arzt, und David drückte Michaelas Hand noch fester.

»Es hat schon ein Herz?«, fragte sie.

»Selbstverständlich. Ohne Herz kein Leben.« Dr. Friedländer reichte ihr die Hand. »Ich gratuliere, Frau Blohm. Sie werden Mutter.«

Michaela lächelte, wie es sich gehörte, und blinzelte die Tränen aus den Augenwinkeln.

Sie musste dringend mit Katja reden.

2

30. JULI 2014

Sie haben eine neue Nachricht

Von: Katja Rudolf

An: Michaela Blohm

Liebe Michi.

Wenn ich von meinem Bett aus dem Dachfenster schaue, sehe ich einen blauen Himmel mit Schäfchenwolken. Wir haben früher als Kinder solche Wolken beobachtet, erinnerst du dich daran? Du sahst oft Wattebäusche oder überlaufende Badewannen, bis obenhin mit Schaum gefüllt. Ich eher Drachenköpfe oder Trolle. Wir lagen auf einer Picknickdecke und vergaßen für eine Weile die anderen. Das sind die schönsten Erinnerungen, Michi. Nur wir beide.

Ich hoffe, es geht dir gut, dort, wo du bist. Ich würde es dir von Herzen wünschen.

Katja

3

Es war der 11. Mai 2014, ein Sonntagmorgen, kurz nach halb zehn. Michaela Blohm stand im Hausflur und lauschte dem Tuten aus dem Telefonhörer in ihrer Hand. Wie ein Besetztzeichen. Stirnrunzelnd legte sie das Telefon auf die Konsole zurück und sah auf ihr Smartphone direkt daneben. Was hatte sie noch mal tun wollen, bevor sie hier im Flur gelandet war und mit den Telefonen herumspielte? Und warum raste ihr Herz, als hätte sie einen Sprint hinter sich? Ruhig, ganz ruhig, konzentrier dich, es fällt dir gleich wieder ein.

Sie scannte mit ihrem Blick den Flur ab, als wolle sie mit einer Kamera ein Panoramabild anfertigen. Als Erstes fiel ihr auf, dass die Haustür nur angelehnt war. Sie drückte sie ins Schloss, dann blieb ihr Blick an einer Streichholzschachtel neben den Telefonen hängen. Ach ja. Sie hatte die Kerzen auf dem Frühstückstisch anzünden wollen. Sie griff nach dem Päckchen und ging ins Wohnzimmer zurück, wo der Esstisch stand, schob das Innenteil der Streichholzschachtel heraus und nahm ein Zündholz, hielt es vorn am Kopf, so dass es nicht brach, wenn sie es über die Seite ratschte. Doch es schien, als habe sie sowieso keine Kraft dazu. Beim ersten Versuch fiel ihr das Hölzchen aus der Hand.

»Mädchen, Mädchen«, murmelte sie. »Kaum bist du sechsunddreißig, wirst du vergesslich und tatterig.«

Endlich klappte es, und der angenehme Brandgeruch stieg ihr in die Nase. Sie zündete die Kerzen an und löschte mit einer raschen Handbewegung die Flamme am Holz. Geht doch. Zufrieden betrachtete sie ihr Werk: Sie hatte zur Feier des Tages eine Tischdecke aufgelegt und das gute weiße Porzellan genommen – die mit Pfingstrosen bedruckten Servietten neben den Tellern waren ein angenehmer Farbtupfer. Sie liebte die Stille am Morgen, wenn David und Zoe noch schliefen und sie alles in ihrem eigenen Rhythmus erledigen konnte. David und sie frühstückten heute nur zu zweit, Zoe war auf Klassenfahrt und hätte sich vermutlich eh nicht darum gerissen, das Tischdecken zu übernehmen – mit ihren zwölf Jahren hatte sie andere Dinge im Kopf. Auch wenn Michaela sich immer häufiger fragte, was genau das wohl war. David mochte mehr darüber wissen, die beiden verstanden sich blind.

Michaela ging zurück in den Flur.

»David?«, rief sie die Treppe hinauf. »Kommst du?«

Er hatte ihr vorhin im Bett kurz mit einem Kuss auf die Wange gratuliert und war anschließend noch einmal eingeschlafen. Nun hörte sie seine Schritte auf den Stufen ganz oben. »Schon unterwegs«, brummte er und trat einen Moment später in seinem kurzen Schlafanzug neben sie.

»Willst du dir nicht was anderes anziehen?« Michaela betrachtete seinen zerknitterten Aufzug. Von seinen verwuschelten Haaren sprach sie lieber nicht, er sah damit ja sogar ganz süß aus.

David hob die Schultern und verzog das stoppelige Gesicht. »Ist doch Sonntag.« Er wirkte noch immer verschlafen. Und auch sie selbst fühlte sich, seitdem sie eben derart planlos im Flur herumgestanden hatte, irgendwie so, als sei sie gerade erst zu sich gekommen. »Ich hab doch Geburtstag. Hose und Shirt würden ja schon reichen.«

Mehrere Stufen auf einmal nehmend eilte er wieder nach oben, und Michaela ging zur Essecke und setzte sich auf ihren Platz am Tisch, von dem aus sie einen Blick durch die Terrassentür auf den üppigen Bambus werfen konnte, der seit vorletztem Sommer dort wuchs. Ein kniehoher Stein thronte davor, und Wasser plätscherte über seine glatte Oberfläche. Sie betrachtete die Szene, als säße sie im Museum vor einem Gemälde. Kopfschüttelnd schlug sie sich sachte auf die Wangen. »Hallo, aufwachen«, flüsterte sie, als sie hörte, wie David die Treppe herunterkam.

»Ist es recht so?« Zwinkernd setzte er sich zu ihr. Er trug das T-Shirt von gestern. Es hatte in Höhe des Bauchnabels einen stecknadelkopfgroßen Fleck von dem Fahrradöl, das er nach der Gartenarbeit auf die Kette seines Rennrads aufgebracht hatte. Anschließend hatte er seine Tour gemacht. David fuhr leidenschaftlich gern Rad. Michaela betrachtete den Fleck und dachte an den Schweiß in seinem Shirt. Besser, sie verdrängte den Gedanken daran, sonst würde sie ihn irgendwann auffordern, die Wäsche zu wechseln, und er würde sie fragen, ob sie wohl noch an andere Dinge denken könnte als an Reinlichkeit und Ordnung. Was sie ja selbst nervte.

»Was war denn eigentlich vor ein paar Minuten da draußen los?«, unterbrach David ihre Gedanken und legte sich eine Serviette auf den Schoß. »Das war ja ein Radau – ich bin davon wach geworden.«

»Welcher Radau?«

»Hallo? Hast du das nicht mitbekommen? Es hat sich angehört, als hätten die den Glascontainer geleert.«

Michaela rieb sich die Schläfen. »An einem Sonntagmorgen? Also, ich hab nichts gehört.« Bestimmt hatte er irgendetwas geträumt.

