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Wo ein Baby ist, ist das romantische Chaos nicht weit.
Hebamme Juli, 38, lebt ihren Traumberuf: Für sie gibt es nichts Schöneres, als Frauen auf dem Weg zum Baby zu begleiten. Mit der eigenen Familiengründung hat es bislang nicht geklappt, der Richtige war einfach noch nicht dabei – eigentlich kein Problem. Doch dann wird sie ungeplant schwanger von einem One-Night-Stand – schon ein größeres Problem. Als sich der Kindsvater dann auch noch als Lebensgefährte ihrer neuen Lieblingsklientin Emily entpuppt, gerät Juli in einen Strudel widerstreitender Gefühle ...
Ein hochkomischer, wunderschöner Roman von Bestsellerautorin Ellen Berg über die Überraschungen der Liebe zwischen Fruchtbarkeits-Hacks, fassungslosen Vätern und Baby-Blues
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Seitenzahl: 393
Veröffentlichungsjahr: 2024
Hebamme Juli liebt ihren Beruf über alles: Frauen auf ihrem Weg zum Baby und zum Muttersein zu begleiten ist genau das, was sie immer wollte. Mit dem eigenen Baby hat es noch nicht geklappt, aber dazu fehlte bislang auch der passende Mann. Doch dann steht ihre Welt kopf: Nach einem One-Night-Stand ist sie auf einmal schwanger – ungeplant und ohne dass sie wüsste, wie sie den Kindsvater erreichen könnte. Als sie ihn dann wiedertrifft, ist ihr Problem noch viel größer als gedacht: Matteo (immerhin weiß sie nun den Namen!) ist ausgerechnet der Lebensgefährte ihrer neuen Lieblingsklientin Emily. Geht gar nicht! Zwischen Schwangerschaftsgelüsten und heftigem Herzklopfen schlingert Juli immer tiefer in völlig unangebrachte Gefühle …
Ellen Berg, geboren 1969, studierte Germanistik und arbeitete als Reiseleiterin und in der Gastronomie. Heute schreibt und lebt sie mit ihrer Tochter auf einem kleinen Bauernhof im Allgäu. Während ihrer Schwangerschaft hatte sie eine großartige Hebamme – so wurde die Idee zu diesem Roman geboren.
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Ellen Berg
Komm schon, Baby!
(K)ein Liebes-Roman
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Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Epilog — Sechseinhalb Monate später
Impressum
Wer von diesem Roman begeistert ist, liest auch ...
Das Wunder der Geburt. Was könnte es Erhebenderes geben als den magischen Moment, wenn ein neuer Erdenbürger das Licht der Welt erblickt? Als ob ein strahlender Stern am Himmel erscheint, der alles in den Zauber des Anfangs taucht: Glück, für das es keine Worte gibt, und das einzige Blind Date, bei dem sich eine Frau hundertpro verliebt.
Ernsthaft? Nee. Auf so was können nur Leute kommen, die nie dabei waren.
Denen empfehle ich gern, einfach mal Müttern zuzuhören, wenn das Gespräch um Geburten kreist. Da gibt es keine Sterne, keine Magie, keinen Zauber. Da berichten Überlebende. Gebären ist Arbeit, hammerharte Arbeit. Ein unfassbarer Kraftakt aus Schmerzen, Wahnsinn und allen möglichen Körperflüssigkeiten. Vor allem aber ein nervenzerfetzender Stresstest, von dem Männer, soweit es sich nicht um medizinische Profis handelt, meist heillos überfordert sind.
Auch heute. Henning, den käsigen Mittdreißiger im Sei-lieb‑zu-mir-meine-Frau-ist-schwanger‑T-Shirt, der mit einer Selfiestange – einer Selfiestange! – durch den Kreißsaal getigert ist, habe ich schon vor einer Stunde nach draußen auf den Flur geschickt. Statt seine immer lauter stöhnende Lebensgefährtin zu unterstützen, fiel ihm nichts Besseres ein, als Panik zu schieben und wahllos alles zu fotografieren, was ihm vors Handy kam. Sogar der Mülleimer in der Ecke wurde abgelichtet. Bis Hennings totenbleiches Gesicht verdächtig nach einem baldigen Zusammenbruch aussah, und ich ihn freundlichst hinauskomplementiert habe.
Das fehlte gerade noch, dass ich mich auch noch um einen kollabierenden werdenden Vater kümmern muss. Schon jetzt habe ich alle Hände voll zu tun.
Beckenendlage, das bedeutet eine ziemliche Herausforderung. Genauer gesagt, ist es eine Steißlage: Das Kind will unbedingt mit dem Po voran zur Welt kommen, was auch immer es uns damit sagen will. Manche Ärzte raten in diesem Fall zum Kaiserschnitt. Der ist aber nicht zwingend nötig. Solange die Herztöne des Babys überwacht werden, um jedes Risiko auszuschließen, ist immer noch eine natürliche Geburt drin.
Hannah will unbedingt eine natürliche Geburt. Einige Monate lang habe ich die resolute Kunsttischlerin mit dem karottenroten Bubikopf durch ihre Schwangerschaft begleitet: regelmäßig alle erforderlichen Untersuchungen durchgeführt, Ernährungstipps gegeben, harmonisierende Yogaübungen vorgeturnt, manche emotionale Krise mit ihr durchgestanden. Immer mit Blick darauf, dass wir nicht nur den Countdown, sondern auch die Entbindung gemeinsam meistern werden.
»Ich bin so froh, dass du da bist, Juli«, ächzt sie zwischen zwei Wehenwellen. »Ohne dich hätte ich schon aufgegeben, und Henning ist nun wirklich keine Hilfe.«
»Keine Sorge, wir stehen das gemeinsam durch«, beruhige ich sie. »Und nicht das Atmen vergessen, ja? Genau, ganz tief durch die Nase ein – dann lang gedehnt aus. Super, ich bin stolz auf dich!«
»Danke, das mit dem Atmen haben wir ja auch zur Genüge geübt«, erwidert sie hechelnd. »Nur das Mutter-Kind-Foto wird eine Katastrophe. Meine Haare sitzen heute blöd.«
»Sieht man dir gar nicht an.« Als ob Frisuren jetzt unser Thema wären. »Konzentrier dich einfach auf die Wehen, und freu dich auf dein Kind. Lange wird es nicht mehr dauern …«
Ein Blick zur Uhr verrät mir, dass es kurz nach eins ist. Heute Morgen um sieben, vor sechs Stunden also, hatte Hannah ihren Blasensprung. Eigentlich wäre daraufhin die Fahrt ins Geburtshaus fällig gewesen, weil sie ihr Söhnchen in einer Wanne mit wohlig warmem Wasser zur Welt bringen wollte. Das Gerät für den obligatorischen Einlauf – damit bloß nichts Störendes im Wasser rumdümpelt – lag in meiner Hebammentasche, das Geburtshaus war informiert, die Playlist mit Hannahs Lieblingsentspannungsmusik hatte ich schon Tage vorher dorthin gemailt. Es sollte eine sanfte Geburt werden, im Einklang mit den natürlichen Rhythmen des weiblichen Körpers.
So weit der Plan. Bis Henning, ja, genau, der käsige Typ mit der Selfiestange, kalte Füße bekam und plötzlich auf einer konventionellen Klinik bestand. Er wolle nun doch kein alternatives Gedöns mehr, hat er getönt, hier gehe es schließlich um Leben und Tod.
