Knochenfinder - Melanie Lahmer - E-Book

Knochenfinder E-Book

Melanie Lahmer

4,5
7,99 €

Beschreibung

Ein Schüler verschwindet spurlos. Wenig später wird in einem Geocaching-Versteck im Rothaargebirge ein Finger gefunden, und an der Schule des Vermissten kursieren brutale Gewaltvideos. Kommissarin Natascha Krüger und ihre Kollegen suchen nach einem Täter - und ahnen nicht, welches grausame Spiel dieser mit ihnen spielt. Denn kurz darauf gibt es einen weiteren Geocaching-Fund.

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MOBI

Seitenzahl: 542

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Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Epilog

Danke!

Nachbemerkung

Über die Autorin

Melanie Lahmer, geboren 1974 in Rotenburg/Fulda, lebt mit ihrer Familie in Siegen. Nach dem Studium der Erziehungswissenschaften arbeitete sie als Redakteurin und veröffentlichte Kolumnen und Kurzkrimis. KNOCHENFINDER ist ihr erster Roman und wurde von der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen mit einem Stipendium ausgezeichnet. Wenn Melanie Lahmer nicht schreibt, sucht sie deutschlandweit Geocaches.

Melanie Lahmer

KNOCHEN-FINDER

Kriminalroman

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Copyright © 2012 by Bastei Lübbe AG, Köln

Lektorat: Karin Schmidt

Textredaktion: Dr. Arno Hoven

Titelillustration: © Daniel Rybkin/shutterstock;

D. Kucharski & K. Kucharska/shutterstock; Gordan/shutterstock

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-1531-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Prolog

Als er aufwachte, hatte er das unbestimmte Gefühl, dass etwas Furchtbares mit ihm geschehen war.

Er schlug die Augen auf: Um ihn herum war nichts als Schwärze. Einen schrecklich langen Moment glaubte er, auf einmal blind geworden zu sein. Er warf den Kopf hin und her in der verzweifelten Hoffnung, irgendwo in der Düsternis einen winzigen Lichtstrahl zu erhaschen. Während er sich bewegte, spürte er, dass er an Händen und Füßen gefesselt war. Wenn er doch bloß etwas sehen könnte – nur irgendetwas. Doch alles blieb schwarz.

Die Finsternis schien ihn nach unten zu drücken, und er spürte nun deutlich, dass er auf felsigem Boden lag. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit, und er konnte graue Schatten erkennen, kantige Umrisse.

Er zitterte. Die verschwitzten Kleidungsstücke klebten an seinem Körper, gleichzeitig war es in seinem Gefängnis schrecklich kalt. Die Feuchtigkeit des Untergrundes drang durch den Stoff, vermischte sich mit dem eisigen Schweiß seiner Angst. Gegen die Kälte half auch die Decke nicht, die jemand über ihn gelegt hatte. Sie war weich und roch nach Weichspüler, wirkte jedoch in dieser großen Leere seltsam fehl am Platze.

So wie er.

Irgendwo hinter ihm tropfte es. Immer wieder, in zermürbender Gleichmäßigkeit. Einige Male versuchte er, die Tropfen zu zählen, als könne er auf diese Weise seine Situation kontrollieren.

Doch es gab keine Kontrolle.

Er versuchte um Hilfe zu rufen. Aber er konnte nur dumpfe, heisere Geräusche ausstoßen, die niemand hören würde: Der zusammengeklumpte Lappen in seinem Mund tat weh und drückte gegen das Zäpfchen; und immer wieder überkam ihn das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Doch er kämpfte dagegen an, denn er wusste, dass er sonst ersticken würde.

Verzweifelt versuchte er, sich abzulenken. Mit hoffnungsvollen und ermutigenden Gedanken, mit Erinnerungen an schöne Erlebnisse, mit heiteren Episoden aus dem Alltag.

Doch es half nichts.

Ständig hatte er Bilder von seinem eigenen qualvollen Tod vor seinem inneren Auge.

Kapitel 1

»Ich will den Cache allein finden!«

Der fünfjährige Jannik Walburg schaute zu seinem Vater Martin empor und bekräftigte: »Du darfst mir nicht helfen, Papa. Und Mama auch nicht! Ich bin schon groß genug! Ich kann den Schatz ganz alleine finden.«

Das GPS-Gerät in seiner kleinen Hand wirkte wie ein zu groß geratenes Funkgerät. Während Jannik durch den Wald marschierte, hielt er den Satellitenempfänger zumeist weit von sich gestreckt; es sah aus, als zöge das Gerät ihn gegen seinen Willen vorwärts. Doch nun blieb er stehen und wies mit seinem schmutzigen Zeigefinger auf den elektronischen Kompass, auf dessen Display der Richtungspfeil nach Nordosten zeigte. Jannik blickte abwechselnd nach vorn und auf den kleinen Bildschirm. Als er schließlich weiterging, geriet er durch eine Furche im ausgetrockneten Waldweg ins Stolpern und wäre beinahe gefallen, aber im letzten Moment fing er sich wieder. Irgendwo zwischen den Bäumen knackte es; vermutlich lief ein kleines Tier durchs Unterholz.

Martin ließ seinen Ältesten vorneweg laufen. Er schaute über die Schulter und sah zu, wie Katharina den Kinderwagen mit dem kleinen Elias über einen holprigen Wegabschnitt schob. Martin winkte seinem Jüngsten zu. Der Wagen schaukelte, und Elias jauchzte, als säße er in einem Karussell.

Katharina hingegen wirkte immer noch wie jemand, der in einen Essigtopf gefallen war. Heute war Martins erster Urlaubstag, und er hatte endlich einmal lange im Bett liegen können. Doch sie erwartete von ihm, dass er ihr an seinen freien Tagen schon frühmorgens bei der Hausarbeit half – und das, obwohl er doch in seinem Beruf so hart schuften musste! Aber das wollte sie nicht einsehen, und deshalb war sie schon den ganzen Vormittag eingeschnappt.

»Da geht’s lang, Papa!«

Jannik war erneut stehen geblieben und wies mit dem Finger mitten in den dichten Wald hinein.

Martin beugte sich zu ihm hinunter. »Nein, nicht direkt durch den Wald.« Er blickte auf das Display des GPS-Geräts und zeigte auf die rot markierte Strecke. »Zuerst folgen wir diesem Wanderweg, und nach ungefähr sechshundert Metern schauen wir nach, ob wir die versteckte Dose finden.«

»Ist das noch weit?«, erkundigte sich der Junge.

»Ja, aber nur ein bisschen«, antwortete Martin. Es kostete ihn Mühe, nicht genervt zu klingen. Er wollte lieber in Ruhe wandern und seinen Gedanken nachhängen, statt wie in den letzten Minuten dauernd mit Jannik reden zu müssen. Hoffentlich wollten die Jungs später nicht auch so viel diskutieren wie ihre Mutter.

Jannik sah ihn misstrauisch an. »Ist das so weit wie Omas Haus? So weit will ich nicht laufen!«

Als Martin frustriert schwieg, drehte sich der Junge von ihm weg und verschränkte die Arme vor dem Oberkörper, wobei sein T-Shirt schmutzig wurde.

Katharina erreichte die beiden mit dem Kinderwagen und starrte verärgert auf die Flecken. »Jannik, geh weiter, sonst komme ich mit dem Wagen nicht vorbei.«

Der Junge sah trotzig zu seiner Mutter auf.

»Papa hat gesagt, dass wir noch weit laufen müssen. Ich will aber nicht mehr.«

Katharina beugte sich zu ihrem Sohn hinunter. »Der Papa hat gesagt, es ist nur ein bisschen weit. Der Schatz befindet sich also ganz in der Nähe. Du wirst sehen.«

Jannik rieb sich gedankenverloren mit einer schmutzigen Hand über den Arm. Dann hellte sich sein Gesicht auf.

»Hoffentlich ist in dem Schatz ein Spiderman versteckt. Ich habe ›Bob der Baumeister‹ zum Tauschen mitgenommen.«

Er holte aus einer Tasche seiner Shorts eine kleine Figur hervor und streckte sie seiner Mutter entgegen. »Bob der Baumeister« hatte schon viele Einsätze in Sandkästen und im Kinderzimmer hinter sich; dem Helm fehlte die gelbe Farbe, und die Schuhspitzen waren abgeschabt. Schon seit Wochen hoffte Jannik, in einem der Geocachingverstecke auf eine Spiderman-Figur zu stoßen. Weil der Sohn eines Arbeitskollegen von Martin einmal einen Batman gefunden hatte, glaubte Jannik, in vielen Geocaches seien Superhelden versteckt. Normalerweise handelte es sich bei den Tauschgegenständen um irgendwelchen Ramsch. Dinge von materiellem oder auch ideellem Wert suchte man in ihnen vergebens.

»Ja, wer weiß.« Katharina klang müde. Sie fuhr mit der Hand über Elias’ Gesicht, um angetrocknete Kekskrümel von Wangen und Kinn abzuwischen.

Anschließend wanderte die Familie eine ganze Weile schweigend weiter und gelangte schließlich in die Nähe ihres Ziels.

Plötzlich rief Katharina: »Ich setze mich dahinten mit Elias auf die Bank, ich brauche dringend einen Kaffee!«

Sie zeigte auf einen kleinen Rastplatz am Wegesrand. Auf einer nur wenige Meter breiten Lichtung inmitten der dicht nebeneinanderstehenden Fichten gab es eine Bank und einen Tisch, die man aus längsseits halbierten Baumstämmen gezimmert hatte.

