Knut Hamsun - Autobiographische Elemente in seinen Werken - Stefan Häuser - E-Book

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Stefan Häuser

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Beschreibung

Diplomarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Skandinavistik, Note: 1,0, Universität Wien, Sprache: Deutsch, Abstract: Die folgende Arbeit wird sich mit den autobiographischen Elementen in Hamsuns Werken beschäftigen. Um den Leser auf die kommenden Seiten vorzubereiten, soll an dieser Stelle in erklärender Art und Weise dargelegt werden, nach welchen Kriterien die Primärliteratur, deren Umfang noch näher erläutert wird und die in diesem Fall den Hauptforschungsgegenstand bildet, untersucht wird. Dafür ist es erstmals erforderlich, den Begriff „autobiographische Elemente“ zu erklären. Philippe Lejeune meint, dass für eine Autobiographie zwei Bedingungen erfüllt werden müssen. Einerseits muss sowohl die Identität des Autors mit jener des Erzählers und andererseits die des Erzählers mit der der Hauptfigur übereinstimmen. Darüber hinaus müssen noch zusätzliche Punkte nahezu vollständig gegeben sein, um von einer Autobiographie sprechen und eine Grenzlinie zu benachbarten Gattungen, wie Memoiren, Tagebücher oder Essays, schaffen zu können: (a.) eine Prosaerzählung einer (b.) individuellen Geschichte muss in (c.) rückblickender Erzählperspektive erfolgen.1 Des Weiteren verlangt Lejeune, „daß zwischen dem Autor (wie er namentlich auf dem Umschlag steht), dem Erzähler und dem Protagonisten der Erzählung Namensidentität besteht.“2 Hat die Person der Geschichte jedoch einen fiktiven Namen oder gibt es zwischen ihr und dem Autor, der sich ja zu seiner Identität nicht eindeutig bekennt, nur Ähnlichkeiten, die in einem fiktiven Text stattfinden, spricht man von einem autobiographischen Roman, der im Gegensatz zur Autobiographie verschiedene Stufen annehmen kann.3 In Hamsuns umfangreicher Bibliographie befindet sich nur ein Werk, das somit die Bedingungen der Autobiographie erfüllt, nämlich sein letztes Werk På gjengrodde stier. Deswegen bietet es sich an, einen Blick auf jene Gattung zu werfen, die die Schnittstelle zwischen Roman und Autobiographie bildet, auf den bereits erwähnten autobiographischen Roman.

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Veröffentlichungsjahr: 2008

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Inhaltsverzeichnis
Einleitung S.
1. Knut Hamsun in seinen Werken
2. Reale Personen und Namen
3. Hamsun und das Nordland - die Welt seiner Kindheit
3.1. Früheste Kindheit
3.2. Die Zeit bei Onkel Hans Olsen
3.3. Hamsuns Leben nach Olsen
3.4. Bjørger im Kontext zu Hamsuns Biographie
3.5. Der Landstreicher und die Bedeutung von Onkel Ole
4. Der Bauer Knut Hamsun
4.1. Die Kindheit auf dem Bauernhof
4.2. Die Zeit als Farm- und Präriearbeiter in Amerika
4.3. Der Bauer in den Romanen
4.4. Hamsuns persönliche Bauerngeschichte
5.1. Erasmus Benedigt Kjerschow Zahl, Hamsuns erster Mäzen
5.2. Johan Sørensen und Vergleiche mit dem Sult-Ich
5.3. Die Figur des Mack und andere Mäzene in Hamsuns Romanen
5.4. Weitere Gönner in Hamsuns Leben
5.5. Hamsun als Mäzen
6. Amerika
6.1. Der erste Amerikaaufenthalt
6.2. Der zweite Amerikaaufenthalt
6.3. Fra det moderne Amerikas aandsliv
6.5. Amerika in den Werken
7.1. I Æventyrland - Hamsuns Werk über seine Orientreise
7.2. Pariser Skizzen
8. Hamsun und die Frauen
8.1. Jugendliebe Laura
8.2. Die Frauen in Amerika
8.3. Weitere Damenbekanntschaften und viele Vorbilder für Dagny Kielland
8.4. Bergljot Goepfert - Hamsuns erste Ehefrau
8.5. Marie Andersen - die zweite Ehefrau
8.6. Die Theorie des Künstlerproblems
9. Hamsuns Abrechnungen I - persönliche Angriffe
9.1. Lars Oftedal
9.2. Kritik an Nansen und am Sport
9.3. Die großen Vier - Hamsuns Angriffe auf Bjørnson, Ibsen, Kielland und Lie
9.4. Ola(f/v) Thommessen
9.5. Professor Langfeldt
10.1. England
10.2. Die Schweiz und die Kritik am Tourismus
10.3. Die Abrechnung mit den jungen Künstlern in Ny Jord
10.4. Das ungeliebte Theater
10.5. Pfarrer/Beamte im Nordland

