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Thaddäus von Bergen ist unkonventionell. Im Obergeschoss seiner Hamburger Villa lässt er Studenten wohnen – im Untergeschoss spielt er Schlagzeug und schreibt Reportagen für angesehene Zeitungen. Eines Tages jedoch wird seine Mitbewohnerin Monika bestialisch ermordet aufgefunden und Thaddäus' Welt gerät aus den Fugen. Da sich die Polizei lange schwertut, greift er schließlich selbst ein. Gemeinsam mit dem israelischen Informatiker Amir ermittelt er hinter Monikas Mörder her. Dabei bringen sie nicht nur brisantes Material ans Licht – sondern lassen sich zudem auf ein extrem gefährliches Spiel ein ...
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2014
Thilo Corzilius
König Tod
Hamburg-Thriller
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Widmung
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig
Fünfundzwanzig
Sechsundzwanzig
Siebenundzwanzig
Achtundzwanzig
Neunundzwanzig
Dreißig
Einunddreißig
Zweiunddreißig
Dreiunddreißig
Vierunddreißig
Epilog
Nachwort und Danksagung
Weitere Werke von Thilo Corzilius
Impressum neobooks
Kann man einer Stadt ein Buch widmen? Ich weiß es nicht.
Verzweiflung breitet sich im Menschen aus wie eine gierige Krankheit. Wie ein Virus befällt sie zunächst unbemerkt eine einzige Zelle; dann nach und nach den gesamten Körper – und schließlich schlägt sie mit einem Mal gnadenlos zu.
Aufwachen!
Aufwachen!!
Es war ein hilfloses inneres Kommando, gerichtet an den eigenen Verstand. Sie konnte einfach nicht aufwachen, auch wenn sie wollte.
Da! Endlich bewegten sich ihre Lider. Schwer wie nasse Lappen lagen sie auf ihren Augäpfeln. Viel schwerer noch als am frühen Morgen nach zu wenig Schlaf. Millimeter für Millimeter kämpfte sie darum, Licht in ihre Pupillen strömen zu lassen.
Es fiel so unsagbar schwer.
Verschwommen nahm sie erste Eindrücke wahr. Schweiß klebte an ihren Wimpern. Gedämpft und verzerrt waren Lichter und Geräusche.
Dumpfes Pochen hämmerte von innen gegen ihre Schläfen.
Sie versuchte, ihre Glieder zu bewegen, schaffte es nicht. War sie gelähmt? Gefesselt?
Der Schwindel in ihrem Kopf brach sich Bahn und ihr Magen verkrampfte sich äußerst schmerzhaft. Doch nicht einmal erbrechen konnte sie sich.
Da war nur Pochen.
Wo war sie überhaupt? Was war das für ein Ort? Lehnte sie da nicht an etwas Kaltem? Einer Wand vielleicht oder ...
Panisch schüttelte sie den Kopf, doch es wurde nur wieder schlimmer. Die Eindrücke wirbelten vor ihren Augen durcheinander wie in einem Kaleidoskop.
Sie konnte eine Gestalt erkennen. Mann? Frau? Nicht auszumachen. Grell überstrahlten Scheinwerfer das Geschehen, blendeten sie schmerzhaft. Nur ab und zu konnte sie überhaupt einen Schemen aus dem Licht filtern. Ihr Kopf tat weh, die Umgebung dröhnte, obwohl sie genau wusste, dass es nahezu still war hier.
Was tat diese Person dort? Sie stand vor einer hell erleuchteten Wand und ... schrieb. Schrieb sie etwa? Waren das rote Buchstaben dort auf dem hell angestrahlten Grund?
Ihr Puls hämmerte und hämmerte.
Jetzt ließ die Gestalt ab. Sie sagte irgendwas, doch das Dröhnen und Wummern im Kopf ließen die Worte nicht richtig zu ihr vordringen. Sie verstand nicht viel.
»... einfach im Kaufhaus Messer ... ... schreiben ...«
Nichts von dem Wenigen, was sie aufschnappte, machte Sinn. Aber was machte schon Sinn? Sie verstand ja noch nicht einmal, wo sie war oder was mit ihr geschah.
Die Gestalt hatte ihre Tätigkeit offenbar beendet, denn sie kam zu ihr herüber.
»... nicht mehr viel zu sehen ...«, war das Letzte, was sie hörte. Dann durchzuckte sie ein Schmerz. Er war schneller, schärfer und lauter als jede Hölle. Vielleicht dauerte er nur den Bruchteil einer Sekunde, vielleicht auch eine ganze Ewigkeit. Alles brannte. Heißer als das Innere eines Sterns.
Sie merkte schon nicht mehr, zu welch unkontrollierten Zuckungen ihre Nervenbahnen sie brachten. Dann hörte das Dröhnen endlich auf und es wurde still.
»Scheiße, Mann!«, brüllte Amir durch den Salon der Villa. »Verfluchte, verdammte Scheiße!«
Er schlug mit der Faust gegen die ockerfarbene Tapete, prellte sich aber wohl nur den Knöchel. Mitleidig sah Thaddäus, wie dem ansonsten so harten Israeli Tränen in die Augenwinkel traten.
Auch Kirsten, die junge Doktorandin war den Tränen zum Greifen nahe. Sie hatte die Hände in sprachlosem Entsetzen vor den Mund geschlagen und verharrte so seit Minuten. Thaddäus wusste, dass der Tod ihres kranken Vaters sie vor einigen Jahren stark mitgenommen hatte. Jetzt hatte es ihre Mitbewohnerin getroffen. Nicht minder entsetzlich – auch, wenn es natürlich etwas völlig anderes war. Sie tat Thaddäus leid, wie sie verloren dastand. Ihre Augen starrten irgendwo in den Raum hinein, an ihm selbst vorbei, durch die beiden Beamten hindurch.
Überhaupt, die Beamten! Wie klischeehaft kann man denn bitteschön auftreten?, dachte Thaddäus.
Ein beiger Trenchcoat, eine speckige Lederjacke, graue Gesichter. Kriminalbeamte, natürlich. Selbstverständlich kannte Thaddäus Gesichter und Namen der beiden von seinen Recherchen. Doch sie wirklich hier zu haben, nahm dem müden Herbsttag in Hamburg die letzte Farbe.
Wie fühlte er selbst, Thaddäus von Bergen, sich eigentlich? War er geschockt? Sicherlich. Aber woher kam diese eigenartige Nüchternheit, mit der er in diesem Moment geschlagen war? Es kam ihm ein wenig vor, als betrachte er alles, was sich um ihn herum abspielte, bloß als Szene in einem Film. Einem blassen, schlechten Film, dessen Kameraeinstellungen eine Zumutung waren, sodass man am liebsten sein Geld zurückverlangt hätte.
»Herr von Bergen?«
Der Trenchcoat-Kommissar sprach ihn erneut an, nachdem er allen Anwesenden einen Augenblick für sich selbst gelassen hatte.
