Komm schon, böser Wolf - Charlotte Maria Dittrich - E-Book

Komm schon, böser Wolf E-Book

Charlotte Maria Dittrich

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Beschreibung

Elvira, Martha, Regina und Ruth sind alle Anfang fünfzig, alle aufgewachsen in der baden-württembergischen Provinz und alle grundverschieden. Sie kennen sich seit ihrer Schulzeit und haben zusammen einiges durchgestanden, aber in letzter Zeit zeigen sich Risse in ihrer Freundschaft. Können sie sich noch vertrauen? Misstrauen und Unmut haben sich in das Frauen-Quartett geschlichen, denn: Elvira, die mit ihrem unsteten Lebenswandel, dem ständigen Geldmangel und ihrer unverblümten Art die Geduld der anderen drei immer wieder auf die Probe stellt. Als Elvira brutal ermordet wird, geraten Martha, Regina und Ruth sehr schnell ins Visier der Kommissare Anne Thoms und Rolf Nimmer. Doch ihre Alibis sind wasserdicht - zunächst. Vor allem Hauptkommissarin Anne Thoms bleibt misstrauisch und riskiert mit ihren hartnäckigen Ermittlungen sogar ihren Job. Doch was sie und ihr Kollege in diesem Jahrhundertsommer nicht nur aus Elviras Vergangenheit an Lügen, Verstrickungen und Verbrechen ans Tageslicht befördern, übersteigt ihre kühnsten Erwartungen …

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2020

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CHARLOTTE DITTRICH, geboren 1954, ist Schwäbin mit Herz und Verstand. Sie folgt seit Jahren ihrer Leidenschaft, Bücher zu schreiben – »Komm schon, böser Wolf« ist ihr erster Kriminalroman und bereits ihre vierte Veröffentlichung insgesamt. Bei buch&media ist von der Autorin außerdem der Roman »Susanne und die Gezeiten des Lebens« (2014) erschienen.

Diese Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Originalausgabe November 2020

© 2020 Charlotte Dittrich

© 2020 Buch&media GmbH

Umschlaggestaltung: Franziska Gumpp

Umschlagmotiv: © ByeByeSSTK, shutterstock.com

Gesetzt aus der Adobe Garamond Pro und der Futura Std

Printed in Germany

ISBN print 978-3-95780-204-0

ISBN epub 978-3-95780-205-7

ISBN pdf 978-3-95780-206-4

1. KAPITEL

Tübingen im November 2005

In den Regen, der unaufhörlich gegen die dreckigen Plastikplanen klatschte, mischten sich zaghaft vereinzelte Schneeflocken. Sie hefteten sich trotzig an die Verkleidung und wurden sofort zerstört von den massiveren Tropfen, die aus den Wolken fielen. Mit der einbrechenden Nacht und den sinkenden Temperaturen würden sie jedoch ihre Lebenserwartung steigern und am nächsten Morgen die Stadt in Puderzucker hüllen, was ein zauberhaftes Postkartenmotiv abgäbe.

Für diese vorweihnachtliche Romantik hätte der auf dem kalten Betonboden liegende Mann keinen Sinn gehabt. Seine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit. Er musste wohl einige Minuten ohnmächtig gewesen sein und versuchte jetzt vorsichtig, sich zu bewegen. Aber weder sein Kopf noch sein restlicher Körper gehorchten ihm. Es lag nicht an seinem Willen, sich bemerkbar machen zu wollen, nein, es ging nicht. Die von seinem Gehirn gesteuerten Befehle wurden nicht umgeleitet und erfüllt. Er versuchte erneut, Arme und Beine oder wenigstens die Finger zu bewegen, aber es gelang ihm nicht. Also fügte er sich im Moment seinem Schicksal und stellte sich tot oder wenigstens ohnmächtig. Denn er war nicht alleine. Jemand war mit ihm im Raum.

Die Warnleuchten, die draußen vor der Baustelle montiert waren und jeden davon abhalten sollten, dem baufälligen Haus zu nahe zu kommen, warfen ein verschwommenes Licht durch die Planen in den ansonsten dunklen Raum. Er spürte die Anwesenheit der anderen Person, er hörte und roch sie, er sah ihre Umrisse. Und langsam begriff er, da ihm nicht geholfen wurde, wer verantwortlich für seinen Zustand war.

Aber vielleicht irrte er sich ja und war nur einem Penner in die Quere gekommen. Der süßliche Saft, der ihm aus den Mundwinkeln rann, schmeckte nach Blut. Seinem Blut. Es fiel ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen, und er spürte, wie sein Bewusstsein wieder schwand.

Zusammenreißen, dachte er. Er war am Leben und nur das war wichtig. Das andere bekam er wieder hin. Er würde sich auch aus dieser Misere befreien, so wie er sich in den letzten Jahren aus allen Schwierigkeiten befreit hatte. Man brauchte nur ein bisschen Glück und das hatte er bisher immer gehabt. Nicht in allen Bereichen des Lebens, aber in vielen. Fast war er erleichtert.

Als er den vereinbarten Treffpunkt nach einer alten Gewohnheit viel zu früh erreicht und das mit Plastikplanen verhangene Gebäude betreten hatte, sah er als Erstes den rostenden, mit leeren Flaschen gefüllten Aldi-Einkaufswagen und unzählige gehortete Plastiktüten. Eine verschlissene, völlig verdreckte Matratze war mitten im Raum platziert worden. Flaschen und Unrat lagen über dem Betonboden verteilt. Aus einer primitiven, mit Hilfe einer großen Dose gebastelten Feuerstelle ragten verkohlte Holzreste. Es roch nach kaltem Rauch, Fäkalien, Moder und Ölfarbe, und es schauderte ihn. Ohne Zweifel, hier hatte sich ein Penner eingenistet. Ein Obdachloser, wie er es selbst beinahe geworden wäre. Nur das kleine Quantum Glück hatte ihn vor diesem Schicksal stets bewahrt.

Ja, er hatte davon gehört, von diesem ärgerlichen Baustopp in Tübingen. Irgendwelche denkmalgeschützten Grundmauern mussten erhalten bleiben. Laut Pressemeldungen zog sich das Gutachten schon ziemlich lange hin. Nun dienten diese Grundmauern jemandem als Behelfsquartier.

