Königreich der Träume - Sequenz 7: Die fassungslose Prinzessin - I. Reen Bow - E-Book

Königreich der Träume - Sequenz 7: Die fassungslose Prinzessin E-Book

I. Reen Bow

0,0

Beschreibung

Jessicas Nachforschungen verlaufen in eine ganz andere Richtung als gedacht und bringen ihr Leben komplett durcheinander. Sie fühlt sich einsam und muss sich der schrecklichen Tatsache stellen, Dave nie wieder umarmen oder küssen zu können, doch stattdessen betäubt sie sich mit den Ablenkungen des Königreichs der Träume. Nur wie lange kann sie das durchziehen, bevor die Alpträume über ihr einstürzen? Bisher erschienene Sequenzen aus der Erfolgsserie von I. Reen Bow: Sequenz 1: Die schlafende Prinzessin Sequenz 2: Die gefangene Prinzessin Sequenz 3: Die träumende Prinzessin Sequenz 4: Die gütige Prinzessin Sequenz 5: Die friedliche Prinzessin Sequenz 6: Der besorgte König Sequenz 7: Die fassungslose Prinzessin

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 146

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit




Table of Contents

»Die fassungslose Prinzessin«

Teil 1

Teil 2

Seriennews

Impressum

Königreich der Träume

Sequenz 7

»Die fassungslose Prinzessin«

von I. Reen Bow

 

 

 

 

 

 

Auf seine Alpträume zuzugehen,

ist eine gute Möglichkeit,

mit ihnen Freundschaft zu schließen.

 

 

 

 

 

 

Die Türklinke, die ich in der Hand halte, fühlt sich eiskalt an, vielleicht sind es aber auch nur meine Finger, die wegen einer Vorahnung kalt sind.

Geh nicht durch diese Tür, möchte ich mir selbst zurufen, doch ich bin bereits am Durchführen der Aktion und gleichzeitig auch neugierig. Ich lasse also meine Hand für mich die Entscheidung treffen und öffne meine Wohnungstür.

Schon währenddessen spüre ich diese unbeschreibliche Kälte, die mich in der Wohnung erwartet. Es ist Sommer, aber es fühlt sich so an, wie wenn ich bei zwanzig Grad Minus stundenlang die Fenster offengelassen hätte.

Und da erblicke ich ihn.

Zuerst die Hand, dann den Arm, den Oberkörper. Schließlich stoße ich die Tür auf und sehe Daves leblosen Körper auf dem Flurboden liegen.

Tot. Dave ist tot.

Es ist das Entsetzen, das meine Beine zwingt, über die Schwelle zu treten und mich neben ihm hinzuknien. Es fühlt sich wie fallen an, wie abstürzen und mit der Ohnmacht kämpfen. In meinen Ohren ertönt ein hässlicher Ton, der so klingt, als säße ich direkt neben einer viel zu lauten Starkstromleitung. Dieses Geräusch gewinnt bald Macht über mich. Meine Augen weiten sich und scheinen das Elend vor mir noch zu vergrößern, den Fokus auf das leblose Gesicht vor mir legen, mir verbieten, wegzusehen.

Ich bin apathisch und merke erst gar nicht, wie meine Hände Daves blasse Wangen streicheln. Ich spüre die Kälte, die von ihm ausgeht, nicht sofort, weil meine Finger und auch die Umgebung so eisig sind, aber sie ist da, gleitet wie der Vorbote des Todes durch meine Haut in mein Fleisch oder als würde Dave mich mit sich ziehen wollen.

Seine leeren Augen starren meine an. Beinahe höre ich ihn sagen: »Ich sagte doch, wir träumen voneinander, Jey.«

Fast glaube ich, ein kleines Zucken um seine Lippen zu sehen, der Versuch zu schmunzeln. Seine Grübchen sind weg und darüber bin ich so erstaunt, dass meine Brust plötzlich zu schmerzen beginnt. So als wären die fehlenden Grübchen der ultimative Beweis für sein Ableben.

Ich schluchze auf. Die Erkenntnis kommt über mich wie ein einstürzendes Hochhaus. Langsam, massiv und den Blick trübend. Für den Moment scheine ich zu einer Statue zu transformieren, einer Eisskulptur, die ohne ihren Liebsten nicht leben will und sich stattdessen lieber in einen ewigen Schlaf versetzt.

Deswegen bekomme ich die junge Frau im Loft erst mit, als mein Blick auf ihre nackten Füße und Beine fällt. Sie steht neben mir. Ich schrecke zurück und kippe nach hinten, woraufhin die Frau sich ruckartig zu mir beugt und meinen Sturz abbremst. Ihre blonde Lockenmähne flattert bei dieser hektischen Bewegung um uns herum. Die Haare legen sich kalt auf meine Haut.

Sie hilft mir beim Aufstehen, ihr Blick ist neutral, sogar etwas freundlich. Ich erkenne sie sofort, aber mein Verstand will gerade nicht reagieren, weswegen ich mir von ihr helfen lasse. Als ich wieder auf den Beinen stehe, tritt sie einen Schritt von mir zurück. Sie ist eine traumhafte Schönheit. Trotz der Kälte trägt sie kurze Jeansshorts und ein ärmelloses, bauchfreies Top in einer weißen Farbe. Auf die Hose wurde ein gelbes Dreieck mit dem schwarzen Symbol für Radioaktivität genäht – ein Aufnäher einer rebellischen jungen Frau. So, wie ich sie in Erinnerung habe; das fühle ich zumindest.

»Lyri«, flüstere ich, zu mehr ist meine Stimme nicht in der Lage.

Sie reagiert nicht auf meine Äußerung, sondern sieht zu Daves toten Körper hinab.

»So schade«, sagt sie bedauernd. »Jetzt gehört er weder dir noch mir. Wir hätten vorsichtiger mit ihm umgehen sollen, schließlich wussten wir, zu was wir in der Lage sind. Nicht wahr, Jessica?«

Nun sieht sie mich direkt an. Ihr Blick ist stechend, anklagend, so als wäre alles, was jemals geschehen war, allein meine Schuld gewesen.

»Ich wusste nicht, dass du Dave wolltest«, sage ich, bin mir aber im selben Moment nicht mehr so sicher, ob das stimmt. In der programmierten Erinnerung ist es vielleicht so, aber was ist in der Realität? Und Lyri ist ebenfalls ein Programmcode, also worüber reden wir hier?

»Dabei haben wir einen Schwur zwischen Schwestern geschlossen, einen Pakt. Dass niemand Dave bekommt. Damit wir ein Trio bleiben. Aber ich verstehe, warum du ihn dir trotzdem unter den Nagel gerissen hast. Du dachtest, ich bin weg vom Fenster, nicht wahr? Du hast mich verraten, um ihn endlich für dich haben zu können.«

»Was? Nein. So war das nicht. Ich meine, ich habe keine Ahnung«, rechtfertige ich mich.

Lyri schüttelt bedauernd den Kopf und kommt wieder auf mich zu, wobei sie plötzlich ihre Hand auf meine Wange legt. Ein furchtbarer Schmerz fährt durch meinen Körper. Es fühlt sich so an, als würde sie mein eisskulpturhaftes Gesicht zerbersten wollen. Dabei sind ihre Augen hasserfüllt und gleichzeitig voller Trauer, die ich mir nicht erklären kann.

Ich wehre mich nicht. Meine Gelenke sind gefroren, vollkommen unbeweglich. Das Einzige, das ich fühle, ist Schmerz. Nicht nur meinen, sondern auch Lyris und dieser geht so viel tiefer, als ich jemals ein Gefühl erlebt habe.

Ich schüttele den Gedanken weg und auf einmal ist alles vorbei. Ich stehe mit der Türklinke in der Hand vor meiner Wohnungstür. Mir ist warm, ich kann mich bewegen und Lyri ist nirgends zu sehen. Ich habe mir das nur eingebildet. Die Angst in mir war für dieses Szenario verantwortlich, mein Kopfkino funktioniert also noch immer perfekt. Auch wenn ich nicht glaube, dass ich Daves toten Körper direkt im Eingangsbereich meines Lofts antreffen werde, hat mir allein die Vorstellung eine Hemmung verpasst. Ich kann da unmöglich hineingehen. Was würde ich denn darin finden?

Blödsinn!

Ich straffe meine Schultern und traue mich, die Tür zu öffnen.

Ein Duft von frischgebackenen Plätzchen kommt mir entgegen, dann fällt Dave mir in die Arme.

»Endlich bist du da!«, ruft er und drückt mich eng an sich.

Ich spüre Erleichterung, anschließend eine erneute Beklemmung. Ihn so nah zu fühlen, ist einerseits gut, andererseits weiß ich, was passiert ist und wer er in Wirklichkeit ist. Mir kommt dieser Moment überzogen vor. Ich erinnere mich nicht daran, wann mich Dave so übertrieben begrüßt hat; als sei ich das Einzige in seiner Welt das zählt. Dafür ist er zu cool und abgeklärt. Er ist zwar süß, aber auch eigenständig. Doch diese Umarmung fühlt sich an wie ein Umklammern. Die Situation ist zu künstlich, zu perfekt, zu gut, um wahr zu sein, einfach ein klebriger Zuckertraum.

Ich löse mich von ihm. Er grinst mich an, zeigt mir sein makelloses Gebiss, seine Grübchen. Irgendjemand hat Dave in meiner Abwesenheit mit Glanzspray besprüht. Dave ist so geglättet und gebügelt. Gefälscht.

»Ich weiß, dass du nicht echt bist«, sage ich schnell.

»Ist das so?«, fragt er, als hätte er mir gar nicht zugehört. Dann zieht er mich in die Küche, reicht mir eine langstielige Rose und trällert: »Ich koche dir jetzt deinen Lieblingskaffee und solange du wartest, habe ich hier etwas für dich.« Er stülpt einen Ofenhandschuh mit einem Flamingo-Motiv über seine Hand und holt ein Backblech mit frischgebackenen Krönchenkeksen aus dem Ofen, die er auf eine Holzablage auf den Tisch vor mir abstellt.

Der leckere Duft steigt in meine Nase.

»Das hast du selbst gebacken?«, frage ich ungläubig.

»Nur für dich, mein Herz.«

Ich sehe ihn skeptisch an.

»Du bist nicht echt«, bringe ich erneut heraus. »Du bist tot, Dave.«

Er lächelt mich an, als würde sein Programm ihm vorschreiben, dass er diese Brise an Realität ignorieren müsste.

»Du bist irre«, sage ich leise und gehe dann kopfschüttelnd Richtung Ausgang. Diese Version des Aufeinandertreffens kann ich genauso nicht akzeptieren wie die erste.

Dave ist jedoch schneller als ich. Er stellt sich vor die Eingangstür und grinst wie ein Psychopath, der keine anderen Emotionen gelernt hat.

»Wohin willst du?«, fragt er.

»Lass mich raus«, sage ich.

Er schüttelt den Kopf und wackelt tadelnd mit dem Finger. »Du hast ja nicht einmal einen meiner Kekse probiert.«

Ich wende mich um und renne zum Badezimmer. Doch er ist schneller als ich und versperrt mir auch diese Tür.

»Händewaschen kannst du auch in der Küche, Liebes.«

»Du machst mir Angst.«

»Aber warum?«

Er kommt auf mich zu, will mich umarmen. Ich kann mich befreien und laufe erneut weg. Ich versuche, mich in meinem Ankleidezimmer zu verstecken. Keine Chance, also nehme ich alle meine Kräfte zusammen und eile zur Eingangstür. Dieses Mal bin ich vor ihm da und reiße die Tür auf, poltere die Treppen herunter und stelle fest, dass ich Daves Schritte nicht hinter mir höre.

Nachdem ich unten im Treppenhaus ankommen und die Haustür geöffnet habe, trete ich in einen Gang, der eigentlich gar nicht da sein dürfte.

Mein erster Gedanke ist, dass die Stadt wieder evakuiert sein könnte und einen neuen Bauplan hat. Es passiert ja oft, dass die Häuser wie Bausteine ineinandergesteckt werden. Also gehe ich diesen Abschnitt weiter, der nur zu einem Ort führt: meiner Wohnungstür.

»Das kann doch nicht sein«, sage ich und wende mich ab, um festzustellen, dass am anderen Ende des Ganges wieder die Tür zu meiner Wohnung auf mich wartet.

»Ein Alptraum«, sage ich. »Ich muss träumen.«

Und weil im Königreich der Träume dieser Gedanke kein Grund zur Entspannung ist, setze ich mich so hin, dass ich mich an die Wand lehne und beide Türen im Blick behalte. Ich könnte hierbleiben, bis ich wieder aufwache oder mir eine Lösung einfällt, wie ich die Situation kläre, ohne durch eine dieser Türen zu gehen. Ich will nicht wissen, was Lyri noch für mich vorbereitet hat, oder ich für mich selbst.

Doch der Traum scheint mich nicht loslassen zu wollen. Ich muss mich den Schrecken stellen. Es ist offensichtlich egal, ob ich durch die eine oder die andere Tür gehe, sie wird mich in ein noch größeres Entsetzen führen.

Nach einer kurzen Pause stehe ich auf, atme nochmals tief durch und drücke die Klinke der einen Türe nach unten, um hineinzugehen.

Die Wohnung ist dunkel, aber wird von den Lichtern der Stadt gut erleuchtet. Ich schalte keine Lampen an, habe Angst, dass ich erneut Daves toten Körper entdecke.

Alles scheint okay zu sein. Ich glaube, ich bin wirklich in meinem Loft, ohne Lyris Schrecken oder einen überdrehten Dave.

Beim Betreten des Schlafbereiches höre ich ein leises Zischen, als würde die Luft aus einem Luftballon gelassen. Doch dieses Geräusch hört nicht auf, sondern wird lauter und erzeugt Gänsehaut auf meinem gesamten Körper. Ich drehe mich mit aufgerissenen Augen zur Quelle. Und da sehe ich, eine graue, durchsichtige Gestalt auf mich zurasen, deren Blick entsetzlich entstellt ist.

Es ist Dave! Ein Geist oder seine Aura, ich weiß es nicht. Ich höre mich schreien, spüre, wie ich zu Boden gehe, mich klein mache, mich zusammenrolle und die Arme um meinen Kopf schlinge. Ich will es nicht, ich muss dieses Ding aussperren, die Schuld nicht mehr fühlen, die Trauer nicht auf mich einprasseln lassen, versuche, die entsetzlichen Gedanken und Bilder loszuwerden.

Mama, wo bist du?

 

 

Dieser innere Hilferuf lässt mich nach Luft schnappen. Alles ist weg. Der Traum, die Angst.

Ich stehe in Ryans Büro und sehe aus dem Fenster hinaus auf die Rochen, die vor wenigen Minuten erschienen sind. Die Information über Dave hat mich in eine alptraumhafte Stockstarre versetzt. Ich halte ein gekühltes Glas mit frischem Pfirsichsaft in den Händen, spüre die vertraute Stille zwischen meinem Ex-Freund und mir und fühle die leichte Vibration des Armbandes, welche mir das Auftauchen der neuen Traumsequenz bescheinigt.

»Es tut mir leid, Jessica«, repariert Ryan das Ausbleiben meiner Reaktion.

Ich weiß nicht, wie oft er diese Worte schon gesagt hat, aber ich war nicht im Stande auf die Eröffnung zu reagieren, habe nur das Glas entgegengenommen, weil mein anderes zerbrochen ist.

Wenn ich tatsächlich in einer Simulation feststecke, warum fühlt sich die Trauer so echt und niederschmetternd an? Der Schmerz ist echt. Sollte er tatsächlich programmiert sein, dann sind die Programmierer verdammt gut.

Dass Dave tot ist, lässt mich einfach nicht los, selbst mit dem Wissen, dass er nie real war. In mir entstehen deswegen auch widersprüchliche Gedanken. Einerseits habe ich echte Empfindungen, andererseits glaube ich, einer Computerspiel-Figur nachzutrauern. Seltsamerweise fühlt sich das schockierend an, als würde die Welt, wie ich sie kenne, auf den Kopf gestellt werden.

Dave ist ein Traum.

Was ich über Träume in Dream City gelernt habe, ist nicht gerade aufbauend. Entweder sind sie gefährlich oder ziehen Touristen an. Und sie können jederzeit aus Marketinggründen aufgelöst werden. Die Vorstellung, Dave auf Befehl hin mit Solve einzusprühen und dabei zusehen zu müssen, wie er wie ein Ballon seine Form verliert, ist entsetzlich!

Und dann ist da noch der echte Dave. Ricks Aufzeichnung war diesbezüglich nicht informativ, aber in einer meiner Erinnerungsfetzen habe ich ihn gesehen, er saß bei mir und war liebevoll zu mir. Was ist mit ihm? Geht es ihm gut? Und in welchem Zusammenhang stehen wir zueinander? Sind wir beste Freunde, Geschwister, ein Liebespaar?

Es gibt einen anderen Dave, einen weiteren Rick, offensichtlich auch einen zweiten Ben. Nur was ist mit dem alten Rick, dem ich in einer Erinnerung oder einem Traum in dieser düsteren Anlage begegnet bin? Existiert überhaupt ein alter Dave? Eine Oma-Jessica? Die Simulation, die reale Welt und die programmierten Träume sind offenbar nicht die einzigen Sphären. Gibt es noch weitere Programmwelt? Vielleicht war es auch nur eine Erinnerung an ein früheres Eintauchen in die Stadt. Was, wenn es jedes Mal anders aussieht und diese alte Version von Rick eine spezielle Episode war? Erlauben sich die Programmierer Späße mit uns? Ich kann lediglich Vermutungen anstellen. Aber alles scheint möglich zu sein. Da gibt es so viel mehr und das bereitet mir Kopfschmerzen. Was wird noch auf mich zukommen und was hat es mit mir zu tun? Ich dachte, ich wäre auf Antworten gestoßen, doch die sind verwirrender als die Fragen selbst.