Hannah wurde nicht mehr gefragt. Die war auch gar nicht mehr in der Lage zu spitzfindigen Diskussionen, ob Wassergeburten nun gedeihlich für Mutter und Kind oder gefährlicher Blödsinn sind. Sie wollte das Ganze nur noch so rasch wie möglich hinter sich bringen. Verständlich. Trotzdem schade. Nun sind wir Hals über Kopf in der Christophorus-Klinik gelandet, wo ich als Beleghebamme arbeite, in einem hässlichen kalkweiß getünchten Kreißsaal, der von unbarmherzig hellem Neonlicht geflutet wird. Ohne entspannende Musik, dafür mit Dr. Jonas Matthiesen, seines Zeichens Oberarzt der gynäkologischen Abteilung, mit dem mich bereits einige unerfreuliche Begegnungen verbinden.
Für Matthiesen, groß, breitschultrig, segelgebräunt, bin ich nur eine lästige Randfigur. Er hingegen führt sich auf wie der sprichwörtliche Halbgott in Weiß. Ganz ehrlich, wenn ich meinen Job so machen würde wie der, hätte ich demnächst nur eines: viel Freizeit. Selbstgefällige Bemerkungen, despotisches Verhalten gegenüber dem Pflegepersonal, ignoranter Umgang mit Patientinnen – die Liste seiner Hobbys ist lang. Und was ihm an Einfühlungsvermögen fehlt, macht er durch dumme Sprüche wett.
»Ich gebe Ihren Beinen Namen, damit ich sie besser auseinanderhalten kann«, mit diesen unsäglichen Worten hat er Hannah begrüßt.
Muss ich betonen, dass ich ihn nicht ausstehen kann? Ich kann ihn sogar buchstäblich nicht riechen, weil er ein grässlich penetrantes Rasierwasser benutzt. Egal. Die Wehen gehen in die nächste Runde, also los.
»Pressen, Hannah, weiter pressen!«, keuche ich synchron zu ihrem stoßweise gehenden Atem. »Ja, so ist es gut, du machst das großartig!«
Meine linke Hand klemmt in ihren schraubstockartig verkrampften Fingern, mit der rechten Hand massiere ich vorsichtig ihren gewölbten Bauch. Zwischendurch flöße ich ihr aus einer Thermoskanne Himbeerblättertee ein, der Gebärmutter, Beckenmuskulatur und Muttermund lockert, im besten Fall sogar den Geburtsvorgang verkürzt. Nur das bewährte Massageöl mit beruhigenden Vanille- und Kokosaromen wurde mir von Dr. Matthiesen verboten.
»In meinen Kreißsaal kommt mir kein Esokrempel, schon gar nicht so ein schmieriges Zeug«, hat er mich angefaucht.
Nicht das erste Mal, dass ich derartig frostige Ansagen von ihm bekomme. Die große Tradition der Hebammenkunst, die uraltes Wissen mit fortschrittlichen Methoden kombiniert, verträgt sich nun mal schlecht mit seinem verbohrten schulmedizinischen Denken. Hannah ist für ihn nichts weiter als irgendeine anonyme Patientin, die man nach Schema F abfertigt. Für mich hingegen ist sie ein menschliches Wesen, das ich liebevoll begleiten möchte, um ihr die Strapazen der Geburt so erträglich wie möglich zu machen. Auf natürliche Weise.
»Nimm den Schmerz an«, rede ich ihr gut zu, »er hilft deinem Körper, das Baby herauszupressen. Und weiter schön tief atmen, ja?«
»Von mir aus kann sie auch die Luft anhalten«, mischt sich Dr. Matthiesen ein, dessen Hemdknöpfe so weit geöffnet sind, als wollte er einen Wettbewerb für die schönste Burstbehaarung gewinnen. »Wir holen das Kind sowieso mit dem Skalpell, so verdreht wie es da im Bauch liegt.«
Seine Problemzone hingegen ist nicht der Bauch, sondern ganz eindeutig der Kopf. Ich hatte ja schon so einige Nahidioterfahrungen, aber Matthiesen toppt alles.
»Ein operativer Eingriff ist doch gar nicht nötig!«, brause ich auf. »Die Vitalwerte des Babys sind im grünen Bereich, wie Sie selber auf dem Monitor sehen können, einer Vaginalgeburt steht also nichts im Wege!«
Er weiß, dass das stimmt. Doch als glühender Fan von Kaiserschnitten, der sich einiges darauf zugutehält, die schönsten Narben weit und breit zu verfertigen, passt ihm das überhaupt nicht in den Kram. Verärgert schaut er zur Anzeige des Monitors. So muss sich ein Alkoholiker fühlen, wenn man direkt vor seinen Augen eine Flasche Schnaps in den Ausguss kippt.
»Klar wäre eine Vaginalgeburt toll, aber die Fakten kooperieren nicht«, behauptet er trotzig.
»Die – was? Können Sie das auch auf Deutsch sagen?«, fragt Hannah, die gerade eine Wehenpause hat und jetzt auch mitreden will. »Ich meine, die Mutter bin immer noch ich, oder?«
Ihr Einwand kommt nicht von ungefähr. Eins meiner wichtigsten Anliegen ist es, den Frauen Stärke zu verleihen – beziehungsweise, sich ihrer Stärke bewusst zu werden. Ausführlich haben wir über weibliche Selbstbestimmung gesprochen. Über Entscheidungsfreiheit im Hinblick auf die Geburtsmodalitäten und den Respekt, der Gebärenden gebührt. Da wusste ich ja auch noch nicht, dass ausgerechnet zwei Männer über ihren Kopf hinweg die Entscheidungen treffen würden: erst ihr Mann Henning, und nun auch noch dieser gruselige Matthiesen.
Schon seit der Ankunft im Kreißsaal führe ich mit Matthiesen einen mehr oder weniger stummen Kampf um die Art der Geburt. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung weiß ich, dass Hannah es auch ohne Kaiserschnitt schaffen wird. Doch da gleich zwei Frauen unbequeme Fragen stellen, was selbstverständlich unvereinbar mit seinem ausgeprägten Ego ist, spielt sich Matthiesen jetzt erst recht auf.
»Steißlage, verdammt«, blafft er kopfschüttelnd. »Da fackelt man nicht lange.«
Mittlerweile kommen die Wehen in immer kürzeren Abständen. Der Muttermund ist weit geöffnet, wie ich mich mithilfe eines Spekulums vergewissere, so dass der Geburtsvorgang innerhalb der kommenden Stunde über die Bühne gehen dürfte.
»Bravo, Hannah«, lobe ich sie, »bald hast du es geschafft! Wenn du aufstehen und dich bewegen willst: Nur zu, das hilft deinem Körper.«
»Kommt überhaupt nicht infrage«, widerspricht der Oberarzt. »Sie bleibt, wo sie ist, jetzt werden Nägel mit Köpfen gemacht. Per Sectio caesarea. Operativ also.«
Halblaut versuche ich, ihn umzustimmen. Vergeblich. Demonstrativ unbeeindruckt lässt er einen Rolltisch mit dem silbrig blitzendem Operationsbesteck hereinschieben und streift sich einen OP‑Kittel über.
»Schwester Therese!«, wendet er sich an seine Assistentin, eine junge, etwas verschüchterte Frau, die ihm aufs Wort gehorcht. »Sofort alles für die Periduralanästhesie vorbereiten, Schamhaare rasieren, Blasenkatheter einführen, Vorhang anbringen.«
»Aber, aber …«, versuche ich ein weiteres Mal zu intervenieren, doch Dr. Matthiesen schneidet mir grob das Wort ab.
»Ab jetzt halten Sie sich gefälligst raus«, schnauzt er mich an.
»Wissen Sie überhaupt, was Sie da tun?«, halte ich leise dagegen. »Selbst die WHO plädiert dafür, die Zahl der Kaiserschnitte zu reduzieren, sofern sie nicht medizinisch unbedingt notwendig sind.«
Dr. Matthiesen zieht scharf die Luft durch die Zähne ein. Sein gebräuntes Gesicht, das man attraktiv nennen könnte, wenn nicht dieser arrogante Zug um den Mund wäre, formt sich zu einem überheblichen Grinsen.