Nachdenklich war er noch auf den Einkaufswagen zugegangen, es schien alles hergerichtet, als würde gleich die Plane auf die Seite geschoben und der »Hausbesetzer« käme herein. War-um hier, wo offensichtlich jemand haust, dachte er noch – dann kam das Aus. Wie aus dem Nichts traf ihn ein Schlag. Er sah noch die Flaschen näherkommen und dann nur noch Schwarz.

Obwohl sein Gehirn nicht so schnell funktionierte, wie er es gewohnt war, wusste er, dass es falsch gewesen war, hierher zu kommen. Dieses nochmalige Einfordern war ein Fehler gewesen. Dass er sich nicht mehr bewegen oder auf irgendeine Art bemerkbar machen konnte, hatte seine Gründe.

Einer dieser Gründe bewegte sich hier im dunklen Raum, stieß mit schweren Schuhen gegen leere Flaschen, zerrte an der dicken Folie und schüttete übelriechende Flüssigkeit aus.

Er hätte sich damit begnügen sollen, nach Andalusien abzuhauen, mit allem, was er erreicht oder besser, erpresst und zwischenzeitlich in einer Finca gut angelegt hatte.

Sein neues Leben hatte in einen Koffer gepasst. Kein Mensch könnte seine Spur verfolgen. Sein Ticket hatte er in seiner Tasche gehabt, sein Geld war wohlüberlegt in einem Päckchen an seine eigene Adresse geschickt worden. Nirgendwo ein Konto, schon vor Wochen am alten Wohnort abgemeldet. Spurlos würde er sich davonmachen in sein neues Leben.

Schon einmal war ihm ein Neuanfang geglückt. Nach der Wende. Weg von einer Frau, die er nie geliebt hatte und nur der Partei verdankte. Den gemeinsamen Nachnamen ablegen, einen neuen annehmen, neue Papiere, ein neues Bundesland. Seine Stasi-Akten interessierten ihn nicht mehr. Wen wollten sie denn suchen? Ihn und alles um seine Person gab es nicht mehr. Es hatte sich eben doch ausgezahlt, die richtigen Verbindungen erhalten zu haben. Nicht mehr als zwei Anrufe waren damals nötig gewesen, und als er sich unter den grölenden Mob mischte, fiel er nicht auf. Während die neuen Deutschen feierten, wusste er genau, was zu machen war. In welches Stockwerk er musste, wo die Regale und Akten waren. Das Beste, was ihm passieren konnte, war, als sie anfingen, alles zu verbrennen. Er schmiss seine Unterlagen beim Verlassen des Gebäudes einfach ins lodernde Feuer.

Es gab ihn nicht mehr. In diesem System, in dem jeder jedem einen Gefallen schuldig war, die einen mehr, die anderen weniger. So einfach! Er war immer der Unauffällige gewesen, dem niemand nachschaute. Man traute ihm nichts zu, er spielte den Versager gut. Bei einem Mann von gerade einem Meter sechzig vermutete niemand, ausgerechnet von ihm observiert oder ausspioniert zu werden. Seine Rolle als Mitschwimmer hatte sich ausgezahlt. Schon als Kind, abgeschoben von einer überforderten Mutter zu einem Großvater, bei dem Gehorsam oberstes Gebot war. Er hatte gelernt, den Mund zu halten, nur zu antworten, wenn er gefragt wurde. Und selbst bei seinem strengen Großvater spürte er so etwas wie Geborgenheit. Bis dieser starb.

Danach kam Torgau. Eines der berüchtigten DDR-Kinderheime. Nach wenigen Wochen wusste er: Wenn du das überlebst, dann überlebst du alles andere auch.

Nicht zurückdenken, immer nur nach vorne sehen. Nie etwas machen, was verdächtig wirkte. Sich täglich waschen, die Zähne putzen. An einen ungepflegten, übel riechenden Menschen erinnert man sich.

Gut riechen, aber nicht zu aufdringlich. Alle kauften das gleiche Rasierwasser, dasselbe Eau de Toilette. Gepflegt wirken, aber immer im Hintergrund bleiben. Mit der Mode gehen, soweit es der Geldbeutel zuließ, aber nie exzentrisch wirken. Kein goldener Siegelring oder protzige Goldketten. Kein Merkmal war an seiner Person, das jemandem im Gedächtnis blieb. Sogar seine ursprünglichen Zähne waren noch erhalten, wenn man irgendwann einmal seine Identität feststellen wollte. Aber das würde ja bedeuten, er läge dann auf einem Obduktionstisch, was er im Moment nicht vorhatte.

Spionieren war er gewohnt, das konnte er und hatte einen Beruf daraus gemacht.

Und diese Gefühlsduselei, es wächst zusammen, was zusammengehört, die Familienzusammenführungen und Tränen, ach, das war ihm doch so zuwider. Die hundert Mark Begrüßungsgeld hatte er natürlich trotzdem mitgenommen.

Im kleinen Koffer Tausende von Westmark für einen hohen Funktionär, der nach der Wende verschwunden blieb. Bei dem Trubel an der Grenze wurde doch gar nicht kontrolliert. Die stürmten über eine niedergerissene Mauer und schrien: »Freiheit!«. Keiner kontrollierte irgendetwas. Seine Waffen mitsamt der Munition blieben unentdeckt.

Wegen ihm hätte es immer so weitergehen können mit der DDR. Er hatte sich zurechtgefunden, konnte sich anpassen. Ihm war es gutgegangen, abgesehen von dieser Frau, die er ehelichen sollte. Er tat es natürlich. Testosteron war ihr zweiter Vorname. Ihre Brüste so hart wie seine Oberarmmuskeln, und er fragte sich, wie viel von diesem Zeug man ihr wohl schon als Kind in die Frühstücksmilch geschüttet hatte. Nein, weiblich war sie bei Gott nicht gewesen. Aber Goldmedaillengewinnerin. Ach ja, und sie musste sich rasieren wie er, aber davon wusste keiner außer ihm.

Aber auch diese Misere war von kurzer Dauer. Scheidungen waren hier, in der DDR, an der Tagesordnung.

Und jetzt lag er hier. Verdammt!