David hob die Schultern und griff nach einem Brötchen. »Und wer war das am Telefon? Lass mich raten: bestimmt Katja. Wollte mal wieder die Erste sein.«

Michaela verdrehte die Augen. Immer war er eifersüchtig auf ihre beste Freundin. Dabei hatte doch er ihr als Erstes gratuliert. Sie tätschelte seinen Arm. »Ich weiß zwar nicht, von welchem Telefonat du sprichst, aber nein, Katja hat nicht angerufen, und auch sonst keiner.« Bestimmt kam Katjas Geburtstagsgruß noch. Meistens trällerte sie ihr in schrägen Tönen ein Geburtstagslied ins Ohr, manchmal schickte sie auch eine lustige eCard.

David schien irritiert. »Aber du hast doch telefoniert. Mit Zoe?«

Wovon redete er eigentlich? Sie schüttelte den Kopf und schob ihm die Sektflasche zu. »Öffnest du die bitte mal? Ich würde gern mit dir anstoßen.« Hoffentlich machte der Alkohol sie nicht noch benommener. Den Rest würde sie am Nachmittag mit Anke und Regina trinken, wenn die beiden rüberkamen. Vielleicht legte sie sich aber vorher noch mal hin. Manchmal half das, wenn sie sich fühlte, als hätte ihr jemand mit dem Hammer auf den Kopf gehauen.

David goss zuerst ihr ein, dann sich selbst. Sie betrachtete die prickelnden Luftperlen in ihrem Glas. Woran hatte sie noch mal gerade gedacht? Ach ja, an Regina und Anke. Sie waren die einzigen Nachbarinnen, zu denen sie Kontakt hielt. Man konnte ja nicht jedes soziale Miteinander ablehnen, und die Kinder von Anke und Regina, Merle und Jonathan, waren gute Freunde von Zoe. Sie gingen in dieselbe Schule. Jonathan und Merle aßen allerdings mittags in der Mensa, weil Anke und Regina arbeiteten: Regina an drei Vormittagen in einem Versicherungsbüro, Anke war Immobilienmaklerin. Michaelas Aufgabe war es, pünktlich das Mittagessen für Zoe auf den Tisch zu bringen, seitdem sie nach ihrer Geburt ihre Stelle als Erzieherin aufgegeben hatte.

David hob sein Glas. »Auf dich.«

Dann zog er unter seinem T-Shirt einen Umschlag hervor und reichte ihn ihr.

»Was ist das?«, fragte sie.

Es war ein Gutschein über zweihundert Euro, von ihrer Lieblingsboutique in Bad Homburg. Sie hatte es inzwischen aufgegeben, auf ein kreativeres Geschenk von David zu hoffen. Als Softwareentwickler hatte er es eben mehr mit Bits und Bites. Inzwischen war sie daran gewöhnt.

Michaela bedankte sich mit einem Kuss, dann sprachen sie über dies und das. Zoe hatte sich von der Klassenfahrt noch gar nicht gemeldet. Kein tränenreicher Anruf wie früher, als sie klein war. Bei der Abschlussfahrt der vierten Klasse hatten sie ihre Tochter aus dem Taunus abholen müssen, wie immer ging es um Bauchweh, diesmal so stark, dass es der Lehrerin unheimlich wurde.

»Und als wir daheim waren, wollte sie sofort wieder hin.« David lachte und biss in sein Brötchen, das er sich dick mit Schinken belegt hatte. Michaela griff über den Tisch nach seiner Hand. Er war so gestresst in letzter Zeit, für zärtliche Gesten war gar kein Raum mehr. In der Firma war seit Monaten alles drunter und drüber gegangen, ständig war David in Köln gewesen. Aber jetzt war die Sache über die Bühne und der Kunde zufrieden.

»Liebst du mich noch?«, fragte sie zärtlich und lächelte David erwartungsvoll an. Er hatte den Mund voll und kaute an seinem Brötchen. Er kaute und kaute und starrte auf seinen Teller.

»Lass dir ruhig Zeit mit der Antwort«, flachste sie. Seine Hand lag schlaff in ihrer. Plötzlich sah er sie ganz eigenartig an.

»Nein«, sagte er schließlich und schluckte den letzten Brocken hinunter.

»Nein?« Fast hätte sie gelacht. »Was ›Nein‹?«

Sie träumte anscheinend doch. Deshalb fühlte sie sich also so seltsam.

Aber David wirkte erstaunlich real. »Nein. Ich … Michaela … es tut mir leid, aber … ich liebe dich nicht mehr.«

Es klingelte an der Tür. Sie starrte David an und schüttelte den Kopf. »Was?«, murmelte sie und schob ihren Stuhl zurück. »Warte mal.« Sie rannte durch den Flur zur Haustür.

»Happy Birthday!«, riefen Anke und Regina und hielten ihr einen bunten Strauß aus Pfingstrosen und Flieder entgegen. Doch der Schreck stand ihr offensichtlich ins Gesicht geschrieben.

»Ist was?«, hauchte Anke, und Regina hob eine Augenbraue. »Habt ihr Stress?«

»Quatsch.« Michaela schüttelte den Kopf und beeilte sich, den Strauß entgegenzunehmen. »Vielen Dank für die Blumen!« Sie deutete über ihre Schulter nach hinten zum Esszimmer. »Ich geh schnell wieder zu David. Wir waren gerade mitten im Gespräch.«

»Ja, ja, geh nur. Wir sehen uns dann heute Nachmittag. Wir wollten nur schnell den Strauß bringen, damit euer Frühstückstisch hübsch aussieht.«

Michaela bedankte sich und schloss die Tür. Wenige Sekunden später war sie wieder bei ihrem Mann. Die Blumen mussten warten, sie legte sie auf den Tisch an Zoes Platz. David saß unbeweglich da, neben seinem Teller lag das angebissene Brötchen. Er pickte mit dem Zeigefinger nach den herumliegenden Krümeln.

Als sie saß, griff sie mechanisch nach ihrer Serviette, legte sie sich auf den Schoß.

»Hör mal, David, was du da eben gesagt hast …«

Er sah sie an, sein Gesicht todernst. »Ich habe wirklich gehofft, dass du mich heute nicht nach Liebe fragst, Michaela. Ich hätte gern an einem anderen Tag mit dir gesprochen.«

Sprachlos starrte sie ihn an.

Er strich sich mit seiner Serviette über die Mundwinkel. »Ich empfinde keine Gefühle mehr für dich. Wir leben nur noch nebeneinanderher, das musst du zugeben. Ich hab die Arbeit, und du bist mit dir selbst beschäftigt.«

»Ich …«

»Du weißt mehr über Anke und Regina als über Zoe oder mich«, stellte er fest.

Michaela griff nach einem Brötchen und bohrte beide Daumen in die Mitte, begann, es auf ihrem Teller auseinanderzunehmen. »Ich weiß alles über dich, David. Wir kennen uns seit vierzehn Jahren. Es ist doch normal, dass die Gefühle irgendwann …«

Er sah sie herausfordernd an. »Findest du?«

»Aber natürlich. Trotzdem liebt man sich doch.«

»Ich meinte etwas anderes. Du hast gesagt, du wüsstest alles über mich.«

Natürlich wusste sie nicht alles. Besonders in letzter Zeit, genau genommen seit Anfang des Jahres, hatte er abwesend gewirkt. Sein Blick war oft ins Leere gegangen.

»Ich dachte, es sei der Stress in der Firma«, flüsterte sie. Konnte es wahr sein? Er liebte sie nicht mehr? Und ausgerechnet heute erfuhr sie das?