»Lass uns eine Pause machen«, schlug Katharina vor, ging zum Rastplatz und setzte sich hin. Heftiger als nötig warf sie den Rucksack auf den Tisch. Sie holte eine Thermoskanne heraus und öffnete sie. Der Kaffee dampfte kaum noch.

Martin schüttelte den Kopf, als sie ihm einen gefüllten Plastikbecher hinhielt. »Danke, aber ich gehe mit Jannik suchen. Wartest du hier mit Elias?«

Ihr Blick stach wie Eiszapfen in seine Magengrube.

Die Hände ballte sie zu Fäusten, als sie sich über den Kinderwagen beugte. »Mir bleibt ja wohl nichts anderes übrig, als das zu tun, was man mir sagt«, blaffte sie und öffnete Elias’ Gurt. »Ist schließlich mein Job, das hätte ich fast vergessen. Und während der gnädige Herr am Wochenende ausschläft, rackere ich mich wie jeden Tag ab. Als Hausfrau hat man ja leider kein Wochenende. Ich bin schon seit halb sieben auf den Beinen und halte alles im Haus am Laufen. Aber jetzt brauch ich einfach eine Pause.«

Der zweijährige Elias kletterte aus dem Wagen und fiel mit einem kurzen Schreckensschrei auf den Waldboden. Flink rappelte er sich auf; Dreck und Nadeln klebten rings um seinen Mund. Mit zusammengekniffenen Lippen wischte Katharina erneut sein Gesicht sauber.

Martin wandte ihr den Rücken zu. Bekäme er noch mehr Vorwürfe zu hören, würde er wutentbrannt in den Wald laufen. Und zwar ohne GPS-Gerät.

Plötzlich bemerkte er, dass Jannik zwischen den Bäumen verschwunden war. Angestrengt hielt er nach seinem Sohn Ausschau. Dann sah er, wie das rote T-Shirt des Jungen neben einer umgekippten Fichte aufblitzte. Martin eilte zu seinem Sohn, ohne sich noch einmal nach Katharina umzudrehen. Jannik stocherte mit einem Stock, der ihm bis zum Scheitel reichte, im Erdreich zwischen einigen Nadelbäumen herum. Dann hob er Rindenstücke vom Boden auf, drehte Steine um und zog am Geäst dünner Büsche.

»Papa, wir sind bestimmt falsch. Hier ist nichts.« Mit enttäuschtem Gesichtsausdruck sah er zu seinem Vater auf. »Das wurde bestimmt geklaut.«

Martin verkniff sich ein Grinsen. Die Dose war von den letzten Findern zwar gut versteckt worden, aber er hatte sogleich den unnatürlich aussehenden Haufen kleiner Äste und Zweige entdeckt: ein typisches Anzeichen für ein Geocachingversteck. »Der Schatz ist sicher noch da, du musst dich nur genauer umschauen.«

Jannik stützte sich auf den Stock. »Hast du was gesehen?«

Martin blickte zu Boden, als hätte er die Frage nicht gehört. Es machte ihm große Freude, Jannik beim Suchen und Finden zu beobachten. Mitunter brauchte der Junge mehrere Minuten, um selbst die Verstecke zu entdecken, die geradezu ins Auge sprangen. Und je länger er suchte, desto größer war seine Freude, wenn er den Schatz gefunden hatte.

»Du darfst mir aber nichts verraten, Papa. Ich will den Cache allein finden!«

Jannik drehte sich im Kreis, bückte sich und grub mit seinen kleinen Händen in den Nadelhaufen auf dem Waldboden. Ein Eichelhäher saß in einigen Metern Entfernung auf einem Ast, als wollte er dem Jungen bei der Suche zuschauen.

Plötzlich hielt Jannik abrupt inne. »Ich hab den Schatz, Papa; hier ist er versteckt!«

Der Eichelhäher keckerte und flog davon, als der Junge aufgeregt den Reisighaufen beiseiteschaufelte. Braune Blätter stoben umher, und Staub lag in der Luft.

Inzwischen war ihnen Katharina mit Elias gefolgt. Sie stellte sich neben Martin, und er spürte plötzlich ihre Wange an seiner Schulter.

»Ist er nicht süß?«, hauchte sie ihm ins Ohr.

Martin war völlig irritiert. Warum tat sie auf einmal so, als sei alles in Ordnung, nachdem sie noch eben mit ihm heftig gestritten hatte? Unsicher drückte er ihren Oberarm. Elias setzte sich zu ihren Füßen und stocherte nun ebenfalls im Dreck.

Jannik hantierte mit seinem Fundstück, einer Frischhaltedose, und Martin wartete auf das charakteristische »Plopp«, wenn beim Öffnen die Luft entwich. Aber das Geräusch blieb aus. Wahrscheinlich war die Dose bereits kaputt, und wenn sie Pech hätten, wäre der Inhalt feucht und verschmutzt.

»Mama, Papa, was ist das?«, rief der Junge; seine Stimme klang beunruhigt.

Katharinas Oberkörper versteifte sich. Sie löste sich von ihrem Mann und ging mit schnellen Schritten zu Jannik.

Martin folgte ihr rasch. »Zeig mal her«, sagte er und nahm seinem Sohn die Dose aus der Hand.

Erwartungsvoll blickte er in das Oval aus transparentem Kunststoff. Reflexartig zuckte er zurück, als beißender Geruch in seine Nase stieg. Modrig, organisch. Dann sah er die Insekten, dazwischen ein Stück Fleisch. Daumendick. Zwischen hellroten Gewebefetzen, braunen Blutkrusten und angeschwärzten Geweberändern war ein weißer Knochen zu erkennen.

Katharina schrie auf, als auch sie den Inhalt der Dose sah.

Martin blickte starr in den stinkenden Behälter.

Ein Käfer spreizte die irisierenden Flügel. Er krabbelte über den Dosenrand, fiel auf den Waldboden und verschwand im Unterholz.

Kapitel 2

»Ihrem Versetzungsantrag kann leider nicht entsprochen werden. Pah!«

Natascha Krüger warf den Brief auf den Schreibtisch und sprang empört auf. Ihr Bürostuhl rollte polternd gegen das Metallschränkchen hinter ihr. Sie drehte sich um und gab ihm noch einen Tritt.

»Ich muss erst meinen Erstverwendungsdienst beenden, bevor ich mich weiterbewerben kann!«, rief sie mit scharfer Stimme. »Scheiß-Bürokraten!«

Ihr Kollege Jörg Lorenz lehnte sich in seinem Stuhl zurück, der ein asthmatisches Geräusch von sich gab. »In diesen sauren Apfel müssen alle Berufsanfänger beißen. Das wusstest du doch vorher, du kennst schließlich die Vorschriften.«

»Aber die hätten doch für mich eine Ausnahme machen können! Diese Möglichkeit gibt es nämlich!« Natascha funkelte ihren Bürokollegen an. Wieso musste er alles besser wissen?

Lorenz griff zu einer Dienstmütze, die schon seit Ewigkeiten hinter ihm auf einem halbhohen Regal lag, und setzte sie auf. Dabei fiel eine der beiden Schildkröten aus Plüsch um, die dort standen.

»Melde mich gehorsamst zum Dienst, Kommissarin Krüger!«

Manchmal sah er selbst aus wie eine Schildkröte, fand sie. »Das ist nicht witzig!«

Enttäuscht zog sie ihren Schreibtischstuhl an seinen Platz und setzte sich wieder. Sie stützte ihr Kinn in die Hände und blickte Lorenz trotzig an. Er grinste aufreizend. Dass sie ihrem Kollegen direkt gegenübersaß, fand sie nicht immer gut.

»Was ist, warum guckst du so?«, wollte sie wissen.

»Du erinnerst mich an meine Schwester.«

»Ach, und warum?«

»Sie hat sich immer ein Pferd gewünscht und unsere Eltern damit ganz schön genervt. Zu ihrem zwölften Geburtstag hat sie dann endlich ein Tier geschenkt bekommen. Doch es war kein Pferd, sondern ein Hamster. Da hat sie ungefähr so dreingeschaut wie du jetzt gerade.« Lorenz grinste immer noch.

»Wie witzig. Du machst dich über die Wünsche und Träume anderer Leute lustig, als ob du selbst keine hättest. Ich habe jedenfalls keine Lust, bis zur Pension immer den gleichen Dienst in derselben Stadt zu schieben – auch wenn es bei der Polizei noch vergleichsweise spannend ist. Und wenn ich ein Ziel habe, dann unternehme ich auch was, um es zu erreichen.«

Lorenz zog die Augenbrauen nach oben und betrachtete sie wie ein alter Lehrer seine ungestüme Schülerin. Dann drehte er sich um, nahm die Mütze ab und legte sie zurück auf das Regal. Auch die umgefallene Schildkröte stellte er wieder auf.

Manchmal benahm er sich ihr gegenüber wie ein Vater, dachte Natascha. Obwohl er erst achtunddreißig war und damit nur elf Jahre älter als sie.