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Jeg er fra Jorden og Skogen med alle mine Røtter. I byene bare lever jeg et kunstig Liv med kafeer og Aandrigheter og alskens Hjærnetull. Men jeg er fra Jorden. Og man skulde ikke gaa ut fra at jeg "bare dikter" naar jeg skriver om den.

(Knut Hamsun)

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Bibliographie................................................................................................................ S. 143

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Einleitung

Die folgende Arbeit wird sich mit den autobiographischen Elementen in Hamsuns Werken beschäftigen. Um den Leser auf die kommenden Seiten vorzubereiten, soll an dieser Stelle in erklärender Art und Weise dargelegt werden, nach welchen Kriterien die Primärliteratur, deren Umfang noch näher erläutert wird und die in diesem Fall den Hauptforschungsgegenstand bildet, untersucht wird.

Dafür ist es erstmals erforderlich, den Begriff „autobiographische Elemente“ zu erklären. Philippe Lejeune meint, dass für eine Autobiographie zwei Bedingungen erfüllt werden müssen. Einerseits muss sowohl die Identität des Autors mit jener des Erzählers und andererseits die des Erzählers mit der der Hauptfigur übereinstimmen. Darüber hinaus müssen noch zusätzliche Punkte nahezu vollständig gegeben sein, um von einer Autobiographie sprechen und eine Grenzlinie zu benachbarten Gattungen, wie Memoiren, Tagebücher oder Essays, schaffen zu können: (a.) eine Prosaerzählung einer (b.) individuellen Geschichte muss in (c.) rückblickender Erzählperspektive erfolgen.1Des Weiteren verlangt Lejeune, „daß zwischen dem Autor (wie er namentlich auf dem Umschlag steht), dem Erzähler und dem Protagonisten der Erzählung Namensidentität besteht.“2Hat die Person der Geschichte jedoch einen fiktiven Namen oder gibt es zwischen ihr und dem Autor, der sich ja zu seiner Identität nicht eindeutig bekennt, nur Ähnlichkeiten, die in einem fiktiven Text stattfinden, spricht man von einem autobiographischen Roman, der im Gegensatz zur Autobiographie verschiedene Stufen annehmen kann.3

In Hamsuns umfangreicher Bibliographie befindet sich nur ein Werk, das somit die Bedingungen der Autobiographie erfüllt, nämlich sein letztes WerkPå gjengrodde stier.Deswegen bietet es sich an, einen Blick auf jene Gattung zu werfen, die die Schnittstelle zwischen Roman und Autobiographie bildet, auf den bereits erwähnten autobiographischen Roman. Diese „ästhetisch-fiktionale Übertragung der Lebensgeschichte des Autors bzw. einzelner Erlebnisse daraus in einen Roman“4bringt uns, ob seiner weniger strengen Bedingungen - so müssen unter anderem weder Autor noch Hauptfigur identisch sein, noch besteht ein vollkommener Anspruch auf Wahrheit - der Bestimmung des Begriffs

1Vgl. Lejeune, Philippe: Der autobiographische Pakt. Frankfurt: Suhrkamp Verlag, 1994. S. 16f

2Ebd. S. 25

3Vgl. Ebd. S. 26f

4Metzler Lexikon Literatur. 3. Ausgabe. Stuttgart: Metzler’sche Verlagsbuchhandlung, 2007.

