KÖNIGSBERGER MARJELLCHEN - Helga Hoekstra - E-Book

KÖNIGSBERGER MARJELLCHEN E-Book

Helga Hoekstra

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Beschreibung

Dieses Buch schildert auf lebendige und humorvolle Weise die Flucht eines kleinen Mädchens mit ihrer Mutter aus dem zerstörten Königsberg nach nirgendwo ins Ungewisse. Wenn alles verloren, ist für das Kind das mitgeschleppte Märchenbuch der Gebrüder Grimm das einzige Vertraute und Haltbietende und wir lesen, wie im weiteren Verlauf das abenteuerliche und bewegte Leben der Autorin eine glückliche Wendung nahm

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Seitenzahl: 200

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Helga Hoekstra

KÖNIGSBERGER MARJELLCHEN

Grimms Maerchen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

PROLOG

KÖNIGSBERG

DEUTSCHLAND KARTE 1939

ZERSTÖRUNG KÖNIGSBERGS

FLUCHT VOR DEN RUSSEN

ZUFLUCHT IM ERZGEBIRGE

FLÜCHTLINGSDASEIN IN THÜRINGEN

ZIEL WESTDEUTSCHLAND

NACHKRIEGS-HAMBURG

KELLERLEBEN

NEUANFANG

FAMILIENLEBEN

SCHULZEIT

OSTAFRIKA

TANSANIA

POLITISCHER WANDEL

NIEDERLANDE

FALL DER MAUER

SEGELN

SCHATTEN

EPILOG

Impressum neobooks

PROLOG

Es gab einmal eine Stadt, die hieß Königsberg und lag im Osten Deutschlands in Ostpreußen.

Ihre Entstehung lässt sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Meine Vorfahren sind als Ordensritter in diese Gegend gekommen, um die ursprünglichen Bewohner zu christianisieren. Nachdem der Orden die Marienburg erbaut hatte, weitete sich sein Interessengebiet nach Osten aus. Am Pregel, dort wo Königsberg sich befand, gab es anfänglich nur ein paar Siedlungen, im Jahr 1724 wurden sie zu einer Stadt zusammengeschlossen. Durch die günstige Lage zur Ostsee hin, entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte eine Handelsstadt, deren Hafen der leistungsfähigste des Ostseeraumes war.

An Ostpreußen und damit in unmittelbarer Nähe auch an Königsberg grenzten Polen, Russland und das Baltikum. Das Miteinander verschiedener Nationalitäten war Selbstverständlichkeit. Außer Deutsch wurde auch Polnisch, Masurisch und Litauisch gesprochen. In Gesprächen mit Freunden und Bekannten wurde oft erwähnt "der und der ist Pole, die und die kommen aus Riga, Familie soundso ist jüdisch", usw. Meine Mutter zum Beispiel stammt aus Memel, heute Klaipeda, Litauen.

Königsberg war zudem ein geistiger Mittelpunkt Deutschlands, obwohl es am östlichen Rande des Landes lag. Dazu hat der Wirkungsbereich der Albertina, der Universität der Stadt‚ beigetragen; die schon 1544 von Herzog Albert gegründet wurde. Später kamen mehrere Hochschulen hinzu.

Der berühmteste Sohn der Stadt ist weltbekannt: Kant mit seinen philosophischen Ideen!

Außerdem war sie Krönungsstadt des Königs von Preußen und Hauptstadt der Provinz Ostpreußen.

700 Jahre hat Königsberg als deutsche Stadt bestanden. Sie ist im August 1944 von britischen Bomben vernichtet und im Januar 1945 nach dem Einzug der russischen Armee untergegangen.

