KÓRINTHOS – IM SCHATTEN DES FELSENS - Nic D. Lennart - E-Book

KÓRINTHOS – IM SCHATTEN DES FELSENS E-Book

Nic D. Lennart

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Beschreibung

Lass Dich von Nic D. Lennart ins Römische Reich entführen und erlebe eine tragische Familiengeschichte vor historischer Kulisse. Im Jahr 50 n. Chr. erreicht ein Mann namens Paulus die griechische Hafenmetropole Kórinthos. Der auf den ersten Blick unscheinbare Prediger beginnt, seine unerhörte Botschaft von einem gekreuzigten Gottessohn zu verbreiten und gewinnt rasch immer mehr Anhänger für seinen Kult.

Auch die Töpferin Kynthia und ihr Bruder Phaistos schließen sich der Gemeinschaft um Paulus an. Bald jedoch wird die zunehmende Frömmigkeit von Phaistos zur Belastung für Kynthia. Ihre Ehe, ihr Ruf, selbst die Beziehung zu ihrem Sohn stehen auf dem Spiel. Dann überschattet ein Schicksalsschlag alles andere und Kynthias Leben gerät aus den Fugen …

Nic D. Lennart versteht es, die einst prächtige Agorá von Korinth, die längst zu Ruinen verfallenen Tempel und Gassen, Villen und Handwerkerviertel wieder mit Leben und Farbe zu füllen und macht dich mit Menschen bekannt, deren Sorgen und Dramen uns Leuten von heute womöglich gar nicht so fremd erscheinen.

„Kórinthos – Im Schatten des Felsens“ ist ein spannender historischer Roman, der die großen Themen Loyalität, Glaube, Liebe und Macht verhandelt, eingewoben in eine tief bewegende Familiengeschichte. Wandle durch die Straßen einer griechischen Metropole der Antike und tauche ein in das aufregende Leben von Menschen, die sich Christen nannten zu einer Zeit, in der dieser Glaube sie zu Außenseitern machte.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Nic D. Lennart

Kórinthos – Im Schatten des Felsens

Historischer Roman

EK-2 Militär

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Für Vivi und Marlene

I

Kynthia

Nicht mehr lange und die Abendsonne würde den mächtigen Tempel des Apóllōn in ihre Strahlen tauchen und in seiner ganzen farbigen Pracht erleuchten lassen. Wenig später würde der Aphroditētempel ganz oben auf dem Akrokórinthos, dem die Stadt überragenden mächtigen Felsen, von Hunderten von Fackeln beschienen werden.

Kynthia saß am Fuß des Felsens und wartete. Noch immer stand Níkos mit zehn anderen Männern bis zu den Waden in der Töpferschlammgrube und schaufelte feuchten Lehm in einen großen, mit groben Leinentüchern ausgelegten Korb. Gleich würde Níkos ihn zu den anderen Körben auf den Wagen stellen, in dessen Schatten Kynthia am Boden saß.

Es machte ihr nichts aus warten zu müssen und von hier aus auf die Stadt hinunterzublicken, in der sie aufgewachsen war. Einige Gebäude dort unten waren deutlich zu erkennen: Wohnhäuser der Reichen und weniger Reichen hinter den Läden der Stoa, die den großen Marktplatz im Zentrum der Stadt säumten, die Agorá1 selbst mit dem ständig brennenden Opferfeuer in der Mitte, der Triumphbogen, hinter dem die Straße auf das Stadttor zuführte und dann weiter zum Hafen von Léchaion. Auf dem Bogen glänzte golden die Statue des Sonnengottes Helios mit seinem Wagen. Kynthias Blick schweifte weiter zum riesigen Tempelbezirk des Apóllōn. Sein Heiligtum war das größte von allen in Kórinthos, aber bei weitem nicht das einzige: Mit Apóllōn konkurrierten zahlreiche alte Gottheiten, mit denen Kynthia groß geworden war, und auch viele neue, errichtet von Zugewanderten aus dem ganzen, unvorstellbar großen Reich, über das der Imperator im fernen Rom regierte und zu dem auch Kórinthos gehörte2. Schon zur Lebenszeit von Kynthias Urgroßvater war das so gewesen, auch wenn es über ihn hieß, er habe sich strikt geweigert, die lateinische Sprache zu erlernen.

Kynthia wandte sich halb um und ließ den Blick an der schroffen Wand des Akrokórinthos hinaufwandern. Den Tempelbezirk der Göttin Aphroditē konnte sie von hier aus kaum sehen. Einmal hatte sie sich mit Níkos auf einer anlässlich eines großen Festes errichteten Bühne auf der Agorá ein Theaterstück angeschaut: Zwei zum Leben erwachte Statuen von Apóllōn und Aphroditē, letztere dargestellt durch einen Knaben vor dem Stimmbruch, hatten einander ein gestenreiches Wortgefecht geliefert: Wer hatte den besseren Platz, wer lag den Menschen näher am Herzen? Kräftig geschminkt und in farbenprächtige, knappe Gewänder gehüllt, hatten die beiden auf dem schlichten hölzernen Gebilde gestanden und der Gott des Lichts, der Heilung und der Künste hatte so etwas gesagt wie:

„Ich, Apóllōn, bin den Menschen wichtiger als du. An mich denken sie viel öfter, nicht nur wenn sie meinen prächtigen Tempel sehen, hier mitten in der Stadt, sondern beim Anblick jedes Kunstwerks, beim Klang jeder Melodie, die in den Straßen und Häusern ertönt!“

„Aber meinen Tempel da oben auf dem Felsen“, hatte die Göttin geantwortet, „sieht man schon, bevor man überhaupt durch eines der Stadttore eingetreten ist. Und wer den Blick auf den Akrokórinthos richtet, wird an mich erinnert und an die Liebe. Und an nichts denken die Menschen lieber!“

*

„So, das reicht für heute!“ Níkos‘ Stimme riss Kynthia aus ihrer Erinnerung. Gemeinsam mit dem jungen Sklaven, den er sich für diesen Tag ausgeliehen hatte, hob er den vollen Korb auf den Wagen und wischte sich den Schweiß von der Stirn, während der Junge die Schaufeln holte. Níkos griff nach der Karaffe, die auf dem Wagen stand.

„Ach, die haben wir ja schon vor einer halben Stunde geleert“, erinnerte er sich.

Kynthia löste ihren Gürtel und reichte ihm die Tonflasche, die sie auf dem Weg hierher an einem Brunnen aufgefüllt hatte. Mit einem breiten Lächeln nahm er das flache, runde Gefäß entgegen, entkorkte es, legte den Kopf in den Nacken und führte die Flasche mit beiden Händen an den Mund. Während er sie an den Jungen weiterreichte, stand Kynthia auf und umrundete den Wagen. Dessen Räder waren auf beiden Seiten tief in den lehmigen Boden gesunken.

„Hoffentlich hält der Karren das Gewicht aus“, murmelte sie. Níkos zuckte mit den Schultern und zwinkerte ihr zu.

Wäre ich doch jetzt nur allein mit ihm!, dachte sie und im nächsten Moment trieb ihr der Gedanke die Schamröte ins Gesicht. Sie wandte sich ab und schloss die Augen - nur um Níkos unbekleidet vor ihrem inneren Auge zu sehen. Nun, war es ihr zu verdenken? Seit Monaten schon waren sie sich nicht mehr nahegekommen. Wenn sie abends schlafen gingen, waren sie beide allzu erschöpft von ihrem Tagwerk.

Níkos war größer als die meisten anderen Männer und sein lockiges schwarzes Haar war noch ebenso so dicht wie bei ihrer Hochzeit vor zehn Jahren. Die ebenmäßig schönen Züge einer Marmorstatue waren ihm nicht eigen: Die Nase war ein kleines bisschen zu groß und der volle Mund wirkte ein wenig schief. Aber wenn Níkos, wie jetzt gerade, gut gelaunt war, lachte sein ganzes Gesicht.

Besonders in Momenten wie diesem fand Kynthia ihren Mann schön: wenn ihm, der sich inzwischen eher zu den Händlern zählte als zu den Handwerkern, die Freude an der körperlichen Anstrengung ins Gesicht geschrieben stand, wenn der Schweiß seine über straffe Muskeln gespannte Haut zum Glänzen brachte und die Haare sich in Stirn und Nacken kräuselten.

Kynthia ging zu dem Maultier hinüber, das ein paar Schritte entfernt im Schatten einer Zypressengruppe döste. Wie der Sklave war auch das Tier nur geliehen. Sie löste das Seil, mit dem es an einen Baumstamm gebunden war, schnalzte mit der Zunge und gab ihm einen Klaps auf das knochige Hinterteil. Dann führte sie es zum Karren, und der junge Mann spannte es ein. Immerhin!, dachte Kynthia missmutig. Wenigstens das Gefährt durften sie ihr Eigen nennen.

Níkos straffte die Schultern und rieb sich die Hände. „Dann wollen wir mal“, sagte er in unternehmungslustigem Ton und nickte dem Burschen zu. Beide stellten sich hinter den Wagen, beugten sich vor und schoben. Aber der Karren bewegte sich nicht von der Stelle. Mit einem weiteren Klaps trieb Kynthia das Maultier an. Es versuchte vorwärtszugehen, aber schon nach dem ersten Schritt blieb es stehen und senkte den Kopf.

