Komisch dieses Leben - Sarah Bitte - E-Book

Komisch dieses Leben E-Book

Sarah Bitte

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Beschreibung

Das Grab war mit Eibengewächsen und Eriken bepflanzt. Rechts auf dem Grab stand eine große Schale mit Vergissmeinnicht. Ich schaute bedächtig auf den Grabstein. Michael Eiting, 27. März 1974 – 13. Oktober 1994, war dort zu lesen. Und dann noch: Ein viel zu junges Leben fand durch einen tragischen Unfall ein jähes Ende. Ich schluckte. Wie gefesselt blickte ich auf den Grabstein und erschrak. 27. März 1974 – 13. Oktober 1994! Das war doch bis auf das Geburtsjahr exakt das gleiche Geburtstagsdatum wie das von Tanja. Nein, dachte ich, das hat mit Zufall nichts mehr zu tun

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Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Komisch dieses Leben

- oder doch nicht -?

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Inhaltsverzeichnis:

Titel:

Komisches dieses Leben – oder doch nicht -?

Nachwort

Impressum

Komisch dieses Leben – oder doch nicht -?

Da saßen wir nun. Es war Herbst, die Bäume entledigten sich allmählich ihres Laubs, alles um uns herum war grau. Es regnete in Strömen und die Sonne schien seit einigen Tagen keine Lust zu haben, warmes und freundliches Licht zu spenden.

Tanja hatte zum Geburtstagskaffee eingeladen. So ein Nachmittag unter Freundinnen kam gerade Recht, um diesem dunklen und depressiv stimmenden Tag ein paar schöne Stunden zu entlocken.

Der Tisch war festlich gedeckt. Die zartgelbe Tischdecke und die dazu passenden gelb-orangenen Servietten fügten sich harmonisch in das Esszimmer ein, ebenso der Herbststrauß aus Astern, Nelken und viel sattem Grün.

Fast zwanghaft hatten wir unsere Plätze eingenommen, so wie wir fast immer die gleiche Sitzordnung hatten. Bei Tanja saß man so, bei Helma so, bei Grit so – usw. Nie machten wir da eine Ausnahme. Warum, weil man sich einmal so hingesetzt und diese Ordnung dann eben Bestand hatte.

Neben einem selbstgebackenen Kuchen, der herrlich duftete, luden verschiedene Brötchensorten, Käse und Aufschnitt dazu ein, hemmungslos zuzuschlagen. Da wir alle von eher schlanker bis sehr schlanker Gestalt waren, taten wir das auch. Wir, das sind

Grit 44 Jahre

Hannah 47 Jahre

Helma 40 Jahre

Tanja 45 Jahre

Uli 49 Jahre

ich, Sarah 46 Jahre.

Wir hatten uns – das bescheinigten uns jedenfalls immer wieder Männer, die wir auf unseren Touren so kennen lernten – alle gut gehalten. Wenngleich wir typmäßig sehr unterschiedlich waren, so war doch jede für sich attraktiv.

Grit mit ihren langen blonden Locken und ihrem betont jugendlichen Kleidungsstil, der gut zu ihrer zarten Figur passte. Grit wurde von uns allen liebevoll Küken genannt.

Hanna, die längste von uns (1,78 m), kinnlange blonde, leicht grau durchzogene Haare, die ihrer großen Füße wegen irgendwie immer einen Komplex hatte, obschon die Füße (Größe 42) – wie wir alle fanden - absolut passend waren.

Helma, schulterlange satt-dunkelbraune Haare, die ihre Beine für zu dünn befand, obwohl sie es gar nicht waren, und ab und an einen leicht belehrenden Touch hatte, was wahrscheinlich aus eine langjährige Beziehung mit einem Lehrer herrührte.

Tanja, gerade einmal 1,57 m lang, blond, kiebige Frisur, die zum ebenfalls kiebigen Gesicht und auch Charakter passte. Tanja nahm immer zu und ab und war doch immer schlank.

Uli, die Älteste, was man nicht sah. Uli hatte mittelblondes, leicht grau meliertes dickes Pferdehaar, das seit geraumer Zeit mal mit helleren, mal mit dunkleren Strähnen versehen wurde, weil sie ihre Frisur immer irgendwie langweilig fand, obschon ihr Haar immer beneidenswert gut lag.

Und ich, Sarah, dunkles, brustlanges – zumeist zu einer Art Zopf gestecktes –Haar, altersmäßig mittendrin, immer strengstens darauf bedacht, meine 50 kg bei 1,70 m Größe zu halten, was die anderen für leicht spleenig befanden. War’s wahrscheinlich auch.

Wie auch immer, wir passten zusammen und wir wussten, dass wir uns vertrauen konnten. Dass Anvertrautes nicht in das Ohr eines Dritten gelangte und dass wir uns in Notsituationen oder schlechten Lebensphasen der gegenseitigen Hilfestellung sicher sein konnten. Alle für eine und eine für alle – wo findet man das schon, vor allem bei Frauen.

Wir hatten wirkliche miese Zeiten hinter uns.

Ulla war die Einzige, die in den letzten 10 Jahren privat von Schicksalsschlägen verschont geblieben war. O.k., ihr Mann war mit seiner Firma Pleite gegangen, weil die Bank – wie das bei Mittelständlern so oft der Fall ist – den Geldhahn zugedreht hatte. Und das, obwohl genug Aufträge vorhanden waren. Auch die Zahlungsmoral der Kunden hatte daran einen nicht unerheblichen Beitrag. Nachdem der erste Schock vorüber war und die Firma einen satten Konkurs hingelegt hatte, berappelte man sich wieder und gründete eine neue, dieses Mal unter ihrem Namen. Und jetzt lief es, wenn auch manchmal etwas zögerlich, aber es brachte Geld ein und sicherte ihnen und auch dem im elterlichen Unternehmen tätigen Sohn – die Tochter hatte es in einen anderen Bereich verschlagen – den Lebensunterhalt.

Alle anderen hatten so ihr Päckchen zu tragen. Und die Last des Er- und Durchlebten wog zum Teil immer noch sehr schwer.

Grit hatte von ein paar Jahren ihre Mutter nach zweijährigem Leidensmartyrium verloren. Es begann mit einem Nierentumor und endete nach endlosen Krankenhausaufenthalten und zahlreichen Operationen mit einem bösartigen Hirntumor, der dann – wahrscheinlich zu Studienzwecken für Assistenzärzte – trotz ihres mehr als angeschlagenen Gesundheitszustandes ebenfalls noch entfernt wurde. Als die Mutter dann starb, war es mehr eine Erlösung. Dennoch war die ganze Familie nur noch ein Schatten ihrer selbst, sich in Selbstzweifeln auflösend, ob man die letzten OPs nicht doch besser hätte untersagen sollen. Ich habe damals jeden Tag stundenlang mit Grit telefoniert und versucht, ihr beizustehen. Die bis ins feinste Detail gehenden Berichterstattungen über den Gesundheitszustand ihrer Mutter hatten auch bei mir ihre Spuren hinterlassen. Wir haben viel zusammen geweint.

Hannah war 20 Jahre verheiratet. Ihr immer schon dem Alkohol sehr zugetaner Mann trank von Jahr zu Jahr mehr und konnte letztlich auch am Arbeitsplatz die Finger nicht mehr davon lassen. Er flog raus und war mit 50 arbeitsloser Alkoholiker. Charakterlich ohnehin eher der Typ Schwein, der in seiner Frau keine Partnerin, sondern eher eine Untertane sah, fand er sich einer immer mehr erstarkenden Frau gegenüber, die sich schließlich und endlich von ihm scheiden ließ. Heute ist sie froh, hat eine gute Portion Selbstbewusstsein und leider auch Schulden, musste sie den Ex doch auch noch ausbezahlen. Und das, weil sie während der Ehe das Elternhaus ausgebaut hatte. Hannah ist handwerklich begabt, sie tapeziert, baut, baut um. Er hatte zwei linke Hände. Dennoch musste der Wertzuwachs aufgeteilt werden. Hannah wird wohl noch etliche Jahre bezahlen müssen.