Autobiographischer Roman. S. 59

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autobiographische Elemente schon näher. In der Arbeit soll es aber nicht darum gehen, die Werke der Reihe nach auf ihre Eigenschaft als Autobiographie oder autobiographischer Roman zu prüfen, sondern es sollen jene Textpassagen und Teile herausgehoben werden, die einen Hinweis auf die Lebensgeschichte des Dichters bieten können. Dabei macht es erforderlich, auf zahlreich vorhandene Werke der Sekundärliteratur zurückgreifen zu können, bei der vor allem Lars Frode Larsens dreiteilige Biographie des jungen Hamsun und Robert Fergusons Hamsunbiographie wegen ihrer qualitativen und quantitativen Dichte Berücksichtigung finden werden. Großes Gewicht kommt auch dem von Harald S. Næss herausgegebenen und kommentierten Gesamtbriefwerk des norwegischen Schriftstellers zu. Die zu untersuchende Primärliteratur umfasst die gesamten Romane Hamsuns und vereinzelt sein lyrisches Schaffen. Seine sechs Dramen finden in der Arbeit hingegen keine Erwähnung. Dies hat weniger mit der Tatsache zu tun, dass Hamsuns Bühnenstücke, aber auch seine poetischen Werke, in Anbetracht seiner Kraft als Prosaschriftsteller nicht von so großer Bedeutung sind, sondern damit, dass dies mit dem Umfang der Arbeit kollidieren würde. Dagegen wird den in den gesammelten Werken nicht aufgenommenen und zum Teil unveröffentlichten und unvollständigen StückenDen gaadefulde, Bjørger, LurtonenundRebanPlatz eingeräumt.

Zur Vermeidung einer bloßen Auflistung der autobiographischen Elemente in den einzelnen Werken werden zusammenpassende Themen zu Kapiteln zusammengefasst und mit einem einleitenden Ausblick auf den Inhalt versehen. Um die Untersuchungen nachvollziehbar zu machen, wird keine vollständige Biographie vorausgeschickt, sondern es werden die biographischen Daten und Ausführungen immer themenbezogen ins Feld geführt, um so auch ein zusammenhängendes Lesen zu gewährleisten. Darüber hinaus sollen Vergleiche mit zitierten Stellen aus den Werken zusätzlich unterlegt werden.

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1. Knut Hamsun in seinen Werken

Wie nur wenige andere Schriftsteller nutzte Hamsun seine Werke in großem Ausmaß dazu, um seine Persönlichkeit, sei es durch zurückliegende Erfahrungen und Erlebnisse oder durch seine eigene Meinung zu gewissen Themen, direkt zum Ausdruck zu bringen und griff dabei auf verschiedene Methoden zurück. Vor allem am Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit fügte er sich selber als Held des Werkes ein bzw. konfrontierte diesen mit seiner eigenen Herkunft, zurückliegenden Ereignissen aus seinem Leben, denselben Eigenschaften, denselben Wünschen. Er projizierte also seine eigene Lebensgeschichte, zumindest Teile oder Nuancen daraus, auf seine literarischen Schöpfungen. Oft macht es Hamsun seinem biographiekundigen Leser dabei sehr einfach, indem er nicht einmal seinen Namen verhüllt oder keinen Zweifel daran lässt, wer hinter dem Protagonisten oder der Ich-Figur steckt. An anderen Stellen ist eine etwas genauere Analyse erforderlich, um den verkleideten Hamsun zu erkennen.

In seinen späteren Werken kam er von dieser Technik weitgehend ab und teilte etwaige persönliche Eigenschaften auf verschiedene Romangestalten auf. So konstatiert auch Ferguson: „Der Mann Hamsun, dessen überspitzte Wiedergabe seiner ungewöhnlichen Persönlichkeit in vielfältiger Weise die Stärke seiner frühen Werke ausmacht, ist (…) immer noch lebendig vorhanden, nicht als leicht identifizierbares Individuum, aber aufgeteilt auf hundert Gestalten.“5Dazu führte Hamsun Figuren mit Sprachrohrfunktion ein, die bei Gelegenheit die Stimme des Dichters erhoben und so seine eigene Meinung im Werk vertraten.

