Königskind - Tina Tannwald - E-Book

Königskind E-Book

Tina Tannwald

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Beschreibung

Die Chance, den Kampf gegen einen mächtigen Gott zu gewinnen, ist winzig - nutze sie! In Abdera, der alten Stadt der Odrysii, muss Johanna in die Rolle der den Göttern geopferten Königstochter schlüpfen. In der Stadt brodeln die Vorboten einer Rebellion und Keron verstrickt sich in einen Machtkampf mit Gavril, der in Johanna seine geopferte Gefährtin sieht. Die Rivalität der beiden Männer endet mit der Aufdeckung Kerons wahrer Identität und seiner drohenden Hinrichtung als Dämon. Doch Zeus, der jugendliche Gott der Minoii, bietet Johanna seine Hilfe an. Ihm ist allerdings jedes Mittel recht, um die alten Götter herauszufordern … . 2. Auflage 2019 484 Taschenbuchseiten im Format 12,5 cm X 19 cm  

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Tina Tannwald

Königskind

Satyri Teil 2

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Kapitel 1 die Stadt

Mit dem ersten grauen Licht des frühen Morgens brachen wir unser Lager ab.

Gesprochen wurde wenig, und das war mir ganz recht, denn ich hatte lange wachgelegen und fühlte mich nun wie gerädert. Immer wieder hatte ich mich gefragt, ob es überhaupt gelingen konnte, nun Ioanna zu spielen, obwohl ich so gut wie nichts über sie wusste, weder über ihr Leben noch über ihren Charakter. Ihre Seele schien mir jede Information verweigern zu wollen, doch der Gedanke, Alkéos oder gar Gavril darum zu bitten, mir etwas über sie zu erzählen, behagte mir ganz und gar nicht. Ich wollte ihnen nicht offenbaren, wie sehr wir auf ihre Hilfe angewiesen waren, zumindest noch nicht.

Gavril hievte nicht weit von mir die Satteltaschen auf sein Pferd und ich warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Er sah aus, als hätte er gar nicht geschlafen, doch zumindest schien er mich nicht mehr beobachten.

Es brauchte nur einen Wink von Alkéos, dann saßen wir auf, folgten dem Flusslauf und erreichten den Waldweg, den wir gestern verlassen hatten.

 

Eine ganze Weile ritten wir still durch den Wald, und ich sah hin und wieder auf die Wölfe hinab. Sie trotteten ruhig neben uns her, also schien uns eine weitere Begegnung mit den Minoii vorerst erspart zu bleiben. Alkéos hatte nicht erwähnt, wie weit es nun noch war, bis nach Abdera. Und auch danach mochte ich nicht fragen, denn ich hatte es ganz und gar nicht eilig, Tereus gegenüberzutreten. Allein bei dem Gedanken daran beschleunigte sich mein Puls und ich musste tief Luft holen.

Dass der Ma‘issoi sein Pferd gezügelt hatte, bemerkte ich erst, als meine Stute von allein anhielt.

„Wir sind nun beinahe da“, sagte Alkéos, der sich zu uns umgewandt hatte. „Sei unbesorgt, Johanna und verlass dich auf uns. Du musst damit rechnen, dass die Menschen dich behandeln, als seist du tatsächlich Ioanna und damit die Abgesandte der Großen Jägerin. Nur eines noch ... .“Sein Blick wanderte zu Keron hinüber. „Habt ihr beide den Bund miteinander geschlossen?“

Ich runzelte die Stirn, doch Keron wusste offenbar, was damit gemeint war.

„Noch nicht“, antwortete er gelassen. „Aber es ist beschlossen.“

Alkéos nickte verstehend. „Für Tereus und alle anderen in der Stadt seid ihr ab jetzt Mann und Frau, das nimmt dem König die Möglichkeit, euch zu trennen.“

Nun begriff ich und sah Keron prüfend an, doch seinem Gesicht war nicht abzulesen, ob er es ernst meinte oder seine Worte eher dazu dienten, Gavril zu demonstrieren, dass jede Hoffnung vergebens war. Alkéos setzte sich wieder in Bewegung und ich fing Gavrils Blick auf, der mich nachdenklich musterte, bevor er sich abwandte.

 

Als der Wald sehr plötzlich endete, glitten mir die Zügel aus der Hand. Vor uns lagen säuberlich angelegte Felder, eine Menge davon, durch die ein mit Steinen gepflasterter Weg führte. Er mündete in ein großes, zweiflügeliges Tor, das in eine imposante, steinerne Mauer eingelassen war. In meiner Vision musste ich die Stadt gemeinsam mit ihren Bewohnern durch eben dieses Tor verlassen haben, doch seine Ausmaße und die der Stadt selbst hatte ich nicht bemerkt.

Die Bruchsteinmauer zog sich vom Tor aus weit in beide Richtungen, an ihren Ecken waren Türme zu sehen, und ich meinte Männer mit Helmen zu erkennen, die von dort oben über das Land blickten.

Erstaunt entdeckte ich, dass das Meer nun sehr nahe war. Weißliche Segel hoben sich gegen das Blau des Himmels ab und in der Nähe der Schiffe waren die Dächer langgezogener Gebäude zu erkennen; Abdera besaß also offenbar einen Hafen.

Linkerhand stieg das Gelände hinter den Feldern an und ich erkannte den lichten Wald aus Olivenbäumen wieder. Irgendwo dort oben lag die Grube mit den Speeren.

„Kommt“, sagte Gavril, und als ich aufsah, bemerkte ich, dass Keron neben mir ebenfalls verblüfft stehengeblieben war.

„Sollen wir Táwo und Lazis in den Wald schicken?“, fragte ich ihn leise.

Er dachte kurz darüber nach, dann schüttelte er den Kopf. „In unserer Nähe sind sie nicht in Gefahr, denke ich. Und vielleicht brauchen wir sie dort drinnen.“

 

Wir folgten Alkéos und Gavril, die ohne Hast auf das Tor zustrebten, und ich versuchte, ruhig zu atmen und meinen Pulsschlag zu beruhigen. In den Feldern arbeiteten Menschen, die die Köpfe hoben und uns neugierig betrachteten. Sie hatten tatsächlich alle blondes Haar, einige sogar sehr helles, und mir ging auf, dass ich noch niemals so viele Blondschöpfe auf einmal gesehen hatte. Die meisten betrachteten uns kurz und widmeten sich wieder ihrer Arbeit, aber einige Ältere wirkten wie erstarrt und ich senkte die Augen unter ihrem Blick.

Lazis hielt sich dicht neben meinem Pferd und ich spürte, dass sie nervös war. Ich fühlte mit ihr, und als sie den Kopf hob, dachte ich ganz bewusst daran, dass ich nicht von ihrer Seite weichen würde, in dieser Stadt. Sie schien zu verstehen, schnaubte vernehmlich und verzog die Lefzen. Ich begriff und musste unwillkürlich schmunzeln. Sie hielt nichts von Menschen, die sich hinter hohen Mauern versteckten, aber wenn ich nun mal dort hinein musste, würde sie ebenfalls nicht von meiner Seite weichen.

Wir hatten das Tor noch nicht erreicht, als es sich öffnete und eine ganze Reihe von Reitern, Menschen und Karren herausströmten.

Alkéos bedeutete uns, abzusitzen, dann führten wir die Pferde an den Rand des Weges, um ihnen Platz zu machen. Die Odrysii begannen offensichtlich ihr Tagewerk und beachteten uns nicht weiter.

Schließlich setzten sich unsere neuen Freunde in Bewegung und ich bemerkte zwei Torwachen, die uns musterten. Beklommen wandte ich den Blick ab, denn nun mussten Keron und ich sicher Auskunft geben, wer wir waren und was uns nach Abdera führte.

Doch Alkéos und Gavril nickten den Wachen lediglich zu und sie ließen uns passieren, selbst unsere Wölfe schienen sie nicht zu beunruhigen.

 

Das Erste, was mich hinter dem Stadttor überfiel, war der Geruch. Ein Gemisch aus Kräutern, Gebratenem, Feuern, Metall, Holz und Etlichem, das ich nicht einordnen konnte. Und laut war es obendrein. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass wir an den Werkstätten einiger Handwerker vorüberschritten. In den Toreingängen und vor den Türen arbeiteten Männer und Frauen an Tonklumpen, Webstühlen, Fellen und Leder. Der größte Lärm jedoch stammte von einer Schmiede. Sie besaß ein geräumiges Vordach, unter dem das Feuer unterhalten und das Metall gehämmert wurde.

Kinder spielten auf der Straße, und als eines Táwo und Lazis entdeckte, blieb es staunend stehen. In Windeseile folgten uns gleich fünf oder sechs von ihnen und schließlich fiel das auch den Erwachsenen auf. Sie hoben die Köpfe und einige hielten verblüfft inne und rissen die Augen auf.

„Hier können wir unsere Pferde unterstellen“, sagte Alkéos und wies in einen hohen Toreingang neben der Schmiede.

Dankbar, der Straße zu entkommen, trat ich hinter ihm in das Halbdunkel eines Stalles und ein kräftiger Junge kam uns entgegen.

„Alkéos, Gavril! Wie gut, dass ihr zurück seid!“

Er griff nach Gavrils Arm, dann fiel sein Blick auf mich und Keron und er hielt erstaunt inne.

