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Am 3. März 2009 stürzt das Stadtarchiv Köln ein. Die offiziellen Untersuchungen sehen die Ursache in Schlamperei, Kölner Klüngel, Gewinnsucht und oberflächlicher Arbeit. Kube, ein Hobbykriminalist aus Köln, und seine schöne blonde Braut Mary, freie Mitarbeiterin des WDR, gehen der Sache auf den Grund und decken eine unglaubliche Geschichte auf, die nicht an die Öffentlichkeit dringen darf. Das wäre eine Katastrophe, nicht nur für Köln! Dieses Wissen müssen die beiden teuer bezahlen...
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2015
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(Aus Der gepfefferte SprüchBeutel, gesammelte Erfahrungen, die unsere Vorfahren als nützliche Weisheiten aufgeschrieben und weitergegeben haben, zusammengestellt von Fritz Scheffel.)
In eigener Sache
Prolog
Das Unglück
Erste Verdachtsmomente
Tappen im Dunkeln
Mönch und Mary
Tunnelbau in der DDR
Spiegel online (15. April 2009)
Diebstahl im Lager
Unterstützung
Fehlende Beweise
Im Namen Karls des Großen
Der Showdown
Das Resultat
Epilog
Nachtrag
Am 3. März 2009, 13.58 Uhr, stürzte das Stadtarchiv in Köln in der Nähe einer U-Bahn-Baustelle ein. Zwei Tote wurden später am Unglücksort geborgen.
Die offiziellen Untersuchungen fanden die Ursache darin, dass Mitarbeiter der am U-Bahn-Bau beteiligten Firmen notwendige Eisenbewehrungen nicht erstellt, sondern das Material zu eigenem Vorteil verkauft hatten.
Diese Sichtweise lässt aber viele Fragen offen:
Wieso können Bauarbeiter tonnenweise Eisenpakete aus einer hochoffiziellen Baustelle wegschaffen und verscherbeln? - Stimmt das überhaupt, oder soll hier ein Bauernopfer gebracht werden?
Wieso sind plötzlich neunzehn nicht genehmigte Brunnenbauten im Unglücksgebiet im Gespräch und wieso verschwindet die Diskussion genau so plötzlich wieder? - Soll da etwas verheimlicht werden?
Wieso hat man keine sorgfältige Dokumentation aller Arbeitsvorgänge und deren Resultate? - Oder will man sie nicht offenlegen?
Wieso wird ein klappbarer Pionierspaten im Unglücksloch gefunden, aber nicht als besonderes Fundstück dokumentiert? - Ist man zu bequem, die dazu erforderlichen Untersuchungen in Gang zu setzen: Woher, von wem, wozu?
Wir sind diesen Unstimmigkeiten nachgegangen und sind zu einem erschreckenden Ergebnis gekommen, das über eine Schlamperei bei öffentlichen Bauvorhaben hinausgeht.
Der vorliegende Bericht deckt Ursache, Vorgang und Konsequenzen des Archiveinsturzes auf. Die offizielle Seite, die Stadt Köln als Archiveigentümer und Sprecher der Aufbereitung des Geschehens und der Restaurierung, negiert die Ergebnisse; sie darf sie einfach nicht akzeptieren, ja, sie darf sich nicht einmal mit ihnen auseinandersetzen! Die Konsequenzen wären unabsehbar. Insofern ist ein gewisser politischer Druck von Düsseldorf, Berlin und Brüssel nicht auszuschließen.
Bald hat er es geschafft!
Er liegt bäuchlings in einem Stollen, der ihm nur eine geringe Bewegungsfreiheit lässt. Rechts und links Lehm mit Steinen, über sich eine unregelmäßig geformte Betondecke. Das muss der Boden des Gebäudes sein! Es geht nun viel einfacher als noch vor einer Woche. Da konnte er mit dem Spaten vor sich nur ein wenig die Erde aufkratzen, in dem sich im Laufe der Jahrhunderte Kies angesetzt hatte, und manchmal holte er nur drei, vier Steine mit einer Aktion heraus. Dann schob er die Erde und die Steine hinter sich. Wenn er dreißig Zentimeter abgebaut hatte, musste er zurückkriechen und die Ablagerung entfernen, sonst hätte er sich den Rückzug verbaut.