Wie soeben erwähnt brachte Hamsun sich selbst in seinen Frühwerken am stärksten ein.Den Gaadefulde(1877) handelt vom Sohn eines kürzlich verstorbenen und bankrott gegangenen Handelsmanns, der unter dem Decknamen Rolf Andersen untertaucht, um finanziellen Forderungen zu entgehen. Als alle Ungereimtheiten aus der Welt geschafft sind, lüftet er sein Geheimnis, das auch eine Kiste voller Goldmünzen beinhaltet, nimmt wieder seinen richtigen Namen Knud Sonnenfield an und bekommt schließlich das Mädchen, in das er sich als angeblich verarmter Mann verliebt hat.6Eine Parallele zu Hamsun ist neben dem Vornamen die „sosial ærgjerrighet og storhetsdrømmer“,7die der aufstrebende junge

5Ferguson, Robert: Knut Hamsun. Leben gegen den Strom. München: Paul List Verlag, 1990. S. 333

6Vgl. Larsen, Lars Frode: Den unge Hamsun. Oslo: Schibsted Forlag, 1998, 2. opplag, 2002. S. 116f

7Ebd. S. 117

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Schriftsteller auf jeden Fall hatte. Auch, dass der vermeintlich arme Jüngling sich in eine reiche Bauerntochter verliebt, passt, wie man später noch sehen soll, gut zu Hamsuns eigener Biographie und ist auch im nie veröffentlichten GedichtLurtonenzentrales Thema. Noch mehr gibt die nächste Erzählung,Bjørger(1879), das Leben des Dichters preis. Auch hier steht die Liebe zu einem Mädchen, das einer höheren Gesellschaftsschicht angehört, im Mittelpunkt. Daneben erfährt man aber auch indirekt mehr über Hamsuns Arbeit als Ladengehilfe, der auch der Romanheld, Bjørger, nachgeht, und bekommt einen Einblick über das Leben bei jenem Kaufmann Walsøe, von dem der Dichter als junger Mann im Jahre 1874 eingestellt wurde. Daneben besitzt Bjørger mit der Liebe zur Literatur und dem Talent zum Schreiben Eigenschaften, die der Dichter sich zweifelsohne selber attestierte. Am Schluss ist Bjørger anwesend, als seine große Liebe Laura im Bett ihrer Dachkammer stirbt. Auch Hamsun konnte auf ein ähnliches Erlebnis, das mit dem Tod eines jungen Menschen verknüpft war, zurückblicken. Während seiner Zeit auf Tranøy nutzte er die Gelegenheit, einen Jungen, der sich auf Durchreise befand, aber an Typhus erkrankt war und im Sterben lag, jeden Tag zu besuchen und dabei seinen wirren Reden zuzuhören.8Carl David Marcus glaubte in jener SzeneBjørgers, in der Thor, der Bruder des Helden, seine Nahrungsarmut schildert, schon den später inSultselbstverständlich ausführlicher ausgearbeiteten und deutlich identifizierbaren persönlichen Hintergrund der Hunger-Thematik zu erkennen.9Natürlich drängt sich hier die Frage auf, auf welche Hungererlebnisse sich der Biograph hier genau bezogen hat. Die schweren Zeiten in Kristiania bzw. in den Vereinigten Staaten von Amerika lagen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vonBjørgernoch vor Hamsun, und über andere Phasen des Hungers, z.B. während Hamsuns Zeit als Landstreicher, ist nichts bzw. nur sehr wenig bekannt und sie werden auch von Marcus - bis auf die beiläufige Bemerkung, dass Hamsuns schon als Kleinkind „hungrig“ war10- nicht näher erläutert. Noch deutlicher, wenn nicht sogar am deutlichsten - sieht man jetzt einmal vom als Autobiographie durchgehenden WerkPå gjengrodde stier(1949), dem größtenteils auf eigene Erfahrungen basierenden ReisebuchI Æventyrland(1903) oder einzelnen Novellen, in denen sich der Dichter in keiner Weise bemüht zeigt, sich selber zu verstecken, ab - spiegelt sich ein Abschnitt von Hamsuns Lebensgeschichte inSult(1890) wider. Die Geschichte der mit großen Ambitionen als Schriftsteller Fuß fassen wollenden, aber in diesem Vorhaben immer wieder mit Rückschlägen zu kämpfenden Ich-Figur, die in Kristiania großen Hunger

