Klugheit - Bernhard Hassenstein - E-Book

Klugheit E-Book

Bernhard Hassenstein

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Beschreibung

Bernhard Hassenstein erläutert unterhaltsam und zum Teil geradezu spannend anhand zahlreicher Beispiele, was Begabung, Intelligenz und Klugheit für die Bewährung im Leben bedeuten. Der Autor setzt sich dabei auch mit den Einflüssen auseinander, die das Denken irreführen oder behindern, wie Angst und Aufregung; darüber hinaus zeigt er auf, was 'praktische Intelligenz' ist, die sich unmittelbar in problemlösendem Handeln ausdrückt, und welche logischen und biologischen Beziehungen zwischen Erbgut, Umwelt und Intelligenz bestehen. Das Buch trägt nicht nur zum besseren Verständnis unseres ›Selbst‹ bei, sondern leistet darüber hinaus praktische Lebenshilfe.

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Seitenzahl: 176

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Bernhard Hassenstein

Klugheit

Bausteine

zur Naturgeschichte

unserer geistigen Fähigkeiten

Bucheinband.de

1. Aufl. Deutsche Verlagsanstalt GmbH Stuttgart 1988

(3-421-02751-X)

2. Aufl. (Lizenzausg.) R. Piper GmbH & Co. KG, München 1992

(3-492-11109-2)

1. Auflage 2013

als eBook-Ausgabe

© Bucheinband.de, Ines Neumann

Umschlag: Ines Neumann,

unter Verwendung des Gemäldes »Portrait einer Tänzerin«

(um 1918) von Heinrich Vogeler

www.bucheinband.de

ISBN TB 978-3-938293-00-3

Einleitung

Klugheit ist wichtig: Wie klug ein Kind ist, entscheidet darüber, welche Schulen – vielleicht später auch welche Hochschulen – es besuchen kann. Deren Abschlußzeugnisse sind Eintrittsausweise für Berufe und damit für Weichenstellungen im Lebenslauf. Die Bewährung im persönlichen Leben und im Beruf hängt fast täglich mit davon ab, wie klug man sich verhält. Kein Wunder also, daß man sich für Fragen der Klugheit des Menschen interessiert. Klugheit ist, wie sich im Verlauf der Erörterungen zeigen wird, ein vielschichtiger Begriff. Er ist mit dem der Intelligenz nahe verwandt, doch schließt er mehr ein, hat also einen größeren Umfang als dieser.

Im Menschen vereinigen sich zwei Wesenheiten: Er ist Natur-und Kulturwesen. Auch die Klugheit des Menschen hat natürliche, biologisch gegebene Grundlagen, ist aber zugleich – und zwar überwiegend – eine seelisch-geistige Lebenserscheinung. Das Buch behandelt im Prinzip die Klugheit als Gesamterscheinung, befaßt sich jedoch vorwiegend mit den biologischen Grundlagen. Auch diese behandelt es nicht erschöpfend; es präsentiert, wie der Untertitel des Buches zu erkennen gibt, lediglich Bausteine zur Naturgeschichte unserer geistigen Fähigkeiten.

Das Buch besteht aus gedanklich in sich geschlossenen, teils kürzeren, teils längeren Abschnitten. Der Leser braucht sie nicht in der gegebenen Reihenfolge zu lesen. Er kann je nach Interesse auch an anderen Stellen als am Anfang beginnen und von Abschnitt zu Abschnitt hin und her springen.

Als Adressaten dieses Buches stelle ich mir vor allem Erwachsene – Eltern oder Lehrer – im Gespräch mit interessierten ­Jugendlichen vor. Diese möchten wissen: »Was ist Begabung?«, »Wodurch entsteht ein Genie?«, »Ist Intelligenz erblich?«, »Wozu muß ich so viel lernen, wo ich doch später alles im Lexikon nachschlagen kann?« usw., und sie bringen die Befragten womöglich in arge Verlegenheit. Man braucht, um hier Rede und Antwort stehen zu können und den Wissensdurst der jungen Menschen zu befriedigen, vor allem zweierlei: treffende Beispiele und umgangssprachlich formulierte überzeugende Aussagen. All dies will das Buch liefern. Ich habe mich daher besonders bemüht, für die wichtigsten Aussagen anschauliche, interessante Beispiele zu finden. Diese stammen, soweit möglich, aus meinem persönlichen Erfahrungsbereich, die übrigen aus der Literatur.