»Hm?«, reagierte Thaddäus. Die Welt fühlte sich seltsam taub an. Er versuchte, sich zurück in die Wirklichkeit zu holen. Der Name des Trenchcoat-Polizisten war Falter gewesen, Hauptkommissar Michael Falter.
»Haben Sie Zeit für ein paar Fragen?«
»Was? ... äh ... ja, sicher.«
Ein kurzes Schweigen folgte.
»Haben Sie vielleicht ein Arbeitszimmer?«, fragte Falter schließlich. »Irgendeinen Ort, an dem wir ungestört sind?«
»Natürlich.«
Thaddäus versuchte, sich so gut es ging zusammenzunehmen. »Kommen Sie mit.«
Er führte die beiden Polizisten durch das Erdgeschoss der Villa, bis sie in seinem geräumigen Arbeitszimmer angelangt waren. Höflich bot er ihnen zwei Stühle vor seinem Schreibtisch an. Er selbst nahm auf seinem Schreibtischsessel Platz und folgte den interessierten Blicken der beiden Polizisten, während sie sich umsahen und den Raum einzuordnen versuchten.
Die dunklen Möbel aus Kirschholz, der schwere Eichenschreibtisch, Regale voller Aktenordner und Bücher. Das alles schienen sie zwar wahrzunehmen. Was sie jedoch besonders gründlich in Augenschein nahmen, stand in einer freigemachten Ecke des großen Raumes.
»Ist das ein Schlagzeug?«, fragte der zweite Polizist ungläubig. Es klang beinahe etwas dümmlich
Thaddäus war kurz versucht, eine entsprechend dreiste Antwort zu geben. Doch dann schob er seine Gereiztheit auf den Schock und besann sich eines Besseren. Er nickte. »Ja.«
»Warum haben Sie ein Schlagzeug in Ihrem Arbeitszimmer?«
»Ich habe sonst keinen Platz dafür. Hören Sie, was soll das? Sie sind sicher nicht wegen des Schlagzeugs hier.«
Der Trenchcoat-Polizist übernahm stattdessen wieder. »Nein, entschuldigen Sie, Herr von Bergen. Nur erscheinen Sie uns – mit Verlaub – einfach ein wenig unkonventionell.«
»Und?«
»Das ist insofern nicht uninteressant: Auf Frau Harms’ Personalausweis stand, dass sie wohnhaft an dieser Adresse war.«
Frau Harms, hallte es durch Thaddäus’ Verstand.
So hörte es sich also an, wenn ein liebgewonnener Mensch zum Aktenzeichen wurde. Er musste schlucken. Ja, Monika Harms hatte hier gewohnt. Das ganze letzte Jahr über.
»Das ist ja auch der Fall«, bestätigte Thaddäus so trocken wie möglich. Und fügte nach einer Pause an: »Gewesen.«
»Wie darf ich mir das vorstellen?«, fragte Hauptkommissar Falter.
»Ganz einfach. Ich vermiete die Räume im oberen Stockwerk der Villa an junge Leute. Studenten meistens.«
»Hier zu wohnen, ist doch sicher nicht besonders günstig. Was zahlen ihre Mieter denn so?«
Thaddäus sagte es ihm.
Völliger Unglaube spiegelte sich auf dem Gesicht von Falter wider. »Das ist nicht Ihr Ernst.«
Thaddäus zuckte bloß mit den Schultern. »Warum nicht? Was soll ich denn sonst mit den Räumen tun? Mir ist lieber, dort oben wohnt jemand, der es sich sonst nicht leisten könnte.«
»Jemand wie Monika Harms?«
Thaddäus nickte. »Ja.«
»Sie müssen wissen, dass das in unseren Augen schon ein wenig eigenartig wirkt, Herr von Bergen.«
»Dass ich das Obergeschoss der Villa an Studenten vermiete?«
»Nein, nicht dass Sie es vermieten. Merkwürdig ist, dass ausgerechnet Sie der Vermieter von Frau Harms sind.«
In Thaddäus’ fragendem Gesicht konnte man lesen, wie in einem offenen Buch.
»Kommen Sie schon, Herr von Bergen. Wollen Sie mir etwa erzählen, es sei völliger Zufall, wenn Sie erst eine ausführliche Reportage in einer renommierten Wochenzeitung über einen bizarren Mordfall verfassen und wenige Wochen später wird Ihre Mieterin auf exakt dieselbe Weise umgebracht wie damals Herr Brünning.«
Erschrocken fuhr Thaddäus hoch.
»Das war derselbe Kerl?«, rief er aufgebracht. »Derselbe, der auch Wolf-Dieter Brünning umgebracht hat? Bitte sagen Sie mir, dass Sie mich auf den Arm nehmen wollen!«
Doch Hauptkommissar Falter schüttelte lediglich den Kopf.
»Nein, keineswegs«, meinte er besonnen. »Und ich fürchte, ich muss Sie auch fragen, was Sie gestern Abend so gegen zwanzig Uhr getan haben, Herr von Bergen.«
Thaddäus fühlte sich, als hätte ihm jemand einen harten Schlag in die Magengegend versetzt. »Ich ... äh ... Sie sagen gegen zwanzig Uhr? Vermutlich habe ich Schlagzeug gespielt. Keine Ahnung, fragen Sie doch Amir und Kirsten. Normalerweise bekommen die mit, wenn ich spiele. Das ist ja kein leises Instrument. Ich-«
»Das werden wir tun, Herr von Bergen«, versprach Falter. »Wenn Ihre Hausbewohner das jedoch nicht bestätigen sollten – hätten Sie in diesem Fall etwas dagegen, uns zu einer weiteren Vernehmung aufs Polizeipräsidium zu begleiten?«
Langsam, ganz langsam flaute die erste Aufregung bei Thaddäus ab. Stattdessen wurde ihm regelrecht übel. Die Mischung von nachmittäglichem Kaffee, Schock und Fassungslosigkeit machte seinem Magen zu schaffen.
»Nein.« Er schüttelte erschöpft den Kopf. »Natürlich komme ich mit.«
»Thaddäus von Bergen, wohnhaft im Harvestehuder Weg Nummer 33 in Hamburg, geboren am 25. Juli 1977 ebenfalls in Hamburg, ledig, eine jüngere Schwester.«
Monoton ratterte der Beamte die Daten herunter, die ihm zur Verfügung standen.
Thaddäus war in ein Vernehmungszimmer geführt worden, das mit Leichtigkeit als der hässlichste frisch geputzte Raum durchging, den Thaddäus je gesehen hatte. Selbst die Tischplatte in der Mitte des Raumes wirkte aus irgendeinem Grund schäbig, obwohl sie sauber und auch sicherlich teuer gewesen war.
»Das stimmt soweit«, bestätigte Thaddäus, was er gehört hatte.