Jetzt aber läuft es! Ja, es läuft, im wahrsten Sinne des Wortes. Reiner Kies hat das Lehm-Kies-Gemisch abgelöst. “Prima”, denkt er, “das lasse ich mir gefallen.” Das ist doch was anderes als zu Beginn seiner Arbeit, als er von der Baugrube der U-Bahn aus sich hierhin vorarbeitete. Nun ist er bald am Ziel. Mit einem Stoß nach vorne hat er sein Spatenblatt gefüllt und jongliert es nach hinten. Allmählich hat er im laufenden Kies mehr Platz gewonnen.
Es wird nur noch knapp eine Woche dauern, dann hat er das gewünschte Papier. Und dann ist auch die Belohnung fällig. Endlich der Doktortitel! Dr. phil. würde er dann sein! Und dann steht seiner wissenschaftlichen Laufbahn nichts mehr im Wege.
Andererseits, was er hier gemacht hat, war auch nicht ohne! Zwei, ja fast drei Monate diese Sklavenarbeit, Schwerstarbeit. Und zudem in dieser Enge! Was für Angst hatte er doch zuerst gehabt! Es hatte eine Woche gedauert, bevor er seine Platzangst im Griff hatte. Ungern denkt er an die ersten Tage und seine Phobie zurück.
Und überhaupt, wer hatte denn die Idee, durch die offizielle Baugrube einen Zugang zu graben, und wer hat einen Eingang zur Baustelle gefunden, der niemandem verdächtig war, und wer hat das Risiko auf sich genommen, so zu arbeiten?
Schade ist, dass er nicht der Öffentlichkeit sagen darf, dass letztlich er hinter allem steht! -
Vielleicht kann er seine Karriere etwas beschleunigen! Dr. habil. wäre seine mittelfristige Zielsetzung. Ein finanzielles Zubrot sollte auch abfallen. Damit müsste er sich endlich einen neuen Golf leisten können. Ja, klar, er muss mal mit ihm sprechen. Es wäre doch schade, wenn andere von dieser Grabung wüssten und Kenntnis vom Inhalt der Schrift erhielten!
Bei diesen Gedanken, die ihm durch den Kopf fuhren, maß er dem Knirschen, das hin und wieder einsetzte, keine Bedeutung zu. Das hatte er in den letzten Tagen öfters bemerkt. Zuerst war er erschrocken gewesen, dann aber war es für ihn ein gewohntes Geräusch zur Untermalung seiner Arbeit geworden. Der Lehm machte allmählich Platz einem lockeren Kies, den er schneller wegräumen konnte.
Ab und zu rauschte , ja, rauschte der Kies in Eimergröße zur Seite weg, verschwand für ihn, weggesaugt auf Nimmerwiedersehn.
Zehn Meter entfernt verharrt ein Schatten; er beobachtet die Arbeit des Schaufelmannes. Das macht er seit vier Wochen, nicht regelmäßig. Nach eigenem Gutdünken macht er sich auf seinen Beobachtungsposten. Es hatte eine Weile gedauert, bis er den Einschlupf des Schaufelmannes an einem im Rahmen des U-Bahn-Baus angelegten Brunnen entdeckt hatte. Und dann durfte er von diesem auf der Verfolgertour nicht gesehen werden! Es genügte, wenn sie sich im Nachbarhaus schon mal auf der Treppe oder vor dem Aufzug trafen. Nachdem er den Schaufelmann als Bewohner identifiziert hatte, war es ihm gelungen, in dem Haus noch ein Zimmer zu ergattern. Glücklicherweise! Dem bisherigen Mieter waren die „Arbeiten und der Lärm der Baustelle“, wie er sich ausdrückte, „zu lästig geworden“, und er war zu seiner „Mama nach Nippes“ gezogen.
Okay, ihm sollte es Recht sein; damit hatte er ein Zimmer in der Nähe des Schaufelmannes bekommen, und er konnte ihn beliebig beobachten. Warum? Er soll dem da vorne das Papier abnehmen, das der da vorne holen will. Ansonsten keine Ahnung, das ist ihm aber auch egal! Wissenschaftler sind schon manchmal komisch, und sein Auftraggeber war hundertprozentig einer von dieser Sorte. Hauptsache ist, er bekommt regelmäßig sein Geld für die Weitergabe der Beobachtungen. Und damit ist er auch zufrieden.
