Kopfsprungleiche - Gerhard Opfer - E-Book

Kopfsprungleiche E-Book

Gerhard Opfer

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Beschreibung

Am Fuße des Burgturms der Burg Hergenfels, einem touristischen Anziehungspunkt der gleichnamigen Stadt, liegt an einem verregneten Herbstmorgen eine männliche Leiche. Was auf den ersten Blick als ein klarer Fall erscheint – Selbstmord durch Sprung in die Tiefe –, fördert schon bei der ersten polizeiärztlichen Untersuchung am Fundort Überraschendes zutage und ruft Hauptkommissar Clemens Junker und sein Team von der Hergenfelser Kripo auf den Plan. Schon sehr bald erkennen die Ermittler, dass ihnen mit der Lösung des mysteriösen Falls eine heikle Aufgabe bevorsteht. Aber auch außerhalb der Ermittlungen bleiben Junker und sein Freund und Kollege Praechter nicht von unliebsamen Überraschungen verschont ...

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Gerhard Opfer

Kopfsprungleiche

Kriminalroman

Band 3 der Clemens-Junker-Trilogie

fischer krimis

Das Manuskript zu diesem letzten Teil derClemens-Junker-Trilogie entstand imSommer 2013 auf der sonnigen Insel Malta.

Danke, Günther, dass ich deine Ideemeinem Roman zugrunde legen durfte.

Gerhard Opfer

Misstöne

Hergenfels – September 2002

»… gehört es geradezu zur Pflicht eines jeden Besuchers unserer schönen Stadt, die Burgruine Hergenfels in sein touristisches Programm einzubeziehen. 1223 erstmals urkundlich erwähnt, thronen die Reste der Burg weithin sichtbar über der Stadt und verleihen dem idyllischen Flüsschen Treische zu ihren Füßen …«

Mit einem unausgesprochenen Fluch auf den Lippen stellte Bogdan Petric den Werbeflyer zurück in den Ständer.

Was wäre die Scheißruine ohne dieses Restaurant, ohne meine Frau und mich, dachte er bitter. Es wäre nichts als ein verdammter Haufen alter Steine.

Vor nahezu zehn Jahren hatte Bogdan Petric das Restaurant Zum Bergfried als Pächter übernommen. In dieser Zeit hatte er aus der einstmals unscheinbaren Frittenbude im Schatten des Burgturms eines der bekanntesten und bestbesuchten Restaurants der Stadt gemacht. Ein Erfolg, das musste er sich eingestehen, der zum überwiegenden Teil den hervorragenden Koch- und Backkünsten seiner Frau Nadja geschuldet war. Er, Bogdan, hatte zwar die finanziellen Mittel beschafft und eine Unmenge an Arbeit investiert. Er war ein immenses Risiko eingegangen, als er den Pachtvertrag unterschrieb, damals, vor beinahe zehn Jahren. Dennoch, die Seele des Unternehmens war und blieb letztendlich Nadja, seine Frau. Das war Petric durchaus bewusst, und es erfüllte ihn mit Stolz. Nadjas Wildspezialitäten, ihre leckeren Kuchen und Torten waren über die Grenzen der Stadt bekannt und zogen die Gäste in Scharen an. Spitzenprodukte zu Preisen, die sich jeder leisten kann! Das war ihr Motto.

Bogdan Petrics Miene verdüsterte sich, als er seinen Blick durch die leere Gaststube schweifen ließ. Einmal mehr dachte er an das Gespräch, das er vor ein paar Abenden mit dem Lokalredakteur des Hergenfelser Boten geführt hatte.

Jener Redakteur, Peter Sievers mit Namen und von allen, die ihn näher kannten, nur Pitt genannt, gehörte schon seit geraumer Zeit zu den Stammgästen der Petrics – und er war ein gern gesehener Gast.

Wie schon so oft hatte er an jenem Abend in humorvoller Art und Weise über Nadjas Kochkünste geschwärmt und sie mit Komplimenten überhäuft. Zum Abschied hatte er Bogdan Petric gebeten, ihn kurz nach draußen zu begleiten. Petrics fragenden Blick beantwortete er mit einer schweigenden knappen Kopfbewegung in Richtung Ausgangstür.

