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>>Ich öffnete die Augen und spürte mein Herz wie verrückt rasen. Ich blickte hastig zur Seite, um mich zu versichern, dass er noch da war. Sein Gesicht war bedeckt und ganz ruhig lag er da. Fast wie tot. Ich kuschelte mich an ihn, hob die Decke hoch und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Ich liebe dich, mein Schatz. <<
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Seitenzahl: 294
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Gina Hemmers
KOPFKINO
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Danksagung
Oktober
November
Dezember
Januar
Februar
März
April
Mai
Juni
Juli
August
September
Oktober
November
Impressum neobooks
Lass dich verzaubern, denn es ist meine letzte Liebeserklärung an dich.
Danke an alle Menschen, die mich inspiriert haben und mir Erfahrungen bescherten, über die ich sonst, nicht hätte schreiben können.
Ganz besonders danke ich meinen Eltern und Michelle.
Danke Willi, du weißt, wofür.
November war für mich immer der Winteranfang. Nicht früher, nicht später. Immer der achte Novembertag. Dann wurde es glatt und es fing an zu schneien. Dann würden Jake und ich Schlittschuhlaufen gehen. Er würde viel darüber meckern, aber er würde es mir zu liebe tun. Doch morgen werden wir nicht gehen. Morgen werde ich gehen.
Noch einen Monat
„Hey du“, rief er mir zu. Ich spürte, wie mein Herz, einen Sprung machte und ich fühlte mich, als würden meine Beine aus Wackelpudding bestehen. Die Schmetterlingskette auf meiner Brust begann zu glühen. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, fühlte ich freudige Erregung und grinste wie ein Honigkuchenpferd. Wir trafen uns vor der Schule.
Er lehnte an der Mauer und wie immer fiel mir auf, wie gut er aussah. Sein hellbraunes Haar fiel ihm ins Gesicht und seine grünen Augen forderten meine Braunen heraus. Für seine achtzehn Jahre sah er sehr männlich aus.
Trotz der Kälte, trug er ein dünnes Sweatshirt und spielte mit seinen Muskeln, sobald er mich erblickte. Ich verkniff mir ein Grinsen. Man sah auch so, dass er einen durchtrainierten Körper hatte, aber er musste natürlich den Macho markieren. Ich umarmte ihn sehr lange und gab ihm einen verliebten Kuss. „Wofür war das denn?“, fragte er mich lächelnd. „ In einem Monat.“, flüsterte ich ihm neckisch zu, „Ich freue mich schon so!“ „Wovon sprichst du?“ Er tat ganz unwissend und sah mich mit großen Augen an: „Hab ich etwas vergessen? Was ist denn dann?“ Ich sah ihn gespielt wütend an: „Wie kannst du das bloß vergessen? Da läufst du umher mit einem dünnen Sweatshirt und weißt noch nicht einmal, dass es mittlerweile nur noch fünf Grad sind! In vier Wochen-“ Er unterbrach mich, in dem er mich küsste und raunte: „ Ist unser Jahrestag.“ Ich schmunzelte: „Das habe ich gar nicht gemeint.“ Er lachte.
Der Gong ertönte und Jake zog mich zärtlich mit sich, rein in die Schule. Er war zwar ein Jahr älter als ich, aber wir gingen trotzdem in dieselbe Stufe. Ich bin nämlich schon mit fünf eingeschult worden, da ich super intelligent bin. Ironie. Die erste Stunde hatten wir Religion. Eigentlich ein Fach, in dem nur rum gequatscht wird, was aber nicht so schlimm, wie ein naturwissenschaftliches Fach ist. Doch bei unserem Lehrer Herr Maus, den wir heimlich Spitzel nannten, war aufpassen nahezu unmöglich. Es war schier unmöglich, den Unterricht toll zu finden. Herr Maus machte jedes Thema so sterbenslangweilig, dass man am liebsten aus dem Fenster gesprungen wäre, auch wenn man wahnsinnige Höhenangst hatte. Deshalb verstand ich auch nicht, wie Jake so aufmerksam zuhören konnte. Er bemerkte nicht einmal, wie Timmy ihm das Butterbrot aus seiner Tasche klaute und laut schmatzte. Und dass, obwohl er direkt neben ihm saß.
Wie immer war ich kurz vorm Verzweifeln. Ich hielt diese Stunden nur schwer aus. Mein einziger Lichtblick war Jake, den ich so gerne anschaute. Für mich hatte er das schönste Gesicht auf der ganzen Welt. Manchmal sah ich ihn so lange an, dass es ihn sogar störte. Er stupste mich dann unter dem Tisch und flüsterte: „Lass das, es ist mir unangenehm, wenn du mich so anschaust.“ Meine Antwort lautete immer feixend: „Ich sehe dich eben gerne an.“
Lehrer sind wirklich schlimme Menschen.
Du denkst zu Weilen, sie reden Blödsinn und doch darfst du ihnen nicht widersprechen. Im Falle von Herrn Maus, kannst du nichts tun, weil er mit seinen Adleraugen einfach jede Bewegung sieht. Dein Handy würde direkt beschlagnahmt, würdest du es im Mäppchen oder sogar in der Jackentasche anschalten. Er würde es einfach sofort bemerken. So wie ihm jetzt auch auffiel, das Timmy aß. Er schickte ihn vor die Tür und gab ihm eine Strafarbeit. Er solle einen Aufsatz schreiben über das Thema: Kann ein Embryo fühlen?