»Michaela, ich verlasse dich.« Sein Blick war entschlossen.

»Du spinnst doch«, murmelte sie und sammelte Brötchenfetzen von ihrem Schoß. »Das kann nicht dein Ernst sein. Ich meine …« Sie machte eine fahrige Handbewegung in Richtung der Wohnzimmereinrichtung und des an der Wand befestigten Flachbildschirms, den sie sich statt einer geplanten Londonreise zu Ostern angeschafft hatten. »Du willst das alles hier aufgeben?« Sie meinte natürlich nicht den Flachbildschirm im Speziellen. Sie meinte ihr Lebenskonzept. Sich selbst. Und Zoe, sein Ein und Alles.

»Ich kann nicht mehr«, murmelte David. »Ich fühle mich hier wie ein Fremdkörper. Als käme ich gelegentlich zu Besuch – oder, noch schlimmer: wie ein Handwerker, der Aufträge ausführt und darüber hinaus nicht gebraucht wird. Ich habe dieses Spießertum hier so satt! Gestern musste ich wieder mal den Garten klarmachen, dabei bin ich da kaum noch drin.«

»Es liegt aber nicht an mir, dass du so wenig im Garten bist.«

»Nein, das liegt nicht an dir. Aber hier zu wohnen war deine Idee. Ich wäre gern in unserer Stadtwohnung geblieben. Mir ist es hier in diesem Kaff zuwider. Diese neugierigen Weiber. Diese Enge.«

Fast wäre sie laut geworden. Er sprach von Enge? Sie war es doch, die es rund um die Uhr hier aushielt!

»Man kann doch nicht mit einem Kind in der Stadt wohnen«, sagte sie matt. Der einzige Grund, warum sie sich für den Umzug in diese Siedlung eingesetzt hatte, war Zoe gewesen. Michaela hatte so sehr gehofft, diese äußeren Umstände würden dazu führen, dass sich auch eine innere Nähe zu ihrer Tochter einstellte, dass die Beständigkeit des Vorstadtlebens inmitten anderer Familien ihr dabei helfen könnte, sich endlich in ihre Situation als Mutter einzufinden.

David atmete hörbar aus und legte beide Hände auf den Tisch. »Michaela. Ich will nicht mehr.«

Der Ausdruck in seinen braunen Augen war nicht der, in den sie sich vor vierzehn Jahren verliebt hatte. Sie blickten kalt und entschlossen. Er sagte Dinge, die er noch nie gesagt hatte, schaute sie auf eine Art und Weise an, wie er sie noch nie angesehen hatte.

»Michaela?«, hörte sie ihn fragen. Doch es klang so fern, als stehe er auf der anderen Seite eines riesigen Grabens.

Sie erhob sich und begann, den Tisch abzuräumen, obwohl sie noch gar nichts gegessen hatte. Nicht einmal an ihrem Sekt hatte sie genippt. Sie musste Zoe anrufen. Ihre Stimme hören. Vielleicht konnte ihre Tochter früher von der Klassenfahrt nach Hause kommen. Wenn sie wieder alle drei beisammen waren, würde David sicher feststellen, dass er nichts als Unsinn faselte.

Michaela lief in die Küche und stellte das Geschirr auf der schwarzen Granitplatte ab, dann ging sie in den Flur und griff nach ihrem Handy, drückte auf die Taste mit Zoes Nummer. Doch gleich nach dem ersten Tuten legte sie wieder auf. Sie war wirklich blöd. Zoe hatte ihr Handy doch gar nicht dabei! Es war per Mehrheitsbeschluss beim Elternabend verboten worden. Michaela legte das Gerät entmutigt auf dem Schränkchen ab. Sie war nicht Teil dieser Mehrheit gewesen und hätte sich auch fast darüber hinweggesetzt und Zoe das Telefon für Notfälle trotzdem eingepackt. Es konnte immer Notfälle geben, das wusste sie selbst am besten. Mechanisch lief sie zurück in die Küche und räumte das Geschirr in die Spülmaschine, bis sie schließlich das Klappen der Haustür hörte und durchs Küchenfenster sah, wie David sich aufs Rad schwang.

4

Als am Nachmittag Anke und Regina bei ihr am Tisch saßen, schienen sich deren Münder gar nicht mehr schließen zu können.

»Er will dich verlassen?« Regina fand als Erste die Sprache wieder. »Hat er eine andere?«

»Davon hat er nichts gesagt.«

Ihre Nachbarin schüttelte den Kopf. »Ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Ich meine, normalerweise gehen die Frauen. Weil die Kerle sich einen Teufel um die Familie scheren. Weil sie alles allein machen müssen – bis zum Aufbau von Billy-Regalen. David geht? Ich meine … er hängt doch wie verrückt an Zoe.«

»Wo ist er denn jetzt?«, wollte Anke wissen.

»Er ist mit dem Rad los.«

»Er hat dir gesagt, dass er dich verlassen will, und dann setzt er sich aufs Rad?«

»Ja.«

»Das klingt aber …«, setzte Anke an, doch Regina unterbrach sie: »Habt ihr denn keine Einzelheiten besprochen, wie diese Trennung ablaufen soll?«

Michaela hob die Schultern. »Ich hab den Tisch abgeräumt, und dann war er weg.«

»Typisch«, erwiderte Regina, »das wäre Brian auch zuzutrauen. Was willst du denn jetzt machen?«

»Zoe hat noch nicht angerufen«, erwiderte Michaela, ohne Reginas Frage zu beantworten. »Ich hätte eigentlich längst mit ihrem Anruf gerechnet.« Genauso wie mit Katjas. Sie musste unbedingt die Stimme ihrer Freundin hören.

»Sag Zoe bloß nichts am Telefon. Das teilt ihr zwei eurer Tochter am besten gemeinsam mit«, riet Anke, griff nach ihrer Gabel und stocherte im Kuchen herum. »Vielleicht kommt David ja auch wieder zur Besinnung. Soll ich mal mit ihm reden?«

Michaelas Augen füllten sich mit Tränen. Sie brauchte keine Nachbarschaftshilfe. Sie brauchte Katja. Katja wusste, was in solchen Situationen zu tun war. Sie kannten sich aus Zeiten, in denen Michaelas ganzes Leben gekippt war. Ohne Katja wäre sie durchgedreht.

Wie damals, im Heim, als ihr Kästchen mit allen Erinnerungen verschwunden gewesen war. Zehn Jahre alt war sie gewesen. Schutzlos und verletzlich wie ein Baum ohne Rinde. Katja hatte ihr sachte das Haar hinters Ohr gestrichen und geflüstert: »Sei nicht traurig, Michi. Du weißt doch, wie gemein sie sind. Bestehlen uns und lachen uns aus. Lass sie nur lachen. Wir beide sind stärker.«

»Aber mein Kästchen«, hatte Michaela geschluchzt und sich in der Ecke ihres gemeinsamen Zimmers noch kleiner gemacht. So klein, dass sie sich wie ein Igeljunges fühlte. Der Schmerz über den Verlust der letzten Erinnerungsstücke an ihre Eltern bohrte sich immer tiefer in ihr Herz und nahm ihr die Luft. Sie wollte ihr Kästchen! Sie hatte es erst am Abend zuvor an seinen Platz unter das Bett geschoben, nachdem sie sich die Fotos von Mami und Papi angesehen hatte. Und jetzt war es weg. Weg wie ihr liebstes Stofftier. Weg wie ihr Schmusekissen. Sie hasste die anderen! Sie waren so gemein!