„Nun komm, du schaffst das schon!“, murmelte Kynthia ihm in sein zuckendes Ohr. Sie ergriff das Führseil direkt unter dem weichen Maul und zog. Noch einmal schoben die beiden Männer mit aller Kraft von hinten an und tatsächlich setzte sich der Zug schwerfällig in Bewegung. Mehrmals blieb das Maultier stehen und senkte den Kopf, und jedes Mal, wenn der Wagen sich mit knarzenden Rädern wieder in Gang setzte, sah Kynthia besorgt nach hinten. Nach dem fünften Mal richtete sich Níkos auf, wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß aus der Stirn und schüttelte die Locken, die stutzen zu lassen er schon seit Monaten keine Zeit mehr gefunden hatte. Ihren besorgten Blick erwiderte er mit einem weiteren Zwinkern und ging wieder in Position. Das Maultier ließ sich von dem kräftigen Anschub von hinten überzeugen und setzte sich ebenfalls wieder in Bewegung.

Kynthia wandte den Blick nach vorne. Ob Níkos an diesem Abend sehr müde sein würde, nachdem die Familie gemeinsam gegessen hatte und sie beide sich ins Schlafzimmer zurückzogen? Würde es ihr wohl gelingen, ihn noch ein wenig wachzuhalten, nachdem ihr Sohn Leander eingeschlafen war? Obwohl er es ihr schon oft gesagt hatte, fragte sich Kynthia immer wieder einmal, ob es stimmte, dass Níkos sie hübsch fand – mit ihren tief liegenden hellbraunen Augen, dem kleinen Mund, den kaum zu bändigenden krausen Haaren. Seit Leanders Geburt vor acht Jahren fand sie sich einen Deut zu füllig, aber Níkos schien gerade das zu gefallen.

Er begehrte sie, doch wenn er mit ihr schlafen wollte, fragte er sie, ob es ihr recht sei, und er bestand nicht darauf, dass sie ihm weitere Kinder schenkte, denn Leanders Geburt hatte sie nur knapp überlebt. Níkos war ein sehr ungewöhnlicher Ehemann. Die Götter hatten es gut mit ihr gemeint.

*

Als die Straße ebenmäßiger wurde, ließ Níkos den Sklaven allein schieben, übernahm das Führseil des Maultiers und ging neben Kynthia her.

„Hat der Junge gut gearbeitet?“, fragte sie.

„Ja, ich bin sehr zufrieden.“ Noch bevor sie sich überlegen konnte, wie sie ihre nächste Frage formulieren sollte, legte er ihr den freien Arm um die Schultern und raunte ihr ins Ohr: „Wir behalten ihn trotzdem nicht.“

„Níkos, bitte denk noch einmal darüber nach. Iago wird nicht mehr lange die große Drehscheibe betätigen können. Er braucht immer öfter eine Pause. Für große Amphoren brauche ich fast doppelt so lange wie früher.“

„Es geht noch nicht, Liebes. Ich bringe den Burschen gleich zurück zum Händler.“

Diesmal fragte sie nicht, wann sie endlich genug Geld übrighaben würden für einen jungen, kräftigen Werkstatt-Sklaven. Sie wusste, sie würde dieselbe Antwort bekommen wie immer, wenn sie diese Frage stellte: irgendwann, bald. Vor einem Jahr hatte der Unternehmer Gaius Níkos gefragt, ob er für ihn in seiner Ziegelei arbeiten wolle. Gaius zählte zu den Reichen der Stadt und besaß alle möglichen Betriebe, aber von Ton und Ziegelherstellung verstand er nichts. Die Ziegelei hatte er geerbt.

Mit einem großzügigen Angebot hatte er Níkos schnell überzeugen können. Damit konnte Leander endlich eine gute Schule besuchen, die ihm den Weg in die Kreise einflussreicher korinthischer Geschäftsleute bereiten könnte. Mit seinem klugen und irgendwann einmal gebildeten Kopf würde Leander seinen Lebensunterhalt und den seiner Familie verdienen, nicht mit schweißtreibender Arbeit in Werkstatt und Laden wie seine Eltern, sein Onkel und deren Väter vor ihnen.

Seit dem Winter besuchte Leander die Schule des Ambrosios, gemeinsam mit den Söhnen mehrerer anerkannter Korinther Bürger. Er hatte sehr fleißig gelernt und durfte im Herbst wiederkommen. So war ein dritter Sklave trotz Níkos‘ Anstellung bei Gaius nicht erschwinglich. In letzter Zeit war die Arbeit in der Werkstatt für Kynthia viel mühsamer geworden, auch deshalb, weil Níkos oft in der Ziegelei war und sie und ihr Bruder Phaistos die ganze Arbeit allein erledigen mussten. Doch wenn Kynthia abends vor dem Zubettgehen den Vorhang vor Leanders Bett beiseiteschob und noch einen letzten Blick auf den schlafenden Jungen warf, verging ihr das Murren: Ihr und Níkos‘ einziges Kind war all die Mühe wert.

*

An der östlichen Stadtmauer vorbei zogen die drei, während die Sonne sich anschickte, in den Hügeln auf der gegenüberliegenden Seite zu verschwinden. Irgendwo hinter den Hügeln zu ihrer Rechten, jenseits des Isthmós, lag das vielgerühmte Athenai. Weder Kynthia noch Níkos hatten die Stadt je besucht. Nur reisende Kaufleute hatten von ihrem riesigen Töpferviertel berichtet. Nun, es mochte größer und prächtiger sein als ihres hier am Nordmarkt. Doch auch in Athenai wurde nur mit Lehm gebrannt und sicher nicht mit besserem als dem, aus dem die Gefäße, Statuen und Opfergaben in den Töpferwerkstätten von Kórinthos gebrannt wurden – seit langer Zeit einer der bedeutendsten Handelsmetropolen Griechenlands, ja angeblich sogar des ganzen Römischen Reichs, unter anderem für Töpferwaren.

*

Endlich kam das nordöstliche Stadttor in Sicht. Kynthia stieß einen erleichterten Seufzer aus. Bis hierher war der Wagen heil geblieben. Aber Moment, was war denn das? Eine Bewegung lenkte ihren Blick nach unten, auf den staubigen Weg vor ihr.

„Hoo, steh!“, rief Kynthia und stellte sich dem Maultier in den Weg. Die grünbraune Halbkugel vor ihren Füßen schob sich nun durch das Gras am Wegrand und verschwand zwischen den Olivenbäumen zu ihrer Rechten.

„Was ist los? Warum hast du den Wagen angehalten?“, rief Níkos, der inzwischen wieder hinten ging und gemeinsam mit dem Sklaven darauf achtete, dass der Karren möglichst gerade fuhr.

„Eine Schildkröte“, rief Kynthia. „Die fange ich ein für Leander.“ Leanders letztem gepanzerten Gefährten war vor wenigen Tagen die Flucht zurück in die Hügel der Korinthia gelungen. Wo immer dieses Tier hergekommen war: Sein Weg endete an der zweiten Baumreihe.

„Komm her, du!“ Kynthia nahm die Schildkröte hoch, deren Kopf und Beine bereits in ihrem Panzer verschwunden waren, und wollte gerade zur Straße zurückgehen, als sie stutzte und stehenblieb: Was lag denn dort im Schatten eines Olivenbaums? Ein Bündel Kleider? Sie kniff die Augen zusammen. Nein, ein Mensch war das! Ein bärtiger Mann schien dort im Gras zu schlafen.

„Wo bleibst du denn?“, rief Níkos von der Straße her.

„Komm mal her, hier liegt jemand!“

Der Fremde richtete sich auf, fasste sich mit zitternden Händen an die Stirn und lehnte sich mit einem Stöhnen gegen den Baumstamm hinter ihm. Níkos trat neben Kynthia und berührte sie an der Schulter: Bleib hier stehen, sagte er ihr damit und ging langsam auf den Mann zu.

So gefährlich sieht er nun auch wieder nicht aus, dachte Kynthia und ging, die Schildkröte vor der Brust umarmt, zögerlich hinter Níkos her, der wenige Schritte vor dem Fremden stehenblieb und sich mit einer Hand den Nacken rieb, wie er es immer tat, wenn er nicht so recht wusste, wie er eine Situation einordnen sollte.

„Was machst du hier?“, fragte Níkos den Mann in halbwegs freundlichem Ton. Dieser versuchte zu sprechen, brachte aber nur ein weiteres Stöhnen fertig.

„Ist er betrunken?“, fragte Kynthia über Níkos‘ Schulter hinweg.

„Ich weiß nicht.“

„Geh näher ran, dann kannst du es riechen.“ Mit angewiderter Miene schaute er sie über die Schulter an und schüttelte den Kopf.

„Ich bin nicht betrunken.“ Der Fremde blinzelte, als würde ihm das Sonnenlicht in den Augen brennen. Leise hatte er gesprochen, aber klar und deutlich und mit einem Akzent, der verriet, dass er aus Asia3stammte. Seine Hände zitterten stark. Er legte sie zusammen, als wollte er die eine mit der anderen festhalten. „Es tut mir leid, dass ich mich ohne Erlaubnis auf eurem Grundstück niedergelassen habe. Ich konnte nicht mehr weitergehen. Meine Glieder … manchmal … gehorchen sie mir nicht. Auch jetzt kann ich … mich kaum bewegen.“ Er starrte auf seine zitternden Hände. „Wenn ihr erlaubt, … bleibe ich hier, bis es … mir ein wenig … besser geht.“

Níkos bewegte sich noch zwei Schritte auf den Fremden zu und ging vor ihm in die Hocke. Kynthia blieb stehen, wo sie war, blickte auf die reglose Schildkröte in ihren Händen. „Bist du etwa alleine gereist? Wo kommst du denn her?“ Der Mann holte tief Luft. Der Schmerz stand ihm ins sonnengebräunte, von nicht wenigen Falten geprägte Gesicht geschrieben.