»Sie können wohl kein Blut sehen, Frau Kemper, was?«
So ein Honk. Wahrscheinlich habe ich in meinem Leben mehr Blut gesehen als er. Der Hebammenberuf ist nun mal nichts für schwache Nerven, da muss man auf einiges gefasst sein.
Auf einen weiteren Schlagabtausch verzichte ich jedoch. Versprich nichts, wenn du glücklich bist, antworte nie, wenn du wütend bist, sagt meine Oma Hilde. Den Kampf um die natürliche Geburt habe ich sowieso verloren – hier in der Klinik wird nach Dr. Matthiesens Regeln gespielt. Jetzt kann ich nur noch etwas für Hannahs Wohlbefinden tun, auch unter den veränderten Bedingungen.
In der nächsten halben Stunde streichele ich immer wieder ihre eiskalten Hände, tupfe ihr den Schweiß von der feuchten, mit karottenroten Ponyfransen beklebten Stirn und nehme unter den rollenden Augen von Dr. Matthiesen Fußreflexzonenmassagen vor, um ihre Energiepunkte zu stimulieren. Zusätzlich träufele ich von Zeit zu Zeit angstlösende Bachblütentropfen auf Hannahs Zunge.
»Wir rocken das«, verspreche ich ihr. »Und dann bekommst du das schönste Baby der Welt.«
Fragend schaut sie mich an, als ein grünlicher Vorhang quer über ihren Körper gespannt wird – damit sie nicht sieht, was gleich da unten geschieht – und Schwester Therese mir Desinfektionsmittel für die Hände sowie einen sterilen mintgrünen Kittel reicht, den ich über meine Jeans-und‑T-Shirt-Montur streife.
»Juli?« Hannahs Augenlider werden schwer, schläfrig blinzelt sie mich an. »Was hat das zu bedeuten?«
»Alles gut, du bist in den besten Händen«, flüstere ich, auch wenn ich diesen alerten Matthiesen mit seiner Wir-machen-jetzt-kurzen-Prozess-Methode gepflegt an die Wand klatschen könnte.
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie der Oberarzt jenseits des Vorhangs ein Skalpell unter der einstigen Schamhaargrenze ansetzt. Es folgt ein horizontaler Schnitt. Anschließend öffnet er mit weiteren raschen Schnitten die Bauchdecke und betrachtet mit sichtlichem Vergnügen sein blutiges Werk. Wie Hannibal Lector höchstpersönlich.
»Nicht gerade Picassos Blaue Periode, aber früher Kubismus kommt hin«, lobt er launig seine Künste.
Und dann passiert etwas, was ich noch nie bei solchen Anlässen erlebt habe: Mir wird übel. Speiübel. Mein Magen rebelliert so heftig, als würde er auf links gestülpt und durch die Mangel gedreht. Wenn ich jetzt nicht mitten im Kreißsaal ein Wiedersehen mit meinem Frühstücksmüsli feiern will, muss ich hier raus. Schleunigst.
»Entschuldige, bin gleich wieder da«, raune ich Hannah zu.
»Kein Ding«, murmelt sie sichtlich benebelt von der Anästhesie. »Sag mir einfach Bescheid, wenn das Baby da ist.«
»Haha, Frau Kemper, so taff, wie Sie immer behaupten, sind Sie wohl doch nicht«, ätzt Dr. Matthiesen, als ich mich schwankend aufrichte.
»Wieso, ich … mir geht’s blendend.«
»Dann sagen Sie das mal Ihrem Gesicht.«
Manche Leute machen Fehler, manche Leute sind der Fehler, schießt es mir durch den Kopf, als ich mit wattigen Knien aus dem Kreißsaal flüchte. Geschenkt. Jetzt zählt nur noch, dass ich es rechtzeitig bis zur Toilette schaffe. Matthiesen werde ich mir später vorknöpfen, mit guten Argumenten und gewählten Worten. Wenn ich schon mal ausraste, was selten vorkommt, dann kontrolliert. So bin ich halt. Sollte ich jemals Geschirr zertrümmern, werde ich vorher garantiert die angeschlagenen Teller dafür raussuchen.
Meine Übelkeit steigert sich von Sekunde zu Sekunde. Es fühlt sich an, als ob der gesamte Verdauungstrakt durch die Speiseröhre hinaus ins Freie will. So schnell mich meine Wattebeine tragen, flitze ich an Mr. Selfiestange vorbei, der mit starrem Blick aufs Handy in dem ockerfarben gestrichenen Flur rumsitzt, reiße die Tür zur Damentoilette auf und knie mich in Windeseile vor die nächstbeste Porzellanschüssel. Dann geht’s auch schon los.
Während mein Magen alles hergibt, was ich in den letzten Stunden gegessen habe, frage ich mich, warum mir eigentlich so furchtbar schlecht ist. Unzählige Geburten habe ich schon miterlebt – außer am eigenen Leib, wozu es in Ermangelung eines geeigneten Erzeugers nie gekommen ist. Aber nach mehr als zehn Jahren intensiver Hebammenarbeit kann mich ein Kaiserschnitt doch wohl nicht mehr umhauen.
Oder sollte etwa …? Nein, auf keinen Fall. Schon allein deshalb, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Gut, meine letzte Periode ist ungewöhnlich lange her, andererseits gehören Zyklusunregelmäßigkeiten zu den Nebenwirkungen meines Berufs. Hebamme ist ein Vierundzwanzig-Stunden-Job. Schwangerschaftskomplikationen kennen keine geregelten Uhrzeiten, da muss man auch nachts und an den Wochenenden raus. Ist doch kein Wunder, wenn dann die Hormone ins Schlingern geraten.
Ich spüle mir gerade am Waschbecken den Mund mit Leitungswasser aus, als sich die Tür öffnet. Es ist Schwester Anett, die ihrem Namen alle Ehre macht. Sie ist nicht irgendwie ganz nett, was ja fast einer Beleidigung gleichkommt, sondern wirklich nett. Im Gegensatz zu Schwester Therese, die dem Oberarzt niemals Widerworte geben würde, hat sie in der Vergangenheit schon mehrfach Partei für mich ergriffen. Und nicht nur das. Seit wir auf Wunsch einer werdenden Mutter eine Hockgeburt durchgesetzt haben, gegen den Willen von Dr. Matthiesen, versteht sich, sind wir beste Freundinnen.
Unsere Blicke begegnen sich im Spiegel. Oje. Ich erkenne kaum die kreidebleiche Enddreißigerin namens Juli Kemper, in deren weit aufgerissenen Augen hundert Fragezeichen stehen. Anett hingegen, eine stabile Dame in den besten Jahren mit grau melierten Locken, sieht ausgesprochen wohl aus.
»Geht’s wieder?«, fragt sie mitfühlend.
»Hm, ja, danke.« Fahrig schiebe ich mir eine Strähne Blondhaar aus dem Gesicht. »Muss wohl was Schlechtes gegessen haben.«
»Da bin ich aber ganz anderer Meinung.«
Ach, du liebes bisschen. Zitternd halte ich mich am Waschbeckenrand fest.
»Was genau – meinst du?«
Statt einer Antwort zieht sie ein weißes Plastikstäbchen aus ihrer Kitteltasche und hält es mir hin. Diese Sorte Stäbchen, die über ein ganzes Leben entscheiden kann. Unwiderruflich.
Bang fange ich an zu rechnen. Gut zweieinhalb Monate ist es her, dass mich meine Freundin Isabel und ihr Mann Richard zu einem Open-Air-Rockfestival eingeladen haben. »Damit der ewige Single-Workaholic Juli mal aus dem Quark kommt«, so ihre herzwärmende Begründung. Es war eine rauschende Partynacht bei sommerlichen Temperaturen und mitreißender Musik. Auch der eine oder andere Drink war dabei. Doch dann endete die Nacht ganz, ganz anders als geplant.
»Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden«, bemerkt Anett feinsinnig, während ich wie schockgefroren das Stäbchen betrachte. »Komm schon, ich sehe es dir doch an der Nasenspitze an. Dein Gesicht ist schon seit Tagen leicht aufgedunsen, deine Hände sind geschwollen, und du hast so was Weiches im Blick … deshalb habe ich dir einen Test mitgebracht.«
Zögernd nehme ich ihr das Stäbchen ab.
»Ist zwar vollkommen überflüssig, aber schön, ich mache den Test.«
»Lass mich wissen, ob ich recht hatte«, lächelt sie, wobei sich ihre rosigen Wangen zu kleinen Fältchen plissieren. »Du findest mich im Schwesternzimmer. Da gibt’s auch Kaffee, den wirst du brauchen.«
Leise schließt sie die Tür. Die nächsten Minuten verbringe ich kurz auf der Toilette und dann quälend lange an die grau gekachelte Wand gelehnt. Fünf Minuten muss ich warten. Fünf endlose Minuten, die sich wie Kaugummi dehnen. Als es schließlich so weit ist, traue ich mich gar nicht, auf das kleine Fenster des Stäbchens zu gucken.
Bitte nicht, flehe ich stumm. Kann doch nicht sein, dass dieser eine kleine Ausrutscher so schwerwiegende Folgen haben soll. Andere Frauen in deinem Alter versuchen jahrelang, ein Kind zu bekommen, rechnen mit speziellen Apps ihre fruchtbaren Tage aus, machen nach jedem Sex eine Kerze, lassen sich pfundweise Hormone verschreiben. Dennoch bleibt es eine Lotterie. Ob’s tatsächlich klappt mit der Befruchtung einer Eizelle, steht in den Sternen.
Niemand weiß das besser als ich. Fruchtbarkeits-Hacks für angehende Spätgebärende gehören ebenso zu meinem Beruf wie die sachgerechte Schwangerschaftsbegleitung. Auch fundiertes Wissen über Verhütungsmethoden habe ich zu bieten, weil die meisten jungen Mütter nicht gleich das nächste Baby wollen. Hallo? Ich bin hier die Fachfrau rund um Zeugung, Geburt und Verhütung!
Aber sagt man nicht, der Schuster hat immer die schlechtesten Schuhe? Nun, auf mich trifft das keineswegs zu. Ich habe alles im Griff. Bis auf dieses eine Mal.
Wie hieß er überhaupt? Marco? Manuel? Mike? Wie peinlich, dass ich mir nicht mal seinen Namen gemerkt habe. Nur an seine Augen kann ich mich genau erinnern, unergründlich dunkel im flackernden Widerschein der Bühnenshow. An seine schmalen Hände und seinen verführerisch männlichen Duft, der mich völlig um den Verstand brachte. So durchschlagend, dass wir später in seiner Wohnung gelandet sind, einer verbastelten Jungsbude, wo direkt neben dem Bett ein Profi-Rennrad stand.
Wenn die Chemie stimmt, kann man auch gleich mit Biologie weitermachen, hat er gelächelt, bevor es zur Sache ging. Und dabei ein Kind gezeugt wurde?
Nein, nein, schiebe ich den Gedanken an diese Nacht schnell wieder beiseite. Du hast gestern Abend einen Döner verdrückt, der war nichts für deinen empfindlichen Magen. Du musst einfach bei deiner gemüsebasierten Ernährung bleiben, das ist alles. Also mach dich bloß nicht verrückt. Ein Kind zu zeugen ist und bleibt ein Roulettespiel. Immerhin hat sogar Einstein gesagt, die einzige Chance, beim Roulette zu gewinnen, bestehe darin, die Chips zu klauen. Was hast du also zu befürchten? Mit deinen stolzen achtunddreißig Jahren ist die Chance, durch einen One-Night-Stand schwanger zu werden, ungefähr null Komma eins zu einer Million.
Todesmutig öffne ich die Augen, die ich vor lauter Fracksausen fest geschlossen hatte. Und dann sehe ich es: Zwei rosa Striche im Fenster des Teststäbchens.
Himmel noch mal! Was stimmt nicht mit dem Ding? Ich schüttele das Stäbchen ordentlich durch und halte es noch mal ins Licht der Deckenlampe. Kein Zweifel. Die Striche bleiben. Geradezu triumphierend machen sie sich in dem Fenster breit, als wollten sie sagen: Na, Überraschung gelungen?
Langsam rutsche ich mit dem Rücken an der gekachelten Wand hinunter, bis ich auf dem Boden sitze. Glückwunsch, Juli Kemper. Dümmer hätte es gar nicht laufen können. Du bist Ende Dreißig, seit Ewigkeiten Single und hast nicht den leisesten Schimmer, wer der Mann ist, der es im Überschwang einer spontanen Liebesnacht doch tatsächlich fertiggebracht hat, dich zu schwängern.
Das Baby ist wirklich süß. Rosig, wonnig, mit einem allerliebsten hellblonden Flaum auf dem Köpfchen. Rein optisch haben Kaiserschnitte halt den Vorteil, dass die Kinder gänzlich unverknautscht zur Welt kommen. Selfie-kompatibel, um mit Hennings Prioritäten zu sprechen. Unablässig macht er Fotos von seinem Söhnchen, Hannah und sich selber.
Auch Dr. Matthiesen muss mit ihm posieren, zum Schluss bin ich an der Reihe. Als Zierde des Erinnerungsalbums tauge ich ganz bestimmt nicht. Aber vielleicht gibt mein aufgelöster Zustand der Sache ja einen schön dramatischen Touch: Je erschöpfter die Hebamme aussieht, desto besser die Geschichten, die der stolze Vater später über die Geburt erzählen kann. Auch wenn er gar nicht dabei war.
»Alles okay, Hannah?« erkundige ich mich, nachdem die Fotosession abgeschlossen ist.
Eine rhetorische Frage. Über ihr abgekämpftes Gesicht hat sich dieses ganz besondere Leuchten frischgebackener Mütter gelegt: ausgelöst durch ein Feuerwerk der Endorphine und den unwiderstehlichen Duft des eigenen Babys. Ihr Bauch ist mit sterilen Wundauflagen verpflastert, Schmerzen scheint sie nicht zu haben. Wieder und wieder streichelt sie die kleinen Händchen und die runden Bäckchen ihres Prinzen.
»Er ist so hübsch, Juli. So unglaublich hübsch.«
»Der kleine Mann wird eure Welt gründlich auf den Kopf stellen«, füge ich gerührt hinzu. »Doch ihr werdet feststellen, dass sie so herum viel, viel besser aussieht.«
»Ganz bestimmt«, seufzt Hannah, während sie ihrem Baby Küsschen aufs Köpfchen haucht. »Wir werden ihn Anton nennen, du bist natürlich zur Taufe eingeladen. Wie geht’s denn jetzt eigentlich weiter?«
Nach einem Schluck aus dem Kaffeebecher mit der Aufschrift Nicht von schlechten Eltern, den mir Anett bei meinem Kurzbesuch im Schwesternzimmer in die Hand gedrückt hat, setze ich eine zuversichtliche Miene auf.
»Du kommst auf die Wochenbettstation und verbringst einige Tage in der Klinik, damit alles gut verheilt. Währenddessen begleite ich dich selbstverständlich weiter, beim Stillen und auch bei sämtlichen anderen Fragen.«
Fragen wird es mehr als genug geben. Wie oft soll ich mein Baby anlegen? Worauf muss ich achten, wenn ich es das erste Mal bade? Was tun gegen den Wochenbettdepri? Werde ich jemals wieder genügend Schlaf bekommen? Und, ähem, wann ist Sex wieder erlaubt?