Trägheit breitete sich in ihr aus: der Kater nach dem Adrenalinkick. Sie verschränkte die Arme und legte sie auf den Schreibtisch, sodass sie mit ihnen das Schreiben des Ministeriums verdeckte. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Wieso hatte man sie nach dem Studium bloß hierher geschickt? Nach Siegen! Das war der nordrhein-westfälische Wurmfortsatz, kein richtiges Westfalen und erst recht kein Rheinland. Die meisten ihrer ehemaligen Kommilitonen hatten als Kommissare im Rheinland bleiben oder zur Bereitschaftspolizei gehen dürfen. Warum man ausgerechnet sie dem Kriminalkommissariat in dieser eintönigen Gegend mit den wortkargen Bewohnern zugeteilt hatte, war ihr unerklärlich. Siegen war nur durch die Zusammenlegung mehrerer Orte zu einer Großstadt geworden: Das besondere Flair und die Lebendigkeit gewachsener Städte fehlten hier völlig; die Infrastruktur und das kulturelle Angebot waren immer noch kleinstädtisch, obwohl die kommunale Neugliederung schon weit mehr als drei Jahrzehnte zurücklag. Und die Polizeidienststelle befand sich nicht einmal im Zentrum der Stadt, sondern in Weidenau, einem der Stadtteile. Nun saß sie hier, zwischen Rothaargebirge und Westerwald, und fühlte sich von den dicht bewaldeten Bergen, die keinerlei Fernblick boten, förmlich eingekreist. Einzig das nahe gelegene Autobahnkreuz bei Wenden an der Grenze zum Sauerland stellte eine Verbindung zur alten Heimat her, da man dort auf die A4 nach Köln auffahren konnte. Natascha konnte es nur zu gut verstehen, dass viele Studierende von auswärts lästerten, die Autobahn nach Köln sei das Beste an Siegen. Selbst die Sieg schien langsamer als andere Flüsse zu fließen.

Hätte sie nicht Tine kennengelernt und in ihr eine gute Freundin gefunden, wäre sie längst an ihrem Schicksal verzweifelt. Ihre erste Begegnung hatten sie gleich zu Beginn ihrer Zeit in Siegen, und zwar kurz nach Mitternacht auf der am stärksten befahrenen Kreuzung der Stadt. Natascha war mit einem Kollegen auf Streife gewesen, als sie zu einem Einsatz gerufen wurden. Sie entdeckten eine junge Frau, die sich mitten auf die Kreuzung gestellt hatte und zwei Pylonen in die Höhe hielt. Ihr Freund stand am Straßenrand und fuchtelte mit seinen tätowierten Armen in der Luft herum. Beide waren natürlich sturzbetrunken. Recht bald brachten die Polizisten in Erfahrung, wie es zu dieser Situation gekommen war: Der Mann hatte seiner Freundin auf dem Heimweg gestanden, dass er fremdgegangen sei; daraufhin hatte sie in einer Kurzschlussreaktion zu zwei Pylonen gegriffen, die von Straßenarbeitern auf dem Gehweg vergessen worden waren, und damit auf ihn eingeschlagen. Er konnte sich nur dadurch retten, dass er über die Straße rannte. Sie lief hinter ihm her, doch als eine der Ampeln auf Grün schaltete, sah sich die junge Frau plötzlich von fahrenden Autos umzingelt. Mit einer Sturheit, wie sie nur Betrunkenen eigen ist, blieb sie auf der Kreuzung stehen. Natascha und der Kollege von der Schutzpolizei legten ihr schließlich Handschellen an und brachten sie so zur Vernunft.

Drei Wochen später begegneten sich die beiden jungen Frauen zum zweiten Mal, diesmal in einem Bogenschützenverein. Tine zeigte sich zunächst noch zickiger. Doch etliche Tage später gestand sie Natascha, wie sehr sie sich bei der zweiten Begegnung geschämt hatte. Seitdem erwähnte keine von ihnen mehr jenes nächtliche Erlebnis, und sie hatten bereits so oft von ihrer »ersten« Begegnung beim Bogenschießen erzählt, dass sie schon fast selbst daran glaubten.

»Natascha? Was ist mit dir?« Lorenz holte sie zurück aus ihren Tagträumen.

Sie setzte sich auf, fuhr sich mit den Fingern durch die kurzen dunklen Haare und murmelte: »Es hat ja doch keinen Zweck. Dann bleibe ich eben noch zwei Jahre hier und arrangiere mich mit den Umständen.«

»Na bitte. Geht doch.«

Er lächelte. Um seine Augen bildeten sich feine Fältchen, die Mundwinkel zuckten, und die Stirn glättete sich. Plötzlich überkam Natascha Wehmut, als sie daran dachte, dass sie ihren sympathischen Kollegen eigentlich verlassen wollte. Am liebsten hätte sie ihn für dieses Lächeln umarmt.

»Magst du gleich mit mir in die Kantine kommen? Mein Magen grummelt wie ein alter Bär.« Lorenz hielt sich den Bauch und sah sie auffordernd an.

Doch Natascha schüttelte den Kopf. »Danke, heute nicht. Ich hab mir einen Salat mitgebracht.«

»Du machst doch nicht etwa eine Diät? Du bist schon dünn genug!« Er formte mit beiden Händen einen kleinen Kreis, der wohl ihre Taille darstellen sollte.

Natascha war empört. »Quatsch. Aber bei dieser Hitze habe ich keine Lust auf warmes Essen. Da ist so ein frischer, knackiger Salat doch was Feines, oder?«

Lorenz mimte den Zerknirschten. »Du hast recht. Anstelle des fetten Kantinenessens sollte ich meinem Magen lieber was Gesundes gönnen. Und weißt du was?« Er stand auf und ging auf die Tür zu. »Morgen fange ich damit an. Ganz bestimmt!«

Lachend verließ er den Raum, und Natascha rief ihm noch »Guten Appetit!« hinterher.

Kapitel 3

Natascha stand im Flur der Siegener Polizeibehörde und sog den Geruch in sich auf. Mief aus ungelüfteten Büros, der Geruch eines süßen Parfüms, Vanilleduft aus Zerstäubern. Sogleich schloss sie die Augen: In ihrem Geist verbanden sich die Geruchseindrücke mit Farbtönen, die sich miteinander vermischten. Vor ihrem inneren Auge betrachtete sie die Melange, als könne sie auf diese Weise ein Stück ihrer neuen Heimat in sich aufnehmen.

Natascha genoss in manchen Momenten diese Verschmelzung der Sinne, wenn Gerüche sichtbar wurden und sie in ihnen abtauchen konnte. Viele Jahre hatte sie geglaubt, dass sie mit ihren intensiven Empfindungen allein wäre, und mit niemandem darüber geredet, um nirgends anzuecken. Denn schon früh hatte sie die Erfahrung gemacht, dass die meisten Menschen sie nicht verstanden, weil bei ihnen Gerüche und Geräusche – und auch Worte – eben nicht farbig waren. Dann aber lernte sie während eines kurzen Aufenthalts an der Psychologischen Fakultät der Universität Köln eine junge Frau kennen, die erwähnte, dass ihre Buchstaben und Zahlen ebenfalls mit Farben verbunden waren. Und auf einmal bekam dieses außergewöhnliche Zusammenspiel der Sinne einen Namen: Synästhesie. Anschließend saßen die beiden Frauen stundenlang in der Cafeteria des Campus beisammen, sprachen über ihre Empfindungen und tauschten sich über rote »A«s und gelbe Zweien aus. Durch dieses Gespräch waren Natascha die Augen für ihre besondere Fähigkeit geöffnet worden.

Seither nahm sie sich manchmal kleine Auszeiten, um sich Gerüche anzuschauen oder den Bildern gesprochener Worte hinterherzuspüren. Und sie freute sich gleichzeitig darüber, trotzdem völlig normal zu sein. Sie war einfach nur empfindsamer als andere: eine neurologische Besonderheit.

Plötzlich raschelte es hinter ihr. Sie zuckte zusammen, riss die Augen auf und drehte sich um.

»Simon!«

Diese Schreckhaftigkeit!, fuhr es ihr durch den Kopf. Eine gute Polizistin sollte nicht so schnell zusammenfahren. Sie blickte Simon Steinhaus, einen Kollegen von der Schutzpolizei, empört an. »Warum erschreckst du mich so?«

Er lächelte sie an und sah ihr intensiv in die Augen. Der dunkle Rand seiner hellblauen Iris irritierte sie jedes Mal. Unvermittelt wurde ihr bewusst, dass sie ihn ebenfalls anstarrte.

»So geistesabwesend, Frau Kollegin? Alles in Ordnung?«

Natascha löste ihren Blick von seinen Augen und starrte stattdessen auf Mund und Kinn. Nicht ein einziges Barthaar war mehr zu sehen. Als sie sich vor einem halben Jahr auf der Weihnachtsfeier kennengelernt hatten, war noch ein kleiner dunkelblonder Spitzbart am Kinn gewesen. Das hatte ihm viel besser gestanden als jetzt das glatte Gesicht. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie es sich wohl anfühlte, wenn sie mit der Hand seine Haut berühren würde.

»Ja und nein«, antwortete sie schließlich. »Ich habe einen Versetzungsantrag gestellt, aber der wurde abgelehnt.« Sie hob die Schultern an und steckte die Hände in die Hosentaschen.

»Du willst weg von hier? Wieso?« Er klang beinahe entsetzt.

