König in Ketten - Michael Marcus Thurner - E-Book

König in Ketten E-Book

Michael Marcus-Thurner

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10,99 €

Beschreibung

Er ist gebrochen, in Ketten und fernab jeder Zivilisation – aber sein Wille ist frei.

Darne entflieht dem Leben als Bauer auf dem elterlichen Hof, um endlich Abenteuer zu erleben. Doch als er ein wenig über den Durst trinkt, verkündet er, dass er ein viel besserer König wäre als der derzeitige Herrscher. Für diesen »Aufruf zur Rebellion« werden ihm zehn Jahre Zwangsarbeit auferlegt. Getrieben von dem Wunsch nach einem gerechten Herrscher und der Gier nach Rache wegen dieser übertrieben harten Strafe, fasst Darne einen folgenschweren Entschluss: Er wird seine Ketten abschütteln – und er wird König werden!

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Buch

Darne ist ein Bauer, und daran ist eigentlich auch nichts auszusetzen. Allerdings gibt es auch wenig, um stolz darauf zu sein. Zumindest empfindet Darne das so und entflieht dem Leben auf dem elterlichen Hof, um Abenteuer zu erleben. Doch als er ein wenig über den Durst trinkt, verkündet er, dass er ein viel besserer König wäre als der derzeitige Herrscher. Für diesen »Aufruf zur Rebellion« werden ihm zehn Jahre Zwangsarbeit in den Gerbereien des Eisernen Hochlands auferlegt.

Sein Wunsch nach einem gerechten Herrscher, vor allem aber die Gier nach Rache wegen dieser übertrieben harten Strafe halten Darne am Leben. Sie treiben ihn weiter, bis er einer der inoffiziellen Anführer der Strafkolonie wird. Doch das ist nur ein weiterer Schritt zu seiner Vergeltung. Darnes Entschluss steht fest: Er wird seine Ketten abschütteln – und er wird König werden!

Autor

Michael Marcus Thurner, geboren 1963, veröffentlichte erste Romane im Rahmen der PERRYRHODAN-Fan-Edition, bevor er im Jahr 2002 als Stammautor in die ATLAN-Serie einstieg. Seit Anfang 2005 schreibt Thurner als festes Mitglied im PERRYRHODAN-Team. Der Autor lebt und arbeitet in Wien.

Besuchen Sie den Autor unter: www.mmthurner.at

Von Michael Marcus Thurner im Blanvalet Verlag erschienen:Der GottbettlerDer unrechte WandererKönig in Ketten

Michael M. Thurner

König inKetten

Roman

Originalausgabe

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1. Auflage

Originalausgabe Januar 2016 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © 2016 by Michael Marcus Thurner

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur Schmidt & Abrahams

www.schrift-art.net

Illustration und Gestaltung: Melanie Miklitza, Inkcraft

Redaktion: Peter Thannisch

HK · Herstellung: sam

Satz: Mediengestaltung Vornehm GmbH, München

ISBN: 978-3-641-15768-5www.blanvalet.de

Personarium:

Darne Bunthand, Held

Bernyl, Hofkanzlist

Hobelaar vulgo Der Fette Mann, Rego

Bentaloppe, Tochter Bernyls

Birle, ihre Helferin. Eine Schnelle

Anta Steinwerk (später Weißmaul)

Morilacc vom Tal, Freund von Darne

Die Dunklen Herren

Flaggel, Krüppel in Diensten Antas

Huntipormacc, Feldscher und Zangenbeißer

Kasmaton der Furcher

Cymbelr und Cymbyr, Blutschwestern der Bardyaggs

Hoher Rat Kinse, Kriesc (Enkelsohn),

Sarya (Schwiegertochter), Amire (Sohn)

Vorab: Die Erzählung vom Lederland

Hört gut zu, ihr Alten, ihr Väter und Mütter und Kinder, ihr Männer und Frauen! Lasst euch erzählen von einer Zeit, die uns fremd und unbekannt ist. Aus der es keine Zeugen gibt außer jene Relikte, die im ganzen Land zu sehen sind und die wir verwundert anstarren, wenn wir an ihnen vorbeiwandern.

Es sind Steinbrocken, die einstmals Teile von Säulen waren und womöglich das Himmelsfirmament abstützten. Straßen, die im Nirgendwo beginnen und im Nirgendwo enden. Kreuz und quer teilen sie das Land, als hätte ein riesenhafter Gott seinen Spaß dabei gehabt, uns zu verwirren. Gebäudereste, die wir unter dem Putz unserer Häuser entdecken und die wundersam verziert sind. Schluchten, in denen seltsame Knochenreste liegen, die langsam zu Staub zerfallen, und die zu schmal sind, um in ihr Inneres vorzudringen. Hölzerne Gegenstände des Alltagsgebrauchs, so alt, dass sie steinern wirken und über deren verblassende Bemalungen niemand etwas sagen kann.«

Der Gedächtnismeister holte tief Luft. Er konzentrierte sich auf das, was er wissen und sagen durfte. Und er vermied, an das zu denken, was er erfahren hatte und verschweigen musste.

Menschen starrten ihn mit offenen Mündern an. Manche von ihnen zitterten, ein kleines Kind greinte. Die Alten vermieden Blickkontakt und kauten an billigen Cardym-Streifen. Sie wollten nicht an frühere Zeiten erinnert werden, denn bald würden auch sie Teil der Vergangenheit sein. Relikte, an die sich die Kinder und Kindeskinder zurückerinnerten. Die allmählich weniger wurden und schließlich ganz aus den Köpfen ihrer Nachfahren verschwanden.

»Wer sind diese Schatten aus dem Früher?«, stellte der Gedächtnismeister dieselbe Frage wie immer. »Warum wissen wir so wenig von ihnen? Warum beschäftigen wir uns nicht mit der Geschichte des Lederlandes?« Er hob die Hände weit und hoch, so, als wollte er predigen. »Weil diese Zeiten mit etwas verbunden sind, das wir fürchten sollten. Mit einer Dunkelheit, die keine Kerze und keine Fackel erhellen kann.« Er räusperte sich. »Manche sagen, dass die Magicae Elend über uns gebracht hätten, namentlich Lybell und Aroin und einer, der nicht genannt werden darf. Aber wir wissen, dass dies ein Märchen ist, denn die Magicae hatten kaum Macht im Lederland.«

Er richtete den Blick auf den einen oder anderen Zuschauer. Die Menschen zuckten zusammen, schuldbewusst. So als wären sie für das Elend Hadens verantwortlich. »Es ist etwas Anderes, über das wir bloß flüstern. Es ist die Zeit der Bewegung, da Paläste stürzen und Straßen vernichtet und alles Alte unter Staub begraben wird. Die Zeit der Bewegung, von der wir hoffen, dass sie niemals wiederkehrt.« Er holte erneut tief Atem. »Und doch wissen wir, dass eines Tages auch unsere Welt untergehen und etwas Neues daraus erwachsen muss. Denn so ist das Leben in Haden, dem Lederland. Nichts hier hält für die Ewigkeit.«

TEIL EINS

1. Darne (Vergangenheit)

Der Fette Mann kann mich mal!«, schrie er und schlug mit dem Krug gegen den Holztisch. »Der Rego ist ein Schmarotzer.«

»Halt dein Maul!«, fuhr Anta ihn an. Sie fasste nach seiner Rechten und wollte ihn davon abhalten aufzuspringen.

»Ein Mann, der niemals eine Ackerfurche zog oder das Schwert in der Hand hielt«, ereiferte sich Darne weiter, ohne auf seine Begleitung zu achten.

Er kam auf die Beine. Die Menschen ringsum schwankten, als würden sie in einem Kahn sitzen. Oder sah bloß er das so? War er derjenige, der schwankte? »Der Rego sitzt in seinem Palast und gibt sich seinen Vergnügungen hin, tagaus und tagein.«

»Wenn du weiterhin so einen Scheiß daherredest, werden wir ihn bald besuchen dürfen, den Palast. Genauer gesagt: dessen nicht sonderlich heimelige Folterkammer.«

»Ist es denn schon verboten, die Wahrheit unter Freunden kundzutun?« Darne riss sich los und kletterte auf den Tisch, stieß dabei volle und halbvolle Krüge um, drehte sich einmal im Kreis. Es wollte ihm kaum gelingen, er torkelte. Immerhin: Die Aufmerksamkeit aller im »Rostigen Hauer« gehörte ihm nun ganz allein. »Der Rego prasst mit Geld, das er euch gestohlen hat. Er vergnügt sich mit Töchtern, die er euch genommen hat. Er lässt das Land von Söhnen verteidigen, die er zu Totmachern gemacht hat. Er …«

»Hör auf die Kräutlerin und setz dich schön brav wieder an deinen Platz, Junge.« Combarte, der Wirt, trat an seinen Tisch. Er hielt einen Holzprügel in der Hand, den er, wie Darne wusste, mit großem Geschick einzusetzen vermochte.

»Du kannst mir das Reden nicht verbieten, Combarte! Es wird Zeit, dass wir aufstehen und den Fetten Mann vom Thron stoßen. Er hat genug Leid über uns gebracht und gehört verjagt, samt seinem Hofkanzlisten und all den anderen Günstlingen, den Hohen Damen und Herren, mit denen er sich umgibt.«

»Es reicht! Runter da, Trunkenbold!« Combarte schlug mit seinem Prügel gegen die Kante des Tischs, und der begann gehörig zu wackeln. »Ich habe keine Ahnung, warum du einen derartigen Grant gegen den Fetten Mann hegst – aber er tut dem Land und seinen Leuten gut. Keine deiner Anschuldigungen wird ihm gerecht.«

»Weil du dumm bist! Weil ihr allesamt dumm seid!«, brüllte Darne und sprang vom Tisch. Die hölzernen Bohlen ächzten unter seinem Gewicht, die Gäste ringsum wichen respektvoll zurück. »Seht ihr denn nicht, dass es einen Wechsel geben muss? Dass es endlich an der Zeit ist, dass ein neuer, ein frischer Mann den Thron besteigt?« Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Weinkrug. Roter Saft troff ihm über die Lippen, übers Kinn.