Helma, unsere Vernünftige. Auch Helma musste vieles einstecken in den vergangenen 3 Jahren. Ihr Vater, der Mensch, dem sie wohl am meisten zugetan war, starb. Es begann mit einer Entzündung am Bein, die nicht heilen wollte und zu einem Hautkrebs entartete. Der alte Herr wurde dann bettlägerig, stand Monate lang nicht mehr auf und schlief schließlich einfach ein, für immer. Helma hatte 1 ½ Jahre damit schwerstens zu kämpfen. Es verging keine Zusammenkunft, in der die Sprache nicht darauf kam. Und es war immer dasselbe. Sie bekam das Verarbeiten einfach nicht in den Griff. Dann begann sich ihre Mutter mehr und mehr zu verändern. Und dem Schock des Todes folgte der Schock der Wahrheit: Ihre Mutter litt an Demenz oder auch Alzheimer. Die Grenzen sind da ja fließend. Die Mutter lebt noch, ihr Zustand verschlechtert sich stetig. Wahrscheinlich hängt die Krankheit eng mit dem Ableben ihres Mannes zusammen. Nach über 50jähriger gemeinsam verbrachter Wegstrecke hat sie das wohl nicht verpackt und sich in eine Art Scheinwelt geflüchtet. Helmas Erzählungen über die Auswirkungen dieser Krankheit schockieren, auch uns.

Tanja, die ‚Kleene’. Auch Tanja hat eine Scheidung hinter sich, letztes Jahr, nachdem sie bereits seit 2 Jahren nicht mehr mit ihm zusammenlebte. Eigentlich war die Scheidung auf die Arbeitslosigkeit von ihm zurückzuführen. Selbst verschuldet. Er, bis zur Geburt des gemeinsamen Sohnes von Tanja und ein paar zuweilen nicht ganz legalen Machenschaften lebend, hatte dann so Mitte 30 endlich mal den Dreh gekriegt, sich einen Job zu suchen. Nachdem er Anfang 50 wegen Spesenbetrugs aus der Firma geflogen war, fing sein ihm eigenes Lotterleben wieder an. Pokern, nächtelang um die Häuser ziehen, nicht nach Hause kommen… Irgendwann hatte sie dann genug. Auch hatte sie zwischenzeitlich in Erfahrung gebracht, dass er seit Jahren in einer anderen Stadt eine Freundin sein Eigen nannte, bei der er im Übrigen jetzt auch wohnt – auf deren Kosten. Manche Männer finden halt immer wieder eine Doofe. Der gemeinsame Sohn ist ein Sorgenkind. Konzentrationsschwierigkeiten, kein Schulabschluss, keine Lehrstelle in Aussicht… Tanja ist oft mit den Nerven runter, glücklicherweise hat sie vor 3 Jahren nach eigentlich nur geringfügigen Beschäftigungen und kurz nach der Trennung von ihrem Mann einen Vollzeitjob gefunden, der ihr wenigstens den Lebensunterhalt sichert.

Und ich, seit 15 Monaten getrennt lebend. Mit meinem Mann war ich insgesamt 22 Jahre zusammen, davon 15 verheiratet. Ein sehr schwieriger Charakter mein Mann, das habe ich schon in unseren Anfängen erleben müssen. Und doch bin ich geblieben. Ich habe ihn halt geliebt. Meine Ehe war geprägt von Unstimmigkeiten. Mein Mann war ein Machtmensch. Ich habe leider den Fehler begangen, meinen sehr gut bezahlten, interessanten Assistentinnenjob aufzugeben, und bei ihm ins Unternehmen einzusteigen. Er – 10 Jahre älter als ich – wusste alles besser, konnte alles besser und hatte grundsätzlich Recht, meinte er jedenfalls. Viele, die das Vergnügen hatten, ihn von seiner ‚besten Seite’ kennen zu lernen, haben mich ob seiner rigorosen Verhaltensweisen und Unnachgiebigkeit in meiner Ehe oftmals bedauert. Irgendwann einmal hat er dann meinen Toleranzpunkt überschritten. Den vielen Auseinandersetzungen folgte die Trennung. Ich habe schreckliche, einsame Monate hinter mir. Nach vielen Gesprächen, insbesondere mit Grit und Helma, (denen ich an dieser Stelle für ihre Geduld aufrichtig danke) und der Lektüre themenbezogener Literatur, geht es langsam wieder aufwärts mit mir.

Wir freuten uns, wieder einmal einen gemeinsamen Nachmittag verbringen zu können. Der Kaffee duftete herrlich. Wir griffen zu. Es schmeckte. Dem anfänglich belanglosen Geplauder folgten wie so oft die neuesten Gerüchte über uns bekannte Personen.

Hannah warf einen Witz ein. Sie war eine sehr gute Witzeerzählerin. Ihre eigene Art der Betonung reichte schon aus, um die Lacher auf ihrer Seite zu haben. Wir kamen dann zu den Krankheiten.

Ich erzählte von einem 48jährigen aus meiner Nachbarschaft, bei dem man einen bösartigen Tumor im hinteren Mundbereich entdeckt hatte. Dieser wurde zunächst 2x wöchentlich bestrahlt, damit er schrumpft. Die begleitende Chemotherapie bekam ihm nicht. Auch die anschließende OP von ca. 18 Stunden hatte nicht erhofften Erfolg. Man musste ihm ein großes Stück von der Zunge entfernen, die in zahlreichen Folge-Operationen durch körpereigenes Muskelgewebe ersetzt werden soll. Er wird nicht nur in seinem Sprachvermögen stark eingeschränkt sein, sondern auch bei der Nahrungsaufnahme.

„Oh“, bemerkte Tanja, „das ist ja furchtbar. Keine Zunge, keine Zungenküsse, keine….“

Strafend schauten wir sie an.

„Du denkst auch immer nur an das eine“, warf ich ein.

„Ja aber das gehört doch dazu. Das ist doch ein Stück Leben. Also ich könnte mir einen Mann ohne Zunge nun überhaupt nicht vorstellen. Auf die Gespräche mit ihm, könnte ich zur Not ja noch verzichten, aber auf so bestimmte andere Sachen – nee.“

„Na toll“, bemerkte Uli, „aber sonst ist alles in Ordnung?“

Wir schüttelten – Unverständnis ausdrückend – die Köpfe. Tanja schien das zu amüsieren.

„Wisst Ihr eigentlich schon, mit wem ich Freitagnacht mein Bett geteilt habe?“

„Nein, woher?“

„Also“, sagte Tanja grinsend, “ich war doch mit meiner Abteilung unterwegs. Zuerst waren wir bei Gerd Wein trinken. Dann sind wir weiter gezogen zum ‚Bijou’. Tja und dort, dort stand er, Hühnchen. Ich kenne den ja eigentlich schon eine ganze Weile, aber außer „hallo, wie geht’s?“ oder „auch wieder unterwegs?“ war da nie was. Und Freitag sind wir dann ins Gespräch gekommen. Ich hab ihm dann vorgeschlagen, noch mit zum ‚Number 1’ zu gehen, wozu er auch Lust hatte. Unterwegs haben wir dann geknutscht und statt im ‚Number 1’ sind wir schließlich bei mir gelandet.“

„Hühnchen? wer soll denn das sein? Und Dein Sohn?“ fragte ich.