„Zuletzt war ich in Athenai. Dort habe ich mich einer Gruppe von Händlern angeschlossen. Sie wurden im Hafen von Léchaion4 erwartet, deswegen trennten wir uns hier. Ich wollte in die Stadt, mir ein Quartier suchen und dann früh auf die Suche nach Arbeit gehen. Aber dann … ging es wieder los.“

„Wäre ich der Besitzer dieses Grundstücks“, sagte Níkos, „würde ich dir schon erlauben, dich hier weiter auszuruhen, aber tatsächlich gehört es mir nicht. Und so oder so solltest du auch nicht allein hierbleiben. Nicht nur hinter der Stadtmauer treibt sich allerlei Gesindel herum, weißt du?“ Noch immer in der Hocke wandte Níkos sich zu Kynthia um. „Hol Demētrios her. Um die Zeit müsste er schon zu Hause sein, um Patienten zu empfangen.“ Sie nickte stumm und Níkos schaute wieder nach vorn, legte dem Mann sacht die Hand auf die Schulter. „Mein Freund ist Arzt. Er wird dir helfen.“ Der Fremde wollte sprechen, vermutlich widersprechen, brachte aber nur ein Stöhnen zustande.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Níkos. „Er wird nichts dafür verlangen. Wie gesagt: Dieser Arzt ist mein Freund. Er soll unbedingt nach dir sehen. Du kannst ja nicht einmal aufstehen und allein hierbleiben solltest du auch nicht. Ich warte bei dir.“ Der Mann gab seinen Widerstand auf und sank wortlos wieder ins Gras.

„Ich beeile mich“, sagte Kynthia leise. Die Schildkröte immer noch mit beiden Armen vor der Brust umklammert, blieb sie unschlüssig stehen und blickte stumm auf ihre staubigen Füße und Sandalen. Níkos sah sie fragend an und Kynthia lächelte verlegen.

„Sehen wir uns nachher noch?“, fragte sie. Wenn Níkos mit seinem Freund Demētrios zusammentraf, konnte es gut sein, dass er mit ihm den Abend verbrachte, statt nach Hause zu kommen.

„Mal sehen, wir müssen noch den Wagen abladen und vielleicht gehe ich noch mit Demētrios ins Bad. – Nun schmoll nicht. Immerhin kommt dein Mann dann wohlduftend nach Hause. Ach, und nimm den Jungen mit. Er gehört einem Händler gleich hinter der südlichen Ladenreihe, gar nicht weit entfernt von Demētrios’ Wohnung. Er wird dir schon zeigen, wo genau.“

Kynthia warf einen letzten Blick auf den bedauernswerten Fremden, ging zur Straße zurück, bedeutete dem Jungen, ihr zu folgen, und ging dann mit schnellen Schritten vor ihm her auf der gepflasterten Straße durch das nordöstliche Stadttor und dann zwischen prachtvoll geschmückten und farbig getünchten Gebäuden und Statuen auf den Triumphbogen zu.

*

Demētrios war tatsächlich zu Hause. Sie musste in der Eingangshalle seiner Stadtwohnung warten, bis er mit einem Patienten aus seinem Behandlungszimmer kam. Sofort schickte der Arzt zwei Sklaven los, damit sie den Fremden abholten. Und Kynthia begab sich auf den Heimweg. Vor dem Tempel des Herakles blieb sie an einem Brunnen stehen, setzte die Schildkröte auf dessen Rand, zog die Falte ihrer grünen Palla, mit der sie ihren Kopf bedeckte, ein Stück nach hinten und wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Hände und Unterarme in das klare Wasser eingetaucht, das aus einem steinernen Schlangenmaul in das Becken lief, genoss sie einige Momente lang mit geschlossenen Augen die Kühle auf der Haut. Dann zog sie die Hände aus dem Wasser und kühlte sich damit zuerst die brennenden Wangen, danach die Stirn. Ein leichter Wind streichelte sie im Nacken. Kynthia drehte sich um, lehnte sich an den Brunnen und hielt mit geschlossenen Augen das Gesicht in die Brise. Ihr Blick fiel auf die Basilica Iulia, das prachtvolle Gerichtsgebäude auf der gegenüberliegenden Seite der Agorá. Nur die Fälle angesehener Bürger wurden dort verhandelt. Einfache Leute wie sie selbst wurden in aller Öffentlichkeit von der Rednertribüne aus zur Rechenschaft gezogen. Das war jedoch ihres Wissens nach noch nie jemandem aus ihrer oder Níkos‘ Familie widerfahren.

Sehr schnell war Kynthia gegangen, und obwohl die Sonne schon tief stand, hatte sie jetzt, gegen Ende des Sommers, noch viel Kraft. Kynthia löste ihre Wasserflasche von ihrem Gürtel und hielt die Öffnung unter das Schlangenmaul, betätigte den Griff der Pumpe, bis ihr Gefäß randvoll war. Kynthia leerte es mit wenigen großen Zügen, füllte die Flasche nochmals, zog den Gürtel wieder durch den Henkel und band ihn vorne fest.

Nur ungern zog sie sich die Kopffalte ihres Umhangs wieder tiefer ins Gesicht. Sie ging nicht oft aus und war es gewohnt, den ganzen Tag in Tunika und Arbeitsschürze mit einem schlichten Kopftuch herumzulaufen. Aber so einfach ihre Familie auch gestellt sein mochte: Sie wusste, was sich gehörte, und für eine Frau gehörte es sich nun einmal nicht, in der Öffentlichkeit ohne Mantel aufzutreten.

Ein paar Augenblicke lang blieb Kynthia noch stehen, beobachtete das rege Treiben auf dem riesengroßen Marktplatz, hörte den Händlern vor ihren Läden an der nördlichen Stoa zu ihrer Linken zu, die ihre Waren als die allerbesten anboten oder mit Kunden um Preise feilschten. Vor der Stoa stand in deren Schatten eine Gruppe von tratschenden Frauen in sehr sauberen Tuniken und mit Pallae5aus leichten, halb durchsichtigen Stoffen in kräftigen Farben. Ein paar Kinder liefen Fangen spielend um die Frauen herum. Deren Ehemänner schienen sich ein Stück weiter versammelt zu haben und diskutierten angeregt, vermutlich über Politik oder Philosophie.

Der Anblick einer prächtigen Sänfte lenkte Kynthias Blick nach rechts. Von acht Sklaven wurde sie getragen. Hinter den zugezogenen Vorhängen aus einem feinen, dunkelgrünen Stoff drang das Lachen einer Frau hervor. Als die Sänfte aus ihrem Blickfeld verschwand, sah Kynthia einen Mann, der im Gehen herzhaft in ein Stück Honigkuchen biss. Mit einem leisen Seufzer legte sie sich die Hand auf ihren hungrigen Bauch. Sicher bereitete die alte Sklavin Rubia, seit vielen Jahren Iagos Ehefrau, an der gemeinschaftlichen Kochstelle im Hof das Essen für die Familie zu, während Leander entweder in ihrer Nähe oder draußen auf der Straße mit anderen Kindern spielte. Rubia hatte sich schon um Kynthia und Phaistos gekümmert, als sie Kinder gewesen waren, und jetzt sorgte sie für Leander, wenn er von der Schule nach Hause kam und Kynthia noch in der Werkstatt oder im Laden arbeitete.

Kynthia war schon ein paar Schritte gegangen, als ihr die Schildkröte wieder einfiel. Schnell machte sie kehrt und fand das Tier immer noch reglos auf dem Brunnenrand vor. Auf einmal kam es ihr albern vor, mit einer Schildkröte im Arm durch die Stadt zu laufen, und so hüllte sie das Tier in eine Falte ihres Umhangs, sodass es genug Luft bekam, hielt es vor dem Bauch fest und wühlte sich durch das frühabendliche Gedränge zwischen den beiden Tempeln hinter dem Brunnen vorbei.

Vor dem Tempel der Hera zu ihrer Linken und der den Tempelbezirk des Apóllōn umgebenden Mauer auf der rechten Seite hielt sie noch einmal inne und ließ den Blick die schmale, dunkle Gasse hinunterwandern, und an den grauen Wänden der Wohnhäuser empor, die hier erst vor etwa zehn Jahren errichtet worden waren, nachdem ein Feuer die alten Gebäude mit nur halb so hohen Wohnhäusern vernichtet hatte. Seitdem schlief Iago im Winter neben dem Heizofen in ihrer Wohnung. Auf gar keinen Fall sollte ein Feuer sich unbemerkt in ihrem Wohnhaus ausbreiten.

Kynthia zögerte. Sie war in der Menschenmenge nicht sehr weit gekommen. Sollte sie wirklich weitergehen, durch die schmale Gasse hindurch? Über die Schulter blickte sie in Richtung der im Vergleich viel saubereren Agorá. Nein, der Weg zurück über den riesigen Marktplatz, durch das Triumphtor und die Straße hinunter nach Léchaion, dann außen entlang der nördlichen Stadtmauer, war ihr viel zu weit. Sie war hungrig und wollte so schnell wie möglich nach Hause. Also holte sie noch einmal tief Luft und schritt voran. Sie wandte den Blick von einem Mann ab, der sich an der Wand eines Gebäudes erleichterte, das kaum sein eigenes war. Nun, solange niemand seinen Eimer von einem der Balkone warf! Aber nein, niemand würde daran denken, das zu tun, solange die Sonne noch schien. Es war strengstens verboten, und die Menschen, die hier lebten, würden es sich mehr als zweimal überlegen, bevor sie die Geldstrafen riskierten, die für dieses Vergehen verhängt wurden. Dennoch schlug ihr Herz inzwischen deutlich spürbar.