»Und dieser neue Mann heißt wahrscheinlich Darne aus Knospbruch, nicht wahr?« Anta trat vor ihn und schlug ihm den Krug aus der Hand. Sie wirkte nicht zornig, war ganz ruhig. So wie eh und je. Sie meinte, ihn besänftigen zu können.

Darne packte sie am kurzgeschorenen Haar. Zog ihren Kopf weit in den Nacken. Niemand hatte das Recht, ihn in seinem gerechten Zorn zurechtzuweisen. Er würde ihr zeigen, was es bedeutete, so mit ihm zu reden, so mit ihm umzugehen! Er würde … würde …

Darne senkte die Hand und ließ die Kräutlerin los. Was tat er da bloß? Sie war seine Mentorin und seine beste Freundin. Nein, Anta war sogar mehr als das. Er liebte und begehrte sie, und das seit jenem Tag, da er in ihre Dienst getreten war.

»Du hast den Rego beleidigt«, hörte er eine Stimme hinter sich. »Und damit hast du auch uns beleidigt – und jeden einzelnen Bürger Hadens.«

Darne drehte sich um. Unkip Schwarzwamst stand vor ihm, mit seinem Kurzschwert in der Hand. Ein Soldat Hadens, mit dem er schon die eine oder andere Zechtour durch die Gasthäuser Mittigteilens unternommen hatte.

»Halt du dich da raus, Schwarzwamst«, sagte er.

»Du hast Grenzen überschritten, Großer. Du magst ein guter Saufkumpan sein und ein Gefährte, den ich in einem Kampf gern neben mir wüsste – aber du hast kein Recht, den Fetten Mann derart zu beleidigen.«

Weitere Männer traten auf ihn zu. Von links und von rechts kamen sie, kreisten ihn ein. Manch einer gehörte wie Schwarzwamst zur Stadtwache, manch einer war ein guter alter Bekannter. Allesamt zeigten sie verkniffene, zornige Gesichter.

»Ich weiß nicht, was ihr vorhabt, aber ich würde es an eurer Stelle sein lassen«, rief Darne. Wenn sich doch bloß der Raum nicht um ihn drehen würde! Und dann diese Übelkeit …

Unkip wandte ihm die Handfläche der Linken offen zu, wohl zum Zeichen des Friedens. »Du kommst jetzt mit uns und nüchterst deinen Rausch in der Zelle der Stadtwache aus. Mach bloß keinen Unsinn, Großer!«

Da war etwas in ihm. Eine Blume, deren Blätter sich immer weiter entfalteten und deren Farbe ein intensives Rot annahm. Sie duftete gut, und sie machte, dass Darne alles rings um sich vergaß. Das Etwas redete zu ihm. Es flüsterte, wisperte, verlockte, schmeichelte ihm: Lass dir von diesen Knechten bloß nichts sagen, lass dich nicht einschüchtern. Ich allein kenne die Wahrheit, und die Wahrheit ist: Du hast recht. Der Fette Mann gehört weg – und jedermann, der sich dir in den Weg stellt!

»Komm keinen Schritt näher, Unkip!«, sagte er laut und tastete nach dem Handmesser.

Der Wächter packte seine Waffe fester. Die Knöchel wurden weiß, Narben traten deutlich hervor. Der Kerl würde jeden Augenblick angreifen, während seine Kumpane links und rechts noch zögerten.

Es war an Darne, den ersten Schritt zu tun. Die Entscheidung über den Ausgang eines Kampfes fiel stets in den Momenten vor dem ersten Hieb. Wenn sich Blicke trafen, wenn man einander taxierte, wenn man seine Chancen abwog.

Darne sagte: »Ich schwöre, dass ich diesem räudigen Rego persönlich das Fell abziehen werde. Nachdem ich mit euch fertig bin.«

Dann schlug er zu, erstes Blut floss, drei Fingerglieder fielen zu Boden.

2. Bentaloppe (Vergangenheit)

Dieses Kuhnest war eines von den vielen, die sie während der letzten Monate und Jahre abgeklappert hatte, stets auf der Suche nach würdigem Fleisch.

Das Dorf unterschied sich kaum von all den anderen. Da war viel Staub auf den jämmerlich erhaltenen Wegen, viel Vieh, viel Gestank, viel Elend. In den langen Wintermonaten, die Bentaloppe noch auf ihrer Reise bevorstanden, würde der Staub weniger und das Elend mehr werden. So war Haden, das Lederland, nun mal.

»Wo finde ich den Dorfschulze?«, fragte sie einen Jungen, der dürr und ungemein zart wirkte.

Der Knabe starrte Bentaloppe blicklos an und deutete dann gleichgültig nach rechts. Sie nickte ihm zu. Das Messingstück, das sie ihm zuschnippte, fiel an der ausgestreckten Hand vorbei in den Morast. Müde beugte sich der Junge zur Seite und begann zu graben.

Sie kümmerte sich nicht weiter um ihn und gab der Stute Fersendruck. Widerwillig setzte sich der Gaul in Bewegung. Vorbei ging es an erbärmlichen Behausungen und an Flecken, aus denen mehr Unkraut denn Feldfrüchte sprossen. Laute des Elends begleiteten sie auf ihrem Weg: Ein Säugling schrie, eine Frau fluchte, ein Mann grölte besoffen. Himmelstalen war ein Anger wie viele andere, auch wenn der Name etwas anderes glauben machen wollte.

Ein etwas größerer Bau, der aus wenigen Ziegeln und viel Stroh zusammengekleistert worden war, geriet in ihr Blickfeld. Hohlwangige Gestalten lungerten davor umher; sie vertrieben sich die Zeit mit Würfelspiel. Erst als Bentaloppe bis auf zwanzig Schritte an das Haus heran war, blickten sie hoch.

»Ich suche den Schulze!«, rief sie den Kerlen zu.

»Ist beschäftigt«, sagte einer der Söldner, dessen Gesicht durch eine x-förmige Narbe quer übers Gesicht verunziert war.

»Es wäre schön, wenn er sich für mich ein wenig Zeit nähme.«

»Schon mal in den Spiegel geschaut? Siehst aus wie eine eingetretene Wirtshaustür. Der Alte steht mehr auf die schlanken, zarten Hühnchen und nicht auf Weiber, die zu wenige Ohren und zu wenige Finger, aber dafür zu viele Verbrennungen haben. Auch dürre Rübenbeine sind seine Sache nicht.«

Bentaloppe stieg ab und tätschelte der Stute die Flanke. Sie legte die Zügel locker über einen Pflock zu ihrer Rechten, bevor sie auf die Söldner zuging. »Haben wir beide ein Problem, Mann? Ich versuche es noch mal im Guten: Ich möchte den Schulze sehen. Jetzt!«

»Und ich möchte, dass mir eine der adligen Weiber aus Attico einen bläst. Schätze, dass wir beide nicht bekommen, was wir wollen.« Einer seiner Kumpane zupfte den Narbigen am Ärmel, er riss sich los. »In Himmelstalen bestimmen wir, was geschieht und wer mit wem redet. Von einem Weib wie dir lasse ich mir gewiss nichts sagen!«

Sein Gefährte zog nun heftiger und riss den Söldner zu sich, flüsterte ihm hastig einige Worte ins Ohr und tat dann einige Schritte zurück. Gerade so viel, dass man sein Verhalten nicht als feige Flucht deuten konnte.

Der Narbige wurde blass, das rote X trat nun umso deutlicher hervor. »Entschuldigt, Hohe Dame«, lispelte er und tat einen Bückling. »Ich wusste nicht … Ich werde den Schulze unverzüglich über Eure Anwesenheit verständigen.«

Bentaloppe nickte, holte einen halben Eimer Wasser aus dem nahen Brunnen und ließ ihr Pferd saufen, bevor sie sich dem Striegeln widmete. Striegeln war eine angenehme, eine ruhige Tätigkeit. Sie kam ihr entgegen. Sie mochte keine Hektik, sie verachtete die Geschäftigkeit in den Straßen der Städte. Das Leben auf dem Land kam ihr durchaus entgegen.

Ein Mann kam aus dem Haus gestolpert. Eben zog er die Hosen hoch, patschte mit den Schuhen in eine Schmutzlache, eilte auf sie zu und trug dabei eine beachtliche Wampe vor sich her, die ganz und gar nicht zu dem Elend passte, dem Bentaloppe in Himmelstalen bislang begegnet war.

»Willkommen, Hohe Dame, willkommen! Oh, wenn ich gewusst hätte, dass Ihr uns besucht … Diese nichtsnutzigen Bastarde, sie hätten Euch bereits am Taleingang begrüßen und hierher eskortieren, hätten Euch die notwendige Ehrerbietung entgegenbringen müssen!« Er kam knapp vor Bentaloppe zum Stehen, keuchend und mit hochrotem Gesicht, verbeugte sich, schnappte nach ihrer Rechten und hauchte einen Kuss auf den Handrücken. »Ich bin entzückt, ja, das bin ich! So weit weg von Attico der Wunderbaren … Erfreut, hocherfreut …«

Der Schulze hielt sich wie ein Ertrinkender an ihrer Hand fest, schüttelte und streichelte und tätschelte sie auf eine widerwärtige Art und Weise, die sie vom Hofe des Rego her nur zu gut kannte.