„Och, der hat schon geschlafen. Nicht schlecht, sag ich Euch, der Mann. Der könnte mir gefallen als Bett-Partner. Und Hühnchen ist sein Spitzname. Ganz ehrlich, wie der richtig heißt, weiß ich gar nicht.“

„Wieso könnte?“ fragte Helma. „Und Du hast nicht einmal nach seinem Namen gefragt? Du verbringst mit einem ein paar heiße Stunden und willst nicht wissen, wie er heißt?“

„Na, der ist verheiratet und hat 2 Kinder. Kannste doch sowieso abhaken. Da muss ich auch nicht unbedingt wissen, wie der heißt. Hühnchen reicht doch.“

Stumm blickten wir uns an.

„Also ganz ehrlich, Du hast wohl überhaupt keine Skrupel, was?“ ermahnte Grit Tanja. „Du könntest ja auch mal an einen geraten, der Dir was antut.“

„Warum sollte ich Skrupel haben, der Typ ist doch verheiratet. Er hätte ja nicht mitkommen müssen. Und ich hatte mal wieder meinen Spaß. Ihr wisst doch, ohne Sex kann ich nicht leben. Und wenn ich keinen festen Partner habe, muss ich mir hierfür eben immer wieder mal einen krallen.

Also im Bett war er klasse, ob er mir als Dauerpartner gefallen würde, keine Ahnung. Ist schon gut so wie es ist. Ach übrigens, mit Mike habe ich letzte Woche auch mal wieder eine Session gehabt. Hoffentlich überbewertet er das jetzt nicht.“

Mike ist in Tanja stark verliebt. Er buhlt seit Jahren, aber leider hat das Glück der beiden nur ca. 3 Monate angehalten. Tanja wollte ihn einfach nicht. Als Freund ja, aber auf keinen Fall als Partner. Sie sei halt nicht verliebt, die Schmetterlinge fehlen. Mike ist ein Netter. Witzig, charmant, gebildet und er steht sich auch finanziell nicht schlecht. Fürs Bett war er gut, weil er eben gut war im Bett, aber halt nicht fürs Leben. Da fehlt es ihm an Charisma und Größe, Körpergröße. Er ist vielleicht so um die 1.70 m lang und hat eigentlich für die kleene Tanja die ideale Länge. Tanja aber steht auf 1.80 m und größer. Da kann man halt nichts machen…

„Und, habt Ihr schon wieder telefoniert?“ wollte ich wissen.

„Ja klar“, erwiderte Tanja, „ich hab ihm auch ohne Umschweife gesagt, dass es nur was für eine Nacht war und er das ja wohl hoffentlich genauso sieht.“

„Sieht er es genauso?“ fragte Uli nach.

„Logo, der ist ja nicht auf den Kopf gefallen.“

„Also, irgendwie solltest Du vielleicht doch mal ein bisschen auf die Gefühle dieses armen Geschöpfes Rücksicht nehmen“, ermahnte ich Tanja. „Jeder von uns weiß, dass Du nur mit dem Finger zu schnippen brauchst. Er ist total in Dich verliebt. Das solltest Du nicht ausnutzen.“

„Tue ich doch gar nicht, er hat schließlich auch was davon gehabt.“

„Aber Du schürst das Feuer, Du hältst die Flamme am lodern“, sagte ich. „Du nimmst ihn Dir, wenn Du ihn brauchst, und dann kann er wieder gehen. Das ist unfair. Weil Du ihm die Hoffnung lässt. Womöglich hofft er noch in 10 Jahren und verpasst darüber eine andere Frau, eine die ihn liebt und ihm gut tut, die er auch zu lieben lernen könnte.“

„Das ist dann sein Problem“, entgegnete Tanja. „Ich weiß ja, dass es nicht ganz fair ist. Aber ich kann es nicht ändern. Ich verspreche Euch, dass ich mich bessern werde. Tanja grinste frech.“

„Hast Du eigentlich keine Bedenken, was Deinen Ruf anbelangt?“ frage Helma. „Oder willst Du künftig nach dem Motto leben „ Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert?“

„Ich“ – so Tanja – „mach mir keine Gedanken um meinen guten Ruf. Warum sollte ich mir als Frau nicht das gleiche gönnen, was sich Männer schon seit jeher herausnehmen. Außerdem – von meinen Chat-Bekanntschaften, die ja alle außerhalb wohnen, weiß hier doch keiner was. Und die paar, die ich mir abgreife, können ruhig reden. Ob ein Verheirateter unbedingt über ein sexuelles Abenteuer redet, wage ich zu bezweifeln.“

„Natürlich reden die“, sagte Grit. „Männer reden immer, um sich zu brüsten. Sie sagen es einem Freund – im Vertrauen -, und der erzählt es wieder einem anderen usw. usw.“

„Egal“, erwiderte Tanja, „ich habe eben Bedürfnisse und die leb ich aus. Ohne Punkt und Komma.“

Helma schaute Tanja leicht vorwurfsvoll an. Aber auch Helma war nicht ohne. Stille Wasser gründen ja bekanntlich tief. Nur bei Helma verlief alles etwas anders. Sie stieg nicht mit den Männern ins Bett, sie hielt sie sich für einsame Abende, Kaffeenachmittage, Feiertage etc. warm. Sie bekam es wirklich hin, sich die Kerle vom Pelz zu halten. Wie, war uns allen ein Rätsel.

Helma war so der Typ Frau, der gut zuhören könnte und ebenso gerne redete. Sie konnte stundenlang selbst mit völlig Fremden über irgendwas reden. Es war ihr letztendlich egal, wer da vor ihr stand und was derjenige auf dem Herzen hatte. Helma redete und hörte zu und hörte zu und redete. Auch in Diskotheken. Ich habe das immer sehr an ihr bewundert, zumal ich bei lauter Musik nur noch einen Bruchteil dessen verstehe, was man mir sagt. Und weil ich Gespräche dann für viel zu anstrengend erachte, halte ich mich grundsätzlich von Männern fern, die meinen, mir stundenlang einen ins Ohr flüstern zu müssen. Außerdem interessieren mich die Geschichten und Probleme von Männern, die mich grundsätzlich nicht interessieren, auch nicht.  Anders – wie gesagt – Helma. Wenn sie nicht redet, tanzt sie, am liebsten die Standardtänze, also solche, die man zusammentanzt. Ringelpietz mit Anfassen, was ich wiederum hasse. Mich trifft man nämlich eher in Techno- oder House-Discos an, wo ich so richtig Gas geben und mir meinen Frust von der Seele tanzen kann. Und das am liebsten ganz für mich alleine, ohne ein Gegenüber. Gegenüber hemmen mich nämlich in meiner Möglichkeit, mich zu entfalten. Das mag vielleicht etwas komisch anmuten für eine Mittvierzigerin und manchmal kommen mir auch so meine Bedenken, aber mit etwas Alkohol im Blut sieht man ja ohnehin alles etwas lockerer…

„Was ist denn mit Rainer?“ frage ich Helma. „Schon wieder was von ihm gehört?“

„Nein“, entgegnete Helma, „seit fast 3 Wochen nichts mehr. Der muss erst in aller Ruhe seine Trennung verarbeiten. Ich habe auch keine Lust, ihm ständig mit guten Ratschlägen zur Seite zu stehen und selbst bei Problemen nichts zurückzubekommen. Der ist viel zu zu, viel zu sehr mit sich beschäftigt. Da ist für andere Probleme kein Platz mehr, insbesondere nicht für so schwerwiegende, wie ich sie im Moment mit meiner Mutter habe. Es ist doch immer das Gleiche, man wird ausgenutzt und wenn man dann mal was zurückhaben möchte, kommt nichts. Außerdem bin ich auf sein Balzverhalten nicht eingestiegen. Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht im Traum daran denke, mit ihm eine Nacht zu verbringen.“

„Aber Ihr kennt Euch doch schon seit 3 oder 4 Monaten“, bemerkte Grit. „Da ist es doch normal, dass ein Mann mal was anderes will, als Gespräche oder Händchen halten, oder sehe ich das falsch?“

Helma zog die rechte Augenbraue hoch. Die Bemerkung missfiel ihr, deutlich sichtbar. „Es interessiert mich nicht, was andere für normal halten. Außerdem denke ich gar nicht daran, einem Mann zu Willen zu sein, nur weil er es gerade will. Da bedarf es schon etwas mehr, als nur guter Worte.“

„Richtig“, warf ich ein, „nämlich Taten.“ Wir lachten.