Jake blickte Timmy vernichtend an und das trotz jahrelanger, inniger Freundschaft. Ich wusste nicht, ob er so schaute, weil Timmy sein Brot verzehrte oder weil sein bester Freund dafür gesorgt hatte, dass Spitzel seinen Vortrag über das Leben und den Tod unterbrechen musste. Nachdem Timmy den Raum verlassen hatte, nicht ohne vorher ein höchst erfreutes Gesicht zu machen, setzte Spitzel seinen nie endenden Monolog mit derselben langweiligen Stimme fort. Ich stöhnte und legte den Kopf auf den Tisch.
Das konnte ja noch eine Weile dauern.
„Die Wissenschaft“, verkündete er gerade, „kann uns nicht beweisen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Die meisten Menschen glauben aber daran, dass die Seele in den Himmel aufgenommen wird, während der Körper auf der Erde verwest. Ich möchte Sie bitten, mir aufzuschreiben, was Sie denken, was nach dem Tod geschehen wird. Danach tauschen sie die Blätter mit ihrem Partner und unterhalten sich etwa fünf Minuten über ihre Aufzeichnungen.“
Ich riss ein Blatt aus meinem Block und sah, dass Jake schon wild auf seinem Blatt herumkritzelte.
Für mich war es immer noch unbegreiflich, wieso dies sein Lieblingsfach war. Ich bevorzugte den Englischunterricht. Ich starrte auf mein leeres Blatt und mir fiel absolut nicht ein, was ich schreiben sollte.
Ich überlegte lange und kritzelte dann 8 Worte.
Ich glaube an das Leben nach dem Tod.
War das nicht die Antwort, die mein Lehrer haben wollte? Ich wartete sehr lange, bis Jake sich endlich aufrichtete und mir seine ganze Seite rüber schob. Ich öffnete erstaunt den Mund, denn wie du weißt, habe ich nicht mal eine ganze Zeile geschafft. Mein Blick heftete sich auf sein Blatt, aber nicht, ohne ihn vorher noch einmal verliebt gemustert zu haben.
Ich denke, dass man nicht wirklich sterben wird. Es gibt viele Möglichkeiten, was nach dem Tod mit einem geschieht. Ich glaube nicht daran, dass man für ewig in seinem Grab ist. Möglicherweise wird man wieder geboren, als jemand anderes. Vielleicht als Tier oder als Mensch. Vielleicht als Engel. Zunächst wird die Seele in den Himmel gehen, wo sie Gott begegnen wird. Gott lässt einen selbst entscheiden, ob man wieder geboren werden möchte. Wenn man ja sagt, ist man am nächsten Tag wieder auf der Erde. Als Mensch oder Hund, Fisch oder vielleicht Käfer. Wenn man nicht wiedergeboren werden möchte, bleibt man da oben und hat die Möglichkeit, seine Freunde und die Familie zu beobachten und zu unterstützen. Man sieht, wie sie ohne einen weiterleben. Wie sie trauern und wie sie lachen. Wenn jemand traurig ist, dann kann man sich daneben setzen und denjenigen trösten. Man kann Familie und Freunde schützen, wenn sie in Gefahr sind. Ich denke, ich würde oben bleiben und nicht wieder zurückkehren. Wenn man stirbt, wird sich Gott schon etwas dabei gedacht haben. Alles hat einen Sinn. Ich hätte schon ein glückliches Leben gelebt und würde lieber für alle da sein und auf sie aufpassen. Ich würde meiner Mutter und meiner Freundin helfen. Sie brauchen mich eher so und nicht als ein Hund oder was auch immer. Dort oben könnte ich über sie wachen. Außerdem würde ich meinen Vater, meinen Opa und meine Oma wiedersehen. Dort oben trifft man dann all jene, die schon vor einem die Welt verließen. Man kann verstorbenen Verwandten und Freunden begegnen und sich mit ihnen unterhalten. Ich würde zwar meine Familie und Freunde schrecklich vermissen, aber in einer gewissen Weise wäre ich auch noch bei ihnen.