»Sind Sie sicher, dass Sie auf Herrn Eichendorff warten möchten?«, fragte der Polizist weiter. »Sie sind nur in Ihrer Funktion als Zeuge hier anwesend, nicht als-«
»Ja«, unterbrach Thaddäus ihn.
»Wie ›Ja‹?«
»Ja, ich bin sicher, dass ich auf Doktor Eichendorff warten möchte«, bestätigte Thaddäus noch einmal ausführlich. Das Doktor betonte er dabei mit aller Verachtung, die er aufzubringen vermochte. Es mochte ja sein, dass die Anwesenheit seines Rechtsanwaltes und – wenn man ihn denn so nennen wollte – Freundes Dr. Stefan Eichendorff tatsächlich vollkommen übertrieben war. Aber wenn die Sonderkommission tatsächlich argwöhnisch war, ob Thaddäus direkt etwas mit der Ermordung von Monika zu tun hatte, wollte er nicht auch nur das kleinste Risiko eingehen, dass ihm hier fälschlicherweise etwas angehängt würde.
»In Ordnung«, meinte der Beamte schließlich. »Dann muss ich Sie bitten, hier zu warten.«
Schon klar, dachte Thaddäus, während der Polizist den Raum verließ. Er stand auf und fuhr sich über das Gesicht.
Das alles ist doch ein einziger Alptraum, dachte er. Kann mir nicht bitte jemand sagen, dass ich nur halluziniere?
Monika Harms ist ermordet worden? Von demselben Menschen, der vor Wochen einen gewissen Wolf-Dieter Brünning, einen Hamburger Verleger, ermordet haben soll? Was bitteschön sind das denn für grausame Neuigkeiten? Und was um alles in der Welt hat Monika mit Wolf-Dieter Brünning zu tun? Das passt doch alles überhaupt nicht zusammen.
Doch mit den Fragen in seinem Kopf war Thaddäus sicher nicht allein. Wahrscheinlich waren das sogar genau die Fragen, die sich das LKA auch stellte.
Thaddäus machte zwei Schritte und stellte sich vor den falschen Spiegel, der in die Zimmerwand eingelassen war.
Wie siehst du überhaupt aus, Thaddäus?
Einen grauen Strickpullover und eine Jeanshose trug er. Dazu war er unrasiert und sein braunes Haar machte wie üblich, was es wollte. Hätten seine Eltern, das alte Ehepaar von Bergen, ihn in diesem Aufzug gesehen, hätten sie ihn womöglich enterbt. Doch Thaddäus scherte das nicht, denn so war es nun mal nicht gekommen. Er hatte die letzten beiden Tage zuhause am Schreibtisch gearbeitet und hatte keine Termine auswärts gehabt. Folglich war es ihm egal gewesen, wie er herumlief. Nur hier im Spiegel sah er, dass er wohl ganz und gar nicht dem von alters her angemessenen äußeren Bild der Familie von Bergen entsprach.
Er seufzte leise. Monika, Monika, spukte es durch seine Gedankenwelt. Unfassbar! Er wusste nicht einmal, ob er traurig, wütend oder verzweifelt sein sollte.
Ohne dass es weiter dazu beigetragen hätte, seine Emotionen zu sortieren, begann Thaddäus, ziellos durch den Raum zu wandern.
Schließlich, nach gefühlten Stunden, ging die Tür auf und ein bekanntes Gesicht tauchte im Verhörzimmer auf. Ein adrett gekleideter Herr, der mit Thaddäus im selben Alter war, betrat den Raum. Er hatte ein strenges Gesicht, auch wenn Thaddäus wusste, dass der erste Eindruck täuschte und er durchaus freundlich sein konnte.
»Stefan«, begrüßte er den guten Bekannten erleichtert.
Dr. Stefan Eichendorff nickte. »Thaddäus. Was zum Teufel mache ich hier? Oder besser: Was machst du hier, dass ich vorbeikommen muss?«
»Eine meiner Mieterinnen ist ermordet worden«, erklärte Thaddäus so knapp er konnte.
»Und man verdächtigt dich?«, resümierte Eichendorff, noch bevor er sich an den Tisch gesetzt hatte.
»Ja. Und das Problem ist, dass ich es sogar irgendwo verstehen kann. Ziemlich dämliche Sache das Ganze.«
»Erzähl!«
»Erinnerst du dich, dass ich letztens eine vielbeachtete Reportage im Chronos geschrieben habe?«
»Über diesen sogenannten Shakespeare-Mörder?«
»Richtig. Und genau auf dieselbe Weise hat man offenbar auch Monika umgebracht.«
Eichendorff legte die Stirn in Falten. »Das tut mir aufrichtig leid.«
Er grübelte eine Weile vor sich hin. »Wie sieht’s mit einem Alibi aus?«
»Ich habe keines, das jemand bestätigen könnte.«
»Okay ... und der Verdacht der Polizei ... rührt der nur daher, dass du dich-«
Weiter kam er nicht, denn die Tür ging auf und erneut kam jemand herein. Es war Hauptkommissar Falter.
»Oh, Pardon«, meinte er. »Brauchen Sie noch einen Moment, meine Herren?«
Doch Eichendorff schüttelte den Kopf. »Ich denke nicht.«
Falter nickte und setzte sich auf den Stuhl an der gegenüberliegenden Seite des Tisches. Thaddäus schätzte ihn ebenfalls auf Ende dreißig, vielleicht auch etwas älter. Seinen Trenchcoat hatte er natürlich abgelegt, jetzt trug er einen dunkelgrünen Rollkragenpullover. Falters Haare schienen dem Beamten indes ähnliche Sorgen zu bereiten, wie Thaddäus die seinen. Auch hier waren es braune, widerspenstige Locken, die in alle Richtungen abstanden.
»Es ist doch in Ordnung für Sie, wenn wir unser Gespräch aufnehmen, oder?«, fragte Falter in einem etwas abwesend wirkenden Tonfall. Es folgte ein Fingerzeig in Richtung des Mikrofons, das vor ihm auf dem Tisch stand.
»Ja, das ist in Ordnung. Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, knurrte Eichendorff. Die adrette Fassade bekam erste Risse. »Aber würden Sie mir bitte verraten, warum sich Herr von Bergen überhaupt hier befindet?«
Michael Falter sah von seinem beschriebenen College-Block auf, den er vor sich auf den Tisch hingelegt hatte. Eine gewisse Coolness lag in seinem Blick. Er ließ sich von der Bissigkeit eines sicherlich überbezahlten Anwalts nicht beirren.