»Ich möchte zurück ins Rheinland. Die Kölner Altstadt, die Kulturszene, die netten und offenen Leute – all das fehlt mir hier mehr, als ich dachte.«

»Wenn dir die Kripo zu langweilig ist, dann wechsel doch in unsere Abteilung. Wenn du draußen auf Streife unterwegs bist, lernst du mehr über die Gegend hier kennen, als du jemals über Köln wusstest. Warst du überhaupt schon mal richtig außerhalb der Stadt?« Eine kleine Strähne hing über seinem Auge, und er schob sie mit dem Zeigefinger nach hinten.

Natascha schüttelte den Kopf. »Ich bin bisher noch nicht dazu gekommen. Außer der Oberstadt mit den kleinen schieferbedeckten Häusern habe ich noch nichts Besonderes hier entdeckt.«

»Na, dann wird es aber wirklich Zeit. Du solltest mal an einem freien Tag ein paar der Wanderwege ausprobieren und hinterher ein ordentliches Pils in der Oberstadt trinken. Wir haben hier ganz gemütliche Kneipen!«

Natascha lachte. »Mit einem netten Fremdenführer macht das bestimmt Spaß. Dann wäre ich auch bereit, mich die Berge hochzuquälen.«

»Abgemacht!« Simon grinste über das ganze Gesicht. »Sag mir einfach Bescheid, wann du Zeit hast.«

Natascha zwinkerte ihm zu und ging dann an ihm vorbei zur Treppe. Dabei berührten sich kurz ihre Hände. Es prickelte wie beim Kontakt mit schwacher Elektrizität.

Kapitel 4

Hannes Winterberg saß auf seinem Sessel im Wohnzimmer, ihm gegenüber auf dem Sofa sein ältester Sohn Niklas, etwas weiter entfernt, auf dem Zweisitzer, seine Frau. Ute hatte ihn kurz vor der Mittagspause im Büro angerufen und gebeten, schnell nach Hause zu kommen: Sie habe ein Schreiben von Niklas’ Schulleitung im Briefkasten gefunden.

Winterberg konnte nicht gerade behaupten, dass ihn so etwas überraschte. Vor einigen Wochen hatte sich Niklas vom pickligen und unsicheren Jüngling in einen eigensinnigen Teenager verwandelt, der sich keinem Erwachsenen mehr anvertraute und sich immer aggressiver verhielt. Dass er damit nicht nur Konflikte mit seinen Eltern hervorrief, sondern auch in der Schule, war abzusehen gewesen. Doch immer wenn Winterberg mit Ute über dieses Problem redete, nahm sie Niklas in Schutz und deutete seine neue Verhaltensweise als einen durchweg positiven Abnabelungsprozess. Winterberg sah das zwar anders, unternahm aber letztendlich doch nichts, weil er das unbestimmte Gefühl nicht loswurde, dass er wegen seiner beruflichen Erfahrungen als Kriminalhauptkommissar vielleicht überreagierte.

Und nun war das Kind in den Brunnen gefallen.

Niklas, der sich auf die Couch gelümmelt und die Arme vor der Brust verschränkt hatte, verteidigte sich wütend.

»Ich hab nichts gemacht!«, stieß er nun hervor, wobei sein Zungenpiercing zu sehen war.

Winterberg versuchte, den Zungenschmuck seines Sohnes zu ignorieren. Er spürte ein seltsames Kribbeln auf der Kopfhaut, als stünden seine graublonden Locken wie elektrisierte Stahlwolle vom Kopf ab. Unwillkürlich krallte sich die eine Hand in die Armlehne des Cordsessels, die andere zerdrückte das Schreiben der Schuldirektorin. Nur mühsam gelang es ihm, nicht die Beherrschung zu verlieren. »Das höre ich tagtäglich. Niemand hat jemals irgendetwas gemacht, und wir Polizisten gehen grundsätzlich immer von den falschen Annahmen aus.«

Winterberg imitierte ein gelangweiltes Gähnen und hielt sich die Hand vor den Mund.

Niklas pustete eine schwarz gefärbte Haarsträhne aus der Stirn und sah seinen Vater trotzig an. »Und weil die Typen bei euch immer lügen, unterstellst du das auch deinem Sohn. Na super.«

Winterberg hatte plötzlich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Vor seinem inneren Auge entstand ein entsetzliches Bild. Er sah Niklas im Schmutz einer Bahnhofstoilette liegen – den Körper verdreht, die Nadel steckte noch im Arm, der zusammengezurrte Ledergürtel darüber drückte die Venen ab. Neben ihm sein Kumpel Marco. Mit zusammengebissenen Zähnen verbannte er das Trugbild aus dem Kopf und sah seinem Sohn in die Augen.

»Nein, ich unterstelle dir nicht, dass du lügst. Ich möchte nur wissen, was du mit der ganzen Sache zu tun hast.« Das Schreiben in seiner linken Hand zitterte; mit der rechten, die er zur Faust geballt hatte, hämmerte er so lange auf die Sessellehne, bis es schmerzte. »Verdammt noch mal! Ich bin Polizist, und mein Sohn wird von der Schule zum Drogentest verdonnert! Ich fasse es nicht! Wie kommt deine Lehrerin auf so einen Verdacht – kannst du mir das verraten?«

Niklas starrte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Woher soll ich das wissen? Die hat mich eben auf dem Kieker!«

»Ich will dafür eine Erklärung!«, brüllte Winterberg. »Und keine Ausflüchte! Du weißt genau, dass ich die Wahrheit herausfinden werde!« Sein Hals kratzte von der Anstrengung.

»Mach doch! Ich hab dir schon gesagt, dass ich nichts mit Drogen zu tun hab. Ich bin doch nicht blöd!«

Winterberg sah, wie Niklas ängstlich zu seiner Mutter blickte. Ute saß bleich und stocksteif auf dem Zweisitzer. Sie schaute von einem zum anderen; die Augen waren dunkel, die Lippen ein schmaler rubinroter Strich. Mit der rechten Hand spielte sie an ihrer perlmuttfarbenen Perlenkette, die linke lag wie festgefroren auf ihrer Hose. Weiß auf Braun. Winterberg beobachtete sie aus den Augenwinkeln – bereit, ihr ins Wort zu fallen, sollte sie ein weiteres Mal ihren Sohn in Schutz nehmen.

»Niklas!« Ihre Hand begann über das Hosenbein zu reiben. »Drogen sind eine ernste Angelegenheit, und dein Vater und ich möchten dir helfen. Wenn du also etwas damit zu tun hast … Bitte sag uns die Wahrheit.«

Niklas sah sie empört an und pustete eine Strähne aus seinem Gesicht. »Ihr braucht mir nicht zu helfen, weil ich kein Problem habe. Höchstens mit euren blöden Vorwürfen.«

Er stand vom Sofa auf, zog seine schwarze Stretchhose glatt und ging zur Tür. Bevor er sie öffnete, drehte er sich noch einmal zu seinen Eltern um. Wie zufällig befeuchtete er die Lippen, die kleine metallene Kugel auf seiner Zunge blitzte zwischen den Zähnen hervor.

Winterberg sprang vom Sessel auf. Nur mit Mühe behielt er seine Beherrschung. »Du bleibst jetzt hier und hörst dir an, was wir zu sagen haben!« Seine Stimme klang heiser.

»Ich werde bald achtzehn, dann habt ihr mir nichts mehr zu sagen.« Aufreizend langsam verließ der Junge den Raum und ließ die Tür ins Schloss fallen.

Winterberg wollte ihm hinterhereilen, aber Ute sprang auf und hielt ihn am Arm fest. »Lass ihn, Hannes. Er wird sich schon wieder beruhigen.«

Er schob ihre Hand beiseite und kniff die Lippen zusammen. Konnte sie ihn nicht ausnahmsweise einmal unterstützen? Musste sie sich immer auf die Seite der Kinder stellen?

»Wenn er wirklich nichts genommen hat, dann wird der Test seine Unschuld beweisen«, fuhr sie fort. »Und falls sich herausstellen sollte, dass er doch was genommen hat, können wir danach immer noch über Schuldzuweisungen sprechen. Ach komm, Hannes, sei doch nicht so verbohrt.«

»Verbohrt? Hast du einmal darüber nachgedacht, was das für mich als Polizist bedeutet? Wie alle Kollegen hinter meinem Rücken tuscheln werden? ›Hast du schon gehört? Winterbergs Sohn musste zum Drogentest.‹ Wenn alles bei uns so perfekt funktionieren würde wie der Flurfunk, dann gäbe es in Siegen keine unaufgeklärten Verbrechen mehr, das sag ich dir!«

Winterberg war außer sich. Wenn er jetzt nicht sofort an die frische Luft käme, würde er platzen. Um ihm so in den Rücken zu fallen, hatte Ute ihn im Büro angerufen – dafür war er in der Mittagspause nach Hause geeilt! Und das klärende Gespräch mit Niklas, das sie am Telefon angedeutet hatte, war zu einer bloßen Farce verkommen. Sein Sohn sollte zum Drogentest! Es war nicht zu fassen!

Ohne sich von seiner Frau zu verabschieden, verließ er das Wohnzimmer. Er fischte den Autoschlüssel aus der Schale im Flur, nahm im Vorübergehen die alte Cordjacke vom Haken und hastete zur Garage.

Als der Kies unter seinen Sohlen knirschte, flogen zwei Amseln erschrocken in die Höhe. Winterberg schaute ihnen hinterher. Eine große, lang gezogene Wolke verdeckte die Sonne.

