Königlich verloren (Die Königlich-Reihe 4) - Dana Müller-Braun - E-Book

Königlich verloren (Die Königlich-Reihe 4) E-Book

Dana Müller-Braun

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Beschreibung

**Alles für ein perfektes Königreich** Endlich verfügt Insidia über die notwendige Macht, um das grausame Regime zu stürzen und den Machenschaften der Geheimorganisation ein Ende zu setzen. Dafür muss sie selbst zu Intrigen greifen und ihre wahren Gefühle abermals vor der Öffentlichkeit verbergen. Niemand darf bemerken, welchen Plan sie wirklich verfolgt. Vor allem Kyle fällt es schwer zu glauben, dass seine geliebte Insidia plötzlich zur gefühllosen Hülle geworden ist, und versucht mit aller Macht, dagegen anzukämpfen. Doch Insidia hat keine andere Wahl. Sie muss ihre Maske aufrechterhalten und um jeden Preis ihr wild klopfendes Herz beruhigen, das sie in Kyles Nähe bekommt. Nur so kann sie ihn und ihre Freunde vor dem großen Unglück bewahren, das auf sie alle wartet, wenn Insidia scheitert… //Die romantisch-dystopische »Königlich«-Reihe umfasst die Bände:  -- Königlich verliebt (Königlich-Reihe 1)  -- Königlich verraten (Königlich-Reihe 2)  -- Königlich vergessen (Königlich-Reihe 3) -- Königlich verloren (Königlich-Reihe 4) -- Königlich: Alle vier Bände der romantisch-dystopischen Prinzessinnen-Reihe in einer E-Box!// Diese Reihe ist abgeschlossen.

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Dana Müller-Braun

Königlich verloren (Die Königlich-Reihe 4)

**Alles für ein perfektes Königreich** Endlich verfügt Insidia über die notwendige Macht, um das grausame Regime zu stürzen und den Machenschaften der Geheimorganisation ein Ende zu setzen. Dafür muss sie selbst zu Intrigen greifen und ihre wahren Gefühle abermals vor der Öffentlichkeit verbergen. Niemand darf bemerken, welchen Plan sie wirklich verfolgt. Vor allem Kyle fällt es schwer zu glauben, dass seine geliebte Insidia plötzlich zur gefühllosen Hülle geworden ist, und versucht mit aller Macht, dagegen anzukämpfen. Doch Insidia hat keine andere Wahl. Sie muss ihre Maske aufrechterhalten und um jeden Preis ihr wild klopfendes Herz beruhigen, das sie in Kyles Nähe bekommt. Nur so kann sie ihn und ihre Freunde vor dem großen Unglück bewahren, das auf sie alle wartet, wenn Insidia scheitert …

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Vita

Danksagung

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© privat

Dana Müller-Braun wurde Silvester ’89 in Bad Soden im Taunus geboren. Geschichten erfunden hat sie schon immer – Mit 14 Jahren fing sie schließlich an ihre Phantasie in Worte zu fassen. Als das Schreiben immer mehr zur Leidenschaft wurde, begann sie Germanistik, Geschichte und Philosophie zu studieren. Wenn sie mal nicht schreibt, baut sie Möbel aus alten Bohlen, spielt Gitarre oder verbringt Zeit mit Freunden und ihrem Hund.

Deine Liebe war meine Rüstung.

Dein Vertrauen mein Schwert.

Dieses Buch widme ich Kyle, Insidia, Jaden, Emili, Leo und Sate.

Jeder von ihnen trägt einen großen Teil von mir und den Menschen, die ich liebe, in sich. Jeder von ihnen hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen. Jeden von ihnen werde ich für immer vermissen, nachdem ich dieses Buch beendet habe.

Das teuerste Geschenk ist, wenn Leser mit ihnen lachen und weinen, mit ihnen leiden und lieben können, so wie ich es bei jedem Wort getan habe.

Sie mögen nur Seiten in einem Buch sein. Nur Blätter im Wind. Nur Erzeugnisse einer Fantasie. Aber für mich waren sie Freund und Heilung zugleich. Für mich werden sie bleiben. Selbst wenn das letzte Kapitel geschrieben ist und ihre Geschichte endet. Sie endet nur in diesem Buch. Nicht aber dort, wo sie ihre Spuren hinterlassen hat.

KAPITEL 1

Kyle

Entsetzt starre ich auf das Blut an Insidias weißem Anzug. Was hat sie getan? Wozu hat das PG sie gezwungen?

Ich schlucke schwer. Meine Brust brennt. Mein Herz pumpt Gift durch meine Adern. Da ist so viel Blut …

Meine gebeugten Knie schmerzen. Pochen auf den kalten Steinen des Thronsaals. Plötzlich erscheint er mir fremd. Als wäre ich hier nicht aufgewachsen.

Langsam sehe ich auf und versuche Insidias Blick einzufangen, doch sie starrt an mir vorbei. Ich weiß, dass ich ihr einst gesagt habe, ich könne nicht in ihren Augen lesen. Aber in diesem Moment kann ich es.

Sie hat Menschen getötet. Und das, was es mit ihr gemacht hat, ist so grausam, dass selbst sie es nicht fassen kann. Es ist nicht greifbar. Es ist, als sei sie in eine andere Welt gebannt. Trotzdem trauert sie. Ich sehe es an ihren glasigen Augen, dem Zittern ihrer Lippen, erkenne es an der kleinen, kaum merklichen Bewegung an ihrem Hals. Wie sie sich immer wieder bemüht, ihre Schuld hinunterzuschlucken …

»Eure Majestät!«, ermahnt Gregori sie.

»Was wollt Ihr?!«, fährt sie ihn herrisch an.

Ich ziehe vorsichtig meine Brauen zusammen. Hat sie mich überhaupt wahrgenommen?

Sie steht immer noch da und hält das Schwert in ihrer Hand, von dem Blut auf den Marmorboden tropft – so als sei sie mit ihrer Waffe verschmolzen. Abermals bricht mein Herz beinahe, bei der Vorstellung, zu was das PG sie gezwungen hat.

»Ihr müsst eine Entscheidung treffen!«, erklärt Gregori, als sei es das Normalste auf der Welt.

Insidia sieht sich lustlos um, bis ihr Blick an der weißen Frau hängen bleibt, die gerade den Thronsaal betritt.

»Ah, Cecilia. Was empfehlt Ihr?«, fragt sie nachdenklich. Anders.

»Lasst ihn enthaupten!«, bellt diese mit ihrer kalten, grausamen Stimme.

Zum ersten Mal fällt Insidias Blick nun auf mich. Er jagt mir einen Schauer über den Rücken. Aber da ist noch Wärme! Ich bin mir sicher! Es muss einfach so sein!

Insidia schreitet ein paar Stufen zu mir herab, bis sie vor mir zum Stehen kommt. Ihre blauen Augen, die hinter der weißen Maske auf mich heruntersehen, brennen sich in meine Brust. Ich flehe sie innerlich an, wieder zu mir zurückzukommen.

Vorsichtig legt sie die kalte, blutige Spitze ihres Schwertes unter mein Kinn und drückt meinen Kopf zu sich hoch.

»Nein …«, murmelt sie verloren, »ich denke, er darf seinen Kopf behalten.«

Am liebsten würde ich schreien. Sie anschreien – meine Wut hinausschreien. Aber es würde nichts bringen. Nichts ändern.

»Was hältst du davon, meine Wache zu sein? Eine höhere Stellung als du mir hast zukommen lassen, damals – nach dem Kerker, nicht wahr?«

Ich atme schwer, weiß, worauf sie anspielt. Darauf, dass ich sie als Dienstmädchen habe in meinem Schloss arbeiten lassen. Aber das war doch alles nur zu ihrem Schutz! Das weiß sie doch!

»Keine Antwort? Also willst du lieber deinen Kopf verlieren?«, haucht sie, als wären es nette Worte, die sie da sagt.

Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Wie ich mit ihr als Königin umgehen soll.

»Es wäre mir eine Ehre!«, presse ich hervor und starre sie vorwurfsvoll an.

Sie liest in meinen Augen – und erkennt, denn in ihre eigenen schleicht sich nun ein Hauch von Trauer.

Insidia ist also noch da. Ein besseres Zeichen dafür gibt es nicht.

»Dann wäre das geklärt«, murmelt sie und geht wieder hinauf. Mit einer angsteinflößenden Selbstverständlichkeit setzt sie sich auf den Thron und sieht sich fragend um.