Sein Vater starb bei einem Arbeitsunfall als Jake fünf Jahre alt war. Seitdem war kein Mann so lange in der Familie Summer geblieben, dass man sich seinen Namen hätte merken müssen. „Du schreibst so schön, mein Schatz“, flüsterte ich und fühlte, wie sich einige Schmetterlinge in meinem Bauch erhoben, um wieder Kreise fliegen zu können. „Du solltest öfter schreiben. Ich lese so gerne etwas von dir.“ Jake lächelte mir zu und sagte ironisch: „ Du hast dir ja auch sehr viel Mühe gegeben.“ Er gab mir meinen Zettel zurück. Ich grinste verschmitzt und unter dem Tisch griff ich nach seiner Hand. Er bemerkte es und aus dem nichts, schloss sich seine um die meine. „Glaubst du wirklich daran, dass etwas nach dem Tod passieren wird?“ „Natürlich. Sonst wäre ja alles umsonst gewesen. Das eigentliche Paradies ist nämlich der Himmel.“ Meine Gedanken kreisten und plötzlich wurde ich blass. „Hoffentlich muss ich niemals erleben, wie du gehst“, wisperte ich ernst. „Das wirst du nicht“, versicherte Jake mir, „Ich bin zwar älter als du, aber ziemlich zäh. Wir werden einfach irgendwann zusammen entscheiden, dass wir gehen“, er lachte, „mit siebzig oder so, bevor es eklig wird. Wir legen uns zusammen ins Bett und schlafen einfach gemeinsam ein.“ Ich grinste schelmisch und fuhr zärtlich mit einer Hand über sein Gesicht, „Das klingt nach einem super Plan. Bleibst du denn auch so lange bei mir?“ „Wenn du nicht so oft sagen würdest, dass es eh nicht hält, würde ich auch nie auf den Gedanken kommen, dass wir uns irgendwann trennen könnten.“ Er zwinkerte mir zu. „Das tut mir Leid. Ich kann einfach nicht glauben, dass ich so ein Glück habe.“
„Wenn die zwei Turteltauben endlich fertig sind, könnte ich meinen Unterricht dann fortsetzen?“ Der Spitzel stand vor uns und sah uns ein wenig amüsiert, ein wenig genervt an. „Natürlich“, erwiderte ich lächelnd, doch Jake lief purpurrot an und ließ sofort meine Hand los. Der kleine Feigling.
Noch neunundzwanzig Tage
Jake und ich schauten einen Horrorfilm. Die Entscheidung hatte er bei sich zu Hause schon gefällt, noch ehe er mit mir ein Wort darüber sprach. Als er zu mir kam, rief er schon beim Betreten des Hauses, noch bevor er mich zur Begrüßung küsste: „Ich habe mir einen neuen Film gekauft, den müssen wir unbedingt zusammen sehen.“ Natürlich überging er meine schwachen Proteste und mein Werben um einen neuen Liebesfilm, den ich mir vor zwei Tagen kaufte. „Du weißt, ich mag keine Horrorfilme“, quengelte ich, als ich das Cover sah. Darauf befand sich der blutverschmierte Körper einer Frau, der leider ein gewisses Körperteil abhanden gekommen war: Nämlich ihr Kopf. „Ach komm, jetzt stell dich nicht so an“, umgarnte er mich mit einem honigsüßen Lächeln und zwickte mich in meine Seite.
Selbstredend überzeugte er mich, innerhalb der nächsten fünf Minuten, dass der Film BESTIMMT gut für meine Allgemeinbildung sei und wir ihn unbedingt zusammen sehen müssten. Ausschlaggebend dafür, dass ich zusagte, war allerdings auch das Versprechen auf eine Massage.
Um es kurz zu machen, fasse ich dir den Abend zusammen: Ich hielt mir während der Hälfte des Filmes die Augen zu, während Jake immer wieder meine Hände wegzog und sagte: „Du musst auch hinschauen, sonst verpasst du das Beste.“ Insgesamt lachte er vier, fünf Mal und sagte: „Wie unrealistisch“ oder „Das ist doch klar, dass man sich nie trennen darf!“ Das einzige Mal dass ich hinschaute und etwas Gruseliges passierte, schrie ich so laut auf, dass sich Jake die Ohren zu hielt und meine Mutter ins Zimmer eilte und bestürzt fragte, was denn passiert sei. Ein Gutes hatte der Film jedoch: Ich konnte mich die ganze Zeit an Jake festkrallen und mein Gesicht, in den Untiefen seines Pullis verstecken. Außerdem bekam ich nach dem Film eine Massage, die fast alles wieder gut machte. Dennoch saß ich die halbe Nacht kerzengerade im Bett, aus Angst, die Frau mit dem abgehackten Kopf, könne herein kommen. Jake schlief tief und fest und hielt mich die restliche Zeit umklammert, auch in den Momenten, in denen ich zusammenzuckte und die Augen plötzlich aufriss.
Ich kuschelte für mein Leben gern mit ihm, denn es gab einfach nichts Schöneres auf der Welt. Wenn wir beide zusammen waren, war alles Weitere unwichtig. Alltagsstress, Müdigkeit, Genervtheit verflogen und ich war einfach glücklich. Nur er zählte.
Und meine Eltern akzeptierten das.
Sie hatten auch gar keine andere Wahl.
Noch achtundzwanzig Tage
„Das geht nicht mehr“, sagte er zu mir. Tränen liefen mir über das Gesicht. „Warum?“, fragte ich. „Bist du denn überhaupt noch glücklich?“, stellte er mir die Gegenfrage, mit leidendem Blick. „Jetzt schieb das nicht auf mich!“, heulte ich, „Ich will nicht Schluss machen!“ Er dachte lange nach und sagte dann: „Ich denke nicht mehr an dich, wenn du nicht da bist.“ Es fühlte sich an, als hätte er mir einen Schlag in den Magen verpasst. Ich würgte.
Schweißgebadet, saß ich kerzengerade im Bett und meine Hand tastete fahrig, auf der rechten Seite entlang. Sie ergriff etwas, dass Körpertemperatur besaß. Ich atmete erleichtert auf, denn es war nur ein Traum gewesen. Ich fasste Jakes Hand und kuschelte mich nah an seine Schulter.