Noch denkt Hannah nicht über solche Fragen nach. Selig hält sie ihr Baby im Arm, ein Anblick, der mich mit tiefem Glück erfüllt – obwohl ich insgeheim enttäuscht bin, dass ich den kleinen Anton nicht selber holen durfte. Unser Plan, die Nabelschnur einzufrieren, wurde ebenfalls von Dr. Matthiesen durchkreuzt, der sie stillschweigend entsorgt hat. Dabei ist Nabelschnurblut durch seinen Gehalt an Stammzellen ein kostbares Reservoir für die spätere Behandlung von möglichen Immundefekten, Stoffwechselstörungen und vielen anderen Erkrankungen.
Alles in allem fühle ich mich betrogen. Wie bei diesen Büchern, in denen es dauernd leere Seiten mit der Überschrift Raum für Ihre Notizen gibt. Als ob irgendjemand ein Buch kauft, weil leere Seiten darin sind. Notiz an mich selbst: sobald wie möglich ein konstruktives Gespräch mit Dr. Matthiesen führen. Wir müssen eine bessere Kooperation hinkriegen, auch wenn der Weg dahin nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig wird.
»Danke dir, Juli«, flüstert Hannah, die noch keinen Gedanken an Stammzellen oder andere Komplikationen verschwendet. »Du bist ein Engel.«
»Zu viel der Ehre«, winke ich bescheiden ab. »Hebamme ist halt mein Traumberuf.«
»Das wochenlange Einfetten des Dammbereichs hätte sich Hannah allerdings sparen können«, gibt Henning seinen Senf dazu. »Zum Schluss musste sogar ich noch ran mit diesem komischen Weizenkeimöl, weil der Bauch im Weg war, und die ganze Wohnung roch wie eine Bäckerei.«
Was soll ich dazu sagen? Sorry, nicht meine Schuld, dass wir an einen Kaiserschnitt-Fundi geraten sind?
»Die Ölmassagen hätten einen möglichen Dammriss abgemildert, wenn nicht verhindert«, erkläre ich geduldig. »Aber jede Geburt ist anders, da können immer unvorhergesehene Dinge passieren.«
»Nicht bei mir, nicht in meinem Kreißsaal«, ertönt das schneidende Organ von Dr. Matthiesen. Händereibend steht er auf einmal in seinem mintgrünen Kittel neben uns, die OP‑Maske lässig auf die Stirn geschoben. »Hübsches Kind, aber jetzt wird’s Zeit für einen Ortswechsel, Frau …?«
»Glockenbach, Hannah Glockenbach«, antwortet Henning für sie.
Danach ist es eine Weile still. Offenbar dämmert jetzt auch den beiden Eltern, dass Hannah nichts weiter als eine namenlose Nummer für diesen Arzt ist.
»Also, Frau Kemper«, bricht er das betretene Schweigen, indem er mich stirnrunzelnd fixiert, »wir beide müssten uns mal miteinander unterhalten. Grundsätzlich.«
»Lustig, genau das hatte ich mir auch schon überlegt«, verkünde ich frohgemut, als plötzlich wieder diese würgende Übelkeit einsetzt. »Wir könnten, wir sollten – ich, öhhhh, rufe Sie an.«
Damit stürze ich hinaus, wohlwissend, dass mein Magen so leer ist wie ein Kühlschrank nach einer Teenagerparty. Doch das Schauspiel, wie ich mich trotzdem winde und krümme, gönne ich diesem Matthiesen einfach nicht. Schon gar nicht darf er erfahren, dass ich in anderen Umständen bin. Seine dummen Kommentare kann ich mir nur zu gut vorstellen. Hinterher ist man nie klüger, nur beschämt, verkatert oder schwanger, hat er mal einer meiner Klientinnen gesagt, die ungewollt Mutter geworden war. Da nehme ich doch lieber Reißaus.
Draußen auf dem Flur laufe ich sogleich Anett in die Arme, die alarmiert die Hände hebt.
»Was ist denn los? Musst du dich etwa schon wieder übergeben?«
»Sieht so aus«, japse ich, während ich hektisch an ihr vorbeirenne.
Sie folgt mir bis in die Damentoilette, wo ich ihren extrastarken Kaffee in einer der Porzellanschüsseln versenke. Aha. Das unbekannte Wesen in mir mag also keinen Krankenhauskaffee, wie er hier üblich ist: instant, bitter, chemisch modifiziert. Theoretisch bin ich über solche Unverträglichkeiten während des ersten Schwangerschaftsdrittels bestens im Bilde; praktisch hoffe ich inständig, dass das unbekannte Wesen meinen geliebten morgendlichen Espresso akzeptieren wird.
Nachdem ich mir etwas zittrig die Hände gewaschen und ein weiteres Mal den Mund ausgespült habe, tupfe ich mein mittlerweile glühendes Gesicht mit einem feuchten Papiertuch ab. Selten habe ich mich so schwach, so wackelig gefühlt. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Anett mich beobachtet. Interessiert, auch ein wenig vorwurfsvoll.
»Zwei Fragen, Juli: Warum? Wieso?«
»Ähm, tja, schwer zu sagen«, druckse ich herum. »Geplant war das jedenfalls nicht.«
»Aber ein Mann war schon im Spiel, oder?«
»Sofern nicht höhere Mächte ein Wunder vollbracht haben, gibt es in der Tat einen irdischen Vater«, bestätige ich matt.
»Nun lass dir doch nicht alles einzeln aus der Nase ziehen«, grummelt Anett, die mich nicht aus den Augen lässt. »Wer ist er? Wie lange kennt ihr euch? Wohnt ihr schon zusammen?«
Oje. Jetzt geht’s ans Eingemachte.
»Dreimal Fehlanzeige«, bekenne ich schuldbewusst.
Es dauert ein paar Sekunden, bis bei Anett der Groschen fällt.
»Drei Mal Fehlanzeige?«, wiederholt sie konsterniert. »Darf ich das etwa so verstehen, dass du nicht mal weißt, wer der Vater ist? Dann hoffe ich, du hast eine fabelhafte Erklärung dafür.«
»Hab ich. Nur keine fabelhafte.« Zerknirscht lasse ich den Kopf hängen. »Es war ein One-Night-Stand. Kennengelernt habe ich ihn auf einem Rockfestival – und danach nie wiedergesehen.«
»Wow.« Mit ironisch gespielter Anerkennung schürzt Anett die Lippen. »Eins muss man dir lassen: Du bist immer für eine Überraschung gut.«
»Ich weiß doch selbst, dass ich himmelschreiend fahrlässig in diese Sache reingerasselt bin«, bricht es aus mir heraus. »Aber was soll ich denn tun? Mich mit einem Schild um den Hals in die Fußgängerzone stellen: Hallihallo, wer war mit mir nach dem Rockfestival in der Kiste?«
Nachdenklich wiegt Anett den Kopf hin und her, wobei ihre grauen Löckchen im Takt mitwippen.
»Er wohnt also hier in unserer Stadt?«
»Ja, wir sind in dieser Nacht nicht weit gefahren«, nicke ich. »Jedenfalls, soweit ich mich erinnere.«
»Und ihr habt keine Nummern ausgetauscht?«
Schulterzuckend mustere ich ihr rundes Gesicht mit den klugen graublauen Augen.
»Dazu kam es nicht mehr. Irgendwann in den frühen Morgenstunden bin ich aufgewacht, hab einen Riesenschreck bekommen und bin einfach raus auf die Straße gerannt, ohne mir zu merken, wo er wohnt. Ich wollte nur noch weg, weil ich mich so geschämt habe.«
»Wofür?«
Jetzt ist es Anett, die mich überrascht. Verständnislos schaue ich sie an.