»Sonst noch etwas?«

»Ihr könnt ihn nicht als Eure Wache einsetzen!«, knurrt die weiße Frau wütend, während Gregori interessiert zwischen den beiden Frauen hin und her sieht.

»Ich kann machen, was ich will! Ich habe die Auslese gewonnen. Ich wurde zur Königin ernannt. Wollt Ihr mich aufhalten?!«, entgegnet Insidia kühl.

Wieder brennt meine Brust. Sie so reden zu hören, lässt meinen gesamten Körper erschaudern.

»Nein, Eure Majestät!«, zischt die weiße Frau, verbeugt sich und entfernt sich ein paar Schritte von dem Thron.

Ich verstehe das alles nicht so ganz. Wie kann das PG Insidia zur Herrscherin machen, wenn es sie nicht unter Kontrolle hat? Daran muss etwas faul sein!

Verstohlen werfe ich erneut einen Blick auf das ganze Blut. Insidia hat also die Auslese beendet. Und so wie es aussieht – gnadenlos. Doch was ist mit Sate? Er war bei mir, als das alles passiert ist. Ihn kann sie nicht getötet haben.

Die weiße Frau funkelt Gregori wütend an, aber er lächelt nur. Es war ganz offensichtlich seine Idee. Er war schon immer überzeugt von Insidias Stärke. Dabei hat sie sich gegen das PG aufgelehnt. Wie kann er sicher sein, dass sie es als Königin nicht tut? Oder haben sie sie genauso in der Hand, wie sie mich in der Hand hatten?

»Das ist wirklich unverantwortlich!«, knurrt die weiße Frau – laut genug, damit wir es alle hören können.

Gregori mustert sie einen Moment und lächelt dann kühl weiter.

»Ich finde das alles ziemlich aufschlussreich!«, sagt er, bevor Insidia sich über die weiße Frau aufregen kann. Wütend funkelt sie sie an.

»Was daran ist aufschlussreich?«, fragt die weiße Frau genervt und verdreht die Augen.

»Wir haben das Königreich durch ihn gelenkt, weil er nicht wollte, dass wir Insidia etwas antun. Und Insidia verschont jetzt sein Leben. Offensichtlich hängen die beiden wirklich aneinander«, stellt Gregori nachdenklich und seltsam zufrieden fest.

Insidias kaltes Lachen lässt mich zusammenzucken. Es ist so, als würde sie verneinen, was er da eben gesagt hat.

»Schickt ihn meinetwegen weg. Ich brauche ihn nicht!«, knurrt sie und schlägt ein Bein über das andere, während sie ihr Schwert an dem weißen Umhang säubert.

Das meint sie nicht ernst, Kyle! Sie muss das sagen!

»Nein. Ich finde es viel interessanter, wenn er Eure Wache wird«, murmelt Gregori nachdenklich. So, als würde er seinen nächsten Zug planen.

»Was wird das hier?«, frage ich entnervt. Ich habe genug von diesem Spiel. »War das euer Plan? Insidia zu einer Mörderin zu machen, um sie endlich doch zu brechen?«

Die drei starren mich tonlos an. In Insidias Augen erkenne ich eine tiefe Trauer. Am liebsten würde ich auf sie zu gehen. Ihr über die Wange streichen und ihr sagen, dass alles gut werden wird. Auch wenn das höchstwahrscheinlich nicht der Wahrheit entspricht.

»Insidia weiß, was sie zu tun hat, wenn sie dich und die anderen schützen will! Die Auslese war nur ein Mittel zum Zweck!«

Erst jetzt wird mir klar, womit sie sie erpressen. Mit Emili, Jaden und mir. Als ich bemerke, dass Leo in meiner Aufzählung fehlt, durchfährt mich ein grausamer Schmerz.

»Lieber sollen sie uns alle töten, als dich für ihren kranken Plan zu missbrauchen!«, knurre ich, an Insidia gewandt. Sie sieht hilflos aus. Traurig und verzweifelt. Ja, etwas in ihr wirkt heillos kaputt. Und da ist noch etwas anderes in ihrem Blick – Wahnsinn. So deutlich, dass ich Angst vor ihr bekomme und schlucken muss.

Ich sehe dabei zu, wie sie in aller Ruhe weiter das Schwert an dem weißen Stoff säubert, und muss beinahe würgen. Ihr Blick wirkt, als würde sie gerade Dreck wegputzen und nicht das Blut von den Menschen, mit denen sie ausgebildet wurde.

»Und was bringt euch diese kranke Nummer?!«, frage ich kalt und stehe auf.

Insidia wirft mir einen Blick zu. So als hätte ich sie gerade aus etwas Interessantem herausgerissen.

»Nun, von dir hätte ich eigentlich erwartet, dass du es verstehen würdest«, murmelt Gregori nachdenklich.

Angewidert verziehe ich meine Brauen. »Ich denke, dass niemand jemals verstehen könnte, was in euren gestörten Köpfen vor sich geht!«, fauche ich. Ich bin es so leid, dass das PG seine kranken Spiele spielt und uns als Schachfiguren nutzt. Und vor allem – für was? Was haben sie von all dem? Geht es ihnen wirklich um diese Gene?

»Ah, du hast es immer noch nicht kapiert«, stellt Gregori fest. Ach wirklich? Schön, dass er das noch mal für mich zusammenfasst. »Insidia ist nicht so wie du, Kyle. Sie ist nicht wie ich oder irgendein Mensch sonst auf dieser Welt.«

Schon wieder nichts Neues. Sie haben es nicht ausgelassen, mir zu erzählen, wie besonders Insidia doch ist. Aber was macht sie so besonders?

»Willst du weiter in Rätseln mit mir sprechen, Gregori? Oder erklärst du mir vielleicht endlich mal, was so anders an ihr ist?!«, entgegne ich, nun betont gleichmütig. Ich bemühe mich, so zu tun, als würde es mich nicht weiter interessieren. Unwillkürlich werfe ich jedoch einen Blick auf Insidia, die schon wieder abwesend ist und an ihrem Schwert herumpoliert. Am liebsten würde ich es ihr aus der Hand schlagen.

Auch Gregori wirft einen Blick auf sie.

»Was? Darf sie nicht erfahren, was nicht mit ihr stimmt?«

»Erst mal … Mit ihr stimmt alles. Und sie weiß es bereits, mein Lieber. Es gibt keine Geheimnisse mehr.«

Nun ruhen meine Augen offen auf Insidia. Sie wirft mir kurz einen verzweifelten Blick zu, bevor sie sich wieder auf ihre Klinge konzentriert. Ich muss sie hier rausholen.

»Na dann. Erzähl es mir, du krankes Arschloch!«, knurre ich Gregori an.

Er schmunzelt nur über meine Beleidigung. »Ich weiß nicht, ob du es weißt, aber die natürliche Verhütung funktioniert nur, weil wir durch Gentherapie dafür gesorgt haben, dass die Gebärmutter nicht mehr selbstständig in der Lage ist, befruchtete Eizellen andocken zu lassen. Mit der Zeit führte das leider dazu, dass die Gebärmutter der Frau immer inaktiver wurde und es so auch immer schwerer wurde, befruchtete Eizellen durch einen Eingriff einzusetzen. Also forschten wir auf anderen Gebieten der Genmanipulation und dort sind uns bestimmte Mutationen aufgefallen, die uns helfen konnten. Vor allem zwei mutierte Gene, die vererbbar sind, haben unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Zum einen eine Genmutation, die bei den Betroffenen eine Art Schmerzunempfindlichkeit auslöst, zum anderen eine, die Knochen wie Stahl mit sich bringt. Sie sind beinahe unzerbrechlich. Leider war gerade Erstere eine ziemlich gefährliche Genmutation, da Schmerz ein natürlicher Schutzmechanismus des Körpers ist und die Menschen mit dieser Krankheit oft sehr früh sterben, weil sie sich ständig verletzen. Lebensgefährlich verletzen. Gut, in Verbindung mit den unzerbrechlichen Knochen haben wir für ein paar Verletzungen vorgesorgt. Aber nicht für alle. Dafür wiederum sorgt eine Droge.«

Ich hebe meine Augenbrauen und sehe Gregori abwertend an. Sie haben mit Genmutationen herumgespielt? Sie absichtlich hervorgerufen? Das ist mehr als krank. Diese Menschen sind krank! Nicht übermenschlich.

»Was soll das heißen? Dass ihr eine Art Superheldenspezies erschaffen wolltet? Und wofür?«, belle ich wütend. Ich will nicht glauben, dass Insidias Gene derart mutiert sind.