Noch siebenundzwanzig Tage
Jake lud mich ein, mit ihm und seiner Mutter Abend zu essen. „Sie fragt ständig nach dir. Wahrscheinlich, weil du jetzt schon so lange nicht mehr da warst“, sagte er und verdrehte die Augen. Ich lächelte.
„Das haben Eltern nun mal so an sich. Meine wollen auch immer alle Neuigkeiten von uns beiden erfahren.“
Es war Montag. Ich hasste Anfänge der Woche, aber dass ich mit Jake Essen ging, hellte den Tag um einiges auf. Ich legte meine Hand auf die seine und wir fuhren mit seinem Wagen zu dem Ort, an dem ich mich am liebsten aufhielt. Er befand sich tief im Wald und doch wusste ich genau, wo wir hin mussten. Es war eine riesengroße Wiese, hinter der sich eine Jagdhütte versteckte. Man konnte sie nicht sehen, da die Blätter der Bäume sie verdeckten. Anscheinend wurde es früher bewohnt, denn es gab sogar einen intakten Kühlschrank. Das Häuschen war jetzt jedoch unbewohnt und schon vor einiger Zeit in Vergessenheit geraten. Ich war darauf gestoßen, als ich für ein Schulprojekt nach seltenen Pflanzen suchen sollte.
Die Wände waren vollständig bemoost und so war es für jemanden, der es nicht kannte, nur schwer zu entdecken. Seit letztem Jahr hatten wir allerlei Sachen angeschleppt und dass, obwohl damals noch keiner von uns einen Führerschein besessen hatte. Diese kleine Hütte gehörte nun uns. Als wir eintraten, fiel mir direkt etwas Neues auf. Es war ein großer heller Schrank aus Eschenholz, der direkt neben den Eingang stand. Er war sehr schön, wenn auch etwas altmodisch. „Der ist wunderschön“, jubelte ich und fiel ihm erneut in die Arme, „wann hast du den denn hergebracht?“ „Vorgestern“, entgegnete er strahlend, „meine Mutter wollte ihn nicht mehr haben. Da dachte ich, hier würde er sich ganz gut machen, findest du nicht?“ Ich nickte begeistert.
Nun war unsere kleine Hütte perfekt. Der Boden bestand aus Holz und auf ihm lag ein roter Teppich. In der Ecke stand ein rotes Sofa, dass mein Vater uns letztes Jahr hertransportierte. An den Wänden hingen zwei Poster und ein Bild eines seltsamen Wesens, dass Jake vor einiger Zeit herbrachte. Wir nannten es liebevoll Mathilde. Es war ein Insider von uns und jedes Mal, wenn wir uns in der Schule über Mathilde unterhielten, verstand niemand, wovon wir redeten und wir mussten grinsen. Es gab zwei Regale, auf denen sich Bücher stapelten. Einige handelten von Mord und andere von Sex und manche von beidem. Wir hatten auch einen Schreibtisch und einen Stuhl. Einen Fernseher gab es hier nicht, denn wenn wir hier waren, taten wir, nun ja, lieber andere Dinge. So auch an diesem Abend. Wir schlossen die Tür hinter uns ab. Er küsste mich. Im meinem Bauch wütete ein heftiger Sturm, der mich vollkommen in Jakes Bann trieb. Er hob mich hoch und meine Beine umschlossen seine Hüfte. Dann legte er mich sanft auf das Sofa. Er küsste mich noch drängender, denn er wollte mehr.
Später lagen wir nebeneinander, kuschelten und lauschten dem Rauschen des Windes und der raschelnden Blätter.
Es ist schön, etwas ganz für sich zu haben. Diese Hütte gehörte nur uns beiden und niemand konnte uns stören. Es gab keine nervigen Eltern, sondern nur uns zwei. Immer wenn wir uns hier aufhielten, fühlten wir uns wie im Urlaub. Jake gehörte nur mir. Die Schmetterlinge in meinem Bauch tanzten.