Über das Thema »Intelligenz« gibt es bereits zahlreiche inhaltsreiche und hervorragende Bücher. Warum tritt hier ein weiteres hinzu? Die Veranlassung gaben verschiedenartige persönliche Begegnungen mit diesem Wissensgebiet, die mir neue, mitteilenswerte Zugänge zu diesem Thema zu eröffnen schienen, nämlich:

– die Entdeckung des Prinzips der »wechselseitigen bedingten Verknüpfung« durch meinen wissenschaftlichen Schüler Dr. Gerd Willwacher. Dieses Prinzip vermag einen Schlüssel dazu zu liefern, was man sich funktionell unter einer »Assoziation« vorstellen kann;

– im Rahmen meines bildungspolitischen Engagements die Berührung mit den Schul- und Bildungsreformen der siebziger Jahre und die Arbeit in der Schulkommission »Anwalt des Kindes« des Kultusministeriums Baden-Württemberg (Hassenstein*, Hrsg., 1981);

– die Behandlung der Intelligenzleistungen der Tiere im Rahmen der akademischen Lehre der Verhaltensbiologie in Vorlesungen und in den Büchern »Verhaltensbiologie des Kindes« (1973/ 1987) und »Biologie - ein Lehrbuch«;

– eigene wissenschaftliche Arbeiten zur Theorie des Lernens und zum Thema »Erbgut, Umwelt, Intelligenzquotient und deren mathematisch-logische Beziehungen«;

– Begegnungen mit der praktischen und der sozialen Intelli­genz, die als eigenständige Begabungen unabhängig von der formalen, theoretischen Intelligenz sind und sich heute noch trotz ihrers überragenden Gemeinschaftswertes viel zu wenig im Schulerfolg ausdrücken;

– eine jahrzehntelang betriebene Sammlung von Einzel­beobachtungen über Gedächtnis- und Sprechfehler.

Ich danke Herrn Dr. Hans Rössner, München, für die Anregung und Möglichkeit zur Herausgabe dieses Buches. Meiner Frau Helma Hassenstein danke ich für die kritische Durchsicht des Manuskripts und für zahlreiche Beiträge zum Inhalt und zur textlichen Gestaltung.

Abschließend bitte ich meine Leser, mir dabei zu helfen, das Buch für etwaige weitere Auflagen zu vervollkommnen: durch Hinweise auf offen gebliebene Fragen, durch Mitteilung von Beobachtungen, durch Bestätigung oder, falls nötig, durch Widerspruch, sowie durch Hinweise auf schwer verständliche oder mißverständliche Textstellen. Auch kurze, einzelne Mitteilungen sind willkommen. Aufs herzlichste danke ich allen den Lesern, die mir schon früher auf diese Bitte hin informative und geistreiche Post gesandt haben. Bereits in der zweiten und dann auch in dieser, der dritten Auflage ließ sich daraufhin so manche Korrektur und Ergänzung anbringen.

Hauptstraße 1, 79104 Freiburg i. Br.

Februar 1988, März 1992

und Oktober 2004 Bernhard Hassenstein

Hinweise für Leser:

Ausdrücke, die mit einem Sternchen (*) versehen sind, werden am Schluß des Buches im Abschnitt »Nicht im Text erklärte Fremdwörter und Fachausdrücke«, Seite 147 ff. erläutert.

Namen, die mit einem Sternchen versehen sind, erscheinen im Literaturverzeichnis, Seite 154 f.

Abb. 1: Titelseite des Buches von Christian Huygens.

1. Brillanz einer Intelligenzleistung: die Entdeckung des Saturnringes 1659

Die Entdeckungsgeschichte des Saturnringes vor rund 330 Jahren eignet sich als einführendes Beispiel für eine brillante, einzelne, gut durchschaubare Intelligenzleistung. Der berühmte holländische Physiker und Astronom Christian Huygens (1629-1695) beobachtete in den Jahren 1655 bis 1659 – wie viele seiner Zeitgenossen – mit besonderem Interesse die Planeten, darunter auch den prächtigen Saturn, der am Nachthimmel mit Jupiter, Mars und Venus an strahlender Helligkeit wetteifert. Im Jahre 1659 veröffentlichte Huygens, dreißigjährig, seine bis dahin gesammelten Beobachtungen unter dem Titel (übersetzt): »System der Saturne (gemeint sind der Saturn und seine Monde) oder über die Ursachen der merkwürdigen Erscheinungsweisen des Saturn …« (Abb. 1).