»Zunächst einmal möchte ich feststellen, dass Herr von Bergen sofort eingewilligt hat, hierher mitzukommen«, klärte er ohne Umschweife auf. »Und außerdem möchte ich festhalten, dass ich Herrn von Bergen hier nicht als dringend Tatverdächtigen festhalte oder etwas Ähnliches.«
»Weshalb haben Sie ihn dann überhaupt hierher gebeten?«
»Es gibt da eine ... nennen wir es mal Auffälligkeit.«
»Herr von Bergen hat in einer Zeitung eine Reportage über den Mord an dem Verleger Brünning veröffentlicht«, führte Stefan Eichendorff aus, bevor der Kommissionsleiter überhaupt dazu kam.
Der nickte wiederum. »Völlig richtig. Und nun wurde eine Person, mit der Herr von Bergen sehr gut bekannt war, auf völlig identische Weise Opfer eines Tötungsdeliktes.«
So war es wohl. Egal, wie bitter es schmeckte.
Der Anwalt versetzte: »Und das allein bewegt Sie, Herrn von Bergen zu einer Vernehmung einzubestellen?«
Doch Falter schüttelte den Kopf, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen. »Nein. Zunächst einmal habe ich ihn nicht einbestellt, sondern ihn gebeten, auf freiwilliger Basis zur Klärung der Umstände beizutragen. Dass sich Herr von Bergen gleich einen hochdotierten Anwalt dazu holt, konnte ich ja nicht ahnen.«
»Aber insgeheim haben Sie gehofft, Sie könnten ihn hier durch Befragungen in einen Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt bringen?«
»Doktor Eichendorff, ich bitte Sie. Wir sind doch alle Profis hier.«
Eichendorff rümpfte übertrieben die Nase. »Das dachte ich auch – zumindest, bevor ich hierher kam.«
Hauptkommissar Falter seufzte ein wenig entnervt.
»Gut«, sagte er. »Dann lassen wir doch den Zirkus sein. Herr Thaddäus von Bergen hatte sich bereiterklärt, einige Fragen hier zu beantworten.«
Mit einem fragenden Blick vergewisserte Stefan Eichendorff sich bei Thaddäus, ob dies in dessen Sinne sei. Thaddäus hingegen signalisierte Falter mit einem Nicken, dass er loslegen sollte.
»Herr von Bergen«, begann er. »Sie haben einen gut recherchierten Artikel in der großen Wochenzeitung Chronos über den bizarren Mord an Wolf-Dieter Brünning geschrieben. Die geschilderten Sachverhalte, denke ich, beruhen auf Informationen der Hamburger Polizei, richtig?«
»Ja«, bestätigte Thaddäus. »Sie haben ja selbst genug darüber veröffentlicht. Mehrere Pressemeldungen, zudem die Aufforderung, Auffälligkeiten bitte sofort bei einer Dienststelle zu melden. Außerdem gab es eine ausführliche Pressekonferenz.«
Falter nickte. »Die gab es in der Tat. Ich war selbst zugegen. Danke, dass Sie mich daran erinnern. Ich zweifle nicht an der Qualität Ihrer journalistischen Arbeit, Herr von Bergen. Auch, wenn ich zugeben muss, dass die pseudo-psychologischen Erwägungen Ihres Artikels auf mich eher störend gewirkt haben.«
Thaddäus ging nicht darauf ein. Sollte Falter seinen Text ruhig einordnen, wie er wollte. Journalistisch war er jedenfalls vollkommen integer.
Doch Falter ging nicht weiter auf die Spitze ein. »Mich interessiert Ihre Arbeit in dieser Angelegenheit jedoch nur am Rande. Vielmehr interessiert mich die Tatsache, dass Sie unser neuestes Opfer, Monika Harms, persönlich und sogar sehr gut kannten.«
»Sehr gut ist übertrieben.«
»Frau Harms war eine attraktive und sicherlich auch intelligente junge Frau, die Sie zur lokal niedrigst möglichen Miete in ihrer Villa haben wohnen lassen.«
Aha! Jetzt verstand Thaddäus zumindest, woher der Wind wehte.
»Das stimmt so nicht einmal annähernd«, entgegnete er offen. »Ich habe Frau Harms die gezahlte Miete sogar privat zurückerstattet.«
Der Kommissionsleiter zeigte zum ersten Mal an diesem Abend einen ernsthaft überraschten Gesichtsausdruck. Er besann sich aber und führte das Ganze so professionell wie möglich fort. »Darf ich mich dann erkundigen, warum Sie so ... gönnerhaft gewesen sind? In welcher Beziehung standen Sie zu Frau Harms?«
»Wenn Sie schon mit dieser Betonung fragen: In keiner intimen Beziehung. Wir standen in einem Mietverhältnis zueinander, das war alles. Darüber hinaus herrschte zwischen uns ein freundschaftlicher Umgangston.«
»Und wieso die erlassene Miete?«
»Aus demselben Grund, warum ich sie auch allen anderen Mietern in der Villa erlasse: Ich habe das Geld nicht nötig.«
»Sie meinen Herrn Amir Benayoun und Frau Kirsten Hollstätter?«, vergewisserte Falter sich kurz mit einem Blick auf seine Notizen.
»Eben die«, meinte Thaddäus. »Ich vermiete die Räume im oberen Stock der Villa schon seit Jahren an Studenten. Dafür stelle ich kein Personal ein, das sich um Sauberkeit und Erhalt des Hauses kümmert. Das erledigen meine Mieter im Gegenzug. So lautet der Deal.«
Erstaunt hob Falter eine Augenbraue. »Und wo liegt der Vorteil? Ich meine, Sie müssen ja schon eine Menge Grundvertrauen haben, sich fremde Leute in ein so wertvolles Anwesen zu holen.«
»Grundvertrauen? Das müsste ich doch auch in Personal haben, oder?«
»Sie könnten gut beleumundetes Personal einstellen.«
»Stimmt. Aber ehrlich gesagt, hätte ich davon nicht viel.«
»Na ja, Ihre Villa würde in Schuss gehalten werden.«
Thaddäus winkte ab. »Aber gerade das passiert ja auch so. Der Vorteil ist doch auf beiden Seiten offensichtlich: Ich muss mich nicht mit Personal abmühen und habe stets hochintelligente junge Leute im Haus. Ich muss also nicht allein mein Dasein in einer riesigen Villa fristen. Im Gegenzug erhalten die Studenten eine Wohnmöglichkeit in bester Lage und in Campusnähe. Sie bezahlen kein Geld, sondern kümmern sich dafür um das Haus und den Garten.«
Falter schien nicht restlos überzeugt zu sein, also fügte Thaddäus noch hinzu: »Ja, es ist ein recht unorthodoxes Modell, das gebe ich zu. Aber ich habe bisher gute Erfahrungen damit gemacht und sehe keinen Grund, davon abzuweichen.«
Wieder hob der Kommissionsleiter eine Augenbraue. »Aber Sie bestreiten nicht, dass Sie zu Ihren Mietern ein ... freundschaftliches Verhältnis haben?«
»Wieso sollte ich? Ich bin vielleicht unorthodox, was den Umgang mit und in einem kostspieligen teuren Haus angeht, aber ich bin kein Misanthrop. Warum sollte ich Leute bei mir wohnen lassen, mit denen ich nicht gut auskomme?«
»Na ja«, brummte Falter. »Schlagzeugspielen hat Sie zumindest keiner gehört.«
Eichendorff blickte scharf in Thaddäus’ Richtung.