Helma schien für meine Bemerkung kein Verständnis zu haben. Sie begann von ihrer Mutter zu berichten, um vom Thema wegzukommen.

Wir hörten zu. Sie erzählte, dass ihre Mutter mehr und mehr nachließ. Dass sie sich kaum noch Namen zu merken in der Lage war, eben Erlebtes unmittelbar vergaß, den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tag machte. Ihre Mutter litt an Alzheimer-Demenz. Den wenigen lichten Momenten, die sie noch hatte, folgten schwerwiegende Bewusstseinsstörungen. Sie erkannte in ihrer Schwester ihre Mutter, in ihrer Schwägerin ihre Cousine usw. Auch glaubte sie zuweilen, ihr Mann lebe noch. Sie nässte ein, zog sich die Kleidung in Gegenwart fremder Menschen aus und verlor zusehends den Bezug zur Realität.

Wir waren erschüttert. So wir noch Eltern oder zumindest ein Elternteil hatten, drohte uns schließlich allen, irgendwann einmal Gleiches durchleben zu müssen. Ein Elternteil sich zum Kind zurückentwickeln zu sehen, hatte schon etwas Ernüchterndes, Erschreckendes. Keiner von uns mochte es sich so richtig vorstellen. Wir lauschten Helma angespannt und waren froh, als Hannah wieder mal einen Witz einwarf. So konnten wir das Thema wechseln, ohne Helma das Gefühl zu geben, dass uns ihre Probleme womöglich nicht interessieren.

Aber schließlich wollten wir ja etwas Spaß haben. Nicht den ganzen Nachmittag, aber doch wenigsten den halben.

Hannah war auch seit ca. 1 ½ Jahren wieder in einer festen Beziehung. Der Mann war ihr quasi über den Weg gelaufen. Es war sicherlich nicht ihr Traummann, aber er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und er war für sie da. Er, gerade verwitwet, tat ihr gut und sie ihm.

Hannah erzählte, dass sie mit ihm in Rom war.

„Ach der Kurz-Urlaub war ja wirklich schön“, bemerkte Hannah trocken. „Wir haben uns alles angeschaut, was Rom an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Ich kenne sämtliche Kirchen und mit ihnen ihre Geschichten. Und auch alle Steine kenne ich jetzt.“

„Oh, hat Max ein Faible für Kirchen und alte Gemäuer?“ fragte ich.

„Nein, aber er hat keine Fantasie, wisst Ihr“, entgegnete Hannah. „Wir haben unseren Urlaub nach einem Urlaubsführer ausgerichtet. Den hat wohl der Papst verfasst. Weil in ihm fast ausschließlich Kirchen und kirchliche Gemäuer ausgewiesen wurden. Und so sind wir dann – dem Heft und den darin angepriesenen Sehenswürdigkeiten treu ergeben – von Kirche zu Kirche gepilgert, um uns zu bilden. Ach ja, wenn wir mal nicht in irgendeiner Kirche waren, haben wir irgendwo etwas gegessen oder getrunken. Und da wir beide nicht über große Reichtümer verfügen, begnügten wir uns mit Snacks. Das Schärfste war dann die Rückreise. Max ist ja wirklich ein Genie. Und so umständlich. Er wurde und wurde nicht fertig mit Kofferpacken und Toilette, so dass wir viel zu spät am Flughafen eintrafen. Und nicht nur das, er meinte auch unbedingt, zu einer anderen Abflughalle gehen zu müssen. Erst als ich ihm gesagt habe, dass ich nicht bereit bin, ihm bedingungslos zu folgen, meine Utensilien nahm und schnurstracks die Richtung wechselte, hat er kehrt gemacht und ist er mir dann – wild gestikulierend und schimpfend – hinterher. Wie sich herausstellte, hatte ich mal wieder Recht. Gut, dass ich durchgegriffen haben, wir hätten um ein Haar den Flieger verpasst.

Ich habe dann den ganzen Rückflug über kein Wort mehr gesagt, weil es nämlich sonst zu einer lautstarken Auseinandersetzung gekommen wäre. So ist er eben, mein Max. Er ist schon ein ganz besonderer Mann.“

An Hannahs Gesichtsausdruck war erkennbar, wie sie das mit dem besonderen Mann meinte. Gewöhnungsbedürftig wäre der passendere Ausdruck gewesen.

Max war wirklich ein Unikat. Er hatte keinen festen Job. Vielmehr verhökerte er im Internet, was er zuvor – ebenfalls im Internet – erworben hatte. Manchmal verdiente er ganz gut, manchmal so gut wie nichts. Hannah, die als Krankenschwester ihr Geld verdiente und nur eine Teilzeitstelle ausüben konnten, weil sie ihrem Ex gegenüber sonst unterhaltspflichtig gewesen wäre, musste Max von ihren paar Kröten zuweilen noch mit unterstützen. Sie kochte öfter für ihn mit, wusch und bezahlte den größeren Teil der Urlaubskosten. Hannah hat 2 Söhne, einer ist 23 und der andere 17 Jahre alt. Der Jüngste hat gerade eine Lehrstelle angefangen und macht eigentlich keine großen Probleme. Der Ältere hingegen hat die 1. Ausbildung geschmissen, die 2. dann mit viel Glück erfolgreich zu Ende gebracht. Seine große Klappe und sein ständiges Aufbegehren gegen den Juniorpartner seines Chefs führten dann allerdings dazu, dass er nach der Ausbildung keine Festanstellung erhielt. Er steht jetzt ohne Job da. Und Hannah muss auch ihn mit durchs Leben schleppen.

Ich habe Mitleid mit Hannah. Schließlich kenne ich das Gefühl, nicht zu wissen, wie es weiter gehen wird, auch finanziell. Nur durch glückliche Umstände habe ich nach einigen Monaten des Lotterlebens und schrecklicher Einsamkeit – davon später mehr – wieder eine mich ausfüllende Tätigkeit gefunden. Dank des Unterhaltes, den ich während dieser Zeit von meinem Ex bekommen habe, konnte ich mich jedoch einigermaßen gut über Wasser halten.

Nur war da diese permanente Unsicherheit und gebliebene Abhängigkeit, die mich oftmals schier verzweifeln ließ. Vor allem, als nach gerade einmal 3 ½-monatiger Trennung schon eine Neue bei ihm einzog. Die beiden hatten ein paar Mal miteinander „gevögelt“ und dann einen einwöchigen Urlaub gemeinsam verbracht. Die Frau hatte danach nichts Besseres zu tun, als ihrem Ehemann, dem wohl eine Veränderung an ihr aufgefallen war, auf Nachfrage umgehend zu beichten, dass sie mit meinem Ex ein Verhältnis hat. Was dann folgte, ist wohl klar. Hässliche Auseinandersetzungen, Vorwürfe, Drohungen. Angeblich konnte sie es nicht mehr beim ihm aushalten. Also machte sie auf arme, hilflose, kleine Frau, die ob der schrecklichen Situation nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein schien und es schließlich schaffte, das Herz meines Ex zu erweichen und Unterschlupf bei ihm zu finden. 1 ½ Wochen nachdem sie ihrem Mann ihr Verhältnis mit meinem Ex gebeichtet hatte. So schnell kann das gehen, wenn man es richtig anfängt. Männer sind ja sooo blöd.