Kynthia ließ ihren Blick an den Häuserfassaden entlang wandern. Den unteren Wohnungen war anzusehen, dass wohlhabendere Menschen dort lebten. Zwar waren die Fassaden unten mit mehr oder weniger kunstvollen Wandmalereien verziert. Doch vor den Eingängen wurden Vordächer von kraftvoll bemalten Säulen gestützt und die Gitter vor den Fenstern waren kunstvoll verschnörkelt. Je weiter Kynthia den Blick jedoch nach oben wandern ließ, desto schmutziger waren die Wände und Balkone. Und an den engen Treppen, die zu den oberen Wohnungen führten, fehlten hier und da Stufen. Obwohl diese Häuser viel neuer waren als die alten Wohnhäuser in dem Töpferviertel am Nordmarkt, in dem Kynthia aufgewachsen war, wirkten sie älter. Und der Gestank, der ihr fast den Atem raubte, ließ sie vermuten, dass sich hier kaum jemand die Mühe machte, den eigenen Urin in Eimern zu sammeln und in die Werkstätten der Färber und Gerber zu tragen. Sie zuckte zusammen, als sich über ihr Nachbarn von einem baufälligen Balkon zum anderen an beschimpften.

Kynthia spürte ein scharfes Stechen in der Seite und blieb stehen. Eine leicht bekleidete und stark geschminkte Frau stand mit verschränkten Armen an einer mit obszönen Zeichnungen verzierten Wand und pfiff eine Melodie, die sie sich anscheinend selbst ausdachte. Jedenfalls klang sie nicht nach einem richtigen Lied. Starrte sie Kynthia an? Sie wagte nicht hinzusehen. Mit gesenktem Kopf ging sie weiter. Liebend gerne hätte sie ihren Umhang tiefer ins Gesicht gezogen, aber sie hatte ja die Schildkröte darin eingewickelt. Mit beiden Händen hielt sie das Tier vor dem Bauch fest. Fiel sie wohl auf? Sah es aus, als trüge sie etwas Wertvolles? Sie dachte kurz darüber nach, das Tier wieder auszuwickeln, damit jeder sehen konnte, dass dem nicht so war, aber noch einmal stehenzubleiben brachte sie nicht über sich. Immer wieder wurde sie angerempelt. Wie lang war denn diese verfluchte Gasse?

Hätte sie doch nur die dumme Schildkröte nicht gesehen, dann hätte sie auch den Fremden nicht gefunden und wäre in Níkos‘ Begleitung unbekümmert unterhalb der Stadtmauer in Richtung Nordmarkt gezogen, nach Hause. Endlich! Die Dächer des Nordmarktes waren jetzt zu sehen und wenige Augenblicke später die Hauswände des Töpferviertels, die Kynthia so vertraut waren wie die Menschen, die hier wohnten. Noch einmal blieb sie stehen und atmete tief durch.

„Gleich haben wir es geschafft“, sagte sie zu dem eingehüllten Tier und ging dann schwer atmend weiter.

„Mama!“ Leander hatte auf der Holztreppe vor dem Laden mit seinen Holzfiguren gespielt. Er rannte ihr entgegen und schlang ihr beide Arme um die Taille. Sie küsste ihn auf die Stirn.

„Was ist das?“, fragte er mit einem hoffnungsvollen Strahlen in den tiefbraunen Augen und zeigte auf das Bündel. Sie zwinkerte ihm zu. „Das möchtest du wohl gerne wissen. Komm, gehen wir nach oben, dann zeige ich es dir.“

Leander lief ein paar Schritte voraus. Sie ging ihm nach, durch den mit Töpferwaren vollgestellten Laden hindurch und über die enge hölzerne Treppe hinter dem Laden in ihre Wohnung hinauf.

*

Zwei Tage später waren Kynthia und Níkos damit beschäftigt, Schüsseln im Regal zu stapeln, um Platz für neue zu schaffen, die der alte Iago am Vortag auf einem Schubkarren von dem großen gemeinschaftlichen Töpferofen außerhalb der westlichen Stadtmauer geholt hatte. Heute war Iago so erschöpft, dass Níkos beschlossen hatte, später in die Ziegelei zu gehen und Kynthia beim Einräumen zu helfen. Draußen vor dem Laden erklang die Stimme von Demētrios. Im nächsten Moment erschien sein volles Gesicht in der Tür.

„Salve, mein Freund“, sagte Níkos lächelnd und stellte einen Stapel Schüsseln im Regal ab.

„Kommt mal heraus“, drängelte Demētrios. Für Förmlichkeiten schien er keine Zeit zu haben. „Hier ist jemand, der euch begrüßen möchte.“

Der Arzt war in Begleitung des Fremden, den Kynthia und Níkos im Olivenhain gefunden hatten. Die fast schwarzen Augen des Mannes waren nicht mehr blutunterlaufen wie vor zwei Tagen und blitzten freundlich. Kaum größer als Kynthia war er, schmal gebaut und hager. Das krause Haar war schon stark ergraut und in der Mitte des Kopfes war nicht ein einziges übriggeblieben. Dafür schmückte ein gepflegter Vollbart das schmale Gesicht mit den hohen Wangenknochen.

„Diese beiden haben mich zu dir gerufen“, sagte Demētrios unnötigerweise so laut, dass ein paar Vorübergehende sich neugierig umdrehten. „Níkos, der Töpfer, und Kynthia, seine reizende Frau. Ihr beiden: Das ist Paûlos. Stellt euch vor, er kommt aus Tarsos in Kleinasien, wo ich studiert habe!“ Noch während Demētrios redete, streckte Paûlos beide Hände aus und ergriff Kynthias Rechte.

„Ich erinnere mich an die zwei, Demētrios. Kynthia, Níkos, ich danke euch von Herzen. Vielen Dank für eure Hilfe!“

Wie kräftig seine Hände sind, dachte Kynthia. Jetzt, da es ihm offenbar viel besser ging, war Paûlos‘ Stimme klar und hell. Trotz seines fortgeschrittenen Alters waren seine Zahnreihen, soweit sie zu sehen waren, vollständig und hellfarbig, beinahe wie die eines jungen Mannes. Níkos, der sie alle drei fast um einen Kopf überragte, trat neben Kynthia und legte Paûlos die Hand auf die Schulter.

„Herzlich willkommen in Kórinthos, Paûlos. Verrätst du uns, was dich hierhergeführt hat?“

„Ein ‚Evangelium‘ will er uns bringen, hat er gesagt“, antwortete Demētrios an Paûlos‘ Stelle. „Mehr hat er mir bis jetzt nicht verraten. Nur, dass es bei dieser guten Nachricht um einen Gott geht, das habe ich schon herausgehört. Na, gegen gute Nachrichten haben wir ja grundsätzlich mal nichts einzuwenden, stimmt’s?“ Wie so oft, lachte er laut über seinen eigenen Scherz, doch der Fremde verzog keine Miene.

Den Priestern im Asklepieion, über das Demētrios die medizinische Oberaufsicht ausübte, erstattete er täglich Bericht über den Gesundheitszustand seiner Patientinnen und Patienten. Seinen Freunden gegenüber machte er jedoch keinen Hehl daraus, dass er Asklepios, der Gott der Heilkunst, ebenso wenig zutraute wie den anderen Bewohnern und Bewohnerinnen des Olymps, und dass er sich ausschließlich von wissenschaftlichen Heilmethoden Erfolg versprach. Die zahlreichen Votivgaben an Asklepios, die von den Patienten oder deren Angehörigen am Altar im Atrium des Sanatoriums angehäuft wurden, in der Hoffnung, dass der Gott sie im Schlaf heilen würde, kommentierte Demētrios immer wieder mit scherzhafter Verachtung. Kynthia hatte selbst schon zahlreiche Nachbildungen schmerzender oder kranker Gliedmaßen und Organe angefertigt, denn wer es sich leisten konnte, ließ seine irdenen Füße, Arme, Beine oder Genitalien für den Asklepios-Altar von kunstfertiger Hand formen.

„Warst du im Asklepieion, Paûlos?“, fragte Níkos. Der Fremde schüttelte den Kopf, aber Demētrios antwortete erneut für ihn, die fleischigen Arme übereinander auf seinem mächtigen Bauch ruhend.

„Auf gar keinen Fall wollte er da rein. Konnte kaum sprechen, aber was das anging, war er sehr deutlich. Er hat mich gebeten, ihn in ein Gasthaus zu bringen. Aber ich wollte ihn in meiner Nähe behalten und habe ihn in meinem Gästezimmer untergebracht.“

Kynthia lächelte in sich hinein. Dass sich jemand Demētrios erfolgreich widersetzte, kam nicht oft vor. Auch Níkos schmunzelte.

„Es freut mich, Paûlos, dass es dir besser geht“, sagte er. „Weißt du schon, wo du wohnen wirst?“ Erneut antwortete Demētrios an Paûlos‘ Stelle:„O, in den nächsten Tagen auf jeden Fall noch bei mir. Ich sitze sonst ganz allein in meiner riesigen Wohnung und langweile mich Abend für Abend!“ Demētrios zwinkerte Kynthia zu. Sie wusste sehr wohl, dass der väterliche Freund ihres Mannes in seinem Leben selten Langeweile aufkommen ließ. „Nicht wahr, Paûlos, du bleibst doch noch bei mir?“ Paûlos nickte.

„Ich danke dir für dein freundliches Angebot, Demētrios, und nehme es fürs Erste gerne an.“

„Wunderbar.“ Demētrios rieb sich die Hände und grinste breit.

„Vielleicht kannst du mir auch helfen, Arbeit zu finden.“

„Was bist du denn von Beruf?“, fragte Níkos.

„Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Zeltmacher.“

Wie merkwürdig er das betont hat, fand Kynthia. Ganz so, als wollte er sagen, dass sein Beruf dennoch ein anderer war.

„Nun wohlan, mein Freund“, rief Demētrios. „Ich zeige dir den Weg zur Werkstatt des Zeltmachers Aquila. Sie befindet sich auch hier am Nordmarkt. Aquila kam mit seiner Frau vor etwa einem Jahr aus Italien hierher, als unser Imperator sich plötzlich in den Kopf gesetzt hat, alle Juden aus Rom und der Umgebung zu vertreiben.“ Demētrios verpasste niemals die öffentlichen Ankündigungen auf der Agorá und ließ keine Gelegenheit aus, sein Wissen darüber zu verbreiten, was die Großen und Kleinen der Gesellschaft ‚am fernen Tiber-Fluss‘so alles trieben. „Claudius ist im Grunde genommen sehr tolerant den Juden gegenüber, müsst ihr wissen. Sie dürfen ihre Religion ausüben, wenn sie schön friedlich bleiben. In den letzten Jahren hat sich aber eine Gruppierung unter ihnen herausgebildet, deren Anhänger irgendeinem gekreuzigten Aufrührer folgen. Sie haben seinen Leichnam aus dem Grab geholt und dann behauptet, er sei von den Toten auferstanden.“ Demētrios verdrehte die Augen. „Unfassbar, was die Leute alles glauben! Durch diese Sekte kam es jedenfalls zu Unruhen unter den Juden, und Unruhe kann unser Imperator nun einmal nicht leiden.“

Aus den Augenwinkeln hatte Kynthia Paûlos beobachtet. Solange Demētrios sprach, hielt er den Blick gesenkt, die Arme auf dem Rücken verschränkt.

„Aquila ist also Jude?“, fragte Paûlos schließlich.

„Jawohl“, sagte Demētrios. „Ein netter Kerl. Leider trifft man ihn nie in der Taverne.“

„Wir sehen dich hoffentlich bald wieder, Paûlos?“, fragte Níkos zum Abschied.

Paûlos nickte lächelnd. „Das hoffe ich auch.“

Kynthia sah den beiden ungleichen Männer nach, wie sie nebeneinander die Straße hinuntergingen – Demētrios mit gerade unterhalb der Knie seiner O-Beine endenden Tunika und beim Reden gestikulierend, Paûlos mit fast knöchellangem Gewand, gemessenen Schrittes, die Arme auf dem Rücken, hin und wieder nickend – bis sie schließlich abbogen.

„Komm, lass uns zusehen, dass wir fertig werden“, sagte Níkos und war bereits im Laden verschwunden. „Gaius erwartet mich in der Ziegelei.“

II

Kynthia

Kurz nachdem Níkos zur Ziegelei aufgebrochen war, betrat Phaistos den Hof durch den Laden.

In Kynthias Augen konnten zwei Männer kaum unterschiedlicher sein als ihr Bruder und ihr Ehemann, die gemeinsam mit ihr Werkstatt und Laden betrieben. Das fing schon beim Äußeren an: Phaistos‘ schmales Gesicht mit den hohlen Wangen war ihrem eigenen nicht unähnlich, obwohl ihres voller war. Auch war er kaum größer als sie. Sie beide hatten von der Mutter die tiefliegenden Augen geerbt, aber Kynthia bildete sich ein, dass sie damit bei Weitem nicht so ernst und in sich gekehrt wirkte wie ihr Bruder. Vielleicht lag das an den vielen Stunden, die er in der Bibliothek verbrachte, über den Schriften der großen Philosophen brütend, oder daran, dass sein steifer Arm, den er bei einem Sturz als Vierjähriger davongetragen hatte, ihm nicht nur den Weg in den Beruf seines Vaters und Großvaters versperrt, sondern ihn auch zum Außenseiter gestempelt hatte. Kynthia hatte ihren älteren Bruder immer schon geliebt, nicht nur mit Mitgefühl betrachtet, sondern wirklich geliebt. Gleichzeitig konnte sie gut verstehen, warum es vielen Menschen schwerfiel, ihn zu mögen – Níkos eingeschlossen. Zusammenzuarbeiten war für beide schon immer eine Herausforderung gewesen, und einzig und allein aus diesem Grund war Kynthia manchmal froh, dass Níkos inzwischen mehr Zeit in der Ziegelei verbrachte als in der Werkstatt.

*

Wenig später saß Kynthia an der leise ratternden Drehscheibe unter dem Vordach des Ladens im Hof. Phaistos hatte neben ihr auf einem Hocker Platz genommen. Vor ihm auf dem Tisch befand sich eine oberhalb ihres Halses zur Hälfte mit Weinblättern aus hellem Schlicker bemalte, bereits gebrannte dunkelbraune Amphore. Er führte sein Malhorn. Beide arbeiteten eine Weile schweigend vor sich hin. Als Kynthia von der Straße her eine vertraute weibliche Stimme ihren Namen rufen hörte, hielt sie mit beiden Füßen das Rad an, stand lächelnd auf und wischte sich die Hände an der Schürze ab.

„Hier hinten im Hof sind wir, Danaë!“, rief sie und zwinkerte Phaistos zu. „Was für eine nette Überraschung, oder, Bruder?“

Schon stand das Mädchen vor ihr und umarmte sie überschwänglich. Kynthia lachte überrascht. Für gewöhnlich begrüßte Danaë sowohl sie als auch Phaistos eher förmlich. Dieser stand auf, das Malhorn immer noch in der Hand, und nickte seiner Verlobten mit einem unbeholfenen Lächeln zu, was diese mit einem strahlenden erwiderte. Dass dieses Strahlen wirklich Phaistos galt, bezweifelte Kynthia allerdings.

„Du bist doch sicher nicht allein in der Stadt?“, wollte Kynthia wissen. Das Mädchen schüttelte den Kopf.

„Talaós kauft gegenüber einen Kuchen.“ Sie verdrehte die Augen. „Wenn ich nicht auf meinen großen Bruder aufpassen würde, wäre es um seine athletische Figur längst geschehen. – Papa ist vor der Stadtmauer beim Wagen geblieben. Wir wollen gleich weiter, nach Hause. Ich soll euch Grüße von ihnen ausrichten.“

Danaës Freude ließ die tiefen Narben verblassen, die eine Kinderkrankheit in ihrem Gesicht hinterlassen hatte. Jetzt, am Ende des Sommers, den Danaë offensichtlich zum großen Teil draußen bei ihren geliebten Pferden auf dem Gestüt ihres Vaters Lydias verbracht hatte, waren die Narben unter der Sonnenbräune ohnehin kaum zu sehen. Auch Danaës schlanke Figur verriet, dass sie sich viel bewegte und wenig aß. Kynthia beneidete sie um ihr langes welliges Haar, das unter der locker über den Hinterkopf gelegten Palla hervorschaute und im Sonnenlicht rötlich schimmerte. Wie Kynthia selbst widmete die junge Frau ihrem Äußeren ungewöhnlich wenig Zeit. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt den Pferden, besonders ihrer Stute Kalypsó.

„Wir haben uns die Pferderennbahnam Isthmósangesehen“, sagte Danaë.

„Jetzt schon?“, wunderte sich Kynthia. Die Isthmischen Spiele, an denen Talaós mit einem Zweiergespann aus Danaës Kalypsó und einer weiteren Stute als Wagenlenker antreten wollte, fanden erst im nächsten Sommer wieder statt. Nun neigte sich gerade erst dieser Sommer seinem Ende entgegen.

„Wir sind nach Mégara gereist, um uns ein Hengstfohlen anzusehen. So ein schöner Kerl! Und – o Kynthia, Talaós wird siegen. Ich weiß es einfach. Kalypsó ist so schnell. Und so ein kluges Pferd! Und Nióbe macht sich auch schon richtig gut. Sie müssen sich nur noch mehr aneinander gewöhnen. Als Nächstes melden wir das Gespann bei den Nemeischen Spielen an. Und dann in Delphi.“ Vor Aufregung schlug das Mädchen die Hände zusammen. „Und irgendwann geht es nach Olympía! Dann hat Papa endlich wieder zwei Siegerinnen zum Züchten.“

Danaës Vater Lydias hatte seine wertvollsten Tiere vor zwei Jahren verloren, als eine Viehseuche die Korinthia heimgesucht hatte. An manchen Tagen war der Gestank der brennenden Tierkadaver von den Landgütern im Umland bis in die Stadt gedrungen und hatte sich mit deren gewohnten Gerüchen vermischt: dem Rauch der Schmiedefeuer und der zahlreichen Opferstätten, dem Weihrauchduft aus den Tempeln, dem besonders an Sommertagen aufdringlichen Gestank, der aus der Kanalisation auf die Straße drang und aus den Werkstätten der Gerber und Färber, den Düften der Parfümöle und -salben, mit denen Prostituierte ihren eigenen Ausdünstungen und die ihrer Kunden zu überdecken versuchten.

In jenem Seuchensommer war auch Kalypsós Mutter, ein besonders edles Tier, verendet. Das damals dreizehnjährige Mädchen hatte sich des neugeborenen Fohlens angenommen und es großgezogen. Vor einem Jahr hatten sie und ihr älterer Bruder angefangen, mit den beiden Stuten zu trainieren. Kynthia wusste von Danaë, dass Talaós, der als Kind zu den Kleinsten seines Alters gehört hatte, immer davon geträumt hatte, als Reiter an den Spielen teilzunehmen. Aber dann war er plötzlich all seinen Altersgenossen über den Kopf gewachsen, was seinen Traum vom Ruhm als Rennreiter hatte zerplatzen lassen. Aber er hatte nicht lange Trübsal geblasen, sondern sich daran gemacht, das Wagenlenken zu lernen. Nun waren die Geschwister fest entschlossen, im nächsten Jahr bei den Isthmischen Spielen anzutreten. Und zu siegen!