Der Teufel hatte ihn geritten. Vielleicht war auch alles viel zu einfach gewesen. Hatten sie ihn damals in der Ausbildung nicht gewarnt? Wenn es zu einfach wird, aufpassen! Und genau da hätten die Alarmglocken bei ihm läuten müssen. Wie konnte ihm dieser Fehler unterlaufen? Ihm, der eiskalt jeden Gast, den seine Frau bei ihnen zu Hause bewirtet hatte, ausspioniert, verraten und für gute Devisen verkauft hatte. Ihm, der jedes Wort akribisch aufgeschrieben und manchmal, um die Sache zu beschleunigen, ein bisschen getrickst hatte. Ja, das konnte man ihm vielleicht ankreiden. Gesagte Dinge waren ja auch Auslegungssache. Aussagen konnte man so oder so sehen.

Den Entschluss, dieses eine Mal noch mitzunehmen, verdankte er seiner Überheblichkeit und Gier. Diese Wessis noch mal richtig abzocken. Mit ihrem dummen Geschwätz: Ah, auch ein Rübergemachter!

Hatten Geld wie Dreck und beschatteten sich gegenseitig. Da wurde nicht miteinander geredet, da ging es gleich zum Anwalt.

Jedes Mal war er von Neuem enttäuscht worden. Jedem Klienten, dem er gegenübersaß, hoffte er, irgendetwas Menschliches abzugewinnen, und sah doch immer nur Misstrauen, gepaart mit Rachsucht. Hasserfüllte Fratzen, ob weiblich oder männlich, von Gier zernarbte Seelen, denen er helfen sollte, ihre dunklen Gedanken erfolgreich umzusetzen. Und wenn auch er nicht helfen konnte, fielen schon Fragen wie: Kann man denn da gar nichts machen? Doch man konnte, er konnte. Aber das kostete extra.

Und dies hier war nun das Gelobte Land …

Deshalb hatte er gedacht, ein Mal noch und dann Abflug. Doch jetzt lag er gelähmt auf kaltem Betonboden und eine dunkle Gestalt durchwühlte seine Jackentaschen. Sehen und hören konnte er noch. Aber in diesem schummrigen Licht konnte er das Gesicht nur schemenhaft erkennen. Aber was würde es ihm nutzen, wenn er es genau sehen würde. Das war‘s jetzt wohl. Es würde nicht zufällig ein Retter herbeifliegen, so ein Batman, und ihn aus seiner Lage befreien. Aber die befreiten ohnehin nur die Guten, und zu denen hatte er sein ganzes Leben nicht gehört. Da er außerdem Atheist war, hatte Gott ihn schon lange von seiner Liste gestrichen.

Die Person zündete sich eine seiner Zigaretten an. Schnorrer hatte er noch nie leiden können. Die bekamen bei ihm immer einen Zusatzeintrag.

So eine Unverschämtheit. Seine Sparsamkeit und ein ausgeprägter Geiz hatten ihn weit gebracht. Die Person hustete. Fast hätte er gelacht. Scheiß Nichtraucher.

Vielleicht hatte er noch eine Chance und war mit seinem unberechtigten Betreten der Wohnstätte tatsächlich nur einem Penner auf die Füße getreten. Seine Finger kribbelten und in den Füßen spürte er wieder Leben. Er war erleichtert. Sobald der Kerl – er war sich jetzt ganz sicher, dass es sich um einen Mann handelte – einschlief oder verschwand, würde er verduften. Dann eben ohne Nachschlag.

Und wenn nicht?

Er hatte sich abgesichert. Wenn derjenige, der ihm das hier eingebrockt hatte, nun meinte, mit der Beseitigung seiner Person die Vergangenheit auszulöschen, so würde er enttäuscht sein. Denn einmal hatte er, wenn er jetzt überlegte, etwas richtig gemacht. Eine sentimentale Eingebung, so etwas wie Mitleid für einen Menschen, dem man ganz übel mitgespielt hatte.

Er hatte den Brief abgeschickt und war sich ganz sicher, dass diese Sache durch sein Ableben kein schnelles Ende finden würde. Er versuchte zu grinsen und wusste nicht, ob es ihm gelang.

Plötzlich wurde es hell um ihn herum. Unnatürlich hell. Eine Hitze stieg um seinen Körper auf, und sein träges Hirn brauchte einige Sekunden, bevor es ihm meldete: Ich brenne lichterloh!

2. KAPITEL

Sechs Jahre später

Man nannte es Sommerloch.

Wenn jedes Thema ausgereizt war, die Politiker im Urlaub weilten und man das Glück hatte, jeglicher Katastrophe zu entgehen. Natürlich gab es dann noch die Bauern, denen es entweder zu nass oder zu trocken, zu warm oder zu kalt war, die sich darüber beschwerten, dass ihre Ernten durch Schädlinge oder Stürme zerstört waren. Aber manchmal herrschte wirklich Ruhe. Selbst einschlägige Zeitungen suchten dann händeringend nach irgendwelchen Schlagzeilen für ihr Blatt.

Wenn dann, wie jetzt, das Thermometer acht Tage hintereinander auf über fünfunddreißig Grad kletterte, war die Überschrift gerettet. Man hatte seinen Aufmacher gefunden.

Doch schon meldeten sich die ersten unmutigen Stimmen, die stöhnend erklärten, dass diese Hitze jetzt auch nicht nötig gewesen wäre. Ein paar Grad weniger täten es auch. Natürlich, man hatte auch schon mal was gehört vom Klimawandel, aber der passierte doch nicht hier.

Hoffnungsvolle Blick wanderten zum Himmel, wo sich Wolken immer neu formierten, aber es war vergebens. Die ersehnte Abkühlung blieb aus. Die Wolken lösten sich in Nichts auf, und die Schwüle drückte ins Tal und den Menschen aufs Gemüt.

Am Rande der Terrasse des Gasthofes Grüner Baum in Barsteinhausen saßen vier Frauen um die fünfzig, von denen drei einen gequälten Gesichtsausdruck hatten. Das lag nicht an den Konstellationen am Himmel oder den Hitzekapriolen, sondern daran, dass die vier nicht nur äußerlich absolut verschieden waren.