»Verurteilst du mich denn nicht?«
»Juli.« Sehr ernst schaut sie zurück. »Ich kenne dich jetzt – wie lange? Sechs Jahre? Sieben? In dieser Zeit warst du nur für deine Klientinnen da. Hast dich aufgeopfert, dir nichts gegönnt, bist nicht mal anständig in Urlaub gefahren, weil immer gerade eine Risikoschwangerschaft vorlag oder eine Geburt bevorstand. Da hast du dir ein bisschen Spaß wahrlich verdient. Auch wenn dir ein Moralapostel vielleicht eine etwas andere Sorte Spaß empfohlen hätte.«
»Aber ich habe nicht mal verhütet«, jammere ich. »Und jetzt bekomme ich ein Kind!«
»Du willst es also behalten.«
Das ist keine Frage, es ist eine Feststellung. Etwas anderes käme mir auch gar nicht in den Sinn. Natürlich muss jede Frau selbst entscheiden, wie sie mit so einer Situation umgeht, doch ein Schwangerschaftsabbruch liegt jenseits meiner Vorstellungskraft. Und, so seltsam es klingt: Auf geheimnisvolle Weise fühle ich mich dem kleinen Wesen in mir bereits verbunden. Hallo Baby, alles gut bei dir?
»Hör mal, Juli«, begütigend legt Anett einen Arm um meine Schultern, »meine Schicht endet gleich. Was hältst du davon, wenn du mit mir nach Hause kommst, dich ein bisschen hinlegst, und dann reden wir in aller Ruhe darüber?«
Mein Blick gleitet zur Armbanduhr. Inzwischen ist es früher Nachmittag, jede Menge Termine stehen an. Da ist Kylie, süße siebzehn und im achten Monat schwanger, Samira, eine Endzwanzigerin, die Zwillinge erwartet, sowie eine gewisse Emily Ingwersen, der ich heute einen Antrittsbesuch abstatte. Wie die meisten Frauen, die meine Dienste in Anspruch nehmen, hat sie sich aufgrund einer Empfehlung an mich gewandt, und neue Klientinnen erfordern immer besonders viel Zeit.
»Lass uns das Gespräch auf heute Abend verschieben«, schlage ich deshalb vor.
»Gut, aber übernimm dich nicht«, werde ich von Anett ermahnt. »Dein Engagement in allen Ehren, jetzt bist du mal dran.«
Womit denn? Neue Übelkeitsattacken abwarten? Appetit auf abgefahrenes Zeug wie Thunfisch mit Zuckerguss entwickeln? Däumchen drehen und mich vor meiner Existenz als alleinerziehende Mutter fürchten? Da arbeite ich doch lieber erst mal weiter, mit vollem Einsatz, um gar nicht erst auf trübe Gedanken zu kommen.
»Alles gut, Anett, mir geht’s …«
Wie ulkig, warum dreht sich denn der Raum auf einmal? Und wieso hat jemand das Licht gedimmt? Erst kurz bevor mir schwarz vor Augen wird, begreife ich, was los ist. Das Letzte, was ich wahrnehme, sind Anetts starke Arme, die mich auffangen, dann versinke ich im großen dunklen Nichts.
»Tut mir leid, dass es Ihnen so schlecht geht. Kann ich noch irgendetwas für Sie tun?«
Vorsichtig hebe ich die bleischweren Lider. O nein. Direkt vor meiner Nase hängt das gebräunte Gesicht von Dr. Matthiesen. An seiner Stimme hätte ich ihn nicht erkannt, so ungewohnt verständnisvoll ist sein Tonfall. Moment mal, Matthiesen und verständnisvoll? Ich muss völlig umnachtet sein. Wahrscheinlich ein Anzeichen früher Schwangerschaftsdemenz.
»Was war denn los?«, krächze ich, während ich mich in dem kargen Zimmer umsehe, in dem ich auf einem weiß bezogenen Bett liege. »Wo bin ich überhaupt?«
»Auf der Station natürlich.« Das gütige runde Gesicht von Anett schiebt sich neben Dr. Matthiesens turbogebräunte Visage. »Wir haben dir eine Infusion mit Kochsalzlösung, Glukose und ein paar Vitaminen gelegt.«
Unwillkürlich wandert mein Blick zu meinem rechten Arm. Tatsächlich. In der Armbeuge steckt ein durchsichtiger dünner Schlauch, durch den eine helle Flüssigkeit tröpfelt.
»Kreislaufprobleme in der Schwangerschaft …«, fängt Dr. Matthiesen an zu dozieren.
»… sind eine natürliche Folge der stärkeren Durchblutung der Gebärmutter«, vervollständige ich den Satz. Von einem Typen, der in meiner Situation so hilfreich ist wie ein Buttermesser in einem Schwertkampf, brauche ich nun wirklich keine neunmalklugen Belehrungen. »Ist mir alles durchaus bekannt, Doktor Matthiesen.«
»Ach, ist das so.« Seine Augenbrauen rutschen hoch, sein Lächeln wirkt jedoch eher belustigt als überheblich. »Das nennt man dann wohl vom hohen Ross auf die Nase fallen.«
»Werden Sie nicht im OP gebraucht, Doktor Matthiesen?«, revanchiere ich mich scheinheilig. »Für meinen kleinen Kreislaufkollaps sind Sie doch eindeutig überqualifiziert.«
In Anetts graublauen Augen blitzt pures Amüsement. Es gefällt ihr, dass ich diesem selbstgewissen Medizinmann Paroli biete. Inzwischen hat sie ihren weißen Schwesternkittel mit einem bunt bedruckten Sommerkleid vertauscht und ihre grau melierten Löckchen mit einem lila Haarband gebändigt. Wie mein persönlicher Bodyguard hockt sie auf der Bettkante und hält meine Hand.
»Bestimmt warst du dehydriert, weil du zu wenig getrunken hast«, sagt sie sanft. »Durch das Erbrechen hast du dann zusätzlich Flüssigkeit verloren, deshalb solltest du von nun an immer Wasser dabeihaben. Und regelmäßiger essen, damit dein Blutzuckerspiegel nicht noch einmal so rasant in den Keller rauscht.«
Auch das wäre Matthiesens Text gewesen. Falls er sich darüber ärgert, lässt er es sich nicht anmerken. Die Hände in den Taschen seines mintgrünen OP‑Kittels vergraben, mustert er mich neugierig.
»Wusste ja gar nicht, dass Sie liiert sind und eine Familie gründen wollten. Bisher dachte ich immer, die Steigerung von Lebensgefahr heißt für Sie Lebensgefährte. Wer ist denn der Glückliche? Kenne ich ihn?«
Ha. Doppel‑Ha. Selbst ich kenne ihn ja so gut wie gar nicht. Während ich fieberhaft nach einer Antwort suche, die nicht ganz so blamabel klingt wie die ungeschminkte Wahrheit, springt Anett für mich in die Bresche.
»Unwahrscheinlich, dass Sie ihm schon begegnet sind, er kommt nicht aus dem medizinischen Bereich«, behauptet sie kess. »Aber er ist ein wahrer Goldschatz, nicht wahr, Juli?«
»Kann man so sagen«, lispele ich, heilfroh, dass diese Klippe umschifft ist, wechsele jedoch vorsichtshalber das Thema. »Übrigens bin ich wieder topfit, Doktor Matthiesen. Wenn Sie nichts dagegen haben, mache ich jetzt das Bett frei. Für die richtig schweren Fälle.«
Prompt umwölkt sich seine Miene, und er bedenkt mich mit einem Blick, der mich an meinen alten Mathelehrer erinnert, wenn seine begriffsstutzigen Schüler mal wieder die binomischen Formeln verwechselten.