»Was gibt es so Wichtiges und Geheimnisvolles, dass wir es nicht drinnen bei einem gepflegten Gläschen Sliwowitz bereden können?«, fragte Petric aufgeräumt.

Sievers musterte ihn von der Seite. »Ich möchte nicht, dass andere Ohren mithören, was ich Ihnen zu sagen habe.«

Petric kam nicht dazu, weitere Fragen zu stellen, denn Sievers fuhr bereits fort: »Es kursieren da gewisse Gerüchte. Sie betreffen das Gelände rund um die Burg und somit auch Sie, Ihre Frau und Ihr Lokal. Übermorgen wird ein Artikel von mir im Boten erscheinen. Er ist der Beginn einer Serie, in der ich diese Gerüchte näher zu beleuchten gedenke.« Sievers gönnte sich eine Pause, verlangsamte seine Schritte und blieb schließlich im Schatten der Burgturmmauern stehen. »Wie ich in Erfahrung gebracht habe, sieht es mit der finanziellen Lage unserer schönen Stadt alles andere als rosig aus.«

»Aber das ist doch längst kein Geheimnis mehr«, lachte Petric. »Das Gejammere ums liebe Geld hören wir doch täglich.«

»Es sieht aber wohl wesentlich dramatischer aus, als es unsere Stadtväter den Bürgern glauben machen. Hergenfels steht das Wasser bis zum Hals. Deshalb haben unsere Stadtoberen all das hier in ihre Pläne einbezogen.« Sievers unterstrich seine Worte mit einer weit ausholenden Armbewegung. »Die Burgruine, inklusive Schlossparkgelände, soll an einen privaten Investor verscherbelt werden – auch Ihr Restaurant.«

»Machen Sie Witze? Ich besitze einen gültigen Pachtvertrag«, entgegnete Petric.

»Ihr Pachtvertrag, Bogdan, läuft in ein paar Monaten aus und wird, nach meinen Recherchen, nicht verlängert werden.«

»Aber das …« Sievers Informationen wirkten auf Petric wie ein Keulenschlag. »Woher wissen Sie das alles so genau?«

»Ein Vögelchen aus einem der städtischen Ämter hat es mir gezwitschert. Deshalb muss ich mit äußerster Sorgfalt vorgehen und darf mich in meinen Artikeln nur auf Gerüchte beziehen. Ich habe, das muss ich gestehen, keine hieb- und stichfesten Beweise. Aber glauben Sie mir, Bogdan, an der Sache ist was dran, und sie muss schon höllisch weit gediehen sein. Ich werde die Bande gehörig aufscheuchen.«

»Diese Burg, der Park«, Bogdan Petric wischte sich mit der Hand über die Stirn, »das alles ist öffentliches Gelände, Eigentum der Bürger dieser Stadt. Da können doch nicht einfach ein paar …«

»Aber sie werden, Bogdan, glauben Sie mir. Nach dem, was ich in Erfahrung gebracht habe, soll die Burg aufwendig restauriert und Bestandteil eines Neun-Loch-Golfplatzes werden, ebenso der Schlosspark. Und was Ihr Lokal betrifft: Daraus soll eine Schickimicki-Nobelkneipe mit integriertem Wellnessbereich – was immer das bedeuten mag – werden. Das alles selbstverständlich ohne Ihre Beteiligung oder die Ihrer Gattin.«

Zwei Tage nach dieser Unterredung erschien Sievers Artikel wie angekündigt im Hergenfelser Boten. Bogdan Petric las ihn ein ums andere Mal. Dann begann er zu telefonieren. Zwei Tage lang tippte er sich die Finger wund. Er flehte, er tobte, aber keiner der Damen und Herren, die er an der Strippe hatte, vermochten ihm eine auch nur halbwegs verbindliche Auskunft in Sachen seines Pachtvertrags zu geben. Bei Bogdan Petric begannen sämtliche Alarmsirenen aufzuheulen.

Eine Hand legte sich sanft auf seine Schulter. Petric zuckte erschrocken zusammen.

»Was ist mit dir, Bogdan? Ich beobachte dich schon eine geraume Weile. Du stehst wie angewurzelt da und starrst völlig abwesend vor dich hin.«

Petric hatte seine Frau nicht kommen hören. Langsam hob er den Arm und blickte auf seine Uhr. Es ging bereits auf Mittag zu.