»Wir malen einfach Bilder von deinen Eltern«, hatte Katja damals versprochen. »Du wirst sehen. Alles wird gut.«

»Du musst nicht mit David reden«, widersprach Michaela jetzt Ankes Vorschlag. »Ich muss erst mal telefonieren.«

Sie ließ die beiden Nachbarinnen im Esszimmer zurück und ging in den Flur. Auf ihrem Handy waren mehrere Anrufe von einer ihr unbekannten Nummer eingegangen, aber keiner von Katja oder Zoe. Warum hatte sie es denn nicht klingeln gehört? Sie betrachtete das kleine Symbol mit dem durchgestrichenen Glöckchen im Display. Normalerweise stellte sie ihr Handy morgens sofort an, aber heute schien ja sowieso nichts normal. Seufzend änderte sie die Einstellung und wählte die Nummer ihrer Freundin, doch diese nahm nicht ab.

Ich brauche dich, Katja, bitte melde dich mal, textete sie.

In der Regel antwortete Katja prompt – möglicherweise lag ihr Schweigen daran, dass am Morgen im Museum Leopold, wo sie arbeitete, eine neue Ausstellung eröffnet worden war. Ein riesiger Event mit großer Medienaufmerksamkeit. Katja hatte bei dieser Sache den Hut auf und nebenbei führte sie noch Besucher durch die Ausstellung. Sie liebte Kunst aller Art und genoss es, ihr Fachwissen an den Mann zu bringen. Für sie war ihre Arbeit ein Traumjob – ein Familienleben, so, wie Michaela es führte, war hingegen nie Katjas Lebensplan gewesen. Sie liebte die Unabhängigkeit, und bevor eine Beziehung zu eng werden konnte, löste sie sie lieber wieder.

Nachdem Anke und Regina gegangen waren, wischte Michaela so lange Staub, bis sie hörte, dass David sein Rad an die Hauswand lehnte. Sie legte das Tuch beiseite und setzte sich kerzengerade aufs Sofa, saß da wie eine verknöcherte Frau in einem Wartezimmer, es gelang ihr einfach nicht, sich locker zu machen. Nachdem sie ein paar Minuten so gesessen hatte und er noch immer nicht ins Haus kam, erhob sie sich, lief ans Küchenfenster und sah hinaus. Er stand dort mit Anke und Regina. Als hätten sie sich dazu verabredet, ihn abzufangen – und wahrscheinlich war es auch so. Normalerweise sah David in seiner Fahrradkleidung sehr drahtig aus – im Moment allerdings machte er keine gute Figur. Er stand mit nach vorn gerecktem Kopf und hängenden Armen vor den beiden, sein Unterkiefer klappte nach unten wie bei einem Trottel. Regina und Anke schauten allerdings auch nicht viel intelligenter drein. Sie guckten ratlos zwischen ihm und dem Küchenfenster hin und her, dabei konnten die beiden Michaela unmöglich erkennen. Sie hatte es schon oft überprüft – wenn im Haus kein Licht war, ließ sich nicht hineinsehen. Wahrscheinlich war er überrascht, dass sie ihre Nachbarinnen eingeweiht hatte.

Anke klopfte David eben aufmunternd auf die Schulter und machte mit dem Kinn eine Bewegung in Richtung Haus. Michaela ging zurück ins Wohnzimmer und legte sich auf dieCouch. Wenn nur die Sonne scheinen würde! Dann ginge sie nach draußen auf die Terrasse und würde sich wärmen lassen.

Als sie die Augen aufschlug, stand David mit einer Tasse dampfendem Tee vor ihr. Um seine Hüfte war ein Handtuch gebunden, seine Haare waren feucht, und er roch nach Duschgel.

»Was ist los?«, wollte er wissen und stellte die Tasse Tee auf dem Couchtisch ab. »Hast du eine Migräneattacke?«

Michaela richtete sich auf und stützte sich mit den Ellbogen ab. »Nein, ich bin eingeschlafen.« Was tat er denn so besorgt? Jemand, der sich trennen wollte, brachte doch keinen Tee.

»Anke und Regina haben mir was Seltsames erzählt.« Er setzte sich auf die Kante des Sofas, so dass er mit seinem Po ihre Hüfte berührte. Mit einer Hand strich er ihr die Haare aus der Stirn.

Sie brachte seine Worte vom Vormittag nicht mit diesen fürsorglichen Gesten in Einklang. Noch weniger aber das, was er da sagte. Mit Schwung hob sie die Beine hinter seinem Rücken vorbei und stellte die Füße auf den Boden. »Was Seltsames?«

»Ja. Dass ich dich angeblich verlassen will.«

Sie legte den Kopf schräg und betrachtete ihn still. Was sollte das denn jetzt? »Angeblich? Stimmt es denn nicht?«

»Natürlich nicht. Warum sollte ich?«

Sie hatte das doch nicht nur geträumt! »Du hast gesagt, du liebst mich nicht mehr!«

Er machte ein belustigtes Gesicht. »Warum sollte ich denn so etwas sagen? Und auch noch an deinem Geburtstag. Da hast du irgendetwas …« Er brach den Satz ab.

Michaela schüttelte den Kopf. Er fühlte sich völlig dumpf an. »Falsch verstanden? Was denn genau?«

Behutsam legte er den Arm um ihre Schultern und griff nach der Tasse auf dem Couchtisch. »Trink mal einen Schluck. Du warst vorhin schon so merkwürdig.«

Am liebsten wollte sie ihn anschreien, dass er es doch war, der sich merkwürdig verhielt, doch sie wurde durch das Klingeln des Telefons davon abgehalten. Vielleicht war es Zoe.

Während er aufstand und hinging, tropfte eine Träne auf ihren Handrücken. Er wollte sie verlassen und gab es jetzt nicht mehr zu.

Sie hörte im Flur seine Stimme, die, gleich nachdem er seinen Namen genannt hatte, einen fassungslosen Tonfall annahm. »Was? Ach du meine Güte. Wann? Heute Morgen schon? Mit meiner Frau?« Dann schwieg er. Bis er etwas flüsterte. Sie meinte, es war etwas wie: »Wir kommen sofort.«

Als er im Türrahmen auftauchte, hingen seine Arme herab, als würden sie nicht zu seinem Körper gehören. »Ich kann nicht glauben, dass du heute früh mit Frau Brandes telefoniert hast.«

Sie sah ihn verständnislos an. »Wer ist Frau Brandes?«, fragte sie vorsichtig.

»Wer Frau Brandes ist? Was ist denn mit dir los? Zoes Klassenlehrerin! Zoe hatte einen Unfall!«

Michaela schlug entsetzt die Hände vor den Mund. O nein. Das durfte nicht …

David kam zu ihr gelaufen und sah auf seine Armbanduhr. »Wir müssen hin! Sie wurde angefahren. Meine Güte, wir könnten schon seit Stunden bei ihr sein!«

Mühsam rappelte sich Michaela hoch. Wenn doch nur ihr Kopf besser funktionieren würde! »Was ist denn passiert?« Die plötzliche Panik in ihrer Brust nahm ihr beinahe den Atem. Ein Unfall? Sie würde kein Unglück, das ihr das Liebste nahm, mehr ertragen können.