Gekannt haben sich beide zu diesem Zeitpunkt vielleicht 3 Monate, davon 1 ½ intim. Die beiden Söhne, ein 20jähriger aus 1. Ehe und ein 17jähriger aus der Ehe mit dem jetzigen Mann, ließ sie bei diesem.

Mein Ex ist sehr gut situiert. Und reiche Männer üben ja auf viele Frauen eine besondere Anziehungskraft aus.

Als ich ihn kennen lernte, war er noch ein Angestellter in leitender Position. Er verdiente nicht schlecht und hatte es dank der hohen Provisionen, die ihm seine Tätigkeit als Filialleiter zusätzlich zum Gehalt einbrachte, bereits zu einem eigenen Haus gebracht, das allerdings noch mit Krediten belastet war. 10 Jahre älter als ich besaß er genau das Charisma und die Ausstrahlung, die ich bei Gleichaltrigen immer schmerzlich vermisste. Er wirkte so überlegen, er hatte schon so vieles hinter sich, auch eine Ehe. Ich habe mich damals Hals über Kopf in ihn verliebt, in seine Stärke, seine Durchsetzungskraft, seine rhetorische Gewandtheit. Wir haben uns einander langsam angenähert, zunächst viel telefoniert, dann sind wir immer öfter zusammen ausgegangen und schließlich haben wir jeden Mittwochabend und die Wochenenden miteinander verbracht. Ich arbeitete damals noch als Sachbearbeiterin in einer Behörde. Der Job war interessant und vielseitig, er erforderte aber auch jede Menge Überstunden. Ich stand deshalb an vielen Wochenenden einfach nicht zur Verfügung, weil ich da mit irgendwelchen Delegationen unterwegs war. Ihm stank das. Mir eigentlich auch. Ich hatte sodann das Glück, dass eine Bewerbung zu einem Großunternehmen auf Anhieb fruchtete. Als Assistentin des Geschäftsführers hatte ich eine verantwortungsvolle Position und auch ein gutes Einkommen. Und ich hatte einigermaßen geregelt Feierabend sowie an den Wochenenden komplett frei.

Zur Zeit unseres Kennenlernens hatte ich gerade seit ca. 10 Monaten eine eigene Wohnung. An den Wochenenden bin ich – wie gesagt -  meistens zu ihm gefahren, weil es sich in seinen 170 qm einfach besser wohnte als in meinen 65. Irgendwann nach ca. 3 Jahren fragte er dann, ob ich nicht zu ihm ziehen wolle. Wir überlegten nicht lange hin und her. Ich verkaufte meine komplette Wohnungseinrichtung für fast den gleichen Preis, für den ich sie erworben hatte, und zog zu ihm.

Zu dieser Zeit war mir der doch sehr schwierige Charakter meines Ex schon des Öfteren unangenehm bewusst geworden. Er war ein wenig cholerisch und zuweilen in seinem Denken unberechenbar. Irgendwie fehlte es ihm auch an Mitgefühl. Was seine Mitmenschen dachten und fühlten, war ihm egal. Seinen Worten zufolge brauche er niemanden, er brauche keine Freunde, auf Familienklüngel lege er keinen Wert und wer sich ihm nicht anpasst, habe eben Pech und könne gehen. Außerdem – so seine Worte – sei für ihn grundsätzlich gegessen, was einmal gegessen sei. Das heißt, es gibt keine Wiederholungen. Abgehakt ist abgehakt, gestorben ist gestorben. Freunde hatte er keine, nicht einen. So richtig geglaubt habe ich ihm diese Worte eigentlich nie. Ich habe sie für Selbstschutz gehalten.

Ich erinnere mich noch an unseren ersten gemeinsam verbrachten Urlaub, so ca. 1 Jahr nach unserem Kennenlernen. Wir fuhren nach Italien ans Meer. Er besaß dort gemeinsam mit seinen Eltern, mit denen er eigentlich immer irgendwie Stress hatte, eine ca. 90 qm große Wohnung. Sein Vater brachte uns morgens zum Flughafen. Die ganze Fahrt dorthin war gekennzeichnet von Auseinandersetzungen mit dem alten Herrn. Dieser, ebenfalls nicht gerade einfach im Umgang, hatte eine ebenso konsequente und unnachgiebige Ader wie mein Ex auch. Da prallten eben 2 Extreme aufeinander. Ich war froh, endlich am Flughafen angelangt zu sein und diese Streitigkeiten beendet zu sehen. Mein Ex, innerlich total aufgewühlt und gestresst, war die Hektik in Person. Alles ging ihm nicht schnell genug. Mit der Dame an der Abfertigung legte er sich ebenso an wie anschließend mit der Kellnerin im Café. Als wir uns sodann aufmachten, den Flieger zu besteigen, entdeckte er einen Fußballtrainer. „Guck mal dort, da steht Kalle Feldkamp“, bemerkte er. Ich drehte mich um, erblickte ihn, und erwiderte: „Na ja, für Götz George hätte ich mich lieber umgedreht“. Ich muss dazu sagen, dass mein Ex mit Fußball so rein gar nichts am Hut hatte und ich diese Bemerkung nur so laut von mir gab, dass außer meinem Ex niemand etwas davon mitbekam. Dennoch reichte dieser Satz wohl irgendwie aus, um hochgradig brüskiert zu sein. Er strafte mich mit einem Blick ab, der an Eiseskälte kaum zu überbieten war und den ich in meinen 22 Jahren mit ihm noch sehr, sehr oft ertragen musste. Und er sagte nichts mehr, nicht im Flugzeug, nicht auf der Fahrt zur Wohnung. Dort angekommen flippte er schließlich aus. Sollte ich noch einmal eine solch blöde Bemerkung von mir lassen, könnte ich ihn von seiner besten Seite kennen lernen. Er hätte ohnehin große Lust, mir eine Briefmarke auf den Arsch zu kleben und mich umgehend zurückzuschicken oder besser noch, am liebsten würde er mich vom Balkon werfen. Die Wohnung lag übrigens im 6. Stock. Ich weiß noch, dass ich damals dachte, er leide an einem Höhenkollaps, dass ihm der Flug und der Stress rundherum irgendwie nicht bekommen seien. Trugschluss, es lag weder an der Höhe noch am Stress, er war so.

Und es sollte noch schlimmer kommen. Nachdem er sich halbwegs wieder beruhigt hatte und die Koffer ausgepackt waren, machten wir uns daran, die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Alles war eingehüllt in Tücher und Decken, damit nichts zustaubt. Es dauerte ca. 2 Stunden, bis die Wohnung bewohnbar war, ich Staub geputzt und durchgesaugt hatte. Sodann gingen wir essen. Wir trafen uns mit Bekannten von ihm, die zur gleichen Zeit ebenfalls vor Ort weilten, 20 Jähre älter als er und somit 30 Jahre älter als ich. Die beiden waren nett. Sehr umgänglich. Wir aßen zusammen, plauderten ein wenig über vergangene Zeiten und über dies und das. Dann machten wir uns auf den Weg, die Ortschaft zu erkunden. Es gab nicht viel zu sehen. Der Ort war klein. Entlang der Strandpromenade reihte sich eine Gaststätte an die nächste, wie das in Urlaubsorten häufig der Fall ist, und auch eine kleine Disco war vorhanden. Mein Ex trank Bier und dann Wein und dann Fernet Branca. Ich trank auch, 1 Bier und 2 Whiskey. Zu vorgerückter Stunde kam er dann auf die Idee, noch in die Disco zu gehen. Die beiden Bekannten verabschiedeten sich und wir machten sein Vorhaben wahr. Nach kurzem Aufenthalt an der Theke hatten wir Lust zu tanzen. Und auf der Tanzfläche kam es dann zum Eklat. Einer der Jungs dort, ein Einheimischer deutscher Abstammung, tanzte mit einer Zigarette in der Hand. Mein Ex fühlte sich von ihm belästigt und forderte ihn auf, die Zigarette wegzulegen. So kam es dann zum Wortgefecht. Der tanzende Raucher, ebenfalls sehr alkoholisiert, gab sodann zu verstehen, dass man das Wortgefecht vor der Tür beenden könne, und zwar in einem Schlagabtausch. Meine Versuche, meinen Ex zur Vernunft zu bringen, halfen nicht. Er kneife nicht und so ein ‚Piefel’ könne ihm ohnehin nichts anhaben. Wir gingen dann irgendwann hinaus, wo der Typ noch immer wartete. Wieder kam es zu einer verbalen Auseinandersetzung und dann folgte die Aufforderung an meinen Ex, an den Strand zu gehen und die ganze Sache Zahn um Zahn auszutragen. Mein Ex folgte ihm. Ich konnte es nicht nachvollziehen. Gerade damit beschäftigt, sich seine 250 Euro-Schuhe auszuziehen, die ja nicht beschmutzt werden sollten, bekam er auch schon 2 Schläge ab. Einen aufs linke, den anderen aufs rechte Auge. Er fiel zwar nicht um, war aber sichtlich geschockt, sprach von Unfairness und davon, dass der Typ aufpassen solle, wohin er gehe, weil er ihm fortan auf den Fersen sei. Er schlug nicht zurück. Er wolle sich seine Finger nicht schmutzig machen an so einem Schwein, erklärte er.