»Ist es wegen des Artikels?« Nadja Petric zeigte auf das zusammengeknüllte Exemplar des Hergenfelser Boten.

Mit dem Versuch eines Lächelns befreite sich Petric von der Hand seiner Frau. »Ich muss zu einer Besprechung.« Ohne ein weiteres Wort schnappte er sich die Zeitung und verließ das Restaurant. Er überquerte das Kopfsteinpflaster des Burghofs, stieg in seinen Roadster und jagte mit quietschenden Reifen davon.

Mechthild Emmerlich war mitten in der Hausarbeit, als sie das Motorengeräusch eines in die Toreinfahrt einbiegenden Wagens vernahm. Sie blicke aus dem Fenster und erkannte den Wagen Markus Frankes, der, feine Staubwolken aufwirbelnd, vor ihrer Haustür zum Stehen kam.

»So früh, was alles …«, murmelte sie und hastete die Treppe der van Goosen’schen Villa hinunter.

»Hallo, Mechthild, kann ich kurz mit dir reden?« Markus Franke schlug die Fahrertür seines Wagens zu und begrüßte die Haushälterin der van Goosens mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange.

»Dein Vater ist nicht mehr im Haus.« Mechthild Emmerlich maß den jungen Mann mit einem missbilligenden Blick. Sie mochte es nicht, bei ihrer Arbeit gestört zu werden. »Solltest du nicht im Theater sein?«

»Die Probe wurde verschoben. – Aber ich muss etwas mit dir besprechen.«

»Hat man dir den Vertrag gekündigt?«

»Aber nein, alles okay.« Franke schob sich durch die Tür ins Innere des Hauses. »Es ist … es geht um Vater.«

»Ihr habt wieder gestritten!« Mechthild Emmerlich durchschritt die Diele und drehte sich unmittelbar vor Betreten des Salons um. »Um was ging es diesmal?«

Franke blieb die Antwort schuldig und blickte zu Boden.

»Komm, Junge, wir gehen rüber zu mir«, entschied Emmerlich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Sie drückte sich an Franke vorbei und schritt auf den kleinen Flachbau zu, der ihr als Anliegerwohnung der van Goosen’schen Villa diente.

Mechthild Emmerlich, schon eine kleine Ewigkeit in Diensten der Familie van Goosen, mochte in jungen Jahren eine wahrhaftige Schönheit gewesen sein. Denn noch immer, mit dreiundfünfzig Jahren, strahlte die dunkelblonde schlanke Frau eine nicht zu übersehende Attraktivität aus.

Markus Franke entsprach ganz und gar dem Klischee des blendend aussehenden jungen Schauspielers. Das allerdings war aber auch das Einzige, was er mit einem wirklichen Könner seines Fachs gemein hatte. Denn zu mehr als einer Handvoll Nebenrollen am Hergenfelser Stadttheater hatte es für den Dreißigjährigen dank seines mehr als bescheidenen Talents nicht gereicht. Doch selbst die hatte er einzig den Beziehungen seines Vaters zu verdanken. Aber nicht allein an Talent mangelte es Markus Franke. Sein Wille, dieses Manko durch Disziplin und harte Arbeit wettzumachen, ließ mehr als zu wünschen übrig. Umso mehr gefiel er sich in der Rolle des begehrten Partylöwen mit ständig wechselnden Beziehungen, an der Seite seines langjährigen Freundes und Manager Silvio Cortese. Darüber hinaus hielt sich Franke für einen bedeutenden Maler, der ein großzügig ausgestattetes Atelier in der Stadt sein Eigen nennen durfte. Dass auch dieser Begabung Grenzen gesetzt waren, war den meisten seiner Freunden und Bekannten ebenso bewusst wie die Tatsache, dass Atelier und Wohnung von seinem Vater finanziert wurden. Was allerdings weder Franke noch sonst jemand wusste, war, dass auch die wenigen Bilder, die er bisher verkauft hatte, von seinem Vater erworben worden waren und nun in einem seiner Kellerräume verstaubten.