»Genug!«, sagte sie und ging auf Distanz zu dem Mann. »Du weißt, warum ich hier bin?«

»Nun ja, es gibt Gerüchte …«

»Was für Gerüchte? Erzähl mir mehr darüber.«

Der Schulze riss erschrocken die Augen auf. Er erkannte, dass er in ihre Falle getappt war, dass er einen Fehler gemacht hatte. Einen Fehler, der fatal sein mochte. Mit zittriger Stimme sagte er: »Ihr wisst doch, wie die Leute vom Land sind. Man darf nicht viel Wert darauf geben, was die einfachen Äckerer und Schweinehirten daherreden.«

»Was für Gerüchte?«, wiederholte Bentaloppe ihre Frage.

Der Schulze wand sich. Begann zu schwitzen. Trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. »Hohe Dame, es ist …«

»Wenn ich etwas noch weniger schätze als Geschleime, dann ist es Feigheit.«

»Ja, Hohe Dame. Natürlich, Hohe Dame. Also, es ist so: Man munkelt, dass der Rego Boten ausschickt, um junge Frauen und Männer zu rekrutieren, die er für seine Zwecke benötigt. Diese dummen Gerüchte sagen aber nichts darüber aus, was Der Herr Alles Guten mit diesen jungen Leuten anfängt.«

»Das ist also deine Vermutung?« Bentaloppe betrachtete den Fetten von oben bis unten. Alles an ihm wirkte ekelerregend. Sein öliges Aussehen. Die ölige Stimme. Das, was er sagte – und wie er es sagte.

»Ja, Hohe Dame.« Er zögerte. »Außer …«

»Nun?«

»Bedenkt, dass ich bloß wiedergebe, was mir von einfachen Leuten zugetragen wurde.« Der Schulze entblößte ein Gebiss aus gelben Stumpen und zeigte ein schmieriges Lächeln. Er fasste neuen Mut, nun, da er seine ersten Worte überlebt hatte. »Man sagt, dass der Rego gewissen Neigungen frönt, bei denen es keine Rolle spiele, ob es sich bei den Partnern seiner Leidenschaft um Männlein oder Weiblein handle. Bitte schön, ich habe damit keinerlei Probleme! In unserem bescheidenen Himmelstalen sind wir froh, wenn jedermann einen Partner findet und nicht auf das Stallvieh zurückgreifen muss … Wenn Ihr wisst, was ich meine.«

»Ich verstehe.« Bentaloppe nickte. Sie dachte an ihre Anweisungen. Ihr war anbefohlen worden, ruhig zu bleiben und nicht jedermann zu töten, der ihr zuwider war. »Sonst sind bald ganze Landstriche Hadens leergefegt«, hatte man ihr gesagt.

O ja. Sie hatte ein Problem mit den meisten Menschen – und solchen, die sich dafür hielten. So wie diese widerliche Kreatur vor ihr. »Das ist ein gutes Gerücht«, sagte sie schließlich, »denn es entspricht nicht der Wahrheit.«

»Ach ja? Nun, dann bin ich erleichtert! Wer möchte schon von einem Herrscher mit zweifelhaften Ehrbegriffen regiert werden? Aber wollt Ihr mir dann sagen, Hohe Dame, was Ihr wirklich in Himmelstalen sucht?«

»Ich möchte alle Kinder sehen, die während der letzten beiden Jahre geboren wurden.«

Der Schulze wich vor ihr zurück, plötzlich wieder von Todesangst beseelt. »Aber … aber … warum? Was habt Ihr vor?«

»Keine Sorge, sie bleiben ihren Müttern und Vätern. Ich möchte sie bloß besehen. Mag sein, dass ich einen von ihnen näher begutachte.«

»Das freut mich zu hören, Hohe Dame. Die Menschen Himmelstalens sind uns das Wichtigste. Alles, was wir haben. Alles, was uns hier das Leben erhellt.«

»… und eure Säckel füllt. Nicht wahr, Schulze?«

»Was meint Ihr, Hohe Dame?«

»Lass mich von Gerüchten erzählen, die mir zugetragen wurden. Man sprach hauptsächlich von der Wampe, die der Schulze von Himmelstalen vor sich hertrage. Dabei gehe es nicht mit rechten Dingen zu, denn in dieser verfluchten Gegend gebe es kaum genug zum Essen, um eine Mäusefamilie satt zu bekommen.«

»Der Rego ist sehr großzügig und unterstützt uns in diesen Zeiten der Not mit Lebensmitteln, mit Saatkorn, mit den Dingen des täglichen Gebrauchs …«

»O ja, der Rego ist ein generöser Mann. Er weiß, dass unzufriedene Leute auch solche sind, die Revolten anzetteln und sich gegen ihren Herrscher wenden.«

»Dass in Himmelstalen Ruhe herrscht, dafür sorge ich mit meiner starken Schwerthand.« Er griff zum Ziermesser an seiner Seite, das bestenfalls zum Obst- und Brotschneiden zu gebrauchen war.

»Du und deine Spießgesellen, nicht wahr? Diese verkommenen Gestalten, die umherlungern und sich tagtäglich auf Kosten der darbenden Bevölkerung ihren Spaß machen. Die einen Großteil der Lieferungen aus Attico für sich beanspruchen und den Dörflern gerade mal genug übrig lassen, dass sie nicht verhungern.«

»Das ist eine sehr einseitige Sicht der Dinge, Hohe Dame!«

»Gibt es denn auch eine andere? Solche, die wohlgenährte Einwohner beinhaltet, die gerne ihrer Tagesarbeit nachgehen und die wissen, dass all ihre Mühe nicht vergebens ist?«

»Es sind harte Zeiten, Hohe Dame. Für uns alle. Und dass ich wohlgenährt erscheine, hat mit einer Krankheit zu tun, die mir Schmerzen bereitet – und einen grässlichen Blähbauch.«

»Blähbäuche scheinen weitverbreitet, insbesondere bei Leuten in ähnlichen Positionen wie der deinen, Schulze. Aber lass uns nun mit den Gerüchten fortfahren. Man sagt auch, dass immer wieder zwielichtige Händler aus den südlichen Landen nach Himmelstalen kämen. Um den Anger nach einigen Tagen wieder zu verlassen. Mit jungen, noch nicht erwachsenen Bewohnern, die angekettet hinterhertraben müssten. Wie gefällt dir das?«

Der Mann zitterte. Immer wieder drehte er sich hilfesuchend nach seinen Handlangern um. Doch die taten so, als ginge sie dies alles nichts an.

Bentaloppe seufzte. »Nun, ich bin nicht hier, um über dich zu richten. Dazu fehlt es mir an Zeit und Muße. Aber ich rate dir dringend, Ordnung in Himmelstalen zu schaffen. Wenn ich noch einmal höre, dass du deine Leute als Sklaven an die südlichen Völker verschacherst, dann kehre ich zurück.«

»Verstanden, Hohe Dame. Natürlich, Hohe Dame.«

Der Schulze katzbuckelte und rieb sich die Hände, froh darüber, dass sein Leben verschont blieb. Er würde eine Weile Ruhe geben und dann erneut damit beginnen, die ihm überantworteten Menschen zu betrügen und zu verkaufen. Bentaloppe wusste, dass die Probleme in Himmelstalen und vielen anderen Ortschaften entlang ihres Weges nicht gelöst wurden, wenn sie eine dieser widerlichen Gestalten beseitigte. Ein anderer gewissenloser Wegelagerer würde die Herrschaft übers Dorf übernehmen und eine neue, vielleicht noch üblere Schreckensherrschaft errichten. Es gab so viele Kerle wie diesen da. Kakerlaken, die sich bloß in den Schatten wohlfühlten und die Flucht vor dem Licht ergriffen …

»Bevor du mich herumführst, Schulze, möchte ich mich noch mit einem deiner Leute unterhalten«, sagte sie und schob sich an dem Dicken vorbei. »Er hat sich über meinen Mangel an Schönheit beklagt, trägt aber selbst einige Male im Gesicht, die ihn nicht unbedingt attraktiver machen.«

Der Söldner mit den Kreuzschnitten zuckte unter ihren Worten zusammen. Unsicher tastete er nach seinem Schwert. Einem schartigen Bihänder, dessen Einsatz viel Kraft erforderte und eine gute Deckungsarbeit.

»Sollen wir gemeinsam eine Runde gehen, mein Hübscher?«, fragte Bentaloppe provokant. »Du hattest dich ja beschwert, dass ich nur ein Ohr habe. Was, wenn ich mir eines von deinen ausleihe? Gegen ein Auge oder deine Zunge hätte ich auch nichts einzuwenden. Es ist kalt in den Nächten, und wenn dann ein kleines Stück Fleisch in den Flammen zischt und brutzelt, ginge es mir vielleicht ein bisschen besser.«

Der Söldner zog das Schwert, viel zu langsam, viel zu umständlich, und kam mit einem lauten Schrei auf sie zugestürmt. Das X in seinem Gesicht leuchtete grellrot.

Bentaloppe lächelte. Dieser Tag würde also doch noch ein guter werden. Sie würde diesem Kerl die dreiundzwanzig weiteren Buchstaben des hadenschen Alphabets ins Gesicht ritzen, bevor sie ihn tötete.