»Es soll nicht deine Sorge sein, was wir damit erreichen wollten. Fakt ist, dass Insidia nicht nur diese Genmutationen in sich trägt, sondern auch eine Droge über Jahre hinweg verabreicht bekommen hat, die wir Multum nennen. Bisher war es immer so, dass unsere Agenten nur eine Dosis erhalten haben. Sie stärkt ihre Gehirnkapazität und beschleunigt die Geschwindigkeit ihrer Synapsen. Informationen und Reize können so schneller an das Gehirn weitergegeben und dort verarbeitet werden und es stärkt auch ihre körperlichen Fähigkeiten. Nachdem Cecilia eine dauerhafte Therapie des Multums an Insidia getestet hat, haben wir diese auch bei weiteren Probanden vorgenommen. Ohne Erfolg. Dein Bruder war einer von ihnen. Und was aus ihm geworden ist, hast du ja mit eigenen Augen sehen können.«

Ohne darüber nachzudenken, stürme ich auf Gregori zu und packe ihn am Hals. Am liebsten würde ich ihn umdrehen, seinen Kopf zwischen meine Hände nehmen und ihm das Genick brechen. Mit meinen bloßen Händen. Aber ich brauche ihn noch. Insidia braucht ihn. Sie ist krank und abhängig von diesen grausamen Menschen.

»Was hast du kranker Mistkerl mit ihm gemacht?!«, knurre ich. Mit jedem Wort spucke ich ihm meine Wut entgegen.

Gregori lächelt einfach nur, so wie immer.

»Kyle!«

Als ich meinen Namen aus Insidias Mund höre, lockere ich meinen Griff und sehe zu ihr. Ihr Blick wirkt unschlüssig. Als wüsste sie nicht, auf welcher Seite sie steht. Oder stehen muss.

»Lass ihn los!«, sagt sie herrisch. Sie sitzt immer noch auf ihrem Thron. Das Schwert in ihrer Hand.

»Erst sagt er mir, was er mit Leo gemacht hat!«

»Er hat das Multum bekommen. Wir haben jedoch später damit angefangen. Erst nach alldem. Es machte ihn empfindungslos. Bewirkte also genau das, was wir auch von Insidia wollten. Leider ist er gleichzeitig verrückt geworden und konnte Feind und Freund schließlich nicht mehr unterscheiden«, sagt Gregori immer noch grinsend.

Mit voller Wucht ramme ich ihm meine Faust in sein Gesicht und keuche auf vor Schmerz in meiner Brust. Ich reiße seinen Körper zurück zu mir, damit er mir in die Augen sehen kann. »Natürlich konnte er nicht mehr Feind von Freund unterscheiden, wenn ihr ihm seine Emotionen genommen habt!«, schreie ich ihn an. »Woher soll er dann auch wissen, was richtig und was falsch ist? Woher?«

Ich bin so wütend, dass ich selbst Insidia von mir stoße, als sie mir ihre Hand auf die Schulter legt. Kurz darauf spüre ich eine kühle Klinge an meinem Hals.

»Lass ihn jetzt los!«, sagt sie ruhig, beinahe beruhigend – und ich lasse von ihm ab. Meine Lippen beben, als ich mich zu ihr drehe und sie direkt ansehe. Ich brauche sie. Ich brauche sie mehr als je zuvor.

Tränen schießen in meine Augen. Sie haben das getan. Sie haben Leo zu dem gemacht, was er zuletzt war. Sie haben meinen Bruder getötet. Den einzigen Menschen, der immer für mich da war. Der mich nie im Stich gelassen hat. Der einzige Mensch, der immer wieder darauf vertraut hat, dass ich ein besserer Mensch bin, als meine Taten zu urteilen veranlassen.

»Sie haben ihn krankgemacht, Insidia!«, hauche ich gebrochen. Es ist, als würde kaum ein Wort meinen Mund verlassen können, ohne dass die Tränen mit den Worten zusammen herauszubrechen drohen.

Insidia sieht mich einfach nur an, während sie mir immer noch die kühle Schwertklinge an den Hals hält. Das alles ist wie ein grausamer Traum. Und ich weiß, dass ich niemals aus ihm erwachen werde.

Dann nickt sie kaum merklich und wieder schleicht sich in ihre Augen ein Hauch von Trauer.

Ich blicke auf sie hinab. Sehe ihren kleinen, zerbrechlichen Körper, der mir immer schon viel zu stark erschienen war. Etwas in mir schreit danach, ihre Haut zu berühren. Ihr das Schwert aus der zierlichen Hand zu nehmen und sie an mich zu pressen. Sie mag stärker sein als andere Menschen. Weniger Schmerzen spüren, aber sie ist in vielerlei Hinsicht schwächer als jeder Mensch, den ich kenne. Gleichzeitig will ich, dass sie mich berührt. Dass sie in diesem Moment für mich da ist.

Wieder greift der jähe Schmerz nach mir und lässt meine Kehle brennen. Nur sie könnte ihn jetzt ein wenig lindern. Aber das wird sie nicht. Sie kann es nicht. Und etwas in mir nimmt ihr das übel.

»Beruhig dich jetzt wieder, Kyle. Du gehörst zur Königswache und Gregori steht unter meinem Schutz. Also bitte reiß dich zusammen.«

Mein Gehirn braucht einige Zeit, bis es begreift, dass es Insidias Stimme ist, die das sagt. Es tut weh und ich kann den Tränenfluss kaum mehr zurückhalten. Ich fühle mich schwach und erbärmlich. Will nicht, dass sie mich weinen sieht. Will generell nicht, dass irgendjemand das sieht. Aber ich kann nichts gegen all den Schmerz tun, der mich schier erdrückt.

Das alles hier ist so entsetzlich krank. Insidia – die Königin. Das PG neben ihr.

Wir sollten die weiße Frau und Gregori einfach töten. Gemeinsam. Mir ist egal, wer dieses Land regiert, solange sie es nicht sind. Solange sie Insidia nicht als ihre Marionette missbrauchen. Ich muss irgendetwas tun. Aber was?

Insidia zieht ihr Schwert zurück und steckt es zum ersten Mal weg.

»Wenn sie so viel Macht auf dich ausüben, Insidia, warum verschonst du mich dann?!«, frage ich wütend. Der Zorn und die Enttäuschung über ihr Verhalten kochen immer weiter hoch.

»Ich bezahle einen Preis dafür, dass ich über dein Leben bestimmen darf, Eduard. Also benimm dich auch so, als hättest du es verdient!«

Es versetzt mir einen Stich, dass sie mich bei meinem echten Namen nennt. Das hat sie nie zuvor getan. Ein Prickeln wandert meine Wirbelsäule hinauf und hinterlässt einen zuckenden Schmerz in meinem Nacken.

»Und welcher Preis ist das?!«, frage ich – wütend und herablassend. Als wäre das ein dummer Witz.

»Sie wird den König Amerikas heiraten und unsere Völker somit vereinen«, antwortet nun Gregori.

Jeder Ton zielt darauf ab, mich zu verletzen. Mir den letzten Funken Hoffnung zu rauben, der mich hat glauben lassen, alles könne wieder gut werden. Insidia wird Sate heiraten. Und das, um mein Leben zu verschonen? Aber was ist mein Leben noch wert, wenn es sie nicht mehr in meinem Leben gibt? Was, wenn ich gegen eine Regierung bin, die sie führt? Wenn nur ihr Verschwinden vom Thron dieses Königreich retten könnte?

Ich funkele Gregori wutentbrannt an, während ich Insidias Blick auf mir spüre.

Als ich mich zu ihr drehe, finde ich sie nicht mehr. Es ist, als wäre sie nicht mehr da. Als hätte das PG ihr die letzte Emotion geraubt. Als hätten diese Leute es endlich geschafft, sie zu dem emotionslosen Wesen zu machen, das sie die ganze Zeit über haben wollten.

Für einen Moment weiß ich nicht, ob sie sie gebrochen haben oder ob ich es war. Ob meine Schuld an all dem viel größer wiegt, als ich mir eingestehen will.

KAPITEL 2

Insidia

Halt dich zurück!

Ich kann an nichts anderes denken. Ich muss mich zurückhalten. Ich muss mitmachen. Ich muss Kyle in seine Schranken verweisen.

Seine Trauer ist so greifbar, dass es mir ebenfalls das Herz zerbricht. Seine Trauer über Leo, über mich – und vor allem sein Hass auf das PG. Ich sehe den Vorwurf in seinen Augen. Mir gegenüber und sich selbst. Am liebsten würde ich zu ihm gehen und ihm sagen, dass alles gut werden wird. Dass wir das schaffen. So wie er es mir immer gesagt hat. Aber ich kann nicht. Ich bin gefangen in einer Rolle, die ich niemals spielen wollte. Gefangen in einer Welt, die nicht mehr dieselbe ist. Oder immer schon genauso war. Und jetzt sehe ich es zum ersten Mal klar.