KÖNIGSBERG

An die Stadt selbst habe ich aus der Zeit kaum konkrete Erinnerungen. Aus den Erzählungen der Verwandten entsteht ein imaginäres Bild: vom Schloss und dem dort gelegenen Restaurant das 'Blutgericht', ursprünglich der Hinrichtungskeller. Dort traf man sich mit Freunden zum geselligen Beisammensein, ebenso wie im Café Cranz, von dem Dom, wo meine Oma mütterlicherseits dem Ältestenrat beisaß und der Sackheimer Kirche, in der mein Vater konfirmiert wurde. Das aber unter merkwürdigen Umständen:

Der Geburtsort meines Vaters ist Forsthaus Sussemilken, Kreis Labiau. Mein Großvater war dort königlicher Hegemeister, also Förster. Zur Hauptstadt nach Königsberg fuhr man streckenweise mit der Kutsche, und die Fahrt dauerte natürlich einige Stunden. Weil mein Vater erkrankt war und Fieber hatte, der für ihn große Tag in der Kirche aber nicht verschoben werden konnte, flößten die Eltern ihm Cognac ein, damit er durchhielt, so dass er das Kirchenschiff schwankend und benebelt durchquerte.

Als ich im November 1939 in Königsberg geboren wurde, lebte meine Mutter zu der Zeit allein. Heute würde man vielleicht sagen , sie war eine 'grüne' Witwe, nur hatte die Abwesenheit meines Vaters andere Gründe als die des Broterwerbs. lm August des Jahres war in Deutschland mobilisiert worden und musste die „Ehre des Vaterlandes“ und Hitlers größenwahnsinnige Eroberungsvorstellungen verwirklicht werden.

Meine Eltern waren gerade mal neun Monate verheiratet, als mein Vater eingezogen wurde. Ich verbrachte meine erste Kinderjahre daher nur mit einem Elternteil.

Meine eigene Erinnerung an die Zeit in Königsberg bezieht sich mehr auf die kleine Welt eines Kindes.

Ich sehe noch unsere Wohnung vor mir. Geradeaus‚ vom Flur aus gesehen, lag das Herrenzimmer, heute würde man wohl eher Wohnzimmer sagen‚ von dort aus gelangte man durch eine breite Tür auf die Terrasse und von da aus in den Garten. Neben dem Herrenzimmer befand sich das Esszimmer. Hier wurde das erste Foto von mir aufgenommen‚ und obwohl die Wohnung mit Zentralheizung ausgestattet war, hielten wir uns später im Winter meistens in diesem Raum auf, als es kein Brennmaterial mehr gab.

Vom Esszimmer gelangte man ins Schlafzimmer. Auf der anderen Seite der Diele befanden sich noch ein Zimmer, das Bad (ich kann mich aber nicht erinnern, dass ich jemals in der Badewanne gelegen habe, was wohl wie gesagt, auf den Mangel an Heizmaterial zurückzuführen ist).

Meine Erinnerung an die Küche hat auch mit Kälte zu tun. Nur andersherum. lm Sommer kam zweimal in der Woche ein Pferdewagen mit Eisblöcken. Man ging hinaus auf die Straße und ließ sich ein Stück vom Eis abschlagen. Das war das 'Futter' für den Eisschrank. Später gab es diese kleinen Highlights auch nicht mehr: man hatte sowieso nichts Essbares mehr weder zum Kühlen noch Wärmen‚ und die Pferde wurden wohl anderen Zwecken zugeführt.

Ich erwähne die Wohnung nur, um zu zeigen, dass wir gar nicht schlecht eingerichtet waren und möchte dem entgegentreten, was uns später auf der Flucht von Ost nach West von unseren eigenen Landsleuten vorgeworfen wurde: man sah uns als zerlumptes Flüchtlingspack, das aus dem unbekannten Osten kam, nie was besessen hatte und sich nun im Westen breitmachen wollte.

Ich erinnere, dass wir oft meine Oma in der Innenstadt besucht haben. Wir fuhren dann mit der Straßenbahn und hielten auch immer am Zoo. Ich erkannte die Haltestelle, weil meine Mutter mit mir ein paar Mal im Tiergarten gewesen ist.

Die Zwillingsschwester meiner Mutter wohnte mit ihrer Familie etwas außerhalb der Stadt, und dorthin fuhren wir mit dem Fahrrad. Und zweimal sind wir zusammen mit meiner Oma in Schwarzort an der Ostsee zur Sommerfrische -so hieß das damals- gewesen.