»Aber nicht, weil ich nicht gespielt habe«, bemerkte dieser. Und etwas unsicherer fügte er hinzu: »Oder?«
»Nein, das stimmt schon. Herr Benayoun war nach eigenen Angaben in einem Seminar in der Universität, Frau Hollstätter bei ihrem festen Freund in Bergedorf. Beides konnten wir uns jeweils bestätigen lassen.«
Stefan Eichendorff schaltete sich daraufhin direkt ein: »Trotzdem sind Sie ja weit davon entfernt, Herrn von Bergen irgendetwas in Bezug auf das Tötungsdelikt direkt anlasten zu können.«
Doch Falter hob den Zeigefinger. »Nicht so vorschnell! Sie haben zwar Recht, wenn Sie sagen, dass ich Herrn von Bergen nichts anlasten kann – das will ich ja auch gar nicht unbedingt, schließlich sind wir ja Profis, wie vorhin so schön betont wurde. Aber wir müssen festhalten, dass es immer noch die Verbindung über Ihren Artikel im Chronos gibt, Herr von Bergen.«
Thaddäus atmete hörbar aus, sah zu Stefan Eichendorff, als müsse er sich vergewissern, dann wieder zu Falter. »Sie meinen also tatsächlich, dass es wirklich dieselbe Person war, die auch Brünning ermordet hat?«
Falter nickte. »Das Vorgehen ist zumindest exakt dasselbe. Und nun muss ich mir die Frage stellen, ob es irgendeinen Zusammenhang zwischen dem Mord an Frau Harms und Ihrem Artikel im Chronos gibt.«
Wieder mischte sich Stefan Eichendorff ein: »Sie meinen, weil mein Klient darin die Vorgehensweise des Shakespeare-Mörders genauestens wiedergegeben hat?«
»Vielleicht deshalb. Und natürlich, weil das Mordopfer zu Herrn von Bergens direktem Umfeld gehört.«
»Aber das ist doch nicht zwingend. Die Information hätte ein Mörder ebenso gut aus den Pressemeldungen der Polizei filtern können.«
»Aber ermordet wurde hier niemand, der mit Polizisten befreundet oder bekannt war, sondern eine Studentin aus dem engen Bekanntenkreis von Herrn von Bergen.«
Eichendorff schüttelte den Kopf. »Das kann ebenso gut genau aus diesem Grund eingefädelt worden sein – um die Spur dorthin zu lenken. Außerdem müsste es dann ja auch eine Verbindung zum ersten Opfer, diesem Herrn Brünning, geben.«
Falter nickte. »Gibt es denn eine?«
Sowohl er als auch Stefan Eichendorff sahen Thaddäus erwartungsvoll an. Der dachte angestrengt nach und versuchte, so schnell es ging, jede Schublade seines aufgewühlten Gedächtnisses zu durchforsten.
»Nicht, dass ich wüsste«, musste er schließlich passen. Hatte sein Vater eventuell vor vielen Jahren einmal etwas mit Brünnings Verlagshaus zu tun gehabt? Er konnte es sich nicht vorstellen. Aufgefallen war ihm all die Jahre über zumindest nichts.
»Dann bleibt außerdem die Möglichkeit, dass es sich bei Herrn Brünning und bei Frau Harms um zwei verschiedene Täter handelt«, konstatierte Falter. »Von denen der zweite ganz genau wusste, was der erste getan hat.«
Doch Dr. Stefan Eichendorff wäre kein Anwalt gewesen, der Honorare in schwindelerregenden Höhen kassierte, wenn er seinen Beruf nicht halbwegs passabel ausführen würde.
»Das habe ich doch bereits vor einer Minute gesagt. Aber Sie lehnen sich auch ganz schön weit aus dem Fenster, Herr Falter. Sie wissen nicht, ob mein Klient überhaupt irgendetwas mit Ihrem Fall zu tun hat. Und trotzdem betonen Sie wiederholt, dass die Vorgehensweise identisch gewesen sei, richtig?«
»Ja«, nickte dieser knapp.
»Sind denn auch die Tatwerkzeuge dieselben? Oder zumindest vom gleichen Fabrikat?«
Er wandte sich zu Thaddäus um: »Wie ist Brünning noch gleich umgebracht worden?«
»Messerstiche«, murmelte Thaddäus. »Mit einem langen Messer in die Augen.«
Innerlich schüttelte er sich bei dem Gedanken, dass auch Monikas Leben derart geendet hatte.
»Was ist mit dem Betäubungsmittel?«, fiel ihm ein.
»Guter Punkt«, versetzte Eichendorff in Richtung des Kommissars. »Ist es dasselbe, das auch Herrn Brünning verabreicht wurde?«
»Wir warten noch auf den Obduktionsbericht«, sagte Falter gepresst.
Doch der Anwalt war gerade in Fahrt gekommen. »Gibt es sonst noch etwas? Denn falls nicht, dann kann mein Klient jetzt auch gehen. Sie könnten höchstens feststellen, dass Herr von Bergen mit seiner Reportage eine exakte Anleitung zu dem Shakespeare-Tötungsdelikt einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat. Aber es gibt nichts, aber auch gar nichts sonst, was ihn direkt mit dem Delikt in Verbindung bringt.«
Falter stöhnte entnervt auf. »Ihr Klient kann jederzeit gehen, Herr Eichendorff. Ich hatte nur gehofft, dass es eventuell irgendeine Verbindung zwischen den Opfern oder zumindest eine Verbindung zu Herrn von Bergen gibt.«
»Mit anderen Worten: Sie haben bisher keine anderen Ideen.«
»Herr Eichendorff«, verteidigte Falter sich. »Gerade Sie sollten wissen, wie wichtig die ersten achtundvierzig Stunden nach der Tat sind. Wir haben die Besitztümer von Frau Harms leider noch nicht ausgewertet. Unsere Spezialisten aus der EDV befassen sich gerade mit-«
»Schön«, unterbrach Eichendorff ihn unsanft. »Ich denke, für weitere Fragen steht Herr von Bergen Ihnen sicherlich später zur Verfügung. Und zwar bei sich zuhause in Harvestehude.«
Eine kurze Stille trat ein.
»Oder haben Sie jetzt etwa noch weitere Fragen?«
Doch Falter starrte auf seinen College-Block, der vor ihm lag.
»Nein«, meinte er schließlich.
»Sag mal, haben sie dir irgendwas in den Kaffee getan?«, herrschte Eichendorff Thaddäus an, als sie das Hamburger Polizeipräsidium durch den Haupteingang verlassen hatten.