Bilder von den drei Personen, die ich getötet habe, tauchen vor mir auf. Ein Mädchen und zwei Jungs. Sie haben sie nicht mehr gegeneinander antreten lassen. Sie haben mich nach und nach in den Kampf gegen sie geschickt. Und ich habe sie getötet. Ich habe bei jedem Einzelnen von ihnen gesehen, wie das Leben aus den verängstigten Augen gewichen ist. Ich wollte sie nie töten. Aber ich musste es tun. Und obwohl sie mich angegriffen haben und mich getötet hätten, wenn ich es nicht getan hätte, bereue ich es. Mein Gewissen frisst mich beinahe auf. Aber das darf ich mir nicht anmerken lassen.

Ich berühre meinen weißen Umhang. Das Blut darauf beruhigt mich. Es ist, als wäre von ihnen noch etwas übrig. Als hätte ich etwas, woran ich mich festhalten kann, während ich weiß, dass eigentlich nichts mehr übrig ist. Weder von ihnen, noch von mir.

»Du kannst ihn nicht heiraten!«, knurrt Kyle und macht einen Schritt auf mich zu. Die weiße Frau – meine Mutter – bewegt sich unruhig. Jederzeit bereit, ihn zu töten, wenn er mir zu nahe kommt. Und ich spüre, dass sie es hasst. Dass sie mich nicht schützen will, sondern mich selbst gerne töten würde. Aber sie hat keine andere Wahl.

»Was soll das bringen? Er wird wohl kaum dieselben Gene haben wie du!«

Ich sehe Kyle ausdruckslos an. Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Was ich sagen soll. Was all das hier besser machen würde.

»Du hast keine Ahnung, wie sehr man die Evolution verändern und planen kann, wenn ein Volk nur unter sich bleibt. Das Ausmaß kannst du dir nicht vorstellen. Wir sind uns sicher, dass es endlich auch auf natürlichem Wege funktioniert, das Erbgut sicher weiterzuvererben«, erklärt Gregori ruhig.

Kyle verzieht seine Augenbrauen. Ich spüre deutlich seine bebende Wut.

»Ihr seid krank! Ihr alle!«, schreit er und dreht sich von uns weg, um aus dem Thronsaal hinauszugehen. Zwei Männer der Königswache halten ihn fest, bevor er die riesige Flügeltür öffnen kann. Er schreit und schlägt um sich. Ich erschaudere, so sehr trifft mich seine Reaktion. Ich würde ihn gerne beruhigen und etwas anderes machen, als hier einfach nur stumm herumzusitzen. Aber ich kann nicht. Sie haben Jaden, Emili und Sate – und das Zeug, ohne das ich sterbe. Multum – die Droge, die mich abhängig von ihnen macht.

Die Männer schleifen Kyle unter starkem Protest zurück zu mir, doch ich halte sie mit einer Handbewegung auf.

»Nehmt ihn mit und kleidet ihn ein, damit er seinen Dienst antreten kann.«

»Zu welcher Einheit gehört er?«, fragt die eine Wache und sieht mich auffordernd an. Doch ich kann nur wie ein dummes Kind Gregori anschauen, damit er in meinem Namen spricht. Ich habe keine Ahnung, welche Einheiten es hier gibt.

Gregoris grausames Lächeln versichert mir, dass die Antwort, die er geben wird, nicht positiv ausfällt.

»Er gehört von nun an zur Schwarzen Garde«, erwidert er kühl.

Kyles Augen weiten sich und ich krame in meinem Kopf nach dieser Einheit. Eine Erinnerung aus dem Geschichtsunterricht taucht vor meinem inneren Auge auf. Eine Stunde über die Schwarze Garde der alten Welt. Männer, die für die Unterdrückung von Menschen niederen Standes zuständig waren.

Das kann unmöglich das Gleiche sein. So funktioniert diese Gesellschaft nicht.

»Was bedeutet das?«, sage ich herrisch, um meine Unsicherheit zu verstecken. Ich sehe Kyle an, der kalt lacht. So, als hätte er gerade seinen letzten Funken Hoffnung verloren.

»Ich hätte mir denken können, dass du nichts Besseres zu tun hast, als die Schwarze Garde wieder aufleben zu lassen!«, knurrt Kyle Gregori an, während ich unschlüssig zwischen den beiden hin und her sehe.

»Sag ihr, was es bedeutet. Na los! Klär sie auf, was für eine Regierung sie anführt!«

Gregori dreht sich zu mir. »Die Schwarze Garde ist dafür da, auszulesen, wer das besondere Gen in sich trägt – und wer nicht.«

»Nenne es beim Namen, Gregori!«, knurrt Kyle und sieht dann wieder mich an, »Männer der Schwarzen Garde sind Auftragskiller, Insidia. Sie sind dafür da, Menschen auszusortieren, die in den Augen der Regierung nicht gut genug sind. Die Schwarze Garde wurde lange vor meiner Regentschaft abgeschafft!«

Ich schlucke schwer. Was soll ich jetzt tun? Ich will weder, dass es eine Schwarze Garde gibt, noch, dass Kyle zu ihnen gehört und unschuldige Menschen tötet. Aber wie soll ich mich dagegen auflehnen?

»Keine Sorge, Eure Majestät. Wir werden niemanden töten. Wir wollen nur, dass sie ein Leben unter sich und unter den Bedingungen führen, die ihnen gerecht werden.«

Wie automatisch nicke ich und befehle den Männern der Wache, Kyle hinauszubringen. Er schüttelt nur ungläubig den Kopf. Doch es macht einfach keinen Sinn, dass ich mich schon jetzt gegen das PG auflehne. Es würde nichts bringen. Sie würden mich töten und ihre Zwei-Klassen-Gesellschaft ohne mich aufbauen.

Und bevor sie mir den Tod gönnen, würden sie alle Menschen töten, die mir noch etwas bedeuten. Emili. Jaden. Sate. Und Kyle. Gleichwohl ich nicht weiß, ob der Tod für uns alle nicht die bessere Option wäre …

Kyle protestiert nicht weiter. Er befreit sich aus den Armen der Wachen und läuft resigniert in ihrer Mitte hinaus aus dem Saal. Doch bevor sie die Tür wieder schließen können, dreht er sich noch einmal zu mir um und sieht mich kühl an.

»Du hättest mich lieber umbringen lassen sollen, Insidia. Das wäre gnädiger gewesen.«

Damit geht er und zurück bleibt eine erdrückende Leere in meiner Brust.

»Wir haben einiges zu tun!«, unterbricht Gregori meine Gedanken und geht ebenfalls in Richtung Tür. Ich hingegen brauche einen Moment, bis ich mich erheben und ihm folgen kann.

Wir gehen die Gänge des Schlosses entlang und alles hier wirkt befremdlich auf mich. Ich war sehr selten hier. Die meiste Zeit über haben wir uns in Kyles kleinerem Schloss aufgehalten. Hier wirkt alles wie aus einer alten prunkvollen Zeit. Die Gänge sind mit edlen Steinen versehen und die Wände mit opulenten Gemälden behangen. Bauschende Vorhänge sind um die riesigen Sprossenfenster zu unseren Seiten drapiert und tauchen den jeweiligen Gang in ein nebliges, dumpfes Licht. Nicht einmal Elektrizität gibt es hier. Einzig die Fackeln und Kerzen erhellen das Innere des Schlosses.

Gregori führt mich in ein Gemach, das er mir als mein Zimmer anpreist. Als er mich endlich alleine zurücklässt, lasse ich mich auf mein Bett fallen und wünschte mir, ich könnte weinen. Aber da ist nichts. Als wären die Gefühle so stark, dass mein Körper sie nicht einmal mehr fühlen kann.

Irgendwann setze ich mich auf und sehe mich in dem ausladenden Raum um. Einen Moment lang bleibt mein Blick am Himmel meines Bettes hängen. Am liebsten würde ich den schweren Stoff zuziehen, um mich hier an Ort und Stelle zusammenkauern zu können, ohne dass mich jemand sieht. Vielleicht könnte ich so für immer hierbleiben und vergessen, was um mich herum geschieht.

Rasch ermahne ich mich selbst für meine dummen Gedanken, gleite vom Bett und schreite über den Steinboden in mein Bad.