8Vgl. Berendsohn, Walter A.: Knut Hamsun. Das unbändige Ich und die menschliche Gesellschaft. München:

Albert Langen, 1929. S. 22

9Vgl. Marcus, Carl David: Knut Hamsun. 1. bis 3. Tausend. Berlin-Grunewald: Horen-Verlag, 1926. S. 30f

10Vgl. Ebd. S. 10

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leidet, scheint so stark dem Leben Hamsuns nachempfunden, dass dieser im Zusammenhang mit seinem berühmten Roman sogar selber von einer Autobiographie gesprochen haben soll.11Und einen Freund lässt er im Zusammenhang mit dem Werk wissen: „Det, jeg har skrevet om i «Sult», er oplevet her - og meget værre Ting til. Gud, hvor jeg har slidt ondt. Men jeg lever.“12Trotzdem hat Hamsun laut Frank Thiess versucht, seinen in Ich-Form auftretenden Helden „auf Armeslänge von sich fern zu halten.“13Dieses Vorhaben wird aber spätestens dann zerschlagen, sobald der Dichter seine Schöpfung in Hungerphasen abdriften lässt. Dann entsteht der Eindruck, dass der Autor diese selber erlebt haben muss, was wiederum seine Verschmelzung mit der Hauptfigur vonSultzur Folge hat.14Den realen Hintergrund des Werks, das zuerst im November 1888 als Fragment in der ZeitschriftNy Jordabgedruckt wurde und das Hamsun später nicht als Roman verstanden wissen wollte,15bilden die Aufenthalte in Kristiania, Kopenhagen und Chicago, in denen der Autor mit der eigenen Armut konfrontiert wurde und die er eben in seinem Buch wohl übertrieben dargestellt zum Ausdruck brachte. Larsen äußert leisen Zweifel daran, dass Hamsun ein ähnlich tristes Dasein wie seine literarische Schöpfung fristen musste. Als plausible Argumente erwähnt er den für Hamsun gewöhnlich hohen täglichen Geldverbrauch, der sich mit der Situation des Hungers kaum in Einklang bringen lässt, Einkünfte aus Abschreibarbeiten, Bezahlung für Artikel, finanzielle Unterstützung vom Königshaus und schließlich einen mehr oder weniger wohlhabenden Bekanntenkreis und Verwandte in der Stadt, die Hamsun wohl kaum einem wie im Buch beschriebenen Elend überlassen hätten. Larsen räumt aber ein, dass der Autor, auch wegen zeitweise auftretendem und nicht zuletzt durch die langwierigen Schreibphasen bedingtem Kontaktverlust zur Realität, an angebliche Freunde womöglich viel Geld verliehen haben könnte, was ihn schließlich in ökonomische Schwierigkeiten brachte.16

Die Handlung desSult-Fragmentsspielt, wie auch jene des später erschienenen gleichnamigen Romans, im Kristiania des Augusts 1886 und damit zu einem Zeitpunkt, zu dem sich der Dichter auch wieder in der Stadt befand, seine Lebensumstände aber wohl nicht annähernd so von Armut geprägt waren, wie er sie in seinem Schriftstück darstellt. Natürlich war sich Hamsun durchaus bewusst, dass das Fragment von vielen als autobiographisch

11Vgl. Ferguson, Robert: Knut Hamsun. S. 142f

12Knut Hamsuns brev. 1879-1895. Harald S. Næss (Hrsg.). Oslo: Gyldendal Norsk Forlag, 1994. S. 112