»Was, mein Junge, ist denn so überaus wichtig, dass du mich am frühen Morgen von der Arbeit abhältst?« Mechthild Emmerlich hatte sich mit verschränkten Armen in der Mitte ihres Wohnzimmers aufgebaut.

Markus Franke ließ sich mit einem Seufzer auf dem Sofa nieder und streckte die Beine aus.

»Es ist eigentlich immer dasselbe – nur war es diesmal erheblich heftiger.«

»Könntest du bitte auf den Punkt kommen!«

»Na ja, Vater macht mir mal wieder die Hölle heiß wegen meiner Karriere, dass nichts vorangehe und so weiter. Das übliche Lied eben.«

»Und? Hat er damit nicht recht? Ist deine Karriere nicht eigentlich schon zu Ende? Oder besser gefragt: Hat sie jemals begonnen?«

»Mechthild, du ahnst ja nicht, wie brutal das Showbusiness ist. Jeder hält sich für einen Star, alle benehmen sich wie die Aasgeier, und wirklich gute Rollen sind mehr als dünn gesät. Mein Manager müht sich Tag und Nacht …«

»Wenn er nicht gerade bekifft und auf Koks, oder damit beschäftigt ist, das Zeug an Dritte zu verscherbeln.«

»Rede keinen Unsinn, Silvio ist clean – so gut wie.«

»Und der Papst wird Großvater«, lachte Emmerlich. »Und du, Markus, was ist mit dir? Bist du clean?«

»Was soll das denn jetzt!«

Frankes Gesichtszüge verhärteten sich, aber Mechthild Emmerlich ließ sich davon nicht beeindrucken.

»Glaubst du, mir ist es entgangen, dass du ganz gerne mal ein Näschen voll zu dir nimmst und dass dir dein Busenfreund, der Taugenichts Silvester Korte, das Zeug besorgt?«

»Silvio! Er heißt Silvio Cortese – und ja, er ist mein Freund.« Franke war aufgesprungen und nun sichtlich erregt. »Du bist genau wie Vater! Auch er hat mir meinen Lebenswandel erst gestern wieder haarklein unter die Nase gerieben. Okay, ich genehmige mir hier und da mal eine kleine Prise. Das macht einen klaren Kopf und ist im Übrigen üblich in unserer Branche. Ich hab das im Griff, Mechthild, ehrlich.«

Mechthild Emmerlich musterte den jungen Mann von Kopf bis Fuß. » Und das hat dir dein Vater so ohne weiteres abgekauft, das mit der gelegentlichen Prise.«

»Selbstverständlich nicht. Er hat nur verächtlich gelacht und Silvio mitsamt seinem Koks zum Teufel gewünscht. Und dann meinte er, das mit der Vernissage werde nie was.«

»Wird es denn was?«

»Silvio ist dran.«

»Silvio ist dran«, wiederholte die Haushälterin und verdrehte die Augen.

»Deinen Sarkasmus kannst du dir sparen.« Markus Franke ging zur Wohnzimmertür. »War wohl ein Fehler, hierher zu kommen.« An der Tür drehte er sich noch einmal herum. »Jetzt hätte ich beinahe vergessen, weswegen ich eigentlich gekommen bin. Gestern, als ich schon im Begriff war zu gehen, sah mich Vater plötzlich so merkwürdig an und sagte: ›Ich frage mich in letzter Zeit immer öfter, warum wir beide so wenig gemeinsam haben.‹«

»Sie können jetzt Feierabend machen, Sybille. Den Rest erledige ich alleine … und schließen Sie bitte hinter sich ab!«

Lydia van Goosen widmete sich wieder ihrer Arbeit. Es galt, noch eine Anzahl von Kleidungsstücken der neuen Kollektion auszupacken und zu etikettieren, damit sie morgen früh, bei Öffnung der Boutique, verkaufsbereit in den Kleiderständern hingen. Die Arbeit hatte mehr Zeit in Anspruch genommen, als sie zunächst vermutet hatte. Normalerweise überließ sie derlei Arbeiten ihren Angestellten und begnügte sich selbst mit der späteren Kontrolle. Da sie sich aber in Kürze mit anderen Vorbereitungen zu beschäftigen gedachte, hatte sie diese Arbeit heute kurzfristig persönlich übernommen. Denn schon recht bald würde sie sich für eine geraume Zeit, vielleicht sogar für immer, von ihren Boutiquen verabschieden.