Kapitel 5

Wie üblich war Winterberg auf den Mitarbeiterparkplatz gefahren. Doch anstatt aus dem Wagen auszusteigen, war er sitzen geblieben und starrte nun auf das weiße Polizeigebäude mit den blauen Markisenkästen. Immer wieder musste er an den Streit zu Hause denken. Eigentlich wäre die Arbeit eine willkommene Ablenkung, aber irgendetwas hinderte ihn daran, sofort nach oben zu gehen. Zuerst musste er seine Gedanken sortieren.

Musik würde sicher helfen. Auf der Mittelkonsole lag eine Best of von Jethro Tull. Er legte die CD ein und verstellte die Rückenlehne nach hinten, sodass er es sich in einer halb liegenden Position bequem machen konnte. Dann drehte er die Lautstärke hoch. Fast musste er befürchten, dass etliche der Kollegen auf den Parkplatz strömen würden, um die Ruhestörung zu beenden. Die Boxen waren den hohen Tönen von Ian Andersons Querflöte zwar nicht gewachsen und schepperten. Doch das war ihm egal: Er musste jetzt nachdenken.

Was wäre, wenn Niklas tatsächlich Drogen nahm – oder sogar verkaufte? Wie sollten sie als Eltern darauf reagieren? Wenn Jugendliche mit glasigem Blick vor seinem Schreibtisch saßen und ihre Unschuld beteuerten, empfand er nur wenig Mitleid und Verständnis. Manche behaupteten, sie seien ungewollt auf die schiefe Bahn geraten? Deren Bahn war schon schief gewesen, bevor sie überhaupt laufen konnten. Und nun sah es auf einmal so aus, als ob sein Niklas aus der Bahn geschleudert würde …

Die Boxen schepperten weiter, und es klang, als führe er mit seinem Wagen durch eine Waschanlage aus Drahtbürsten. Jetzt hatte er genug: Mit der flachen Hand schlug er gegen den Lautstärkeregler; die Querflöte jaulte noch einmal auf und verstummte dann. Erst jetzt hörte er, dass jemand an die Scheibe klopfte. Winterberg richtete sich auf und sah Jörg Lorenz neben dem Auto stehen.

Er öffnete die Tür. »Lorenz! Was ist los?«

»Es gibt Arbeit. Was machst du eigentlich hier unten?«

»Musik hören. Das hast du doch sicherlich gerade mitbekommen. Was gibt’s? Verfolgungsjagden auf der A45, oder dürfen wir endlich die Autoschieber aus Bulgarien festnehmen?«

Falls Lorenz den Sarkasmus von Winterberg bemerkte, ging er nicht darauf ein. »Wir haben eine Vermisstenmeldung. Ein Schüler.«

Für einen kurzen Moment setzte Winterbergs Herz aus, nur um danach im rasenden Tempo weiterzuschlagen. Sofort fielen ihm seine beiden Söhne ein, und seine Gedanken überschlugen sich. Niklas und Fabian. Waren sie zu Hause? Wohin war Niklas nach dem Streit gegangen? Hatte etwa Ute soeben angerufen?

Doch nach außen hin versuchte er gelassen zu bleiben. »Wie alt?«

»Achtzehn. Ist bei dir alles in Ordnung?« Lorenz kniff die Augen zusammen und sah ihn schräg von der Seite an. »Du sitzt doch sonst nicht hier unten herum und starrst die Wagen deiner Kollegen an.«

Winterberg stieg aus dem Auto und knallte die Tür hinter sich zu. »Schon gut. Lass uns nach oben in mein Büro gehen.«

Sein Ton war schärfer als beabsichtigt. Lorenz musste bemerkt haben, dass er einen wunden Punkt erwischt hatte. Er hatte ein unheimliches Gespür dafür, was in anderen Menschen vorging.

Winterbergs Büro war so klein, dass kein zweiter Schreibtisch hineinpasste, was manchmal recht angenehm war. Vor allem an Tagen wie diesem, an denen er gerne auf Gesellschaft verzichtet hätte. Dann erschien ihm die ehemalige Putzkammer am Ende des Flurs, die man ihm als Büro zugewiesen hatte, wie ein Refugium. Der Raum maß kaum sieben Quadratmeter, war schlauchförmig und eigentlich viel zu dunkel. Das einzige Fenster zeigte auf die vierspurige Hauptstraße, die am Polizeigebäude entlangführte. Die verkehrsgünstige Lage war gut für rasche Einsätze, aber an warmen Tagen ausgesprochen schlecht für die Arbeit in Büroräumen ohne Klimaanlage. Im Sommer standen nur die Optionen »Ersticken« oder »Ertauben« zur Auswahl, und auf beides hatte Winterberg keine Lust. Also ließ er meist die Zimmertür offen, was auch den Vorteil hatte, dass der mausgrau getünchte Raum heller und größer wirkte.

Winterberg quetschte sich hinter seinen Schreibtisch. Da das Möbelstück der Länge nach mitten im kleinen Raum stand, gab es weder davor noch dahinter viel Platz. Deshalb setzten Lorenz und Natascha sich auch nicht, sondern blieben an der gegenüberliegenden Wand stehen.

Lorenz warf eine Mappe auf Winterbergs Computertastatur und informierte seine Kollegen über den neuesten Fall.

»René Staudt, achtzehn Jahre alt. Er ist am Freitag nach der Schule nicht nach Hause gekommen. Die Eltern waren arbeiten oder anderweitig beschäftigt und haben sich zuerst nichts dabei gedacht, dass sie ihn den ganzen Tag nicht gesehen hatten. Samstags schläft der Junge meistens lange und geht dann zum Fußball. Deshalb haben sich die Eltern erst am Samstagabend, als er nicht zum Essen erschienen war, ernsthafte Sorgen gemacht. Der Vater hat dann ein paar Telefonate geführt. Vom Trainer hat er erfahren, dass René gar nicht beim Fußball war, und das nicht zum ersten Mal. Auch seine Kumpels haben ihn am Wochenende nicht gesehen. Und so haben sich die Eltern am Sonntagvormittag an uns gewandt und den Sohn als vermisst gemeldet.«

Natascha runzelte die Stirn. »Die lassen sich aber verdammt viel Zeit. Ob er wohl abgehauen ist? Vielleicht ist das ja früher schon mal passiert? Das wäre immerhin eine nachvollziehbare Erklärung dafür, weshalb die Eltern erst so spät reagieren.«

»Das weiß ich noch nicht. Allerdings hat der Vater vor einer halben Stunde noch einmal angerufen und mitgeteilt, er hätte kurz zuvor endlich Nina Achenbach erreicht, die Exfreundin seines Sohnes. Sie hat ihm erzählt, dass René ihr einen Brief geschrieben hat. Möglicherweise einen Abschiedsbrief.«

Winterberg spürte, wie sich etwas in seinem Inneren zusammenzog. »Möglicherweise? Was heißt das?«

Lorenz seufzte. »Sie weiß es nicht. Weil sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, hat sie den Brief vernichtet. Ungelesen.«

»Und warum meint der Vater, dass es ein Abschiedsbrief war? Glaubt er etwa, der Liebeskummer seines Jungen sei so groß, dass er etwas Dummes gemacht hat? Es könnte doch sonst was dringestanden haben, oder?«

Winterberg merkte selbst, dass seine Worte abwehrend klangen; er tat ja so, als wäre die Vermutung des Vaters abwegig, ein Teenager könnte aus enttäuschter Liebe davonlaufen oder sich gar umbringen. Dabei würde er doch das Gleiche denken, wenn es um seinen eigenen Sohn ginge. Niklas schrieb jedenfalls keine Briefe, wenn er nicht unbedingt musste.

Lorenz nahm eine Büroklammer vom Schreibtisch und drehte sie zwischen den Fingern. »Theoretisch ja. Aber genauso gut könnte der Vater recht haben, und der Junge hat sich was angetan. Wir werden den Inhalt des Briefes jedenfalls nicht herausfinden, es sei denn, es gibt irgendwo eine Kopie von ihm.« Er sah zu Winterberg. »Die Ex hat den Brief nämlich nicht einfach ins Altpapier geworfen. Sie war gründlich. Zuerst hat sie den Brief zerrissen, dann die Schnipsel verbrannt. Und die Asche hat sie im Ausguss weggespült. Da sind sogar unsere Spezialisten aufgeschmissen.«

Winterberg schlug mit der Hand auf den Schreibtisch. »Sie hat den Brief verbrannt? Das gibt’s doch gar nicht!« Der Schlag hatte wehgetan, und er rieb sich mit der Linken den Daumenballen. »Dann gehen wir also vom schlimmsten Fall aus. Trotzdem haben wir immer noch eine Chance, dass alles gut ausgeht. Der Junge wäre nicht der Erste, der Hals über Kopf abhaut und es sich dann doch anders überlegt. Denkt nur mal an die Sache mit der jungen Griechin vor ein paar Wochen. Erst verschickt sie E-Mails mit Selbstmorddrohungen an ihre Freundinnen, und dann wird sie zwei Tage später putzmunter und mit neuen Klamotten in Hannover aufgegriffen.«

»Ja, das wäre eine einfache Lösung«, meinte Natascha. »Aber an eine Shoppingtour glaube ich in diesem Fall nicht.«

Lorenz spielte nervös mit der Büroklammer und überlegte angestrengt. »Vielleicht gab es ja auch Ärger in der Schule? René besucht das Städtische Gymnasium. Zwölfte Jahrgangsstufe.«

Winterberg sank merklich in sich zusammen. In seinem Hinterkopf begann ein leises Dröhnen. Verdammt! Dieselbe Schule wie Niklas und Fabian. Was war da los? Was passierte mit den Jugendlichen dort? Sein pubertierender Sohn brachte das Familienboot ins Wanken, und er musste einen – möglicherweise – lebensmüden Schulkameraden suchen, anstatt zu Hause das Steuer in die Hand zu nehmen und alle wieder auf Kurs zu bringen.