Während an den vollbesetzten Tischen um sie herum Paare und Freunde fröhlich schwätzten, fiel das Frauen-Quartett aus der Reihe. Natürlich wischten sich auch andere Gäste den Schweiß von der Stirn und aus dem Gesicht, manche dezent, andere, meist Männer, holten riesige Taschentücher aus ihren Hosentaschen und verschwanden regelrecht unter dem Stoff. Aber sie waren gut gelaunt und scherzten und lachten. Die vier Frauen nicht.

Es ging auf das Wochenende zu, und das Geschäft lief glänzend. Die Wirtsleute waren zufrieden, denn die Biere und die Radler flossen, weil sich in dieser Hitze jeder am Spätnachmittag nach draußen wagte und auf ein wenig Abkühlung hoffte.

Die Stimmung am Frauen-Tisch war gereizt und die Spannung spürbar. Ihre zunächst unverfängliche Unterhaltung war ihnen nach kurzer Zeit entglitten, so wie zuletzt eigentlich immer. Ihr sogenanntes Freundinnen-Treffen war schon seit einigen Monaten nur noch eine leidige Pflichtübung.

Regina, Ruth und Martha trafen sich mit Elvira. Genau so und nicht anders musste man es beschreiben.

Regina arbeitete als Krankenschwester in Ludwigsburg. Sie war die Einzige, die zwischen ihrem Arbeitsplatz und Barsteinhausen pendelte. Ihre flippige Frisur wurde von einer grünen Strähne über der Stirn untermalt. Kommentare darüber wurden von Regina nur belächelt.

Da sie alle vier in Barsteinhausen geboren, aufgewachsen und miteinander zur Schule gegangen waren, sich also von klein auf kannten, verfolgte jede das Leben der anderen, und doch blieben Gespräche darüber meist aus.

Ruth, die mit ihrem Kurzhaarschnitt und ihrer schlanken, großen Statur eher wie ein gepflegter Sportler wirkte und jede weibliche Note vermissen ließ, besah sich nun penibel ihre Fingernägel. Sie war seit ihrer Heirat eine von Barstein, und die Vorfahren ihres Mannes hatten dem Ort seinen Namen gegeben, was für sie nicht immer von Vorteil war. Verschämt zerknüllte sie das Papiertaschentuch in ihrer verschwitzten Hand. Seit Beendigung ihrer Leichtathletikkarriere, sie war nicht nur viermalige deutsche Meisterin im 400-Meter-Hürdenlauf, sondern hatte 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul in der gleichen Disziplin die Silbermedaille gewonnen, arbeitete sie beim Deutschen Sportbund. Sie war nicht selten mit den Größen des nationalen Sports unterwegs und in einschlägigen Boulevard-Zeitschriften zu sehen, aber ihre Erzählungen darüber wurden meist als Angeberei tituliert, und so ließ sie es.

Martha strich zum hundertsten Mal unbeholfen ihren Rock glatt. Sie verlieh der Truppe etwas Seriosität mit ihrem gepflegten Auftreten, trug meist ein perfekt sitzendes Kostüm und eine akkurate Fönfrisur, in die sich graue Strähnen mischten. Martha litt unglaublich unter Elviras Spott und Hohn. Dass sie beim örtlichen Pfarramt arbeitete, machte es für sie auch nicht besser. Im Gegenteil. Elvira nannte sie nur die »heilige Martha«.

Elvira – um sie drehte sich alles.

Sie war arbeitslos und seit längerer Zeit Hartz-IV-Empfängerin. Ihr Leben war bis jetzt nicht rund gelaufen – und das wurde für die drei anderen langsam zum Problem!

»Was hat sie eigentlich? Alle paar Wochen trommelt sie uns zusammen und dann das hier!« Ruth nutzte Elviras Toilettengang (nach drei Gläsern Sekt eine ganz natürliche Reaktion), um ihrer Wut Luft zu machen. Ihre Wangen waren gerötet, und das nicht nur von der Hitze.

»Ich weiß auch nicht, was sie hat«, meinte Regina entschuldigend. »Vielleicht hat das ja mit dem zunehmenden Mond zu tun.«

»Dann nimmt der Mond bei ihr aber jedes Mal zu, wenn wir sie treffen. Sie sollte sich mal professionelle Hilfe holen.« Ruth stopfte ihr Taschentuch in ihre Hosentasche und nahm ein neues aus ihrer Packung.

»Was hat sie dir denn vorhin zugesteckt?«, fragte Martha, und Regina ärgerte sich, dass Elvira nicht diskreter gewesen war. Fast könnte man meinen, es wäre Absicht gewesen. Sie sah verstohlen auf ihre Handtasche, in die sie den Umschlag von Elvira gesteckt hatte.

»Ich hab ihr mal was geliehen«, sagte sie und hoffte, Martha damit zufrieden zu stellen.

»Aber wegen dem mussten wir doch jetzt nicht alle antanzen.« Ruth schnaubte. »Eigentlich dachte ich, es gäbe vielleicht mal was Positives von ihr. Ein neuer Job, ein neuer Partner vielleicht, ach, was weiß ich.«

»Ja, das Geld hätte sie dir ja auch weniger auffällig geben können«, meinte Martha spöttisch. »Nicht vor uns allen. Bei ihr zu Hause, zum Beispiel. Vielleicht hättest du ja mehr Glück gehabt als ich. Ich wollte letzte Woche bei ihr reinschauen, aber gnädige Frau war nicht zu Hause.«

»Und? Habt ihr schön über mich hergezogen?« Wie aus dem Nichts stand Elvira hinter ihnen.

»Natürlich. Wie immer. Wo warst du denn letzte Woche, als Martha dich besuchen wollte?«

Regina sah, wie Elvira ihre Augen zusammenkniff.

Sie konnten nicht, wie unter anderen Freundinnen üblich, ungezwungen drauflosplappern und von tollen Klamotten oder extravaganten Schuheinkäufen berichten. Martha hatte sogar die Neuanschaffung neuer Gartenmöbel verheimlicht. So weit war dieses Kleeblatt schon gekommen. Auch tratschten sie nie alle zusammen, weder über Bekannte oder einfach mal über Frisuren oder unglückliche Modeerscheinungen.