Das Glockenspiel über der Eingangstür schlug an und ließ sie überrascht in ihrer Arbeit innehalten. »Ich hab doch gesagt: abschließen«, murmelte sie verärgert und wandte sich der Ladentür zu.

»Was willst du denn hier!« Lydia van Goosens Verärgerung wuchs, als sie den späten Besucher erblickte.

»Ich benötige deine Hilfe, Tante Lydia, bitte.«

Adrian Simoneck stand, verlegen von einem Bein auf das andere tretend, neben der Ladentür. Er fühlte sich alles andere als wohl in der undankbaren Rolle des Bittstellers. Aber eine andere gab es für ihn nicht. Simoneck war arbeitslos und völlig abgebrannt. Arbeitslos aus eigenem Verschulden, auch wenn er das als Einziger von einem anderen Standpunkt aus sah. Simoneck bekleidete bis vor nicht allzu langer Zeit einen gut dotierten Posten bei der Hergenfelser Stadtverwaltung. Er hatte Familie – eine Frau und eine kleine Tochter, die er über alles in der Welt liebte. Aber das war in einem anderen Leben. Denn Adrian Simoneck war ein leidenschaftlicher Spieler und seine Spielsucht die Ursache für die Zerstörung seiner bürgerlichen Existenz. Durch das rasante Anwachsen seiner Spielschulden immer mehr in die Enge getrieben, sah er keinen anderen Ausweg, als seine finanziellen Verhältnisse durch regelmäßige Unregelmäßigkeiten zu korrigieren und wieder ins Lot zu bringen. Simoneck griff in die Gemeindekasse, was natürlich nicht unbemerkt blieb. Die Folge war seine fristlose Entlassung. Ohne Arbeit, von Frau und Kind verlassen, war er auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter angelangt.

»Ich denke, ich habe dir klar und deutlich zu verstehen gegeben, dass ich nichts für dich tun kann und es auch nicht im Entferntesten möchte. Wie oft soll ich mich denn noch wiederholen, bevor du es endlich kapierst, Adrian.« Lydia van Goosen maß Simoneck mit einem eisigen Blick. »Du hast dich ohne fremdes Verschulden in die Scheiße geritten, jetzt sieh zu, wie du alleine wieder herauskommst.«

»Du kannst mich doch nicht einfach so eiskalt abservieren. Wenn dein Mann mich so behandelt, versuche ich das zu verstehen, auch wenn es mir verdammt schwerfällt.« Simoneck hob die Stimme. »Aber du bist doch meine Tante!«

Lydia van Goosen trat mit einem Kleiderbügel bewaffnet hinter einem der Kleiderständer hervor. »Jetzt pass mal auf, Adrian Simoneck, ich sag dir das jetzt zum allerletzten Mal, und ich sage es ganz langsam, damit dein Spatzenhirn es endlich begreift: Ich bin nicht deine Tante! Du bist der Sprössling einer Cousine meiner Mutter. Nenn mich also nie … nie wieder Tante!«

Simonecks Verhalten veränderte sich von einer Sekunde auf die andere. Sein Körper straffte sich. Die schlaff neben den Hosenbeinen baumelnden Hände ballten sich zu Fäusten, und in seinen Augen loderte blanker Hass. »Du bist nicht den Deut besser als dein Alter«, stieß er hervor. »Ihr beide seid raffgierige unbarmherzige Monster, denen es Spaß macht, auf armen Schweinen herumzutrampeln, selbst wenn sie schon wehrlos am Boden liegen. Dein sauberer Gatte …«

»Einzig und alleine Simon hast du es zu verdanken, dass du nicht im Knast gelandet bist. Er hat mehr für dich getan, als du je verdient hast. Und jetzt scher dich aus meinem Laden, oder ich ruf die Polizei.«

Für einen Augenblick hatte es den Anschein, als wolle sich Simoneck auf Lydia van Goosen stürzen. Dann jedoch hielt er mitten in der Bewegung inne. »Das werdet ihr noch bitter bereuen«, drohte er mit belegter Stimme und stürzte hinaus auf die Straße.