»Nun nehmen Sie Ihre Schwangerschaftsohnmacht bloß nicht auf die leichte Schulter«, weist er mich zurecht. »Sie wissen doch, gerade das erste Trimester birgt gewisse Gefahren. Deshalb würde ich Sie gern über Nacht zur Beobachtung hierbehalten.«
Nur unter Aufbietung meiner gesamten Contenance kann ich mir einen verzweifelten Heiterkeitsausbruch verkneifen. Genau das hat der zeugungsbegabte Unbekannte damals auch gesagt: Ich würde dich gern über Nacht zur Beobachtung hierbehalten. Was er dann ja getan hat. Mit ungeahnten Folgen.
»Wenn du magst, fahre ich dich nach Hause«, übernimmt Anett für mich. »Meine Schicht ist ohnehin zu Ende, mein Wagen steht unten auf dem Parkplatz. Auf dein Fahrrad solltest du jedenfalls nicht steigen, nachdem du so spektakulär zusammengeklappt bist.«
»Wohl wahr«, gebe ich ihr widerstrebend recht. »Danke dir.«
Dass ich keineswegs nach Hause möchte, sondern zumindest den Termin mit meiner neuen Klientin wahrnehmen werde, nachdem ich schon die beiden anderen versäumt habe, muss ich diesem Matthiesen ja nicht auf die Nase binden. Sonst klebt er mir noch einen Außer-Betrieb-Zettel auf die Stirn.
»Sie sollten wirklich mehr auf Ihren Körper hören, Frau Kemper«, schiebt er unnötigerweise nach.
Ja, danke, bin ganz Ohr. Mein Körper will eine Dusche, eine XXL-Tafel Schokolade, einen Riesen-Erdbeer-Smoothie und vor allem raus aus diesem nach Desinfektionsmitteln stinkenden Zimmer, in dem selbst der Gesündeste krank werden würde.
»Wir sollten demnächst ein großes Blutbild machen, für alle Fälle«, verkündet der Arzt aufgeräumt, als ich ihm die Erwiderung schuldig bleibe. »In Ihrem Alter kann man bereits von einer Risikoschwangerschaft sprechen. Nichts für ungut, ich meine, Sie haben meinen größten Respekt, dass Sie als, tja, recht reife Frau noch schwanger geworden sind.«
Toll. Was kommt als Nächstes? Die Überweisung zum Archäologen? Sein Kompliment ist jedenfalls so zweifelhaft wie die Geste, mit der er mir ausgiebig die Wange tätschelt. Danach marschiert er ohne ein weiteres Wort aus dem Raum, federnd, im vollen Bewusstsein seiner athletischen Figur. Etwas verdattert schaue ich ihm hinterher. Was war das denn gerade?
»Hui, der steht auf dich«, giggelt Anett. »Wer hätte das gedacht? Wart’s ab, am Ende gründet ihr noch einen Club für gegenseitige Bewunderung. Würde mich jedenfalls nicht überraschen, wenn du ab jetzt Chefarztbehandlung bekommst.«
Darauf kann ich wahrlich verzichten. So ein selbsternanntes Alphatier lasse ich doch nicht an meinen Intimbereich! Wäre ja wohl noch schöner!
»Großes Blutbild, sehr witzig«, schnaube ich, nachdem ich den Infusionsschlauch entfernt habe und mich etwas staksig vom Bett erhebe. »Großes Blutbad wäre wohl der passendere Ausdruck für einen wie Matthiesen. Apropos. Wie geht es Hannah? Ich würde gern bei ihr vorbeischauen, bevor wir losfahren.«
»Klar, immer im Dienst«, stöhnt Anett mit rollenden Augen. »Hat dir eigentlich schon mal jemand gesagt, dass du unverbesserlich bist?«
Ich würde es etwas anders formulieren. Die Sache ist ja die: Wenn ich eine Schwangere monatelang begleite und alle Gefühle mit ihr teile, Freude und Ängste, Unsicherheiten und Euphorie, entsteht unweigerlich eine enge Bindung, manchmal sogar eine Freundschaft. Hannah ist mir besonders ans Herz gewachsen. Ich mag diese patente Frau, die vor Kurzem eine eigene Kunsttischlerei eröffnet hat – weil sie eine ähnliche Liebe zu ihrem Beruf hegt wie ich zu meinem. Auch unsere Einschätzung von Henning ist ähnlich. Nur, dass sie ihn über alles liebt. Samt seiner dämlichen Selfiestange.
Auf einmal wird mir schwer ums Herz. Wo ist der Mann, der mich so bedingungslos liebt, dass er über meine Macken hinwegsieht? Und auch bei mir bleibt, wenn der Wind mal hart von vorn kommt? Bislang habe ich so ein Wunderexemplar noch nicht getroffen. Pech? Oder zu hohe Ansprüche?
Wie auch immer, die Chance, ausgerechnet jetzt einen Mann kennenzulernen, der nicht nur meine Macken akzeptiert, sondern auch den Fakt, dass ich mir-nichts-dir-nichts von einer Zufallsbekanntschaft schwanger geworden bin, ist in etwa so groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass mir die Glücksfee morgen früh einen Sack Gold vor die Tür stellt.
In derart niederschmetternde Gedanken versunken, erhebe ich mich schwankend.
»Wie fühlst du dich?«, fragt Anett, die mir meine Jacke reicht.
»Aufgestanden als Ruine, würde ich sagen. Ansonsten geht’s.«
Gerade will ich meine Sneakers unter dem Bett hervorangeln, als auf einmal sämtliche Stationsschwestern zur Tür hereinkommen.
»Herzlichen Glückwunsch, das ist die Nachricht des Tages, wir freuen uns so sehr für dich!«, sprudelt Schwester Therese hervor, die ohne ihren Herrn und Meister Matthiesen viel lockerer wirkt. Strahlend überreicht sie mir einen ganzen Arm zartduftender gelber Rosen. »Die sind von uns, wir haben für dich zusammengelegt.«
Heiße Tränen schießen mir in die Augen. Wie süß ist das denn bitte? Vollkommen überwältigt von so viel Anteilnahme senke ich mein Gesicht in das Blütenmeer.
»Wir finden es nämlich wunderbar, dass du ein Kind bekommst«, ergänzt Anett, die hundertpro hinter dieser lieben Aktion steckt.
»Stimmt genau«, bekräftigt Schwester Therese. »Wenn jemand die perfekte Mutter wird, dann du, Juli. So sorgsam, wie du mit Babys umgehst. Und so kompetent, wie du die Schwangeren betreust.«
Ihre lobenden Worte bringen mich in noch größere Verlegenheit. Zwar habe ich immer gehofft, dass die Schwestern etwas von mir halten, aber mit so viel Zuspruch hätte ich niemals gerechnet.
»D‑danke«, stammele ich gerührt.
»Jetzt sollten wir aber die werdende Mutter ihrem wohlverdienten Feierabend überlassen«, befindet Anett, die schon meine schwere Hebammentasche aus braunem Rindsleder geschultert hat. »Bis morgen, die Damen. Und passt mir bloß auf Matthiesen auf!«
»Was wollte der überhaupt hier?«, stellt Schwester Therese die Preisfrage, die mich beschäftigt, seit ich aus meiner Ohnmacht erwacht bin. »Sonst kümmert er sich doch immer zuerst um die Geburten.«
»Wirklich komisch, zumal Juli und er nicht gerade ein Dreamteam sind«, merkt eine andere Schwester an.