Meine Mutter ging mit mir ins Wasser. Sie fing an zu schwimmen‚ ich lag auf ihrem Rücken‚ hatte mit den Händchen ihren Hals umklammert, während sie in der See schwamm. Auch das ängstliche Rufen meiner Oma vom Strand her "Hildchen, nicht so weit, " hat unserem Spaß keinen Abbruch getan und bei mir die Liebe zum Wasser und der Ostsee im Besonderen geweckt.

Irgendwie scheint es damals immer Sommer gewesen zu sein. Aber mehr und mehr kamen dunkle Wolken auf. Zu essen gab es immer weniger‚ man musste in den Geschäften lange anstehen, und oft bekam man trotzdem nichts.

Zu den Schwierigkeiten des täglichen Lebens, den Versorgungsengpässen, kam die Sorge um meinen Vater. Die Stimmung meiner Mutter schwankte je nachdem‚ ob Post oder keine Post von ihm gekommen war. Natürlich war es vollkommen ungewiss, wann man sich wiedersehen würde.

Ich glaube, ein Teil der Schwierigkeiten des damaligen täglichen Lebens bestand darin, dass man nur von Gerüchten lebte.

Im Radio gab es bloß die Nazipropaganda‚ später hatte man noch nicht einmal einen Radioapparat. In den Zeitungen stand auch nichts, nach dem man sich richten konnte. Was die Männer von den Fronten schrieben, war gefiltert und zensiert‚ wo genau sie sich befanden, war nicht deutlich zu ersehen, denn der Name des Standorts wurde geschwärzt.

So konnten die Frauen zu Hause, und allmählich wurde es ein mehr oder weniger nur Frauenland, sich kaum eine Vorstellung machen, was wirklich an den Fronten ablief. Anders mag es im Westen oder in der Mitte Deutschlands gewesen sein, aber Ostpreußen lag ja nun mal an der Peripherie, an der Grenze zu Russland und weitab vom politischen Geschehen in Berlin.

Außer den Hurra-Berichten im Radio bekam man schon mit, dass im Verlauf des Krieges auch Bombenangriffe auf Deutschland geflogen wurden und dass das Einfluss auf die Zivilbevölkerung hatte. Es passierte immer häufiger, dass Fremde im alltäglichen Leben auftauchten z. B. in Geschäften oder auch ab ca. 1942 im Luftschutzkeller. Außer Königsbergern saßen da auf einmal auch Rheinländerinnen oder Süddeutsche mit ihren Kindern.

Erst handelte es sich um sogenannte Evakuierte‚ später dann auch um Ausgebombte. Und so vernahm man aus quasi erster Hand‚ was sich in anderen Teilen Deutschlands zugetragen hatte, wodurch die Ungewissheit und die Angst sich mehrten.

Aus sogenannten Sicherheitsgründen wurden wir, meine Mutter, Großmutter und ich, zweimal evakuiert.

Das erste Mal wurden wir nur kurzfristig aufs Land transportiert und kamen schnell wieder nach Königsberg zurück. Das zweite Mal ist mir nachhaltiger im Gedächtnis geblieben. Wir wurden in einem Seitenteil eines Bauernhofs einquartiert. Durch ein größeres Zimmer, in dem auch drei evakuierte Frauen mit ihren fünf Kindern 'residierten'‚ gelangten wir in unsere Behausung: ein kleines Kämmerchen mit einem Bett. Das hatte zur Folge, dass meine Mutter und Oma nachts umschichtig schlafen mussten‚ eine im Bett, die andere auf einem Stuhl. In der nächsten Nacht wurde gewechselt. Nur ich hatte Glück und durfte jede Nacht bei einer der Frauen im Bett schlafen.