David zog an ihrem Arm. »Sie waren zu einer Führung unterwegs, und Zoe ist vom Bürgersteig gestolpert und unter ein Auto geraten. Sie wird noch untersucht, aber es scheint nichts gebrochen zu sein. Vielleicht eine Gehirnerschütterung. Sie wollen sie zur Beobachtung dabehalten.«

Die Spannung in ihrer Brust ließ augenblicklich nach. Nur zur Beobachtung also. »Deshalb konnte sie auch nicht anrufen.«

Er schüttelte den Kopf und rieb sich die Augen. »Wir fahren ins Krankenhaus, okay? Pack ein paar Sachen zusammen, wir müssen dort irgendwo übernachten.«

Er war schon aus der Wohnzimmertür, bevor sie noch irgendetwas sagen konnte. Doch ihr war ohnehin die Kehle wie zugeschnürt. Zwar war sie erleichtert darüber, dass Zoe nahezu unversehrt zu sein schien. Aber wie hatte sie denn den Anruf von Frau Brandes vergessen können? Ihre Gliedmaßen wollten ihr nicht gehorchen, sosehr sie ihnen auch befahl, endlich David zu folgen. Sie verstand gar nicht, was los war. Zuerst das schreckliche Gespräch mit David, das er plötzlich abstritt, jetzt ein vergessener Anruf.

Waren ihre Aussetzer wieder da? Bitte nicht. Sie hatte schon so lange keine mehr gehabt. Schon über zehn Jahre nicht. Kein Mensch hatte damals verstanden, was da vor sich ging. Auch nicht der Psychiater in der Klinik, obwohl er sich wirklich alle Mühe gegeben hatte. Sie wusste noch genau, wie aufmerksam er sie gemustert hatte.

»Frau Blohm, was passiert mit Ihnen, wenn Sie innerlich so starr werden, wie Sie sagen? Was glauben Sie – warum ist das so?«

Michaela betrachtete die Deckenleuchte des Sprechzimmers in dieser topmodernen Klinik in Bad Nauheim, wo sie seit vier Wochen ihre Tage und Nächte verbrachte. Im Abdeckglas der Leuchte hatte sie Insektenkadaver entdeckt.

»Sagen Sie es mir«, entgegnete sie und ließ die Leuchte nicht aus den Augen. »Ich habe keine Ahnung.«

»Vielleicht geschieht das, weil Ihr Unterbewusstsein Sie vor etwas schützen will. Was meinen Sie?«

»Nun, davon gehe ich aus. Ich dachte, Sie wollen von mir wissen, wovor es mich schützen will.«

»Also, Frau Blohm, Sie haben mir in den letzten Wochen sehr viel über die Zeit mit Ihrer Freundin Katja im Heim erzählt, von Ihrem Mann, auch von Ihrer Kindheit in Köln. Und darüber, dass Sie während Ihrer Schwangerschaft Schwierigkeiten hatten, Ihr Kind anzunehmen. Aber ein Thema umgehen Sie immer wieder, wenn die Sprache auch nur annähernd darauf kommt. Wissen Sie, welches ich meine?«

Die Insektenkadaver lagen in einem bestimmten Muster. Ganz viele kleine – Mücken vermutlich – in der Mitte, weiter außen Fliegen oder auch Wespen.

»Hm?« Michaela schlang die Arme um sich. Es war so kühl hier. So kühl, dass ihr die Zähne klapperten.

»Ich glaube, ich werde krank«, sagte sie.

Michaela fröstelte und rubbelte sich über die Arme. So weit sollte es nie wieder kommen.

»Jetzt steh endlich auf«, ermunterte sie sich selbst. Sie mussten doch zu Zoe ins Krankenhaus. Endlich schaffte sie es, David nach oben zu folgen.

Zuerst machte sie das Bett. Sie brauchte Ordnung, um klar denken zu können. Dann versuchte sie, eine Tasche zu packen, aber es gelang ihr nicht. Hilflos stand sie mit einer Unterhose und einem Paar Socken in der Hand herum und wusste nicht, wonach sie als Nächstes greifen sollte. Sie spürte, dass David sie beobachtete. Er war längst geföhnt und in Hemd und Hose, griff zielstrebig nach den Dingen, die er für eine Übernachtung benötigte, während sie noch immer vor dem Schrank stand. Er fasste sie schließlich bei den Schultern und setzte sie aufs Bett, dann übernahm er das Packen, während sie die Hände in den Schoß legte.

»Willst du lieber hierbleiben?«, erkundigte er sich schließlich. »Ich kann auch allein fahren. Wäre vielleicht besser.«

Sie schüttelte den Kopf. Dann erhob sie sich und ging ins Bad, ließ sich kaltes Wasser über die Handgelenke laufen, bis es kribbelte. Sie kramte in ihrem Medizinschränkchen nach den Notfalltropfen. Vielleicht halfen die ja, um ihren Verstand in Gang zu bringen.

5

Im Krankenhaus raubte der Geruch nach Desinfektionsmitteln Michaela den Atem. Eine Leuchtröhre in der Halle flackerte. David nahm ihre Hand und drückte sie. »Wir schaffen das schon.« Aufmunternd lächelte er ihr zu.

»Kann ich hier unten warten?« Sie deutete auf eine Sitzgruppe links vom Empfang, wo einige Leute saßen und in Zeitschriften blätterten. Erst wenn sie sicher war, dass es kein Blut zu sehen gab, wollte sie zu ihrer Tochter. Blut war einfach unerträglich.

David wusste das und nickte. »Ich hole dich gleich hier ab. Sei unbesorgt.« Routiniert fragte er die Empfangsdame, wo er hinmusste. Dann verschwand er leichten Schrittes im Gewirr der Flure.

Wenigstens hatte die Fragerei aus dem Auto ein Ende. Was mit ihr los sei? Ob sie sich wirklich nicht an den Anruf von Frau Brandes erinnerte? Und vor allem, warum nicht? Ob sie das in letzter Zeit wieder öfter gehabt habe?

»Noch mal stehe ich das nicht durch, Michaela«, hatte er gesagt.

»Ich auch nicht«, war ihre leise Antwort gewesen.

Dann hatte er sich für Frau Brandes eine Ausrede überlegt. Er wollte ihr sagen, dass die Putzfrau am Telefon gewesen sei und nicht seine Frau. Oder die Nachbarin. »Was meinst du, was ist glaubwürdiger?«, hatte er sie gefragt.

Sie war ganz ruhig geblieben. »Es ist deine Ausrede, nicht meine.« Dabei würde Frau Brandes doch ihre Stimme erkannt haben. Außerdem hatte sie sich sicher mit ihrem Namen gemeldet.

Die Minuten verstrichen, ohne dass David zurückkam. Er wollte sie doch abholen. Zögernd erhob sie sich von ihrem Stuhl.