Er bemerkt auch das immer öfter und stärker werdende Knirschen bei der Arbeit des Schaufelmannes. Ob das Gefahr signalisiert? Ihm wird unbehaglich zumute, und dann wünscht er sich doch, einen weniger gefährlichen Auftrag angenommen zu haben, zum Beispiel wie damals für eine Ehefrau ihren „Schatz zu beschützen, wenn er von der Arbeit nach Hause will. Er darf das aber nicht merken“. Das bedeutete Ehemann-Beobachtung vom Feinsten! Na ja, meistens unerquicklich, dafür aber auch ungefährlich. Manchmal hat es aber seine guten Seiten, wie letzthin, wo sich herausstellte, dass sich das Ehegesponst noch zu einem Kölsch in die Malzmühle begab, und er mit dem Beobachteten ins Gespräch gekommen war und mehrere Stangen inhaliert hatte. Ein dufter Typ, und er war schon geneigt, seinen Auftrag zurückzugeben.
Aber was soll's, er muss schließlich leben. Ein Glück, die Ehefrau zog bald darauf ihren Auftrag zurück, bezahlte fürstlich, und er stand wieder da und wartete auf eine neue Arbeit.
Als dann der wissenschaftliche Typ kam und mit gutem Honorar winkte, konnte er nicht „Nein!“ sagen. Jetzt geht es ja auf die Zielgerade; er merkt es an der Hektik, die der Schaufelmann an den Tag legt. Bald würde der und damit er selbst das Papier in den Händen haben. Fertig, Aus! Er würde sich von seinem Honorar zwei Wochen Mallorca leisten, das hat er sich verdient, und schon drei Jahre hat er keinen Urlaub mehr gemacht. Dann bleiben auch noch paar Euro übrig; ja, eine neue Kamera, die braucht er auch. Seine alte Pentax ist nicht mehr zeitgemäß!
Er erschrickt: Da kommt jemand von der Einstiegsseite auf ihn zu gekrochen. Er hält die Luft an, und seine Gedanken überschlagen sich. „Wer weiß denn weiter noch von diesem Einstieg?“ Der Besucher leuchtet mit einer kleinen Lampe großzügig um sich. Der Schattenmann erkennt seinen Besucher. „Pst!“ und „Aus das Licht“, flüsterte er ihn im Befehlston an. Es ist der junge Bäcker, ein Mitbewohner aus dem dritten Stock von oben. Er hatte ihn, als sie sich damals vorgestellt hatten, gebeten, ihm morgens immer zwei frische Brötchen mitzubringen.
Der junge Mann wollte einen Scherz machen und sagte, nun auch flüsternd: „Ich wollte Ihnen die Brötchen bringen, es ist schon nach 12 Uhr am Mittag!“
Dem Schattenmann ist nicht nach Scherzen zu Mute, und er fragt nur leise: „Wie kommen Sie hier hin?“
„Ich habe Sie schon einige Tage beobachtet. Und heute wollte ich einmal sehen, was Sie hier machen.“
Der Schattenmann denkt: „Einen weiteren Zeugen können wir aber gar nicht brauchen.“ Und er fragt seinen Besucher: „Weiß noch jemand von dieser Geschichte?“ Und wenn er später sein Gewissen befragt, dann muss er eingestehen, dass er in diesem Moment daran gedacht hatte, den jungen Mann gänzlich aus dem Verkehr zu ziehen. Das wäre doch in dieser Dunkelheit eine Kleinigkeit gewesen, und eine Leichtigkeit zudem, die Spuren seiner unrechtmäßigen Handlung zu beseitigen.
„Nein, da bin ich mir sicher!“ hört er von ferne.
Der Schattenmann wird in die Wirklichkeit zurückgerufen. Verwirrt fragte er: „Was, wie?“
„Es weiß anders niemand.“
Das Schicksal nimmt dem Schattenmann jegliche Entscheidung ab.
Der junge Mann hat den Satz nicht ganz ausgesprochen, da wird das Rauschen stärker, ein Gurgeln entsteht in der Baugrube, der Kies läuft weg, nicht mehr nur in kleinen Schüben, sondern unaufhaltsam. Aus dem Gang des Schaufelmannes bricht nun sogar der Lehm mit den eingebackenen Kieseln weg, hilflos rutscht er mit dem Kies nach unten, zuerst langsam; er versucht sich nach oben zu robben. Erfolglos; er rutscht weiter, verliert dabei seine Bergmannslampe von der Stirn. Hilflos muss er zusehen, wie sie mit dem Kies in gurgelndem Wasser versinkt und verlöscht. Es knackt über ihm einmal, zweimal, dann birst mit donnerndem Getöse die Betondecke. Er schreit noch „Nein!“, und nur der Schattenmann und dessen Besucher hören ihn; der eine schreit auch „Nein, oh Gott!“ und versucht, zum rettenden Ausgang zu kriechen. Der andere schreit mit schriller Stimme nach seiner Mutter und rutscht mit dem laufenden Kies nach unten dem aufgewühlten Wasser entgegen.