Wie in Trance streife ich mir die blutige Kleidung, die Maske und diese elende Perücke ab und setze mich in die Wanne, in die bereits warmes Wasser gefüllt wurde. Innerhalb von Sekunden färbt es sich rot, als wolle es mir meine Schuld mit der Farbe des vergossenen Blutes in mein Herz brennen.

Ich tauche unter und kurz fühlt es sich so an, als würde ich weinen. Aber keine Träne verlässt meine Augen. Es ist nur das Wasser um mich herum. Trotzdem rede ich mir ein, ich würde es tun. Weil es das erträglicher machen würde. Weil mir die Tränen zeigen würden, dass ich noch ein Mensch bin. Dass ich meine Taten bereue und kein Monster bin.

Aber vielleicht bin ich genau das.

Als ich zurück in mein Zimmer komme, liegt bereits ein langes weißes Kleid auf meinem Bett. Ich hasse es jetzt schon, streife es mir dennoch über, als sei ich ein Roboter, der Befehlen zu gehorchen hat. Was ja auch stimmt.

Sekunden später klopft es an meiner Tür und eine Frau betritt meinen Raum. Sie verbeugt sich, bittet mich zur Frisierkommode und beginnt dann ohne ein Wort zu sagen meine Haare zusammenzustecken und mein Gesicht mit hellem Puder zu bedecken. Als ich mich im Spiegel vor mir betrachte, erkenne ich nichts wieder. Doch es liegt nicht am Make-up. Vielmehr ist es, als wäre nichts mehr von der Person übrig, die ich einmal war.

Ich beiße die Zähne zusammen und schwöre mir, dass ich wieder ich werde. Dass ich mich von diesem kranken PG nicht weiter verändern lasse. Und dass ich sie alle töte, wenn ich die Gelegenheit dazu bekomme.

Die Frau schminkt meine Augen schwarz. So wie es Emili einmal gemacht hat. Aber jetzt, zusammen mit meinem hellen Gesicht, wirkt es bedrohlich. Als sie fertig damit ist, zieht sie mir die weiße Maske wieder über, die ich doch gerade erst von meinem Gesicht genommen habe.

Noch einmal sehe ich kurz in den Spiegel und wende meinen Blick dann ab, um zu Gregori zu gehen. Er wartet bereits im Gang und mustert mich wie es ein stolzer Vater wohl tun würde. Allein für diesen Gesichtsausdruck würde ich ihn am liebsten schlagen.

»Was jetzt?«, frage ich direkt heraus und starre ihn wütend an. Dieser Mann ist für alles verantwortlich. Für jeden Schmerz. Für jeden Tod. Für Leos Tod. Den Tod meiner Schwester. Den Tod der anderen Junior-Agenten. Und für den Tod meines Vaters. Auch wenn ich ihn nicht kannte, schmerzt mich sein Verlust genauso stark wie bei meiner Schwester, schmerzt mehr, als ich will.

Irgendwann werden sie alle dafür bezahlen.

»Jetzt reden wir mit dem Befehlshaber der Schwarzen Garde«, sagt Gregori sanft. Beinahe so, als wäre das, was jetzt kommt, ein angenehmes Gespräch.

Ich schlucke meine Wut hinunter und folge ihm in einen Raum. In seiner Mitte steht ein riesiger alter Holztisch. Darauf sind Pläne ausgebreitet. Es ist noch niemand hier, also sehe ich mich in dem nur leicht erhellten Inneren um. Hier gibt es nicht einmal ein Fenster. Beklemmung überkommt mich, doch ich schüttele sie ab und schreite stattdessen auf den Tisch zu, um mir die Pläne genauer anzusehen.

Sie verwirren mich. Es ist, als seien sie in einer anderen Sprache geschrieben, dabei kann ich jedes einzelne Wort lesen. Vor mir sehe ich Pläne des Toten Landes. Von Insidia und Amerika. Was ich daran nicht verstehe, sind die Zeichen, die überall auf der Karte des Toten Landes vermerkt sind.

»Was bedeutet das?«, frage ich und zeige auf eines von ihnen.

»Das sind Symbole für die Bevölkerungsdichte der einzelnen Dörfer«, erklärt Gregori, als wäre er mein gutmütiger Lehrer.

Meine Kehle brennt vor Hass. Hass darüber, dass er so tut, als sei er vollkommen harmlos – und darüber, dass ich ihn brauche, um mehr zu erfahren.

Ich streiche mit meinem Finger über die Karte und ziehe die Augenbrauen zusammen. »Warum sollte es bevölkerte Dörfer im Toten Land geben?«, frage ich irritiert und beginne die Dörfer zu zählen.

»Dort wird bald der niedere Teil der Gesellschaft leben.«

Ungläubig und wütend zugleich starre ich ihn an.

»Keine Sorge Insidia, es ist gut für sie. Sie haben die Möglichkeit, ein eigenes Volk zu gründen. Es ist ihnen gestattet, dort zu leben und sich weiterzuentwickeln, so wie sie es möchten. Abseits von uns.«

Mir entgeht nicht, dass er mich plötzlich nicht mehr mit meinem Titel anspricht und auch sonst wieder per du mit mir ist. Mir soll es egal sein. Den Grund dafür verstehe ich allerdings nicht. Warum hat er es vorher anders getan? Weil Kyle dabei war? Oder wegen der weißen Frau? Das Wort »Mutter« taucht wieder in meinem Kopf auf und ich verscheuche es sofort. Sie ist alles andere als eine Mutter für mich.

»Ich bezweifele, dass sie dort in Ruhe leben werden«, entgegne ich.

Gregori mustert mich einen Moment lang stumm. Ganz offensichtlich gefällt es ihm nicht, dass ich ihm und seinen Plänen nicht vertraue. Aber was hat er bitteschön erwartet?

»Wir wollen die Menschen perfektionieren, Insidia. Zu allem Guten gehört auch das Schlechte, um das Gute zu erkennen. Zu allem Perfekten auch das Fehlerhafte. Zu jedem Herrschenden gehören Untertanen. So ist das Leben. Und die Menschen werden in allen Belangen Letzteres sein. Wir brauchen sie also. Und du kannst mir glauben, dass sie existieren werden. Nach unseren Bedingungen.«

Ich verkneife mir jeglichen Kommentar. Nach unseren Bedingungen sagt genau das aus, was ich vermutet habe. Sie werden dort nicht frei leben, sondern wie Sklaven. Dann hätte Gregori endlich seine Sklavenarmee. Das wollte er doch schon immer.

Als ich Schritte auf dem Gang höre, sehe ich hoch und starre auf die riesige Flügeltür, die sich aufschiebt. Ein Mann steht vor mir, doch schon einen Atemzug später nehme ich ihn nicht mehr wahr, denn neben ihm, zwischen einigen anderen Männern, erscheint Kyle. Er trägt eine schwarze Uniform, die dem Kleidungsstil der Amerikaner sehr ähnlich ist. Schwarze Pumphose, schwarze Stiefel, ein schwarzes Oberteil und darüber ein schwarzes Cape. An Kyles Schulter kann ich sein Schwert erkennen, das er sich auf den Rücken geschnallt hat. Seine dunklen Augen sind von einem schwarzen Balken aus Farbe eingerahmt, der wie eine Maske wirkt. Seine Haare sind nach hinten gekämmt. Auch sie schimmern, als wäre schwarze Farbe in ihnen.

Ich schlucke schwer, als ich seinen kühlen Blick auf mir spüre. Und obwohl ich bei seinem Anblick am liebsten schreien und weinen würde, fühle ich noch etwas anderes. Diese Anziehungskraft, die schon immer zwischen uns prickelt. Alles in mir verzehrt sich nach ihm und ich schlage mich innerlich dafür, dass ich in einer solchen Situation so etwas fühle.

Benommen schüttele ich den Kopf und wende meinen Blick von Kyle ab. Blicke hin zu dem Mann neben ihm, der ohne Frage der Befehlshaber der Schwarzen Garde sein muss. Er wirkt bedrohlich und obwohl er sich vor mir verbeugt, kriecht die Angst meine Kehle hinauf.

»Eure Majestät«, haucht er und streckt seine Hand aus. Ich lege meine hinein und sehe dabei zu, wie er einen Kuss andeutet. Ich komme mir falsch vor. Fremd. Als würde das alles hier nicht zu mir und meinem Leben gehören. Mein Blick wandert immer wieder zu Kyle und meine Sehnsucht nach ihm frisst mich beinahe auf.