3. Darne (Vergangenheit)

Eine Stadt!«, sagte er andächtig. »Eine richtige Ansiedlung mit steinernen Mauern, mit mehr als einer Straße und so vielen Leuten, dass man beide Hände fünfmal hochhalten müsste, um ihre Zahl zu bestimmen.«

»Mittigteilen ist beileibe nicht die größte Stadt, junger Darne«, sagte Medward der Krämer. Er spuckte über den Rand seines Kutschbocks, knapp an Trist vorbei. »Attico die Wunderbare ist noch hundertmal größer, hundertmal schöner – und ein hundertmal teureres Pflaster.« Er zwinkerte ihm zu. »Wenn du dir einen anständigen Rausch antrinken und weibliche Gesellschaft genießen möchtest, ohne gleich das ganze verdiente Geld loszuwerden, dann bist du allerdings richtig in Mittigteilen.«

Darne trieb Trist an. Das Maultier wandte den Kopf und schenkte ihm einen Blick, dem es seinen Namen verdankte. Widerwillig ging es weiter. »Frauen? Du meinst solche, von denen du erzählt hast, Krämer? Geschöpfe, deren Haut so weich wie eine Schalong-Frucht ist und die dich anlächeln, statt dir Schimpfwörter an den Kopf zu schmeißen, wenn du dich mit ihnen beschäftigst?«

»Und manche von ihnen haben sogar noch alle Zähne im Maul. Wobei es keine uninteressante Erfahrung ist, von einem der zahnlosen Geschöpfe im Prachtarsch bedient zu werden. Wenn du weißt, wie ich’s meine.«

»N-nein, das weiß ich nicht.«

»Ach, unser Kleiner ist ja erst fünfzehn, stammt aus dem trübseligsten Flecken unseres wunderbaren Landes und hat noch nichts von Haden gesehen, mit Ausnahme einiger staubiger Straßen.«

»Vergiss das Vieh nicht!«, meckerte Giswyn, die Frau des Händlers, und schlug sich lachend auf die fetten Schenkel. »Die Ziegen und die Rinder und die Esel, die in seiner Heimat sicherlich sehr beliebt sind.« Sie fügte einige obszöne Gesten an ihre Worte an, die Darne zu verstehen gelernt hatte.

Giswyn war ein böses Weib mit bösen Gedanken. Er verstand nicht, was Medward an ihr fand. Zumal er immer wieder an den Abenden ihrer gemeinsamen Reise, wenn sie das Lager errichtet und sie ihren Mann besonders drangsaliert hatte, davon erzählte, wie gern er seine Hände um ihren feisten Hals legen und zudrücken würde.

Eine Gruppe gut gefütterter Landarbeiter kam ihnen mit Handkarren entgegen. Sie grüßten freundlich und schwenkten dabei Flaschen, in denen dunkle Flüssigkeit gluckerte. Ihre Wangen waren rot, die Nasen ebenso. »Eilt euch!«, rief ihnen einer der torkelnden Bauern zu. »Der Kirtag endet bei Sonnenuntergang. Oder wollt ihr etwa nicht bei den Wettkämpfen oder bei den Freudenspielen mitmachen?«

»Und ihr?«, entgegnete Medward, nicht minder fröhlich. »Wie es aussieht, habt ihr eure Preise bereits gewonnen.«

»Marktzeiten sind gute Zeiten für unsereiner. Die Preise für Obst und Getreide sind hoch, die Leute spendabel. Wenn’s nach mir ginge, könnte rund ums Jahr Kirtag sein.«

Sie verabschiedeten sich voneinander, Darne murmelte einen schüchternen Gruß, die Bauern zogen weiter. Dieser Menschenschlag war so ganz anders als jener, den er von der Heimat her kannte. Sie redeten viel, und sie waren meist zufrieden mit den Leben, die sie führten. Selbst dem größten Unglück traten sie mit einem Lächeln entgegen und nicht mit Verbitterung oder Verzweiflung.

»In den Städten herrscht die Sünde!«, hatte Mutter ihn gewarnt. »Die Leute dort haben vergessen, dass ein anständiges Leben ausschließlich auf Ernsthaftigkeit beruht.«

Ja, die Mutter … Darne erinnerte sich nur noch vage an ihr Gesicht, obwohl es nicht einmal zwei Monde her war, dass er sich aus dieser erbärmlichen Hütte davongeschlichen hatte, die sie als Heim bezeichnete und in der sie ihn sowie fünf Geschwister aufgezogen hatte.

Medward wirkte aufgekratzter denn je zuvor. Er trieb die Ochsen mit Peitschenhieben an, während Giswyn unter der Plane des Gefährts umherkramte. Darne hörte Töpfe gegeneinanderschlagen, dann einen derben Fluch, danach das Klappern metallenen Werkzeugs und einige Geräusche, die er nicht einordnen konnte. Erst als die ersten Häuser Mittigteilens nur noch einen Steinwurf entfernt waren, kam die dicke Frau wieder zum Vorschein.

»Und du meinst, das macht dich hübscher?«, fragte Medward und lachte. »Das Zeugs, das du dir ins Gesicht geschmiert hast, lässt dich wie die Großmutter einer der Häuserdirnen aussehen.«

»Woher willst du wissen, wie die Häuserdirnen ausschauen?«

»Es gab eine Zeit, da ich noch nicht mit dir verheiratet war. Eine glückliche Zeit war das, möchte ich hinzufügen.«

Darne hörte dem Gekeife der beiden nicht länger zu. Er klopfte Trist auf den Hintern und hörte, wie Medward ihm den Namen einer Gaststätte hinterherrief, in der sie sich später treffen sollten. Doch er achtete kaum darauf. Nun gab es nur noch die Stadt und ihn. Selbst Trist schien sich darauf zu freuen, zwischen die bunt bemalten Häuser zu gelangen, auf Wegen, die gut gepflastert waren und auf denen unzählige Menschen unterwegs waren. Aber schon bald wurden sie aufgehalten. Schlangen bildeten sich, noch bevor er die ersten Häuser passiert hatte. Es gab kaum mehr ein Vorwärtskommen.

Es machte Darne nichts. So blieb ihm die Gelegenheit, sich genauer umzusehen. Er bewunderte fein verputzte Gebäude, die zwei – zwei! – Stockwerke hatten. Die Läden waren mit ungewöhnlichen Farben verziert; Glas steckte in den Fenstern und sogar in Türen, so als koste es nichts und würde wie Misteln auf den Bäumen wachsen. Treppen, so wuchtig und so breit, dass der Wert des Holzes allein all das überstieg, was er während der zwei Monate seiner Reise verdient hatte, wurden von Menschen in stutzerhaften Kleidern benutzt. Einige von ihnen hatten sich helle Farben ins Gesicht geschmiert und wirkten wie Puppen …

»Wohin willst du, Kleiner?«

Ein Bewaffneter trat auf die Straße und hielt dem Maultier die Lanze vors Gesicht, so als wäre es ein weitaus gefährlicherer Gegner als Darne. Er schnaufte schwer, das Gesicht war dunkelrot und vernarbt.

»Na, in die Stadt rein!«, antwortete Darne.

»Ich frage noch mal, du Simpel: Wohin? Was ist dein Ziel in Mittigteilen, was willst du hier? Du bist kein Bürger der Stadt, sonst würde ich dich kennen.«

»Na ja, ich möchte mich mal umsehen …«

»Für Herumtreiber haben wir keinen Platz.«

»Lass ihn durch, Unkip Schwarzwamst!«, hörte Darne Medwards Stimme von weiter hinten. »Ich bürge für den Kleinen.«

»Du reist also mit Funke Medward?« Der Wächter blieb misstrauisch.

»Ja. Er war so freundlich und hat mir erlaubt, ihn und Giswyn zu begleiten.«

»Haben die beiden also wieder mal einen Deppen gefunden, der die schwere Arbeit während der Reise für sie erledigt.« Der Wächter schnaufte. »Mich wundert, dass du dich noch auf deinem Reittier halten kannst. Deine beiden Gefährten sind nicht gerade für ihre Menschenfreundlichkeit bekannt.«

»Das habe ich gehört, Unkip!«, rief Medward. »Jetzt lass den Jungen endlich durch!«

Der Wächter zögerte, gab Darne dann aber den Weg frei. »Mich geht’s nichts an, Junge«, raunte er ihm dann noch zu, »aber wenn ich du wäre, würde ich mir so rasch wie möglich einen anderen Herrn suchen.«

»Medward ist nicht mein Herr! Ich bin ein freier Mann.«

»Bist du dir da sicher? Der alte Krämer ist ein Betrüger, aber im Vergleich zu seinem Weib ist er bloß ein ahnungsloser Lehrling. Wenn dich die beiden bis hierher mitgenommen haben, dann nur aus dem Grund, ein gutes Geschäft mit dir zu machen.«

»Danke für die Warnung, Unkip Schwarzwamst. Aber ich kann ganz gut auf mich allein aufpassen.«

»Ach ja? Du, ein Junge von gerade mal vierzehn Jahren?«

»Ich bin sechzehneinhalb!«, log Darne.

»Ah, das ist natürlich etwas anderes. Und jetzt sieh zu, dass du weiterkommst!« Unkip gab Trist einen Klaps auf den Hintern, das Muli setzte sich in Bewegung. »Wenn du Hunger hast und nicht gleich an deinem ersten Tag Rattenschwänze in der Suppe schwimmen haben willst, dann geh in den »Rostigen Hauer«. Sag, dass ich dich geschickt hätte, dann bekommst du einen Platz in der Nähe des Kamins und vielleicht eine etwas größere Mahlzeit.«

»Danke!« Darne winkte dem Wächter zu, ohne sich nochmals umzudrehen. Er war zu sehr gefangen von den Eindrücken ringsum. Von all den Dingen, die zu sehen, zu hören und zu riechen waren.