Die dem Geschehen Beiwohnenden standen auf der Seite meines Ex. Dass er nicht zurückschlug, was das einzig Gute an der ganzen Sache. Hätte der Schläger nämlich auf halbtot oder schwer verletzt gemacht, hätte es meinen Ex teuer zu stehen kommen können. Stattdessen tobte er, immer wieder von Unfairness sprechend und davon, dass sich der andere hüten solle, ihm bei Mondschein zu begegnen.

Irgendwann gingen wir dann nach Hause. Seine Augen waren zugeschwollen und wiesen bereits eine satte blaue Verfärbung auf. Es muss so gegen 3 Uhr nachts gewesen sein. Den Rest der Nacht waren wir damit beschäftigt, ihm die Augen zu kühlen und irgendwelche Mittelchen aufzutragen, damit die Schwellung zurückging. Aber sie ging nicht zurück. Ich fand in der Nacht keinen Schlaf mehr. Mein Ex auch nicht.

Morgens bin ich dann sofort losgezogen, eine blickdichte Sonnenbrille und entsprechende abschwellende Mittel in der Apotheke zu kaufen.

Irgendwie tat er mir Leid, wenngleich ich kein Verständnis dafür hatte, dass er in seinem Alter nicht einfach den Klügeren gemimt und frühzeitig das Feld geräumt hatte. Wir hätten einfach nur gehen sollen, ohne Einmischung. Aber es war wie es war. Nichts ließ sich mehr ändern.

Die Brille war dunkel und groß genug, um die Veilchen zu verdecken, so dass wir wenigstens das Haus verlassen konnten. Mein Ex fand den Urlaubsstart wohl auch ziemlich missglückt und fing nun an, mir immer und immer wieder zu beteuern, wie er sich er mich doch liebe. Ich selbst fand die ganze Situation sehr eigenartig und an seine Liebesschwüre mochte ich nicht so recht glauben.

Von dem Vorfall am Strand hat er viel geredet in dem Urlaub. Und immer und immer wieder schwor er dem Schläger Rache. In Gegenwart seiner Bekannten, unseres Wirtes, unserer Nachbarn. Ich hörte geduldig zu und sagte nichts. Ich dachte mir nur meinen Teil. Eines Tages inmitten des Urlaubs kam der Schläger dann zu mir an den Pool. Mein Ex war gerade nicht zugegen. Er kniete sich nieder und bat mich, meinem Ex seine Entschuldigung auszurichten. Es wäre wohl etwas zu viel Alkohol im Spiel gewesen und er habe einfach Angst gehabt und deshalb die Gunst des Augenblicks genutzt, zuzuschlagen, bevor er womöglich selbst was abbekommen hätte. Ich erklärte ihm, dass sein Verhalten sowohl auf der Tanzfläche als auch später am Strand zu wünschen übrig gelassen habe, dass ich kein Verständnis aufbringen könne, seine Entschuldigung aber weitergeben wolle. Er ging dann.

Mein Ex wollte von der Entschuldigung natürlich nichts wissen. Er gönne ihm nur Schlechtes. So ein Bastard sei überflüssig auf dieser Welt. Die Brille musste er übrigens fast während der gesamten 3 Urlaubswochen tragen. Wenngleich die Schwellungen nach gut einer Woche merklich zurückgegangen waren, die Veilchen, zunächst satt blau, dann violett, grünlich violett und schließlich irgendwie gelblich-violett, waren nicht zu übersehen.

Jahre später dann, sollten sich seine schlechten Wünsche erfüllen. Der Schläger kam irgendwann um die Weihnachtszeit durch einen tragischen Unfall ums Leben. Er wurde überfahren, als er nachts auf dem Heimweg war und die Hauptstraße entlanglief. Der Unfallverursacher hat sich aus dem Staub gemacht und der Schläger lag – bereits tot oder sterbend – stundenlang im Straßengraben, wo er dann morgens gefunden wurde.

Die Bekannten meines Ex waren kurze Zeit später zu einem Kurzurlaub in ihrer Wohnung in Italien und haben uns sofort telefonisch unterrichtet. Ich erinnere mich noch an die Reaktion meines Ex: Er lachte höhnisch und meinte, dieses Schwein habe es nicht anders verdient.

Ich hatte dafür kein Verständnis. Im Gegenteil, ich habe meinen Ex in diesem Moment irgendwie verabscheut. Vielleicht auch, weil sich das Leben an seiner Seite alles andere als einfach und locker gestaltete. Weil er rücksichtslos war, seine Unzufriedenheit an anderen und insbesondere an mir ausließ, mit allem haderte und in jeder anderen Meinung eine persönliche Anfeindung sah.

Ich blieb trotzdem, heiratete ihn sogar, 7 Jahre nach unserem Kennenlernen, natürlich nicht. ohne vorher einen Ehevertrag abzuschließen, auf dem er bestand und den er auch durchsetzte. Dass ich im Falle einer Scheidung mit fast nichts dastehen würde, war mir schließlich egal. Ich hatte ja einen gut bezahlten Job. Und aufmucken hätte ohnehin nichts geändert. Was er wollte, setzte er durch. Ich hätte ja gehen können.

Wir hatten natürlich auch schöne, harmonische Zeiten zwischendurch. Mal währten sie 2, mal 3 Wochen. Er hatte während dieser Zeit seine Position als Filialleiter geschmissen, weil ihm der neue Geschäftsführer nach dem Ableben des alten nicht behagte. Dieser mischte sich wohl zu sehr in die Belange meines Ex ein. Mein Ex erhielt eine Abfindung und sann nun darüber nach, in welchem Bereich er sich selbständig machen könne. Schließlich kam er auf die zündende Idee. Es begann schleppend mit der Selbständigkeit. Ich, die ich ja mittlerweile bei ihm wohnte, kam vom Beginn unseres Zusammenlebens an für die täglichen Lebenshaltungskosten auf. Ich verdiente ja gut und bezahlte alles, was im Haushalt vonnöten war. Er zahlte, wenn wir ausgingen und er besorgte die Getränke. Die Kosten fürs Haus, das ja auch sein Eigen war, trug er ebenfalls. Er hielt es auch für selbstverständlich, dass ich für Essen, Medikamente, Putzmittel usw. alleine zuständig war. Er meinte, dass ich mich glücklich schätzen könne, in einem solch exklusiven Haus in 1a-Lage wohnen zu dürfen, und er mir keine Miete abnähme.