Denn Lästern war ausschließlich Elvira vorbehalten. Es ging immer nur und ausschließlich um Elvira.

»Arbeitsvermittlung. Jobbörse. Ich muss immer präsent sein.« Sie ordnete ihre roten Haare über ihre Schultern.

Martha sah sie scharf an und verkniff sich zu erwähnen, dass sie am Sonntag unten am Eingang vor Elviras‘ Mietshaus gestanden und jemand gerufen hatte, sie sei schon am Freitag mit Tasche aus dem Haus und seitdem nicht wieder erschienen. Sonntags haben auch Jobbörsen geschlossen, Schätzchen, dachte sie. Und während sie noch angestrengt überlegte, warum Elvira log, hatte diese mit dem Thema schon abgeschlossen und widmete sich einem neuen.

»Wo waren wir vorhin unterbrochen worden?«, fragte sie. »Wir sind nicht unterbrochen worden, du musstest aufs Klo«, meinte Ruth und verzog ihr Gesicht.

»Ach ja. Da hinten. Das ist nie und nimmer ihr Mann!« Elvira grinste und nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Sekt. Es war nun ihr viertes Glas Sekt, während die drei anderen bei Mineralwasser und alkoholfreien Cocktails geblieben waren. Alle Blicke wanderten zu dem Pärchen, von dem Elvira sprach und von dem sie schon vor dem Gang zum WC regelrecht besessen gewesen schien. Der Mann schaute hoch und Elvira an.

Elvira mit ihren roten, langen Locken und dem offenherzigen Ausschnitt, der ihre opulente Figur betonte, zog wieder einmal sämtliche Männerblicke auf sich. Was den Frauen auf der Sonnenterrasse wenig gefiel.

Sie hatten anfänglich über das Wetter geplaudert, über die Hitze und Schwüle sowie den herbeigesehnten Regen oder auch Wolkenbruch (man hätte wirklich alles vom Himmel genommen, wenn es denn Abkühlung gebracht hätte), aber die Konversation hatte, wie fast jedes Mal, mit Elviras Observation und Kommentierung der anwesenden Gäste geendet. Da ihre drei Freundinnen keine neuen Angriffsflächen boten, suchte Elvira sich mit beständiger Regelmäßigkeit beliebige Opfer ihrer Lästerattacken unter den benachbarten Tischen heraus. Da alle

Plätze besetzt waren, hatte sie heute unverhofft große Auswahl. Besonders verliebte Pärchen hatte sie im Visier. Sie waren ihr ein Dorn im Auge.

Martha rollte mit den Augen. »Kannst du nicht einmal in Ruhe …?«

»Nein, kann ich nicht!« Angriffslustig streckte Elvira ihr Kinn nach vorne.

Regina und Ruth verzogen genervt ihre Gesichter.

»Ich wette mit dir!«, sagte Elvira, und ihre Stimme war so laut geworden, dass sich am Nebentisch eine ältere Frau zu ihnen umdrehte. »Komm, wir wetten!«

»Woher willst du das wissen? Weil er zufällig auch ein kariertes Hemd trägt?«, fragte Regina und wäre tot vom Stuhl gefallen, wenn Elviras Blicke töten könnten. Sekundenlang herrschte eisiges Schweigen.

»Kein Mann macht das Handy aus, bevor er sich an den Tisch seiner Frau setzt«, sagte Elvira dann.

Wieder schwiegen die am Tisch Anwesenden.

»Mädels, sie saß schon da. Er kommt zum Tisch … macht sein Telefon aus und steckt es in die Hemdtasche. Das aber ist ein Statussymbol: Normalerweise legt er es für alle gut sichtbar auf den Tisch. Früher war das die Schachtel Zigaretten und ein sehr teures Feuerzeug. Auf jeden Fall ist er ein ganz ein Wichtiger. Wahrscheinlich kommt er nach vier Minuten und fragt dann seine Frau: ,War‘s schön oder war ich zu wild?‘ Ha!«

»Ach, jetzt red doch keinen Scheiß! Was du auch immer alles bemerkst.« Ruth wurde zunehmend ungeduldiger. »Die mögen sich halt und wollen vielleicht gerade an so einem schönen Tag mal ihre Ruhe haben!«

Marthas Wangen waren rot wie Tomaten. Die ordinäre Wortwahl Elviras passte ihr ganz und gar nicht, und mit jedem Glas stieg auch die nicht mehr kontrollierbare Lautstärke ihrer Stimme. Die Sonne brannte jetzt nach acht Uhr abends immer noch gnadenlos auf sie herunter. Das viele Trinken half wenig, die hohe Luftfeuchtigkeit trieb den Schweiß aus allen vorhandenen Poren. Martha fächerte sich mit ihrem Bierdeckel Luft zu.

»Wir hätten uns doch unter einen Sonnenschirm setzen sollen!«

Der Versuch, das Thema zu wechseln, wurde mit einem bitterbösen Blick Elviras gestraft.

»Kauf dir doch einen Strohhut«, fauchte sie Martha an. Und zu Ruth gewandt sagte sie: »Ach ja, die mögen sich noch. Halten verstohlen Händchen! Dass ich nicht lache. Verheiratete, die sich noch mögen!« Bei den letzten Worten verzog sie spöttisch das Gesicht.

»Ja, was ist dabei? Vielleicht haben sie sich erst kennengelernt. Musst du immer und überall nur Negatives sehen?« Auch Regina, eigentlich Elviras beste Freundin, verlor langsam die Geduld. »Kannst du nicht einmal positiv denken und handeln?«

Die Bedienung unterbrach kurz, und Elvira bestellte sich den nächsten Sekt.

»Gilt doch noch dein Angebot, oder?«, fragte sie Ruth provozierend laut.

Ruth übernahm heute die Zeche für Elvira. Bei jedem Treffen kam jemand für sie auf, so war es ausgemacht, und es machte den Freundinnen nichts aus, der Arbeitslosen unter die Arme zu greifen – und ihr ja anscheinend auch nicht, sonst hätte sie sie nicht wieder zusammengetrommelt. Während andere sich vielleicht geschämt hätten, schien sie es zu genießen.

»Ihr seid so naiv«, fuhr Elvira jetzt fort. »Ein verheirateter Mann lässt sich seinen Kaffee zu Hause bringen. An den Tisch und den selbst gebackenen Kuchen gleich dazu. Dann gibt er die dazugehörige Kritik ab oder ein Lob, legt seine Füße hoch auf die frisch gebügelte Tischdecke, und die Mutti darf ihm einen bl…«

»Untersteh dich!«, riefen Ruth und Regina gleichzeitig.

Martha sah mit hochrotem Gesicht in den Himmel und sagte nichts. Es wäre ihr in diesem Moment egal gewesen, ob Blitz oder Donner auf Elvira herabgefahren wären, Hauptsache, irgendetwas stopfte ihr böses Mundwerk.

»Ein Verheirateter geht nicht in die Öffentlichkeit, Verheiratete sind geizig«, fuhr Elvira sichtlich amüsiert, aber etwas leiser fort. »Ich kann ja mal rübergehen und testen?«

»Wenn du das machst, steh ich auf und du zahlst deine Zeche selbst«, zischte Ruth. »Noch einmal mach ich so was nicht mit! Außerdem, wenn es eine Freundin oder Geliebte wäre, dann müsste er doch Gefahr laufen, dass man ihn hier sieht.«

Martha rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. »Jetzt lasst uns doch über was anderes reden«, meinte sie beschwichtigend in die Runde. »Wir treffen uns so selten, da müssen wir doch nicht streiten. Man muss doch auch mal kultiviert reden können.«

»Kultiviert ist gut. Sehr gut.« Elvira lächelte spöttisch. »Mit euch dreien. Ja, über was denn? Dass heute Freitag, der dreizehnte ist oder lieber über deinen Herrn Pfarrer?«

»Von mir aus über beides. Und noch eins, beleidigen lassen muss ich mich von dir nicht.« Martha lehnte sich zurück.

Ruth nickte zustimmend.

»Oder über dich«, sagte Regina. »Hast du die Stelle im Supermarkt noch?«

Alle sahen auf Elvira und erwarteten eine Antwort. Elvira warf ihre langen, roten Haare nach hinten und streckte ihre vollen Brüste nach vorne, sodass die Freundinnen einen ausgezeichneten Einblick bekamen.

»Es ist Sommerzeit, Mädels, ich soll mich vor Weihnachten wieder melden. Aber ich war mal wieder in meiner tollen Arbeitsagentur. Und stellt euch vor, da hab ich was in der Zeitung gelesen.«

»Na, dass du Zeitung liest, ist ja schon mal was«, spottete Regina und warf zum fünften Mal innerhalb kürzester Zeit einen Blick auf die Uhr.

»Ja stell dir vor. ,Frau mit Herz ohne Hirn‘ war schon so zerfleddert von gierigen Weiberfingern, die konnte man ohne sterile Handschuhe und Mundschutz nicht mehr lesen. Verstehst du: Hechelhechel, wie mach ich meinem Mann ein schönes Leben?« Elvira amüsierte sich köstlich über die verdrehten Augen ihrer Freundinnen. Sie war die Einzige, die ihren Spaß an diesem Tisch hatte.

»Was hast du denn nun gelesen?« Ruth sah ebenfalls auf ihre Uhr, dann zu Martha.

»Oh, es war ein interessanter Bericht über Zuwanderung. Vor allem die Tatsache, wie viele ihren Ehepartner verlieren könnten.«

»Wegen der Zuwanderung?« Regina schüttelte ihren Kopf. »Vor allem die Top fünf der deutschen Männern waren aufschlussreich. Mädels, passt auf: Über achthunderttausend deutsche Männer haben eine Ausländerin als Ehefrau. Und jetzt ratet mal, woher die sind?« Sie sah in ungläubige Gesichter. »Na, Ostblock und Thailand. Aus dem Katalog, versteht ihr?«

»Und was ist mit den deutschen Frauen?«, fragte Ruth. »Regina war auch mit einem Amerikaner verheiratet.«

»Etwa zwanzigtausend deutsche Frauen sind mit einem Ausländer verheiratet. Für Frauen gibt es wahrscheinlich noch keine Kataloge, in denen sie sich Männer aussuchen können. Was ich eigentlich nur damit sagen wollte: Wenn eine Frau hier nicht spurt, dann holt man sich eben eine Willige.«

»Das kannst du nicht verallgemeinern«, sagte Martha. »Wenn die Frauen erst mal die deutsche Staatsbürgerschaft haben und merken, welche Rechte sie haben, dann …«

»Wo lebst du?«, unterbrach Elvira sie. »Wie viele Männer hast du kennengelernt, seitdem du alleine bist?«

Martha schwieg sichtlich betroffen.

»Wir sind schon so ein trauriger Haufen«, fuhr Elvira fort. »Die eine mit einem Mann, der lieber auf dem anderen Geschlecht hoppe, hoppe, Reiter spielt. Dann unsere Witwe mit Heiligenschein und eine, die im Wilden Westen ihr Glück gesucht hat. Aber der ritt lieber in die blauen Berge und ließ sie mit der bösen Schwiegermutter allein.« Ihr Blick heftete sich an Regina.

»Den größten Fehler, den eine von uns machen konnte, war, dir etwas anzuvertrauen«, zischte Regina. »Und jetzt red doch mal von dir. Von deinem beschissenen Leben.«

Wieder herrschte sekundenlanges, eisiges Schweigen, bevor Regina energisch ihre Handtasche packte und aufstand. »Ich kann nicht so lange heute«, sagte sie und stob davon.

Am Nebentisch erhoben sich ebenfalls Gäste und ließen es sich nicht nehmen, einen missbilligenden Blick auf Elvira zu werfen.

»Ich muss auch los«, sagte Ruth schnell. »Das Komitee erwartet noch eine Einschätzung von mir. Per E-Mail. Und Bodo wollte sich noch melden. Nimmst du Elvira mit, Martha?«

Elvira grinste nur.

»Dann zahlen wir mal«, sagte Ruth.

»Aber ein Sekt geht noch, oder?« Elvira trank schnell ihr Glas leer.