»Teamfähig ist der doch sowieso nur, wenn er das Sagen hat«, kommt es aus der hinteren Reihe, wo Lernschwester Karina steht. »Den haben sie ja wohl mit ’nem rohen Steak aus der Höhle gelockt, so machomäßig, wie der sich aufführt.«
»Genau, und wenn er nichts zu meckern hat, erfindet er Probleme, damit er uns rumscheuchen kann«, pflichtet ihr eine andere Schwester bei. »Würde mich nicht wundern, wenn der im Supermarkt Chiquita-Etiketten auf die Gurken klebt und sich dann beschwert, dass die Bananen noch grün sind.«
Alle brechen in befreites Lachen aus. Ja, Dr. Matthiesen genießt nicht gerade den besten Ruf auf der Station. So viel zum Thema Ich-bin-hier der-King‑im-Ring.
»Leider nicht zu ändern, also zurück an die Arbeit«, kürzt Anett das Geplänkel ab. »Ich bringe jetzt Juli nach Hause. Ja, nach Hause«, wiederholt sie, als ich tief Luft hole, um dagegen zu protestieren. »Aus gesundheitlichen Gründen solltest du dringend an deinem beruflichen Desinteresse arbeiten.«
Hannah ist einigermaßen wohlauf, abgesehen von den vielen Familienangehörigen, die sie mit Luftballons, Süßigkeiten, Blumengebinden und Handys belagern. Warum hat sich eigentlich noch nicht rumgesprochen, dass Mütter kurz nach der Geburt vor allem Ruhe brauchen? Und garantiert keine Handyfotos, auf denen sie aussehen wie drei Tage durchgefeiert und danach im offenen Cabrio durch die Autowaschanlage gebrettert.
»Freu mich, dass du so viel Besuch hast, aber falls es dir zu anstrengend wird, schmeiß sie einfach raus«, flüstere ich Hannah ins Ohr. »Wenn du sagst, du willst dem Kleinen die Brust geben, trollen die sich schon von selbst.«
»Danke für den Tipp«, lächelt sie tapfer. »Langsam merke ich, dass ich tatsächlich ziemlich durch bin.«
Das Ganze wächst sich ja auch allmählich zur Party aus. Hannahs Vater, ein baumlanger Hüne mit eisgrauem Haar, hat Sekt mitgebracht, den er in Plastikbecher gießt. Danach bringt er einen Toast aus.
»Auf das frohe Ereignis! Tja, Henning, mein Junge, das Baby sieht dir total ähnlich. Macht nichts, Hauptsache gesund.«
Alle fangen an zu kichern, Henning schmollt, Hannah verdreht die Augen.
»Und ihr wisst ja, was man jungen Eltern sagt, wenn sie mit den Nerven fertig sind«, packt ihr Vater noch einen drauf. »Bei kleinen Problemen hilft der Fachmann, bei großen der Flachmann.«
»Sonst ist er nicht so holzhackermäßig«, wispert Hannah unangenehm berührt.
»Schwamm drüber.« Aus meiner Hosentasche ziehe ich ein kleines Päckchen mit hellblauer Schleife. »Hier ist noch eine Kleinigkeit für dich. Glückwunsch zu deinem süßen Anton.«
Mit großen Augen wickelt sie das Geschenk aus, ein Armband aus zartblau gefärbten Achatperlen. Keine große Sache, aber liebevoll ausgewählt.
»Für mich?«, fragt sie ungläubig.
»Für wen sonst? Das hast du dir wahrlich verdient.«
»Tausend Dank.« Nachdem sich Hannah das Armband übergestreift hat, schaut sie zu Anton, der neben ihr in einem angehängten Babybettchen liegt und so seelenruhig schlummert, als nehme er den Trubel um sich herum gar nicht wahr. »Das Armband wird mich immer an den heutigen Tag erinnern, Juli. Und an dich. Hilfst du mir noch mit dem Stillen?«
»Dafür rufen Sie bitte Schwester Therese.« Anett, die neben der Tür auf mich wartet, tippt freundlich, aber sehr bestimmt auf ihre Armbanduhr. »Wir müssen los. Juli hat gerade einen Kreislaufkasper hinter sich und daher mindestens so viel Ruhe nötig wie Sie, Frau Glockenbach.«
»O, das wusste ich nicht.« Forschend sieht Hannah mich an. »War es wegen des Kaiserschnitts? Bestimmt kein schöner Anblick …«
»Ich erzähl’s dir morgen, wenn ich dich besuche«, vertröste ich sie. »Ruf mich trotzdem jederzeit an, wenn was ist.«
Hinter meinem Rücken ahne ich eine wild gestikulierende Anett, die genau das verhindern will. Doch meine Gedanken schweifen schon weiter, und zwar in eine ziemlich deprimierende Richtung: Wer wird an meinem Bett stehen, wenn ich das Kind zur Welt gebracht habe?
Anett, klar, auch Isabel und Richard. Aber sonst? Kein stolzer Vater, keine stolzen Schwiegereltern, so viel steht fest. Allenfalls meine Mutter – sofern sie sich denn zu einem Babybesuch bequemt. Seit mein Vater mit einer Jüngeren auf und davon ist, befindet sie sich vorzugsweise auf Reisen. Zurzeit meditiert sie in einem Yoga-Retreat auf La Gomera. Großmutter will sie auf keinen Fall werden, hat sie mir unlängst eröffnet – zu viel Verantwortung, zu viel Stress. Aber da sei bei mir ja gottlob nichts zu befürchten.
Tja. Normalerweise heißt es: Hinter jeder beruflich erfolgreichen Frau steht eine ungeduldige Mutter, die fragt, wann sie denn endlich mit Enkelkindern rechnen kann. In meinem Fall ist es genau umgekehrt.
Dafür steht mir nun ein Leben als alleinerziehende Mutter bevor. Wie soll ich das denn bitte schaffen? Mein Rund‑um-die-Uhr Beruf ist schwerlich mit einem Kind vereinbar. In Notfällen nachts mal schnell raus, ohne die Chance, ad hoc einen Babysitter zu organisieren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Damit steht meine gesamte Existenz auf dem Spiel.
»Juli?« Sacht zieht Anett an meinem Arm. »Wollen wir?«
Die steile Falte zwischen ihren Augenbrauen deutet darauf hin, dass sie meinen heiklen Gemütszustand erahnt und mich so rasch wie möglich aus dieser rustikalen Familienidylle befreien möchte. Was wäre ich ohne meine Freundin Anett?
Fünf Minuten später schlendern wir unten auf dem Klinikparkplatz zu ihrem Wagen, einem feuerroten alten Käfer, den sie genauso hegt und pflegt wie ihre Patientinnen auf der Gynäkologie. Regelmäßig wird der Lack mit Spezialwachs behandelt, jede Roststelle penibelst entfernt, und das Innenleben punktet mit grasgrün gemusterten Stoffbezügen, die Anett eigenhändig für die schadhaften Sitze genäht hat.
Kaum habe ich den Rosenstrauß und meine Hebammentasche auf dem Rücksitz verstaut, als sie auch schon auf meine Frage antwortet, die unausgesprochen in der Luft hängt.
»Nein, Juli, ich bringe dich nicht zu deiner nächsten Klientin. Erst mal isst du das Sandwich, das ich vom Klinik-Catering abgezweigt habe. Du weißt doch, der Weg zu einer gesunden Schwangerschaft führt durch die Küche, nicht durch die Apotheke. Dann fahren wir zu mir, und du legst dich auf die Couch. Keine Widerrede.«
Klingt sinnvoll. Gegen den Strich geht es mir trotzdem. Wer legt sich denn am helllichten Tag auf die Couch?
»Bitte sehr, dein Käsesandwich mit Eisbergsalat.« Anett reicht mir eine braune Papiertüte. »Brav aufessen, sonst kippst du mir gleich noch mal um. Vorher sagst du bitte deinen Klientinnen ab.«
»Ja, Mami«, ziehe ich sie auf. »Danke, den Ohnmachtshappen weiß ich sehr zu schätzen, und die Termine cancele ich per WhatsApp. Du kannst gern zusehen.«