13Thiess, Frank: Das Menschenbild bei Knut Hamsun. München: Albert Langen - Georg Müller - Paul List

Verlag, 1956. S. 9

14Vgl. Ebd. S. 11f

15Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 161

16Vgl. Larsen, Lars Frode: Den unge Hamsun. S. 224-228

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gesehen werden würde, was auch ein Grund war, es anonym erscheinen zu lassen. Erst als das Geheimnis um den Autor nicht mehr gehütet werden konnte, nutzte er diese Entwicklung zu seinen Gunsten. So betonte er stets die Hungerphase und die Armut als Parallele zu seinem literarischen Held, als er mit Erfolg versuchte, den Verleger Sørensen als Geldgeber zu gewinnen. Als tatsächliche Gemeinsamkeiten, die Hamsun mit demSult-Ichhatte, wären hingegen die Unterkunft in einer verlassenen Werkstatt, das Aufsuchen von Zeitungsredaktionen, um Artikel abzugeben, die Übernachtung im Rathaus und die Angewohnheit einen Holzspan zu kauen, um den größten Hunger zu stillen, zu nennen.17Außerdem wohnte Hamsun selber einmal in jenem Logishaus,18in dem er seinen Helden im ersten Kapitel des Buches am Morgen erwachen lässt. Das reale Haus in der Tomtegaten 11 wurde in Hamsuns Werk im Wesentlichen detailliert nachempfunden. So lagen beide Häuser zwischen zwei Gassen und hatten deswegen auch zwei Zugänge. Eine Tatsache, die der hungernde Held ausnutzt, als er einen Kutscher um sein Fahrgeld prellt.19Weitere mögliche Punkte, in denen sich die Wesen von Hamsun und demSult-Ichüberschneiden, betreffen die im Roman allerorts durchschimmernde Isolation.20An ihr, die durch Szenen, in denen es zur hilflosen Interaktion mit anderen Figuren kommt, noch zusätzlich verstärkt wird bzw. durch die die soziale und in weiterer Folge psychische Abgeschiedenheit als unabwendbares Schicksal offen gelegt wird, könnte auch der Schriftsteller in seinen an der Psyche zehrenden Schreibphasen gelitten haben, ruft man sich noch einmal sein durch temporären Realitätsverlust verändertes Verhalten in Erinnerung. Ein weiterer Punkt wäre die Angst davor, im sozialen Ansehen zu sinken.21Zweifelsohne war sich Hamsun, analysiert man z.B. die gesammelten Briefe, seiner einfachen bäuerlichen Herkunft sehr bewusst und könnte in Anbetracht der Kreise, in denen er zu verkehren pflegte, leicht diesem negativen Gefühl ausgesetzt worden sein. Bewiesen ist auch, dass er am Anfang seiner Karriere sehr daran interessiert war, was die Kritiker über seine Bücher schrieben und verteidigte diese, wenn erforderlich, mit großem Eifer.22Als letzten Punkt bringt Larsen die religiöse Komponente ins Spiel. Die blasphemisch anmutenden und später entschärften Äußerungen des Hauptprotagonisten inSultfußen nach Ansicht des Experten durchaus in den persönlichen Ansichten und Erfahrungen Hamsuns, der im Umfeld des Pietismus aufgewachsen war, schon in seiner Kindheit mit der Glaubensgemeinschaft von Lars Oftedal

17Vgl. Larsen, Lars Frode: Radikaleren. Oslo: Schibsted Forlag, 2001. S. 53-64

18Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 18

19Vgl. Skavlan. Einar: Knut Hamsun. Annen utgave. Oslo: Gyldendal Norsk Forlag, 1934. S. 65