Am Abend fuhren wir zu seiner Mutter. Dort parkten wir den Wagen in der Garage und betraten das Haus. Ich war etwa drei Monate nicht mehr hier gewesen, wie mir plötzlich bewusst wurde. Jake wollte mich immer lieber besuchen. Nichts hatte sich verändert. Fast nichts. „Hey Mum! Wir sind da“, rief Jake und ließ meine Hand los. „Ah… schön… schön… kommt…doch rein.“ Irgendetwas stimmte nicht. Sie hörte sich so schwach an. Wir hängten die Jacken in den Flur und ich betrat voller Unbehagen das Wohnzimmer, nicht sicher, ob ich sie wirklich sehen wollte. Jake stand dicht hinter mir. Frau Summer saß in einem Sessel. Ihr Erscheinungsbild ließ mich erschrecken. Ihre dünnen Arme lagen starr auf der Lehne. Sie waren blass und man sah die Adern pulsieren und die Knochen hervor treten. Ich blickte in ihr Gesicht und versuchte dem meinen einen freundlichen Ausdruck und nicht etwa Schock zu verleihen. Ihres war eingefallen und ihre kurzen, schwarzen Haare waren nun nicht mehr glänzend, sondern spröde und kaputt. Ihre Augen strahlten nicht mehr. Sie erinnerte mich in keiner Weise an die Frau Summer, die ich vor zwei Jahren kennen gelernt hatte. Damals war sie rundlich und voller Lebensfreude gewesen, hatte viel gelacht und allen möglichen Menschen immer einen Rat gegeben. „Hallo…“, sagte sie schwach. „Hallo “, riefen Jake und ich. Meine Stimme war ein wenig höher als sonst. Das Essen verlief die meiste Zeit schweigend. Er hatte zuvor etwas beim Chinesen gekauft. Frau Summer erkundigte sich nach der Schule und danach, wie es meiner Familie gehe. Von sich selbst erzählte sie wenig. Früher war es für mich immer schwierig gewesen, mit ihr zu sprechen, da wir weder gemeinsame Interessen, noch ein anderes Gesprächsthema hatten. Sie bemutterte Jake so sehr, dass es für mich zunächst mühsam war, ihn von ihr, zumindest ein bisschen loszueisen. Als sie nach dem Essen aufstand, bemerkte ich, dass sie schwankte. Auch der Rest ihres Körpers war eingefallen und dürr. Sie war viel dünner als ich und das, obwohl sie mich um Einiges überragte. Frau Summer murmelte: „Entschuldigt bitte. Ich bin so müde. Es war schön, dass du hier warst.“ Sie sah mich an und ich lächelte ihr zu. Jake stand rasch auf und stütze sie. Ich stand da, wie ein vergessener Regenschirm. „Ich fand es auch sehr schön. Danke, dass sie mich eingeladen haben. Und gute Besserung.“ Jake blickte mich irritiert an und verschwand mit ihr. Ich ließ mich wieder auf den Stuhl plumpsen. Mir schwante Böses. Hatte Frau Summer eine schlimme Krankheit? Sollte ich Jake danach fragen? Besser nicht. Ich redete auch nicht gerne über Dinge, die mir unangenehm waren. Vielleicht war es ja nur eine normale Grippe. Morgen ging es ihr bestimmt wieder besser. Aber was, wenn nicht? Vielleicht sollte ich doch besser einmal nachfragen.
Wir fuhren schweigend. Ich versuchte eine interessante Unterhaltung aufzubauen, doch das Ergebnis war kläglich und so beschloss ich, es sein zu lassen.
Vor meiner Haustür bedankte ich mich für den Abend und küsste ihn. Er lächelte schwach, drehte sich um und wollte schnell davon gehen, doch ich hielt ihn zurück. „Jake?“, rief ich und spürte wie mein Bauch rumorte, „Komm, wir setzten uns hier kurz hin.“ Er näherte sich mir langsam und setzte sich zu mir, auf die Treppen. Ich legte meine Hand in seinen Nacken und strich ihm durch die Haare. „Schatz, was hat deine Mutter?“, fragte ich ihn geradeheraus. Ich spürte, wie er sich unter meiner Hand verkrampfte und dass sich sein ganzer Körper anspannte. „Weißt du, Maus“, erwiderte er sehr langsam und nachdenklich, „ich möchte darüber jetzt nicht reden, ja? Wir sprechen wann anders darüber, okay? Es ist nichts Schlimmes.“ Es wirkte so, als würde er sich das selbst versichern wollen und nicht mir. „Du weißt, du kannst mit mir über alles reden. Also komm auf mich zu, wenn es ein Problem gibt und du nicht weiter weißt, okay?“ Er richtete sich auf, küsste mich auf die Wange und murmelte: „ Geht klar. Ich schlafe heute daheim, wenn es dir nichts ausmacht.“ „Kein Problem, wir haben ja auch gar nichts ausgemacht.“ „Bis morgen“, flüsterte er und küsste mich zärtlich. Wieder drehte er sich um und ging diesmal langsam davon. „Ich liebe dich“, krähte ich ihm wie ein Trottel hinterher und er wand sich vor seinem Auto um und strahlte mich verliebt an. „Vielleicht tue ich das auch“, feixte er. „Wie, dich lieben?“ „Genau“, sagte er grinsend und stieg ins Auto.
Später bekam ich eine Sms.
Ich liebe dich auch, mein Hasepupsi.
Die Sms brachte mich zum Lachen. Wir gaben uns immer bescheuerte Kosenamen aus Spaß.
Ich hatte nicht gewusst, wie schlecht es ihr ging. Ich hatte gedacht, es würde wieder vorbei gehen. Abends brütete ich noch kurz darüber. Doch so langsam, begann diese Erinnerung zu verblassen. Ich hatte Jake gesagt, er solle mir Bescheid sagen, wenn er Hilfe brauchte und erwartete, dass er dies tun würde.
Noch fünfundzwanzig Tage
Alpträume über Alpträume, warum? Es ist doch alles so schön, zwischen mir und meinem Schatz..