Ich habe mir meinen Teil gedacht und ich war der Meinung, dass man wohl so sein muss, um es zu etwas zu bringen. Irgendwie konnte ich ihn sogar verstehen. Andere wiederum hatten dafür überhaupt kein Verständnis. Mussten sie ja auch nicht. Die Selbständigkeit verlangte meinem Ex immer mehr Zeit ab. Aber sie lohnte sich. Sehr sogar. Es lief besser und besser. Er kam dann auf die Idee, zu expandieren. Wir überlegten, wie sich das alles am besten vereinbaren ließe, und kamen schließlich zu dem Schluss, es gemeinsam zu versuchen. Dies auch, weil ich in meinen Job immer stärker eingebunden war und mein Chef den Anspruch erhob, künftig meine Urlaube in die gleiche Zeit zu legen, in der er Urlaub macht. Dies auch, weil er der mich vertretenden Kollegin nicht traue und mit ihr nicht gerne zusammenarbeiten wolle. Er fuhr grundsätzlich während der Schulferien weg, musste er mit schulpflichtigen Kindern auch. Mein Ex fand das überhaupt nicht komisch. Er sei auch nicht bereit, seine Urlaube nach den Urlauben meines Chefs auszurichten. Er könne ihn mal kreuzweise. Es gab noch so ein paar andere Sachen, die mir meine Arbeit verleideten, und so fiel es mir dann auch nicht schwer, meinen Job zu kündigen.

Die Zeit unserer Selbständigkeit war kein Zuckerschlecken. Wir waren rund um die Uhr unterwegs, beide. Auch an den Wochenenden. Aber es lief. Es lief so gut, dass mein Ex immer öfter davon sprach, es bis 50 geschafft haben zu wollen. Ich selbst hatte es mir ausbedungen, den gleichen Verdienst zu erhalten wie in meinem letzten Job. Er willigte damals ein, gab aber nach kurzer Zeit schon zu verstehen, dass dies ja wohl ein viel zu hohes Gehalt sei. Komisch, vorher befand er es – von seinem Gehalt ausgehend – immer als eine Art Hungerlohn. Natürlich kam ich weiterhin für den kompletten Haushalt auf. Mein verdientes Geld ging also weitestgehend drauf. Haushalt, Sprit, Steuern, Versicherungen, zusätzliche private Krankenversicherung, Kleidung, Geschenke usw. usw. fraßen es auf. Und es sollte noch ärger kommen. Ihm war das Bruttogehalt zu hoch. Er müsse zu viele Sozialversicherungsabgaben zahlen. Also wurde es von Jahr zu Jahr mehr eingekürzt. Weihnachtsgeld bekam ich ohnehin nicht. Sparen durfte ich auch nicht. Weil wir ja von meinem Geld lebten. Netto hatte ich keine Verluste. Ich bekam die Differenz zu meinem durch die Absenkung meines Bruttolohnes mehr und mehr schwindenden Nettogehalt bar von ihm ausgezahlt. Hätte ich geahnt, was noch alles auf mich zukommt, ich hätte mich niemals darauf eingelassen.

Insgesamt gesehen darf ich nicht sagen, dass mein Ex knauserig gewesen wäre. Nein, war er wirklich nicht. Er war zuweilen sogar sehr großzügig. Er wollte eben nur nicht für etwas zahlen, was er auch für ihn günstiger hat regeln können. Auch das habe ich verstanden. Man versteht ja ohnehin fast alles, wenn man verheiratet ist. Und ich als Wassermann, verstehe sowieso und sehe grundsätzlich bei allem, was ansteht, mehrere Lösungsmöglichkeiten. Abgesehen davon habe ich auch nicht damit gerechnet, mit Mitte Vierzig vor den Trümmern meiner Ehe zu stehen. Ich war der festen Überzeugung, mit diesem Mann alt zu werden. Die viele Arbeit, die gemeinsamen Sorgen, das gemeinsam Durchlebte, all das schweißt doch zusammen, dachte ich. Und wenn die Schaffensjahre einmal vorüber sind, wird sich seine Unzufriedenheit auch bessern, sein ständiges Genörgel, seine Unfairness mir gegenüber, sein Gehadere mit allem und jedem. Dann können wir uns ein schönes Leben machen und unsere Zweisamkeit genießen… Weit gefehlt.

Was hab ich in diesem Jahren alles durchgemacht mit ihm. Er fand wirklich in allem ein Haar in der Suppe. Nicht nur, dass ich einen Fulltimejob hatte, mich um unser Personal kümmern musste, um die Gehälter, die diversen Einkäufe, die Organisation des eigenen Haushalts mit allen Einkäufen und Reinigungsaufwendungen, um Partys, die bei uns stattfanden, ich bekam für fast alles einen aufs Haupt. Mal passte ihm dies nicht, mal das nicht. Ja, er brachte es fertig, mir vorzuschreiben, welchen Schrubber ich beim Reinigen unseres Hauses zu verwenden hatte. Es ging so weit, dass er mir verbot, zu den Zeiten, in denen er sich morgens im Haus aufhielt, überhaupt zu putzen. Furchtbar. Und ich bin bei ihm geblieben. Aber mein Selbstbewusstsein schwand. Zusehends. Und mit dem schwindenden Selbstbewusstsein traten körperliche Problem auf. Hautirritationen, die mich belasteten, dann ständige Müdigkeit, der ich nicht Herr wurde und schließlich Kopfschmerzen, tagein, tagaus. Ich war am Ende.

Seinem Vorsatz blieb er treu. Im Alter von 50 verkaufte er nach und nach seine Geschäfte. Ein letztes behielt er. Aus einem ganz einfachen Grund. Ich war bei ihm angestellt. Und er wollte mich nicht privat versichern. Das wäre ihm wohl zu teuer geworden. Meinen Vorschlag, mir einen Teilzeitjob zu suchen, wies er von sich. Er habe absolut keine Lust, sein Leben und seine endlich erworbene Freiheit nach einem nichts einbringenden Scheißjob von mir auszurichten. Ich könne das Leben jetzt genießen. Und wenn es mir nicht passt, könne ich ja die Koffer packen und gehen. Damals war ich 41.

Er hat bei allen Gelegenheiten, vor allem dann, wenn ich anderer Meinung war als er und ihm dies auch kundtat, erklärt, dass ich ja gehen könne. Wem es hier nicht passt, der kann ja seine Koffer packen und gehen. Geh doch, wenn Du glaubst, es irgendwo anders besser anzutreffen. Du wirst schon merken, was Du an mir hast. Immer und immer wieder. Es fanden bei uns auch keine klärenden Gespräche statt. Er sagte, was er wollte, und wenn ich es ihm gleichtat, kam der Satz mit dem Koffer. Probleme wurden bei uns nicht gelöst, sie wurden unter die nicht vorhandenen Teppiche gekehrt. Wären sie als Haufen sichtbar geworden, er hätte bis unter die Zimmerdecke gereicht.

Ich begann irgendwann einmal, eine Freundin zu meiner Vertrauten zu machen. Ich konnte nicht mehr. Unsere Freunde und Bekannten hatten ihn ja schon von allen Seiten kennen gelernt. Sie wussten, dass sie in seiner Gegenwart vorsichtig sein mussten. Dass sie ihm nicht großartig widersprechen durften. Dass er wegen Nichtigkeiten ausrasten konnte und sein sehr eigenes Bild von anderen Menschen hatte. Aber er war mein Mann und sie tolerierten ihn. Sie tolerierten auch, dass er bei gemeinsamen, in unserem Haus stattfindenden Diners stets irgendetwas suchte und auch fand, das zu Kritik Anlass gab. Mal war es der nicht vorgeheizte Teller, mal 20 ml Suppe zu viel in der Suppentasse, mal die angeblich etwas zu weich geratene Nudel, mal dies, mal das. Allen hat es geschmeckt, alle kamen immer gerne zu mir zum Essen, und meistens blieben sie auch lange. Nur er nörgelte. Er nörgelte auch noch danach. Obwohl ich die Küche immer bereits während des Essens wieder auf Hochglanz brachte, die Spülmaschine ein- und ausräumte, standen doch zu guter Letzt immer noch Gläser und Flaschen sowie Snackteller etc. herum. Das reichte ihm schon, um die Krise zu kriegen. Er würde eine solche Idiotie nicht noch öfter mitmachen. Er könne auch in ein Restaurant gehen und für sein Essen bezahlen. Dann habe man zu Hause den Dreck nicht und, und, und. Jedes Mal dasselbe.