Ruth rollte die Augen. »Von mir aus kannst du dir auch noch eine Flasche mit nach Hause nehmen.« Zu Martha sagte sie leise während des Aufstehens: »Meine Güte, entschuldige bitte, dass du das machen musst. Bring sie nur gut heim!«

Als Ruth Richtung Parkplatz ging, bemerkte Martha, dass sie ihr rechtes Bein nachzog.

»Hat sie wieder Schmerzen in der Hüfte?«, fragte sie.

»Sagte ich schon immer – Sport ist Mord!« Elviras Zunge war schwer geworden von ihrem Alkoholpensum.

»Warum musste denn Regina so schnell weg?«, fragte Martha.

»Die heilige Martha muss nicht alles wissen!« Da war er wieder, dieser feindselige Ton. Als sie sich schließlich von ihren Plätzen erhoben, schwankte Elvira erheblich.

»Du, hör mal, wenn es dir doch keinen Spaß macht mit uns, warum dann das ganze Theater?«

»Ich hab meine Gründe, und irgendwann werdet ihr sie verstehen.« Elvira schnippte mit den Fingern und drehte sich zu dem Pärchen um. »Ich glaube, ich muss mit dem Herrn noch ein Wörtchen reden!«

»Wenn du das machst, lass ich dich hier stehen. Eiskalt! Dann fährt dich die heilige Martha nicht nach Hause.« Martha drehte sich von ihr weg und ging mit raschen Schritten auf ihren Wagen zu.

3. KAPITEL

Hubert Walser war zufrieden. Sein bequemer Fernsehsehsessel ermöglichte ihm ein angenehmes Leben. Für seine Verhältnisse zumindest.

Laut Arbeitsagentur war er nicht mehr vermittelbar.

Als Hartz-IV-Empfänger durchforstete er täglich von früh bis spät die Fernsehkanäle und saugte wirklich jede noch so asoziale Sendung in sich hinein. Nachrichten oder den Wetterbericht brauchte er in seiner kleinen, fünfundzwanzig Quadratmeter umfassenden Welt nicht. Abends, wenn auch die letzte Flasche Bier leer war, musste er sich nur zwei Schritte bewegen und fiel dann meist noch angezogen auf sein Bett. Die ganze Wohnung war ein einziger Müllhaufen, die Wände waren vergilbt vom vielen Rauchen, und nur jetzt im Sommer wurde notgedrungen das Fenster geöffnet. Nicht etwa wegen des Gestanks nach Zigaretten und Alkohol, sondern wegen der Hitze. Denn der Dreck zu seinen Füßen störte ihn nicht.

Ab und zu, so kurz vor dem Ersten, wenn das Geld knapp wurde und er gezwungenermaßen nüchterner wurde, raffte er sich auf und warf wahllos Müll vom völlig verdreckten Parkettboden in einen blauen Sack und warf den ungetrennten Inhalt dann zum Ärger der Mitbewohner in die Mülltonne. Doch keiner legte sich mit diesem Mann an. Der eins neunzig große, drei Zentner schwere und am ganzen Körper tätowierte Kraftprotz flößte allen Angst ein. Die meisten schlossen ihre Türen, bevor sie ihm begegnen konnten. Hubert Walser war bekannt dafür, dass er nicht mit Worten argumentierte, sondern schon mal kräftig zulangte. Sein letztes Opfer war der alte Lehrer gewesen, der sich allzu sehr für die halbwüchsigen Mädchen in kurzen Röcken interessiert hatte. Der Lehrer hatte deshalb seine Anstellung verloren und wohnte in der mittleren Wohnung auf der Etage. Seine Beschwerde über umfallende Flaschen morgens um drei hatte Hubert Walser mit einem Handgriff erledigt. Er hatte den Kopf des Lehrers mit seiner Pranke umfasst und den Nachbarn einfach in seine Wohnung zurückgeschoben, aus der er sich nicht mehr traute, solange Hubert zu Hause war.

Hubert hatte nichts mehr zu verlieren. Er war ganz unten angekommen. Dumme Kommentare seiner Mitbewohner beantwortete er nicht selten mit einem übelriechendem Furz, der lange im Flur stehen blieb. Das konnte er auf Kommando, und alle verschwanden wieder in ihren Wohnungen, der Flur war wieder leer und Hubert setzte sein größtes und breitestes Grin-sen auf.

Auf der gleichen Etage, rechts außen, wohnte Elvira.

Der unglückliche Umstand fehlender Zigaretten nötigte Hubert jetzt, sich aus seiner festgesessenen Haltung zu lösen. Zuerst ruhig, dann immer panischer suchte er nach der heute gekauften Schachtel Kippen und musste, nachdem er mit bloßen Fingern den Aschenbecher durchwühlt und die Stummel abgezählt hatte, erstaunt feststellen, dass er sie alle schon geraucht hatte. Und nun kam gleich Fußball, irgendeine Mannschaft spielte immer gegen eine andere, und ohne Kippen, das ging ja gar nicht. Hektisch durchsuchte er seinen zerschlissenen Geldbeutel, dann alle Jacken- und Hosentaschen. Drei Euro einundsiebzig. Damit kam er nicht weit, das sagte ihm sogar sein vom Alkohol zersetztes Hirn. Er hatte sich die Zigaretten nicht genau eingeteilt, und das rächte sich jetzt. Er suchte im Aschenbecher nach noch verwertbaren Resten und Stummeln und steigerte sich dermaßen hinein, dass er irgendwann fluchend auf den Flur eilte und beim alten Lehrer Sturm klingelte. Einer würde ihm doch auch drei Euro leihen? Nun klopfte er ziemlich laut und hörte, wie sein Nachbar innen einen Gegenstand vor die Türe schob.

»Du Arsch, du blöder!«, schrie Hubert. Er ging zur Tür der Rothaarigen und ließ die Klingel gleich weg, sondern benutzte sofort seine Fäuste. Sie war zu Hause, er hatte durch das Fenster gesehen, wie sie torkelnd auf den Gehweg gefallen war und dann ihre Freundin beschimpft hatte. Also musste sie daheim sein.

»Nun mach schon auf, du eingebildete Kuh!« Seine Wut steigerte sich, die Kraft seiner Fausthiebe ebenfalls. Da krachte die Tür auf, und Hubert blieb einen Moment erstaunt stehen.