Dann erschlagen die gewaltigen Betonstücke gnädig Schaufelmann und Schatten vom Schattenmann. Nachstürzende Steine, Schuttstaub, Eisenträger, Holzbalken, Bücher, Urkunden, Tische, Stühle, Bücherregale begraben endgültig die Beiden und besiegeln ihr Schicksal: Sie hatten unterschiedliche Motivation und Ziele hier zu sein. Der eine war von Karrieresucht, der andere von Neugier getrieben. Nun haben sie das gleiche Ende gefunden, und sie werden beide vielleicht auch für immer in der gleichen Erde ruhen! - Nebeneinander.
An dem einen Brunneneingang kann sich ein völlig verdreckter, durchnässter, leicht verletzter Mann in Sicherheit bringen, bevor Erde und Kies hinter ihm trichterförmig nach unten gurgeln.
Zu den gaffenden Menschen mit ihren fragenden Blicken sagt er verstört nur ein paar Worte: "Ich habe einen Riesenknall gehört. Es war furchtbar, wie in einem Hollywood-Film." Er übergibt sich und kollabiert. Minuten später schaffen ihn zwei Sanitäter auf einer Trage zum Notarzt.
In der Kölner Innenstadt ist das Historische Stadtarchiv am Dienstag komplett eingestürzt. Auch zwei Nachbargebäude brachen großenteils zusammen. Am Abend wurden noch drei Menschen vermisst. Der Schaden gilt als unschätzbar, Wissenschaftler sprachen davon, dass das „Gedächtnis der Stadt“ ausgelöscht worden sei.
Zunächst war in den Trümmern nach neun Menschen gesucht worden, später stellte sich heraus, dass sechs Vermisste gar nicht am Unglücksort waren. Sollten tatsächlich Menschen verschüttet worden sein, sind ihre Überlebenschancen gering. „Eine schnelle Rettung ist nicht möglich“, sagte der Direktor der Kölner Feuerwehr, Stefan Neuhoff. Es sei unwahrscheinlich, dass sich in dem Schutt Hohlräume befänden. Wegen Einsturzgefahr müsse nun zunächst die Unglücksstelle gesichert werden, wozu 1000 Kubikmeter Beton nötig seien. Mit den Bergungsarbeiten könne nicht vor Mittwoch begonnen werden.
Neuhoff erklärte, in der unmittelbar benachbarten 28 Meter tiefen Baugrube für die U-Bahn-Erweiterung sei wohl eine Öffnung entstanden. In diese Öffnung sei Erde nachgerutscht, und dadurch sei dem Historischen Archiv möglicherweise der Boden entzogen worden. Auch der Projektleiter der Kölner Verkehrsbetriebe für die U-Bahn-Erweiterung, Rolf Papst, sagte, es könne sein, dass die Absackung mit Aushubarbeiten in der Grube zu tun habe. Dort entsteht zurzeit eine Weichenkonstruktion.
Statiker prüften, ob auch noch andere Gebäude einsturzgefährdet waren. Da ein 30 Meter hoher Baukran vielleicht auf unsicherem Grund stand, wurden 76 Bewohner eines benachbarten Altenheimes in Sicherheit gebracht. Im Umkreis von 150 Metern räumten die Behörden alle Gebäude. Wie viele Menschen insgesamt ihre Wohnungen verlassen mussten, war unklar.
Der Schaden beläuft sich auf zig Mio. Euro, aber vieles lässt sich in Geld gar nicht bemessen. Schätze der zweitausendjährigen Kölner Stadtgeschichte dürften für immer verloren sein. Eberhard Illner, ein langjähriger Abteilungsleiter in dem Archiv, sagte im Deutschlandradio Kultur, der Schaden sei größer als beim Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar: „Wir reden hier von ungefähr 18 Regalkilometern wertvollsten Archivguts, und zwar europäischen Ranges.“ Köln war im Mittelalter die größte Stadt Deutschlands. Der nordrheinwestfälische Bauminister Lutz Lienenkämper (CDU) sagte, das Archiv habe „die größte und bedeutendste Sammlung ihrer Art in Deutschland“ bewahrt.