Der Fahrstuhl brachte sie ins oberste Stockwerk des Gebäudes, wo die Cafeteria untergebracht war. Es roch nach Erbsensuppe und Plastiktabletts, zwei Männer in Arbeitskleidung, außer ihr die einzigen Gäste, tranken Kaffee. Michaela griff nach einem Tablett, legte es auf die Metallstäbe und schob es an den belegten Brötchen und den Kuchen vorbei. Bei den Getränken nahm sie eine Halbliterflasche Sprite aus dem Regal und zwei Schritte weiter ein Twix. Die Frau an der Kasse legte ihre Zeitschrift beiseite und tippte Michaelas Einkäufe ein. »Das war’s?«

Michaela nickte, zahlte und setzte sich an einen der Fensterplätze wie vor fast dreizehn Jahren, kurz nach Zoes Geburt. Damals war sie auch ins oberste Stockwerk geflüchtet. Es war ein anderes Krankenhaus gewesen, aber der Geruch war derselbe. David hatte sie nach stundenlangem Suchen – wenn man ihm glauben wollte – schließlich dort entdeckt. Seine Augen waren weit aufgerissen gewesen.

»Ich habe dich überall gesucht! Die Kleine hat Hunger. Du kannst doch nicht einfach in die Cafeteria verschwinden, ohne einer Menschenseele Bescheid zu sagen!«, hatte er gedonnert.

»Warum denn nicht? Ich muss mal für mich sein. Nur ein paar Minuten, dann bin ich wieder zurück«, war ihre leise Antwort gewesen.

»Aber du hast jetzt ein Kind, Michaela. Du bist die Einzige, die die Kleine jetzt wirklich braucht. Ich kann sie nicht stillen!«

»Ich komme gleich, nur noch eine Minute.«

Die Fluchten in die Cafeteria hatte sie in der Zeit im Krankenhaus öfter unternommen. Zu Hause war das dann nicht mehr möglich gewesen. Sie und Zoe allein, und immerzu Schwärze in ihrem Kopf. Das Baby hatte ständig Hunger. Michaela hatte das Gefühl, als sauge es sie aus. Die kräftigen Wangen ihrer Tochter zogen sich zusammen, wenn sie die Brustwarze in ihren Mund nahm. Ein paar Bewegungen genügten, um die Milch einschießen zu lassen. Ein Gefühl, als blase ihr jemand kalte Luft in Hochgeschwindigkeit in die Brust, und kurz darauf sprudelte die Milch in die kleine Kehle wie eine Ölquelle und brachte Erleichterung. Sie war noch nie so müde gewesen. So zum Umfallen müde, als presse ihr jemand die Lider nach unten und hindere sie daran, die Augen offen zu halten. In solchen Momenten wäre es hilfreich gewesen, die Kleine einfach David in den Arm legen und ihn ihr eine Flasche geben lassen zu können. Nur einmal. Doch es ging nicht. Sie hatten es schon etliche Male probiert, hatten sogar eine Zuckerlösung auf den Sauger der Flasche gepinselt, um Zoe zu verführen, vielleicht doch diese Fertigmilch zu trinken, die so viel besser schmeckte als ihre eigene. Michaela hatte sie selbst probiert. Muttermilch schmeckte fad. Doch Zoe wollte immer nur sie. Als wolle sie testen, wo Michaelas Grenzen lagen. Und die waren mitunter schnell erreicht.

Wie es ihr gelang, das stundenlange Schreien ihrer Tochter auszublenden, war ihr selbst ein Rätsel. Zoe konnte sich so in Rage schreien, dass man hätte glauben können, das Köpfchen würde explodieren. Dabei wusste das arme Wesen nicht, dass Michaela in Sachen Mutterschaft eine Niete war.

Wann immer sie ihre Tochter ansah und in ihrem Inneren nach diesen sagenumwobenen Muttergefühlen suchte, erfasste sie ein nie gekanntes Elend.

Wenn sie ihre schreiende Tochter dann endlich anlegte, verfiel diese augenblicklich in ein hektisches Stöhnen und Knurren, der Hunger ließ sie den Kopf aufgeregt hin und her werfen, immer wieder die Warze verfehlen, bis sie schließlich mit der Zunge nach ihr schnappte wie ein Frosch nach einer Fliege. Michaela hielt die Luft an und kniff sich mit dem Fingernagel in die Hand. Der erste Schmerz war schier unerträglich. Und manchmal geschah es, dass Zoe sich verschluckte. Sie ließ die Warze los und hustete, während die Milch in drei langen, dünnen Strahlen in ihr kleines Gesicht schoss, in Augen und Nase, und Zoe schrie noch mehr als zuvor. Michaela griff nach einem Tuch und versuchte, die Milch aufzufangen. »Trink doch!«, flüsterte sie dann und führte das Köpfchen zurück. Zoe trank gierig weiter, und Michaelas Augen liefen über. Es war eine solche Traurigkeit in ihr, die sie nicht benennen konnte.

Auch Katja hatte sie nicht verstanden. Angeblich hatte sie doch so viel Glück mit allem. David ein toller Mann, Zoe ein Traumkind.

Jemand tippte Michaela auf die Schulter. Es war einer der beiden Arbeiter, die schon hier gewesen waren, als sie kam.

»Ihr Handy klingelt die ganze Zeit. Wollen Sie nicht mal rangehen?«

Sie starrte ihn entgeistert an und griff zu ihrem Telefon. »Ja?«

»Meine Güte, wo steckst du?«, rief David.

»In der Cafeteria.«

»Warum sagst du denn nicht Bescheid? Komm runter, wir gehen zu Zoe. Sie möchte dich sehen.«

»Ist Frau Brandes auch da?«

»Nein. Sie musste zu den anderen zurück. Kommst du?«

Michaela sah auf die Flasche Sprite und das Twix auf dem Tablett. »Ja. Ich komme.«

»Alles Gute zum Geburtstag, Mama«, begrüßte Zoe sie und streckte die Arme nach ihr aus, ganz so, als brauchte Michaela Trost und nicht sie selbst. Vielleicht hatte David ihr erzählt, dass sie sich schreckliche Vorwürfe machte, irgendwie vergessen zu haben, dass Frau Brandes angerufen hatte. Dabei hatte sie nichts vergessen, das hätte sie schwören können.

Sie ging zu Zoe, legte die Flasche Sprite und das Twix auf ihrer Bettdecke ab und streichelte ihrer Tochter die Wange. »Tut dir was weh?«

Zoe griff nach Davids Hand. »Im Moment nicht. Sie haben mir was gegen die Schmerzen gegeben.«

»Wie bist du denn auf die Straße geraten?« Michaela musterte Zoes Gesicht, dann betrachtete sie die Hände ihrer Tochter und fuhr mit der Fingerspitze über eine alte Brandnarbe, die eine weiße Zeichnung auf der Haut hinterlassen hatte. »Du hast gar keine Schrammen.«

»Gott sei Dank nicht.« David schien der Unterhaltung ein Ende setzen zu wollen. Vielleicht befürchtete er, Zoe könne in allen Einzelheiten den Unfallhergang schildern und Michaela würde zusammenbrechen.

»Morgen früh bei der Visite wird entschieden, wie lange Zoe noch bleiben muss. Vielleicht dürfen wir sie dann schon wieder mit nach Hause nehmen.« Er gab seiner Tochter einen Kuss auf die Stirn. »Bis dahin müssen wir abwarten.«

Zwei Stunden später fuhren sie in ein Hotel in der Nähe des Krankenhauses. Michaela spürte, dass das Zittern anfing. Dabei hatte es keine Toten gegeben. Noch nicht einmal ernsthaft Verletzte.