Er zog den Tischkalender näher zu sich heran. »Der Junge ist seit Freitag verschwunden, heute ist Montag. In der Zwischenzeit kann verdammt viel passiert sein. Was genau, darüber möchte ich lieber nicht nachdenken.«

»Nachdem die Eltern ihn am Sonntag vermisst gemeldet hatten, ging die Info an die Kollegen von der Streife. Wenn einer von ihnen René entdeckt, erfahren wir das sofort. Allerdings haben wir bisher keine Hinweise von ihnen bekommen.« Lorenz hielt einen kurzen Moment inne. »Bevor der Brief aufgetaucht ist, hat die Sache noch anders ausgesehen. Da schien die Wahrscheinlichkeit hoch zu sein, dass der junge Mann von alleine wiederkommt. Schließlich ist jede Party irgendwann zu Ende. Aber jetzt müssen wir was tun.« Erwartungsvoll sah er seinen Kollegen an.

»Richtig.« Winterberg nickte zustimmend. »Zuerst sollten wir mehr über den Jungen in Erfahrung bringen. Ich fahre mit Natascha zu seinen Eltern und sammle alle relevanten Informationen. Ein Foto von ihm, seine Handynummer und die Blutgruppe, Adressen und Telefonnummern von Freunden, Klassenkameraden, Verwandten. Alles, was uns weiterhelfen könnte. Wenn ich das habe, wenden wir uns umgehend an die Öffentlichkeit. In der Regel gibt es immer irgendjemanden, der etwas gesehen hat.«

»Du willst also das volle Programm auffahren?«, fragte Natascha vorsichtig. »Noch liegt ja kein Verbrechen vor. Wir wissen doch nur, dass ein junger Erwachsener verschwunden ist.«

Winterberg nickte. »Aber René geht noch zur Schule. Und er ist verschwunden. Das ist mir Motivation genug, um alle Hebel in Bewegung zu setzen. Auch über Zuständigkeiten hinweg!«

Natascha nickte. »Du hast recht. Ich habe auch kein gutes Gefühl bei der Sache.«

»Geht mir auch so.« Lorenz machte einen Schritt auf die Tür zu. »Deshalb telefoniere ich mit Ärzten, Krankenhäusern, Jugendeinrichtungen und der Schule. Vielleicht haben wir ja Glück, und wir finden ihn schnell.« Er steckte die Büroklammer in die Hosentasche.

»Okay, Lorenz. Finden wir den Jungen, und bringen wir ihn nach Hause.« Eine erlösende Energie machte sich in Winterberg breit: Endlich fand er die nötige Motivation, sich ganz dem Fall zu widmen, und verscheuchte die Gedanken an ein mögliches schlechtes Ende.

»Soll ich mich vorher noch an den Computer setzen?«, fragte Natascha. »Ich kann nachschauen, ob ich in unseren Datenbanken oder im Internet etwas über den Jungen finde.«

Winterberg sah, wie ihre Augen glänzten. Das taten sie immer, wenn Natascha voller Tatendrang mit der Aufklärung eines neuen Falls begann. Winterberg hatte diesen Augenausdruck schon oft wahrgenommen und ließ sich jedes Mal vom Eifer seiner jungen Kollegin anstecken.

»In Ordnung«, antwortete er. »In einer Dreiviertelstunde fahren wir auf den Giersberg zu den Staudts. Bis dahin kannst du am Computer recherchieren.«

»Alles klar. Bin schon verschwunden!« Sie eilte hinaus.

Winterberg hörte, wie das Quietschen ihrer Schuhe auf dem Linoleumboden im Flur leiser wurde.

»Ich mache die Aktenführung, oder?« Lorenz sah ihn fragend an.

»Danke. Du bist in diesen Dingen einfach besser als ich. Wenn ich sehe, in welcher Zeit du die Unterlagen sortierst und mit welcher Selbstverständlichkeit du auf die ganzen Informationen zugreifen kannst, ziehe ich jedes Mal in Gedanken den Hut vor dir. Das gelingt mir weder auf dem Papier noch am Computer. Irgendwie fehlt mir dafür die nötige Struktur.«

Lorenz grinste. »Dafür kommen wir oft genug durch deine Querdenkerei weiter. Das ergänzt sich gut so …«

»Sei nicht so nett zu mir – vielleicht wirst du meine Querdenkerei irgendwann noch einmal bereuen. Und jetzt lass uns loslegen, wir dürfen keine Zeit verlieren!«

Lorenz nahm die Mappe vom Schreibtisch, hob kurz die Hand zum Gruß und eilte zu seinem Büro.

Winterberg lehnte sich kurz zurück. Er starrte auf die graue Wand und versuchte sich zu sammeln. Was für ein seltsamer Zufall, dass der Vermisste dieselbe Schule besuchte wie seine Söhne. Sie mussten ihn doch kennen – wenigstens Niklas, der im gleichen Alter war. Er nahm sich vor, demnächst mit seinem Ältesten über René zu sprechen.

Kapitel 6

Natascha warf einen prüfenden Blick auf die Umgebung, als sie ihr Ziel auf dem Weidenauer Giersberg erreichten. Das weiß getünchte Haus der Staudts fügte sich perfekt ins Straßenbild ein, das von gepflegten Einfamilienhäusern geprägt wurde, die vom Wohlstand der Mittelschicht zeugten. Im Vorgarten standen Rhododendronbüsche und ein roter Fächerahorn, und vor den Fenstern hingen schmale Scheibengardinen. Die Einfahrt führte zu riesigen Garagentoren; daher verwunderte es nicht, dass vor dem Haus kein Auto parkte. Alles Extravagante – sofern so etwas überhaupt hier vorhanden war – hatte man sorgfältig verborgen. Nur die überdimensionale Hausnummer aus dunkelblauem Kunststoff schien einen letzten Rest von Individualität zum Ausdruck bringen zu wollen.

Winterberg hielt am Straßenrand und stellte den Motor aus. Er blieb jedoch noch sitzen, als ob er über etwas nachdenken müsste.

Die Fahrt war in unangenehmem Schweigen vergangen, das Natascha nicht hatte durchbrechen wollen. Lorenz hatte ihr erzählt, dass Winterberg heute mehrmals gedankenversunken und abwesend gewesen war. Wahrscheinlich irgendein Ärger zu Hause, hatte er vermutet und sie dabei verschwörerisch angesehen. Natascha hatte sich vorgenommen, Winterberg nicht darauf anzusprechen. Wenn er irgendwann reden wollte, würde er das von alleine tun. Wenn nicht, dann würde er ihr ohnehin nichts erzählen.

Winterberg legte den Sicherheitsgurt ab und sah sie kurz an. »Was hast du über René herausgefunden?«

»Nichts.« Sie war froh, endlich wieder zur Tagesordnung übergehen zu können. »In unseren Datenbanken gibt es keine ungewöhnlichen Einträge. Das heißt natürlich nicht, dass er ein unschuldiges Bürschchen ist, aber falls er etwas anstellt, dann lässt er sich zumindest nicht erwischen. Auch die gängigen Suchmaschinen im Internet spucken keine Treffer zu seinem Namen aus.« Sie schaute zum Haus der Staudts. Hinter den Fensterscheiben war niemand zu sehen. »Ich finde das schon ein bisschen seltsam. Über fast jeden Menschen lässt sich mit geschickter Suche im Internet etwas herausfinden. Außerdem benutzen die meisten Jugendlichen soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter, und nicht wenige von ihnen gehen sehr nachlässig mit ihren Daten oder denen ihrer Freunde um.«

Natascha sah, dass Winterberg durch die Windschutzscheibe starrte, als könne er seinen Hals nicht mehr bewegen. Fast schien es, als würde er ihr überhaupt nicht zuhören. Hatte sein Schweigen vielleicht etwas damit zu tun, dass sein ältester Sohn in Renés Alter war? Möglicherweise machte ihm der Fall deswegen mehr als üblich zu schaffen.

»Eventuell ist er unter einem anderen Namen in Internetforen oder auf anderen, weniger bekannten Plattformen unterwegs«, fuhr Natascha fort. »Allerdings habe ich noch keinen Anhaltspunkt, wie dieser Name lauten könnte.«

Winterberg zog den Zündschlüssel ab und stieg aus, blieb aber neben dem Wagen stehen. Natascha verließ ebenfalls den Wagen.

»Lorenz hat mir vor unserer Abfahrt noch eine kurze Zusammenfassung seiner Telefonate gegeben«, sagte Winterberg und sah sie endlich an. »Viel mehr als du hat er auch nicht erfahren. In den Krankenhäusern im Kreisgebiet ist René bisher nicht aufgetaucht. Auch das Jugendamt und der Sozialpsychiatrische Dienst wissen von keinem jungen Mann, auf den Renés Beschreibung passt. Ich weiß noch nicht, ob ich das als gutes Zeichen ansehen soll oder als schlechtes.« Er sah sie über das Autodach hinweg an. »Lass uns erst mal hören, was seine Eltern zu sagen haben.«

Auf ihr Klingeln hin erschien eine blasse Frau mittleren Alters mit dichtem rotem Lockenhaar an der Tür. Karin Staudt wirkte zerbrechlich und beinahe durchscheinend. Ihr Händedruck war ungewöhnlich schlaff, als sie die Polizisten begrüßte.