Der Ausdruck »merkwürdige Erscheinungsweisen« bezieht sich dabei auf folgendes: Im Unterschied zu den anderen Planeten sieht der Saturn zeitweise nicht wie ein kreisrundes Scheibchen aus, sondern er ist schräg zur Ekliptik* in die Länge gezogen. Das hatte bereits Galilei, einer der Erfinder des Fernrohrs, 1610, also 50 Jahre zuvor, festgestellt. Man konnte diese Besonderheit des Saturn aber mit den damaligen Fernrohren noch nicht näher analysieren; jedenfalls waren zunächst die unterschiedlichsten Beobachtungsergebnisse veröffentlicht worden. Huygens publizierte in seinem Büchlein 1659 eine Zusammenstellung von Abbildungen seiner Vorgänger (Abb. 2): Galilei selbst hatte ein mittleres größeres Scheibchen und zwei kleinere seitliche Lichtflecke zu sehen geglaubt. In der Abbildung eines anderen Beobachters sind die beiden Seitenflecke nicht kreisförmig, sondern wie zwei einander zugekehrte winzige Mondsicheln dargestellt. Einem dritten Astronomen erschienen ähnliche kleine Mond- sicheln mit der mittleren Scheibe verbunden, so als sei diese mit zwei Öhrchen oder zwei Henkeln versehen. Ein vierter Beobachter stellte statt dessen eine ellipsenförmige Scheibe mit zwei kreisrunden Aussparungen dar usw.

Abb. 2: Von Huygens zusammengestellte Abbildungen, die er in der Literatur vorfand, über die jeweils vermutete wahre Gestalt des Saturn. Im Text werden die Figuren I, VI, IX und XII erwähnt.

Als Huygens zu arbeiten begann, standen also ungenaue, einander widersprechende, noch nicht genau faßbare Beobachtungsergebnisse nebeneinander. Ein Verständnis für das Ganze, ein verbindender Gedanke, fehlte. Mit einem solchen verwirrenden Nebeneinander von ungenau erhobenen, womöglich unzutreffend idealisierten und noch nicht verstandenen Befunden beginnen neu geplante Forschungsgänge in den Naturwissenschaften häufig. Doch kenne ich kein Bild, das ein solches ungeklärtes Anfangsstadium der Forschung so anschaulich vor Augen führt wie diese Abbildung von Huygens.

Im weiteren Verlauf der Forschung bis zur Aufklärung eines naturwissenschaftlichen Problems sind zumeist mehrere bis viele Schritte nötig, ein langdauerndes, vielfältiges Wechselspiel zwischen experimentellen und theoretischen Fortschritten. Hier aber gelangte Huygens zu der Hypothese, die sich später als richtig erweisen sollte, in einem einzigen Schritt durch eine einzelne glänzende wissenschaftliche Idee: Er kam auf den Gedanken, sämtliche bisherigen Abbildungen seien flächige, ungenaue Bilder von einem in Wirklichkeit räumlichen System, einer Kugel mit einem frei darum schwebenden flachen Ring.

Abbildung 3 zeigt eine Reproduktion der Seite, auf der Huygens diese seine – endgültig richtige – Deutung der Gestalt des Saturns darstellte. Zugleich schrieb er, daß er sie schon drei Jahre zuvor veröffentlicht hatte, aber vorsichtshalber als Anagramm*! So hatte er sich, falls er recht hatte, die Priorität* gesichert; hätte er unrecht gehabt, so hätte niemand erraten können, welcher Fehlschluß ihm unterlaufen gewesen war. Die Übersetzung der entscheidenden Sätze (ab Zeile 3) lautet: »Diese Hypothese habe ich zusammen mit der Beobachtung eines Saturnmondes am 25. März 1656 mit umgestellten Buchstaben veröffentlicht. Diese hießen aaa … uuu und bedeuten, an ihren rechten Ort zurückversetzt: Ihn umgibt ein Ring: flach, eben, ihn nirgends berührend, gegen die Ekliptik* geneigt.«

Mit dem gedanklichen Schritt vom flächigen Bild zur räumlichen Vorstellung hatte Huygens den Saturnring entdeckt. Das ist sinnbildlich: Hierdurch wurde buchstäblich eine neue Dimension für das damalige wissenschaftliche Denken eröffnet. In dieser epochemachenden Intelligenzleistung paarten sich Brillanz des wissenschaftlichen Einfalls und kristallene Klarheit der Vorstellung. Hierbei spielte es gewiß eine Rolle, daß Huygens eine Ausbildung als Physiker besaß und darum mehr als viele damalige Astronomen im dreidimensionalen Denken erfahren war.