20Vgl. Larsen, Lars Frode: Radikaleren. S. 273

21Vgl. Ebd. S. 273

22Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 161f

Page 15

konfrontiert wurde und später, während seiner Zeit in den Vereinigten Staaten, mit dem Unitarismus von Kristofer Janson in Kontakt kam. Hamsuns Meinung nach lag das Schicksal in den Händen Gottes, womit dieser, vereinfacht ausgedrückt, sowohl für die Erfolglosigkeit des Schriftstellers im Werk als auch für jene des realen Dichters verantwortlich war. Ein anderer Erklärungsansatz für die harten gegen Gott gerichteten Angriffe ist jener, dass der Allmächtige, ähnlich wie später Amerika oder Hans Olsen, als Sündenbock für die Abweisung, die Hamsun durch seine Mutter erfahren hatte - Hamsun musste ja einen Teil seiner Kindheit bei seinem Onkel verbringen - herhalten musste.231880 ließ Hamsun seinen damaligen Gönner Zahl in einem Brief wissen, dass er die Stelle beim Straßenbau einer Audienz beim König zu verdanken hat.24Als eine ironische Anspielung an dieses nie dokumentierte Treffen mit dem König interpretiert Ferguson jene Szene inSult,in der der Held vom boshaften Zimmermädchen gefragt wird, ob er im Schloss sein Mittagessen eingenommen hat.25In seinen Vorträgen zur Literatur bzw. in seiner Schrift über diepsychologische Literaturerwähnt Hamsun einen alten Mann, der sich den Demütigungen der Kinder seiner Tochter wortlos aussetzt, weil diese ihm sein Gnadenbrot gibt. InSulttrifft man auf ein ähnliches Verhältnis zwischen einem Greis und seiner Tochter, der Wirtin des Buchhelden. Auch er erduldet die Quälereien seiner Enkel, um seine Unterkunft und die Mahlzeiten nicht zu verlieren.

In seinem nächsten RomanMysterier(1892) schraubte Hamsun die autobiographischen Elemente wieder deutlich zurück, was in Anbetracht der Konzentration ebendieser inSultaber nicht allzu sehr überraschen sollte, ohne jedoch gänzlich darauf zu verzichten: „Hamsuns hang til å blande seg selv inn i sine litterære produkter kann imedlertid spores også i denne boken”26und „(…) die Stimme des Autors artikuliert sich in Nagels endlosen Tiraden, die manches von dem wiederholen, was Hamsun damals ähnlich sagt, und vieles von dem vorwegnehmen, was er später genauso praktiziert.“27Der Held des Buchs, Johan Nils Nagel, ist laut Jan Marstrander ein Produkt, das bedingt durch die eigene Erfolglosigkeit des Dichters und seinen dadurch außerhalb der Gesellschaft geglaubten Platz entstehen konnte. Diese empfundene Ausgrenzung und das daraus resultierende aggressive, provokante Verhalten gegenüber anderen als Mittel zur Selbstbehauptung hat auch Hamsun

23Vgl. Larsen, Lars Frode: Radikaleren. S. 290-293

24Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 23

25Vgl. Ferguson, Robert: Knut Hamsun. S. 67

26Larsen, Lars Frode: Radikaleren. S. 329

27Bien, Horst: Werke und Wirkungen Knut Hamsuns. Eine Bestandsaufnahme. 1. Auflage. Leverkusen:

Literaturverlag Norden Max Reinhardt, 1990. S. 30

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seiner Hauptperson gegeben.28Diese kommt in eine kleine Küstenstadt und sorgt dort für Aufsehen und Turbulenzen unter den Bewohnern. Möglich, dass auch der Schriftsteller selber für eine ähnliche Aufruhr unter den Leuten verantwortlich war, als er sich mit dem von seinem ersten großen Mäzen Zahl erhaltenen Geld 1879 in einer ähnlichen Stadt namens Øystese niederließ, um sich in Ruhe auf seine Rolle als Schriftsteller vorzubereiten, und nebenbei mit kritischen Artikeln über den Kirchengesang des Ortes Unruhe stiftete. Auf jeden Fall nutzte Hamsun sein neuestes Werk aber als Bühne, um seine Abneigung gegen Guy de Maupassant, Henrik Ibsen und Leo Tolstoi bzw. ihr Schaffen zum Ausdruck zu bringen. Bjørnstjerne Bjørnson und Alfred de Musset werden hingegen ob ihrer schriftstellerischen Tätigkeit gelobt.