Ansonst war der Verbleib dort das reinste Spießrutenlaufen. Weil es in unserem Kämmerchen weder Wasser, Toilette, Herd oder dergleichen und nur die eine Tür gab, und auch wenn wir nur aus der Enge hinaus an die frische Luft wollten, mussten wir durch die 'Vorhölle', durch das Zimmer der Anderen. Die Frauen beschimpften uns‚ sie schrien herum und zeterten, und wir schlichen bedripst hinaus.

Der Weg zur Toilette, einem Plumpsklo irgendwo im Hof‚ war eine besondere Qual, weil man den Weg dorthin so lange wie möglich hinauszog, bis noch eine Zweite den gleichen Druck verspürte‚ und man nicht allein gehen musste.

Natürlich kann man im Nachhinein die Frauen im Vorderzimmer verstehen: drei Frauen und fünf Kinder lebten auf engstem Raum und mit allen Entbehrungen zusammen. Bis zu unserem Eintreffen durften die Frauen unsere Kammer mitbewohnen. Aber dann kamen wir und nahmen ihnen das bisschen Extraplatz weg. Meine Mutter und Oma waren jedenfalls heilfroh‚ als Entwarnung gegeben wurde‚ und wir nach Königsberg zurückkehren konnten.

Eine andere Möglichkeit Neues zur allgemeinen Lage im Lande zu erfahren‚ waren die Pflichtjahrmädchen. Da die Männer und männlichen Jugendlichen eingezogen wurden, Frauen Kinder „für Führer und Vaterland “gebären sollten, mussten nun auch die jungen Mädchen ihren Teil „für Führer und Vaterland“ beitragen und ein Pflichtjahr absolvieren.

Sie wurden überall da eingesetzt, wo Arbeitskräfte fehlten, also als Erntehelferinnen‚ als Hilfe im Haushalt usw. Und sie wurden überall im Land eingesetzt: im Norden, Süden, im Westen und im Osten. Damit kamen auch Berichte und Nachrichten‚ von denen man normalerweise nichts gehört hätte. Denn diese Mädchen empfingen Post mit allen sich zugetragenen Neuigkeiten von zu Hause, diese wurden dann weitererzählt.

Auch wir hatten ein Jahr lang ein Pflichtjahrmädchen. Sie hieß genau wie meine Mutter, Hildegard, und kam aus dem Ruhrgebiet. Sie sollte das Haushaltführen erlernen und der Frau des Hauses zur Hand gehen. Allerdings gab es in unserem Fall nicht viel Haushalt.

Das Kochen lernen war unmöglich, weil es einen Mangel an Lebensmitteln und an allen anderen Dingen des täglichen Bedarfs gab. Man war froh, wenn die Wäsche einigermaßen sauber wurde‚ mit hausfraulichem Können hatte das wenig zu tun eher mit Einfallsreichtum.

Für meine Mutter bedeutete die Anwesenheit der anderen Hildegard eine angenehme Abwechslung und vor allem Gesellschaft. Sicher haben es nicht alle Pflichtjahrmädchen, ich schreibe dieses Wort nochmals auf, weil es im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr besteht wie auch andere irrsinnige Dinge der Nazizeit, so gut getroffen wie 'unsere' Hildegard. Ohne Zweifel wurden andere mit Arbeit überhäuft und ihre Arbeitskraft ausgebeutet.

Wie gesagt‚ auch auf diese Art erfuhr man Neuigkeiten aus anderen Teilen Deutschlands, die die Hitler-Diktatur seinen Bürgern vorenthielt.

So konnte man eins und eins zusammenzählen: auch Ostpreußen und Königsberg wären auf die Dauer nicht sicher. Zudem häuften sich die Luftangriffe und die Gerüchte über den Vormarsch der Russen. Immer öfter setzten die Sirenen ein, wir mussten zu Tages- und Nachtzeiten in den Luftschutzkeller, hatten aber Glück‚ denn meistens gab es schnell Entwarnung.