Phaistos, der wieder auf seinem Hocker Platz genommen hatte, räusperte sich.

„Olympía!“, sagte er. Die beiden Frauen wandten sich ihm zu. Sein schmaler Mund breitete sich zu einem schiefen Lächeln aus. „Nun fangt doch erstmal am Isthmós an, hm?“

Danaës Gesicht verfinsterte sich. Das war offenbar auch Phaistos nicht entgangen, denn er starrte ins Leere, wie immer, wenn er verlegen war, und ließ die Zunge durch den Mund wandern. Wie oft hatte Kynthia ihm schon gesagt, dass das bei seinem hageren Gesicht furchtbar albern aussah! Sie legte dem Mädchen den Arm um die Schultern.

„Wenn ihr schon einmal in der Stadt seid, bleibt doch über Nacht und esst mit uns zu Abend.“ Danaë, sichtlich ernüchtert, schüttelte den Kopf.

„Danke, das ist sehr freundlich von dir, Kynthia. Vielleicht ein anderes Mal. Wir sind jetzt schon einige Tage unterwegs und freuen uns auf unseren heimischen Stall. Genau wie unsere Pferde.“

„Schade“, sagte Kynthia und starrte Phaistos an, hoffend, dass er ihre stumme Aufforderung verstehen würde, das Richtige zu sagen. Erneut räusperte er sich , bevor er sprach:„Ähm, ja, finde ich auch, aber … ich verstehe das natürlich. Wa-wartet nicht zu lange mit eurem nächsten Besuch. Wir hatten euch schon so lange nicht mehr zu Gast.“ Danaë nickte und Kynthia atmete auf.

„Wir haben ja in Mégara ein Fohlen gekauft und werden den Hengst im Frühjahr abholen, sobald er entwöhnt ist. Vielleicht wird bei der Gelegenheit etwas daraus.“

„Das würde uns sehr freuen“, sagte Phaistos und lächelte.

„Ihr seid der ganzen Familie herzlich willkommen“, fügte Kynthia hinzu.

*

„Du bist wütend auf mich“, stellte Phaistos fest, als sie wieder allein waren. Kynthia drehte die Scheibe so energisch, dass sie laut ratterte.

„Ach, Phaistos, wenn du doch nur ein Fünkchen Begeisterung aufbringen könntest. Für irgendetwas. Wie willst du es mit so einer Frau aushalten? Und wie soll sie dich ertragen? – ‚Fangt doch erst mal am Isthmós an‘!“, ahmte sie ihn spöttisch nach. „Meine Güte, Bruder!“

„So bin ich nun einmal“, antwortete er leise.

„Ja, so bist du. Immer schon gewesen.“ Schweigend arbeiteten sie weiter.

„Weißt du, Kynthia“, sagte Phaistos nach einer Weile. Die schmale Hand mit dem Malhorn im Schoß, blickte er über die Amphore auf dem Tisch vor ihm hinweg, scheinbar ins Nichts. Schaute er traurig oder nachdenklich? Kynthia hielt die Scheibe an und wartete darauf, dass er weitersprach.

„Wenn du so langsam bist wie ich, dann versuchst du irgendwann nicht mehr Schritt zu halten oder andere zu überholen. Stattdessen entdeckst du für dich die Vorzüge der Langsamkeit.“

Kynthia senkte den Blick und arbeitete weiter. Hatte sie jemals wirklich versucht zu begreifen, wie es war, mit einem steifen Arm leben zu müssen? Als kleiner Junge war Phaistos von einem Baum gefallen. Seitdem hatte er immer zugesehen, wie alle anderen Kinder tobten und rauften. Und er hatte sich ihre Hänseleien anhören müssen. Kynthia war sieben Jahre jünger als er, und es war für sie immer selbstverständlich gewesen, dass ihr Bruder am Rand saß. Schon sehr früh hatte er angefangen, bei einem guten Freund ihres Vaters dessen Handwerk der Keramikmalerei zu erlernen. Das war mit einem Arm schwierig genug.

Gemeinsam mit Vater hatte Phaistos raffinierte Vorrichtungen erdacht und gebaut, mit denen sich die ersten Arbeitsschritte bewerkstelligen ließen. Aber auch diese Gerätschaften hatten ihre Grenzen und für die letzten Arbeiten an großen Amphoren brauchte Phaistos einen Gehilfen, der sie für ihn festhielt. Meistens rief er nach dem alten Iago. Kynthia, dem einzigen anderen seiner Kinder, die alt genug geworden waren, um Laufen und Sprechen zu lernen, hatte der Vater das Töpfern beigebracht und bald erfreut festgestellt, dass sie sich außerordentlich geschickt dabei anstellte. Dennoch war es ihr als Kind sehr schwergefallen, stillzusitzen und zu lernen, wie man Ton zu Figuren oder Gefäßen formt. Ähnlich schwer wie Leander heute, den Níkos mit seinen acht Jahren jetzt schon regelmäßig nachmittags in die Werkstatt kommen ließ.

Phaistos hatte wohl nicht mehr damit gerechnet, dass sich eine Frau für ihn finden würde. Auch Danaë gehörte nicht zu den begehrtesten unter den noch ledigen Korinther Mädchen. Abgesehen von ihren Narben schielte sie manchmal und war kurzsichtig. Auch das waren Folgen der schweren Kinderkrankheit, aber obwohl nicht zu erwarten war, dass sie ihre Makel an ihre Nachkommen weitergeben würde, machte dies die junge Frau als Braut wenig begehrenswert.

Das schien sie jedoch überhaupt nicht zu bedrücken, und als Kynthia der temperamentvollen jungen Frau im letzten Frühjahr bei einem Fest in der Stadt zum ersten Mal begegnet war, zögerte sie nicht, sie ihrem Bruder vorzustellen. Er zeigte sich zurückhaltend, und auch Danaë war nicht im Geringsten an ihm interessiert. Ihr Vater Lydias jedoch umso mehr. Es wurde eine annehmbare Mitgift verhandelt, und so stand fest: Danaë und Phaistos würden heiraten.

„Nicht bevor wir wenigstens bei den Isthmischen Spielen waren, Papa“, hatte sie ihn angefleht. Und Lydias war einverstanden gewesen. Kynthia hoffte nicht zuletzt, dass ihr Bruder durch die junge temperamentvolle Frau aufblühen würde.

*

Am Abend saß die ganze Familie zu Tisch. Phaistos war, wie an den meisten Abenden, aus seiner Wohnung über der ihren, in der auch Rubia und Iago lebten, zum Essen heruntergekommen. Níkos düstere Miene verriet, dass dieser Tag nicht nach seinen Vorstellungen verlaufen war.

„Leander!“, fuhr er den Jungen nun schon zum wiederholten Male an. „Sitz still beim Essen. Und gerade!“

Der Angesprochene blickte stumm auf seinen leeren Teller.

„Ich bin sowieso fertig. Darf ich gehen, Mama?“

„Jetzt schon?“ Kynthia ließ ihren Löffel sinken. „Du hast mir noch nicht erzählt, was du heute erlebt hast.“

„Och, es gab nichts Besonderes. – Ach doch!“ Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich weiß jetzt, wo Achilleus herkam.“ Phaistos hob fragend die Augenbrauen.

„Na, ich dachte, das wusstest du schon lange. Er war der Sohn der Meeresnymphe Thetis und …“

„Nein, nicht der Achilleus, Onkel.“ Leander machte eine wegwerfende Handbewegung. „Mein neuer Schildkröterich. Ich habe ihn ,Achilleus‘ genannt, weil er die schnellste Schildkröte aller Zeiten ist.“

Die Erwachsenen lachten, und Kynthia freute es, dass auch Níkos schmunzelte.

„Und? Wo kam er nun her, dein Achilleus?“, fragte Níkos‘ Mutter Kassándra.

„Er gehörte Flavius.“ Kassándra hob fragend die Augenbrauen. „Dem Sohn des Tuchhändlers ein paar Straßen weiter“, fügte Leander hinzu.

„Ah. Und will Flavius sein Haustier denn gar nicht wiederhaben?“

„Nein, Großmama, er hat gesagt, ich kann ihn behalten. Er findet Schildkröten sowieso dumm, und zu den Saturnalien6 schenkt sein Vater ihm diesmal ganz bestimmt eine eigene Ziege. Mit einem Wagen. Dann kann er mit seinen Schwestern um die Wette fahren.“

„Na, wie schön für ihn.“ Kynthia ahnte, welche Richtung das Gespräch nehmen würde, und widmete sich wieder dem Getreidebrei in ihrer Schüssel.

„Du, Mama?“

Leander kam um den Tisch herum und stellte sich dicht neben sie. Kynthia ließ den Löffel sinken und blickte ihm in die Augen.

„Nein! Du hast die schnellste Schildkröte aller Zeiten. Sei zufrieden damit.“

„Ach, Mama!“ Er schlang ihr beide Arme um den Hals und schmiegte seine Wange an ihre. Sie musste lachen.

„Solange ich keinen Werkstattsklaven bekomme, kriegst du auch keinen Ziegenwagen. Und auch keine Ziege ohne Wagen“, kam sie seiner nächsten Frage zuvor, „oder sonst ein hungriges Tier. Verstanden?“ Sie fuhr ihm mit der freien Hand durch die schwarzen Locken, was er nicht ausstehen konnte, wie sie sehr wohl wusste. Tatsächlich trat er einen Schritt zur Seite.