Am liebsten würde ich auf ihn zu rennen und ihn ganz nah bei mir spüren. Aber der Gedanke an meine Freunde, die im Kerker sitzen, hindert mich daran.

»Salek, wir haben einiges zu besprechen!«, sagt Gregori und grüßt den Befehlshaber, der offensichtlich Salek heißt, überschwänglich.

Ich folge ihm und Gregori an den Tisch. Die anderen Männer der Schwarzen Garde, Kyle inbegriffen, versammeln sich mit etwas Abstand um uns herum.

Ich komme mir wieder wie ein kleines Mädchen vor, als sie die Pläne studieren und darüber reden, wie sie vorgehen wollen, um die »niedere« Bevölkerung aus Insidia zu bekommen. Nur mühsam kann ich ein Keuchen unterdrücken, weil die Vorstellung dieser »Sedierung«, wie sie es bezeichnen, einfach nur grausam ist.

Als ich einen Blick auf Kyle werfe, steht er wie versteinert da und hört aufmerksam zu. Aber ich spüre förmlich seine Wut.

»Dann brauche ich nur noch eine Unterschrift!«, sagt Salek, und ich begreife viel zu spät, dass er mich damit meint und ich kaum zugehört habe.

»Wofür?«, frage ich mit belegter Stimme und räuspere mich, um wieder autoritärer zu klingen.

»Für die Anweisung, dass jeder Bürger Insidias sich einem Gen-Test zu unterziehen hat«, erklärt Salek ruhig, sieht mich dabei aber argwöhnisch an. Noch einmal huscht mein Blick zu dem erstarrten Kyle und dann weiter zu Gregori. Ich hasse mich dafür, dass ich ihn mit dieser Geste auffordere, mir zu sagen, was ich zu tun habe. Er nickt und ich greife nach dem Stift, während Salek mir ein Schreiben vor die Nase hält. Ich überfliege es und erschaudere erneut, als ich die Zeilen darüber lese, die verraten, was mit den Menschen passiert, deren Test negativ ausfällt. Ihnen wird ihr Besitz aberkannt und sie erhalten eine Wohneinheit in einem der Dörfer im Toten Land. Sollten Vorstrafen vorliegen, treten sie in den Dienst der Königswache oder der Belegschaft im Schloss ein – um ihre eigene Familie und Freunde in das Tote Land verbannen zu müssen oder die niedersten Arbeiten zu verrichten.

Sie werden also versklavt. Und wahrscheinlich vorher von der Schwarzen Garde mit Schlägen und Folter belehrt, nicht wieder »straffällig« zu werden.

Ich schließe die Augen und atme tief durch, bevor ich den Stift ansetze und meine Unterschrift unter das grausame Urteil setze. Wie eine Marionette. Eine Schachfigur in einem kranken Spiel. Und wieder frage ich mich, ob es das alles wert ist. Ob ich und meine Freunde überhaupt in einer solchen Welt leben wollen.

KAPITEL 3

Kyle

Ich starre auf Insidias Hand, die einen wunderschönen Schriftzug unter diese entsetzlichen Worte schreibt. Wut kocht in mir hoch und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass sie keine andere Wahl hat. Dass sie genauso erpresst wird wie ich noch vor kurzem. Aber ich habe gelernt, dass es falsch war. Und ich will nicht, dass sie den gleichen Fehler begeht.

Doch ich weiß, dass es keinen Sinn hat. Alles, was Insidia wichtig ist, sind ihre Freunde. Die Menschen, die ihr endlich das Gefühl gegeben haben, zu einer Familie zu gehören. Die Menschen, die sich um sie sorgen und alles für sie tun würden. Und genau das nutzt das PG nun aus. Sie würde sich nie gegen uns entscheiden. Sie würde immer uns wählen. Selbst wenn es für sie den Tod bedeuten würde. Insidia ist in allen Belangen die perfekte Königin für das PG.

Sie legt den Stift vorsichtig zurück, als sei er eine Waffe gegen die gesamte Menschheit, und sieht kurz zu mir. Ihre Lippen beben und ihre Augen flehen mich an – vielleicht, es ihr nicht übel zu nehmen. Oder sie aus diesem Albtraum zu befreien. Ich weiß es nicht. Aber es gibt mir Hoffnung, dass sie noch da ist und das PG es nicht geschafft hat, sie zu brechen.

»Eure Majestät?«, spricht Salek sie an.

Unwillkürlich erschaudere ich bei seiner Stimme. Er war einst einer der höchsten Befehlshaber der Königswache. Ich kenne ihn, seit ich ein Junge bin, und habe ihn nie gemocht. Dass es ihm nicht anders geht und er auf diesen Tag nur gewartet zu haben scheint, hat er mir deutlich gezeigt, als ich zum Einkleiden gebracht wurde. Er konnte es sich nicht verkneifen, mir als Allererstes seine Faust in den Magen zu rammen. Danach krallten sich seine Finger in meinen Nacken und er flüsterte mir fünf Worte in mein Ohr:

»Das Blatt hat sich gewendet.« Ja, wahrscheinlich ist mit diesem Tag ein kleiner Traum für ihn in Erfüllung gegangen.

Trotz meiner Gedanken verziehe ich keine Miene und sehe weiterhin Insidia an, während auch sie ihren Blick nur schwer von mir lösen kann.

»Starr die Königin nicht an, du wertloses Stück Scheiße!«, knurrt Salek und rammt mir erneut seine Faust in den Bauch. Ich stöhne schmerzerfüllt, bemühe mich aber, aufrecht stehen zu bleiben. Ich will vor ihm keine Schwäche zeigen. Und auch vor Insidia nicht.

»Ja, Sir!«, presse ich hervor und beiße die Zähne zusammen.

Insidia sieht mich mit aufgerissenen Augen an.

Ich richte meinen Blick gen Boden, während sie sich Salek zuwendet.

»Sprecht!«, knurrt sie, und ich muss ein Lächeln unterdrücken. Sie ist wütend, dass er mich geschlagen hat, und auf irgendeine Art und Weise gibt mir das Genugtuung.

»Wie mir zugetragen wurde, wollt Ihr Windsor in Euren persönlichen Dienst stellen.«

Ich schlucke bei seinen Worten und Hoffnung brandet in mir auf. Wenn ich bei Insidia sein darf, dann kann ich sie beschützen.

»Ja«, entgegnet Insidia kühl.

»Das verträgt sich leider nicht allzu gut mit seiner Pflicht als Schwarzer Gardist. Wir werden ihn aber immer, wenn es uns möglich erscheint, in Eure Dienste entlassen.«

Seine Aussage lässt keinen Widerspruch zu. Erneut wage ich einen Blick auf Insidia. Sie nickt. Aber ihre Körperhaltung sagt etwas anderes aus als diese zustimmende Geste.

»Morgen Abend werden wir ihn abberufen müssen, um die ersten Imperfekten ins Tote Land zu geleiten. Bis dahin jedoch steht er Euch zu Diensten«, sagt Salek und Insidia nickt wieder nur.

»Windsor, begleite die Königin bitte in ihr Zimmer und danach zum Essen. Wir werden uns dort wiedersehen!«

Auch ich nicke nun und warte, dass Insidia sich bewegt, um mit ihr den Raum zu verlassen. Am liebsten würde ich ihr sagen, dass sie diese Mistkerle hier nicht alleine Pläne schmieden lassen soll. Andererseits zwingt mich mein Herz und mein Verlangen, es auszunutzen, mit ihr allein sein zu können.

Insidia sieht sich irritiert um, geht dann aber los. Ich halte ihr die Tür auf und warte, bis sie hindurchgegangen ist, damit ich ihr folgen kann.

Sie schreitet voran und ich mustere ihren Rücken, den das weiße Kleid nicht bedeckt. Obwohl ihr Anblick ungewohnt ist und deutlich macht, dass das PG sie verändern will, spricht mich ihr Körper in diesem Kleid an.

Sie dreht sich kein einziges Mal zu mir um. Habe ich irgendetwas falsch gemacht?

Mit widerstreitenden Gefühlen folge ich ihr und atme schwer bei dem Tempo, das sie vorlegt. Als sie an einer Zimmertür ankommt, stößt sie sie auf und stürmt hinein. Die ganze Situation ist überaus seltsam.

Ich gehe ihr nach – und entdecke sie erst, als sie ihren Körper an meinen presst und ihren Kopf an meine Brust legt.

Ihre Nähe schenkt mir das Gefühl, dass plötzlich alles wieder einen Sinn ergibt.

»Es tut mir so leid!«, wimmert sie.