Die steinernen Mauern fingen all das ein, was hier vorging. Sie ließen ihn Gespräche hören, die zwei Ecken weiter stattfanden, und machten, dass ihm der Duft erhitzten Honigtalgs in die Nase stieg, lange bevor er den Händler passierte.

Darne nahm ein kleines Stück Cardym in den Mund und kaute langsam. Seine Vorräte gingen allmählich zur Neige. Er stieg von Trist und zog das Vieh hinter sich her. In dieser Enge war das Maultier kaum mehr von Nutzen, zumal es immer wieder in einer der Seitengassen verschwinden wollte. »Sei nicht so dumm und so störrisch!«, schimpfte er seinen tierischen Begleiter. »Sag bloß, dass dir der Lärm hier zu viel wird?« Darne erntete einen Blick, der ihm sagte, dass ihn Trist als Trottel erachtete. »Sieh mich noch einmal so an, und ich verkaufe dich beim nächsten Salamihändler!«

Das Muli wandte sich ab, hob seinen struppigen Schweif und ließ ein paar Äpfel auf die Straße klatschen.

»Eines Tages lasse ich dich wirklich in Stücke schneiden, das schwör ich dir!«

Überall waren die Lederhändler zu sehen. Sie zogen ihre Karren und boten ihre Waren feil: Gegenstände des täglichen Gebrauchs, Schmuckstücke, Figurinen, dünne Hemden und dicke Jacken, Teile von einfacher Schutzbekleidung und jene schweren Rüstungsteile, die dem ehrbarsten Totmacher gut zu Gesicht standen. Kauwaren, prächtig verzierte Reisetaschen, Stiefel, Sättel, Zaumzeuge, Schöpfeimer, einfaches Kochgeschirr, gegen Hitze gehärtet, Peitschen, Stühle, Decken … Einfach alles, was man aus Leder fertigen konnte.

Die Straße teilte sich v-förmig. Links befanden sich Gerbereien. Übler Gestank hing wie eine Wolke über den vielen, vielen Läden. Menschen mit dunkel verfärbten Händen liefen dort geschäftig hin und her, andere stritten, einige kümmerten sich hoffärtig um einen vornehm gekleideten Mann mit lächerlich hochtoupierten Haaren. Ein Ledermeister hieß eben einige vierschrötige Kerle, einen Ochsenkarren mit Fellen vollzuladen. Eine Frau ließ sich in eine Sänfte hieven, die sie wohl eben erst erstanden hatte. Goldene und silberne Verschläge zierten das Tragegerät und gaben Darne einen Eindruck von dem Reichtum, der hier herrschte, in dieser Stadt, die dennoch nicht an den Prunk Atticos heranreichte, wenn er den Worten des Wächters glaubte.

Gedächtnismeister drängten sich eng um einen kleinen Brunnen. Sie flüsterten einander Vertrauliches und weniger Vertrauliches zu, um dabei stets mit Blicken nach Kundschaft Ausschau zu halten, die ihre Dienste benötigte.

Rechts ging es in Richtung eines Platzes, der von Marktständen beherrscht wurde. Darne wandte sich kurz entschlossen in diese Richtung. Viele der Krämer räumten eben zusammen und luden die wenigen Waren, die ihnen geblieben waren, auf Hand- und Ochsenkarren, während einige Händler immer noch ihr Zeugs laut schreiend anpriesen.

»Äpfel!«, brüllte der eine. »Frische Äpfel aus dem Borkstal, in ewiger Sonne gereift, süß und geschmackig!«

»Eidener Honigzwetschken!«, schrie ein anderer und hielt zwei dunkle, schrumpelige Früchte in die Höhe. »Eingelegt in süßen Saft, von einer Zuckerkruste überzogen und über Monate gelagert, sodass der typische Geschmack aus der Provinz Eiden am besten zur Geltung kommt!«

»Hammelkeulen! Zart und frisch oder in Salzlauge gepökelt!«

»Sprüche. Flüche. Tränke.« Ein Magicus saß auf einem Stuhl und starrte düster vor sich hin. Ab und zu trank er aus einer Flasche, die ansonsten zwischen seinen Knien ruhte. »Ich bin Kelmens, Meister aus dem Süden, vertraut mit den mächtigsten magischen Waffen, die in den Lederlanden bekannt sind.« Er flüsterte bloß, und dennoch schaffte der unheimliche Mann es problemlos, sich Gehör zu verschaffen. Darne ging rasch weiter und warf keinen Blick mehr zurück. Er fürchtete die Kunst der Magicae.

»Borks-Öl aus den südlichen Ländern! Borks-Öl, das euch süße Träume beschert, das euch lächeln lässt …«

»Stoffe. Seidenware. Gewobenes, Gewalktes und Gestricktes …«

»Gewürze aus aller Herren Länder! Ich, Anta Steinwerk, versichere euch, dass meine Ware aus jeder zubereiteten Mahlzeit, und sei sie noch so einfach, eine Speise macht, um die euch die Götter beneiden werden.«

Die Stimme der Gewürzhändlerin war dunkel und einschmeichelnd. Sie saß auf ihrem Hochstuhl wie auf einem Thron. Ein buckliger Helfershelfer reichte ihr immer neue Säcklein, die die großgewachsene Frau in alle Himmelsrichtungen hielt.

Darne drängte sich an anderen Besuchern vorbei, bis er vor der Händlerin zu stehen kam. Die Menge ihrer Zuhörer war überschaubar. Viel mehr Leute interessierten sich für Früchte und Fleisch, am Stand des Borks-Öl-Händlers war am meisten los.

»Salz aus den südlichen Steinbrüchen. Pfeffer aus weit entfernten und unbekannten Landen, der nicht nur das Essen würzt, sondern auch als Heilmittel bei rinnenden Nasen hilft. Safran. Moschiak. Steinöl-Extrakt, mit scharfem Pepperion angereichert. Gerupfter und getrockneter Thymian. Koriander. Frischer Lauch und alter Sattelbirg. Waren aus allen Teilen des Weltenkreises, aus Gegenden, die man hierzulande bloß aus Erzählungen kennt. Ich habe sie alle, ich verkaufe sie alle!«

Ein einziges Büschel grünen Lauchs wechselte in der Zeit, da Darne der Frau lauschte, den Besitzer. Anta Steinwerk überließ das Feilschen ihrem Helfer. Sie, deren von Sommersprossen überzogenen Gesichtszüge Darne vage an ein Mädchen aus seiner Heimat erinnerten, fuhr indes fort, ihre Waren anzupreisen. Kaum jemand hatte einen Blick für die vielen Säcklein und Tiegel übrig, deren Inhalte rot und gelb und braun und schwarz waren und den Warentisch mit feinen Farbschichten überzogen.

Irgendwann verstummte Anta. Sie zuckte mit den Schultern und stieg von ihrem Hochstuhl herab, setzte vorsichtig ein Bein unter das andere, auf Sprossen, die dünn und fein gedrechselt waren, so als wären sie von einem Künstler gefertigt.

»Was gaffst du so dumm?«, keifte der Bucklige Darne an. »Noch nie den Stand einer Gewürzkrämerin gesehen? Noch nie die Beine einer Gewürzkrämerin gesehen?«

»Nein. Beides nicht«, antwortete Darne wahrheitsgemäß.

»Gewürze und Krämerin sind zu teuer für dich, Kleiner. Also verschwinde gefälligst von hier!«

»Sei nicht so unhöflich, Flaggel«, mischte sich die Frau ein, bevor Darne etwas sagen konnte. »Wir wissen doch, dass Höflichkeit die wichtigste Tugend eines erfolgreichen Händlers ist.«

»Aber nur, wenn der Kunde Schlei in der Tasche hat, Frau Anta! Sieh ihn dir bloß an: Er ist dreckig vom Scheitel bis zur Sohle. Die schwarze Kruste unter seinen Fingernägeln könnte man dazu verwenden, ein Pflanzenbeet anzulegen, und die Blicke, die er dir zugeworfen hat, sind noch schmutziger als alles andere.«

»Ich hab doch gar nichts gemacht!«

»Lass dich von Flaggel bloß nicht ärgern.« Anta zerstrubbelte ihrem Helfershelfer das dunkelblonde Haar, der Bucklige ließ es über sich ergehen. »Er ist bloß eifersüchtig. Weil er hoffnungslos in mich verliebt ist, nicht wahr?«

»J-ja, Frau Anta.«

»Obwohl du weißt, dass es aussichtslos ist, was du begehrst.«

»Ja, Frau Anta.«

»Nicht wegen deines Körperbaus und schon gar nicht wegen dem, was du im Kopf hast. Beides spielt für mich keine Rolle.«

»Ja, Frau Anta.«

»Es ist, weil ich keinen Mann jemals lieben werde.« Sie blickte Darne unvermittelt an, das erste Mal, seitdem sie ihn zur Kenntnis genommen hatte. Sie hatte wasserblaue Augen, die Iris wurde von silbernen Einlagerungen umkränzt. Sie trieben im Weiß ihrer Augen wie Fischlein, so als spielten sie miteinander, um sich dann wieder enger um das Blau zu gruppieren.

Darne schüttelte den Kopf. »So was habe ich noch nie gesehen.« Das war alles, was er hervorbrachte.

Anta lachte. »Kein Wunder, mein Freund! Du bist noch viel zu jung, um weiter als bis zu deiner Nasenspitze geblickt zu haben.«

Ihre Stimme klang so interessant, so verführerisch. »Ich bin schon viel herumgekommen!«, ereiferte sich Darne. Er fühlte, wie er im Gesicht rot und röter wurde – und konnte nichts dagegen tun.