In dieser Zeit geschah etwas Außergewöhnliches: Im Juni 1941 hatte Hitler den Angriff auf Russland befohlen, und ab Oktober des gleichen Jahres begann der Vorstoß aus dem Süden auf die Krim. Mein Vater hatte dort gekämpft und dann weiter in Russland, hatte als einer der wenigen Stalingrad überlebt. Die Schlacht um Stalingrad wurde von beiden Ländern mit großem Einsatz betrieben, forderte sowohl auf deutscher wie auch russischer Seite immense Verluste und bedeutete für Deutschland den Anfang vom Ende.

Die Kriegsführung gönnte meinem Vater 10 Tage Heimaturlaub. Somit erschien mein Vater zu Hause in Königsberg. Ich selbst habe keine Erinnerung an seinen Besuch. Laut Erzählung der Erwachsenen hätten wir zusammen gemalt, wobei ich es mit den Strichen nicht so genau genommen‚ er aber radiert und die Linien sorgfältiger gestrichelt hätte.

Auch eine andere Anekdote hat sich in der Verwandtschaft gehalten: während der paar Tage zu Hause haben meine Eltern die Zwillingsschwester meiner Mutter und deren Familie besucht. Auch deren Freund war anwesend. Man trank Kaffee und beklagte dessen schlechte Qualität. Meinem Vater‚ der gerade Stalingrad überlebt, aber den größten Teil seiner Kompanie unter erbärmlichen Umständen verloren hatte, ist wohl der Kragen geplatzt.

"Für euch Banausen riskieren wir unser Leben. Habt ihr keine anderen Sorgen, " soll er gesagt haben. Sie jedoch haben nicht verstanden, warum mein Vater irritiert war. Ihm allerdings hat dieser Eklat den Ruf eingebracht, dass er verrückt wäre.

Natürlich gab es auch angenehme Stunden, zum Beispiel der Besuch bei seinem Vater und der Schwester. Es wurden Neuigkeiten aus der Familie ausgetauscht. Diese zehn Tage gingen viel zu schnell vorbei, und das Abschiednehmen tat weh. Es wäre wohl schlimmer zu ertragen gewesen, wenn meine Eltern geahnt hätten, dass das der einzige Heimaturlaub werden sollte.

Im Anschluss an den Heimaturlaub musste mein Vater sich in der Nähe von Rostock melden und dort auf die zahlenmäßige Aufstockung seiner Kompanie warten. Durch die Verluste in Russland bestand seine Kompanie nur noch aus sechzehn Mann, und der deutschen Heeresführung lag viel daran, so schnell wie möglich neue Kampfeinheiten bereitzustellen. Darum wurden aufgeriebenen Einheiten zusammengewürfelt und als neue Kompanie wieder an die Front geschickt.

Bis es aber so weit war, verstrich ein bisschen Zeit, die für die wartenden Soldaten doch wie Urlaub gewesen sein muss, so ein Leben fern von der Front und ohne unmittelbare Gefahr. Es besteht ein Foto aus dieser Periode, dass eine Gruppe lachender Soldaten zeigt, die in Uniform auf einer Wiese im Sonnenschein liegt. Aus dieser Art Ferienlaune ist der folgende Vorfall zu erklären:

Vielleicht aus Langeweile oder Ausgelassenheit begann man auf Krähen zu schießen d. h. mein Vater und ein ihm untergebener Offizier. In Gegenwart von Batterieangehörigen schossen die beiden auf die Vögel, trafen aber nicht‚ das zum Gaudi der Anwesenden, die sie anfeuerten.

"Nachdem die Krähen aufgeflogen waren, meldete der Unteroffizier seinem Batteriechef - meinem Vater- , dass in der Nähe noch andere Tiere säßen. Es handelte sich um Rebhühner." (Zitat aus der Urteilsbegründung)

Alle zusammen begaben sich zu dem Feld, auf dem der Unteroffizier die Vögel erspäht hatte. Dieses Mal hat man getroffen und 6-8 Hühner erlegt.

”Die Hühner hat man in die Batterie Küche gegeben.¨( Zitat aus der Urteilsbegründung).

Als sich der Bauer meldete‚ auf dessen Gelände die Schießerei stattfand, und der außerdem meinte, die Rebhühner wären sein Eigentum, hat mein Vater ihn finanziell entschädigt.