Sanft berühre ich ihr Kinn und ziehe ihren Kopf zu mir hoch. Ich habe erwartet, Tränen zu sehen. Aber da sind keine.

»Dir muss nichts leidtun, Insidia! Wie geht es dir? Was haben sie mit dir gemacht?«, frage ich vorsichtig.

Sie schüttelt aufgebracht ihren Kopf. »Ich will nicht darüber reden!«, raunt sie und vergräbt ihr Gesicht wieder in meinem Cape.

Ich atme schwer. Eigentlich war es auch eine dumme Frage. Ich weiß ja, was sie machen musste …

»Ich wollte dir deine Krone nicht wegnehmen, Kyle!«, sagt sie zitternd.

Irritiert verziehe ich meine Augenbrauen. »Ja, Insidia. Das ist wirklich meine größte Sorge, du Thronräuberin!«, entgegne ich lachend, um ihr ein wenig von der Last zu nehmen.

Sie sieht mich an und lächelt leicht zu mir empor. Sofort schlägt mein Herz hart gegen meine Brust. Dann versteinert sich ihre Miene. »Sie dürfen das nicht machen! Sie können nicht die Gesellschaft aufteilen!«, sagt sie aufgebracht und entfernt sich ein wenig von mir.

Sofort packe ich sie an ihrer Hüfte und ziehe sie wieder zu mir. »Wir werden etwas dagegen unternehmen. Aber zuerst ist es wichtig, dass Jaden, Emili und Sate in Sicherheit sind«, flüstere ich ihr zu.

Ihre blauen Augen sehen mich entschuldigend an, als ich Sates Namen sage. Hastig schiebe ich den Gedanken daran beiseite, dass sie ihn heiraten wird.

»Ich werde sie umbringen. Aber erst muss ich herausfinden, was das für ein Zeug ist, das sie dir spritzen.«

Sie nickt, während mein Blick unwillkürlich über ihren Körper gleitet. Bevor ich bemerke, was ich da tue, hat sie es gesehen und schüttelt lächelnd ihren Kopf.

»Was ist in Pompeji passiert?«, fragt sie mich, und ich überlege einen Moment lang, es ihr zu verheimlichen. Aber früher oder später würde sie es sowieso erfahren.

»Philipp hat uns verraten«, murmele ich, betend, dass sie es vielleicht nicht richtig versteht. Doch ihre Augen sagen etwas anderes. Sie ist bitter enttäuscht und scheint es auch nicht wirklich zu verstehen.

Ich mustere die weiße Maske, die ihr Gesicht verdeckt, und erschaudere. Das alles ist so anders. Ich wünschte, ich könnte zurück in diesen Zug gehen. Zurück in die Vergangenheit und Insidia so sehen, wie sie damals war.

»Wir müssen einen Weg finden, das alles zu beenden«, flüstert sie nachdenklich und wirft einen Blick auf die Tür, die immer noch ein kleines Stück offensteht.

Ich wende mich von ihr ab und schließe sie. Als die Tür ins Schloss fällt, spüre ich ihre Hand an meiner Schulter. Ein Kribbeln wandert meine Wirbelsäule hinauf. Ich drehe mich um und ihr Blick löst ungewollte Gefühle in mir aus. Das Blau ihrer Augen ist so intensiv, dass ich alles um mich herum vergesse.

Ohne darüber nachzudenken, packe ich sie im Nacken und ziehe ihr Gesicht zu mir. Ihre Lider senken sich und mein Herz droht durch meine Brust zu schlagen. Ich berühre ihre Lippen mit meinen und schmecke ihren kühlen, frischen Geschmack. Dabei versuche ich mich selbst zu ermahnen, doch es hat keinen Sinn. Bevor ich wirklich registriere, was ich tue, lege ich meinen Arm auf ihren Rücken, hebe sie hoch und trage sie zu ihrem Bett. Als ich sie darauf hinabsinken lasse und sie schneller atmet, als zuvor, packt mich das Verlangen mehr denn je. Ich lege mich auf sie und küsse sie. Ich will nicht zu weit gehen und muss mich immer wieder selbst ermahnen, weil mein Körper nur eins will: Sie näher und immer näher bei mir haben.

»Kyle!«, haucht sie keuchend, und ich drücke mich von ihr weg. Bemühe mich, einen anderen Gedanken zu fassen, damit mein Name aus ihrem Mund nicht mehr diese Wirkung auf mich hat.

»Es tut mir leid!«, stöhne ich und rolle mich von ihr, doch sie hält mich an meinem Cape fest und zieht mich wieder zu sich.

Ich sehe sie an. An ihrer hellen Wange ist ein wenig der schwarzen Farbe, die sie mir um die Augen gemalt haben. Und irgendwie hat das eine noch anziehendere Wirkung auf mich. Als würde uns dieser Fleck auf ihrer Wange verbinden.

Ich greife nach der Maske, die sie trägt, und streiche sie von ihrem Gesicht, damit nicht auch sie einen schwarzen Fleck erhält und uns verrät.

»Wenn wir es nicht schaffen, etwas gegen sie zu tun, dann werden wir niemals zusammen sein dürfen!«, sagt sie traurig.

Ich fahre sanft durch ihre aufwendig zusammengesteckten Haare und atme schwer.

»Ich werde dich nicht in Gefahr bringen, weil ich bei dir sein will!«, raune ich und meine es auch so. Mein Verlangen ist groß, ja. Nicht nur nach ihrer körperlichen Nähe. Auch nach ihrem Wesen und ihrer reinen Art. Einfach nach ihr als Mensch. Aber das alles steht hinter ihrer Sicherheit zurück. Und ich werde sie schützen. Auch, wenn es heißt, dass ein anderer sie bekommt …

»Wir sollten gehen«, murmele ich und reibe ihr den schwarzen Fleck von der Wange.

Sie verzieht unwillig den Mund, nickt dann aber.

Vorsichtig helfe ich ihr vom Bett auf und kann meinen Blick kaum von ihr nehmen. Insidia war immer unerreichbar für mich und doch weiß ich, dass das, was mich an sie bindet, nichts damit zu tun hat. Auch wenn sie es schon oft genug in Frage gestellt hat. Ich will sie. Nicht das Abenteuer oder die Spannung. Gerade jetzt würde ich alles dafür geben, einfach bei ihr sein zu können. Fernab von all dem. Ohne diese Gene, die Drogen und das PG. Ohne den Thron oder die Krone. Aber so einfach ist das nicht. Insidia wird ewig abhängig von diesen Mistkerlen sein. Und wenn ich sie vernichte, dann vernichte ich auch Insidia.

Ich sehe dabei zu, wie Insidia ihre Maske vom Bett nimmt und sie traurig ansieht. Mein Atem geht schwer, trotzdem mache ich einen Schritt auf sie zu und nehme ihr die Maske aus der Hand. Behutsam, so als könne ich Insidia zerbrechen, lege ich meine Hand auf ihre Schulter und drehe sie mit dem Rücken zu mir, um ihr die Maske wieder umzulegen. Ihr Körper, so nah an meinem, löst abermals etwas in mir aus, das ich kaum mehr unterdrücken kann. Aber ich muss.

Ich spüre ihren warmen, schnellen Atem auf meiner Hand, als ich ihr die Maske um die Augen lege, und binde sie so schnell wie möglich zu, um mich von ihr zu entfernen.

»Ich bin froh, dass du noch da bist«, sage ich leise und streiche ihr über ihre helle Wange.

»Ich habe getötet, Kyle. Ich habe so viele Leben genommen. Und ich rieche immer noch ihr Blut. Ich höre immer noch ihre Schreie – ich …«

»Eure Majestät, braucht Ihr noch Hilfe?«

Ich drehe mich zu der Stimme um und sehe ein hübsches Mädchen – eine junge Frau – in der Tür stehen. Sie trägt die Kleidung der Bediensteten und errötet, als sie meine Hand an Insidias Wange sieht. Ich ziehe sie weg und entferne mich schnell einen Schritt von ihr.

»Es tut mir leid. Ich …«

»Ist schon gut. Ich konnte dich nicht finden und hatte etwas im Auge«, sagt Insidia.

Ich sehe sie mit zusammengezogenen Brauen an. Eine noch schlechtere Ausrede ist ihr wohl nicht in den Sinn gekommen.

Das Mädchen starrt immer noch beschämt auf den Boden und reibt nervös seine Hände aneinander. »Rekrut Windsor, Sie werden beim internen Treffen der Schwarzen Garde erwartet!«, murmelt es kaum hörbar und sieht mich kurz an.