»Hallo? Entschuldigung! Die Tür ist einfach aufgesprungen.« Er ignorierte das zersplitterte Schloss und ging weiter in das spärlich beleuchtete, kleine Wohnzimmer.

Als Erstes sah Hubert ihren angewinkelten, weißen Oberschenkel auf dem weißen Hochflorteppich. Alles hier war irgendwie weiß.

»Hallo! Ich wollte nur mal fragen, ob Sie mir drei Euro …« Weiter kam er nicht. Er ging einen Schritt näher heran und sah auf das Gesicht, das einmal eins gewesen war. Elviras Haare waren auf dem weißen Teppich wie ein rot leuchtender Fächer ausgebreitet und in einer riesigen Blutlache lag ihr zertrümmerter Kopf. Die eine Hälfte des Gesichts fehlte oder war vielmehr zu einem Klumpen zerschmolzen, der aus Knochen und Haut bestand. Die Unterlippe zeigte Reste von weißen Zähnen, und ein grünes Auge starrte glanzlos an die Zimmerdecke.

Hubert Walser wandte sich abrupt ab und kam noch bis in die kleine Diele, wo er sich über das weiße Schuhschränkchen unter dem weiß gerahmten Spiegel erbrach.

Das Licht im Badezimmer hatte er nicht bemerkt. Er rannte eine Etage höher, wo er ein Handy oder ein Telefon vermutete. Sein Prepaidguthaben war wieder einmal aufgebraucht.

Während er nach oben lief, wurde das Licht in Elviras Badezimmer gelöscht. Kurz darauf verließ eine Person durch den Hinterausgang seelenruhig das Haus. Auf der Innenseite der Tür war ein Schild befestigt, auf dem in fetten Buchstaben stand: Nach zweiundzwanzig Uhr Türe immer abschließen!

4. KAPITEL

Was haben wir? Oh!« Hauptkommissarin Anne Thoms beugte sich über Elviras zertrümmerten Kopf. »Ich sollte vielleicht lieber fragen: Was haben wir nicht? Da war aber jemand wütend.«

»Nicht sehr schön«, meinte Rolf Nimmer, ihr Kollege. Gemeinsam mit den Kollegen von der Spurensicherung begutachteten sie Tatort und Leiche. Neben dem Kopf der Toten lag ein blutverschmierter, unförmiger Klotz. In ihren weißen Anzügen sahen sie alle irgendwie aus wie Außerirdische auf Landgang. Nur der dicke Aufdruck »POLIZEI« auf ihren Rücken identifizierte sie als Ermittlungsbeamte.

»Du siehst müde aus«, stellte Rolf fest.

»Stell dir vor, ich war schon im Bett«, antwortete Anne Thoms und richtete sich wieder auf. »Wer hat sie gefunden?«

»Ein Nachbar. Aber Vorsicht, wenn du seine Wohnung betrittst«, sagte Rolf, der seine Kollegin kannte.

»Und wer hat die Wohnung der Toten aufgebrochen? Der Täter oder die Täterin? Das muss man doch gehört haben.«

»Der besagte Nachbar hat aus Versehen die Tür aufgebrochen. Sagt er zumindest. Übrigens hat er auch an den Spiegel gekotzt.«

Anne schüttelte den Kopf, drückte sich an den Kollegen von der Spurensicherung vorbei, achtete darauf, nicht in das Erbrochene zu treten, und ging zu Hubert Walser. Der saß wie ein Häufchen Elend auf seinem geliebten Fernsehsessel und schluchzte in ein abscheulich dreckiges Taschentuch.

»Ich wollte doch nur drei Euro für Zigaretten. Und dann liegt sie da!«

»Wann haben Sie sie denn gefunden?« Angewidert blieb Anne Thoms an einer freien Stelle stehen und passte höllisch auf, nichts von dem zu berühren, was auf dem Boden lag. Ein übler Geruch hing in der Luft. Ein Gemisch, das nach vergorenen Abfällen, Zigarettenrauch und Urin stank. Die schweren, völlig vergilbten Gardinen waren zur Seite geschoben worden, aber das Fenster war geschlossen. Der anwesende Polizist verdrehte nur seine Augen und öffnete es.

»Zulassen, da kommt es kalt rein!«, schrie Hubert, der tatsächlich fröstelnd im Sessel saß, und Anne Thoms zuckte zusammen. Draußen hatte es sich vielleicht um zehn Grad abgekühlt, aber es waren immer noch um die zwanzig Grad.

»Herr …« Anne stockte, sie wusste seinen Namen nicht. »Walser«, ergänzte der Beamte und schloss artig wieder das Fenster.

»Also, Herr Walser. Ich würde sagen, Sie ziehen sich jetzt etwas anderes an und dann nehmen wir Sie mit auf‘s Kommissariat, damit Sie uns noch ein paar Fragen beantworten können.« Anne konnte nicht mehr atmen in diesem Mief.

»Warum? Ich bin angezogen«, meinte Hubert Walser empört. Anne betrachtete abschätzig seine abgewetzte, befleckte Jogginghose. Woher die Flecken in seiner Leistengegend kamen, war leicht zu erklären, aber sie unterdrückte ihre Fantasie, wollte diesen kurz aufkeimenden Gedanken nicht weiter verfolgen. Um ihre Magengegend machte sich ein Übelkeitsgefühl breit, was nicht einmal der Anblick des zertrümmerten Frauenkopfes geschafft hatte.

»Außerdem bin ich Zeuge!«, rief Hubert Walser wütend. Seine Tränen waren urplötzlich versiegt und er steckte das widerliche Taschentuch in seine Hosentasche.

»Weil Sie Zeuge sind, brauchen wir Sie gleich auf dem Revier. Und Ihre Kleidung. Damit wir ausschließen können, dass Sie etwas damit zu tun haben.«

Anne wollte ihm das Gefühl geben, sehr wichtig zu sein, und es funktionierte: Hubert Walser stand auf und präsentierte der gerade mal einen Meter sechzig großen Kommissarin Größe und Umfang seines Körpers, die fleischigen, behaarten Oberarme, die übersät waren mit abstrakten und teilweise unschönen Tattoos, und die lückenhaften Zähne, durch die ein übler, fäulnisbefallener Mundgeruch auf sie hinunterströmte.