Die feuchtkühle Luft des Hamburger Herbstes zog durch jede Ritze in der Kleidung. Thaddäus schlug den Kragen seines dunklen Lodenmantels hoch und antwortete seinem Anwalt mit einem verstimmten Brummen.
»Ganz ehrlich«, schimpfte der weiter. »Die Show dort drinnen hättest du auch ohne Weiteres alleine abziehen können. Aber indem du einen superteuren Anwalt bestellst, gibst du den Herren Polizisten auch noch einen zusätzlichen Anlass, irgendwas im Busch zu wittern. Das war nicht wirklich schlau, mein Lieber.«
»Scheint wohl so«, entgegnete Thaddäus etwas abwesend.
»Alles in Ordnung soweit?«, vergewisserte sich Eichendorff etwas vorsichtiger, nachdem der erste Zorn verraucht war.
»Oh, außer, dass gestern Abend eine junge Frau ermordet wurde, die in meinem Haus gewohnt hat ...«
»Hm«, stellte Eichendorff fest. »Das geht dir wirklich nahe, oder?«
Verwirrt drehte Thaddäus sich zu ihm um. »Natürlich. Was denkst du denn?«
»Nun«, gab Eichendorff zu. »Ich dachte, es wäre vielleicht irgendein Steuertrick, die Studenten bei dir wohnen zu lassen.«
Da war sie wieder, die Denkweise jener Menschen, die sich einer gewissen Oberschicht zugehörig fühlten. Sie verfolgte Thaddäus von Bergen wie ein Schatten durch die Welt. Natürlich! Warum sollte Thaddäus auch Leute aus reiner Freundlichkeit bei sich wohnen lassen? In der Gedankenwelt einiger Menschen war das leider schlichtweg absurd.
Thaddäus hasste das. Hatte es immer gehasst. Es stand ihm bis über beide Ohren. Selbst der Tod seiner Eltern vor einigen Jahren hatte nichts daran geändert. Aus einer Laune heraus hatte er damals seine Schwester ausgezahlt und die Villa allein aus der Erbmasse übernommen. Warum er in diesem Augenblick so gehandelt hatte, hatte er sich in den Folgejahren immer wieder sehr ernsthaft gefragt. Doch schließlich hatte er sich damit abgefunden, dass auch ein Thaddäus Ferdinand Wilhelm von Bergen eben durchaus mal zum Spielball seiner eigenen Emotionalität wurde: Er hing einfach an dem Haus.
Folglich erwiderte er auf Eichendorffs Bemerkung einfach gar nichts.
Steuertrick? Soweit kommt es noch, dass ich bei der Steuer großartig herumtricksen müsste.
»Kann ich dich noch mitnehmen nach Harvestehude?«, bot der Anwalt ihm an.
Doch Thaddäus lehnte leicht genervt ab. »Danke, nein. Ich fahr nicht sofort nach Hause. Ich muss mir irgendwo den Frust von der Seele reden.«
»Bei Eva?«, bohrte Eichendorff nach.
Herrgott, ja verdammt noch mal, genau da: Bei Eva!
»Vielleicht brauche ich auch einfach einen Moment für mich«, versetzte Thaddäus. Doch es klang, als hätte er sich eben erst dazu entschieden. Nicht sonderlich überzeugend.
»Also dann«, verabschiedete sich Eichendorff, ging zum Parkplatz. Kurz darauf sah Thaddäus eine schwarz lackierte S-Klasse davonfahren.
Selbstverständlich wählte Thaddäus Evas Nummer. Während er das Tuten in der Leitung über sich ergehen ließ, besah er sich das Polizeipräsidium noch einmal. Welch ein monströser Bau, den man vor ein paar Jahren erst hierhin gepflanzt hatte. Er hatte in etwa den Grundriss einer stilisierten Sonne: Ein runder Kringel mit zehn Strahlen nach allen Seiten. Nur war es natürlich keine einfache Strichzeichnung, sondern ein ringsherum siebenstöckiges Bürogebäude.
»Thaddäus?«, meldete sich eine vertraute Stimme am anderen Ende.
»Hallo Eva. Hast du eventuell ein wenig Zeit für mich?«
»Am Telefon?«
»Könnten wir uns vielleicht sehen?«
»Wo bist du denn?«
»Beim Polizeipräsidium, ich ... ich ...«
Thaddäus stotterte, er wusste nicht recht, wie er es ausdrücken sollte. »Mir ist da ein wirklich ganz schön großer Mist passiert.«
»Was ist denn los, um Himmels willen?«, fragte Eva mit ernster Sorge in der Stimme.
»Kann ich dir das nicht persönlich sagen?«
»Soll ich dich abholen?«
»Das wäre sehr lieb von dir.«
»Okay, warte ...«
Im Hintergrund war zu hören, wie sie ihrem Mann etwas zurief, das mit den Kindern zu tun hatte. Wahrscheinlich sollte er sie ins Bett bringen. Dann wandte sie sich wieder dem Telefongespräch zu. »Ich bin in zwanzig Minuten bei dir. Okay?«
»Danke!«
Thaddäus wusste nicht, ob das Gespräch mit Eva ihn wirklich erleichtern würde. Aber es war im Moment sicherlich gut, nicht mit sich allein zu sein.
Apropos Alleinsein. Er fragte sich, was Amir und Kirsten wohl gerade taten. Gut, Kirsten würde wohl ihren Freund angerufen haben, der irgendwo in Bergedorf wohnte. Da war sie auch zur Tatzeit gewesen. Dieser Eugen war ein netter Kerl, aber für Thaddäus auch irgendwie ein Niemand. Das lag nicht daran, dass er ihm unsympathisch war. Doch so richtig konnte er ihn auch nicht einschätzen. Es gab Menschen, die waren irgendwie ... durchschnittlich. Sie fielen durch nichts besonders auf. Kirstens Eugen war einfach jemand, den Thaddäus in einer Menschenmenge schlichtweg nicht bemerkt hätte.
Und Amir? Thaddäus wusste nicht, ob der israelische Student irgendjemanden zum Reden hatte. Also nahm er sich vor, nach seiner Rückkehr in die Villa ihm wenigstens anzubieten, dass sie reden könnten – wenn Amir denn wollte. Der temperamentvolle Wirrkopf war ihm im Laufe der letzten anderthalb Jahre irgendwie ans Herz gewachsen.
Da fiel ihm ein: Hatte Amir ihm nicht letztens ein Spiel auf Thaddäus’ Smartphone installiert? Mit einem fetten Grinsen und der Bemerkung, dass man ja nie wisse, wann einem mal langweilig sei? Thaddäus scrollte durch das Menü. Da war es. Eigentlich überhaupt nicht seine Form der Freizeitbeschäftigung. Aber er wartete immerhin vor dem verdammten Hamburger Polizeipräsidium und sein Kopf brummte vor lauter Gedanken, die er sich lieber nicht machen würde. Also katapultierte er halb gelangweilt irgendwelche Vögel über den Touchscreen des Gerätes, während er frierend auf dem Gehweg unter einer Straßenlaterne stand.