Nach dem Huygens-Beispiel läge es nun nahe zu meinen, je intelligenter ein Mensch, desto klarer und präziser werde sein Denken ablaufen und desto genauer müßte er über seine intellektuellen Prozeßabläufe Auskunft geben können, insbesondere wenn es sich um mathematische Überlegungen handelt. Für den Nichtfachmann überraschend, ist das aber oft ganz anders. Das zeigt der nächste Abschnitt: zur Intelligenz Albert Einsteins.

Abb. 3 (Erklärung im Text)

2. Schwebendes Vorstadium der Problemlösung: Einstein

Würde man eine Umfrage veranstalten, wer der intelligenteste Mensch des 20. Jahrhunderts war, dann würde Albert Einstein die meisten Stimmen erhalten. Seine große wissenschaftliche Entdeckung war die Relativitätstheorie. Wie arbeitete Albert Einsteins Intelligenz?

Wir haben das Glück, diese Frage recht genau beantworten zu können; denn Einstein wurde in den zwanziger Jahren von einem der bedeutendsten Psychologen seiner Zeit, Max Wertheimer*, darüber befragt, wie er zu seinen epochemachenden Einsichten gelangt sei. Das Ergebnis dieser Befragung hört sich ganz anders an, als man es nach dem vorangegangenen Beispiel vermuten würde – keine »kristallene Klarheit« wie bei Huygens. Wertheimer berichtete - zum Teil mit Einsteins eigenen Worten: Der Denkprozeß, der schließlich in die Relativitätstheorie mündete, »begann auf eine Weise, die nicht sehr klar war und daher schwer zu beschreiben ist – in einem gewissen Zustand der Verwirrung«. Von einer späteren Phase heißt es: »Einstein … fühlte irgendwo eine Lücke, ohne daß er imstande war, sie zu erklären, ja sie auch nur zu benennen … Während dieser Zeit war er oft niedergeschlagen, manchmal verzweifelt, aber von den stärksten Impulsen angetrieben«. Eine eigene Äußerung Einsteins über seinen wissenschaftlichen Denkprozeß lautete: »Diese Gedanken kamen nicht in irgendeiner sprachlichen Formulierung … Ein Gedanke kommt, und ich kann hinterher versuchen, ihn in Worten auszudrücken … Während all dieser Jahre hatte ich ein Richtungsgefühl, das Gefühl, auf etwas Bestimmtes zuzugehen … Natürlich ist hinter einer solchen Gerichtetheit immer etwas Logisches; aber ich habe es in einer Art von Überblick, gewissermaßen sichtbar vor Augen … Es war … klar unterscheidbar von … den späteren Überlegungen über die rationale Form der Lösung«.

Der endgültigen Formulierung der Relativitätstheorie in klaren mathematischen Formeln ging also ein gedanklicher Suchprozeß voraus, der einen völlig anderen Charakter hatte. Er besaß noch keine festlegbare mathematische, logische oder sprachliche Form. Er ähnelte eher dem Spiel der Phantasie* und wurde erst dadurch zum wissenschaftlich bedeutsamen Ereignis, daß er abschließend zu mathematisch, logisch und sprachlich formulierten Ergebnissen führte.

Einstein selbst hat das in einem Brief 1945 (an den französischen Mathematiker Jacques Hadamard) so formuliert: Das kombinatorische Spiel mit Gedankenbildern oder entsprechenden Zeichen – mehr oder weniger vage eine zielentsprechende logische Verbindung suchend – sei als der Wesenszug des produktiven Denkens zu betrachten.

3. Keine Klugheit ohne Phantasie

Wer sich beim Lösen eigener Probleme beobachtet, sei es in seiner Berufsarbeit oder im sonstigen täglichen Leben, der wird bei der Lektüre der vorangehenden beiden Abschnitte den Eindruck gewinnen: In meinem Nachdenken und Planen geschieht eigentlich recht ähnliches: Ist ein Problem zu lösen, zum Beispiel die Vorbereitung einer längeren Reise oder einer Verhandlung, so stellt mir meine Vorstellung eine Denkmöglichkeit nach der anderen vor mein geistiges Auge. Man muß sich etwas einfallen lassen. Die Phantasie ist angesprochen, aber auch der Reichtum der Kenntnisse und der Schatz der Erfahrungen, aus dem die Phantasie ihr Material gewinnen kann. Erst in einem zweiten Akt ist dann das präzise logische Denken gefordert, um aus den von »divergenten Denkprozessen*« gelieferten Entwürfen nach strengen Maßstäben das Geeignete auszuwählen.

Es lohnt sich, den ersten Teil der Intelligenzleistung, den »Suchprozeß«, bei sich selbst oder bei anderen genauer zu beobachten.