Wie mein Vater Jahre später erzählte, hatten seine Männer endlich mal anständiges Essen bekommen.

Trotzdem kam es zu einer Gerichtsverhandlung vor dem Feldgericht Rostock. Wenn man heute die Begründung liest und bedenkt‚ wie viele Personen mit der Verurteilung befasst waren, kann man sich nur an den Kopf fassen.

Mein Vater wurde verurteilt, weil er keinen Jagdschein besaß, - - (aber auf Menschen durfte er ohne den schießen), weil er Beutemunition zum Spaß verschossen und vor allem weil er die Vergrämung des Hühnervolkes bewirkt habe!

Sein Untergebener bekam drei Monate, mein Vater vier Monate Gefängnis. Die Strafe sollte nach Beendigung der Kriegstätigkeiten abgesessen werden.

Damit hatte mein Vater ein Strafblatt und die Gewissheit‚ falls er den Krieg überleben würde‚ wartete das Gefängnis auf ihn. Und das, wegen ein paar Rebhühnern.

Während rundherum die Welt zerbrach, Menschen verhungerten‚ ermordet und vergast wurden, haben sich sieben Männer (ich habe die Unterschriften auf der Urteilsbegründung gezählt) mit dieser Lappalie beschäftigt und sogenannte moralische Urteile gefällt und unterschrieben. Das Gericht hat sich damit auf Kosten anderer eine Daseinsberechtigung, weit entfernt vom Kriegsgeschehen, ausgestellt. Diese Herren brauchten nicht an die Front, wie Millionen anderer, weil sie ja in dem Unrechtsstaat Recht sprechen mussten Mein Vater hat diese Verurteilung bis zu seinem Lebensende immer als große Schmach gesehen.

Meine Mutter hat von diesem Vorfall nichts gewusst, natürlich auch nicht, dass er bis zur Verurteilung in Einzelhaft saß. Erst Jahre später hat sie von dem Allen erfahren.

Heute ist es kaum vorstellbar, wie abgeschnitten man von den Ereignissen um einen herum war, gibt es doch nun die modernen Kommunikationsmittel, wodurch man in Sekundenschnelle mit der Außenwelt verbunden ist. Dieses nichts genaues Wissen machte es für die Frauen schwer, richtige Entscheidungen zu treffen.

Das ist vielleicht auch einer der Gründe‚ warum der Aufbruch gen Westen erst so spät stattfand, abgesehen von den offiziellen Durchhalteparolen hatte man keinen Überblick über die allgemeine Lage.

DEUTSCHLAND KARTE 1939

Deutschland Karte. Quelle: Wikipedia

ZERSTÖRUNG KÖNIGSBERGS

Mit dem Verlauf des Krieges und den zunehmenden Luftangriffen des 'Feindes' fand unser Leben immer mehr im Luftschutzkeller statt. Auch das ist ein Wort, was im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr vorkommt. Was besagt dieser Ausdruck eigentlich? Schutz vor der Luft oder Luft, die geschützt werden muss? Jedenfalls war das der Keller, in dem wir Schutz suchten, wenn es Fliegeralarm gab.

Wir brauchten dann nur ein Stückchen die Straße hoch gehen und uns in den Keller des anderen Hauses begeben. Es war ein rechteckiger Raum‚ natürlich ohne Fenster, an den Wänden standen biergartenähnliche Holzbänke, auf denen man sitzend die Zeit verbrachte.

Anfangs kamen jeweils vierzig bis fünfzig Personen. Später, als mehr Gebäude zerbombt waren, mussten sich bis zu achtzig Leute den Raum teilen. Da die Bänke nicht ausreichten, musste ein Teil der Schutzsuchenden die Wartezeit auf dem Boden verbringen. Daher gab es immer eine Rennerei in Eile zum Keller‚ damit man einen einigermaßen guten Platz erwischte.