Die Mitarbeiter und Nutzer des Archivs konnten sich nach vorläufigen Erkenntnissen retten, weil sich der Einsturz durch Geräusche ankündigte. Augenzeugen berichteten auch davon, dass Bauarbeiter gerufen hätten, man solle sich schleunigst in Sicherheit bringen. In die benachbarte Grube für den U-Bahn-Bau drang nach dem Einsturz Wasser ein. Der dadurch entstandene Schaden sei jedoch begrenzt, sagte ein Sprecher der Kölner Verkehrsbetriebe.
Bei Polizei und Feuerwehr wurde Großalarm ausgelöst. Das Gebiet rund um den Unglücksort an der Severinstraße wurde weiträumig abgesperrt. Augenzeugen erzählten von einem dumpfen Krachen und einer riesigen Staubwolke. Eine Kioskbesitzerin sagte: „Die komplette Kreuzung war in dunklem Nebel. Das sieht hier aus wie am 11. September.“
Der U-Bahn-Tunnel verläuft direkt neben der Unglücksstelle an der Severinstraße, über die vor gut einer Woche noch der Rosenmontagszug gerollt war. Ex-Abteilungsleiter Illner bezeichnete den Einsturz als eine „absehbare Katastrophe“. Noch in der vergangenen Woche habe es erneut Hinweise auf erhebliche Senkungsrisse gegeben. „Man wird also jetzt danach forschen müssen, wer ist verantwortlich dafür“, sagte er.
In dem eingestürzten Hauptgebäude befanden sich laut Illner die Hauptbestände des Archivs, wie zum Beispiel die seit 1000 Jahren gelagerte komplette Überlieferung der Stadt Köln. Außerdem lagerte dort ein großes Nachlassarchiv von Schriftstellern wie Heinrich Böll und Komponisten sowie ein bedeutendes Architekturarchiv. „Das sehe ich jetzt vor mir unter Bergen von Beton und Bergen von Schutt. Das ist erschütternd“, sagte Illner.
Der Bau der sogenannten Nord-Süd-Bahn hat schon für viel Ärger gesorgt. Die Kosten für das Projekt explodierten, die Geschäftsleute an der Severinstraße klagten über Umsatz-Einbrüche. Auch ein Kirchturm geriet durch den Tunnelbau in Schieflage.
Kube, mit bürgerlichem Namen Kurt Becker - aber bei seinen Freunden war er nur unter dieser Kurzform bekannt – Kube also legte die Zeitung aus der Hand, lehnte sich in den Sessel zurück, starrte an die Decke und dachte nach: “Mann, das ist ja ein Ding: wahrscheinlich ein paar Tote, als Konsequenz der Rückschritt im U-Bahnbau, die vernichteten Dokumente; Urkunden, Bücher, die wahrscheinlich für immer zerstört oder verschwunden sind!”
Er war letzthin noch im Stadtarchiv gewesen und hatte dort eine Führung mitgemacht. Da waren die Dokumente, die die adelige Abstammung eines gewissen Manes Schmitz beweisen sollten. Dabei hatte ein Graf von Flamersfeld mit juristischen Mitteln dies heftig bestritten.
Kube musste trotz der gerade verinnerlichten Horrormeldung lachen: “Manes Schmitz, rheinischer Uradel.” Ein toller Witz! - Aber da würde ja nun nichts mehr draus.
“In einem anderen Fall sind Jahrhundert alte Grundstücksansprüche verloren gegangen. Ein gewisser Charly Bergmann kann jetzt keine Urkunden mehr zum Beweis seiner Eigentümerschaft heranziehen.”
Wie Kube bei der Führung gehört hatte, war Bergmann nach Jahre langer Suche auf das Material im Stadtarchiv gestoßen und war nun ziemlich sicher gewesen, den Zuschlag für das millionenschwere Erbe zu bekommen. Nun aber war alles futsch!
Kube setzte sich ans Klavier und spielte; das tat er immer, wenn es bei ihm innerlich brodelte, wenn Unerwartetes Besitz von ihm ergriff, wenn Gedanken sich bei ihm einnisteten, die er nicht gerufen hatte und die er nicht mehr loswurde. Und da half die Musik ihm, ein wenig Abstand zu gewinnen.
Es lief in seinem Gehirn nicht mehr wirr und unkontrolliert ab, sondern es ordnete sich, zeigte sich klar und deutlich, und nach minutenlangem Improvisieren am Klavier stand für Kube fest: Beim Einsturz des Stadtarchivs Köln hat jemand nachgeholfen; er kommt einigen Personen zu gelegen.
Bei Kube erwachte der Jagdinstinkt, und das wollte er morgen direkt klären. Wer hat einen Vorteil durch den Einsturz des Gebäudes? Und anfangen mit seinen Recherchen wollte er bei Charly Bergmann und Manes Schmitz.
Er improvisierte noch über My way, und jeder, der ihn kannte, konnte daraus schließen, dass damit das Ende seiner musikalischen Meditation gekommen war. Er stand auf und machte sich ein paar Notizen. Dann schaute er auf die Uhr und erschrack: “Da wird es aber höchste Zeit. Ich bin doch mit Marilyn verabredet!” Und so ein Date darf er doch nicht gefährden!
Kube hatte sich reiche Eltern ausgesucht; die waren so betucht, dass er die besten Schulen und Internate besuchen konnte. Das Apostelgymnasium musste er allerdings gezwungener Maßen verlassen; das tat aber seiner Bildung und Ausbildung keinen Abbruch. Er kam dann einfach eben mal in ein Internat nach St. Moritz. Für einen Monat Aufenthalt ihres Sohnes mussten seine Eltern soviel Geld in den Kurort schikken, wie andere für das gesamte Studium ihrer Zwillinge, sofern sie welche gehabt hätten.
Ein Glückspilz, der Kube! - Nun könnte man meinen, dass er ein Ekelpaket gewesen wäre, ein arroganter Sack, ein fieser Neureicher, so ein Selbstdarsteller, ein G. R. aus einer Geldserie wie Dallas! - Weit gefehlt! Kube war ein toller Typ, er war auf dem Teppich geblieben, war großzügig seinen Freunden gegenüber, ohne sie damit in irgendeine Abhängigkeit zu bringen, er hatte keinen Größenwahn, er war fleißig in der Schule und später beim Studium, das er konsequent durchzog, Reine Mathematik, Logik und Philosophie waren seine Fächer.
Jeder sagte zunächst einmal, wenn er das zu hören bekam: „Was kann man denn damit später anfangen?“ Nach kurzem Nachdenken aber gab man sich selber die Antwort: „Der hat doch genug Geld, der macht das nur aus Spaß und Freude an der Sache!“
Als Sechsundzwanzigjähriger kehrte er mit dem Doktordiplom in der Tasche nach Hause zurück. „Köln ist meine Heimat.“ - „Un he bliev ich,“ fügte er hinzu. Viele meinten: „Na klar, der übernimmt jetzt das elterliche Geschäft.“ Die so dachten, hatten sich aber verschätzt! Er überließ die Geschäftsführung seinem jüngeren Bruder, der unter der Anleitung des Vaters langsam in die Führungsrolle hineinwuchs. Kube selbst vereinbarte für sich ein schönes Haus und eine lebenslange gute Rente.
Viele seiner Bekannten fragten sich, wie er das geschafft habe, und meinten, das liege sicher an seinem Studium von Mathematik, Logik und Philosophie. Womit sie sicher nicht Unrecht hatten!
Fortan widmete sich Kube der Kriminalistik; er vertiefte sich in manchen dubiosen Fall, an dem sich die Polizei sozusagen die Zähne ausbiss, sei es ein Mordfall, sei es eine Drogen-Schmuggler-Geschichte, sei es eine Weiße-Kragen-Affäre!
Und nun war Kube auf dem Weg zu Marilyn. Sie war gerade für ein paar Wochen in Berlin gewesen; als freie Mitarbeiterin des WDR hatte sie den Tunnelbau zur Republikflucht in der ehemaligen DDR unter die Lupe genommen und dazu, wie man es von ihr gewohnt war, exquisite Filmaufnahmen herbeigezaubert und bislang unbekannte Augenzeugen vor die Kamera gebracht.