Ich mustere die blonden geflochtenen Haare und das unscheinbare Kleid der Kleinen, das ihre schmächtige Figur umhüllt. Sie ist hübsch. Ihre dunklen Augen sehen mich an, als wäre sie ein ängstliches Reh.

Langsam gehe ich auf sie zu und bleibe kurz vor ihr stehen.

Sie zuckt zusammen, als sei ich gefährlich.

»Du brauchst keine Angst vor mir zu haben«, sage ich vorsichtig und versuche ihren Blick zu fangen.

»Ich habe keine Angst vor Euch, Sir«, flüstert sie, und ich sehe, wie ihr Blick kurz ängstlich zu Insidia huscht und dann wieder nervös auf den Boden fällt.

Sie hat keine Angst vor mir – sondern vor Insidia. Natürlich. Die Bediensteten haben sie gesehen, als sie mit blutiger Kleidung und einem blutigen Schwert auf dem Thron Platz genommen hat. Auf sie muss Insidia wie eine Tyrannin wirken.

Insidia mustert uns, doch wirkt sie mit einem Mal wieder abwesend.

Ist sie wirklich noch die Alte? Oder hat sich doch etwas in ihr verändert?

»Du brauchst wirklich keine Angst zu haben«, sage ich noch einmal und berühre die Schulter des Dienstmädchens.

Insidia räuspert sich hinter mir und als ich sie ansehe, überkommt mich plötzlich auch ein seltsamer Anflug von Furcht. Ich lasse von dem Mädchen ab und gehe.

Aufgrund der mangelnden Informationen über das Treffen laufe ich zurück zu dem Raum, aus dem wir gekommen sind, und finde dort in der Tat meinen Befehlshaber und die anderen Rekruten der Schwarzen Garde vor.

»Ach, Windsor, schön, dass du dir auch die Zeit nimmst!«, knurrt Salek und sieht mich finster an.

»Die Königin brauchte etwas persönliche Zuwendung nach Ihrem Überfall!«, entgegne ich und hebe herablassend meine Augenbrauen. Ehe ich mich versehe, stürmt Salek elegant auf mich zu und packt mich am Kragen. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, er mache mir keine Angst. Denn das tut er. Ich weiß, dass sein größer Wunsch ist, mich zu töten. Und einzig Insidia und daher auch Gregori hindern ihn daran, diese Wunschvorstellung in die Tat umzusetzen.

»Ich habe eine Aufgabe für dich. Versau es nicht!«, knurrt er. Sein beißender Atem bereitet mir Übelkeit. Ich winde mich aus seinem Griff und streife mein Cape glatt, als könne ich damit seinen widerlichen Geruch loswerden.

Von welcher Aufgabe redet er? Hat er nicht Insidia gesagt, ich würde erst Morgen abberufen werden?

»Einer der Gefangenen wird Schwarzer Gardist. Er ist dir zugeteilt. Sorge dafür, dass er seine Aufgabe anständig macht und geleite ihn zum Einkleiden.«

Ich runzele meine Stirn und warte darauf, dass er mir weitere Informationen gibt. Er sieht mich aber nur wütend an.

»Und jetzt verschwinde, Windsor, bevor ich dich für deine Dreistigkeit aufspieße!«

Ich lache verachtend und drehe mich um. Doch bevor ich aus dem Raum hinausgehen kann, trifft mich ein Schlag in meinen Rücken. Ich keuche auf und krümme mich, beiße aber schnell die Zähne zusammen, um nicht noch mehr Schwäche zu zeigen.

»Hast du nicht was vergessen, Windsor?!«, knurrt Salek. Er benutzt meinen Namen wie eine Beleidigung. Als würde er damit ausdrücken, dass die Familie Windsor jetzt zu den Untergebenen gehöre. Zu seinen Sklaven.

»Ja, Sir!«, knurre ich und entferne mich von ihm und seiner machtgierigen kranken Aura.

Während ich die Treppen zum Kerker hinuntergehe, reibe ich mir meinen Rücken und fluche vor mich hin. Es bringt mir nichts, aber ein wenig besser fühle ich mich dennoch. Unten angekommen, sehe ich mich prüfend um. Wenn ich Glück habe, kann ich vielleicht einen Blick auf Emili und Jaden werfen. Ihnen sagen, dass alles gut werden wird. Aber der Kerker ist völlig leer. Wo haben sie sie hingebracht?

»Rekrut!« Eine Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich drehe mich um und blicke einem großen bärtigen Mann in die Augen. Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen und allmählich fühle ich mich fremd in meinem eigenen Zuhause. Es ist ein seltsames Gefühl. Als gehöre ich nirgendwo mehr hin.

»Ich bin hier, um einen Gefangenen abzuholen«, sage ich förmlich und bemühe mich, meiner Stimme einen arroganten Unterton zu verleihen. Also genau so zu sprechen wie all die anderen Arschlöcher der Garde.

»Ihr lüsternen Knechte findet immer eine Ausrede, was? Hat es sich wenigstens gelohnt?«

Ich hebe meine Brauen und sehe ihn irritiert an. »Wovon zum Teufel sprichst du?!«

Er deutet auf mein Gesicht und offenbart mir seine schwarzen fauligen Zähne.

»Ich weiß, was los ist, wenn ihr Gardisten euch hier unten rumtreibt. Gefangene wären ja unter meinem Niveau. Aber euch scheint es zu reichen.«

Ich muss bei seinen Worten beinahe würgen. Kommen diese Mistkerle echt hier runter, um sich an den gefangenen Damen zu vergreifen? Ich funkele ihn wutentbrannt an.

»Ihr alle vergesst dabei eure schwarze Farbe. Sie ist jedes Mal völlig verschmiert. Und ihr tut so, als wäre nie etwas gewesen. Aber euer Gesicht verrät euch.«

Ich atme schwer und berühre die schwarze Farbe auf meinen Wangen. Es war keine Gefangene, die sie verschmiert hat, sondern Insidia. Aber soll dieser Kerl doch glauben, was er will.

»Ich sehe hier keine Gefangene, an der ich mich hätte vergehen können. Vielmehr bin ich hier, um einen männlichen Gefangenen abzuholen«, knurre ich mit Nachdruck. Damit dieser ekelhafte Kerl endlich aufhört, mir derartige Gräueltaten vorzuwerfen.

Der Mann sieht mich noch einen Moment lang an, als könne er so herausfinden, ob ich lüge, dann aber schreitet er zu einem Tisch, auf dem ein Buch liegt, und durchblättert es.

»Name!«

»Windsor«, entgegne ich kühl. Er stockt mitten in seiner Bewegung und sieht zu mir hoch. »Ach, der ehemalige König«, lacht er verachtend.

»Könnte ich bitte einfach den Gefangenen mitnehmen?«, erwidere ich genervt und bin kurz davor, ihn bewusstlos zu schlagen und selbst nach dem Gefangenen zu suchen.

»Wunderst du dich etwa, dass du nicht gerne gesehen wirst, nachdem du kleiner dummer Bengel unser Land in den Abgrund gezogen hast?!«, bellt er.

Ich verenge meine Augen und suche sein Gesicht nach den Emotionen ab, die er damit verbindet. »Ich nehme an, du bist ein Imperfekter?!«, stelle ich fragend fest und fahre mir nachdenklich mit der Zunge über die Lippen.

Er schnaubt verächtlich und spuckt neben mir auf den Boden. »Keiner wird dir je verzeihen, dass du das unterstützt hast!«, faucht er.

Ich würde mich gerne verteidigen. Ihm sagen, dass ich genauso »imperfekt« bin, wie er – wenn es nach dem PG geht. Dass ich bestimmt nicht wollte, dass es so weit kommt, und dass ich das nie willentlich unterstützt habe. Aber es macht keinen Sinn. Er würde es nicht verstehen.

»Der Gefangene! Jetzt!«, sage ich langsam und zornig zugleich.

Er schüttelt schnaubend seinen Kopf, sucht dann aber nach meinem Namen und geht vor in den Einzelzellen-Block.

Nachdem er die Nummer des Gefangenen gefunden hat, bleibt er stehen und öffnet eine Tür. Ich sehe mich in dem langen Gang um und frage mich, wo Emili und Jaden wohl sein mögen.

Die Vorstellung, dass sie mir so nah sind und ich trotzdem nichts tun kann, um ihnen zu helfen, treibt mir die Galle in die Kehle.

Hastig richte ich meinen Blick wieder auf den Mann und damit in den dunklen kleinen Raum vor mir. Die stickige Luft erschlägt mich beinahe und ich verfluche das PG für die Art, wie es seine Gefangenen behandelt.