„Kümmere dich um unsere Pferde, Théos“, bat Alkéos. „Und vergiss vorerst, dass wir nicht allein zurückgekehrt sind.“

Der Blick des Jungen erfasste Lazis und Táwo und seine Augen wurden tellergroß.

„Sind das Wölfe?“

Der Ma'issoi schmunzelte. „Ja, Théos. Und wenn du im Unterricht gut aufgepasst hast, dann weißt du auch, warum sie die beiden Menschen begleiten, die bei uns sind.“

Der Junge hob den Kopf und sah einigermaßen fassungslos zwischen Keron und mir hin und her, brachte jedoch kein Wort heraus. Erst als Gavril ihm die Zügel in die Hand drückte, erwachte er aus seiner Starre.

„Sind das Kinivoii, heilige Jäger?“

Der Ma'issoi nickte und legte seinen Finger an die Lippen. „Behalte es noch eine Weile für dich, bis ich mit dem König gesprochen habe.“

Théos begann zu lächeln und nickte eifrig. „Natürlich, ihr könnt euch auf mich verlassen!“

Er führte die Pferde fort, und Alkéos bedeutete uns, ihm zum Hinterausgang zu folgen. Wir traten in eine schmale Gasse, die links und rechts von Häusern gesäumt und menschenleer war.

„Darf ich nachher zu euch kommen und die Wölfe kennenlernen?“

Théos stand auf der Torschwelle und mied verlegen meinen Blick, als ich mich umwandte.

„Das musst du Keron und Johanna fragen, Théos, nicht mich“, gab Alkéos zurück.

Ratlos sah ich zu Keron auf, der unschlüssig die Stirn runzelte.

„Er ist ein guter Junge“, sagte Gavril leise. „Und sein Vater Dímos ist uns ein treuer Freund.“

Ich nickte zustimmend und schenkte dem Jungen ein Lächeln. „Dann bis später, Théos.“

Mit einem glücklichen Grinsen verschwand er im Innern der Schmiede und wir setzten unseren Weg fort.

 

Das Treiben auf der Hauptstraße drang nur noch gedämpft zu uns herüber, und ich war froh darum, dass Alkéos und Gavril uns so verschwiegen durch die Stadt führten.

Obwohl ich die lehmverputzten Häuser in meiner Vision schon einmal gesehen hatte, bestaunte ich sie ebenso, wie Keron. Sie waren alle von gleicher Bauart und wirkten aneinandergeklebt, wie Bienenwaben. Über den Wänden ragten Spitzdächer empor, gedeckt mit langen Holzbrettern, die wie Schiffsplanken wirkten und in der Sonne glänzten, als seien sie mit Öl eingerieben worden.

Je weiter wir uns vom Tor entfernten, desto größer und gepflegter waren die Häuser und schließlich besaßen sie auch ein zweites Stockwerk, das von außen über eine angelehnte Holzleiter zu erreichen war. Das Obergeschoss war jedoch ein wenig zurückgebaut, sodass sie vor dem Eingang eine überdachte Fläche besaßen, die mich sofort an die Balkone in meiner Welt erinnerten.

Auf einem davon saß eine junge Frau mit einer Handspindel, neben sich einen großen geflochtenen Korb, aus dem heraus es fröhlich brabbelte. Sie nickte uns freundlich zu, als wir vorübergingen, und ihr langer, flachsblonder Zopf beeindruckte mich so ungemein, dass ich in Keron hineinlief.

„Willkommen in meinem Heim“, sagte Alkéos und öffnete eine mit Eisenbeschlägen geschmückte Tür.

 

Zögernd trat ich in das Halbdunkel, während Alkéos zu den beiden kleinen Fenstern hinübereilte, um die Vorhänge beiseite zu ziehen und die Läden zu öffnen.

Ich blickte direkt auf einen gemauerten Herd; zumindest erinnerte mich das Gebilde daran, denn anders, als in Kerons Hütte oder in Muma Haus war es kein offener Kamin. Mitten im Zimmer stand ein Tisch, der sechs Personen Platz bot, und an der rechten Wand ein hölzernes Bett, das sich eigentlich nur durch seine elegantere Machart und das polierte, hellgraue Holz von Kerons Kastenbett unterschied.

Abgesehen von den mit allem Möglichen vollgestopften Regalen, die sich auch hier über die Wände zogen, und dem Bärenfell vor dem Bett, wirkte es eher karg.

„Ich ziehe es vor, ein wenig bescheidener zu leben, als Tereus, auch wenn ihm das nicht gefällt“, bemerkte Alkéos und es klang verlegen.

„Warum gefällt ihm das nicht?“, fragte ich und musterte den Ma'issoi neugierig.

Er hob seufzend die Hände. „Er ist der Meinung, dass ich als sein Bruder bei ihm in der großen Halle wohnen sollte. Aber das will ich nicht, denn es ist nicht angemessen, wenn ein Ma'issoi im Luxus lebt.“

Er war sein Bruder? Diese Eröffnung zog mir unwillkürlich den Magen zusammen und ich wich seinem prüfenden Blick aus.

„Und wo geht es dort hin?“

Ich wies auf den Durchgang neben dem Herd und hoffte, dass er mir nicht vom Gesicht abgelesen hatte, was in mir vorging.

„Geh' nur und sieh' nach“, sagte Alkéos und ich setzte mich in Bewegung.

Auf der Türschwelle blieb ich überrascht stehen, denn für einen Moment, meinte ich wieder in Hirons Höhle zu schauen. Auf einem sehr langen Tisch türmten sich Pergamentrollen, Krüge, Flaschen, Schalen und metallene Gerätschaften, die mir alle völlig unbekannt waren. Auch hier zogen sich Regale über die Wände bis hoch zur Decke, die neben einer Unzahl von Pergamentrollen weitere Tiegel und Töpfe beherbergten. Vor dem Tisch stand ein Stuhl mit hoher Lehne, der mich augenblicklich an die der Muma erinnerte, denn er war weich gepolstert mit einem hellen Fell und zwei Kissen.

„Wenn du noch ein Stück weitergehst, wirst du Bendis begegnen.“

Alkéos stand hinter mir und wies auf den nächsten Durchgang in der uns gegenüberliegenden Wand.

Zögernd umrundete ich den Tisch und runzelte die Stirn, denn dieser letzte Raum schien leer zu sein.

Das war er tatsächlich, bis auf eine etwa hüfthohe, breite Steinsteele, die links von mir an der Wand stand, und einem dreibeinigen Tisch, direkt daneben. Die Steele zeigte eine hochgewachsene Frau mit gespanntem Bogen und spitzer Kappe, zu ihren Füßen ein Tier, das wohl einen Wolf darstellte. Auf dem dreibeinigen Tischchen standen eine flache Schale und eine Öllampe, neben einigen vertrockneten Blumen. Es musste ein Altar für die Göttin Bendis sein, deren Abbild auf dem Stein dem kleinen Zimmer etwas von einem Tempel gab.

„Einen solchen Raum besitzt beinahe jedes Haus in Abdera“, klärte mich Alkéos auf. „Allerdings begnügen sich die meisten Bewohner mit den Tonstatuetten der Großen Jägerin, wie Gavril sie herstellt.“

Mein Kopf fuhr herum und ich musterte Gavril, der lächelnd hinter uns stand.

„Ich weiß, ich sehe nicht aus, wie ein Töpfer und Steinhauer“, klärte er mich auf. „Und ich bin es auch eigentlich nicht, denn ich fertige nur die Abbilder der Götter, die wir verehren; Bendis und Zagreus. Und für einige der Alten Zemele und Boreas.“

Er sah tatsächlich nicht aus, wie ein Künstler, obwohl die Steinhauerei zumindest erklären konnte, wie er zu seiner kraftvollen Erscheinung gekommen war.

„So, nun lasst uns den Herd einheizen und dann hole ich Mirtha, damit sie uns etwas Gutes zu essen macht.“

 

Mirtha entpuppte sich als beleibte Matrone, die uns freundlich begrüßte und gleich einen geräumigen Korb mit Essbarem mitgebracht hatte. Sie hielt sich nicht damit auf, uns oder die Wölfe anzustarren, und machte sich an die Arbeit, als sei sie daran gewöhnt.

Keron und ich stellten unsere Rucksäcke ab und setzten uns zu Gavril und Alkéos an den Tisch, als sich die Tür erneut öffnete und die junge Frau mit dem langen blonden Zopf eintrat. Sie trug eine Amphore und anders als Mirtha blieb sie mitten im Raum stehen und musterte Keron und mich neugierig.

„Létha!“ Alkéos erhob sich und griff nach dem tönernen Gefäß. „Vielen Dank für den Wein, das wäre nicht nötig gewesen!“

Gavril wandte sich um und nickte der jungen Frau zu, die seinen Blick lächelnd erwiderte, während sich ihre Wangen röteten.

„Steh' nicht so rum, Létha, es ist unhöflich, Alkéos' Gäste anzustarren“, wies Mirtha sie zurecht. „Hilf' mir lieber und setz die Suppe auf. Ich entschuldige mich für meine Tochter“, sagte sie an uns gewandt und ihr Lächeln hatte etwas Warmes und Ehrliches.

Létha beeilte sich, ihr den Metalltopf aus den Händen zu nehmen, und ihn auf den nun angeheizten Herd zu setzen. Ihre Mutter indes packte den Korb aus und meine Augen wurden immer größer, als sie neben Brot und Käse auch würzig duftende Oliven, Butter, eine armdicke Wurst und frische Feigen auf den Tisch stellte.

„Ich hoffe, ihr seid hungrig“, schmunzelte sie angesichts meines Staunens und ich nickte.

„Das sieht köstlich aus und es duftet auch so!“

„Mirtha ist die beste Köchin in ganz Abdera“, sagte Alkéos. „Und zu unserem großen Glück kümmert sie sich um Gavril und mich!“

Die stämmige Frau lächelte stolz und wir alle griffen beherzt zu. Keron hatte kaum von der Wurst gekostet, als er innehielt und ihr einen bewundernden Blick zuwarf.

„Alkéos und Gavril haben wirklich sehr großes Glück, ich habe noch nie etwas Besseres gegessen!“

Verlegen wandte sie den Blick ab und ich war mir sicher, dass er ihr Herz gerade im Sturm erobert hatte.

„Ich habe auch etwas für eure Hunde mitgebracht, ich hoffe, sie mögen es.“

Sie hob eine rohe Rehkeule aus ihrem Korb und ich hielt inne.

„Das sind keine Hunde, Mirtha“, sagte Gavril. „Es sind Wölfe, sie sind Kerons und Ioannas Gefährten.“

Mirtha entwich keuchend die Luft und im Hintergrund fiel Létha geräuschvoll eine Kelle aus der Hand. Ich spürte Alkéos Blick auf mir, als die beiden Frauen mich ungläubig musterten und hatte plötzlich das intensive Gefühl, dass ich ihrem Blick nun standhalten musste.

„Wölfe? Aber ... .“, stotterte Mirtha. „Und dein Name ist Ioanna? Bei Bendis und Zemele!“

„Ihr braucht keine Angst vor den Wölfen zu haben“, wandte Keron ein. „Sie nehmen deine Rehkeule sicher gern an.“

„Sie ist es Mirtha“, stellte Gavril fest. „Aber Tereus weiß es noch nicht.“

Ich schluckte hart, während sich in mir eine Mischung aus Furcht und Aufregung ausbreitete. Ich hätte Gavril gern einen bösen Blick zugeworfen, denn nun hatte er mich sehr viel eher in die Rolle Ioannas gedrängt, als es nötig gewesen wäre. Aber das war nun wohl nebensächlich.

Keron erhob sich und nahm Mirtha vorsichtig die Rehkeule aus der Hand. Und als hätte er sie damit aus ihrer Starre erlöst, trat sie um den Tisch herum und sank vor mir auf die Knie.

„Gepriesen sei die Große Jägerin, die dich aus dem Totenreich zu uns zurückgebracht hat“, hauchte sie und in ihren Augen schimmerte es feucht. „Bitte gib mir deinen Segen, Herrin.“

Völlig überfordert sah ich zu Alkéos hinüber, der auch nicht sonderlich glücklich schien über die plötzliche Wendung.

„Ioanna ist noch ein wenig erschöpft von der Reise“, sprang er mir bei. „Aber sie hat sicher keine Einwände, dir die Hand auf den Kopf zu legen und den Segen der Bendis zu spenden.“

Mehr Anleitung war momentan wohl nicht möglich und mir dämmerte, dass nun so einige Situationen auf mich zukommen würden, in denen ich improvisieren musste. Zögernd legte ich Mirtha die Hand auf den Scheitel und ihr vertrauensvoller Blick ließ mich erneut schlucken.

„Die Göttin Bendis möge dich segnen“, sprach ich viel zu leise, doch sie schloss andächtig die Augen.

Ein merkwürdig erhabenes Gefühl stellte sich ein und drängte meine Angst in den Hintergrund.

„Und ebenso deine Familie.“

Das war mir spontan eingefallen, und während sich Mirtha mit einem Nicken bedankte und aufstand, war plötzlich ihre Tochter vor mir. Sie ging auf die Knie und senkte den Kopf, bevor ich ihr in die Augen schauen konnte. Ich wiederholte den eben gesprochenen Segen und fand es ein wenig merkwürdig, dass sie sich lächelnd erhob und so stumm blieb, wie sie vorhin durch die Tür getreten war.

„Létha spricht nicht“, sagte Gavril, der meinen Blick wohl bemerkt hatte.

„Oh, es tut mir leid, Letha“, erwiderte ich betroffen. „Ich habe nicht bemerkt, dass du stumm bist.“

Die junge Frau wandte sich mit einem verlegenen Lächeln um, nickte mir zu und widmete sich dann wieder dem Essen auf dem Herd.

„Stumm ist sie nicht“, fuhr Gavril fort und sah mich düster an. „Zumindest war sie es nicht, bis sie im vorletzten Winter im Wald auf die Minoii traf.“

„Das ist gewiss kein Thema für ein Willkommensessen, Gavril“, bemerkte Alkéos leise.

In den Augen seines Sohnes blitzte es auf, doch er sagte nichts dazu. Ich tauschte einen Blick mit Keron und sah, dass er die Andeutung ebenso verstanden hatte, wie ich. Immerhin hatten wir Létha mit einem Kind in einem Weidenkorb angetroffen.

Die arroganten Gesichter der Minoii tauchten vor mir auf. Und mit der Erinnerung an die Aufforderung ihres Anführers, meinen Harnisch abzulegen, kam der Zorn; so unbändig, dass ich vernehmlich schnaubte.

„Hat man die Minoii zur Rechenschaft gezogen?“, wollte ich wissen und ignorierte Alkéos' gerunzelte Stirn.

Gavril sah überrascht auf und nickte. „Er lebt nicht mehr, dafür habe ich gesorgt.“

Einen Moment sahen wir uns in die Augen und meine Abneigung gegen ihn geriet ins Wanken, ob ich es nun wollte, oder nicht.

„Das scheint mir nicht genug zu sein für diesen Abschaum“, stellte ich fest und hatte das dringende Bedürfnis, Polyvios und seine ganze Meute persönlich in die Opfergrube zu stoßen.

Létha hatte sich umgewandt und musterte mich mit großen Augen, als erwarte sie, dass ich nun direkt den Befehl zur Ausrottung der Minoii erteilen würde. Und ich begriff, dass ich von nun an sehr viel vorsichtiger sein musste, mit dem, was ich sagte, als jemals zuvor, und senkte den Blick auf meinen Teller hinab.

Die Haustür öffnete sich schwungvoll und der atemlose Théos stürmte herein.

„Alkéos! Vor dem Haus laufen die Leute zusammen und sagen, Ioanna sei von den Toten zurückgekehrt! Und einige sind zur großen Halle gelaufen!“

Sein Blick blieb an mir hängen und er erstarrte, als begreife er gerade, dass ich diese Ioanna war. Vor mir schien sich der Boden aufzutun und mir wurde flau im Magen.

„Schließ die Tür, Théos“, bat Alkéos, erhob sich und warf durch eines der Fenster einen Blick hinaus.

Ich konnte das Stimmengewirr hören, dass sich da näherte und spürte, wie die Panik in mir aufstieg.

„Mirtha, Létha, seid so gut und nehmt Théos mit in euer Haus“, bat Alkéos, „wir müssen einen Moment allein mit Ioanna und Keron sprechen. Sagt den Leuten, sie kommt bald hinaus zu ihnen.“

Die Frauen taten sofort, was er wollte und zogen den Jungen mit sich bis in den Raum, der den Schrein der Göttin beherbergte. Eine zuschlagende Tür signalisierte, dass es dort einen weiteren Ausgang gab, den ich gar nicht bemerkt hatte. Dann war es still.

„Es ist so weit, Johanna“, wandte sich Alkéos an mich. „Nun musst du in Ioannas Haut schlüpfen, so, wie die Göttin es offenbar vorgesehen hat. Tereus wird sicher sofort einen Boten schicken, um dich holen zu lassen. Geht zum Schrein und bittet Bendis um ihren Beistand; ich bin mir sicher, sie wird ihn euch geben.“

Mein Blick wanderte zu Keron hinüber, der ihn nachdenklich erwiderte, dann erhob er sich und hielt mir auffordernd seine Hand hin.

 

Mit verschränkten Händen knieten wir uns vor das steinerne Abbild der Göttin und Táwo und Lazis legten sich neben uns. Mein Herz raste so sehr, dass ich tief Luft holte und mich vergeblich darum bemühte, meine Gedanken auf die Göttin zu konzentrieren.

Ich würde es nicht schaffen.

Der Gedanke hämmerte mir durch den Kopf und füllte ihn vollständig aus. Tereus würde sicher sofort bemerken, dass ich nicht Ioanna war, immerhin hatte er sie von klein auf gekannt. Und ich wusste so gut wie Nichts von ihm, ihrer Mutter und dem gemeinsamen Leben vor der Opferung. Und wenn es mir doch gelang, ihn zu täuschen, dann musste ich vorgeben, ihm verziehen zu haben.

Wie konnte man denn einem Mörder den eigenen Tod vergeben? Unmöglich. Ich hasste diesen Mann ja bereits, bevor ich ihn gesehen hatte. Und ich fürchtete mich vor ihm. Mir das einzugestehen, war irgendwie erleichternd, auch wenn es mir nicht aus der Klemme half.

Ich spürte Lazis Kopf auf meinem Bein und legte ihr die Hand auf die Stirn. Dass sie bei mir war, hatte die Göttin bewirkt, ging mir durch den Kopf. Und sie hatte auch dafür gesorgt, dass ich aus diesem Flugzeug verschwand und Keron und Táwo begegnete. Verblüfft stellte ich fest, dass mir selbst der Gedanke noch nie gekommen war, obwohl Keron mir doch so oft gesagt hatte, dass mich ihm die Göttin vor die Füße gelegt habe.

Ich hatte es ihm nicht geglaubt.

Doch jetzt war ich hier und alles, was bisher geschehen war, schien von der Göttin gelenkt worden zu sein, die vor mir auf der Steinsteele ihren Bogen abschoss. Wenn dies alles ihrem Willen entsprang, dann war ich ihr zumindest bis hierher willig gefolgt.

Und ein Zurück gab es nun nicht mehr, denn zu fliehen, hieße mit Keron und den Wölfen ein verstecktes Leben zu führen, überschattet von der Angst, dass Avraám, Voúla, Dorimédon oder die Göttin selbst uns aufspürte.

Das war kein Leben, erst recht nicht für ein Kind.

Den Gedanken an eine mögliche Schwangerschaft hatte ich in den vergangenen Tagen erfolgreich verdrängt, nun überfiel er mich und setzte mein schlechtes Gewissen in Gang. Ich spürte, wie sich der Druck von Kerons Fingern verstärkte, als wolle er mir Mut machen, und sah auf.

„Ruf sie zu dir, Io“, wisperte er. „Ich weiß, dass sie uns helfen wird.“

Ich richtete meinen Blick wieder auf ihr Abbild und erinnerte mich daran, wie einfach es in dem alten Tempel gewesen war, sie um Hilfe zu bitten. Diesmal würde es jedoch nicht reichen, wenn sie uns den Beistand anderer schickte.

Ratlos nahm ich jedes Detail der Abbildung in mich auf. Die Figur der Göttin war in der Bewegung dargestellt, mit ein wenig Fantasie konnte man beinahe sehen, wie der Pfeil von der Sehne schnellte und sein Ziel traf.

Einen Pfeil abzuschießen, ging mir auf, bedeutete, eine Entscheidung zu treffen, die über Leben und Tod eines anderen Wesens entschied. Der Bogen war wie ein Symbol der Kraft und Macht, nur dem eigenen Willen unterworfen, zu töten oder zu verschonen.

Hatte ich diese Macht? Besaß ich die Kraft, Tereus zu betrügen und ihn zu bewegen, den Terasii zu Hilfe zu eilen und die Herrschaft der Satyrn zu beenden?

„Wenn du sie nicht hättest, hätte ich eine andere ausgewählt, um Ioannas Seele zu tragen.“

Ich zuckte unwillkürlich zusammen, denn die Stimme der Göttin hatte ich direkt in meinem Kopf gehört.

„Wenn du dich Ioannas Seele öffnest, wird dir alles zur Verfügung stehen, was du brauchst. Bisher hast du sie kaum geduldet und dich geweigert, sie als Teil deiner Selbst zu begreifen.“

Augenblicklich fühlte ich mich ertappt, denn es war die Wahrheit. Ich hatte so gerade eben akzeptiert, dass diese Seele tatsächlich in mir war.

Doch die Sorge, dass sie von mir Besitz ergriff und die Johanna, die ich kannte, verschwand, hatte wie ein hungriges Monster im Untergrund gelauert.

Erst jetzt fiel mir auf, dass mich ihre Seele ja bereits von klein auf begleitete und sie damit schon immer ein Teil von mir war. Und wenn ich nicht den Rest meines Lebens damit zubringen wollte, vor einem Teil meiner Selbst davonzulaufen, dann war es höchste Zeit, Ioannas Seele anzunehmen und ihr zu vertrauen. Und damit auch mir selbst.

„Ich habe verstanden“, flüsterte ich und fühlte mich plötzlich von einer schweren Last befreit.

Drüben wurde die Haustür erneut aufgerissen und für einen Moment war das Gemurmel der Menschen draußen deutlich zu hören.

„Ist es wahr, Alkéos? Ist Ioanna aus dem Totenreich zurück?“

Die Stimme des Mannes klang ungläubig und mehr als nervös.

„Es stimmt, Milios“, hörte ich Alkéos antworten, der die Tür hinter dem Neuankömmling schloss.

„Dann will Tereus sie sofort sehen; ich soll euch alle zu ihm bringen. Er hat bereits vor drei Tagen erfahren, dass ihr mit zwei zusätzlichen Pferden fortgegangen seid.“

„Einen Moment noch, Ioanna und ihr Gefährte halten Zwiesprache mit Bendis. Sie sind beide Kinivoii; du weißt, was das heißt, Milios.“

In der Stille, die auf seine Worte folgte, hörte ich Alkéos Schritte näherkommen und erhob mich. Keron tat es mir nach und sah mich fragend an.

„Alles ist gut“, sagte ich und lächelte ihm zu. „Ich habe meine Entscheidung getroffen und weiß nun, was ich zu tun habe.“

 

Der Mann namens Milios, der offensichtlich von Tereus geschickt worden war, riss überrascht die Augen auf, als Keron und ich den vorderen Raum betraten.

„Wir können gehen“, sagte ich schlicht und nickte dem Boten zu.

Er erwachte aus seiner Starre, warf Alkéos einen durchdringenden Blick zu und öffnete die Tür. Gavril und sein Vater gingen voraus und wurden sofort von den Menschen überfallen, die draußen warteten.

„Ist es wahr Alkéos?“

„Ist Ioanna zurückgekehrt, um uns von den Minoii zu befreien?“

„Habt ihr sie im Wald gefunden?“

Ich holte noch einmal tief Luft, dann trat ich durch die Tür und mein Blick fiel auf zwei Bewaffnete, die sich davor postiert hatten, sodass die Menschen Abstand halten mussten. Ihre knielangen Umhänge erinnerten mich augenblicklich an die Soldaten, die Ioanna auf dem Weg zur Opfergrube flankiert hatten, und mir wurde erst kalt und dann heiß. Ohne darüber nachzudenken drehte ich mich um und musterte Tereus' Boten.

„Seid Ihr Euch sicher, dass die Göttin es gutheißt, mich wie eine Gefangene zum König zu bringen?“

Dem Mann entglitten die Gesichtszüge, während sich in der Menge leiser Unmut regte.

„Das .... Nein, nein, Ihr seid natürlich keine Gefangene, Herrin, es ist nur ... .“

„Schick sie fort, Milios!“, knurrte Gavril. „Es sollte Tereus reichen, dass sein Bruder und sein Neffe Ioanna und ihren Gefährten zur Halle begleiten. Oder sind wir etwa auch Gefangene?“

„Ja, schick' die Soldaten fort, Milios! Oder will der König etwa den Zorn der Göttin auf sich ziehen und auf uns alle?!“

Ein kräftiger Mann mit erstaunlich dunkelblondem Haar und Bart hatte seine Stimme erhoben. Neben ihm erkannte ich den jungen Théos und war beinahe sicher, dass es sein Vater war, der Schmied, der dafür sorgte, dass die Menschen nun lauter murrten.

„Geht voraus!“, wies Milios die Bewaffneten an, die sich zu ihm herumdrehten. „Nun macht schon! Und gebt Bescheid, dass wir unterwegs sind!“

Zögernd setzten sie sich in Bewegung und gaben mir damit den Blick auf die Menschen frei, die sich in der schmalen Gasse drängten. Ich sah Erstaunen in ihren Gesichtern, ehrfürchtige Scheu und sogar Tränen; Skepsis oder Ablehnung konnte ich nicht entdecken.

„Gepriesen sei Bendis, sie ist es tatsächlich“, sagte eine gebeugte Alte. „Nun wird alles gut!“

Ich blickte in ihre leuchtenden Augen und der Glaube und die Zuversicht darin waren so inbrünstig, dass ich ihr zulächelte.

„Macht ihnen Platz!“, wies Théos Vater, den Gavril Dimos genannt hatte, die Menge an und schob die Menschen mit seinen kräftigen Armen beiseite.

Sie gehorchten ihm und so konnten wir endlich losgehen.

„Wirst du bei uns bleiben, Ioanna?“

Ich wandte mich um, konnte jedoch nicht ausmachen, wer die Frage gestellt hatte.

„Für eine Weile“, gab ich zurück. „Solange die Göttin es will, werde ich bleiben, und tun, was sie mir aufträgt.“

Woher ich die Gewissheit nahm, dass dies die Wahrheit war, wusste ich nicht. Doch ich spürte, dass von nun an alles, was aus meinem tiefsten Innern kam, richtig war.

 

Wir waren kaum ein paar Minuten unterwegs, als die Häuserreihen endeten und den Blick freigaben auf einen großen, runden Platz. An ihn grenzte ein langgezogenes, ebenerdiges Gebäude, das einen Innenhof oder einen Garten besitzen musste, denn hinter seiner Fassade waren Baumkronen zu erkennen.

Links und rechts neben einer zweiflügeligen hohen Holztür erhoben sich weiße Säulen, wie ich sie von Abbildungen antiker Ausgrabungsstätten in meiner Welt kannte. Sie wirkten merkwürdig deplatziert, denn das Gebäude war aus Bruchsteinen und lehmverputzten Wänden erbaut worden.

 

Zwei Wachen öffneten uns die Tür und würdigten uns keines Blickes, als wir über die Schwelle traten. Verblüfft blieb ich stehen, denn dass das schlichte Gemäuer eine solche Pracht bereithielt, hätte ich nicht vermutet.

Wir standen offensichtlich in einer Art Eingangshalle, die sich auf der gegenüberliegenden Seite durch mehrere gemauerte Rundbögen tatsächlich in einen großen, quadratischen Innenhof öffnete, in dessen Mitte einige Bäume wuchsen.

Der Boden in der Halle und die Stützbalken des Daches waren aus einem auf Hochglanz polierten, dunklen Holz mit rötlicher Maserung gefertigt, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. An den Wänden hingen Bildteppiche, deren Farbenvielfalt die abgebildeten Szenen beinahe echt wirken ließen.

Und dass der König eine Vorliebe für alles Goldene hatte war sofort zu erkennen, denn an den Wänden standen schmale Tische, die augenscheinlich nur dem Zweck dienten, kunstvoll ausgearbeitete goldene Gefäße und Figuren zu präsentieren.

„Hier entlang“, sagte Milios leise, der an uns vorbei geschritten war und nun nach rechts wies, wo ein Gang tiefer in das Gebäude führte.

Wir folgten ihm stumm und mein Blick fiel durch weitere Mauerbögen auf das Bodenmosaik, das den Innenhof bedeckte. Kleine, schwarze und weiße Steine waren schachbrettartig zusammengefügt worden.

Unwillkürlich rümpfte ich die Nase, denn es kam mir ganz und gar nicht angemessen vor, hier den Boden nachzuahmen, der auch den alten Tempel der Göttin oben auf dem Berg schmückte.

Vor einer weiteren, ebenfalls von zwei Wachen flankierten Holztür blieb Milios stehen, warf mir einen besorgten Blick zu und bedeutete den Bewaffneten, sie zu öffnen. Diesmal ließen Alkéos und Gavril ihn vorausgehen und er blieb nach wenigen Schritten stehen.

„Ich bringe Euch Ioanna und Ihren Gefährten, mein König. Und Alkéos und Gavril.“

Damit trat er beiseite und mein Blick fiel auf eine Gestalt, die rechts von uns unter einem großen Wandteppich in einem wuchtigen steinernen Sessel saß.

 

Kapitel 2 der König

Alkéos und Gavril traten einige Schritte vor und neigten den Kopf vor dem König. Ich blieb, wo ich war und starrte den massigen Mann an, der sich von dem erstaunlich schlichten Steinsitz erhob. Links und rechts des Thrones standen ebenfalls Bewaffnete, doch sie rührten sich nicht, als Tereus langsam auf Alkéos und Gavril zutrat und sie prüfend betrachtete.

„Wie ich hörte, seid ihr beide vor drei Tagen sehr heimlich auf eine Reise gegangen, Alkéos“, sprach er den Ma'issoi an, ohne einen Blick auf Keron, mich oder die Wölfe zu werfen.

Höflich war das nicht gerade, aber so hatte ich Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten.

Abgesehen von dem beinahe komplett grauen, halblangen Haar gab es keine Ähnlichkeit mit Alkéos, der trotz seines Alters schlank und drahtig wirkte. Tereus dagegen besaß einen umfänglichen Bauch und war ungefähr drei Mal so breit wie sein Bruder; der Luxus schien ihn fett gemacht zu haben. Da er jedoch ebenso hochgewachsen war, wie sein Bruder, gab ihm die Leibesfülle etwas Ungelenkes und ich war mir beinahe sicher, dass er das durch die luxuriöse Kleidung wettzumachen versuchte. Seine weiße Tunika unter dem roten Umhang schien aus Seide zu sein, ebenso wie die schwarze Kniebundhose, die in hellbraunen, fein gearbeiteten Lederstiefeln endete. An seinen Fingern funkelten goldene Ringe, und zwar an jedem einzelnen, soweit ich dies sehen konnte.

„Welchen Grund gab es denn für eure Reise?“, wollte der König wissen und hob die Augenbrauen.

„Du siehst ihn vor dir, Tereus“, antwortete Alkéos und verbarg seinen Ärger nur schlecht. „Die Göttin hat uns zu Ioanna geführt; sie ist zurückgekehrt. Und sie hat ihren Gefährten bei sich, mit dem sie den Bund geschlossen hat.“

Tereus verschränkte die Arme auf dem Rücken und nahm uns endlich in Augenschein. Seine hellblauen Augen bohrten sich in meine und mir war, als schiebe sich ein glühendes Eisen in meinen Bauch.

„Soso, zwei Kinivoii, wie ungewöhnlich.“

Sein Blick glitt über Kerons Gestalt hinweg und für einen Moment verengten sich seine Augen. Dann wandte er sich wieder Alkéos zu.

„Und wie kommst du darauf, dass dies Ioanna ist?“

Die Frage verblüffte nicht nur Alkéos und Gavril.

Ich starrte den König fassungslos an und mir kam der erstaunliche Gedanke, dass er den Spieß schlicht herumgedreht hatte. Er spielte mit uns. Und zwar mit einigem Talent.

In meinem Bauch ballte sich der Zorn so plötzlich zusammen, dass ich mir die Fingernägel schmerzhaft in die Handflächen grub.

„Nun, wie ich sehe, legst du keinen Wert auf die Vergebung der Göttin“, entfuhr mir. „Oder auf meine! Ich werde es der Großen Jägerin ausrichten!“

Damit drehte ich mich herum und war drauf und dran, aus der Halle zu stürmen.

„Warte, Ioanna!“

Das war zweifellos ein Befehl, keine Bitte. Ich hielt inne, doch obwohl er mir damit signalisierte, dass er es nicht riskieren wollte, mich gehen zu lassen, zögerte ich, mich ihm zuzuwenden. Plötzlich ertönte ein zweistimmiges Knurren und ich fuhr herum.

Táwo und Lazis standen mit gesträubtem Nackenfell vor Tereus, der versucht haben musste, mir nachzulaufen, und die Bewaffneten kamen mit stoßbereiten Lanzen auf uns zu.

Keron zog sein Schwert und Alkéos war mit zwei großen Schritten bei ihnen und stellte sich vor ihm und den Wölfen auf.

„Niemand kommt ohne Erlaubnis am Wolf eines Kinivoi vorbei, Tereus, hast du denn alles vergessen, was Matoula dich gelehrt hat?“

Der Name der Muma wirkte offensichtlich wie eine Ohrfeige, die ihn zur Besinnung brachte. Tereus sah seinen Bruder mit großen Augen an und wirkte plötzlich, als sei er gerade zu sich gekommen. Er hob die Hand und die Bewaffneten blieben abrupt stehen.

„Du hast recht, Alkéos, ich hatte schon vergessen, was es heißt, einem Kinivoi zu begegnen. Oder besser zweien.“

Er warf Keron einen knappen Blick zu, vermied es jedoch, ihm in die Augen zu sehen. Statt dessen sah mich an.

„Es tut mir leid, Ioanna, doch ich musste herausfinden, ob du es wirklich bist oder nur eine Betrügerin, die den tiefsten, verzweifelten Wunsch eines Vaters für sich ausnutzen will. Verzeih mir.“

Sein Gesichtsausdruck wandelte sich so durchschlagend, dass ich ihn erneut sprachlos anstarrte, denn nun zeigten sich eine Sehnsucht und Traurigkeit darin, die nicht gespielt sein konnten. Oder doch?

„Ich habe die Göttin so viele Jahre um Vergebung angefleht“, sagte er leise und in seinen Augen schimmerte es feucht, „und darum, dass sie dich mir zurückgeben möge, und ich kann kaum glauben, dass sie mir meinen Wunsch wirklich erfüllt hat. Komm zu mir, mein Herz.“

Er öffnete die Arme, Alkéos trat beiseite und Lazis und Táwo sahen fragend zu mir auf.

In mir tobte ein äußerst merkwürdiger Zwiespalt. Ein Teil von mir war verblüfft, aber auch berührt von dem Leid, das er so offen zeigte. Und der andere hielt ihn für einen durchtriebenen Heuchler und wünschte sich, Keron möge ihm den Kopf abschlagen und uns alle von ihm befreien.

Doch wenn gelingen sollte, wozu wir hergekommen waren, dann musste ich nun zu ihm gehen.

Mit steifen Schritten zwang ich mich vorwärts, seine Arme schlossen sich um mich und drückten mich an die weiche Fülle seines Bauches. Ein merkwürdig süßlicher Geruch haftete ihm an und brachte meinen Magen augenblicklich in Aufruhr. Ich hielt die Luft an und zwang mich, es noch einen weiteren Augenblick auszuhalten, dann trat ich zurück und musste mich gegen seine Arme stemmen, damit er mich freigab.

Ohne Tereus anzusehen, trat ich an Kerons Seite und griff nach seiner Hand. Erst jetzt schob er das Schwert in die Scheide, schloss seine Finger um meine und drückte sie, als wisse er genau, wie viel Überwindung es mich gekostet hatte, diesem Mann so nahe zu kommen.

„Das ist Keron, mein Mann“, gab ich mit leichtem Beben in der Stimme bekannt. „Er hat mir das Leben gerettet. Und das sind Táwo und Lazis.“

Er hatte meinen Widerwillen gespürt, ich sah es in seinen Augen, als ich den Blick hob. Und irgendwo tief im Hintergrund seines Blickes war etwas Undefinierbares am Werke. Unwillkürlich lief mir ein kalter Schauer über den Rücken und ich musste mich zusammenreißen, damit es mich nicht schüttelte.

Das Gesicht des Königs glättete sich und er streckte Keron den Arm hin. „Dann stehe ich tief in deiner Schuld und heiße dich herzlich willkommen, Keron! Auch wenn es mich sehr glücklich gemacht hätte, dich ein wenig früher kennenzulernen, als Freier meiner Tochter, der mich nach alter Sitte um ihre Hand für den Bund bittet.“

Keron zögerte nicht, umfasste fest sein Handgelenk und ich sah es in Tereus Gesicht schmerzhaft zucken.

„Nun, das war nicht möglich“, erwiderte er, „denn ich habe Ioanna ohne Gedächtnis gefunden und schwer verletzt, und es gab Wichtigeres zu tun, als nach einem Vater zu fragen. Oder nach einer Mutter.“

Der König erstarrte, doch er fing sich schnell und lächelte breit. „Natürlich, mein Freund, verzeih mir meine väterliche Schwäche. Ich sehe ja, dass die Göttin Ioanna einen heiligen Jäger zum Gefährten gegeben hat und einen Krieger obendrein! Kommt, lasst uns essen und trinken und dann erzählt mir alles, was euch widerfahren ist!“

Er gab seinem Boten Milios einen Wink, der sich verbeugte und zur Tür hinauseilte.

Die Aussicht, die nächsten Stunden unter Tereus Verhör zuzubringen, verursachte mir augenblicklich eine gehörige Übelkeit. Ich spürte Alkéos Blick auf mir und suchte verzweifelt nach einer guten Ausrede.

„Verzeih, Onkel“, meldete sich Gavril zu Wort. „Wir haben einen weiten Weg hinter uns und Ioanna ist erschöpft, auch wenn sie es nicht sagen will. Sie braucht Ruhe und Schlaf. Es ist dir sicher recht, wenn wir allein mit dir speisen.“

Tereus runzelte unwillig die Stirn und betrachtete mich forschend, dann hellte sich sein Gesicht auf.

„Natürlich, wie konnte ich das übersehen! Milios wird euch einen Raum herrichten lassen, dann könnt ihr ausruhen.“

Ich hätte darauf kommen müssen, dass er uns Quartier anbieten würde und der Gedanke, seinem direkten Zugriff ausgesetzt zu sein, trieb mich an den Rand der Verzweiflung.

„Das .... ist wirklich sehr großzügig, aber eine schlichte Unterkunft reicht vollkommen“, brachte ich heraus und hoffte, dass ihm nicht aufgefallen war, wie mühsam mir die Worte über die Lippen gekommen waren.

„Bei Bendis, du bist meine Tochter, Ioanna“, erwiderte er lächelnd und breitete die Arme aus. „Jede Annehmlichkeit ist gerade gut genug für dich und deinen Mann!“

„Die Göttin gibt uns auf, das Leben unserer Wolfsgefährten zu teilen“, mischte sich Keron ein. „Luxus ist uns nicht gestattet. Ich danke dir für dein großherziges Angebot, aber wir müssen es leider ablehnen.“

„Den Wunsch der Göttin müssen sie respektieren, Tereus“, bekräftigte Alkéos eilig. „Ich nehme Ioanna und Keron mit zu mir, von dort ist es nicht weit bis zum Wald. Und ich bitte dich, in der Stadt verkünden zu lassen, dass die beiden Wölfe heilige Tiere sind und niemand sie fürchten muss. Und dass niemand sie berühren darf!“

Der König ließ die Arme sinken und seine Augen wurden so schmal, dass sich mein Puls in die Höhe schraubte. Dann hob er die Augenbrauen und reckte das Kinn vor.

„Ich kenne die strengen Regeln, denen sich die Kinivoii unterwerfen müssen, durchaus, Alkéos! Ich übertrage dir also die Sorge für Ioanna und Keron und erwarte euch heute Abend nach Sonnenuntergang. Gegen ein gutes Essen hat die Göttin doch wohl nichts einzuwenden?“

„Nein, das hat sie nicht“, erwiderte Keron knapp. „Wir kommen gern.“

Ich beeilte mich, zu nicken und rang mir ein Lächeln für Tereus ab, doch er erwiderte es gar nicht. Schwungvoll fuhr er herum, sodass sich sein Umhang aufblähte, wie ein Ballkleid, und wir sahen ihm nach, bis er durch eine weitere Tür neben dem steinernen Thron verschwand.

 

Als wir auf den Platz hinaustraten und sich die Tür der großen Halle hinter uns schloss, begannen meine Knie zu beben. Keron griff nach meinem Arm.

„Halt aus, Io, die Menschen beobachten uns.“

Ich hob den Kopf und sah, dass er recht hatte. Die Menge aus der Gasse vor Alkéos Haus war uns gefolgt und einige warfen mir prüfende und besorgte Blicke zu. Ich holte tief Luft und bemühte mich, ihnen zuzulächeln, während Keron mich mehr oder weniger mit sich schleifte.

Nur ganz am Rande nahm ich wahr, dass einige auf mich zukommen wollten, doch Alkéos hob abwehrend die Hände und sprach leise zu ihnen.

 

Der Weg zurück zu Alkéos Haus kam mir endlos lang vor, als wir endlich eintraten, ließ ich mich auf einen Stuhl sinken und vergrub den Kopf in den Händen.

„Dieser Mann ist völlig verrückt und er weiß, dass ich ihn hasse!“

„Das macht nichts“, bemerkte Gavril. „Das weiß er auch von mir und er ist größenwahnsinnig genug, so etwas nicht ernst zu nehmen.“

Erstaunt sah ich auf und Gavril nickte mir aufmunternd zu.

„Er muss Besuch von den Minoii bekommen haben, bevor wir bei ihm eintrafen“, sagte Keron leise und ich fuhr herum.

Er lehnte neben der Tür an der Wand und sah einigermaßen finster drein.

„Das ist zwar möglich“, erwiderte Alkéos zögernd. „Aber wie kommst du darauf?“

„Hast du nicht bemerkt, dass Tereus seinen Blick gemieden hat, Vater?“, sagte Gavril. „Er hat sich vor ihm gefürchtet, also hat Polyvios ihm von unserer Begegnung im Wald berichtet.“

Keron musterte ihn, dann nickte er zustimmend.

Mir war es eigentlich ganz recht, dass Tereus Angst vor ihm hatte, doch den Männern stand die Sorge ins Gesicht geschrieben.

„Und was bedeutet das nun?“

„Es bedeutet, dass Keron gut auf sich achtgeben muss“, erwiderte Gavril, ohne ihn aus den Augen zu lassen. „Aber ich bin mir sicher, das ihm das nicht schwerfallen wird.“

„Was? Du meinst doch nicht etwa … ?“Ich warf Keron einen bangen Blick zu.

Er stieß sich von der Wand ab, kam zu mir herüber und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

„Keine Sorge, Io, ich erkenne selbst einen gut verkleideten Krieger schon von Weitem. Ich bringe Táwo und Lazis jetzt in den Wald, damit sie jagen können, und ich denke, es ist besser, wenn sie dort bleiben, bis wir wissen, ob Tereus uns hier duldet.“

Erschrocken riss ich die Augen auf und begriff, dass er nun doch um das Leben der beiden fürchtete. Es kostete mich einige Mühe, aber ich nickte wortlos. Alles andere musste warten, bis wir allein waren.

„Ich gehe zu Dímos und spreche mit ihm“, warf Alkéos ein. „Die Leute hören auf ihn, er wird dafür sorgen, dass sie Augen und Ohren offen halten und uns warnen, falls Tereus irgendetwas plant. Was ich eigentlich nicht glaube. Bringst du Johanna hinauf, Gavril?“

Lazis und Táwo kamen zu mir und legten mir ihre Schnauzen auf die Knie. Ich strich ihnen liebevoll über die Köpfe und spürte, dass es ihnen schwerfiel, uns zu verlassen. Doch wenn Keron um ihre Sicherheit fürchtete,  war es wohl besser so.

„Ich bin zurück, so schnell es geht, Io“. Keron nickte mir noch einmal zu, dann verschwand er gemeinsam mit Alkéos und den Wölfen durch die Tür.

„Komm“, sagte Gavril sanft. „Ich bringe dich hinauf. Und sei unbesorgt, Tereus wird es nicht wagen, euch gefangen nehmen zu lassen. Ihm ist inzwischen sicher zugetragen worden, dass die Menschen dich hier mehr als willkommen heißen. Er wird es nicht riskieren, dass sie die große Halle stürmen, um dich aus seinen Kellern herauszuholen und ihn hineinzuwerfen.“

Er lächelte zuversichtlich, doch mir war nicht im Geringsten danach, es zu erwidern. Mir fielen Asbolos Worte wieder ein; er hatte mir gesagt, dass mein Theaterspiel gelingen musste, sonst würde mich Tereus gleich noch einmal töten lassen.

 

Ich stieg hinter Gavril die Leiter zum Obergeschoss hinauf und folgte ihm in den dunklen Raum. Die Luft roch abgestanden und er beeilte sich, die Fensterläden zu öffnen.

„Gleich wird es besser. Es tut mir leid, dass alles ein wenig staubig und unordentlich ist, ich habe schon lange nicht mehr hier oben übernachtet.“

„Das sind deine Räume?“

Mir fiel das Bett in der Ecke auf und in mir breitete sich eine gewisse Befangenheit aus.

„Ja .....“, hörte ich ihn zögernd antworten. „Hast du, ich meine, wenn es dir schwerfällt, dich in das Bett zu legen... .“

„Nein, tut es nicht“, gab ich ein wenig zu hastig zurück.

Ich warf ihm einen Blick zu und sah eine ganz ähnliche Befangenheit in seinem Gesicht.

„Nun, ich dachte nur, weil ....“, Seine Wangen röteten sich, doch er sah mich offen an. „Weil Ioanna und ich dort ... Und dich vielleicht die Erinnerung quält.“

„Oh“, machte ich, senkte den Blick und ärgerte mich gleichzeitig über meine Verlegenheit. „Nein, kein Problem. Ich kenne Ioannas Erinnerungen nicht.“

Mit einem Ruck durchquerte ich den Raum, um in den Nächsten zu schauen. Dort stand ein Holztisch unter dem Fenster, übersäht mit Pergamenten, auf denen Zeichnungen zu erkennen waren. Ich wandte mich zu Gavril um, der ein wenig verloren immer noch am Fenster stand.

„Darf ich mir die Zeichnungen anschauen?“

Er nickte und so trat ich an den Tisch und warf einen Blick auf die offensichtlich mit feiner Kohle gezeichneten Bilder. Sie zeigten ausnahmslos eine junge Frau, ihr Gesicht und ihre Gestalt; mit und ohne Kleidung.

Als ich begriff, um wen es sich handelte, fuhr ich herum und stellte fest, das Gavril direkt hinter mir stand. Der Ausdruck in seinem Gesicht war sanft und so voller Sehnsucht, dass ich den Atem anhielt und mich nicht losreißen konnte aus dem Blick seiner hellblauen Augen.

Er hob zögernd die Hand, dann legten sich seine Finger auf meine Wange und fuhren zart darüber hinweg; unwillkürlich überlief mich ein Schauer. Abrupt drehte er sich um, durchquerte den vorderen Raum und das Zuschlagen der Tür ließ mich zusammenzucken.

Eine Weile starrte ich auf die Stelle, an der er gestanden hatte. Dann widerstand ich dem Drang, mir die Zeichnungen von Ioanna noch einmal anzusehen und ging hinüber in den vorderen Raum. Vor dem Bett blieb ich stehen.

Es war breiter, als das von Alkéos im Erdgeschoss und sah tatsächlich aus, als wäre es seit Monaten nicht mehr benutzt worden. Aber es wirkte sauber und mit seiner buntgewebten Wolldecke auch recht einladend.

Zögernd setzte ich mich nieder, befreite mich endlich von dem Lederharnisch und zog mir die Stiefel von den Füßen.

Ich war tatsächlich müde. Es war beinahe, als hätte mir diese Begegnung mit Tereus sämtliche Kraft geraubt, und die Aussicht, noch sehr viel mehr Zeit mit ihm verbringen zu müssen, war wie ein schwarzes Loch, das mich zu verschlucken drohte. Er würde niemals einwilligen, seine Armee gegen die Satyrn auszuschicken, um irgendwelche unbedeutenden Mischwesen wie die Terasii zu befreien. Jedenfalls nicht, wenn ich ihm nicht sehr viel Gold dafür bieten würde.

Seufzend entledigte ich mich der Lederhose und kroch unter die Decke. Ich wollte nicht mehr darüber nachdenken, denn mir fiel rein gar nichts dazu ein, wie ich es bewerkstelligen sollte, die Hilfe der Odrysii zu gewinnen. Und dann, als sich bereits der Schlaf an mich heranschlich, dachte ich doch an Gavrils Zärtlichkeit zurück und spürte seine Sehnsucht und seinen Schmerz tief in meinem Innern.

                        

Eine feuchte Wärme auf meiner Wange mischte sich mit dem Bild eines dunkelhaarigen Mannes, dessen makellose männliche Erscheinung mich regelrecht bannte. Er war splitternackt und kam unter dicht stehenden Bäumen lächelnd auf mich zu. Ein Impuls gab mir ein, fortzulaufen und mich vor ihm in Sicherheit zu bringen, doch ich konnte mich nicht rühren.

„Wach auf, Io.“

Mit wild pochendem Herzen schrak ich auf und versuchte aus dem Bett zu springen, doch der Mann hielt mich fest.

„Io, was ist denn mit dir? Bei allen Göttern, komm' zu dir!“

Irritiert hielt ich inne und erkannte Keron, der mich besorgt musterte. Bebend holte ich tief Luft und stellte fest, dass ich schweißgebadet war.

„Ich ... ich hatte einen Albtraum, glaube ich.“

Sanft zog er mich an sich. „Erzähl' mir davon, dann wird es besser“, flüsterte er und strich mir beruhigend über den Rücken.

„Ich weiß nicht ... . Da war ein Mann mit dunklem Haar. Er wollte irgendetwas von mir und ich hatte plötzlich große Angst vor ihm.“

Er hielt mich ein Stück von sich weg und runzelte die Stirn. „Dunkles Haar? Dann war es sicher ein Minoii. Hat er dich angegriffen?“

Ich schüttelte den Kopf und begann mich zu wundern, dass er den Traum offenbar sehr ernst nahm.

„Nein, aber ich weiß nicht, ob er es vorhatte.“

Keron musterte mich, dann strich er mir das wirre Haar aus dem Gesicht. „Niemand wird Gelegenheit haben, dir zu nahe zu kommen, Io, erst recht kein Minoii. Wenn du diesen Mann irgendwann in nächster Zeit siehst, dann sag es mir.“

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es so einen Mann tatsächlich gibt“, erwiderte ich versonnen. „Er war so unglaublich schön.“

„Oh“, machte Keron und zog eine Braue hoch. „Muss ich mir Sorgen machen, dass du dir einen schöneren Mann wünschst, als mich?“

Überrascht sah ich ihn an und sein Schmunzeln gab mir zu verstehen, dass er einen Scherz gemacht hatte. Ich erwiderte es und schmiegte mich an ihn.

„Nein, ich habe ja schon den schönsten und stärksten Mann von allen!“

Keron beugte den Kopf und drückte mir kleine Küsse in den Nacken. „Ich würde dir gern auf der Stelle die Stärke meiner Lenden zeigen, die mich schon seit Tagen quält, aber dafür haben wir leider keine Zeit.“

Ich erstarrte in seinen Armen. „Ist es schon Abend?“

Er nickte und ich holte tief Luft und löste mich von ihm.

„Glaubst du, Tereus wird uns gefangen nehmen?“

„Das wird er nicht wagen, Io. Ich habe Dímos, den Schmied, getroffen und viele Menschen haben mich angesprochen. Einige haben mich sogar berührt und meinten, das bringe ihnen Glück, weil ich dein Gefährte bin. Für sie bist du die Gesandte der Göttin und sie hoffen, dass du Tereus dazu bringst, die Minoii zu vertreiben.“

„Aber ich habe doch keine Ahnung, wie ich das anstellen soll!“

Ich starrte ihn an und hatte das absurde Gefühl, als lege sich gerade eine Schlinge um meinen Hals.

„Vertrau' auf die Große Jägerin, Io. Sie wird dir zeigen, was zu tun ist.“

Seine Zuversicht half und der Aufruhr in meinem Innern legte sich ein wenig. Immerhin hatte die Göttin zu mir gesprochen und mir zu verstehen gegeben, dass ich mich Ioannas Seele nun öffnen musste. Und damit wohl auch ihren Erinnerungen.

„Geht es Lazis und Táwo gut?“, fiel mir ein.

„Ja, mach dir keine Sorgen, sie verbergen sich tief im Wald, bis wir sie rufen. Ich habe sie nur fortgebracht, damit Tereus nicht auf den Gedanken kommt, sie statt unserer einzufangen und als Druckmittel zu nutzen, um uns seinen Willen aufzuzwingen.“

Ich verstand und war froh darum, dass er in dieser verzwickten und gefährlichen Situation weiter vorausblickte, als ich.

„Und wie war es mit Gavril?“, fragte er leise.

Mein Atem stockte und ich wusste, dass er es bemerkt haben musste.

„Ich habe Bilder gefunden, die er von Ioanna gezeichnet hat“, gab ich zu. „Und ich glaube, die Sehnsucht und der Schmerz quälen ihn sehr, aber er hat nicht versucht, mich für sich einzunehmen.“

Bange wartete ich auf seine Reaktion und versuchte, ruhig zu atmen.

„Wo sind diese Bilder?“

„Drüben, auf dem Tisch am Fenster.“ Ich wies zum angrenzenden Raum hinüber.

Keron erhob sich und ich blieb sitzen, den Blick auf die Wolldecke gerichtet. Draußen war fröhliches Kinderlachen zu hören und die Stimme einer Frau, die einige Namen rief. Mir fiel auf, dass es ruhiger geworden war, auf der Straße; es war wohl Zeit für das Abendessen.

„Er wird ganz gewiss versuchen, dich für sich einzunehmen, Io.“

Ich wandte mich um; Keron stand mit finsterer Miene da und hielt einige der Pergamentblätter in den Händen.

„Diese Bilder zeigen nicht nur seinen Schmerz, sondern auch die Sehnsucht seiner Lenden. Und ich denke, er wollte, dass du sie siehst, sonst hätte er sie fortgenommen, bevor er dich hier heraufgeführt hat.“

Er kam näher und hielt mir die Bilder entgegen, doch ich schüttelte den Kopf.

„Ich will sie nicht sehen. Und ich will nichts wissen über Ioanna und Gavril!“

Keron betrachtete mich nachdenklich, dann nickte er und sein Gesicht entspannte sich. „Ich werde Alkéos darum bitten, uns eine andere Unterkunft zu suchen.“

Er verschwand für einen Moment in dem hinteren Raum, dann kam er zurück und streckte mir die Hand entgegen.

„Komm, wir müssen gehen; Tereus wartet sicher bereits auf uns.“

 

Gemeinsam mit Alkéos machten wir uns auf den Weg zum Palast. Von Gavril war nichts zu sehen, und da sein Vater nicht auf ihn wartete, mochte ich auch nicht nach ihm fragen.

„Es hat sich bereits in der ganzen Stadt herumgesprochen, dass Ioanna zurückgekehrt ist“, berichtete er. „Und Dímos sagt, dass die meisten der Bewohner es als Geschenk der Göttin Bendis sehen, und als Mahnung, ihr treu zu dienen. Sie werden euch beschützen, egal, was Tereus nun zu tun gedenkt.“

Ich musterte ihn und ließ mir seine Worte durch den Kopf gehen. „Und was ist mit all den Bewaffneten, von denen er umgeben ist? Könnten die Bewohner denn etwas gegen sie ausrichten?“

Der Ma'issoi lächelte verhalten. „Das müssen sie gar nicht, Johanna. Der größte Teil der Stadtwache stammt aus den Familien, die hier in Abdera leben. Sie werden sich nicht gegen ihre Väter und Mütter stellen.“

Vor uns tauchte der große Platz auf und ich erkannte Gavril, der nahe des Eingangs auf uns wartete.

„Wir brauchen eine andere Unterkunft, Alkéos“, sagte Keron unvermittelt. „Es ist nicht gut, wenn Johanna und ich in den Räumen bleiben, in denen so viele Erinnerungen an Ioanna stecken.“

Alkéos stutzte, dann blieb er stehen. „Es tut mir sehr leid, wenn diese alten Erinnerungen euch bedrängen. Neben Mírthas Haus gibt es eines, das leer steht, denn die Familie ihrer Schwester hat Abdera verlassen.“ Er hob zögernd die Hand und legte sie Keron auf die Schulter. „Verzeiht es Gavril, wenn seine Hoffnung noch einmal aufgekeimt ist. Ich werde mit ihm sprechen, er zögert schon viel zu lange, sich Létha zuzuwenden. Sie liebt ihn und ich weiß, dass er sie sehr mag und es ihm nichts ausmacht, dass sie das Kind des Minoii aufzieht, der sie überfallen hat. Er hat ihr seinen Kopf gebracht und damit ihre Ehre wiederhergestellt.“

Mein Blick wanderte zu Gavril hinüber, der mit verschränkten Armen dastand und zu uns herübersah. Und obwohl ich den Ausdruck in seinem Gesicht nicht erkennen konnte, war ich mir sicher, dass er wusste, worüber wir sprachen.

 

Diesmal führte uns Milios nicht in den Thronsaal, sondern wandte sich in die andere Richtung und wir durchquerten einen kaum weniger prunkvollen Raum. Er wurde von einem wuchtigen Holztisch beherrscht, hinter dem ein einzelner, kunstvoll mit Schnitzereien versehener Lehnstuhl stand. An den Wänden reihten sich schlichtere Stühle auf und ich vermutete, dass dies so etwas wie ein Audienzsaal war, in dem der König offizielle Dinge mit Gesandten und Bittstellern verhandelte.

Gavril hatte uns zur Begrüßung lediglich knapp zugenickt und meinen Blick gemieden. Nun ging er stumm neben seinem Vater her und wirkte ernst und in sich gekehrt, als erwarte er, dass seine zärtliche Geste ein unangenehmes Nachspiel haben würde.

Die obligatorischen Bewaffneten öffneten uns eine weitere Tür, und als ich hinter Gavril und Alkéos eintrat, traf mich beinahe der Schlag.

An einem mit hohen Kerzenleuchtern und offensichtlich goldbesetztem Geschirr gedeckten Tisch erhob sich Polyvios und mit ihm ein weiterer Minoi, der noch sehr jung aussah. Keron, Alkéos und Gavril waren ebenso entsetzt stehen geblieben, wie ich, während Tereus lächelnd auf uns zukam.

„Da seid ihr ja! Willkommen an meiner Tafel! Ich möchte euch Polyvios vorstellen, Heerführer der Minoii, und seinen Sohn Periandros.“

Er wandte sich halb um und wies auf einen weiteren jungen Mann, dessen blondes Haar ihn als Odrysii auswies.

„Und dieser treffliche junge Krieger hier ist mein Sohn Sparadok, soeben zurückgekehrt von seiner ersten Verhandlung mit unseren Verbündeten.“

Wie ein Krieger sah Sparadok nicht gerade aus, denn er wirkte eher schmächtig. Und mehr als ein flüchtiges Nicken hatte er auch nicht für uns übrig.

Mein Blick richtete sich auf den Heerführer der Minoii, dessen breites Grinsen mehr als nur ironisch wirkte. Augenblicklich schoss erneut dieser unbändige Zorn in mir hoch und ließ sich nicht zurückdrängen. Und eigentlich wollte ich das auch gar nicht.

„Ich werde mich nicht an einen Tisch setzen, mit einem Minoi, der erst heute Morgen von mir verlangt hat, mich auszuziehen, um zu sehen, ob es sich lohnt, Hand an mich zu legen!“

Mit schmalen Augen sah ich Tereus an, der von diesem Teil der Begegnung mit den Minoii wohl zum ersten Mal hörte, denn er hob erstaunt die Augenbrauen.

„Ich bitte um Vergebung, Herrin“, erwiderte Polyvios ohne erkennbare Betroffenheit. „Wenn ich gewusst hätte, dass Ihr Tereus' Tochter seid, hätte ich mir niemals diesen kleinen Scherz erlaubt.“

„Dann gehört es vermutlich auch zu euren kleinen Scherzen, dass ich bereits bei meiner Ankunft eine junge Odrysii kennengelernt habe, die von einem Minoi vergewaltigt wurde?“

Seine Unverfrorenheit heizte meine Wut weiter an und meine Hand verirrte sich ohne mein Zutun auf den Knauf des Dolches, den ich nun schon so lange ungenutzt in meinem Gürtel trug.

„Diese Tat war bedauerlich, doch sie wurde gesühnt!“, gab Polyvios zurück und seine Augen verengten sich. „Und da ihr zur Hälfte eine von uns seid, solltet ihr wissen, dass auch die Schuld damit getilgt ist!“

„Ich bin keine von euch!“, fuhr ich auf. „Ich bin eine Gesandte der Göttin Bendis, und ich bin gewiss nicht aus dem Totenreich zurückgekehrt, um jemanden wie euch in meiner Nähe zu dulden!“

Ich bebte vor Zorn und bohrte meinen Blick in seine dunklen Augen. Wenn die Göttin mir tatsächlich beistand, dann brauchte ich sie jetzt, um diesem dreckigen Minoi das Maul zu stopfen.

Sein Sohn legte ihm die Hand auf den Arm, doch Polyvios schüttelte sie ab.

„Und ich bin ganz gewiss nicht hier, um mich von einer Frau beschimpfen zu lassen!“

„Mein König? Die .... die Gesandten sind hier.“

Ich fuhr ebenso herum, wie Alkéos, Gavril und Keron, und starrte Milios böse an, dem augenscheinlich gar nicht wohl war in seiner Haut. Hinter ihm traten drei breite Gestalten durch die Tür und mein Zorn verwandelte sich in Verblüffung.

Während Milios sich beeilte, die Tür von außen zu schließen, blieb der Vorderste stehen und dunkle Augen musterten mich. Mehr war von seinem Gesicht nicht zu sehen, denn er trug eine spitze Kappe, deren Enden in eine Art Schal ausliefen, den er ebenso wie seine Begleiter um Hals und Mund geschlungen hatte. Der Rest ihrer Körper wurde von Pelzumhängen verhüllt, deren Fell im Kerzenlicht schimmerte.

„Skythen!“, zischte Polyvios und schob seinen Stuhl so brüsk zurück, dass er zu Boden fiel. „Mit diesen Barbaren werde ich mich nicht an einen Tisch setzen!“