Ich wende mich vom Fenster ab und setze mich wieder auf den Stuhl, wobei ich das Glas abstelle. Meine Schuhe kleben am Boden, der Saft, den ich verschüttet hatte, ist inzwischen leicht angetrocknet. Sicherlich wartet Ryan damit, eine Putzkraft zu holen, bis ich meine Gedanken sortiert habe.

Er glaubt, dass ich wegen Dave so durcheinander bin, und hat höchstwahrscheinlich keine Ahnung davon, dass er Teil einer Simulation ist. Er lässt mir Zeit, blickt mich aber besorgt an. Er weiß nicht, wie er mit mir umgehen soll. In der programmierten Erinnerung hatte er wohl eine Menge mit Jessica durchgemacht, aber er war nie in der Situation, sie trösten zu müssen, weil sie einen Mann betrauern musste, den sie liebt. Für ihn war Jessica seine Freundin, jetzt ist sie es nicht mehr. Ich spüre, dass er sich schwertut, mich komplett aus seinem Leben zu streichen.

»Soll ich für dich jemanden anrufen?«, fragt er ruhig. »Mia vielleicht?«

Jetzt sehe ich ihn direkt an. Er ahnt nicht, wie sehr er wohl die Freundschaft zwischen der alten Jessica und Mia zerstört hat und dass ich nicht bereit bin, mich mit dieser Kluft auseinanderzusetzen.

»Ich möchte hier kurz sitzenbleiben. Mach deine Arbeit, ich störe dich nicht.«

Er runzelt die Stirn, ist hin- und hergerissen, ob er mir und meiner Äußerung trauen soll. Ich kann es verstehen. Frauen spielen mit Männern oft Psychospielchen, bei denen sie das eine sagen, aber das andere meinen.

»So eine Sequenz geht ja auch die Marketingabteilung an«, vermute ich und schaue zu seinem Telefon und dann wieder zu ihm. »Es ist schon okay, Ryan.«

»Das kann warten. Ich werde dich heimbringen oder …«

»Nein«, sage ich entschlossen, beinahe ängstlich. Die Vorstellung, ich könnte in dem Loft auf einen toten Dave stoßen, drückt mir auf den Magen. »Nein«, wiederhole ich ruhiger. »Wirklich, mach dein Ding. Wenn du möchtest, gehe ich. Nur will ich nicht sofort durch die überfüllte Schlosshalle laufen.«

Ryan schüttelt den Kopf und macht mit den Händen eine Geste, dass ich ihn falsch verstanden hätte und ich bleiben könne.

»Ich mach dir einen Kaffee, ja?«

Ich nicke.

Es ist mehr ein Entgegenkommen, dass er sich kurz aus der Situation zurückziehen darf, mit der er offensichtlich überfordert ist. Dass er von der freicodierten Traumkontaminierung in meinen Augen weiß, rückt aufgrund der neuen Ereignisse in den Schatten, hängt aber dennoch bedrohlich zwischen uns in der Luft. Die Sachen wurden aber bereits ausgesprochen. Nur weil wir sie im Moment nicht thematisieren, sind sie nicht weniger wahr. Programmiert, ja, aber für diese simulierte Welt Realität. Vielleicht sollte ich Ryan trotzdem nicht unbedingt jetzt als Freund erwählen.

»Was mache ich hier?«, frage ich flüsternd.

»Hast du etwas gesagt?«, fragt Ryan, der an seiner Bar an der Kaffeemaschine hantiert. Interessant, dass er dafür keine Assistentin hat. Möglich auch, dass er nur nicht will, dass irgendjemand Jessica Blair aufgelöst in seinem Büro sitzen sieht. Vielleicht sollte ich einfach gehen?

Ich bleibe. Für eine Weile zumindest. Ryan beginnt nach weiteren Nachfragen, ob er etwas für mich tun könne, mit seiner Arbeit. Er hängt sich an sein Telefon und gibt lauter Anweisungen. Dabei geht er routiniert vor. Auch ein paar Rochen vor seinem Bürofenster irritieren ihn nicht. Er kehrt ihnen sogar den Rücken zu. Ryan kennt seinen Wert. Auf seinen Befehl hin könnten die Traumerscheinungen bald in einer grünen Wolke aus Solve verschwinden. Ich erkenne, dass er mir seine Macht präsentiert. Er ist da angekommen, wo er vermutlich schon immer hinwollte. Gleich hinter Elen ist er der höchste Entscheidungsträger. Mit einem einzigen Anruf könnte er den Himmel wieder klären. Natürlich, solange die Sequenzstufe so bleibt wie jetzt. In einer evakuierten Stadt ist Ryan ein Niemand.