Nach diversen anspruchslosen Leveln des Spiels kam ein grüner Volvo die Straße entlanggefahren und hielt an der Ecke zum Parkplatz, an der Thaddäus stand. Eine Frau in Thaddäus’ Alter – sie trug ihre blonden Locken schulterlang und ihr besorgter Blick wurde durch eine markant eckige Brille gerahmt – stieg aus und bedachte Thaddäus mit einer kurzen aber herzlichen Umarmung.
»Was um alles in der Welt ist denn passiert?«, fragte sie unumwunden.
»Jemand hat Monika ermordet.«
»Wen?«
»Eine Studentin, die bei mir gewohnt hat.«
»Scheiße!«, entfuhr es ihr.
»Das trifft es wohl.«
Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Ich fühle mich ziemlich elend, Eva.«
Er erntete verständnisvolles Nicken. »Ist jemand ... äh ... sollen wir fahren?«
»Bitte.«
Sie waren schließlich zu dem Reihenhäuschen im Ahornkamp gefahren, das Eva und Georg Feldmeyer seit einigen Jahren bewohnten. Und während die Kinder im Bett und Georg vor einer belanglosen TV-Dokumentation eingeschlafen waren, hatten Eva und Thaddäus sich nach draußen in den Herbst gesetzt.
Sie hatten zwei leere Müllsäcke auf die vom Nebel feuchten ehemaligen Eisenbahnschwellen gelegt, die als Treppe in den winzigen Großstadtgarten führten. Darauf saßen sie und bliesen Kringel aus Zigarettenrauch in die Luft. Zwischen ihnen stand eine leere Flasche Chianti und zwei nur noch halb damit gefüllte Gläser.
Thaddäus hatte Eva alles haarklein erzählt. Wenn er die Informationen von Kommissionsleiter Falter richtig verstand, war seine Mieterin Monika Harms auf folgende Weise ums Leben gekommen: Zunächst hatte man sie mit einem Elektroschocker niedergestreckt und ihr dann ein Betäubungsmittel verabreicht. Dann war sie in eine seit Jahren ungenutzte Fabrikhalle gebracht worden – oder an einen ähnlich abgelegenen Ort. Dort hatte der Täter oder die Täterin ihr zunächst eine größere Menge Blut abgenommen, um damit fein säuberlich ein Zitat aus Shakespeares König Lear an eine nahegelegene Wand zu pinseln. Die Tötung selbst geschah dann durch Stiche mit einem langen Messer durch die Augen in den Kopf des Opfers. Spuren am Tatort gab es absolut keine, was also auf eine gezielte und böswillige Planung hindeutete.
»Das klingt wie aus einem ziemlich sadistischen Horrorfilm«, sagte Eva schließlich und blies weiteren Rauch in die Luft, der sich bald zu den Nebelschwaden im Garten gesellte.
»Als ich für die Reportage im Chronos recherchiert habe, dachte ich das auch«, meinte Thaddäus zerknirscht. »Es war ein absolut fantastischer Stoff. Die Story hatte alles, was nötig war. Die Aufmerksamkeit war entsprechend groß.«
»Und jetzt hat die Story dich gewissermaßen eingeholt.«
Thaddäus atmete Rauch aus. »Das ist alles ganz großer Mist, Eva. Weiß du, über so etwas zu schreiben ist eine Sache. So bizarr das alles mit den Shakespeare-Versen und den Messern auch ist, die Leute lesen so etwas. Sie wollen so etwas Perfides ja auch lesen. Wenn es dich dagegen selbst betrifft, dann ...«
Er sprach nicht weiter. Eva wusste, wie es um seine Seele bestellt war. Überhaupt wusste Eva das Allermeiste aus seinem Leben. Mehr als jeder andere Mensch außer Thaddäus selbst, womöglich sogar mehr als seine eigene Schwester. Die hübsche Eva mit den blondgelockten Haaren und der spitzen Nase. Vor vielen, vielen Jahren – während des Studiums in Hannover – waren einmal starke Gefühle im Spiel gewesen. Man hatte viel gemeinsam unternommen, hatte viele gemeinsame Interessen gehabt. Vor allem die Sympathie für Hamburg hatte sie verbunden. Aber Eva war damals liiert gewesen. Und der ungeduldige Thaddäus, der nicht hatte warten wollen, bis Eva sich vielleicht über ihre Gefühle im Klaren wurde, hatte Clara kennengelernt und war seinerseits eine Beziehung eingegangen. Und während es mit Clara ganz hervorragend lief, sah Eva plötzlich ein, dass ihr damaliger Freund nicht der Mann für ein ganzes Leben sein würde.
Doch während sich nun abzeichnete, dass Thaddäus’ Beziehung nicht von kurzer Dauer sein würde, hatte Eva das Warten wiederum irgendwann satt. Und so kam Georg Feldmeyer daher, heiratete sie und gründete mit ihr eine Familie.
So simpel wie bitter konnte das Leben sein, wenn man sich nicht oder zu langsam eingestand, wie es um das eigene Herz bestellt war. Denn während Eva nun Mann, Haus, festen Job und zwei wunderbare Kinder hatte, konnte Thaddäus auf zehn Jahre an der Seite von Clara Cornelius (sie nannten sie in Gesprächen stets CC) zurückblicken – und auf eine bittere Trennung. Während Eva also mit sich mehr oder weniger im Reinen war, hatte Thaddäus nichts außer einer verkorksten Langzeitbeziehung vorzuweisen. Keinen Ehering, keine Kinder, nicht einmal einen Hund hatten sie gehabt. Sich trotz der Beziehung eine größtmögliche Ungebundenheit vorzuheucheln, war ganz Claras Welt gewesen – bis vor drei Jahren.
Mit Eva hatte er sich unterdessen auf Beste Freunde geeinigt. Denn so sehr ihn diese Frau auch immer noch faszinierte und in ihren Bann schlug, so hatte sie nun Kinder. Ihre Ehe war glücklich routiniert und den Kindern ging es gut. Sich dort hineindrängen wollte Thaddäus um nichts in der Welt. Wenn er die Wahl hatte, ob er einem Kinderherz Leid zufügte oder seinem eigenen, dann wählte er seines. Und damit waren die Verhältnisse für ihn klar und von nun an für immer wie in Stein gemeißelt.
»Und die Verbindung?«, riss Eva ihn aus seinen Erinnerungen, mit denen er das Nachgrübeln über Monika Harms zu betäuben versuchte.