Auch die Abende im Kreise der Familie verliefen nicht anders. Sobald seine Eltern zugegen waren, ging es los. Kein Satz war richtig, jede Bemerkung eine zu viel. Die Streitigkeiten, insbesondere mit seinem Vater, waren Nerv tötend. Meinen Eltern und mir grauste es vor jedem neuen gemeinsamen Treffen. Ob sie im Restaurant stattfanden oder bei uns zu Hause, es endete im Krach. Weihnachten war immer besonders schlimm. Ich habe an Heiligabend immer seine und meine Eltern zum Essen eingeladen. 15 Jahre lang, 12 Jahre lang gab es Stress pur. Mit seinem Vater. Sie wollten sich schon gegenseitig die Köpfe einschlagen. Der Alte ging, der Junior schimpfte, die Mutter ging schimpfend hinterher oder der Alte wurde rausgeschmissen und mit ihm die Mutter und auch meine Eltern. Dann starb der Vater und wir alle dachten, so jetzt hat der Terror ein Ende. Aber er hatte kein Ende. Es war mein Ex, der nach wie vor für Terror sorgte. 2 Jahre mit seiner Mutter und schließlich dann mit meinem Vater. Mein Vater hatte schon im Vorfeld gesagt: „Pass auf, wenn der Alte tot ist, bin ich an der Reihe“. Ich habe ihn damals belächelt. „Quatsch“, sagte ich, „Ihr habt doch noch nie große Probleme miteinander gehabt“. Mein Vater sollte Recht behalten. Das letzte gemeinsame Weihnachtsfest begann mit Vorhaltungen an die Mutter. Als sich mein Vater dann einzuschalten versuchte, rastete mein Ex aus und warf ihn mit mehreren Rückenstößen, damit es schneller ging, aus dem Haus.

Das war dann auch der Moment, der mir den Rest gegeben hat. Ich habe ihm noch in der gleichen Nacht gesagt, dass ich gehen werde.

So konnte und wollte ich einfach nicht mehr weitermachen.

Was folgte, waren die üblichen Beleidigungen im Fäkalienjargon. Pissflinte, Pflaume, Wichsblase waren nur einige dieser mir durch und durch bekannten Ausdrücke. Und mein Entschluss festigte sich, welche Konsequenzen er auch immer für mich haben würde.

Ich fand in dieser Nacht keinen Schlaf, weinte mir die Augen aus dem Kopf. Mein Ex verbrachte die Nacht im Wohnzimmer. Am 1. Weihnachtstag ging ich dann – wie in jedem Jahr, nur dieses Mal allein – zu meinen Eltern. Es war ein schrecklicher Tag. Wir weinten, alle drei. Mein Vater erklärte, dass er nie wieder einen Fuß in das Haus meines Mannes setzen würde, und ich erklärte, dass er das auch nicht brauche, weil ich mich ja von ihm trenne.

Abends dann ging es im Hause meines Mannes weiter mit den Vorwürfen. Er wurde sehr unfair. Ich weinte und weinte und weinte. Auch der 2. Weihnachtstag war geprägt von Auseinandersetzungen. Schließlich weinte mein Ex auch. Es war das 1. Mal, dass ich ihn weinen sah. Ich bat ihn, sich bei meinem Vater zu entschuldigen. Und er bemerkte, dass er nicht daran denke, weil es schließlich mein Vater gewesen sei, der ihn herausgefordert hat.

Irgendwie war es wie immer. Einsicht fehlte ihm. Und anstatt sich mit dem von ihm fabrizierten Mist auseinanderzusetzen, wies er jegliche Schuld von sich und suchte sie bei den anderen. Dieses Mal bei meinem Vater. Das sollte auch so bleiben.

In der folgenden Woche weinten wir beide viel. Aber es gab kein Zurück mehr. Er beharrte auf seinem Standpunkt. Er wusste auch um meine Verbundenheit zu meinen Eltern und gab an, dass es im Angesicht meiner engen familiären Bindungen zu meinen Eltern wohl keine andere Lösung gäbe. Er wolle meinen Vater nie wieder sehen und solle er ihm in der Stadt begegnen, wäre er gut beraten, die Straßenseite zu wechseln. Andernfalls würde er ihn umrennen.

Mein Mann tat mir Leid. Ich war im Laufe der Jahre mit ihm zu der Überzeugung gelangt, dass sein Verhalten auf schlechte Kindheitserlebnisse zurückzuführen sei. Darauf, dass seine Mutter versagt hat und darauf, dass sein Vater ihm womöglich zu viel abverlangt hat. Von seiner Mutter habe ich ohnehin nicht viel gehalten. Sie war falsch. In der Ehe gab es nur wenig Liebe, keine Zärtlichkeiten, keine Streicheleinheiten. Auch mein Exmann hat als Kind keine Liebe bekommen. Von ihr nicht und auch nicht vom Vater, der ohnehin keine Gefühle zeigen konnte. Statt Liebe gab es Geschenke und später dann ein Auto und noch ein Auto. Das aber ist nicht das, was ein heranwachsender Mensch braucht. Wahrscheinlich hat ihn all das geprägt. Die mangelnde Zuneigung hat ihn sich einschotten lassen. Auch er konnte nicht gut Gefühle zeigen. Er war ein harter rocken, ein Kerl, ein Macho. Und auch er meinte, mit seinem Geld alles kaufen zu können, einschließlich Liebe.

Ich lasse mich aber nicht kaufen. Ich brauche Liebe, Zuneigung, Zärtlichkeit, Anerkennung, das Gefühl, für meinen Partner wichtig zu sein, gemocht und respektiert zu werden.

Überdies kam ich immer mehr zu dem Schluss, dass sein Verhalten mir gegenüber wohl auch stark mit dem Scheitern seiner ersten Ehe in Zusammenhang zu bringen sei. Er hatte mir mal erzählt, dass die gemeinsamen Planungen mit seiner damaligen Frau dahingingen, ein ganz normales Leben mit Kindern zu führen. Der Mann beschaffe das Geld, die Frau kümmere sich um Haushalt und Familie, so wie es üblich sei. Seine Frau habe sich aber dann entschieden, beruflich voranzukommen und begonnen, mehrere dafür erforderliche Abschlüsse nachzuholen. Durch die ganze Lernerei und damit verbundenen Weiterbildungsverpflichtungen sei dann alles aus den Fugen geraten. Man habe die gemeinsamen Ziele aus den Augen verloren und sich mehr und mehr entfremdet. Die logische Konsequenz sei dann irgendwann die Scheidung gewesen.

Viel später sollte ich dann die Wahrheit erfahren, und zwar ausgerechnet von seiner Mutter, die ich ja nicht sonderlich schätzte. Sie zog eigentlich alle und jeden ständig durch den Kakao, insbesondere jene gerne, die sich besonders um sie bemühten und ihr auch immer hilfreich zur Seite standen. Ich wertete das als schlechten Charakterzug und einmal meine Meinung gebildet, war ich fortan auf der Hut, sobald ich in ihre Nähe kam.