»Kommen Sie doch rein«, sagte sie nach der gegenseitigen Vorstellung. »Wir warten schon auf Sie.«

Sie ging voran ins Wohnzimmer, das genauso nichtssagend aussah wie die äußere Fassade. Es diente offenbar mehr der Repräsentation und war kein Ort, wo man gemütlich lebte: Alles war ein klein wenig zu perfekt aufgestellt und zu sauber, um sich hier wohlzufühlen. Blautöne dominierten das Zimmer und waren sogar auf Kerzen, Vasen und einer kleinen Decke auf dem Sofatisch zu finden. Einzig das ozeanblaue Kissen wirkte unpassend vor dem Hintergrund des dunkelbraunen Ledersofas, auf dessen Sitzfläche es lag. Es sah aus wie ein Stück arrangierte Unordnung. An einer Wand hingen Ölbilder mit Blumenmotiven.

In einem der beiden Sessel saß ein Mann, der äußerlich das genaue Gegenteil von Karin Staudt war. Er musste gut einen Meter neunzig groß sein, wie Natascha feststellte, als er sich erhob, und hatte einen weit vorstehenden Bauch. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die beiden sich allzu stürmisch umarmten; wahrscheinlich würde er dann seine Frau erdrücken.

»Das ist mein Mann. Michael, das sind Frau Krüger und Herr Winterberg – die Kommissare, die nach René suchen.«

»Gibt es Neuigkeiten von René?«, fragte Staudt, kaum dass sie sich die Hand gegeben hatten. »Aber bitte setzen Sie sich doch zuerst.«

Er ließ sich wieder in seinen Sessel nieder, beugte sich vor und legte die Ellenbogen auf die Oberschenkel. Dabei wurde das Hemd auf Nabelhöhe weit auseinandergezogen. Noch ein paar ruckartige Bewegungen, und der erste Knopf würde abplatzen, befürchtete Natascha. Sie nahm mit Winterberg auf dem Zweisitzer Platz, sodass sie Renés Eltern gegenübersaßen.

»Leider haben wir noch keine Neuigkeiten von René«, teilte Winterberg mit.

Auf diese Äußerung reagierte das Ehepaar mit Schweigen. Karin Staudt schloss die Augen, ihr Mann kratzte sich am Hals.

»Wir möchten von Ihnen jetzt noch einmal alles genau wissen«, sagte Winterberg. »Wann haben Sie Renés Verschwinden bemerkt? Gab es vorher etwas Auffälliges – irgendetwas, das anders war als sonst? Erzählen Sie uns alles, was Ihnen einfällt, auch wenn es Ihnen unwichtig vorkommt.« Winterberg breitete einladend die Arme aus: eine Geste, mit der er die Staudts zu einem offenen Gespräch auffordern wollte.

Die beiden sahen einander an. Offenbar verständigten sie sich schweigend, dass Michael Staudt reden sollte, denn er räusperte sich und öffnete leicht den Mund. Doch dann sah er abwechselnd auf seine Hände und zu seiner Frau. Es fiel ihm offensichtlich schwer, einen Anfang zu finden.

Natascha versuchte ihm zu helfen. »Ist Ihnen am Freitagmorgen, vor der Schule, irgendetwas an René aufgefallen? War er anders als sonst? War er vielleicht angespannt oder ungewohnt bedrückt? Oder, im Gegenteil, besonders fröhlich? Hat er sich auf das Wochenende gefreut?«

Die beiden sahen einander wieder an, bis Staudt endlich zu sprechen begann. »Er war eigentlich genau wie immer. Ich habe jedenfalls nichts Besonderes bemerkt.« Er wandte sich seiner Frau zu. »Du etwa, Karin?«

Sie schüttelte hastig den Kopf und schaute zu Boden. »Nichts. Alles war genau wie immer. Es war ein ganz normaler Freitag.«

»Tja, ich bin dann ins Büro gefahren«, fuhr er fort. »Meine Frau hat hier zu Hause ihre Arbeit gemacht und ist später einkaufen gewesen. Danach hat sie sich hingelegt und bis abends geschlafen.« Er warf seiner Frau einen bedeutungsvollen Blick zu. »Karin hat nämlich oft Migräne. Und als ich dann von der Arbeit kam, war es schon so spät, dass ich nicht mehr in Renés Zimmer geschaut habe. Ich war der festen Überzeugung, er würde bereits schlafen, und wollte ihn nicht stören. Ich habe mich auch hingelegt und tief geschlafen. Am nächsten Morgen sind Karin und ich dann erst ziemlich spät aufgewacht.« Seine Frau nickte zustimmend.

Lähmende Stille erfasste die Eltern, breitete sich im Raum aus und wurde für Nataschas vernetzte Wahrnehmung fast greifbar. Sie erlebte diese Stille wie einen schmutzig gelben Film, der sich auf alles in diesem Raum legte. Er vermischte sich mit dem Braunton ungelüfteter Zimmer zu einer Melange der Verzweiflung. Selten waren für Natascha die Empfindungen anderer Menschen so präsent wie jetzt, und Mitgefühl kam in ihr auf. Doch sie durfte sich davon nicht beeinflussen lassen, sondern musste aufmerksam bleiben und Hinweise darauf finden, was mit René geschehen war.

Winterberg durchbrach schließlich die Stille. »Ihre erste Meldung ging bei uns am Sonntag gegen elf Uhr ein. Was ist nach dem Samstagmorgen passiert?«

»Samstags geht René um die Mittagszeit zum Fußball«, antwortete Staudt. »Natürlich bin ich davon ausgegangen, dass er das auch am vergangenen Samstag getan hat. Außerdem waren seine Schuhe und seine Sporttasche verschwunden; das haben wir gleich gesehen. Nicht wahr, Karin?« Er sah seine Frau an, die bekräftigend nickte, bevor er fortfuhr: »Als René dann abends nicht zum Essen kam, hab ich mir Sorgen gemacht. Also habe ich bei seinem Trainer angerufen. Und der hat mir erzählt, dass René gar nicht beim Fußball war, und das auch nicht zum ersten Mal. Auch seine Kumpels haben ihn nicht gesehen.«

»Was ist eigentlich mit seinem Handy?«, fragte Winterberg. »Hat er es mitgenommen? Haben Sie versucht, ihn darauf zu erreichen?«

»Wir haben es ständig versucht. Aber er ist nie drangegangen. Und inzwischen ist das Handy aus. Wenn wir jetzt anrufen, erhalten wir immer nur die Nachricht, dass der Empfänger nicht erreichbar ist. Nicht einmal die Mailbox meldet sich. Aber die ist wahrscheinlich ohnehin schon voll, so oft, wie wir da draufgesprochen haben.«

Staudt hielt die Hand vor sich, als läge ein imaginäres Telefon in ihr. Eine unbewusste Geste, die anzeigte, wie stark er sich an einzelne Szenen erinnerte.

Das sollten wir nutzen, dachte sich Natascha, und fragte: »Seit wann genau ist das Handy aus? Können Sie sich daran erinnern?«

Staudts Blick huschte kurz zu seiner Frau, dann sah er auf seine Hand, die er noch immer so hielt, als wäre in ihr ein Telefon. »Seit Samstagabend. So ungefähr.«

Er wich Nataschas Blick aus und schaute zur Seite, als wollte er etwas vor ihr verheimlichen. Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte Natascha. Sie musste herausfinden, was dahintersteckte.

»Ich finde es ein wenig seltsam, dass René freitags nicht von der Schule nach Hause kommt und Sie das erst am Samstagabend bemerken«, erklärte sie rundheraus und starrte Staudt an. »Spricht er nicht mit Ihnen, wenn er nach Hause kommt? Isst er nichts, geht er nicht ins Badezimmer, hört er keine Musik?«

Nun wich Staudt ihrem Blick nicht mehr aus, sondern sah ihr fest in die Augen. »Das mag komisch klingen, da gebe ich Ihnen recht«, erwiderte er und hob entschuldigend die Schultern. »Aber wissen Sie: In diesem Haus leben drei Erwachsene, von denen jeder seine eigenen Wege geht. Ich habe meine Arbeit, meine Frau hat ihre Verpflichtungen und René seine. Da passiert es immer wieder, dass man sich mal einen Tag lang nicht über den Weg läuft. Und weil wir wissen, dass das so ist, haben wir unser samstägliches ›Ritual‹ eingeführt. Meine Frau macht Fisch; wir richten den Tisch im Esszimmer her – mit Servietten, Kerzen und gutem Geschirr – und essen dann gemeinsam. Es hat sich bewährt: Wir führen schöne Gespräche, sind einander nah und holen das nach, was uns unter der Woche nicht gelingt – ein Familienleben.«

Er kratzte sich erneut am Hals, zartrosa Striemen blieben zurück.