»Ja«, murmelte Flaggel. »In Schweineställen, ab und zu in Ziegenställen und dann wieder in Schweineställen. So lernt man die große, weite Welt kennen.«

»Sei ruhig, mein Freund!« Wiederum tätschelte Anta dem Kleinwüchsigen den Kopf, doch diesmal mit etwas mehr Nachdruck, bevor sie sich wieder Darne zuwandte: »Wo kommst du her?«

»Aus der Provinz Fels. Aus dem Tal Sturz. Aus dem Dorf Knospbruch.«

»Shyte!«, entfuhr es Flaggel, und er grinste von einem Ohr zum anderen. »Selbst der allerletzte Hinterwäldler würde sich schämen, seine Herkunft aus Fels, Sturz und Knospbruch bekanntzugeben. Du aber nicht. Was mich folgern lässt, dass es hinter dem allerletzten Hinterwald noch etwas gibt, das sich Leben nennt.«

»Pass mal auf, Kleiner, jetzt reicht es mir mit deinen Beleidigungen! Ich werde dir …«

»Gar nichts wirst du, Junge aus Fels, Sturz und Knospbruch …«

»Ihr haltet beide den Mund!«

Antas Stimme klang befehlsgewohnt und hart. Darne schob sein Messer zurück in die Scheide und starrte die Frau an. Eben noch waren sie auf Augenhöhe gestanden, doch mit einem Mal wirkte sie um einen Kopf größer als er.

»Flaggel, räum die Waren zusammen!«, bestimmte sie. »Der Arbeitstag ist beendet. Und du, Freund Darne, hilfst mir, den Handkarren herbeizuschaffen.«

Er zögerte nur kurz, nickte dann und trottete der Gewürzhändlerin stumm hinterdrein. Einmal noch drehte er sich um: Der Krüppel blieb beim Stand zurück. Er sortierte die vielen Säckchen und versorgte sie in kleinen, intarsienbelegten Truhen, während er Unverständliches vor sich hin murmelte. Sein Kopf war rot angelaufen, die Adern an den Schläfen traten deutlich hervor.

»Was suchst du hier in Mittigteilen, Darne?«, fragte Anta, ohne ihn dabei anzuschauen.

»Weiß nicht so recht.« Er stieß einen staubigen und halb verfaulten Kohlkopf beiseite. »Ich musste weg von zu Hause. Ich mag es nicht, wenn meine Heimat beleidigt wird, und schon gar nicht von einem unnützen Krüppel – aber er hat irgendwie auch recht. In Knospbruch wird man einfach nur alt, eingezwängt zwischen Felswänden, die Tausende Fuß aufragen. Es verirrt sich kaum mal ein Sonnenstrahl ins Tal, und die meiste Zeit liegt der Schnee auf gefrorenen Feldern. Hier hingegen lacht die Sonne aufs Land herab! Fast die Hälfte des Jahres ist der Grund aufgetaut, man braucht keine stinkigen Winterfelle tragen, die Wärme treibt einem die Farbe ins Gesicht.«

»Ich verstehe. Ich vermute, dass deine arme Frau Mutter nicht weiß, wo du dich herumtreibst. Und dass dir der Vater tausend Flüche hinterhergejagt hat, weil du ihn bei der Feldarbeit im Stich gelassen hast.« Frau Anta deutete auf einen Karren, dessen Deichsel und Handgriffe mit seltsamen Symbolen verziert waren.

Darne hob an. Das Holz war schwer, er ächzte unter dem Gewicht. Tapfer zog er den Karren vorwärts. Er würde sich vor der Frau keine Blöße geben, ganz gewiss nicht!

»Ja«, keuchte er, »mag sein, dass die Eltern nicht erfreut darüber sind, dass ich weg bin. Aber die Familie ist groß. Da ist Meiko, der Älteste, der Vater zur Hand geht. Zimbul Augenleer, der nur wenig sieht, aber die Kleineren unterrichtet. Die Schwestern Jasemin, Kerhe und Singe Ohnohr …«

»Ich habe schon verstanden. Die Familie ist groß, und du meinst, dass man dich kaum vermissen wird.«

»Richtig.«

»Was hast du vor? Bleibst du in Mittigteilen, oder ziehst du weiter in die Wunderbare?«

»Natürlich gehe ich nach Attico! Ich bin kräftig, ich kann mit dem Messer umgehen. Gewiss wird man mich in einer der Schulen aufnehmen.« Darne zog das Gefährt mit einem kräftigen Ruck über einen Buckel in der schlecht gepflasterten Straße hinweg. Der Stand der Gewürzhändlerin war fast erreicht.

»Du möchtest ein Totmacher werden?«

»Natürlich! Ich bin stärker als die älteren Brüder und habe eine jede Dorfprügelei gewonnen.«

»Das allein, meinst du, ist ausreichend, um in den Schulen von Meister Isgarm, Meister Ohnschuh oder Meister Mydcorl unterzukommen?«

»J-ja.«

Der Stand war erreicht. Flaggel begann, die Waren zu verladen, nach einem System, das wohl nur er verstand. Rasch stapelten sich Kiste auf Kiste, Sack auf Sack.

»Du bist, mit Verlaub, ein Simpel. Um nicht zu sagen: ein ahnungsloser Idiot.« Frau Anta nahm Tischtücher an sich und faltete sie rasch zusammen.

Wie konnte sie es wagen? Sie, eine Frau? Und dabei lächelte sie freundlich und war dabei auch noch doppelt so hübsch wie die schönste Frau, die er jemals zu Gesicht bekommen hatte. »Aber … aber …«

»Stottern bringt dich nicht weiter, junger Freund. Du wirst die Wahrheit verkraften müssen.« Anta starrte ihn an. »Die Totmacherei ist ein ehrenwertes Gewerbe, das von der Pieke auf gelernt werden will. Du musst lesen und schreiben können, musst die Feder ebenso leichthändig bewegen wie das Breit- und das Langschwert, das Rapier und den Dolch. Du musst Knoten knüpfen, die Giftmischerei beherrschen, die Eleganz gesprochener Worte verstehen und Sprache als Waffe anwenden, dich in mindestens einem Dutzend Dialekten des Lederlandes verständigen, mit einer Händlerin wie mir ebenso feilschen können wie mit einem Henker, der dir den hübschen Kopf abhacken möchte. Und nun sag mir, Darne aus Knospbruch: Was davon kannst du?«

»Ich … ich lerne rasch«, gab er sich störrisch.

»Das wird einem der drei großen Meister nicht reichen. Noch vor den Toren der Totmachereien musst du beweisen, dass du diese Dinge zumindest in Ansätzen beherrschst.«

»Da wird unser kleiner Tölpel aber ganz schön auf die Schnauze fallen.« Flaggel kicherte und begann, die Schautische Stück für Stück zusammenzulegen.

»Das werde ich nicht!« Darne stampfte mit einem Fuß auf. »Ich weiß, was ich kann!«

Anta trat näher an ihn heran. So nahe, dass ihre Brust ihn berührte, sobald sie einatmete. Ihr Atem roch süß, ihre Augen glitzerten. Sie machte, dass Darnes Herz rascher schlug.

»So, was kannst du denn? Kannst du eine arme, hilflose Frau wie mich entwaffnen oder mich gar im Kampf besiegen? Bringst du das fertig, oder scheiterst du bereits an dieser geringsten aller Aufgaben?«

»Ich kämpfe nicht gegen dich, Frau Anta.«

»Aber ich gegen dich, Tölpel!«

Sie stieß ihn von sich, mit einer Kraft, die er dieser Frau niemals zugetraut hätte. Er stolperte, stürzte gegen die Karrendeichsel und fiel hintüber in den Staub. Und nicht nur das. Auch in den Haufen Mulischeiße, den Trist hier platziert hatte, so als hätte er ganz genau gewusst, dass sein Besitzer in diese Richtung geflogen kommen würde.

Darne blieb liegen und starrte nach oben, in die Luft. Auf Leute, die sich ringsum versammelten, lachten, mit den Fingern auf ihn deuteten und ihn schmähten. Dieses verfluchte Weib, es demütigte ihn, brachte Schande über ihn!

Er kam auf die Beine, wischte sich die Mulischeiße vom Rücken und aus dem Haar, rempelte einige Leute beiseite. So, dass er freie Sicht auf Frau Anta hatte, die ihn amüsiert betrachtete.

»Na warte, dir werde ich’s zeigen!« Er stürmte vorn weg, tastete nach seinem Dolch – und griff ins Leere.

Darne schaffte es gerade noch, vor der Frau zum Stehen zu kommen, bevor er sich seine eigene Waffe in den Bauch rammte. Anta hielt sie in ihrer Hand.

»Du bist eine Hexe!«, sagte er leise, während er einen Schritt zurücktrat. »Du hast mir den Dolch mithilfe von Zauberei entwendet!«

»Der Zauber nennt sich Ablenkung, kleiner Darne. Ich brauchte bloß nahe genug an dich heranzutreten und dich ein wenig zu verwirren, sodass dein Blut aus dem Kopf und woandershin rann. Zu einem Ding, mit dem man besser nicht denkt, will man in einer der Totmachereien aufgenommen werden.«

Anta tat eine rasche Bewegung mit ihrer Waffenhand, der Dolch ritzte sein Obergewand. Er fühlte einen kurzen Schmerz. Feuchtigkeit breitete sich entlang des Schnitts aus.

»Und ihr, was habt ihr so dumm zu glotzen?«, fragte Anta die Umherstehenden. »Dies ist eine Sache zwischen uns beiden, also geht gefälligst eurer Wege!«

Die Kinder, Frauen und Männer gehorchten. Sie hatten Angst vor dieser wehrhaften Frau. Angst, die nun auch Darne zu spüren begann. Sie war flink und raffiniert, und sie kämpfte auf eine Weise, der er nichts entgegenzusetzen hatte.