»Du hast dich wacker geschlagen«, lobte David, als er ihre Tasche aufs Hotelbett legte.

Sie umschlang ihren Körper und versuchte, ihren zitternden Kiefer unter Kontrolle zu halten. Er legte beide Arme um sie und zog sie neben sich aufs Bett. Früher hatte das manchmal geholfen, wenn Katja nicht zur Stelle sein konnte. Aber jetzt nicht. Es verschlimmerte das Zittern nur. Michaela wand sich aus seiner Umklammerung, und David runzelte die Stirn. »Was ist denn los?«

Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie es heute Nacht neben ihm aushalten sollte. Es war alles so unwirklich. Dinge, an die sie sich nicht erinnern konnte, wie das Telefonat mit Frau Brandes, waren angeblich wirklich geschehen, und das, woran sie sich glasklar erinnerte, nämlich an das Gespräch mit David, sollte hingegen nie stattgefunden haben? Früher hätte sie ihm unbesehen geglaubt. Sie hätte sich entschuldigt und in ihrem Kopf nach Erklärungen gekramt.

»Ich möchte lieber ein Einzelzimmer«, sagte sie. Schon als sie an der Rezeption standen, hatte sie das sagen wollen.

»Ein Einzelzimmer?« Er tippte sich an die Stirn. »Ich habe Zoe allein im Krankenhaus zurückgelassen, damit du nicht auf schlechte Gedanken kommst, und jetzt willst du ein Einzelzimmer?«

»Dann lass uns über heute Morgen reden. Nicht über diesen angeblichen Anruf von Frau Brandes, sondern über das, was du gesagt hast.«

»Michaela, du hast dich über Frau Brandes’ Anruf aufgeregt und deshalb … Hoffen wir einfach, dass es eine Ausnahme war. Den Rest hast du dir eben zusammenphantasiert. So einfach ist das.«

Es klang durchaus plausibel. Mit dem Unterschied, dass sie zwar früher manchmal Dinge wie Zoes Schreien ausblenden konnte. Sie hatte sich aber niemals eingebildet, dass sie schrie, wenn das gar nicht der Fall war.

»David«, begann sie erneut, »wie stehst du wirklich dazu, dass wir nach Eschersbach gezogen sind? Dass wir in einem spießigen Reihenhaus wohnen, neben anderen Spießern?«

»Michaela, hör auf. Echt. Vergiss, was heute Morgen war.« Sein Blick hatte etwas Flehendes. Als wolle er aufhalten, was sie einmal fast ihre Ehe gekostet hatte, weil er am Ende seiner Kräfte gewesen war. Damals war sie seiner Bitte gefolgt, sich in eine Klinik einweisen zu lassen. Sie hatte ihm blind vertraut. Ihm, Katja und später Frau Lorek. Die Psychologin hatte sie betreut, nachdem sie aus der Psychiatrie entlassen wurde. Knapp sechs Wochen war sie dort gewesen und zwei Wochen vor Zoes erstem Geburtstag entlassen worden. David war noch immer in Sorge gewesen, sie könne nicht für die Kleine sorgen, weil sie womöglich bewegungsunfähig in der Küche saß und auf nichts wartete als auf den Tod. Kein Babygeschrei wahrnahm, ihre Tochter stundenlang in ihrem Bettchen ließ, bis jemand aus der Nachbarwohnung die Polizei informierte. Doch da brauchte er sich nicht zu sorgen. In der Klinik hatte Michaela einen akribischen Plan erstellt, was wann zu erledigen war. Ihre Tage waren minutiös durchgeplant. Es funktionierte bestens – bis auf die Tatsache, dass sie nach wie vor einfach keine Muttergefühle für ihre Tochter entwickeln konnte. Und das, obwohl sie doch eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht hatte und kleine Kinder liebte.

Trotz ihres Plans hatte David auf eine Betreuung im Anschluss an den Klinikaufenthalt bestanden und in Frau Lorek jemanden gefunden, zu dem sie sofort Vertrauen gefasst hatte.

»Was glauben Sie, was Ihnen nach der Geburt Ihrer Tochter so schwer zugesetzt hat, Frau Blohm?«, hatte Frau Lorek in einer der ersten Sitzungen gefragt.

Michaela hatte aus dem Fenster hinaus über die Dächer von Bad Homburg geblickt, wo Frau Loreks Praxis lag, und nach Worten gesucht. Alle nahmen an, sie habe diese ganzen Probleme erst seit Zoes Geburt. Aber das stimmte nicht. Schon als Kind war sie weggetreten, wenn die Emotionen sie übermannten. Aber da hatte es keiner richtig gemerkt, weil Katja immer für sie gesprochen hatte.

»Was mir am meisten zugesetzt hat?«, hatte sie Frau Loreks Frage wiederholt. »Dass Zoe eine Mutter hat und ich nicht.«

David holte sie mit einer Berührung zurück ins Hotelzimmer. Er streifte ihr mit dem Daumen eine Träne von der Wange.

Michaela wehrte seine Hand ab. »Wie gesagt, ich möchte ein Einzelzimmer.«

Seufzend stand er auf.

6

1. AUGUST 2014

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Von: Katja Rudolf

An: Michaela Blohm

Liebe Michi.

Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche, weißt du noch? Vorn saß die dicke Bärbel, sie wollte immer in der ersten Reihe sitzen, damit der Pfarrer sie auch nur nicht übersah. Wir beide haben immer ganz hinten gesessen, auch wenn die Erzieher es nicht gern sahen. Aber es war ihnen lieber, als wenn wir mit unserem Getuschel die Predigt störten. Wir haben aus Silberpapier Eheringe gebastelt und getan, als würden wir heiraten. Eigentlich war ich für solche Spiele schon zu groß, aber es gab nichts Schöneres für mich, als dir dabei zuzuhören, wenn du von einer romantischen Zukunft träumtest. Du wolltest immer heiraten – ganz im Gegensatz zu mir. Stattdessen versprach ich dir, dass ich mal den Mann für dich aussuche. Mit solchen Träumereien hielten wir uns am Leben. Heute träume ich nur noch allein vor mich hin. Wenn du und ich wieder vereint sind, wird das der schönste Tag meines Lebens.

Ich umarme dich.

Katja

7

Lena von Hohenkamp stand mit ausgebreiteten Armen am offenen Fenster des Plattenbaus in der Frankfurter Allee in Berlin-Lichtenberg und sah nach unten auf die dichten Büsche, die zu einer einzigen grünen Masse zusammengewachsen zu sein schienen. Sie lächelte anerkennend: elfter Stock, nicht schlecht. Die Höhe reichte vermutlich aus. Vielleicht aber auch nur für ein paar gebrochene Knochen, das ganze Gestrüpp da unten federte sicher einiges ab. Sie schloss beide Fensterflügel und drehte sich mit einer ruckartigen Bewegung um hundertachtzig Grad, so dass die noch ungewohnten Dreadlocks auf ihrem Kopf leise raschelten undauf ihren Schultern kitzelten. Soweit ihr Filzrock dies zuließ, nahm sie drei große Schritte zur Zimmermitte und rannte dabei fast einen ihrer Mitbewerber in Jeans und Turnschuhen über den Haufen. Er füllte eifrig das Formular für die Hausverwaltung aus. Vermutlich war er Student wie die meisten hier. Es war Montagmorgen kurz nach halb elf, sie warenzu zehnt. Zehn Interessenten für eine Wohnung war keinschlechter Schnitt, in Kreuzberg wären sie mindestens dreißig gewesen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Montag war und nicht Samstag. Samstage waren auf dem Wohnungsmarkt die Hölle. Aber Kreuzberg konnte sie sich sowieso nicht leisten, nicht mal in der Reichenberger Straße, wo sie bis jetzt bei Tom gewohnt hatte. Dort musste sie unbedingt raus. Am besten heute noch, die Nacht hatte sie am Bahnhof verbracht.