„Gute Nacht“, sagte Kynthia und lächelte ihn an. Mit gesenktem Kopf wandte sich Leander zum Gehen.

„Halt, Sohn.“ Wenn Níkos Leander zurechtwies, klang seine Stimme tiefer als gewöhnlich. Der Junge kam langsam zurück und stellte sich vor den Vater, den Blick immer noch auf seine sandalenlosen, noch schmutzigen Füße geheftet. Níkos hob sein Kinn mit einem Finger und zwinkerte ihm zu.

„Gute Nacht, Leander! Und vergiss nicht, dich zu waschen, bevor du ins Bett steigst.“ Der Junge lächelte erleichtert. Auch Kynthia hatte eine Standpauke erwartet und sich schon gefragt, womit der Junge diese verdient haben könnte.

„Gute Nacht, Babas! – Gute Nacht, Großmama und Onkel“, sagte er lächelnd. Dann verbeugte er sich vor den Erwachsenen und ging eilig davon.

*

Níkos zog sich an diesem Abend früh zurück. Während Rubia den Tisch abräumte, Phaistos nach Hause ging und sich in seine Schriften vertiefte und Kassándra sich ihren abendlichen Riten am Hausaltar zuwandte, ging Kynthia hinauf und sah ins Schlafzimmer. Níkos lag bereits im Bett, war aber noch wach. Sie schob den Vorhang beiseite, der Leanders Teil des Schlafzimmers von dem der Eltern abteilte. Er hatte schon ein eigenes Zimmer gehabt, aber als Níkos‘ Vater vor drei Jahren verstorben war, war Kassándra bei ihnen eingezogen und hatte es übernommen.

Leander schlief tief und fest. Kynthia zog den Vorhang wieder zu und wandte sich lächelnd zu Níkos um. Den Kopf auf den Unterarm gebettet, starrte er an die Decke. Sie überlegte, wie sie seine Aufmerksamkeit gewinnen könnte, denn sie hatte sehr klare Vorstellungen davon, wie dieser Tag zu Ende gehen sollte. Ein Lied kam ihr in den Sinn. Sie ging auf das Bett zu und summte die Melodie, löste gleichzeitig die Spangen, die ihre Tunika über den Schultern zusammenhielten. War da nicht ein Lächeln über sein Gesicht gehuscht? Kynthia blieb summend vor dem Bett stehen und wickelte sich die Brustbinde ab. Nur noch mit ihrem Schurz bekleidet, ließ sie die Finger sachte über seine Haut wandern. Dann küsste sie Níkos auf Stirn, Wange und Mund, wobei ihre vollen Brüste über seine dichtbehaarte Brust streiften.

„Ich habe brav meine Möhrensamen7 geschluckt“, murmelte sie und knabberte an seinem Ohrläppchen. „Was hältst du davon, dass wir das ausnutzen?“

Sie ließ ihre Lippen an seinem Hals hinunter wandern. Noch immer zeigte er keine Regung. Sollte sie ihn in Ruhe lassen? War er heute einfach zu müde? Nein, noch wollte sie nicht aufgeben. Allzu stark war ihr Verlangen. Sie legte den Oberkörper ganz auf seinen und suchte seinen Blick. Er lächelte sie an, rührte sich aber nicht. Spielte er mit ihr? Oder hatte er wirklich keine Lust? Einerlei. Sie wollte ihn. Jetzt. Unbedingt.

Von seinem Hals abwärts wanderten ihre Lippen, sanft zuerst, dann immer fordernder. Sie würde ihn Zahlen und Ziegel vergessen lassen. Sie, seine Frau und Geliebte, wollte ihn gefangen nehmen. Hände und Mund, die seinen Körper so gut kannten, setzten alles daran und siegten.

*

Nachher, als ihrer beider Atem wieder gleichmäßig ging, lag sie neben ihm, den Kopf auf seinem Arm, studierte sein Gesicht und drehte dabei die Haare auf seiner Brust zu Löckchen.

„Jetzt erzähl mal, warum du schon wieder diese Sorgenfalte zwischen den Augen hast.“

„Stephanas war heute in der Ziegelei.“

„Der Mann vom Bauamt?“

„Ja, genau. Die letzte Lieferung – die Ziegel für die neue Latrine – war zu einem Drittel fehlerhaft. Stephanas wollte Gaius und mich daran erinnern, dass die nächsten Ziegeleien nicht so weit weg sind, als dass er für den Bau der öffentlichen Gebäude auf uns angewiesen wäre.“

„Und stimmt das, oder will der Mann euch nur unter Druck setzen?“

Er seufzte. „Argós und Mégara würden Kórinthos sicher gerne mitversorgen.“ Kynthia richtete sich halb auf.

„Wie konnte das passieren?“

„Gaius und ich haben uns die Formen angesehen. Sie sind alle in Ordnung.“

„Dann wurde also schlampig gearbeitet. Wer hat die Lieferung geprüft?“

Níkos seufzte wieder.

„Einer der Sklaven. Der klügste, den wir haben. Und der zuverlässigste.“

„Offenbar nicht in jeder Hinsicht.“ Sichtlich verärgert drehte sich Níkos auf die Seite.

„Hinterher ist man immer schlauer“, brummte er die Wand an.

Kynthia legte den Arm um ihn und küsste ihn versöhnlich auf die Schulter.

„Beim nächsten Mal könnte ich ja die Prüfung übernehmen.“

Er wandte sich ihr wieder zu und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Was willst du denn noch alles machen? Du arbeitest in der Werkstatt und im Laden, kümmerst dich abends um Leander …“

„Und wenn wir Phaistos fragen? Vielleicht können wir ihn ja überreden, in den Abendstunden hin und wieder seine weisen Schriften zu vernachlässigen.“

„Aber er hat mit der Ziegelei doch nichts zu tun.“ Sie kaute an einem abgesplitterten Fingernagel.

„Wir finden schon eine Lösung.“ Noch einmal küsste sie ihn auf den Mund. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht!“, murmelte er. Kynthia zog an der dünnen Bettdecke am Fußende, deckte sie beide damit zu, drehte sich auf die Seite, den Rücken an Níkos‘ Oberkörper geschmiegt, und schloss in der Erinnerung an ihr Liebesspiel genussvoll lächelnd die Augen.

III

Kynthia

Seit ein paar Tagen war der Sommer zu Ende. Tagsüber zu arbeiten, war nun wieder gut erträglich und nicht einmal Leander strampelte sich nachts mehr frei, sondern blieb bis zum Morgen zugedeckt. Nicht mehr lange und die Schule würde wieder beginnen. Níkos bestand darauf, dass Leander in den schulfreien Monaten jeden Tag ein paar Stunden in der Werkstatt verbrachte und Töpfern lernte. Von Hand, bis er darin genug Geschicklichkeit zeigte, um auch das Rad bedienen zu lernen. Kynthia spürte seinen Widerwillen. Natürlich würde er viel lieber mit den anderen Kindern spielen, deren Rufen und Lachen von der Straße durch den Laden in den Hof getragen wurde. Doch er murrte nicht; niemals tat er das, sondern er gab sein Bestes.

Nebeneinander standen sie an ihrem Arbeitstisch unter dem Ladenvordach im Hof und fertigten Schalen. Hin und wieder blickte Kynthia aus dem Augenwinkel von ihrem Schalenrohling auf Leanders hinüber, der unförmig war wie ihre eigenen ersten Werke. Sie erinnerte sich daran, wie sie als Kind mühsam ihren Ärger hatte unterdrücken müssen, weil der Lehm ihren Händen einfach nicht gehorchen wollte. Doch so lange Leander sie nicht um Hilfe bat, wollte sie ihn im Tun lernen lassen. Genauso hatte ihr Vater es ihr auch beigebracht. Und so stand er neben ihr, vertieft in die Arbeit an seinem einer Schale denkbar unähnlichen Klumpen, als Níkos den Hof betrat – wie so oft in den letzten Wochen mit finsterer Miene. Phaistos stand mit einem Griffel in der Hand vor einem Regal, auf dem er seine Wachstafel abgelegt hatte, und machte Inventur. Den Gruß seines Schwagers ignorierte Níkos einfach; das und die Falte zwischen seinen Augen waren sichere Zeichen, dass auch dieser Tag in der Ziegelei bisher nicht nach seinen Vorstellungen verlaufen war. Die Arme vor der Brust verschränkt, stellte Níkos sich hinter Leander und betrachtete dessen Werk. „Sag mal, Junge, was soll das werden, was du da machst?“

Leander stand mit zu engen Schlitzen zusammengekniffenen Augen über den Klumpen gebeugt und versuchte vergeblich, eine sechste Beule seitlich an dem Klumpen zu befestigen. „Das wird eine Skylla-Schale, Babas: Schau, das ist einer der sechs Hundeköpfe8.“

Halb zu Níkos gewandt, hielt er eine unrunde Kugel zwischen zwei Fingern hoch und sah seinen Vater mit hochgezogenen Brauen an. Kynthia biss sich auf die Lippen, um nicht zu lachen, denn Níkos fand die Idee offenbar überhaupt nicht komisch.

„Aha. Ich wollte hier nur kurz nach dem Rechten sehen. Gleich muss ich noch einmal in die Ziegelei. Wenn ich heute Abend wiederkomme, möchte ich ein ganz normales Gefäß vorfinden, ohne jede Ähnlichkeit mit Skylla oder sonst einem sagenhaften Ungeheuer.“ Leander straffte die Schultern und blickte stumm auf den Klumpen vor sich.

„Sohn?“, beharrte Níkos auf einer Antwort.