Jake stand wieder bei mir im Zimmer und warf mir vor, ich wolle ihn die ganze Zeit verändern. „Das stimmt doch überhaupt nicht!“, rief ich mit Tränen in den Augen. „Ich mache mir doch nur Sorgen um dich, mein Schatz, weil ich dich liebe! Ich würde alles für dich tun und das weißt du.“ Er raufte sich die Haare und meckerte dann: „Vielleicht ist es zuviel. Vielleicht tust du zuviel für mich. Du bist nicht meine Mutter!“ „Ich meine das doch nur gut! Ich liebe dich. Wenn du es nicht willst, dann versuche ich es zu lassen. Lass es uns doch noch mal versuchen, bitte.“ „Lass es einfach. Es nervt. Du nervst mich“, sagte er, mit versteinerten Gesichtszügen. Ich wurde wütend. „Du kriegst dein Leben ja nicht mal selbst auf die Reihe! Deine Mama muss dir alles in den Arsch schieben! Wie alt bist du, du Baby?! Du bist alt genug, um dein Leben selbst zu regeln. Ich hab dir nur geholfen, weil ich dachte, du brauchst es. Und du hast jedes Mal, meine Hilfe gebraucht, weil du selbst immer nur rum sitzt und darauf wartest, dass das Leben zu dir kommt. Krieg endlich mal deinen Arsch hoch und tue was und sitz nicht dauernd rum und blase Trübsal, dass dein Leben so schlecht ist.“ Wütend blickte er mich an. Das wollte er gar nicht hören. „Weißt du was? Ich habe keinen Bock mehr auf dich. Auf deine nervige Art, dich dauernd an mich zu klammern. Ich brauche dich nicht. Ich brauche niemanden, der sich Sorgen um mich macht, der mich immer kontrolliert und alles von mir wissen will. Ich will jetzt endlich wieder frei sein.“ Er schubste mich weg und ging zur Zimmertür. Ich stand da, wie betäubt. Ich konnte es nicht fassen, was gerade geschehen war. Was zum Teufel? Ich drehte mich weg und sah unsere Schmetterlingskette auf dem Schreibtisch liegen.
Ich öffnete die Augen und spürte mein Herz wie verrückt rasen. Ich blickte hastig zur Seite, um mich zu versichern, dass er noch da war. Sein Gesicht war bedeckt und ganz ruhig lag er da. Fast wie tot. Ich kuschelte mich an ihn, hob die Decke hoch und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Ich liebe dich, mein Schatz.
Noch einundzwanzig Tage
Ich hatte Frau Summer schon fast aus meinen Gedanken verdrängt und Jake gab mir auch keinen Grund, an sie zu denken. Er verhielt sich wie immer, verschlossen, doch nicht anders als sonst. Er passte immer noch höllisch in Religion bei dem Spitzel auf und auch in den anderen Fächern benahm er sich wie immer: In Chemie baute er nur Mist, mit Timmy zusammen, in Mathe verzweifelte er regelrecht und versuchte, bei mir abzuschreiben und in den Pausen unterhielten wir uns, mit unseren Freunden. Er besuchte mit mir, immer noch regelmäßig die Hütte und wir kuschelten immer noch mindestens zweimal die Woche, bei mir in meinem Bett.
Aber heute war er irgendwie aufgeregt. Ich fragte, was denn los sei, aber er sagte nur, heute sei ein wichtiger Tag, ich solle die Daumen drücken. Mehr wollte er dazu aber nicht sagen. Also ließ ich es auf sich beruhen. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann hielt er daran fest. Mein kleiner Prinz, war ein richtiger Dickkopf. Beleidigt zog ich eine Schnute, denn normaler Weise sagten wir uns immer alles. Doch als er mich nach der Schule in die Arme schloss, vergaß ich es schnell und schon düste er mit seinem Wagen davon.
Noch zwanzig Tage
Als ich aufwachte legte ich mir wie immer zuerst die Kette mit dem blauen Schmetterling um den Hals. Ich begutachtete sie im Spiegel und sah wie die Flügel in der aufgehenden Sonne schimmerten. Ich erreichte die Schule um zwanzig vor Acht, versuchte mich so cool an die gewohnte Mauer zu lehnen, wie er es immer tat und wartete. Mein Herz hüpfte auf und ab und war schon freudig erregt. Gleich würde er kommen. Jedes Mal, wenn sich jemand großes, mit dunkelblonden Haaren näherte, richtete ich mich gespannt auf und fuhr mir durch die Haare und versuchte lässig drein zu schauen. Ich blickte auf mein Handy. Noch fünf Minuten und es würde schellen. So langsam wurde ich ungeduldig. Ich hasste es, wenn man mich warten ließ, das wusste er. Ich wartete. Und wartete. Aber Jake erschien nicht. So langsam wurde ich sauer. Ich kam mindestens zehn Minuten zu spät zum Unterricht. Der Spitzel, den ich schon wieder hatte, sah mich misstrauisch an. „Wo warst du?“ Ich überlegte mir rasch einen triftigen und unangenehmen Grund, damit er mich schnell in Ruhe ließ. Dann murmelte ich etwas von einem Notfall, ich hätte meine Tage bekommen, aber keine Binde oder Tampon gehabt und so weiter. Als ich gerade ins Detail ging, räusperte er sich mit hochrotem Kopf und sagte rasch: „Schon gut. Schon gut setzen sie sich.“ Die Klasse kicherte und Timmy zwinkerte mir zu. Dann flüsterte er: „Wo ist Jake?“ Das war wirklich das erste Mal, dass ich diese Frage nicht beantworten konnte. Ich zuckte die Achseln und sah wohl ein wenig besorgt aus, denn Timmy wisperte: „Mach dir keine Sorgen, Muffin Maus, dein siamesischer Zwilling hat mir gesagt, er habe im Moment echt viel um die Ohren, wahrscheinlich hat er sich deshalb nicht bei dir gemeldet.“ Timmy nannte mich Muffin Maus, seit wir zusammen in die fünfte Klasse gingen. Früher hatte sich in meiner Brotdose, nämlich jeden Tag, ein Schoko Muffin befunden, den er mir gelegentlich stibitzt hatte.