Anta betrachtete den Dolch im Licht der letzten Sonnenstrahlen, setzte dann die Spitze auf den Zeigefinger und balancierte die Waffe eine Weile, schupfte sie dann hoch in die Luft und fing sie geschickt am Griff wieder auf. »Der Dolch ist schartig und schlecht gepflegt. Der Stahl ist von minderer Güte, und hier am Heft war die Klinge mal gebrochen. Irgendein Schmied ohne besonderes Talent hat sie bearbeitet und mangelhaft repariert. Mit diesem Ding kannst du gerade mal einer siechen Ratte den Garaus machen.«

Anta warf ihm den Dolch mit einer flinken Handbewegung zu, Darne fing ihn überrascht auf.

»Zumindest die Reflexe sind in Ordnung. Dies ist das erste Mal, dass du mich überraschst, mein junger Freund.« Sie beugte sich über den Karren und gab dem Krüppel geflüsterte Anweisungen. Nach wenigen Momenten hielt sie ein schmales Glas in der Hand, vermengte zwei Pulverchen miteinander und fügte Wasser hinzu.

Sie deutete ihm, sich umzudrehen. Darne gehorchte. Die Flüssigkeit rann heiß über seinen Haarschopf und dann über die Kleidung. Sie roch süßlich und nach Feldblumen.

»Das sollte reichen, um den Dung abzuwaschen«, sagte Anta mit Zufriedenheit in der Stimme. »Andernfalls könnte ich mich nicht mehr mit dir in der Öffentlichkeit blicken lassen.«

»Ich verstehe nicht, was du meinst?«

»Begriffsstutzigkeit ist für die Meistereien der Totmacher eine der schlimmsten Untugenden. Wenn du etwas nicht begreifst, dann halte wenigstens den Mund, junger Freund.«

»Aber …«

»Was sagte ich eben?« Anta lächelte ihn an. »Ich bin damit einverstanden, dass du bei mir eine Lehre beginnst und Flaggel bis zum Winter bei seiner Arbeit unterstützt. Du bekommst bloß ein geringes Taschengeld von mir. Doch in den Stunden vor und nach der Arbeit werde ich dir einige Dinge beibringen. So, dass du, wenn du eifrig übst, im Frühjahr an den Toren der Totmachereien um Aufnahme betteln kannst. Wenn du es dann noch wünschst – und wenn ich dir nicht zuvor aus Ärger ein paar Glieder gebrochen habe. Denn ich erwarte, dass du deine Arbeit niemals vernachlässigst. Sonst kann ich ganz schön ungemütlich werden.«

Darne starrte ein weiteres Mal in diese so faszinierenden Silberaugen – und er wusste, dass er dieser Frau niemals würde widersprechen können.

»Warum hilfst du mir, Frau Anta?«, fragte er.

»Mittigteilen ist nicht sonderlich freundlich zu einer wie mir. Als Frau, die auf eigenen Beinen steht, errege ich Aufmerksamkeit, als Gewürzhändlerin ebenso. Und erst recht als jemand, der das Schwert besser zu schwingen weiß als die meisten Männer.« Sie seufzte. »Es gibt Eifersucht und Bösartigkeit rings um mich, und ich kann meine Augen nicht überall haben. Ein Helfer mehr kann also nicht schaden. Vielleicht fordere ich irgendwann einen Gefallen von dir ein. Den würdest du mir doch nicht abschlagen, oder?«

Darne schüttelte den Kopf. »Niemals, Frau Anta«, sagte er und hob den Karren an.

4. Bernyl

Der Wein schmeckt nach Rinderpisse!«, schrie der Rego und schleuderte den Trinkpokal so weit er konnte von sich. »Gibt es in diesem lausigen Palast nichts anderes als Rinderpisse? Muss ich mich selbst um die Kelterarbeiten kümmern? Muss ich mich um alles kümmern? Bernyl, wo steckst du? Hilf mir!«

»Ich stehe hinter dir, Rego. Wie immer.« Bernyl trat einen Schritt näher an den Fetten Mann heran und achtete darauf, nicht in die Reichweite seines Herrn zu gelangen.

»Warum klappt nichts so, wie ich es gern hätte, Bernyl? Warum nicht?«

»Es sind bloß die kleinen Dinge, Rego, die dich ärgern.«

»Gerinnsel werden zu Bächen, Bäche zu reißenden Flüssen, Flüsse füllen die Ozeane. Kleine Dinge addieren sich zu einem Ozean an Ärgernissen.«

»Das hast du schön gesagt, Rego. Ich werde dafür sorgen, dass diese weisen Worte der Nachwelt erhalten bleiben.«

»Arbeitet man etwa schon an meinem Nachruf, Bernyl, tut man das? Gibt es finstere Mächte, die nach meinem Thron trachten, die das Lederland usurpieren wollen?«

»Natürlich nicht, Herr! Im ganzen Land herrscht dank deiner umsichtigen Politik Frieden. Man ist zufrieden mit dir, und so wird es noch viele Jahre lang bleiben. Vorausgesetzt, du achtest auf deine Essens- und Trinkgewohnheiten, Rego.«

»Du willst mich wieder mal bevormunden, Hofkanzlist!«

Der Herrscher drehte sich mühsam zur Seite, unterstützt von einem Helfer, dem dabei die Todesangst ins Gesicht geschrieben stand. Eine falsche Handbewegung, eine Berührung, und er hatte sein Leben verwirkt. Bernyl hatte oft genug miterleben müssen, wie sich der Rego seiner Unbeherrschtheit hingab und in Rage verfiel.

»Du weißt, dass ich dich stets mit bestem Wissen und Gewissen berate.«

»Lüg wenigstens du mich nicht an, mein Freund. Du hast dich unersetzlich gemacht. Das war alles, was du jemals wolltest. Ich bin davon abhängig, dass du mir einen Teil der Regierungslasten abnimmst.«

»Ich tue bloß mein Bestes, Rego. Zum Wohle des Landes – und selbstverständlich auch zu deinem.«

»Es gibt wohl niemanden, der seine Lügen so schön in Worte verpacken kann wie du, Hofkanzlist.« Die Schweinsäuglein des Fetten Mannes glitzerten.

»Ich mag ein Schwafler sein, Rego, und auch ein eitler Blender, da hast du sicherlich recht. Aber ich setze meine Gaben bloß im Umgang mit den Angehörigen des Hofstaates ein. Um dich von den Belanglosigkeiten der täglichen Regierungsarbeit zu entlasten.«

»Wie lange stehst du bereits in meinen Diensten, Bernyl?«

»Seitdem du an der Macht bist, Rego, wie du sicherlich weißt. Seit mehr als dreißig Jahren. Mögen es weitere dreißig Jahre werden!«

Der Fette Mann richtete sich von seiner Liege auf, ohne diesmal auf Unterstützung des ängstlich dreinblickenden Helfers zurückzugreifen. Es gelang ihm erstaunlich gut. »Ich weiß, was ich dir alles verdanke, Hofkanzlist. Du erledigst deine Arbeit ausgezeichnet. Für meinen Geschmack bist du zu perfekt. Leute deines Ranges neigen dazu, sich korrumpieren zu lassen und hinterrücks Schweinereien zu planen. Du hingegen …«

»Ich führe ein Leben in Anstand und Bescheidenheit, Rego.«

»Und Schweine können fliegen.« Der Fette Mann kam auf die Beine und blieb schwankend stehen. Zwei kräftige Diener kamen herbeigeeilt, um ihren Herrscher zu stützen, so es denn notwendig war. »Was ist dein Geheimnis, Hofkanzlist? Was verbirgst du vor mir?«

»Nichts, Rego.« Bernyl verneigte sich mehrmals und trat dann zurück in den Schatten hinter dem Liegethron, ohne die Augen von seinem Herrscher zu lassen.

»Er ist nicht dumm. Du solltest dich vor dem Fetten Mann in Acht nehmen.«

Bernyl zuckte zusammen. So groß seine Macht auch war, und egal, wie gut er sich auch schützte – es gelang der Frau immer wieder, in seine Räumlichkeiten vorzudringen und ihn zu überraschen.

»Mir scheint, ich sollte mich eher vor dir in Acht nehmen.« Bernyl zündete mehrere Kerzen an, die Dunkelheit wich flackerndem Licht. Bentaloppe saß in seinem Lieblingssessel, unmittelbar neben den beiden Kreuzstangen. Sie hielt ihre langen, nackten Beine überkreuzt, das gezeichnete Gesicht blieb im Halbschatten verborgen.

»Ich hätte bereits Dutzende Gelegenheiten gehabt, dir ein Messer in die Brust, in den Rücken oder sonstwohin zu rammen. Warum sollte ich es tun?«

»Weil du mich abgrundtief hasst.«

»Hass wird überschätzt, Hofkanzlist. Man tötet andere Menschen selten aus dem Moment heraus. Es benötigt eine Mischung aus mehreren Gefühlen, um so weit zu gehen. Und den richtigen Augenblick.«

»Oder aber man ist eine meisterhafte Totmacherin.« Bernyl ließ den Blick durch den Raum schweifen. Er suchte die Statuen zweier Krüppel, die aus der Wand herauszuspringen schienen und sich mit weit ausgestreckten Klauen vornüberbeugten.

»Richtig. Aber ich werde wohl niemals eine derartige Fertigkeit erlangen wie manche Krieger, die du aus dem Staatssäckel bezahlst und für deine Zwecke einsetzt.« Bentaloppe lächelte schief.