Simon van Goosen, seines Zeichens Bau- und Planungsdezernent der Stadt Hergenfels, rührte geradezu andächtig in seiner Kaffeetasse. Dabei bedachte er sein Gegenüber mit einem geschäftsmäßigen Lächeln. Hermann Pretorius erwiderte dieses Lächeln gleichermaßen unverbindlich. Der Endvierziger hatte den Kommunalpolitiker in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer der Firma PI – Primos-Immobilien in dessen Diensträumen aufgesucht um, wie er sich auszudrücken pflegte, »in wichtigen Grundfragen des anstehenden Projekts, die es zu regeln gilt, zu einem nahezu hundertprozentigem Konsens zu gelangen«.

Van Goosen, der von sich behauptete zu der Spezies der Menschenkenner zu gehören, missfiel nicht nur Pretorius’ Ausdrucksweise. Ihm missfiel jeder einzelne der 185 Zentimeter Körpergröße und jedes Kilo Lebendgewicht dieses Mannes, der keine Gelegenheit verstreichen ließ, um über seine sportlichen Hobbys, Langlauf und Bergwandern, zu schwadronieren. Begründen konnte van Goosen seine Antipathie nicht, doch er konnte sie mit Händen greifen und er würde, dessen war er sich sicher, diesem Herrn etwas eingehender seine Aufmerksamkeit schenken. Doch alles zu seiner Zeit, denn bei geschäftlichen Dingen durften persönliche Regungen und Gefühle keine Rolle spielen.

»Ich denke, für den Anfang haben wir alles, was in unserem Ermessen liegt geregelt. Wir haben den Ball ins Spiel gebracht. Der Anstoß obliegt nun unseren beiderseitigen Fachleuten. Lassen wir das Spiel beginnen.« Van Goosen machte Anstalten, sich zu erheben, als der Tumult losbrach.

Zunächst drang ein zunehmend lauter werdendes Stimmengewirr aus dem Vorzimmer des Dezernenten in dessen Büro, das in ein unüberhörbares Gepolter überging. Schließlich wurde die Bürotür mit brachialer Gewalt aufgerissen. Ein sichtlich aufgebrachter großer und breitschultriger Mann erschien auf der Türschwelle, den van Goosens offensichtlich überforderte Büroleiterin vergeblich am Betreten des Dezernentenbüros zu hindern versuchte.

»Er lässt sich einfach nicht aufhalten, Herr Stadtrat …«, entschuldigte sich die Frau nahe am Rande der Fassungslosigkeit. »Möchten Sie, dass ich den Sicherheitsdienst rufe?«

Van Goosen winkte ungehalten ab. »Lassen Sie die Tür offen!« Dann wandte er sich dem ungebetenen Gast zu und musterte den Mann mit eisiger Miene. »Mit wem, bitte, habe ich das zweifelhafte Vergnügen, und was verschafft mir diesen ungehobelten Auftritt?«

»Ob mein Auftritt Ihnen Vergnügen bereitet, wird sich noch zeigen«, knurrte Bogdan Petric und knallte die zusammengefaltete Zeitung, die er die ganze Zeit über in der Hand hielt, auf van Goosens Schreibtisch. »Haben Sie diesen Artikel gelesen? – Ist gestern erschienen.«

Van Goosen griff mit spitzen Fingern nach der vor ihm liegenden Ausgabe des Hergenfelser Boten. »Hab ich!«, antwortete er lapidar.

Pretorius packte unterdessen hastig seine Unterlagen zusammen und erhob sich. »Ich darf mich dann wohl verabschieden. Wir haben ja alles geregelt.«

Van Goosen hob Einhalt gebietend die Hand und stoppte Pretorius’ spontanen Aufbruch. »Einen kleinen Augenblick noch. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie dieser Unterredung als Zeuge beiwohnen würden.«

Pretorius nahm mit sichtbarem Unbehagen wieder Platz.

»Also, was ist nun mit diesem Artikel?«, fragte Petric. Das kleine Intermezzo hatte ihn eindeutig aus dem Konzept gebracht.

»Wozu fragen Sie mich das? Ich habe ihn nicht geschrieben.« Van Goosen schob das Blatt von sich.

»Sie wissen ganz genau, was ich meine und worum es geht. Also spielen Sie keine Spielchen mit mir.« Petrics Zornesader schwoll an.