Normalerweise rief Jake an, wenn er krank wurde, um mir das unnötige Warten vor der Schule zu ersparen. Doch ich wusste mit Hundert prozentiger Sicherheit, dass gestern Abend kein einziges Mal das Telefon geklingelt hatte und von meiner Familie hatte auch niemand telefoniert. Es befand sich keine neue Sms auf meinem Handy. In der Pause beschloss ich, ihn anzurufen. Denn er ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Doch es hob niemand das Handy ab. Nervös versuchte ich es auf Festnetz, aber auch dort, antwortete mir nur der Anrufbeantworter. Also verbrachte ich die restliche Pause mit Kathi, meiner besten Freundin seit dem Kindergarten und den anderen Mädchen aus meiner Klasse. Viele von ihnen sahen mich komisch an. Anscheinend schienen sie zu denken: „Klar, jetzt wo ihr toller Freund nicht da ist, kommt sie zu uns!“ Irgendwie hatten sie mit dieser Ansicht auch Recht, aber es war mir egal.
Wieder ging ich zwei Stunden in den Unterricht, doch diesmal konnte ich mich gar nicht mehr konzentrieren. Ich kassierte eine schlechte Note in Physik, weil ich mich währen eines spontanen Testes, überhaupt nicht konzentrieren konnte.
Liebe kann einen sehr verrückt machen.
In der zweiten großen Pause rief ich Jake erneut an. Jetzt hatte ich Glück, denn er hob ab. Seine Stimme zitterte und klang verschnupft.
„Ja?“
„Hey Jake“, sagte ich aufgeregt, „zuerst war ich ja ein wenig wütend auf dich, dass du mir nicht abgesagt hast, aber dann habe ich mir Sorgen gemacht. Hast du geweint? Was ist denn los?“
„Ich hab doch nicht geweint!“ Er lachte schrill und unnatürlich. „Ich habe nur eine Erkältung.“
„Wirklich? Was hältst du davon, wenn ich mich um dich heute dann ein wenig kümmere? Ich könnte nach der Schule ja vorbei kommen und-“
„Nein ist schon okay. Bis morgen.“ „ Warte doch mal-“ Doch da hatte er schon aufgelegt.
Jake kam am nächsten Tag nicht.
Und auch, an dem darauf folgendem Tag fehlte er.
Er reagierte nicht auf meine Anrufe und rief mich nicht zurück. Auch auf meine Sms, bekam ich keine Antwort. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich war so verletzt und konnte nicht verstehen, warum er sich mir gegenüber so verhielt. Ich hatte doch nichts getan! Womit hatte ich das verdient? Wenn er mich nicht mehr wollte, konnte er das doch sagen. Das würde weniger weh tun, als das, was er jetzt mit mir tat. Unwissenheit ist das, womit man einen Menschen, am meisten bestrafen kann. Sich den ganzen Tag fragen, macht er jetzt Schluss mit mir, ist das Schlimmste. Und die Fragen, was habe ich falsch gemacht? Wieso liebte er mich nicht mehr? Ich hätte nur noch weinen können. Ich konnte mich nicht einmal mehr, auf meine Hausaufgaben konzentrieren. Abends schloss ich mich ein, warf mich auf mein Bett und weinte herzzerreißend. Mein Vater war noch auf der Arbeit und meine Mutter bei einer Freundin, so konnte ich all meinen Kummer lautstark rauslassen. Ich traute mich nicht einmal mehr Ich liebe dich zu schreiben, weil ich Angst hatte, es würde nicht mehr zurück kommen.
Noch neunzehn Tage
„Weißt du, lass uns noch mal treffen!“, schrieb er mir im Internet. „Was möchtest du denn?“, schrieb ich gleich zurück. Mein Herz hatte, gleich nachdem ich seine Nachricht im Postfach entdeckte, wie verrückt zu Rasen begonnen. In mir tat sich ein mulmiges und schlechtes Gefühl auf. Was wollte er? „Ich will einfach Spaß haben, mein Leben leben und mir keinen Brainfuck schieben.“ Ich lachte, obwohl es eigentlich nicht witzig war. Brainfuck. Das war typisch von ihm, sich der Verantwortung zu entziehen und einfach aufzugeben. Ich hätte es wissen müssen. Flieh nur vor deinem Leben, dachte ich. Flüchte vor allem, was Schwierigkeiten bereitet. „Und was willst du dann vor mir?“, schrieb ich zurück. „Einfach quatschen?“ „Ja genau“, waren seine Zeilen. „Okay, dann komm heute vorbei.“ „Ich kann aber erst nach zehn.“ „Kein Problem“, schrieb ich, „dann ruf mich an, dann komme ich raus.“ Im Endeffekt zog ich mich nicht an, denn ich glaubte nicht daran, dass er kommen würde. Ich schminkte mich jedoch hastig, aber meinen blauen Bademantel tauschte ich nicht aus. Vor Aufregung konnte ich mich nicht auf den Spielfilm konzentrieren, denn ich überlegte die ganze Zeit, worüber um Gottes Willen wir reden würden. Was konnte man reden, wenn man sich gerade frisch getrennt hatte? Was wollte er von mir? Ich zermarterte mir das Hirn. Schlussendlich vollkommen sinnlos, denn um halb elf schrieb er mir: „Ich kann doch nicht.“ Kein „Entschuldigung, dass du die ganze Zeit auf mich gewartet hast“. Kein „Es tut mir Leid, dass ich dich wieder versetzt habe“. Was willst du von mir? Warum machst du mich verrückt, wenn es dir anscheinend doch nicht so wichtig ist? Ist es dir peinlich, sollten wir uns begegnen? Lass mich einfach in Ruhe, denn du tust mir weh. All diese Gedanken schossen mir durch den Kopf. Und meine Laune war wieder vollkommen im Eimer. Meine Lebensfreude verschwand und ich fiel wieder in ein Loch hinein.