Karin Staudt sah zu Winterberg. »René hätte das Fischessen niemals verpasst, ohne einen triftigen Grund zu haben. Das war für uns ein Alarmzeichen.«

Natascha war empört darüber, dass die Eltern sich offensichtlich nur samstagabends um ihren Sohn kümmerten. »Aber René ist noch ein Schüler!«, entfuhr es ihr unwillkürlich. »Er ist kein Erwachsener, der ohne jegliche Anleitung sein eigenes Leben führen kann!«

Karin Staudt sah sie bestürzt an, in ihren Augen schwammen Tränen. »Glauben Sie, das wüssten wir nicht? Wissen Sie, was es heißt, eine Familie zusammenzuhalten? Sie haben keine Kinder, oder?«

Natascha schüttelte den Kopf und atmete tief durch. Das hier durfte sie nicht persönlich nehmen. Ihre Vorwürfe hatten auch den Zweck gehabt, die beiden aus der Reserve zu locken. Wie vermutet hatte sich nur Karin Staudt dazu verleiten lassen, die starre Haltung aufzugeben und kurzzeitig Gefühle zu zeigen. Gut zu wissen, dachte Natascha.

Winterberg ergriff wieder das Wort. »Es ist nur zu menschlich, dass Sie sich Vorwürfe machen. Aber lösen Sie sich von Ihren Schuldgefühlen und überlegen Sie lieber, was Ihnen noch alles einfällt. Damit helfen Sie René und sich selbst am meisten.« Seine Stimme war sanft und mitfühlend, und die Taktik zeigte bei Michael Staudt Wirkung.

Er räusperte sich. »Also … René ist schon einmal weggelaufen, letztes Jahr im Herbst. Na ja, ›weggelaufen‹ ist vielleicht ein bisschen übertrieben ausgedrückt.« Staudt lachte freudlos. »Er hat sich ein Bahnticket gekauft und ist zu meinem Schwager nach Kassel gefahren. Zu Karins Bruder Holger.« Wieder warf er seiner Frau einen Seitenblick zu. »Doch René war kaum dort angekommen, da hat Anke, also die Frau meines Schwagers, bei uns angerufen und Bescheid gesagt, dass er bei ihnen ist. Wir waren natürlich sehr erleichtert und haben ihn am nächsten Tag nach Hause geholt. Na ja, und weil er eben schon einmal nach Kassel weggefahren ist, haben wir am Samstag natürlich auch bei meinem Schwager angerufen. Aber diesmal ist René nicht dort aufgetaucht. Und als wir sagten, wir wollten die Polizei anrufen, hat Holger uns beruhigt und gesagt, wir sollten erst mal den Samstagabend abwarten. Vielleicht wäre René nur auf einer Party oder würde sich mit einer Internetbekanntschaft oder einem Mädchen treffen.« Er sah kurz zu Boden, dann wieder zu Winterberg. »Außerdem meinte er, Sie würden René ohnehin nicht richtig suchen, weil er schon erwachsen ist und weiß, was er tut. Und solange es keinen Hinweis auf ein Verbrechen gibt, würden Sie uns nur vertrösten. Und so war es ja zunächst auch, nachdem wir den Jungen am Sonntag als vermisst gemeldet hatten.«

»Weshalb ist Ihr Sohn bei diesem ersten Mal weggelaufen?«, wollte Natascha wissen.

»Er hatte in der Schule schlechte Noten bekommen und ist deswegen in Panik geraten«, antwortete Staudt. »Aber dieses Problem haben wir in den Griff bekommen.«

»Ist René mit dem Auto weggefahren?«, fragte sie weiter.

Staudt schüttelte mit dem Kopf. »Er hat gar keinen Führerschein. Und ich glaube nicht, dass er schwarzfährt.«

»Gut, dann ist die Chance, dass ihn jemand gesehen hat, um einiges größer«, meinte Winterberg. »Ich denke da an Busfahrer, Zugschaffner oder Autofahrer, die ihn vielleicht mitgenommen haben. Sie brauchen übrigens nicht zu befürchten, dass wir den Fall auf die leichte Schulter nehmen, auch wenn René schon volljährig ist. Alle Streifenwagen wurden über sein Verschwinden informiert und bekamen eine Personenbeschreibung von ihm. Wenn er von einem der Kollegen gesehen worden wäre, hätte man uns das sofort gemeldet. Es fanden auch verstärkte Kontrollen an den üblichen Versammlungsorten statt, wie etwa Bahnhöfe, Bushäuschen, große Plätze, bestimmte Ecken und Parkbänke … Sie haben bislang noch gar nichts über den vermutlichen Abschiedsbrief Ihres Sohnes gesagt. Was hat es damit auf sich?«

Staudt drückte sich aus dem Sessel nach oben, griff sich nervös an den Hemdkragen und zerrte an ihm, um ihn zu lockern. »Nina hat mir von dem Brief erzählt, als ich am frühen Nachmittag mit ihr telefoniert habe. Ich konnte sie am Wochenende nicht erreichen, erst heute nach der Schule. Und da hat sie mir von dem Abschiedsbrief berichtet.« Er sah verzweifelt zu seiner Frau hinab, die in ihrem Sessel zusammengesunken war. »Sie müssen wissen, Nina ist seine Exfreundin.«

»Aber Sie wissen nicht, ob es wirklich ein Abschiedsbrief war«, hakte Natascha nach. »Könnte möglicherweise etwas anderes drin gestanden haben? Vielleicht ein Liebesgeständnis oder eine Einladung ins Kino?«

»Ich weiß es nicht. Nina hat mir nur erzählt, er hätte den Brief persönlich bei ihr eingeworfen, es wäre keine Marke auf dem Umschlag gewesen, nur ihr Vorname.« Staudt kniff die Lippen zusammen.

Seine Frau hielt sich die Hände vors Gesicht und lehnte sich im Sessel zurück. Dann ließ sie kraftlos ihre Arme nach unten sinken. »Ist das denn so wichtig? Wir sitzen hier und zerbrechen uns den Kopf darüber, was wohl in diesem Brief stand. Dabei sollten wir doch nach René suchen. Mir ist jedenfalls egal, was er seiner Exfreundin zu sagen hatte. Ich bin seine Mutter, und für mich zählt nur, dass er verschwunden ist. Ohne uns eine Nachricht zu hinterlassen, ohne einen Anruf. Nichts.«

Sie ballte die Hände zu Fäusten, die Verzweiflung grub tiefe Furchen in ihr Gesicht. Plötzlich wirkte sie um zehn Jahre älter. »Ich will meinen Jungen zurück!«

Ihre Stimme klang schrill. Der kurze Gefühlsausbruch wirkte völlig deplatziert in diesem perfekten Raum, fand Natascha.

Michael Staudt, der kurz zusammengezuckt war, rief verärgert: »Karin!« Und schon im nächsten Moment waren er und seine Frau wieder äußerlich gefasst.

»Glauben Sie, René könnte sich etwas angetan haben?«, fragte Natascha, die ihre Worte mit Bedacht gewählt hatte. »Gab es möglicherweise schon einen Suizidversuch in seiner Vergangenheit?« Sie achtete auf die Reaktion der Eltern: Beide schüttelten nur langsam die Köpfe und wirkten irgendwie ratlos.

»Nein«, antwortete schließlich Staudt. »Davon ist uns nichts bekannt. Es würde auch überhaupt nicht zu ihm passen. Er ist eigentlich ein besonnener Mensch. Ungewöhnlich reif für sein Alter, finde ich.« Er knetete seine Finger. Natascha fiel auf, dass er keinen Ehering trug. »Das sagen auch die Lehrer. Wir hatten eigentlich auch nie größeren Ärger mit ihm. Ja, natürlich, manchmal bringt er eine schlechte Note mit nach Hause, aber das gibt sich immer wieder. René ist sehr verantwortungsbewusst, müssen Sie wissen.«

»Aber wie passt das zur Tatsache, dass er schon einmal weggelaufen ist?«, entgegnete Winterberg. Als er darauf keine Antwort bekam, wechselte er das Thema. »Was hat er eigentlich eingepackt – haben Sie da schon nachgesehen? Möglicherweise ergeben sich daraus Hinweise, wo er hinwollte.«

»Ja, natürlich. Seine Sporttasche ist weg, deshalb dachten wir ja auch zuerst, er wäre beim Fußball. Nach dem Telefonat mit Holger haben wir genauer nachgesehen und festgestellt, dass auch ein Rucksack fehlt. Und ein paar Sachen zum Anziehen, Unterwäsche und T-Shirts, Socken.« Staudt seufzte und kratzte sich erneut am Hals.

Eine unangenehme Angewohnheit, fand Natascha.

»Hat er noch weitere Verwandte, die er möglicherweise besucht haben könnte?«, fragte Winterberg. »Großeltern oder Cousins? Oder gibt es Brieffreunde oder ehemalige Klassenkameraden, die woanders hingezogen sind? Wenn René eine Tasche mit Wechselwäsche gepackt hat, dann hat er doch sicher nicht geplant, sich etwas anzutun. Oder sehen Sie das anders?«

Staudt schüttelte resigniert den Kopf. »Ich habe wirklich nicht die geringste Ahnung, wo er hingehen wollte. Ich habe keine Geschwister, und auch meine Eltern sind schon vor ein paar Jahren verstorben. Und was die Familie meiner Frau betrifft, so ist mein Schwager in Kassel der Einzige, zu dem wir Kontakt haben. Meine Schwiegermutter liegt nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim. Und das Verhältnis zur Schwester meiner Frau ist, wenn ich das so sagen darf, nicht ganz unkompliziert. Sie wohnt nur drei Straßen weiter, aber René würde nicht einmal zu ihr gehen, wenn unser Haus abbrennen würde und wir alle obdachlos wären.«