»Wie ich bereits erklärte: Ich habe den Artikel gelesen.« Auf van Goosens Gesicht erschien der Anflug eines Lächelns. »Aber bitte erklären Sie mir, was daran so ungewöhnlich und wichtig ist, um wie ein wild gewordener Büffel in mein Büro zu stürmen und nicht einmal den Anstand zu besitzen, sich vorzustellen.«

Petric holte einige Male hörbar Luft. »Mein Name ist Bogdan Petric,« stieß er schließlich hervor. »Ich bin der Pächter des Restaurants Zum Bergfried, oben an der Burg. Mein Pachtvertrag läuft in ein paar Monaten aus.« Petric pochte mit dem Zeigefinger seiner Rechten auf die Zeitung. »Seit dieser Artikel erschienen ist, seit geschlagenen zwei Tagen, versuche ich, die zuständigen Herrschaften Ihrer Verwaltung zu erreichen, um mit ihnen über eine Verlängerung dieses Vertrags zu reden. Und wissen Sie, was passiert? – Nichts! – Entweder ist keine Menschenseele zu erreichen, oder ich werde mit fadenscheinigen Argumenten abgewimmelt. – Und Sie fragen mich, was es mit diesem Artikel auf sich hat!«

»Und deshalb kommen Sie zu mir?«

»Sie sagen es. Schließlich ist in dem Artikel mehrfach von Ihnen die Rede. Ich möchte endlich wissen, woran ich bin. Ich möchte wissen, was es mit diesem verdammten Artikel auf sich hat! Es geht um meine Existenz.«

»Peter Sievers«, sagte van Goosen und beugte sich über die Zeitung.

»Wie bitte?«

»Peter Sievers. Er ist der Redakteur, der den Artikel verfasst hat.«

»Das weiß ich selbst.« Petric begann die Geduld zu verlieren.

»Dann ist Ihnen sicherlich auch bekannt, dass Sievers dazu neigt, sich in Übertreibungen und Mutmaßungen zu ergehen, und keine Gelegenheit auslässt, um sich mit dem Magistrat dieser Stadt anzulegen.«

»So eine Geschichte saugt man sich doch nicht aus den Fingern.« Petric beugte sich über den Schreibtisch. »Ein Funke Wahrheit steckt hinter jeder Meldung, und diese Wahrheit will ich jetzt von Ihnen hören, Herr Stadtrat.«

»Haben Sie den Artikel wirklich aufmerksam gelesen?«, fragte van Goosen und wich keinen Millimeter zurück.

»Zum Teufel, ja! – Zigmal.«

»Dann ist Ihnen sicherlich nicht entgangen, dass Herr Sievers von Gerüchten spricht, die ihm zu Ohren gekommen sind, aber kein einziges Mal von Tatsachen. Der Herr stellt Mutmaßungen an, nennt jedoch weder Quellen noch Belege für seine Behauptungen. Kurzum: Dieser Artikel ist das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt wurde.«

»Jedes Gerücht enthält einen funken Wahrheit«, beharrte Petric.

»Sie wiederholen sich. Aber es gibt diese dubiosen Pläne nicht. Das ist Journalistengefasel, seien Sie versichert.« Van Goosen erhob sich so abrupt, dass Petric unwillkürlich einen Schritt zurückwich. »Da ich sonst weiter nichts mehr für Sie tun kann und meine Zeit knapp bemessen ist, sehe ich dieses Gespräch als beendet an.«

»Aber, was zum Teufel, wird nun mit meinem Pachtvertrag?«

»Mein lieber Herr … Petric«, entgegnete van Goosen, nun ganz in der Rolle des jovialen Politikers. »Die zuständigen Mitarbeiter unserer Verwaltung werden sich zu gegebener Zeit mit Ihnen in Verbindung setzen und die Sache zu unserer beiderseitigen Zufriedenheit regeln. Nun aber bitte ich Sie wirklich, mich zu entschuldigen. – Und vergessen Sie Ihre Zeitung nicht.«

Bogdan Petric raffte den Boten an sich. Doch bevor er das Büro verließ, wandte er sich noch einmal zu van Goosen um. »Sollten Sie mich verarschen, Herr Stadtrat, wird Ihnen das noch sehr leid tun.«

»Kann uns der Mann ernsthafte Schwierigkeiten bereiten?«, fragte Pretorius, kaum dass Petric das Büro verlassen hatte.