Eigentlich hieß sie ja Maria, aber dieser Name sei “zu hausbacken“, sagte ihr ein Psychologieprofessor, bei dem sie studiert hatte. Und sie solle sich, um eher Erfolg bei Bewerbungen und im Beruf zu haben, vielleicht Marilyn oder Mary nennen. Wie Recht er hatte! Sie sah ja auch nicht aus wie Mariechen oder Maria oder Mariele! Sie sah eher aus wie eine Mary, und Kube hatte sie auch nur unter diesem Namen kennen gelernt. Als sie sich ein wenig näher gekommen waren, durfte er sie auch Marilyn oder gar Lynn nennen. Das war sein Privileg.
Nach dem Studium von Psychologie und Kommunikationswissenschaften in München kehrte Mary nach Köln zurück. Sie hätte von ihrem Vater, einem Professor für Medizin in Bonn, protegiert werden können, sie hätte sofort eine super Anstellung in seinem Institut mit Aussicht auf eine wissenschaftliche Karriere bekommen. Aber sie wollte das nicht, sie wollte aus eigener Kraft und eigenem Können einen Beruf ausüben!
So stellte sie sich mit einem guten Diplom und dem neuen Vornamen beim WDR vor und erhielt gleich einen Auftrag. Der Psychologe hatte also gar nicht Unrecht gehabt! - Sie hatte eine Reportage mit dem Arbeitstitel Das Gehaltgefüge bei der Bahn in Köln und Umgebung unter besonderer Berücksichtigung des Beamtentums abzuliefern. Danach ging es Schlag auf Schlag mit den Berichten und Reportagen, und nicht nur bei Insidern wurde klar, dass die Arbeiten nicht nur wegen des Namens und des Aussehens der attraktiven Journalistin akzeptiert wurden, sondern von Originalität, Kompetenz und Kreativität zeugten.
Kube eilte zum Café in der Nähe der Hohe Straße. Er erahnte sie, bevor er sie sah. Die blonden Haare spürte er förmlich, bevor er sie mit den Sinnen wahrnahm. Marilyn, in einem dunkelblauen Hosenanzug, saß allein an einem Tisch, vor sich eine Tasse Schokolade. Er eilte auf sie zu, beugte sich zu ihr hin: „Marilyn, wie schön, dass du wieder da bist, ich habe dich so vermisst!“ Sie erwiderte seinen heißen Kuss.
„Hallo, Schatz!“ und sie sah ihm tief in die Augen. „Setz dich und erzähle, was du getan hast, während ich arbeiten musste.“
Er schaute ihr Sekunden lang in die Augen und küsste sie wieder.
Dann umfasste er ihre Hände und begann seinen Bericht. Nach wenigen Augenblicken wusste sie, dass „ihr Schatz“ sich wieder in eine kriminalistische Angelegenheit hineinkatapultiert hatte.
„Da ist doch gestern das Stadtarchiv eingestürzt; es soll am U-Bahn-Bau liegen.“
„Ich habe es im Flieger gelesen. Es hat einen verheerenden Wassereinbruch unter dem Gebäude gegeben.“
„Ja, es gibt auch ein paar Tote.
Da sind aber auch Leute, die Vorteile von diesem Unglück haben. Ich bin nun so weit, anzunehmen, dass der ganzen Sache ein wenig nachgeholfen wurde.“ Und er teilte ihr sein Wissen um Charly und Manes mit.
Sie lachte, als er seinen kurzen Bericht beendet hatte. Ein wenig zu ironisch kommentierte sie seinen Verdacht: „Hallo, mein Schatz, dann bist du auch verdächtig, denn du kannst dir hier wieder einmal deinen guten Namen als Kriminaler untermauern. Und hast du an den Prophet am Kaufhof gedacht, der schon lange gegen den U-Bahn-Bau predigt, weil der nur Gefahren für die Menschen bringe? Das Unglück gibt ihm doch nun Recht! Oder der Bauunternehmer aus Braunsfeld, der schon so lange für den Bau eines moderneren Stadtarchivs wirbt. Nicht zu vergessen Mary, die Journalistin, die damit ein aufregendes, einmaliges Thema für sich geschaffen hat. Ja,“ sagte sie nach einer kleinen Pause „sogar die Stadtverwaltung und den Oberbürgermeister selbst müssen wir verdächtigen.
Entschuldige, mein Schatz, mein Lachen; aber meinst du wirklich, du wärst auf dem richtigen Weg?“
Kube hatte ihre Aufzählung mit immer größerem Interesse verfolgt; die Wirkung war konträr zu dem, was sie vermutet hatte.