Gibt man beispielsweise einem Erwachsenen oder einfallsreichen Kind 6 Streichhölzer mit dem Auftrag, daraus 4 Dreiecke zu bilden, wobei sich die Streichhölzer nur an den Enden berühren dürfen, und bittet man den Gefragten, sein Nachdenken mit Worten zu begleiten, so kann man mitunter selbst bei sehr Intelligenten ein langes, fruchtloses Herumprobieren beobachten, bis der richtige Gedanke kommt: die Ebene zu verlassen, eine dreiseitige Pyramide zu bauen und damit die dritte Dimension einzubeziehen (siehe die Zeichnung von Gerolf Steiner auf S. 19).

Zur Lösung dieses Problems braucht man also nicht nur scharfe Logik, sondern zuallererst den richtigen Einfall; denn in der Aufgabe »4 Dreiecke aus nur 6 Streichhölzern« klingt die Idee, von der Fläche zum Körper überzugehen, nicht an. In dieser Hinsicht ähnelt die Problemlösung übrigens derjenigen von Huygens, die in Abschnitt 1 behandelt wurde.

Außer dem Streichholzproblem lassen sich noch einige weitere Fragen nennen, bei deren Lösung man die »Suchphase« der Problemlösung an sich selbst oder bei anderen leicht beobachten kann:

1. Sehen wir uns im Spiegel, so sind rechts und links, aber nicht oben und unten vertauscht. Wie erklärt sich dieser Unterschied?

2. Wir strecken – stehend – beide Arme waagerecht nach vorn und halten die Handflächen nach unten. Dann bewegen wir die Arme zur Seite, ohne sie dabei zu drehen. Danach lassen wir die Arme nach unten fallen, so daß sie parallel zur Körperachse hängen, und tun auch dies ohne Drehung. Von dort heben wir sie – ebenfalls ohne Drehung – in die Ausgangslage. Jetzt stellen wir fest: Die Handflächen sind gegeneinander gerichtet, nicht wie anfangs nach unten – so als ob wir die Arme gedreht hätten, was wir aber bei keiner der drei Bewegungen getan haben. Wie kommt das?

3. Die Strahlen der Sonne kommen, wie jeder weiß, so gut wie parallel bei uns an. Aber durch Wolkenlöcher hindurchtretend erscheinen sie uns meistens breit gefächert! Wie kommt das?

Auch in diesen drei Fällen klingt die richtige Antwort nicht in der Frage an und ist daher aus ihr nicht »diskursiv*« zu entwickeln: Zur Lösung braucht man also einen Einfall. Fast jeder, der die drei Fragen noch nicht kennt, muß einige Zeit seine Phantasie spielen lassen, um auf die richtige Idee zu kommen.

Sie, meine Leser, sollten, falls Ihnen die Antwort nicht sogleich einfällt, mindestens 3 Tage lang nach den richtigen Ideen suchen und während dieser Zeit auch Ihre Gedanken beobachten und registrieren, bevor Sie die Lösung im letzten Textabschnitt dieses Buches (S. 147 ff.) bei den Stichworten Spiegelbild*, verborgene Drehungen* und Sonnenstrahlenfächer* nachschlagen! Diese drei Tage sind notwendig, um beobachten zu können und bewußt zu erleben, wie die Gedanken umherschweifen und die richtige Lösung vielfach erst nach längerer Wartezeit, und dann unerwartet, unverhofft und plötzlich auftaucht.

Ist man erst einmal auf die Zweiteilung des Problemlösungsvorgangs in Suchen und Prüfen aufmerksam geworden, so begegnet man ihr immer wieder. Beispielsweise überlegt der Schachspieler jeweils den nächsten Zug, indem er mehrere Möglichkeiten, die ihm nacheinander einfallen müssen, auf ihre möglichen Konsequenzen überprüft. Schachweltmeister Aljechin antwortete auf die Frage, wie weit er vorausberechne: »Unbedingt 4 Züge, selten mehr als 6; in Ausnahmefällen muß man aber auch 10 bis 12 Züge im voraus überblicken können«. Hier besteht also die Suchphase aus lauter beschreibbaren Einzelschritten, ähnlich wie im Programm von Schachcomputern. In vielen anderen Fällen aber bleibt die Suchphase ähnlich unklar, wie bei Einstein beschrieben, und zum Teil sogar unbewußt.

Dies wird im folgenden Abschnitt 4 zur Sprache kommen. Vor allem wird die Natur der Suchprozesse deutlich hervortreten, wenn wir uns vor Augen führen, welche Fehler dabei unterlaufen können (Abschnitte 5 und 15).

Abb. 4: