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"Du wachst auf und mit jedem neuen Atemzug wird dir klarer, dass dein Leben eine Lüge ist..." Daniel hatte es endlich geschafft, sich ein neues Leben aufzubauen und die Wunden seiner Vergangenheit zu heilen, als er plötzlich von zwei Männern verfolgt wird, die ihn umbringen wollen. Er entkommt, aber die Jagd auf ihn geht weiter. Mit Hilfe seines Freundes Jim macht sich Daniel auf die Suche nach einer Erklärung. Doch die Wahrheit, die er dann erfährt, stellt nicht nur seine bisher geglaubte Existenz infrage, sie macht ihn auch zum Teil einer Verschwörung unvorstellbaren Ausmaßes. Wer war dieser Neurowissenschaftler, der ihm so ähnlich sah? Was war das für eine geheime Organisation, die es auf ihn abgesehen hatte? In seinem Kopf tauchen immer wieder Bilder und Erinnerungen an ein anderes Leben auf, die ihn mehr und mehr daran zweifeln lassen, ob er wirklich der ist, der er glaubte zu sein. Nur wenn er kämpft und sein neues Schicksal annimmt, kann er das Leben seiner Tochter und seiner großen Liebe retten, aber auch den Planeten ein wenig länger vor einer Klimakatastrophe bewahren.
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2022
Felix Grabsch
Kontrolle
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1 – Huntington Beach
Kapitel 2 – Walter
Kapitel 3 – Killerkommando
Kapitel 4 – Zusammenbruch
Kapitel 5 – Osaro
Kapitel 6 – Im Visier
Kapitel 7 – MJay
Kapitel 8 – Jims Plan
Kapitel 9 – Emma Lopez
Kapitel 10 – Harvard
Kapitel 11 – Entscheidung
Kapitel 12 – Giulia
Kapitel 13 – Der Psychiater
Kapitel 14 – Der Keller
Kapitel 15 – Der Angriff
Kapitel 16 – Michael lebt
Kapitel 17 – Flucht nach vorn
Kapitel 18 – Die Tür
Kapitel 19 – Vereinigung
Kapitel 20 – Die Ruhe vor dem Sturm
Kapitel 21 – Alte Liebe
Kapitel 22 – Tödlicher Angriff
Kapitel 23 – Verdacht
Kapitel 24 – Identität
Kapitel 25 – Zurück im Geschäft
Kapitel 26 – Gehackt
Kapitel 27 – Gefangen im Flugzeug
Kapitel 28 – Rettungsversuch
Kapitel 29 – Im Fadenkreuz
Kapitel 30 – Der Plan
Kapitel 31 – Gefesselt
Kapitel 32 – Brain BioTec
Kapitel 33 – Dr. Jack Nolen
Kapitel 34 – Fremde Erinnerungen
Kapitel 35 – Unaufhaltbares Verlangen
Kapitel 36 – Erkenntnis und Verlust
Kapitel 37 – Flucht
Kapitel 38 – Bis zum Schluss
Kapitel 39 – Der letzte Kampf
Kapitel 40 – Neuanfang
Impressum neobooks
Seine Sicht war verschwommen. Vor seinen Augen lag ein weißgrauer, nebelartiger Schleier, der mit jedem Schritt durch ihn hindurch zu strömen schien.
Wo bin ich?
Daniel wollte seine Arme nach vorne strecken, nach etwas Materiellem greifen, das ihm Halt bot, aber er spürte keine seiner Gliedmaßen. Der dichte Nebel, den er nur sehen, aber nicht fühlen konnte, gab die Konturen seiner Umgebung nur langsam frei: die matten Umrisse eines langen Flures mit dunklen Schatten auf dem Boden.
Er fühlte sich von der greifbaren Stille benommen, wie in einem Vakuum, in dem nur der dumpfe Ton seiner gleichmäßigen Schritte zu hören war. Sein Blick fiel weiter nach unten. In seiner rechten Hand konnte er eine Pistole erkennen. Der Nebel war nun fast vollständig durch ihn hindurch geströmt. In den dunklen Schatten zeichneten sich Konturen von leblosen Körpern ab, die verstreut auf dem Boden lagen. Kleine rote Pfützen bildeten immer größere Seen um die Körper dutzender Männer.
Daniels Schritte wurden schneller.
Die schwarzen Einschusslöcher und die kleinen und großen Spritzer an den Wänden wirkten in seinem verschwommenen Blickfeld wie ein abstraktes Kunstwerk einer innovativen, zeitgenössischen Kunstproduktion. Daniel fing an zu laufen.
Eine panische Angst stieg in ihm auf, als er die Tür am Ende des Flurs erreichte. Keine Angst um sein Leben, sondern eine Angst um jemanden, der sich hinter dieser Tür verbarg. Er griff nach der Türklinke und betrat den Raum mit gehobener Waffe. Auf einem Stuhl vor ihm saß eine Frau, die ihm bekannt vorkam. Ihre Arme waren an den Stuhl gefesselt und ihr Gesicht war gezeichnet von einem Kampf, den sie wohl verloren hatte.
Das Gefühl von Kontrolle über seine Gliedmaßen, das Daniel beim Laufen noch verspürt hatte, war verschwunden, als er seine Waffe auf das wunderschöne, blutverschmierte Gesicht der Frau richtete. Seine Hände zitterten, als sie zu ihm aufblickte und ihn mit ihren großen, dunklen Augen anschaute.
Wie die Wellen des Meeres kann sich das Leben von einem Moment auf den anderen in eine andere Richtung bewegen. Jede Minute, jede Sekunde hat das Potential einer grundlegenden Veränderung. Hinter jedem Wellenschlag vermag die Stimme des Schicksals eine vielversprechende Prophezeiung oder eindringliche Warnung zu säuseln, die alles bisher Geglaubte auf den Kopf zu stellen scheint. Daniel schaute auf seine rostige Armbanduhr. Wie jedes Jahr zu dieser Zeit bekam er ein mulmiges Gefühl im Bauch.
Eigentlich hatte er keinen Grund mehr dazu, dachte er. Gedankenverloren griff er in die weiße Kühlbox neben ihm und zog eine Dose Bier heraus. Sie fühlte sich herrlich kalt an. Eine leichte Brandung umspülte seine sandigen Füße.
Das Rauschen der Wellen hatte für ihn immer etwas Beruhigendes. Schlechte Gedanken spülte es einfach weg und alles Gute saugte es in sich auf. Wie sein neues Fitnessarmband, das er sich vor zwei Wochen zugelegt hatte, dachte er. Vielleicht hätte er lieber doch ein teureres Modell wählen sollen. Jetzt lag es schon nach dem dritten Mal surfen am Grund des Meeres.
Er schaute auf das Auf und Ab der Brandung. Wie ein langsamer, gleichmäßiger Rhythmus, der sich dennoch in jedem Takt neu entdeckte. Ein unendliches Lied, das in der Ferne immer leiser und dunkelblauer wurde. Am Horizont sah er einen Dreimaster, der bis zur Reling verschlungen war von einem tiefen Blau. Vielleicht war es ja die blaue Farbe des Meeres, die ihn beruhigte und irgendwie auch etwas zufriedener machte. Kein türkises Blau wie an den Stränden von Hawaii, eher ein dunkles Blau mit einer leichten grünlichen Färbung. Farben sollen ja einen erstaunlichen Einfluss auf die Stimmung haben. Nur auf seine heute scheinbar nicht.
Daniel nahm einen großen Schluck und blickte sich um. Der Strand am Huntington Beach war wie ausgestorben. Nur zwei Surfer mit langen Neoprenanzügen versuchten ihr Glück bei den doch eher schwach und kraftlos wirkenden Wellen. Im Mai war hier noch nicht viel los. Nur drüben beim Pier tummelten sich das ganze Jahr über Touristen. Bei 15 Grad Celsius war den Leuten wohl noch nicht nach Strand zumute, mal abgesehen davon, dass es 13:10 Uhr und heute Dienstag war. Ein leichtes Frösteln durchfuhr ihn. Er schaute auf die Haare seines rechten Unterarms, die sich kämpferisch in Stellung brachten.
In Deutschland musste es jetzt 23:10 Uhr sein, überlegte er. Ihre Freundinnen waren bestimmt schon weg. Er zog sich seinen schwarzen verwaschenen Pulli über und griff nach seinem Handy.
»Hi Sarah.«
»Hallo Daniel.«
Dass seine Tochter ihn mit seinem Vornamen ansprach, schmerzte ihn, aber unschuldig daran war er schließlich nicht. Er war ja nie dagewesen. So viele Jahre hatte er sein privates Leben für seine Arbeit geopfert. Zwölf Stunden am Tag voller Schufterei, Tyrannei und der Paranoia des Küchenchefs, der hinter jedem Gast einen Restaurantkritiker vermutete. Doch die Aussicht auf den Posten des Sous Chefs hatte ihn die letzten Jahre über Wasser gehalten. Seine Frau entfernte sich immer weiter von ihm und seine kleine Tochter erkannte er kaum noch, so groß war sie geworden. Der Posten des Sous Chef war der einzige Grashalm, an den er sich klammern konnte.
»Tut mir leid, Daniel.« Die Worte seines Küchenchefs hallten in seinen Ohren, als würde er direkt neben ihm stehen. »Mark hat einfach mehr Erfahrung«.
Er konnte sich nicht erinnern, dass er damals etwas hatte erwidern können. Daniel war gegangen, ohne ein Wort zu sagen. So voller Wut und Enttäuschung war er gewesen. Sein deutlich älterer Kollege war kein schlechter Koch, doch Daniel war qualifizierter, er hatte den Überblick und die Perfektion in jedem Bereich erworben. Ob Fleisch, Fisch, Saucen, Gemüse, Backwaren, Desserts oder Kaltspeisen, er beherrschte sie alle. Der zweite Stern war zu einem großen Teil sein Verdienst gewesen und sein Chef wusste das auch. Wie hatte er sich für Mark entscheiden können?
Dann wurde alles schwarz. Er hatte nur noch schemenhafte Erinnerungen an diese Zeit. Als er damals nach Hause kam, war er zusammengebrochen. Er erinnerte sich an das Wort Burnout aus dem Mund seines Arztes. An die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Seine Angstzustände. Tagelang hatte er kaum vom Bett aufstehen können. Als würde er in einem fremden Körper stecken, machtlos etwas zu tun, nur ein Zuschauer, den niemand hören konnte. Aber war das nicht abzusehen gewesen? Die jahrelange Rastlosigkeit, der ständige Schlafmangel. Seine eigenen Bedürfnisse hatte er nach und nach immer weiter hinten angestellt.
Er hätte sich vernünftig therapieren lassen sollen. Vielleicht wären die Erinnerungen an die letzten Jahre dann jetzt nicht nur bruchstückhaft abrufbar. Seit ein paar Monaten hatte er sogar regelmäßig das Gefühl, sein eigenes Leben nur in einem Buch gelesen zu haben. Oder vielleicht mehr in einem Film, schließlich kreisten ständig Bilder in seinem Kopf, die überhaupt keinen Sinn ergaben, die zusammenhanglos oder verschwommen waren. Hatte er alle Gefühle, samt Erinnerungen, einfach tief in seinem Innern vergraben?
»Alles Gute zum 15. Geburtstag.«
»Danke.«
»Hast du mein Paket bekommen?«
»Nein, hab bis jetzt nichts bekommen.«
»Das kommt bestimmt in den nächsten Tagen. Du weißt ja wie das ist mit der Post von hier. Es wird dir gefallen.«
»Dankeschön. Danke, dass du angerufen hast.«
»Sarah ich … möchtest du, möchtest du mich in den Sommerferien besuchen kommen?«
»Ich weiß nicht, vielleicht.«
»Das würde mir viel bedeuten, weißt du, ich …« Er wollte ihr so gerne von seinem Leben hier erzählen, das sich in den letzten Monaten so verändert hatte. Aber was sollte er sagen? Hey Sarah, so langsam scheine ich mein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen und könnte nun eine Beziehung zu meiner Tochter aufbauen.
Vielleicht sollte er genau das tun. Aber Daniel konnte es nicht. Zu tief schien der Graben zwischen ihnen, voller Enttäuschung, Schmerz und Wut. Die Hoffnung und der Wunsch nach Annäherung auf beiden Seiten, da war sich Daniel sicher, baute eine Brücke, die er noch nicht wagte zu betreten, aus Angst, sie würde einstürzen.
Sein Leben hatte sich in der Tat verändert. Nachdem er das Haus in Fountain Valley vor ein paar Jahren von einem Großonkel geerbt hatte, war er vor etwa einem Jahr hergezogen.
Er fragte sich immer wieder, wer dieser Großonkel war, von dem er nie gehört hatte. Warum hatte er nie Kontakt zu ihm gesucht? Nicht einmal zu einer Beerdigung war er eingeladen worden. Er hatte gehofft, dass es noch mehr Verwandtschaft hier gab. Aber die Suche blieb erfolglos. Die Nachbarn erzählten ihm, dass das Haus immer nur an Feriengäste vermietet worden war. Mit seiner rustikalen Veranda, den kleinen, aber komfortablen Zimmern und mit nur fünf Meilen Entfernung vom Strand ließ sich das Haus bestimmt gut vermieten.
Auch hatte er sich gefragt, wieso er so leicht ein Visum bekommen hatte. Mit seinen dürftigen Einnahmen, die er bei seinen Gelegenheitsjobs bekam, konnte er sich nicht vorstellen, ein großer Mehrwert für dieses Land zu sein.
Anfangs hatte er versucht, wieder als Koch zu arbeiten, aber er schaffte es nicht einmal mehr, eine Restaurantküche auch nur zu betreten. Es fühlte sich an wie ein traumatisches Erlebnis, das er nie richtig verarbeitet hatte. Wie ein kleiner Junge, der im Baggersee fast ertrunken wäre und seitdem panische Angst vor tiefen Gewässern hatte.
Die ständigen Jobwechsel passten zu seiner mentalen Verfassung. Er fühlte sich halt- und rastlos. Ohne Ziel vor Augen spürte er eine Leere in sich, die er bisher durch nichts füllen konnte.
Seit drei Monaten arbeitete er auf einer kleinen Ranch in Lake Forest. Zumindest den halben Tag. Er kümmerte sich um die Pferde, hackte Holz, mähte den Rasen und erledigte, was immer anfiel. Der Besitzer der Ranch, Thomas Bishop, ging auf die sechzig zu und konnte nach zwei Bandscheibenvorfällen die Arbeit nicht mehr allein bewältigen. Er hatte diesen Job seinem Nachbarn Jim zu verdanken, der den Kontakt herstellte. Die Arbeit tat ihm gut. Er hatte das Gefühl, etwas Gutes zu tun und Thomas entlohnte ihn großzügig. Den Rest seiner Zeit verbrachte er mit viel Sport. Gemeinsam mit Jim probierte er regelmäßig neue sportliche Herausforderungen wie Boxen oder Surfen aus. Im Fitnessstudio und anliegendem Boxclub ließ ihn der Besitzer, dank Jim, umsonst trainieren. Er musste irgendeinen Deal mit ihm ausgehandelt haben. Jim wollte es ihm nicht sagen und er bohrte nicht weiter nach.
»Sag mir einfach Bescheid, ja? Ich kümmere mich dann um alles.«
»Okay.« Ihre Stimme hatte einen merkwürdigen Unterton, als ob ihr etwas auf dem Herzen lag, das sie nicht sagen konnte. Sollte er nachfragen?
»Gute Nacht, Sarah.«
»Tschüss … Dad.«
Ihm war heiß. Er schaute nach oben. Die vereinzelten Wolken, die hin und wieder die Sonne verdeckten, waren nicht mehr zu sehen. In seinem schwarzen Pulli spürte er jeden Sonnenstrahl. Er fühlte den Schweiß, der sich auf seinem Rücken in Bewegung setzte und krempelte sich die Ärmel hoch. Die Narben auf seinen Unterarmen sollten ihn nicht nur an seine seelischen Schäden erinnern, sondern auch an die vielen physischen Unfälle in seiner beruflichen Laufbahn.
Sein Magen knurrte. Er nahm einen letzten Schluck aus der Dose und stand auf. An das Hungergefühl am Mittag hatte er sich immer noch nicht gewöhnt. Während der Arbeit als Koch hatte er nie eine richtige Pause machen können. Erst am Ende der Arbeitszeit, gegen zwei bis drei Uhr, hatte er sich immer den Bauch vollgeschlagen.
Daniel setzte sich Richtung Strandpromenade in Bewegung. Dank der Sonne war der Sand inzwischen angenehm warm. Eine leichte Brise erfasste seinen Körper. Er liebte es, am Strand barfuß zu gehen. Der Sand, der bei jedem Schritt durch seine Zehen strich, hatte etwas Stimulierendes. Wie eine leichte, kribbelnde Nackenmassage.
Zwischen den hohen Palmen hindurch sah er auf seinen alten Cadillac Eldorado. Er liebte diesen Wagen. Das typische Cadillac-Design, die weichen Sitze und auch die 8,2 Liter Hubraum. Vielleicht hätte es nicht der rostige Beigeton sein müssen, aber der starke Motor und der gute Zustand der Karosserie waren den Preis definitiv wert gewesen.
Seit ein paar Monaten hatte ihm der Wagen allerdings immer wieder Probleme bereitet. Erst der Zahnriemen, dann die Batterie und zuletzt die Wasserpumpe. So lernte er seinen Nachbarn Jim kennen, der in der Nähe eine Werkstatt betrieb.
Wenn Daniel zu ihm kam, hatte er meistens irgendeinen Oldtimer da, an dem er gerade herum schraubte. Er dachte an den VW T2 von letzter Woche und stellte sich vor, mit dem alten Bulli und seinem neuen Surfbrett auf dem Dach über den Highway 1 zu fahren.
Daniel schaute die Straße entlang. Etwa hundertfünfzig Meter entfernt entdeckte er eine schwarze Limousine mit getönten Scheiben. Er kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Hinter dem Wagen stand ein Mann mit Sonnenbrille in den Haaren und einem Fernglas in der Hand.
Schaute er in seine Richtung? Daniel blickte sich neugierig um. Was gab es denn hier zu sehen? Bis auf ein paar parkende Autos war er allein. Nicht einmal eine der aufdringlichen Möwen gab es hier zu sehen und das dutzend Kokosnüsse auf der Palme zu seiner Rechten erschien ihm auch nicht interessant genug.
Er blickte erneut zu der schwarzen Limousine. Als fühlte sich der Mann ertappt, sah er von seinem Fernglas ab und stieg in seine Limousine.
Wie in einem schlechten Spionagefilm, schmunzelte Daniel und stieg in seinen Eldorado. Das sonst so angenehm weiche Leder hatte sich in der Sonne doch recht stark erhitzt. An noch heißeren Tagen hatte er oft das Gefühl, sich in ein Wasserbett mit kochendem Wasser zu setzen. Nächstes Mal musste er darauf achten, sich in den Schatten zu stellen, dachte Daniel.
Er drehte den Zündschlüssel und der Cadillac knurrte wie ein großer böser Hund, der gerade aus seinem Schlaf gerissen wurde. Beim leichten Streicheln des Gaspedals bellte der Wagen laut zurück.
Daniel fuhr Zickzack in nordöstliche Richtung. Er machte das Radio an und ein viel zu lautes »hey Jude, don’t make it bad« ertönte aus den Lautsprechern. Während der Fahrt drehte er wohl die Lautstärke immer weiter auf, um dann jedes Mal, wenn er das Radio wieder anmachte, von dem Lärm überrascht zu werden.
Sein Handy klingelte.
»Ja?«
»Jim hier, hi.«
»Hi Jimmy, alles gut bei dir? Was gibt’s?«
»Ja … äh, eigentlich nichts. Warum wollte ich dich noch mal anrufen?«
»Na, wenn du es selbst nicht weißt?«
»Meinen mobilen Werkzeugkoffer!«
»Ja?«
»Ja, hast du ihn? Ich finde ihn nicht mehr?«
»Was soll ich mit deinem Werkzeugkoffer?«
»Keine Ahnung. Der ist immer an der gleichen Stelle.«
»Ich habe ihn jedenfalls nicht.« Manchmal war er echt durch den Wind, dachte Daniel. Jim war für ihn ein Surfertyp, wie er ihn sich immer vorgestellt hatte. Lange, blond-braune Haare, durchtrainierter Körper und irgendwie etwas durchgeknallt. Immer wenn er nicht gerade am Surfen, Trainieren oder beim Rauchen von irgendwelchen Substanzen war, arbeitete er fleißig in seiner eigenen kleinen, aber gut ausgerüsteten Werkstatt.
»Mmh okay. Aber ich kann mir nicht erklären …«
»Hey, ich fahre jetzt zu Molly. Ich könnte dich abholen, dann kannst du in Ruhe überlegen, wo du ihn möglicherweise versteckt hast.«
»Danke, aber ich muss die verdammte Karre hier bis morgen fertig haben und gleich auch noch trainieren.«
»Okay. Melde mich dann morgen bei dir.«
»Mach das. Grüß Molly.«
Der Besuch in Mollys Diner war für ihn schon zu so etwas wie einem Ritual geworden. Er war nie ein großer Fan der amerikanischen Küche gewesen. Viel zu viel Fett, Zucker und schnelle Kohlenhydrate. Er liebte die mediterrane Küche mit viel Knoblauch, gutem Olivenöl und frischgefangenem Fisch. Sie schmeckte für ihn nach Urlaub und Sonne. Aber er hatte auch eine Schwäche für selbstgemachte Burger mit saftigem Rindfleisch und frischem Gemüse. Molly hatte zudem eine spezielle hausgemachte Soße, die eine einmalige Geschmackskombination erzeugte. Wie für viele Stammgäste war Molly für Daniel so etwas wie eine gute Freundin geworden, mit der er über vieles reden konnte. Ihr Mann war vor ein paar Jahren bei einem Autounfall gestorben. Seitdem war das Diner zu ihrem Zuhause und die Gäste zu ihrer Familie geworden.
Santa Ana lag nördlich von Costa Mesa, wo er gerade am Orange Coast College vorbeifuhr. Die neuen modernen Campusgebäude und Sportplätze erweckten Sehnsüchte eines erlebnisreichen Studentenlebens. Er schaute in den Rückspiegel und sah eine schwarze Limousine, die ihm bekannt vorkam.
Dasselbe kalifornische Kennzeichen wie vorhin.
Nach der dritten Kreuzung bekam er ein flaues Gefühl im Magen, das sich von seinem Hunger doch recht gut unterscheiden ließ.
Wurde er verfolgt?
Daniel wechselte die Richtung und fuhr die nächsten zwei Kreuzungen in beliebige Richtungen.
Die Limousine blieb weiter circa hundert Meter hinter ihm. Was wollten die beiden von ihm? War es eine Verwechslung? Wollte er das wirklich herausfinden? Daniel konnte sich nicht daran erinnern, jemals ein Freund von Konfrontation gewesen zu sein. Ließ sich eine Konfliktsituation mit unbestimmtem Ausgang vermeiden, dann tat er das auch. Er musste sie abschütteln.
Angestrengt schaute er nach vorne. Mist! Die Ampel ging gerade auf Rot. Machte er sich tatsächlich Sorgen, über eine rote Ampel zu fahren?
Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er fuhr etwas langsamer. Seine Hände krallten sich in das Lenkrad, als wollte er es mit bloßen Händen zerquetschen.
Noch ein paar Meter.
Schnell schaute er nach rechts und links und drückte mit voller Wucht auf das Gaspedal. Der Motor brüllte wie ein tollwütiger Löwe.
Einen Truck, der von rechts auf die Kreuzung zufuhr, hatte er wohl unterschätzt. Mit quietschenden Reifen und einem Horn, das seinen ganzen Körper vibrieren ließ, sah Daniel den Truck wie in Zeitlupe auf sich zukommen. Sein Körper verkrampfte im Anblick des nahenden Aufpralls.
Doch der Truck verfehlte ganz knapp das Heck des Cadillacs und kam auf der Kreuzung mit quietschenden Reifen zum Stehen.
Daniel atmete kräftig aus und schaute in den Rückspiegel. Der Truck stand jetzt mitten auf der Kreuzung und versperrte die Durchfahrt. Er hatte sie abgehängt, dachte er hoffnungsvoll und fuhr mit hohem Tempo wieder Richtung Diner.
Als sein Puls sich langsam legte, schlug er mit seiner rechten Faust auf das Lenkrad.
»Du Idiot! Du hättest draufgehen können! Nur weil dich zwei Spinner mit irgendeinem Promi aus LA verwechselten?« Kalter Schweiß lief seinen Rücken hinunter.
Er bog auf den fast leeren Parkplatz von Molly‘s Diner ein und fuhr auf einen der Plätze im Hinterhof. Falls die Spinner doch noch zufällig hier vorbeikommen würden, konnten sie den Eldorado zumindest nicht von der Straße aus sehen.
Hastig stieg er aus dem Wagen und ging Richtung Vordereingang. Vielleicht sollte er Molly mal sagen, dass jeder, der hier hinten parkte, vermutlich direkt wieder wegfahren wollte. Er sah auf den Berg aus stinkenden Müllsäcken. Direkt daneben klammerten sich zwei kaputte Stühle an weiteren, auf den ersten Blick für ihn undefinierbaren Schrott. Ein kleiner Holzverschlag wäre doch ideal, dachte er und griff nach der Türklinke.
Von vorne machte das Diner auch nicht besonders viel her, aber hier drinnen versprühte es eine unglaubliche Anziehungskraft. Er liebte die in die Jahre gekommenen roten Ledersitze, die alte Deko-Tanksäule, die kleine Jukebox direkt neben dem Eingang und die Schellackplatten und alten Werbeschilder an der Wand. Als er den Raum betrat, roch es nach frischem Kaffee, gebratenem Speck und süßen Pancakes.
»Hey Daniel, wie geht es dir? Du bist aber spät heute«, rief Molly von hinten aus der Küche.
»Hi Molly«, entgegnete er kurz. Die kleine, etwas kräftige Molly trat aus der Küche hervor und lächelte ihn an.
»Das Übliche für dich heute?« Das Übliche war in diesem Fall Mollys Bacon Burger mit ihrer berühmten Spezialsoße.
Daniel setzte sich an einen Tisch in der Ecke. Von hier aus konnte er den Eingang, Mollys Tresen und durch das Fenster den Parkplatz und die Straße sehen. Der kleine Laden war wie ausgestorben. Auf der anderen Seite des Diners saß ein etwa sechzig Jahre alter Mann mit einem Kaffee in der Hand und las in der Tageszeitung. Am Tresen nippte ein kräftig wirkender Kerl mit Lakers Cappy, den leeren Flaschen neben ihm nach zu urteilen, mindestens an seinem dritten Bier. Aus der Küche erreichte ihn ein kräftiges Aroma von geschmortem Rindfleisch und Zwiebeln. Der Gedanke an die Zwiebelringe, die im heißen Öl vor sich hin brutzelten, ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Molly brachte ihm eine Coke und sah ihn mit ihren großen leuchtenden Augen strahlend an.
»Daniel. Was gibt’s Neues? Du siehst irgendwie durch den Wind aus?«
»Du glaubst nicht …« Eigentlich wollte er ihr von den beiden Spinnern und seiner Verfolgungsjagd erzählen, entschied sich aber dann doch dagegen. Irgendwie war ihm die Sache peinlich.
»Was glaub ich nicht?«, fragte ihn Molly interessiert.
»Meine Tochter …«.
»Sarah«, sagte Molly, als er kurz zögerte.
»Ja«, setzte Daniel fort. »Ich habe mit ihr gesprochen. Sie hat heute Geburtstag.«
»Und hast du sie gefragt? Du wolltest sie doch zu dir einladen«. Molly sah ihn erwartungsvoll an.
»Sie überlegt es sich«. Daniel bekam wieder ein bedrückendes Gefühl im Bauch.
»Bestimmt will sie kommen. Bei so einem tollen Vater würde ich mir das nicht lange überlegen.« Molly lächelte ihn an. »Und wenn sie kommt, musst du sie unbedingt mitbringen. Ich möchte sie sehr gerne kennenlernen.«
»Ja, das mache ich«, antwortete Daniel nur knapp.
Ein toller Vater?
»Ach und wie geht es Jim?«, fragte sie. Jim kam eigentlich nur gelegentlich mit ihm in ihr Diner. Er schien es Molly angetan zu haben. Sie fragte fast jedes Mal nach ihm. Daniel musste daran denken, wie Jim ständig versuchte, ihn mit einer seiner Bekanntschaften zu verkuppeln. Leider waren diese Verhältnisse nie von langer Dauer. Er hatte immer noch Schwierigkeiten, eine ernsthafte Beziehung einzugehen. Hatte er Angst, verletzt zu werden? Oder Angst, wieder jemanden zu enttäuschen?
»Mit Jim ist momentan nicht viel anzufangen. Er ist von morgens bis abends am trainieren, er nimmt doch an dieser US-Open-Surfmeisterschaft im Juli teil.«
»Und da macht er nichts anderes, als den ganzen Tag zu trainieren?«, fragte ihn Molly ungläubig. »Er ist doch immer so … entspannt, wenn ich ihn sehe. So ehrgeizig hätte ich ihn gar nicht eingeschätzt.«
»Jim ist total fokussiert. Er hat sogar einigen seiner Kunden abgesagt. Ihm scheint dieses Ding echt wichtig zu sein«. Daniel nickte anerkennend.
»Verrückt. Na ja, wenn du ihn siehst, grüß ihn bitte ganz lieb von mir.« Molly wollte gerade umdrehen. »Ach, hast du eigentlich von Billy Bones gehört?«
»Dem Schauspieler?«
»Ja genau. Billy war schon ein paar Mal bei mir essen. Deswegen ist es so unfassbar.«
»Was ist denn mit ihm?«
»Der ist jetzt in der Irrenanstalt, völlig durchgedreht. Lief einfach nackt in der Stadt herum und wusste auch nicht mehr, wer er war.«
»Einfach so?«
»Ich habe keine Ahnung.«
»Vielleicht war er auf Drogen und hat es übertrieben.«
»Ja, vielleicht«, sagte Molly und ging wieder zurück in die Küche. Das schien sie echt mitzunehmen, dachte Daniel. Sie ließ die Schicksale der Menschen auch immer zu nah an sich heran. Daniel nahm einen großen Schluck und blickte aus dem Fenster. Ach du Scheiße!
Er prustete die Hälfte der Cola in seinem Mund auf den Tisch. Das darf doch jetzt nicht wahr sein. Er sah, wie die schwarze Limousine mit dem kalifornischen Kennzeichen auf den Parkplatz einbog.
Mit seiner letzten Kraft hämmerte er an die schwere Eisentür und schrie verzweifelt durch das Schlüsselloch. Aber niemand kam, um ihn zu befreien. Es war stockduster. Die dicke gelbe Kerze auf der anderen Seite der Tür war schon lange erloschen. Ein stechender Schmerz in seinem Bauch ließ ihn zu Boden sinken. Schon zwei Tage saß er jetzt in diesem Loch, ohne Essen. Nur einen halben Liter Wasser am Morgen hatte ihm der große Buddha, wie sie ihn alle nannten, gegeben. Sein Flehen, ihn hier rauszulassen, hatte ihn aber kalt gelassen. Seine Kehle war staubtrocken und brannte wie Feuer.
Wie konnten sie ihm so etwas antun? Nur, weil er sich gewehrt hatte, als dieser Mistkerl ihm das Tablett aus der Hand geschlagen hatte? Er kannte nicht einmal seinen Namen. Wie ein aufgeblasener Truthahn stolzierte er mit seinen beiden Hampelmännern überall herum. Er war bestimmt der Älteste hier. Vielleicht schon vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Viel älter als er. Der beißende Gestank von Urin und Kot bohrte sich wieder in seine Nase.
Er vergrub seinen Kopf in den Schoß. Winzige Tränen kullerten aus seinem ausgetrockneten Körper. Wo war er hier nur gelandet? Er dachte an sein Kinderzimmer, an seine Mutter, die ihn in den Arm nahm. An Vater wollte er lieber nicht denken. Er hatte sich immer gewünscht, dass er aufwachen würde und sein Vater wäre nicht mehr da. Jetzt waren sie beide nicht mehr da. Das war alles seine Schuld. Er allein war dafür verantwortlich. Warum konnte er nicht einfach auch sterben?
»Walt?« Ein hämmernder Schlag schreckte ihn aus seinem Halbschlaf.
»Waaalt«, flüsterte erneut eine Stimme hinter ihm. Walter drehte sich um und ging auf die Knie, um durch das Schlüsselloch sehen zu können.
»Wer ist da?«, rief er.
»Psst ..., sei leise. Ich bin es, MJay.«
»MJay? Was machst du hier?«
»Geh von der Tür weg«, sagte MJay nur. »Mach schon.«
Walter kroch auf seinen Knien ein paar Zentimeter zurück und zog sich dann an der eiskalten Steinwand nach oben. Mit zittrigen Beinen wankte er in die hintere Ecke der Zelle. Wollte MJay die Tür eintreten?
»Hier, das ist für dich«, hörte er MJays dumpfe Stimme.
»Was ist für mich?«, rief Walter.
Keine Antwort.
»MJay?«
Stille. MJay war verschwunden.
Walter wankte zurück zur Tür und ließ sich wieder auf den Boden fallen. Was zum ...?
Er spürte etwas Weiches zwischen seinen Fingerspitzen. Walter griff zu und hielt es sich vor seine Nase. Er konnte es nicht glauben. Brot.
Ausgehungert wie er war, stopfte er sich das zerdrückte Brot in den Mund und schlang es herunter. MJay hatte es durch den kleinen Schlitz unterm Türboden gequetscht. In diesem Moment war es das beste Brot, das er je in seinem Leben gegessen hatte. Zufrieden kroch er in die Ecke neben der Tür und legte sich auf das modrige alte Baumwolllaken.
Warum tat er das für ihn? Er hatte noch nicht ein einziges Wort mit ihm gesprochen. In den wenigen Tagen hier hatte er MJay immer nur allein gesehen. Er war vielleicht ein, zwei Jahre älter als er, aber der Truthahn mit seinen beiden Bodyguards machte einen weiten Bogen um ihn. Irgendetwas war anders an ihm, das hatte er schon am ersten Tag gespürt. Dieses Leuchten in seinen Augen, als wüsste er über alles, was in diesem Heim vor sich ging, Bescheid. Als Walter dem Truthahn eine verpasst hatte, war MJay einfach nur dagestanden und hatte ihn mit diesem zufriedenen Gesichtsausdruck angesehen. Sein Vater hatte ihn immer so angesehen, wenn er ihm in der Werkstatt geholfen und ausnahmsweise mal etwas richtig gemacht hatte. Als hätte er gerade einen Test bestanden. Jetzt stand er in MJays Schuld. Aber was wollte er von ihm?
Er hatte keine Gelegenheit mehr, weiter darüber nachzudenken. Voller Erschöpfung fiel er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Beim Anblick der schwarzen Limousine erstarrte Daniel wie ein junges Reh im Scheinwerferlicht. Nur sein Puls raste.
Ein schmerzhaftes Pochen in seinen Schläfen holte ihn schließlich wieder zurück. Er schaute sich verzweifelt im Diner um. Der Kerl vom Tresen war vermutlich auf die Toilette gegangen. Daniel stand auf und ging zu Molly, die gerade die leeren Bierflaschen wegräumte.
»Molly, falls die beiden Typen, die gleich reinkommen, nach mir fragen oder nach jemandem mit meinem Aussehen. Du hast keine Ahnung wer und wo ich bin, okay?«, sagte er zu Molly. Seine Stimme klang für ihn ungewöhnlich zittrig.
»Was hast du ausgefressen, Daniel?«, Molly schaute ihn prüfend an.
»Ich habe keine Ahnung«, erwiderte er schnell und ging in Richtung der Toiletten.
Daniel drehte sich um und schaute aus sicherer Entfernung zum Parkplatz. Die schwarze Limousine glänzte in der grellen Sonne. Die beiden Männer stiegen aus dem Wagen. Der linke hatte eine dunkelblaue Jeans und eine weite schwarze Lederjacke an. Der andere eine dunkle Hose und einen schwarzen Trenchcoat. Beide hatten kurze dunkle Haare und trugen schwarz getönte Sonnenbrillen. Wenn ihm die Lage nicht so völlig unangenehm gewesen wäre, hätte er vermutlich laut losgelacht. Die beiden hatten wohl zu viele schlechte Gangsterfilme gesehen. Wobei der Rechte der beiden ihn eher an die alten Matrix Filme erinnerte. Wie auch immer, die beiden sahen nach Ärger aus. Hatten sie etwa seinen Wagen entdeckt?
Vielleicht haben sie ja nur Hunger.
Er beschloss die Sache auf der Toilette auszusitzen, bis die beiden wieder weg waren.
»Vermeide die Konfrontation«, sagte er leise zu sich selbst.
Für den kleinen Laden war die Herrentoilette relativ geräumig. Drei Pissoirs und vier Kabinen zählte er. Da die erste Kabine besetzt war, vermutlich von dem Lakers-Fan, nahm er die dritte und setzte sich auf den geschlossenen Klodeckel.
Er versuchte, etwas von den Geschehnissen im Restaurant zu hören, was neben den Geräuschen, die aus Kabine eins kamen, gar nicht so einfach war. Aus der Jukebox im Restaurant erklang die gedämpfte Stimme von Rod Evans.
Daniel vernahm plötzlich ein lautes Poltern aus dem Restaurant. Vermutlich war Molly Geschirr zu Boden gefallen. Hatte sie schon jemals etwas fallen gelassen?
Wenige Sekunden später ging die Tür zu den Toiletten auf und jemand trat ein. Daniel hielt den Atem an.
Nach zwei, drei Schritten blieb die Person stehen. Daniel nahm weitere Schritte am Eingang war. Seine Sinne waren hellwach. Ein weiterer Besucher? Suchten die beiden Spinner jetzt auf der Toilette nach ihm? Daniel wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen, als plötzlich die erste Kabinentür krachte, so als hätte sie jemand von außen mit voller Wucht eingetreten. Vielleicht eine Sekunde später hörte er zwei schnelle Geräusche.
Pock, pock. Daniel stockte der Atem.
Er wusste ganz genau was das war. Dafür hatte er einfach schon zu viele Actionfilme gesehen. Pistolen mit Schallschutzdämpfern.
Er hörte ein leises Plumpsen in der ersten Kabine, das nur von dem Lakers-Fan kommen konnte, den seine beiden Freunde gerade erschossen hatten. Ein heftiger Adrenalinschub durchfuhr seinen Körper. Sein Gehirn ratterte auf Hochtouren. Was ist das hier für eine Scheiße?,dachte Daniel. Er hatte doch überhaupt nichts angestellt. Bis auf den einen oder anderen Gramm Gras, den er mit Jim geraucht hatte, hatte er sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Aber auch das war ja inzwischen legal in Kalifornien. Das sind richtige Killer!
Wieso haben sie den Mann umgebracht? Sie waren doch hinter ihm her? Daniel glaubte immer noch an eine Verwechslung. Aber Verwechslung hin oder her: Die beiden Killer waren bereit, Menschen zu töten. Er musste an Molly denken. War sie auch tot?
Daniel schossen tausend Fragen durch den Kopf. Wieso töten sie unschuldige Menschen? Damit sie keine Zeugen hatten? Wofür brauchten sie keine Zeugen? Weil sie ihn auch umbringen wollten? Er hatte nur auf eine Frage eine Antwort. Sein Leben war definitiv in Gefahr.
Die zweite Kabinentür wurde aufgestoßen. Mit einem Tritt? Konnte er nicht sehen, dass die Tür nicht verschlossen war? Als nächstes war seine Tür dran, inklusive zwei Schüssen. Vermutlich eine Kugel in sein Herz, die andere in seinen Kopf. In den Filmen, die er gesehen hatte, machten es die Profis genau so, um sicher zu gehen, dass das Opfer wirklich tot war. Daniel versuchte krampfhaft, seine Panik zu unterdrücken und nachzudenken.
Er schaute sich die Tür vor ihm genauer an. Das Schloss bestand aus einem einfachen Riegel, der in einen Haken geschoben wurde. Die Befestigung wurde von ein paar rostigen Schrauben gehalten, von denen die Hälfte fehlte. Die Tür konnte also sowohl leicht von außen als auch von innen aufgetreten werden, überlegte Daniel. Der Killer auf der anderen Seite bewegte sich auf seine Tür zu.
Was habe ich schon zu verlieren?, dachte er. Er stützte sich mit seiner linken Hand am Klosims ab und trat mit voller Wucht von innen gegen die Kabinentür.
Mit einem lauten Knall flog die Tür nach außen auf und traf den Killer mit voller Wucht. Daniel sprang aus der Kabine und sah den zweiten Killer mit der Lederjacke sich gerade aufrichten.
Sein Partner mit dem Trenchcoat hatte ihn wohl beim Aufprall mitgerissen. Er hatte beide Hände an einer Pistole mit Schallschutzdämpfer und drehte sich in seine Richtung.
Reflexartig griff Daniel nach der Waffe und schaffte es, sie mit beiden Händen zu umklammern. Er versuchte, sie dem Killer aus der Hand zu reißen, doch dieser dachte nicht daran, sie loszulassen. Der Angreifer verlagerte sein Gewicht und versuchte, Daniel von der Seite eine Kopfnuss zu verpassen, streifte aber nur seine Nase.
Daniel schaute rüber zu Killer Nummer eins. Dieser schien wieder zu Sinnen gekommen zu sein und suchte nach seiner Pistole. Sie war in die zweite Kabine gefallen, wo auch dieser sie gerade entdeckte. Er streckte sich und griff nach der Pistole.
Daniel riss die Waffe, an der sich immer noch die Hände von Daniel und Killer Nummer zwei klammerten, ruckartig herum und versuchte, so aus der Schusslinie zu kommen.
Pock.
Ein Schuss löste sich. Offensichtlich hatte Daniels kräftiger Griff auf die Finger des Killers den Abzug ausgelöst.
Der Schuss traf den am Boden sitzenden Killer, der gerade nach seiner Waffe griff, direkt in den Kopf. Helles Blut spritzte an die Kabinentür hinter ihm und ein rotes, dunkles Loch klaffte über seinem rechten Auge.
Daniel hätte eigentlich schockiert sein müssen, gelähmt von der Tatsache, gerade einen Menschen getötet zu haben. Aber er griff noch fester zu. Er spürte plötzlich eine Energie in sich, wie er sie noch nie gespürt hatte.
Mit aller Kraft drückte er sich vom Boden ab und schleuderte den Killer mit voller Wucht gegen die Wand.
Seine Kraft überraschte ihn. Er war nie besonders stark gewesen. Lag es am Krafttraining mit Jim? Aber die Arbeit auf der Ranch hatte sicherlich auch einen Beitrag geleistet. Wie auch immer, jetzt hatten sich das Training und die harte Arbeit ausbezahlt gemacht.
Beim Aufprall gegen die Wand ließ der Killer die Waffe los. Daniel konnte sie nicht festhalten und sie schleuderte zwei Meter weiter unter die Pissoirs.
Seinem Widersacher schien der Aufprall nicht viel ausgemacht zu haben, denn er schlug sofort mit einem rechten Haken in Richtung Daniels Kopf. Daniel wich reflexartig nach hinten aus, sodass der Schlag ins Leere ging und hob beide Fäuste zu einer Deckung hoch.
Ein wenig überrascht blickte er auf seine beiden Hände. Auch das Boxtraining machte sich bemerkbar.
Der Killer kam sofort wieder auf ihn zugestürmt und versuchte, ihn mit einer Links-rechts-Schlagkombination zu treffen. Daniel schlug ohne nachzudenken mit seiner starken Rechten in Richtung Killer und beide Schläge trafen in ihr Ziel.
Daniel schossen Tränen ins Gesicht. Sein Gegenüber war etwas kleiner als er und schien auch entsprechend kürzere Arme zu haben. Nur so konnte er es sich erklären, dass er zwar einen ordentlichen Schlag auf seine Nase bekam, der Killer aber zurückgeschleudert wurde. Blut lief aus dessen Nase. Daniel sah ihm in die Augen, die ihn für einen kurzen Moment zu fesseln schienen. Seine schwarzen Pupillen waren so stark erweitert, er spürte förmlich den Hunger in seinen Augen, ein unersättliches Verlangen von solcher Tiefe und Anziehungskraft wie der eines schwarzen Lochs im Weltall.
»Wer seid ihr? Was wollt ihr von mir?«
»Das weißt du ganz genau, Jack«, antwortete der Killer mit amerikanischem Akzent. Dann schüttelte er sich einmal und griff an seine rechte Wade. Daniel sah die Klinge eines Messers aufblitzen.
Das war's, dachte er. Der Ausgang war versperrt. Aus den Augenwinkeln heraus suchte er nach etwas, mit dem er sich verteidigen konnte. Wo war die andere Pistole?
»Ich heiße nicht Jack. Mein Name ist Daniel. Warum wollt ihr mich umbringen?« Seine Stimme klang heiser und zittrig. Er entdeckte sie unter den Pissoirs. Die Waffe lag keine zwei Meter neben ihm auf dem Boden. Auf der Ranch ließ ihn Thomas das eine oder andere Mal mit dem Gewehr schießen.
»Wenn du ein richtiger Amerikaner werden willst, Daniel, musst du auch mit einem Gewehr umgehen können«, hatte Thomas gesagt, als er ihm das erste Mal sein Winchester Jagdgewehr in die Hand gedrückt hatte.
Er war kein Freund von Schusswaffen, aber da Thomas wohl kein Nein akzeptiert hätte, hatte er ihm den Gefallen getan. Mit einer Handfeuerwaffe hatte er zwar noch nie geschossen, aber den Abzug würde er wohl noch finden.
Der Killer schien sofort zu erahnen, was Daniel vorhatte und holte aus. Daniel sprang in Richtung der Pistole. Er war voller Adrenalin. Alles oder nichts, dachte er.
Mit dem Messer in der Hand sprang auch der Killer mit einem großen Satz auf ihn zu.
Das Messer traf ihn in seiner rechten Schulter. Daniel verspürte nur ein leichtes Ziehen, als hätte ihn jemand gekniffen. Er griff nach der Waffe und zielte in Richtung des Killers. Dieser setzte gerade zu einem zweiten Stich in Richtung seines Kopfes an und Daniel drückte ab.
Pock.
Der Schuss traf ihn genau in sein linkes Auge. Sein Körper erschlaffte sofort und fiel durch den Schwung des Angriffes direkt auf Daniels Brustkorb.
Er konnte sich nicht bewegen. Hatte er einen Schock? Aus irgendeinem Grund musste er laut lachen, was sich mehr nach einem verrückten Clown aus einem Gruselfilm anhörte, als dass er gerade wirklich etwas lustig fand.
Da lag er nun, eine Waffe in der Hand und eine Leiche auf ihm und eine neben ihm. Das krampfhafte Gefühl, in einem Traum gefangen zu sein, schien sein Denkvermögen zu verlangsamen. Wie war er noch gleich in diese Situation geraten?
Er hatte gerade zwei Menschen getötet, die ihn umbringen wollten. Er musste die Polizei rufen. Er hatte sich doch nur verteidigt. Immer noch gelähmt blinzelte er in die flackernde Neonröhre über ihm. Waren noch mehr Killer hinter ihm her? Aber was wollten sie von ihm? Und wer war dieser Jack? Hatten sie ihn mit ihm verwechselt? Die Neonröhre flackerte unregelmäßig, ohne Rhythmus, wie Morsezeichen, die ihm etwas sagen wollten, das er nicht verstand. Ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass sich sein Schweiß schon einmal so kalt angefühlt hat.
Reiß dich zusammen, dachte er. Er musste sofort hier weg.
Mit all seiner Kraft, die er in diesem Moment aufbringen konnte, drückte er gegen den toten Körper des Killers und rollte sich unter ihm hervor. Das Messer, das halb in seiner Schulter steckte, fiel klirrend zu Boden. Wie benommen stand er auf und stützte sich auf das Waschbecken. Ein leichter Säurefilm kletterte seine Speisröhre hinauf und er spuckte. Gerne hätte er sich jetzt übergeben, doch es kam nur rot gefärbte Spucke aus seinem Mund.
Daniel blickte in den Spiegel und sah das Gesicht eines Fremden. Ein blutverschmiertes Gesicht voller Entsetzen, das gerade etwas Furchtbares gesehen haben musste. Sein sonst so unscheinbares Allerweltsgesicht schien mit einem Male an Charakter zu gewinnen. Die kleine Narbe auf der rechten Wange war bisher der einzige auffällige Charakterzug seines Gesichtes gewesen. Sie durchzog ein stecknadelkopfgroßes Muttermal, als hätte er sich dieser kleinen Schwäche seines sonst so makellosen Gesichtes mit einem Schnitt entledigen wollen. Er versuchte, sich daran zu erinnern, wie er sich den Schnitt zugezogen hatte, aber es gelang ihm nicht. Seine Schulter schmerzte. Der Schnitt konnte nicht tief sein, aber die Wunde musste unbedingt behandelt werden.
Er drehte den Wasserharn auf und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Dann drückte er auf den Seifenspender und wusch sich das Blut von den Händen. Wie in Trance starrte er auf seine zitternden Hände, die so kalt waren, wie die einer Leiche. Was sollte er jetzt tun? Die Polizei anrufen?
Er war wie gelähmt. Daniel war eigentlich nie ein ängstlicher Mensch gewesen. Was ihn lähmte, war vermutlich mehr der Schock als richtige Angst.
Plötzlich klingelte ein Telefon, das ihn aus seinem Trancezustand riss. Er sah rüber zu den beiden toten Killern. Das Klingeln schien vom Killer mit dem Trenchcoat zu kommen.
Daniel ging zu ihm und tastete nach einem Handy. Er zog ein älteres Nokia Modell aus seiner rechten Innentasche. Sollte er rangehen? War das womöglich ihr Auftraggeber? Er drückte auf den grünen Hörer.
»Ja?«, fragte Daniel mit verstellt heiserer Stimme.
»Ist er erledigt?«, fragte eine kühle Frauenstimme.
»Ja« Sein Herz pochte laut. Wie er vermutet hatte.
»Fühlen Sie seinen Puls«, befahl ihm die Frau am Telefon. Daniel wartete vielleicht drei Sekunden und sagte: »Er ist tot!«.
»Was ist mit Ihrer Stimme?«, fragte die Frau misstrauisch. Schweiß tropfte von seiner Stirn.
»Habe einen Schlag auf den Hals bekommen«, versuchte sich Daniel mit bemüht heiserer Stimme herauszureden. In der Tat spürte er einen drückenden Schmerz an seinem Hals. Er konnte sich aber nicht mehr daran erinnern, dort einen Schlag abbekommen zu haben. Die Frau am Telefon blieb still. Sie hatte es gemerkt, dachte Daniel und wartete angespannt auf eine Antwort.
»Gut, fahren Sie zurück zum Treffpunkt. Wir erwarten Sie in dreißig Minuten«, sagte die Frau und legte auf.
Da er gerade nicht wusste, was er jetzt tun sollte, versuchte er, mehr über die beiden toten Killer herauszufinden und suchte ihre Taschen ab. Wer waren diese Leute? Er fand eine Geldklammer und zwei kleine Brieftaschen. Dazwischen lag ein etwa DIN A5 großer gefalteter Zettel.
Mit zitternden Händen entfalteter er ihn. Obwohl er schon fast befürchtet hatte, was der Inhalt dieses Zettels verbarg, durchzuckte ihn ein heftiger Schauer.
Auf dem Zettel war ein Foto zu sehen. Wahrscheinlich die Kopie einer Passbildaufnahme. Es war ein Foto von Daniel.
Er starrte auf das Foto. Daniel konnte sich nicht an diese Aufnahme erinnern. Andererseits konnte er, bei dem schlechten Licht auf der Toilette, auch nicht richtig sehen. Ohne den Blick abzuwenden, griff er nach seinem Handy. Wie in Zeitlupe steckte er das Foto in seine Hosentasche, öffnete eine der beiden Brieftaschen und tastete nach den Ziffern des Polizeinotrufs.
Neun. Eins. Eins. Doch sein Daumen konnte das grüne Symbol des Hörers nicht erreichen. Der Anblick der Brieftasche ließ sein Herz nicht ganz so heftig schlagen wie bei den vorhergehenden Erlebnissen, aber dennoch so stark, dass er es selbst hämmern hören konnte. Daniel griff zur zweiten Brieftasche.
»Cops«, flüsterte Daniel mit belegter Stimme und betrachtete voller Entsetzen und Hilflosigkeit die zwei Polizeimarken und FBI-Ausweise in seiner Hand.
Kein Anschlag auf Premierminister, CNN News, vom 05. Mai:
Der Verdacht auf einen Mordanschlag auf den kanadischen und japanischen Premierminister hat sich nicht erhärtet. Soeben hat die Untersuchungskommission verkündet, dass es keine Hinweise auf einen terroristischen Anschlag gibt. Die beiden Minister, die vor zwei Monaten fast gleichzeitig zusammengebrochen waren, sind nach dem Vorfall wieder wohlauf, so der Sprecher der Kommission. Der kanadische Premier John King werde dennoch seinen Erholungsurlaub weiter fortsetzen. Als Ursache des Zusammenbruchs wird von der Kommission die Kombination von Übermüdung, hoher Arbeitsbelastung, Unterzuckerung und mangelndem Sauerstoff im Verhandlungsraum angeführt. Die Verhandlungen des Freihandelsabkommens, die zum Zeitpunkt des Vorfalls auf der Zielgeraden waren, werden nun von Seiten Kanadas durch den Vizeminister Ethan White fortgeführt. […] Ein Zusammenhang zu ähnlichen Vorfällen, die beinahe zur selben Zeit stattfanden, sei völliger Unsinn, so die Kommission. […] Der mehrfache Oscarpreisträger Billy Bones befinde sich weiter im Mount Sinai Hospital in New York und […]
Auszug aus der New York Times vom 06. Mai:
… Der Verdacht, dass Gegner des Freihandelsabkommens etwas mit dem Vorfall zu tun haben, hält sich hartnäckig. Das bisher umfassendste Freihandelsabkommen zwischen den USA, Kanada, Mexiko, Japan und China hatte zu großen Widerständen in der Bevölkerung geführt. […] Gegner des Abkommens machen darauf aufmerksam, dass vor allem Großkonzerne mit miserabler Umweltbilanz von dem Freihandelsabkommen profitieren würden. Sie befürchten, dass Umwelt- und Sozialstandards nicht eingehalten werden, kleine und nachhaltige Unternehmen benachteiligt werden, der Datenschutz aufgeweicht werde […] Auch die Aktivisten der inzwischen zu einer Massenbewegung angewachsenen Klimaschutzbewegung Mondays for Future fordern einen sofortigen Stopp der Verhandlungen. […]
Auszug aus der Zeitschrift Daily Money, vom 08. Mai:
… dennoch wurde Premier King bisher nicht in der Öffentlichkeit gesichtet. […] Der Premier erfreue sich bester Gesundheit, sagte sein Sprecher am […]
[…] Investmentlegende Bill Warren, der fast zur selben Zeit zusammenbrach, befinde sich, vertraulichen Informationen zufolge, weiterhin unter ärztlicher Aufsicht. Der Vorfall hatte zu einem immensen Abzug von Anlegergeldern aus seinen verwalteten Fonds geführt. Zwei seiner Schwellenländerfonds mussten durch den vermehrten Abzug von Liquidität kurzfristig geschlossen werden. Das Fondsmanagement betonte, dass der Gesundheitszustand Warrens stabil sei und seine Abwesenheit keinen Einfluss auf die Strategie und Performance der Fonds haben wird. […] Zuletzt hatte ein anonymes Interview mit einer Person aus Warrens engstem Umfeld für steigende Nervosität gesorgt. Er hätte immer wieder Aussetzer und Erinnerungslücken, wusste manchmal gar nicht mehr, wo er war und was in den letzten Stunden passiert war. […]
Die zügellose Natur zeigt unablässig die so fragile Konstruktion von Wirklichkeit. Sie vermag die eigene Welt mit einem Wimpernschlag zum Einsturz zu bringen.
Osaro schaute auf das Wandgemälde über seinem Schreibtisch. Sein erhabenes Antlitz voller Stolz und Macht, soweit entfernt von der blutigen Wirklichkeit auf den Straßen Nigerias. Doch der Anblick der rostigen Nieten, der korrodierten Oberfläche und der blätternden Farbe ließ Osaro Achebe die Vergänglichkeit seiner Macht spüren.
»Holt ihn rein!« Osaro drehte sich um und lehnte sich an die Kante seines Schreibtisches. Der prachtvolle, aus dunkelbraunen Bongossi-Holz gefertigte Tisch gab ihm auch in ähnlichen Situationen immer den notwendigen Halt.
Die große Flügeltür vor ihm öffnete sich und zwei kräftige Männer in Uniformen führten einen mit Handschellen gefesselten Mann, vermutlich Ende Dreißig, in das Zimmer. Ein verzerrter Blick und gläserne Augen verrieten seine Angst vor dem, was ihm offensichtlich noch bevorstand.
»Osaro, bitte, das ist alles ein Missverständnis. Ich war es nicht.« Die Stimme des Mannes war zittrig.
Osaro hob seine Hand. Die beiden Männer ließen ihn los und traten zur Seite.
Er schloss seine Augen und atmete tief durch.
Schwerfällig wandte er sich von seinem gefesselten Gast ab und ging auf die rötliche Kommode neben seinem Schreibtisch zu, deren letzter Anstrich schon einige Jahre her war. Roter Lack blätterte auf den alten Dielenboden, als er sie öffnete. Osaro wollte immer nur Frieden und Wohlstand für sein Land. Vor allem aber Frieden. Als Sohn eines höheren Staatsdieners hatte er außerordentliche Privilegien genossen, die nicht einmal einem Hundertstel der Menschen dieses Landes zuteilwurden. Er ging nach Oxford und studierte Englisch und Wirtschaft. Obwohl er nicht sehr fleißig gewesen war, stand er noch in der Regelstudienzeit kurz vor seinem Abschluss, als seine Eltern und seine Schwester ermordet wurden.
Die radikal-islamistische Terrorgruppe, die im Norden Nigerias immer wieder fürchterliche Anschläge verübte, war für ihn zwar immer präsent, aber doch noch so weit weg gewesen.
Seine Familie lebte in Abuja, der Hauptstadt Nigerias, im Regierungsviertel. Was sollte ihnen da schon passieren?