»Hm?«
»Na, es muss doch irgendeine Verbindung zwischen dem Mord und deiner Reportage geben. Da hat der Polizist schon recht: Es ist doch kein Zufall, dass dieses Mädchen ermordet wird, nachdem du ausführlich über ihren Mörder berichtet hast.«
Ja, das war ein Punkt, den Thaddäus am liebsten ganz unten in den Ablagefächern seines Verstandes vergraben wollte. Der Gedanke, dass das Ganze irgendetwas mit ihm zu tun haben könnte.
»Ich habe keine Idee«, gab er zu. »Ich weiß absolut nicht, wer es auf meinen Seelenfrieden abgesehen haben könnte.«
Nein, das wusste er wirklich nicht. Er hatte zwar (zum steten Missfallen der unmittelbar Betroffenen) viele Kontakte innerhalb der alten Adelskreise der Republik arg schleifen lassen – weil er es nicht mochte, sich darin zu bewegen – aber er konnte sich niemanden vorstellen, der ihn regelrecht hassen würde. Denn er hatte ja niemandem etwas wirklich Hassenswertes angetan.
»Und was ist mit diesem Verleger? Dem ersten Opfer?«
»Keine Ahnung«, meinte Thaddäus tonlos und nahm einen Schluck Chianti. Es war viel zu kalt für trockenen Rotwein. »Ich weiß nicht, ob jemals jemand aus meiner Familie etwas mit diesem Brünning zu tun hatte.«
»Du glaubst also nicht, dass es so eine Art Rachefeldzug sein könnte.«
Entgeistert blickte Thaddäus sie an. »Rachefeldzug? Jetzt mach mich bitte nicht schwach.«
»Ich mein ja nur, dass du vorsichtig sein solltest.«
»Ich kann nicht vorsichtiger oder weniger vorsichtiger sein, als ich bin. Ich bin nämlich völlig ahnungslos.«
»Dann tu was dagegen!«, zischte Eva.
»Was denn?«
»Hör dich um!«
»Du meinst, ich soll in eigener Sache ermitteln?«
»Tja, wenn du es so ausdrücken willst«, versetzte Eva. »Offenbar tappt die Polizei ja ziemlich im Dunkeln.«
»Hm«, machte Thaddäus. Ihm behagte dieser plötzliche Sprung ganz und gar nicht. Aber was behagte ihm schon in dieser ganzen Angelegenheit?
»Komm schon!«, meinte Eva. »Du bist der König der Recherche, wenn ich den Kreisen meiner Kolleginnen und Kollegen glaube. Du kennst Leute, du kannst scharf nachdenken, du bist dreist genug, wenn es nötig ist ...«
»Aber das sind verfluchte polizeiliche Ermittlungen ... die vom LKA haben mich ohnehin schon auf dem Kieker.«
»Na und? Was kann dir denn passieren?«
»Ich weiß nicht. Es fühlt sich ... nicht gut an, darüber nachzudenken.«
Eva sah weg und nahm einen Schluck Wein.
»Wie standest du eigentlich zu dieser Monika?«, wollte sie nach einer Weile wissen.
»Was willst du damit andeuten?«
»Gar nichts«, winkte Eva ab. »Ich will bloß wissen, wie gut du sie kanntest.«
Thaddäus überlegte kurz, wie er es am treffendsten beschreiben konnte. »Ich hielt sie für äußerst talentiert.«
»Talentiert?«, hakte Eva nach. »Wenn ich an ein junges hübsches Mädchen im Zusammenhang mit dem Wort talentiert denke, dann kann das auch etwas ziemlich Schmutziges bedeuten.«
Thaddäus stöhnte entnervt auf. »Hört auf damit! Das ist absolut nicht komisch! Amir hat Monika eines Tages angeschleppt und gefragt, ob sie nicht auch in der Villa wohnen könne. Sie hat an der Uni Journalistik und Kommunikationswissenschaften studiert und ... na ja, sie war echt gut.«
»Woher weißt du das?«
»Sie hat mir damals ihre Situation erklärt. BAFöG war in ihrem Fall kaum welches da und ihre Eltern wollten oder konnten sie nicht finanzieren. Deshalb jobbte sie. Aber solche Geschichten kann einem ja jeder erzählen. Und da sie wusste, wer ich bin, hat sie mir ihr Portfolio an Arbeitsproben in die Hand gedrückt. Und was ich da gelesen habe, war ziemlich beeindruckend. Monika Harms war quasi die geborene Journalistin, Eva!«
»Wirklich?«
»Ich kann dir ihre Sachen gern mal zeigen. Ihre Schreibe, ihre Hartnäckigkeit, um bei der Recherche an Informationen zu gelangen, ihr Ideenreichtum ... das war gut ... nein, es war brillant. Wirklich, wirklich brillant.«
»Klingt ein wenig nach dir.«
»Besser.«
»Oh. Also warst du so etwas wie ein Mentor für sie?«
Thaddäus schüttelte den Kopf. »Nicht wirklich. Ab und zu hat sie mich etwas gegenlesen lassen oder sich den einen oder anderen Tipp geholt. Aber so etwas wie ein Mentor war ich sicherlich nicht für sie. Dafür war sie schon viel zu gut.«
Eva blickte ihm tief und durchdringend in die Augen. »Hätte sie es getan?«
»Was?«, war Thaddäus verwirrt.
»Hätte sie nachgeforscht, recherchiert in dieser Sache mit dem Mord? Hätte sie versucht, auf irgendetwas zu stoßen, was Licht ins Dunkel bringen könnte – wenn die Polizei schon nichts findet?«
»Möglich«, gestand Thaddäus vorsichtig.
»Dann«, folgerte Eva, »bist du es ihr eigentlich schuldig.«
Sie leerte ihr Weinglas.
Evas Worte waren noch lange in Thaddäus’ Geist nachgehallt. Während der gesamten U-Bahn-Fahrt zur Station Klosterstern spukte ihm alles Gesehene, Gehörte und Gesagte im Kopf herum. Wie hatte Amir unter Tränen gesagt, als die Polizisten sie von Monikas Tod unterrichtet hatten?
Verfluchte, verdammte Scheiße!
Das wäre zwar niemals Thaddäus’ eigene Wortwahl gewesen, aber eigentlich hatte Amir damit ziemlich recht. Es hatte keinen Zweck, seine Gedankenwelt in Watte oder gar in Wein zu packen.
Während er den Harvestehuder Weg am Alsterufer hinunterging, geisterten Horrorvisionen in seinem Verstand herum. Gab es irgendeine Verbindung zu ihm? War der Tod von Monika Harms eventuell eine Rache für irgendetwas, an das sich Thaddäus nicht erinnern konnte? Für etwas, das er vielleicht vergessen hatte? Vielleicht sogar für die Reportage – obwohl er darin Wert auf wenig Meinung und viel Objektivität gelegt hatte.
Verflucht, niemand weiß auch nur irgendetwas über den sogenannten Shakespeare-Mörder. Es gibt nicht den kleinsten Hinweis.