Als ich die Augen in meinem Bett aufschlug, schmerzte mein Herz wie Hölle. Ich war verwundert darüber, dass die Bettdecke nicht blutrot war.
Würde der Traum Wirklichkeit werden? Er redete nicht mehr mit mir. Mit feuchten, blinzelnden Augen schaute ich auf mein Handy und hoffte, das Nachrichtenfeld blinken zu sehen, aber es war nichts da. Kein „Gute Nacht“. Kein „Schlaf schön, meine Hübsche“ und kein „Ich liebe und vermisse dich, Süße.“. Ich fasste mir an meine Brust. Die Schmetterlingskette lag wohl verwahrt in einem Kästchen auf meinem Schreibtisch. Ich spürte, wie mein Herz gegen meinen Körper rebellierte, denn es wollte heraus springen und sich zu dem Kästchen gesellen, damit es nicht mehr fühlen musste. Wo ist die Person hin, mit der ich so viel Zeit meines Lebens teilte? War ich ihm den gar nichts mehr wert? Mir fehlte Jake schrecklich. Keine Telefonate mehr, keine Sicherheit, nur noch Einsamkeit. Wie soll ich damit abschließen, wie soll ich damit leben, wenn ich keine klare Antwort von dir bekomme, wenn du dich einfach nicht mehr meldest? Du machst mich krank. Du zerstörst mich mit deinem Verhalten.
Noch sechzehn Tage
Ich beschloss, ihn zu besuchen. Ob er es wollte, oder nicht. So konnte das doch nicht weitergehen. Ich wollte endlich die Wahrheit, egal wie sehr sie weh tun würde. Außerdem wollte ich ihn sehen. Es tut weh, die Person die man liebt, nicht mehr so oft zu treffen, wie man es eigentlich gewohnt ist. Es tut weh, dass es ihm anscheinend nicht mehr wichtig ist, wie es mir geht. Ich war unglaublich enttäuscht, aber auch sehr wütend. Kein Mensch hatte es verdient, so behandelt zu werden, wie er mit mir gerade umging. Ich hatte einen Brief vorgefertigt, falls er nicht die Tür öffnen sollte. Meine Eltern fuhren mich zu ihm. Ich klingelte mehrmals, aber niemand öffnete. Ich steckte den Brief in den Briefkasten und drehte mich rasch weg, um die Tränen zu verbergen.
Hey Jake.
Es tut mir weh, dass du nicht mehr mit mir redest und ich hätte dir gerne erzählt, wie ich mich fühle, jetzt schreibe ich es auf. Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder denken kann, dass es schön war, was wir hatten/ haben, aber im Moment, bin ich einfach nur enttäuscht. Es tut mir weh, wie du mich behandelst. Ich verstehe nicht, wie sich etwas so schnell verändern kann. Ist dir auch die Schule nicht mehr wichtig? Vor einer Woche hast du noch vor deinen Freunden mit mir angegeben und jetzt meldest du dich einfach nicht mehr? Ich bin dir noch nicht mal mehr eine Antwort wert. Es tut mir weh, dass ich mich auf dich verlassen habe und du dich jetzt einfach überhaupt nicht mehr meldest. Ich fühle mich, als wäre ich nichts in deinem Leben gewesen. Ich bin einfach so enttäuscht von dir. Ich fühle mich behandelt, wie Dreck und das, habe ich nicht verdient. Ich weiß nicht, was passiert ist. Was habe ich denn falsch gemacht? Ich vermisse dich. Bitte rufe mich an, ich möchte mit dir darüber sprechen. Immer wenn ich anrufe, gehst du nicht ran.
Im Auto fragte mein Vater, ob wir Streit hätten. Ich antwortete: „Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was mit ihm los ist, und warum er so zu mir ist.“ Ich fasste mir an die Kehle und wollte wie gewohnt meine Kette mit dem blauen Falter berühren, doch sie war nicht mehr da. Ich traute mich nicht mehr, sie zu tragen.
Noch fünfzehn Tage
Jake fehlte nun schon eine Woche in der Schule. Es war unerträglich und sogar Herr Maus war noch weniger zu ertragen als sonst. Und das, obwohl ich geglaubt hatte, der Spitzel könne nicht mehr schrecklicher werden. Zuhause legte ich mich auf mein Bett und starrte vor mich hin. Das war nun meine Hauptbeschäftigung. Auf dem Bett liegen und beten, obwohl ich nie sonderlich katholisch war, dass Jake anrief.