Was am meisten nervte‚ war die Ungewissheit, wann es wieder Alarm gab, und wann die Sirenen wieder heulten. Es konnte am Tag sein, sogar mehrmals, aber auch vor allem nachts. War man gerade aus dem Keller gekommen und legte sich abends in sein Bett, dann konnte es passieren, dass gleich wieder Alarm gegeben wurde. Ich als Kind habe oft im Keller‚ angelehnt an meine Mutter, geschlafen. Nicht immer wurde ich bei nächtlichem Fliegeralarm wach, und dann musste sie mich tragend zum Luftschutzkeller schleppen.

Jeder hatte in dieser Zeit eine Art Notgepäck bereitstehen. Es bestand meistens aus einem kleinen Koffer, in den das Notwendigste gepackt wurde: irgendwelche Papiere, Fotos‚ auch etwas Kleidung. Natürlich gab es auch Leute, die mit großem Gepäck angeschleppt kamen, weil sie sich von ihren Sachen nicht trennen konnten, und manche erwarteten auch noch Hilfe beim Tragen zum Keller. Aber da war sich doch jeder der Nächste. Erstens war Eile geboten, denn es ging ja um das Überleben und außerdem hätte ja jeder gern etwas mehr von den eigenen Sachen gerettet.

Die Wartezeit im Keller war schaurig. Wegen der Enge war die Luft stickig. Von draußen drang das Getöse des Flugzeuglärms, manchmal vermischt mit dem Geräusch von explodierenden Bomben. Kinder, die geschlafen hatten‚ wurden wach und schrien. Auch den Erwachsenen gingen die Nerven durch. Viele der Frauen wurden in ihrer Angst hysterisch und wollten vor allem eins: aus dem Keller raus. Aber die Tür nach draußen war verriegelt und musste zum Schutz der Allgemeinheit geschlossen bleiben. Dafür hatte der Luftschutzwart zu sorgen. Er war hier drinnen der Herrscher über uns Eingeschlossene. Er war auch unerbittlich, wenn sich Kranke unter uns befanden. Manchmal hatte jemand 'oben' die Tabletten vergessen oder in der Eile versäumt, etwas zu trinken mitzunehmen. Für ihn waren das nur Ausreden und kein Grund die Tür zu öffnen. Auch nicht, wenn jemand wie irrsinnig mit dem Fausten auf die Tür schlug. Alle, die bisher versuchten ein bisschen vor sich hin zu dösen‚ waren nun vollends wach‚ und die Nacht dauerte desto länger.

Manchmal befanden sich auch Frontsoldaten, die auf Heimaturlaub oder zur Erholung nach einer Verwundung nach Hause geschickt worden waren, unter uns. Diese Männer sagten jedes Mal, dass das Eingesperrt sein im Luftschutzkeller schlimmer sei als das Dasein an der Front. Da sähe man zumindest, was auf einen zukommt und sitzt nicht wie wir im Keller wie in einer Mausefalle.

Ganz schlimm war es, wenn draußen irgendwo in der Nähe eine Leitung getroffen wurde und damit bei uns im Keller das Licht ausging. Ich kann mich erinnern, dass dann oft jemand laut anfing zu beten und nach und nach andere Stimmen einfielen und mitbeteten. Manchmal haben wir auch Kirchenlieder gesungen. Mitunter schafften wir das nicht einmal.

Für mich gab es einen Lichtblick in dieser dunklen Zeit. In unseren Keller kam auch immer eine Mutter mit ihrem Sohn. Er war in meinem Alter, also um die fünf Jahre alt, und er hatte rote Bäckchen. Ich fand sein Aussehen hinreißend und ich hätte gerne mit ihm gespielt und ihm meine Puppe gezeigt. Es kam jedoch jedes Mal anders. Wenn die Mutter mit ihrem Hansi im Keller erschien, hatte sie auch immer einen tiefen Teller mit Essen für ihn dabei. Sobald die Beiden saßen, fütterte die Mutter ihr Kind, und sowie der Teller leer war, schlief Hansi ein. So wurde aus dem Spielen nichts‚ auf das ich so sehr gehofft hatte.