»Wohl kaum, mein lieber Pretorius, wohl kaum. Er ist nur ein kleiner Fisch, der sich aufbläst. Es besteht wahrhaftig kein Grund zur Sorge.«

Endlich alleine, lehnte sich van Goosen sichtlich erschöpft in seinem Sessel zurück. Er fühlte es kommen, spürte den zunehmend stärker werdenden Druck in seiner Brust. Nein, dieser wichtigtuerische Kneipenwirt konnte ihm keine Schwierigkeiten bereiten. Wirkliche Sorgen bereitete ihm Peter Sievers, der Zeitungsschmierfink. Der würde keine Ruhe geben, und es würde nicht bei Gerüchten bleiben. Van Goosens Erregung wuchs. Er musste etwas gegen die Impertinenz dieses Schreiberlings unternehmen, und zwar augenblicklich. Doch bevor er zum Telefon greifen konnte, hatte sich der angekündigte Anfall seiner bemächtigt. Keuchend und mit rasselndem Atem nach Luft ringend, tasteten sich seine Finger in die Seitentasche des Jacketts und förderten den rettenden Inhalator zutage.

Botschaften

Einen Monat später18. Oktober 2002

Freitag – 11.15 Uhr

»… sehen wir uns aufgrund eines zerrütteten Vertrauensverhältnisses nicht in der Lage, einer weiteren Verlängerung Ihres Pachtvertrags für die Räumlichkeiten des Restaurants ›Zum Bergfried‹ über den 31. März 2003 hinaus zuzustimmen …«

Bogdan Petric vermochte nicht zu sagen, wie oft er diese Passage des Schreibens der Stadtverwaltung Hergenfels heute Morgen schon gelesen hatte. Ebenso wenig wusste er, den wievielten Sliwowitz er bereits intus hatte. Auf jeden Fall hatte sich der Pegelstand der Flasche, die vor ihm auf dem Tisch stand, in kürzester Zeit dramatisch gesenkt.

»Diese Schweine«, stieß Petric zornbebend hervor. »Diese gottverdammten Schweine!«

Angewidert zerknüllte er das Schreiben und schleuderte es mit einer wütenden Handbewegung von sich. Dann packte er das geleerte Schnapsglas und schmetterte es krachend an die Wand. Er trank seit geraumer Zeit sowieso nur noch aus der Flasche.

»Bitte, Bogdan, hör auf damit. Mit deiner Trinkerei machst du die ganze Sache auch nicht besser.«

Nadja Petric stand in der Küchentür und beobachtete ihren Mann mit sorgenvoller Miene.

»Hast du vielleicht eine bessere Idee? Soll ich dem Dreckspack, das gerade dabei ist, uns zu vernichten, etwa noch die Füße küssen?« Petric nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche und funkelte seine Frau böse an. »Vorgeführt haben sie uns, diese Schweine. In den Arsch haben sie uns getreten! Am übelsten und gemeinsten von allen hat sich van Goosen, dieser fiese Dreckskerl, benommen.« Er langte erneut nach der Flasche. »Zerrüttetes Vertrauensverhältnis – wenn ich diese gequirlte Scheiße lese, könnte ich auf der Stelle kotzen.« Petric glotzte seine Frau mit vom Trinken blutunerlaufenen Augen an. »Und Sievers haben sie auch kaltgestellt. Einen Maulkorb haben sie ihm verpasst, einfach so

– Peng! Sein Chef hat ihn mit wichtigeren Aufgaben betraut.« Bogdan Petric lachte verbittert auf und knallte die beinahe gänzlich geleerte Flasche auf den Tisch. »Was glaubst du, mein Schatz. Wie viel haben sie dem ehrenwerten Herrn Redakteur gezahlt, damit er seine gottverdammte Schnauze hält?«

Nadja Petric hatte sich während der Schimpftiraden ihres Mannes nicht von der Stelle gerührt. Seit Erscheinen dieses unseligen Artikels vor einem Monat hatte sich Sievers nur noch einmal im Restaurant blicken lassen.