Die Frau von der Wohnungsbaugesellschaft warf ihr einen fragenden Blick zu. Vielleicht erwartete sie, dass Lena auch die Formulare ausfüllte. Aber dafür gab es keinen Grund.

Lena ging auf sie zu. »Ist mir nicht hoch genug hier«, brummte sie. »Gibt es noch was Höheres?«

»Wat Höheres?«

»Ja. Zwanzigster Stock wäre gut. Muss ja auch nicht in Lichtenberg sein.«

»Falls Sie wat zum Runterspringen suchen, kann ik Ihnen die Heimannstraße empfehlen. Klingeln Se einfach, sagen Se, Se hätten Post, dann nix wie hoch und runter vom Dach. Denn können wir uns allet weitere Gequatsche spar’n.«

»Ich fragte wegen der Aussicht«, widersprach Lena.

»Aussicht, jaja. Ik dachte, Sie bräuchten dringend ’ne Wohnung?«

»Ja, schon. Aber so dringend auch wieder nicht.«

Die Frau, deren Namen sie vergessen hatte, runzelte ärgerlich die Stirn und strich etwas auf ihrer Liste durch – vermutlich Lenas Namen. Lena lächelte in sich hinein. Sie wusste genau, was die Alte dachte: »Beggars can’t be choosers« oder so was in der Art auf Deutsch – doch was sie dachte, war ihr ohnehin scheißegal. Wenn schon Plattenbau, dann wenigstens passend. Andererseits hatte sie nun wirklich nicht die große Auswahl bei ihrem Budget. Vielleicht sollte sie irgendwo arbeiten, wo sie ein sicheres Gehalt bekam, und dann was Besseres suchen. Aber das dauerte natürlich. Und ohne festen Arbeitsvertrag würde es sowieso schwierig werden mit einer Wohnung. Die Frage war, ob sie sich überhaupt irgendwo arrangieren konnte. Es ging ihr tierisch gegen den Strich, wenn man sie herumkommandierte. Manche Ladenbesitzer schienen das riechen zu können und boten ihr erst gar keine Stelle an. Doch ganz von ihrer Wohn- und Arbeitssituation abgesehen, gab es ja immer noch das Problem Tom. Bestimmt lief sie ihm mal über den Weg, und das wollte sie auf keinen Fall. Gut, vielleicht nicht, wenn sie hier in Lichtenberg eine Wohnung fand. Aber sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, in Berlin zu leben und nicht mehr nach Kreuzberg zu gehen – sei es nur in die Markthalle oder ins Barcomi’s. Ohne die Bagels dort ging’s nicht, da störten Lena nicht mal die gepfefferten Preise und die hippen Mamis, die gern Englisch mit ihren Kindern redeten. Wenn Tom sie dort sah, würde er vermutlich versuchen, sie davon zu überzeugen, dass es ein Versehen gewesen war und ihm sein Verrat »nur so rausgerutscht« sei. Aber jetzt war es zu spät, alle wussten Bescheid. Die Sache würde sich wie ein Lauffeuer herumsprechen.

Lena trat wieder ans Fenster und sah hinunter. Am besten, sie ging ganz woanders hin. In eine andere Stadt. Wenn sie schon ihr Leben umkrempelte, dann wenigstens richtig. Mit allem Pipapo. Warum nicht? Sie konnte sofort los, es würde keine Stunde dauern, dann wäre alles gepackt. Ihre Besitztümer passten in einen Rucksack.

Nachdem sie sich von der Wohnungsbautante verabschiedet hatte, nahm sie die U-Bahn zum Alex und stieg um in die S5 zum Hauptbahnhof. Sie würde sich blind eine Zeitung kaufen, irgendein Blatt aus einer anderen Stadt. Sie würde die Sache dem Zufall überlassen. Auch wenn viele behaupteten, es gäbe keine Zufälle, so wusste sie mit absoluter Bestimmtheit, dass es sie gab. Angeblich war ja alles immer für irgendetwas gut. In ihrem Fall jedoch nie.

Tom würde sich wundern, und alle anderen auch. Sie musste nur achtgeben, dass sie kein ausländisches Blatt erwischte, Istanbul war wirklich zu weit. Und München ging natürlich auch nicht.

Eine Viertelstunde später saß sie bei McDonald’s und tunkte mit einer Hand ein Chicken McNugget in Currysoße, mit der anderen blätterte sie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie war unentschlossen. Und enttäuscht. Frankfurt war wirklich so gar nicht ihr Ding. Banker-Stadt. Spießig. Klein – jedenfalls im Vergleich zu Berlin. Was noch? Apfelwein. Grüne Soße. Was sollte sie dort? Sie kannte einige Typen, die ’ne Weile in Frankfurt gewesen waren und die Schnauze schon nach ein paar Wochen voll gehabt hatten. Während einem hier in Berlin jeder Tourist Geld gab, blieben in Frankfurt die Portmonees geschlossen. Andererseits fand sie dort vielleicht leichter Arbeit. Möglicherweise brauchten die bei einer der tausend Banken jemanden an der Kasse? Lena kicherte über ihren eigenen Witz und starrte dann wieder auf die Zeitung. Lustlos blätterte sie durch die Kleinanzeigen, umspielte dabei eine ihrer Dreadlocks mit dem Zeigefinger. Größtenteils wurden Putzhilfen gesucht. Oder jemand für die Restaurantküche. Ein Depp vom Dienst. Sie hatte aber weder Lust zu putzen noch zu spülen. Telefonverkauf vielleicht? Nee. Sie hasste telefonieren. Außerdem konnte sie nicht heucheln. Was auch der Grund dafür war, dass sie nicht kellnern konnte.

Begleitservice. Tja. Die wollten jemanden ab fünfundzwanzig. Eine Sechsundzwanzigjährige nahmen die bestimmt mit Kusshand. Der Verdienst war vermutlich nicht mal schlecht. Aber … nein. Sie wollte was Ehrliches machen. Ehrlich und moralisch. Lena lächelte in sich hinein. Ein Neuanfang. Das wäre doch was. So viele Leute machten Neuanfänge. Aber in Frankfurt? Sie verstand gar nicht, weshalb sie ausgerechnet nach dieser Zeitung gegriffen hatte.

Sie wollte die Seite mit den Stellenanzeigen gerade schließen, als ein Wort ihre Aufmerksamkeit erregte. Hund.

8

Ich geh nach oben!

---ENDE DER LESEPROBE---