Die Figuren waren grässlich anzusehen, mit all ihren Verletzungen und Verstümmelungen. So, als wären sie jederzeit bereit, sich aus dem Stein zu lösen und sich auf den Eindringling zu stürzen. Doch das würde nicht geschehen.

Bernyl ließ sich auf den Stuhl vor seinem Arbeitsplatz fallen und schenkte zwei Gläser halb voll mit Torfschnaps. Die kristallgeschliffenen Schwenker warfen bunte Lichtschimmer in den Raum. Die Farben veränderten sich mit der geringsten Bewegung. Bentaloppe nippte am Alkohol und stellte dann ihr Glas bedächtig vor sich ab.

»Was gibt es denn so Dringendes, dass du mich in meinen privaten Räumlichkeiten belästigst?«, fragte Bernyl. »Hatten wir nicht ausgemacht, dass wir über Boten in Verbindung bleiben?«

»Das war, was du dir wünschtest, Hofkanzlist. Ich erinnere mich nicht, dieser Bitte zugestimmt zu haben.«

»Muss ich denn auch bei dir jedes einzelne Wort auf die Waagschale legen, Bentaloppe? Reicht es nicht, dass ich tagtäglich mit Hofschranzen zu tun habe, deren Zungen so schlüpfrig sind wie Aalgel?«

Ein fingerdicker Firnis lag über den Figuren. Sie waren alt, uralt. Die beiden steinernen Wächter begleiteten Bernyl, solange er sich zurückerinnern konnte.

»Du weißt, warum ich hier bin, Bernyl.« Die Hohe Dame erhob sich und begann, unruhig im Raum auf und ab zu gehen. Sieben Schritte vor, sieben Schritte zurück.

Seine empfindliche Nase nahm Schweißgeruch wahr, einen Hauch von billiger Seife, Kuhmist, den sie an ihren Lederstiefeln klebend in den Raum getragen hatte – und den metallenen Gestank von Mondblut.

»Natürlich, Hohe Dame.« Er gab sich verwundert. »Ist es denn schon wieder so weit?«

»Das weißt du ganz genau, du Schweinehund!« Bentaloppe drehte sich ihm zu, in ihren Augen zeigte sich ein Hauch von Wahnsinn, die Hände zitterten. »Gib mir, was ich brauche!«

Bernyl verschränkte die Hände vor dem Bauch. Er gab sich ruhig, behielt jedoch seine gut versteckte Waffe im Auge und konzentrierte sich. »Es gab Zeiten, da hast du dich gegen dein Schicksal gewehrt. Du sagtest, dass du mich nicht brauchtest. Dass du es auch ohne mich schaffen würdest. Dass die Cardym-Sucht bloß eine Angelegenheit des Verstandes und der Willenskraft wäre und du kein Schwächling wie all die anderen seist, die an meinem Tropf hängen, und du jederzeit aufhören könntest, wenn du es bloß ernsthaft wolltest.« Bernyl lächelte. »Kann es sein, dass du dich geirrt hast? Dass du deine Kräfte überschätzt hast?«

Bentaloppes Gesicht wurde zu einer bleichen Maske, die von Strömen von Schweiß überzogen wurde. »Ich hätte gute Lust, dich zu töten, Hofkanzlist!«

»Lass diese lächerlichen Drohungen, meine Liebe. Wir wissen beide, dass du mir nichts antun kannst. Weil du ohne mich und dem, was ich anzubieten habe, nicht leben möchtest. Weil du so sehr nach dem Cardym gierst, dass du seit Tagen nicht mehr in der Lage bist, an etwas anderes zu denken. Weil du mein Eigentum und mein Geschöpf bist. Weil du alles tun wirst, um von mir das zu bekommen, was dein Körper und dein Geist so sehr begehren. Nicht wahr?«

Sie stierte ihn mit flackernden Augen an, Schweiß tropfte vom Kinn zu Boden.

»Ich möchte, dass du sagst, wie sehr du mich brauchst, Bentaloppe. Du wirst auf die Knie fallen und mir die Zehen lutschen. Als Zeichen deiner unbedingten Zuneigung.«

Sie presste die Kiefer fest aufeinander, die Zähne knirschten. Blut tropfte von den Lippen. Alles an ihr war Hass. Ohnmächtiger Zorn. Verlangen. Gier. Der Wunsch nach Erlösung.

Es ist einfach wunderbar. Das Cardym ist mächtiger als jedwede Waffe …

»Ich brauche dich, Bernyl«, flüsterte sie mit Tränen in den Augen.

Sie beugte sich hinab. Er fühlte, wie sie seine Füße berührte, die Ledersandalen abstreifte, mit den Fingern Schmutzkrusten zwischen den Zehen löste. Dann spürte er ihre feuchte Zunge und hörte ein würgendes Geräusch.

»Sehr brav, mein Täubchen. Ich wusste doch, dass ich mich auf deine hündische Ergebenheit verlassen kann. Du hast dir deine Belohnung verdient.«

Bentaloppe kam wieder hoch. Die sonst so stolze und unnahbar wirkende Totmacherin wirkte wie ein Häuflein Elend.

»Komm bloß nicht auf die Idee, mir etwas anzutun, nachdem du das Cardym erhalten hast«, sagte er, so wie er es jedes Mal tat. »Ich allein kann dir eine weitere Dosis besorgen, sobald die Wirkung nachlässt. Du würdest verrückt werden, würdest endlos lange leiden, bevor der Tod dich holt. Du hast die Süchtigen im Kerker oft genug besucht, um zu wissen, was für ein Elend dich erwartet.«

»Ich weiß, Hofkanzlist.« Sie sprach leise, mit brüchiger Stimme. »Gib es mir jetzt. Bitte!«

Es war jedes Mal aufs Neue ein Triumph, eine der stärksten und gerissensten Kriegerinnen des Lederlandes flehen und betteln zu sehen. Dieses Schauspiel wärmte sein Herz.

»Also schön.« Bernyl zog seinen Wams hoch und holte die Hohlnadel aus dem Schreibtisch. Mehrere Phiolen des flüssigen, hochkonzentrierten Gifts lagen ebenfalls bereit. Er nahm eine davon und entstöpselte sie. Nun musste er nur noch den wichtigsten Wirkstoff hinzufügen, diese ganz persönliche Note des Cardym, ohne die der Sud kaum eine Wirkung zeigte.

Mit viel Routine stach er die Nadel ins Innere seines Bauchnabels. Ein dünner Strom hellroter Flüssigkeit sprudelte in die Phiole.

Saft aus seinem Leib. Gift, das er produzierte, solange er sich Tag für Tag schmerzvollen Prozeduren unterzog.

Genug. Er zog die Nadel aus dem Bauchnabel und steckte einen Wundstöpsel hinein. Der darauf geträufelte Kräutersaft würden dafür sorgen, dass der Strom bald zum Erliegen kam – und dass der Schmerz nachließ.

Bernyl reichte ihr die Phiole. »Du könntest das Cardym in kleineren Dosen zu dir nehmen. Dann hält die Wirkung womöglich länger an. Oder aber du trinkst die Flüssigkeit in einem Zug aus, um ein intensiveres Gefühl zu erleben.«

»Gib schon her!« Bentaloppe riss es ihm aus der Hand, zögerte nur kurz und goss es sich in den Mund. Ihre Zunge wanderte über die Lippen, selbst den kleinsten Tropfen des Cardym leckte sie auf, während sie sich wieder auf den Stuhl sinken ließ, den Kopf nach hinten legte und darauf wartete, dass die Wirkung einsetzte.

Bernyl nahm die Schreibfeder zur Hand und verfasste einige Einträge in sein Tagebuch, dem einzigen Buch dieses Landes ohne Schrift. Er ließ Gedächtnismeister kommen und verkündete Anordnungen, kalkulierte die zu erwartenden Einkommen des Lederlandes für den nächsten Mond und ließ sich dann von Mobcac, dem Leibdiener, ein Glas heißes Wasser bringen. Die Schmerzen im Bauchnabel ließen nach, sein Herzschlag beruhigte sich. Er verschränkte die Hände über dem Bauch und widmete sich nun wieder Bentaloppe.

»Hörst du mich?«, fragte er.

»Vage. Wie aus weiter Entfernung. Bist du es, Papa?« Sabber troff aus dem Mund der Hohen Dame und auf die lederne Brustrüstung.

»Ja.«

»Warum tust du mir das an?« Bentaloppe bemühte sich, wieder Zugang zur wahren Welt zu finden. Doch ihr Geist weigerte sich. Er weilte an einem Ort ganz weit weg und erlebte dort Dinge, die man mit Worten nicht erzählen konnte. Eine winzige, kaum greifbare Verbindung zum Hier war erhalten geblieben. Ein Rettungsfaden, der irgendwann einmal reißen würde.

»Weil ich dich benötige. Dich und deine Fähigkeiten. Ich habe nicht umsonst jahrelange Arbeit in deine Werdung gesteckt.«

»Ich bin ein Mensch! Deine Tochter!« Die gequälte Stimme drang aus dem halb geöffneten Mund Bentaloppes. Eine schwarz gefärbte Zunge bewegte sich wie ein orientierungsloser Wurm darin umher, die Worte blieben kaum verständlich.

»Ich bin bloß dein Erzeuger.« Bernyl versuchte sich an die Mutter dieses Geschöpfs zu erinnern. Da war die Ahnung an eine großgewachsene Schönheit mit üppigen Brüsten und wenig Geist. Es war ein Wunder, dass ausgerechnet sie ein derart begabtes Geschöpf wie Bentaloppe hervorgebracht hatte.

»Ich kann so nicht mehr weitermachen, Papa.«