„Ja, Vater“, murmelte Leander. Als Níkos gegangen war, legte Leander die kleine Kugel auf den Werkstatttisch neben den großen Klumpen. Dann ließ er auf beide die Fäuste niederfahren. Kynthia seufzte.

„Mach eine Pause und geh spielen“, sagte sie. „Aber bleib in der Nähe. Ich rufe dich gleich wieder herein.“ Der Junge nickte schniefend, wischte sich die Hände an seiner Schürze halbwegs sauber, band sie eilig los, warf sie in eine Ecke und verschwand.

„Níkos ist sehr streng zu ihm“, stellte Phaistos fest, sobald Leander außer Hörweite war.

„Ja, ich weiß, Bruder.“ In einer Schale voll Tonschlicker füllte Phaistos das Malhorn auf und fuhr fort, die geometrischen Figuren nachzuzeichnen, die er mit Stempeln in den Bauch eines Kantharos9 gedrückt hatte.

„Níkos hat es nicht leicht im Moment“, fuhr sie fort und machte sich daran, die einzelnen Teile von Leanders Werk zu einem einzigen Klumpen zusammenzufügen. „Sie haben Schwierigkeiten, die Arbeit in der Ziegelei zu bewältigen, und manches geht schief.“ Kraftvoll knetete sie den Lehm zu einer glatten Kugel.

Phaistos atmete tief durch und Kynthia ahnte, dass er sich nur mit Mühe einer Antwort enthielt. Er hatte Níkos von vornherein davor gewarnt, in Gaius‘ Unternehmen einzusteigen. Es gab schließlich genug Arbeit in der Werkstatt und im Laden.

„Phaistos?“

„Nein.“

„Meinst du nicht, du könntest ausnahmsweise …“

„Ich bin Keramikmaler.“

„Aber du machst doch für den Laden auch manchmal die Buchhaltung.“ Er hielt inne, sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen an und schüttelte den Kopf.

„Es würde doch bei ‚ausnahmsweise‘ nicht bleiben. Ich kenne dich. Nimm es mir bitte nicht übel, aber ich habe euch gleich gesagt, dass …“

„Jaja, schon gut.“

Sie nahm die Tonkugel, schlug sie einige Male kraftvoll auf den Tisch, zerteilte sie und fing an, eine neue Schale zu formen. Eine halbe Stunde später rief sie Leander zu sich und forderte ihn auf, das Gefäß zu Ende zu bearbeiten. Nach wenigen Minuten sah der vormals perfekte Schalenrohling aus wie das akzeptable Werk eines Anfängers. Leander umarmte Kynthia, küsste sie auf die Wange und hüpfte dann durch die Ladentür zurück auf die Straße.

*

Die Tage wurden immer kürzer und die Winde, die vom Golf her in die Stadt hinauf wehten, kühler. Leander verbrachte nun wieder den größten Teil des Tages in der Schule. Warm genug, um im Freien zu arbeiten, war es an den meisten Tagen immer noch, wenn auch meist mit einer zusätzlichen Tunika.

So auch an diesem Tag. Nebeneinander arbeiteten die Geschwister im Hof, Kynthia an dem kleinen Rad, Phaistos an einem Steintisch daneben. Noch ein paar andere Töpfer gingen draußen ihrem Handwerk nach, jeder an seinem eigenen Platz.

„Salve, Kynthia! Phaistos!“

Kynthia blickte auf, als Demētrios den Hof betrat, und hielt die Drehscheibe an. Phaistos erwiderte seinen Gruß mit einem knappen Nicken und vertiefte sich sogleich wieder in sein Werk. Oder jedenfalls gab er sich den Anschein. Aus seiner Abneigung gegenüber dem Arzt hatte er noch nie ein Geheimnis gemacht. Kynthia bemühte sich, hauptsächlich um Níkos‘ willen, stets um einen freundlichen Tonfall.

„Salve, Demētrios! Níkos ist in der Ziegelei.“

„Ja, das war zu erwarten. In der Ecke muss ich gleich auch noch einen Patienten besuchen. Jetzt komme ich gerade vom Asklepieion und wollte tatsächlich schauen, wie es euch beiden hier ergeht? – Was macht deine kleine Braut, Phaistos?“

„Sie träumt von den olympischen Spielen,“ antwortete dieser, ohne den Blick von der Karaffe abzuwenden, an der er arbeitete. Demētrios grinste.

„Ach ja? Na, bemühe dich doch mal ein wenig um sie, damit sie beizeiten anfängt, von dir zu träumen.“ Demētrios‘ Bauch wackelte beim Lachen und er zwinkerte Kynthia verschwörerisch zu. Hastig beugte sie sich vor und gab vor, auf dem Fußboden etwas Verlorenes zu suchen. Wollte Phaistos diese unverschämte Bemerkung etwa einfach so stehenlassen?

„Ich danke dir für deinen Rat, Demētrios. Wenn ich wieder mal einen brauche, werde ich dich aufsuchen.“

Am liebsten hätte Kynthia Phaistos ein beifälliges Lächeln geschickt, gab aber doch lieber vor, den Wortwechsel überhört zu haben, und schenkte das Lächeln stattdessen Demētrios.

„Sag, wie geht es deinem Gast? Hat er sich inzwischen bei dir eingelebt?“ Einen Moment lang sah der Arzt sie verständnislos an. Dann fiel ihm aber wohl doch ein, von wem die Rede war.

„Ah, Paûlos meist du. Ein komischer Kauz, ja, wirklich.“ Demētrios winkte ab und lachte grunzend. „Bei mir hat er es nicht lange ausgehalten. Schon nach einer Woche ist er bei mir aus- und bei Aquila, dem Zeltmacher, eingezogen. Gewiss reden sie tagaus, tagein über ihren merkwürdigen Gott.“

„Was ist so merkwürdig an diesem Gott?“, wollte Phaistos wissen. Nun sah er Demētrios doch an und hielt den Kopf leicht schräg, was Kynthia zeigte, dass er an dessen Antwort tatsächlich interessiert war.

„Nun, er ist, wie soll ich sagen, ein ausgesprochen strenger Gott, dieser jüdische HaSchem10.“

„Ein Gott, der keine Orgien mag. Stimmt’s?“ Dass Phaistos wieder einmal bestens informiert war, überraschte Kynthia nur mäßig. Schließlich verbrachte er mindestens so viel Zeit in der Bibliothek wie seine Altersgenossen in der Taverne. Zwischen Demētrios‘ Augen hatte sich eine Falte gebildet. „Als Orgien kann man meine Feste nun wirklich nicht bezeichnen, Phaistos. Du solltest Níkos einmal begleiten, dann wüsstest du das.“

Kynthia bezweifelte, dass eine mit einem derart kühlen, herablassenden Lächeln ausgesprochene Einladung ernst zunehmen war, aber auch wenn sie von Herzen gekommen wäre, hätte Phaistos vermutlich dankend abgelehnt. Über Demētrios‘ gesellige Abende wollte Kynthia lieber nicht nachdenken, welche Bezeichnung auch immer darauf zutreffen mochte. Hin und wieder folgte Níkos den Einladungen seines väterlichen Freundes zu dessen Festen, forderte seine Frau aber äußerst selten auf mitzukommen. Dass er außerdem nie von diesen Abenden erzählte, ließ Kynthia vermuten, dass die Gerüchte, Hetären11 und Huren würden zu Demētrios‘ Gästen gehören, nicht völlig aus der Luft gegriffen waren.

Und selbst wenn gar kein Körnchen Wahrheit in dem Klatsch über den Arzt verborgen lag: Auch die stets leicht bekleideten Sklavinnen des Arztes und seine hübschen jugendlichen Sklaven hatte Kynthia deutlich vor Augen. Níkos‘ Freundschaft zu einem Mann zu dulden, der sich kaum eine Vergnügung entgehen ließ, fiel ihr nicht immer leicht. Sie gab sich die größte Mühe anzunehmen, dass er sich bei diesen Gelegenheiten ausschließlich dem Genuss von Demētrios‘ edlem Wein hingab.

Nachdem der Arzt sich verabschiedet hatte, fiel Kynthia der Gott der Juden wieder ein, über den die beiden vorhin gesprochen hatten. „Sag, was weißt du noch über diesen HaSchem?“, fragte sie. Phaistos ließ sein Malhorn sinken und sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Seit wann interessierst du dich für solche Dinge?“ Wann würde er endlich aufhören, sie für ein einfältiges Mädchen zu halten, das zu nichts anderem fähig war als Lehm in Figuren und Gefäße zu verwandeln?

„Sagen wir, seit heute die Sonne aufging“, versetzte sie kühl und widmete sich der Schale auf dem Tisch vor sich. Phaistos verzog den Mund.

„Also gut“, sagte er und blickte nachdenklich ins Leere. Musste er selbst darüber nachdenken oder suchte er nur nach einfachen Worten für die Antwort an Kynthia? „Er hat viele Namen, aber es ist nur einer. Und sie behaupten, dass er das Volk Israel, wie sich die Hebräer auch nennen, vor allen anderen auserwählt hat.“

„Auserwählt wozu?“

„Hm. Vielleicht könnte man sagen: zu seinem Lieblingsvolk“, antwortete er schließlich. Eine Weile arbeiteten sie schweigend weiter. Sein Lieblingsvolk, dachte Kynthia. Ob die Griechen wohl auch die Lieblinge der Götter auf dem Olymp waren?

Sie befolgte die wichtigsten Riten, doch mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung, weil sie damit aufgewachsen war. Sie bedeuteten ihr längst nicht so viel wie Níkos‘ Mutter Kassándra, die der dreiköpfigen Hékatē12