Meiner Mutter war es immer ein Rätsel, wie es der Frau gelungen ist, immer den Teller mit Essen parat zu haben. Noch Jahre nach dem Krieg hat sie sich darüber gewundert. Eins ist aber sicher, der Schlaf des Kindes war dieser Frau wohl wichtiger als das Hab und Gut, das die anderen mit sich mitschleppten.

Ab und zu kam es vor, dass man einen anderen Keller aufsuchen musste, nämlich dann, wenn man unterwegs in der Stadt war und von einem Fliegeralarm überrascht wurde. Dann rannte man den anderen Rennenden (mit oder ohne Notgepäck ) hinterher und landete so in einem Luftschutzbunker.

(Diese Erfahrung aus meiner Kindheit kam mir immer in fremden Städten zugute. Immer dort‚ wo man mit vollen Plastiktüten oder Taschen herkommt, liegt der Markt. So braucht man keinen Stadtplan. )

Der Höhepunkt unseres Kellerdaseins kam Ende August 1944, also fünf Jahre nach Ausbruch des Krieges. In der Nacht vom 26. zum 27. gab es wieder mal Fliegeralarm und im Keller hörten wir die massiven Angriffe. Wenn in der Nähe Bomben explodierten, wackelten schon mal die Wände. Verängstigt und unausgeschlafen durften wir aber gegen Morgen in unsere Wohnungen zurückkehren. Als wir uns wieder auf die Straße trauten und Kontakt zu Bekannten und zu der Verwandtschaft suchten, wurde uns erzählt, was alles zerstört worden sei. Auch Besorgnis machte sich breit, weil der eine oder andere Freund oder Freundin nicht mehr gesehen worden sei oder zu Hause nicht anzutreffen wäre.

Den nächsten Tag blieben wir oben und brauchten nicht in die 'Unterwelt'. Am 29. August kam die Royal Air Force wieder, und das war der Anfang vom Untergang Königsbergs.

480 Brandbomben wurden über der Stadt abgeworfen. Im Luftschutzkeller war es nicht auszuhalten. Da um uns herum die Häuser zerstört wurden und zusammensackten, drang durch die Tür Ritze immer mehr Staub zu uns Eingeschlossenen hinein. Wir husteten und würgten‚ die Kellerdecke bebte und der Spuk hörte und hörte nicht auf. Endlos schien das Motorengeräusch der Flugzeuge und das Einschlagen der Bomben.

Irgendwie wurde es Morgen, und es gab Entwarnung. Nun hätten wir nach oben gehen können. Als der Wart mit ein paar Frauen versuchte die Tür zu öffnen, rutschte Geröll und Schutt in die Öffnung und wir waren von der Außenwelt abgeschnitten. Wir hatten kaum Luft zum Atmen. Panik brach aus. Das Schreien der Leute übertönte alles. Bis dann ein paar Besonnene anfingen die Trümmer zur Seite zu schaffen. Wer konnte half mit, aber alles musste langsam geschehen, denn das Atmen fiel schwer‚ und das bisschen Luft im Kellerraum war sowieso schon stickig genug.

Am Vormittag war es dann soweit: wir hatten eine Öffnung nach draußen! Einer nach dem anderen, auf Händen und Füssen, krochen wir durch das Loch, und als wir uns aufrichteten, konnten wir durchatmen.

Einige Häuser in der Nähe waren nur noch Ruinen, aber unsere Wohnung hatte glücklicherweise nichts abbekommen. Alles war noch so wie vorher. Nur waschen konnten wir uns nicht. Aus der Leitung kam kein Wasser. Trotzdem hat meine Mutter mich ins Bett gesteckt. Auch sie hat sich hingelegt und ist gleich eingeschlafen. Ich weiß nicht, wie lange die Ruhe währte, auf einmal hörte ich ein Klopfen und erschien ein schwarzes Gesicht am Fenster. Ich muss mich wohl sehr erschreckt haben. Jemand sagte:

„Helgachen, erschrick nicht, ich bin es, Tante Erna‚ mach die Mutti wach!“.