Auch in politischer Hinsicht lässt Hamsun durchblicken, wie er denkt und wem er seine Sympathien oder besser seine Antipathien zukommen lässt. In einer Rede lässt er Nagel sich über die scheinbare Rechtschaffenheit und Unfehlbarkeit, die Bigotterie des britischen Premiereministers William E. Gladstone, den er auch einmal in seinen Briefen dazu passend „den gamle, bigotte Kua“29nennt, lustig machen. Dem deutschen Reichskanzler Otto von Bismarck scheint Nagel positiver gegenüberzustehen, was durchaus einen kleinen Hinweis auf Hamsuns Anglophobie auf der einen Seite und seine immerwährende Deutschfreundlichkeit auf der anderen Seite zulässig macht. In einem Nachwort des Romans versucht Walter Baumgartner eine auf Grund einer Szene, in der Nagel in einem Dialog, geführt mit einer imaginären Frau, die Bedeutung von „herremenneskene, de store“,30von denen Nagel aber nicht allzu viel zu halten scheint, und auf der anderen Seite die Unfähigkeit der Mehrheit, des so genannten Packs, sich selbstständig zu führen, eine Verbindung zu Hamsuns späteren Sympathien zum Nationalsozialismus herzustellen.31Um Nagel aber nicht als Ebenbild seines Verfassers wirken zu lassen, war auch Hamsun selber bemüht, wie eine Stelle aus einem Brief an seinen Freund Erik Skram beweist, eine deutliche Abgrenzung zur Figur herzustellen: „Men forresten vil ikke jeg personlig have Skyld for alle Nagels Meninger (…)“32Eine weitere Bedeutung wird jenem Zeitpunkt beigemessen, den der Dichter gewählt hat, um seinen Helden in der Kleinstadt ankommen zu lassen, den 12. Juni 1891. Das ist ausgerechnet jenes Datum, an dem Hamsun selber nach

28Vgl. Marstrander, Jan: Det ensomme menneske i Knut Hamsuns diktning. Betraktninger omkring „Mysterier”

og et motiv. Oslo: Det Norske Studentersamfunds Kulturutvalg, 1959. S. 21f

29Vgl. Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 226

30Samlede Verker. Bind 1. Gyldendal Norsk Forlag AS, 1954, niende utgave 1997, 2. opplag, 2002. Mysterier.

S. 166

31Mysterien. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1996, 2. Auflage, 1997. Nachwort. S. 338

32Knut Hamsuns brev. 1879-1895. S. 284

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Lillesand kam, jenem Ort, der auch auf Grund der Äußerungen des Schriftstellers oft als Vorbild für die namenlose Küstenstadt inMysteriergenannt wird. Doch Hamsun stritt später jeden Zusammenhang des Buchs mit Lillesand ab, indem er betonte, es in Kristiansund geschrieben zu haben33und die Stadt an der norwegischen Südküste demnach keinen Einfluss auf seine Arbeit genommen haben konnte.

InRedaktør Lynge(1893) hat Hamsun mit Høibro ein Sprachrohr eingeführt und ihm „viel Persönlichkeit einverleibt“,34indem er ihn seine politische Meinung und Einstellung vertreten ließ. Der von der politischen Situation im Lande gezeichnete Høibro greift in einer als unbeholfen dargestellten Rede die so genannten Radikalen, zu denen sich Hamsun selber gezählt hatte, an, weil ihre Ansichten zu gemäßigt, zu gering mit dem Idealismus verbunden sind. Høibro, auch den Linken nahe stehend, zählt sich aber zu den wirklichen Radikalen, die an den Adel des Herzens und an die Bildung des Herzens glauben.35Seine Vorwürfe stellen sich als berechtigt heraus, als die „radikalen“ Lynge und Bondesen zwischenzeitlich ohne Gewissensbisse die Fronten wechseln. Ein weiteres bekanntes Detail in Hamsuns Biografie ist die ständig zwischen Erfolg und Misserfolg hin und her pendelnde Arbeit als Journalist,36vorgeführt am Beispiel von Ihlen, dem hier aber in weiterer Folge nicht allzu große Bedeutung beigemessen werden soll.