Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Korrosion - Peter Beck

Eine vereinsamte alte Frau wird an Weihnachten erschlagen. Sie hinterlässt nicht nur ein Millionenerbe, sondern auch eine bittere Anklage: Eines ihrer Kinder soll für den Tod ihres Mannes verantwortlich sein. Tom Winter, wortkarger Sicherheitschef ihrer Bank, reist um die halbe Welt, um die drei Nachkommen aufzustöbern – und gerät in ein verstörendes Geflecht aus Missbrauch, Ausbeutung und Rache.

Meinungen über das E-Book Korrosion - Peter Beck

E-Book-Leseprobe Korrosion - Peter Beck

Peter Beck studierte Psychologie, Wirtschaft und Philosophie, promovierte in Psychologie und machte einen MBA in Manchester. Er trägt im Judo den schwarzen Gürtel, war in der Geschäftsleitung eines Großunternehmens und in mehreren Aufsichtsräten. Heute leitet er seine eigene Firma und schreibt an der rasanten Thriller-Reihe mit Tom Winter. Peter Beck ist Mitglied des Syndikats und der International Thriller Writers, ITW.www.peter-beck.netwww.facebook.com/peter.beck.net »Söldner des Geldes«, Emons Verlag 2013

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2016 Emons Verlag GmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: edfoto/Depositphotos.com, iStockphoto/Andrey_Kuzmin Umschlaggestaltung: Nina Schäfer Lektorat: Irène Kost, Biel/Bienne, Schweiz eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-175-8 Thriller Originalausgabe

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Den vielen namenlosen Flüchtlingen

Ofenwarme Backware

Der karamellisierte Bäcker kauerte in seinem Ofen. Je nach Richtung, in die sie ihren Kopf drehte, dominierte der verbrannte Zucker oder das triefende Fett. Eigentlich hatte sie den Geruch brutzelnder Steaks und den süßlichen Duft ofenwarmer Apfelkuchen geliebt. Aber damals, 1971, in der stickigen Backstube hatte sie versucht, flach, nur durch den Mund, zu atmen.

Es war unerträglich heiß gewesen, und zu viele Leute teilten sich die Luft. Sie konzentrierte sich auf die kleinen Kuchenformen auf dem Tisch vor ihr, gefüllt mit mattgelbem Teig. Gugelhupfe. Umgestülpte Helme von Soldaten. Kindersoldaten, die gegen den mannshohen Industrieofen marschierten; bereit, erhitzt zu werden.

Schwindlig setzte sie sich auf einen abgewetzten Holzhocker und wartete. Der Schweiß färbte ihr hellblaues Uniformhemd dunkel. Sie machte nur in den Semesterferien Sanitätsdienst. Das Geld war für das Medizinstudium. Wer konnte, verließ die Backstube so rasch wie möglich wieder. Nur sie musste warten. Das Protokoll verlangte, dass ein Patient in kritischem Zustand nicht aus den Augen gelassen werden durfte. Kritischer Zustand– er war tot.

Es blitzte und surrte. Ein Polizist schoss Fotos. Sie hob den Kopf. Ein weiterer Blitz. Das schwarz-weiße Negativbild des in sich zusammengekauerten Bäckers im Ofen brannte sich in ihre Netzhaut. Sie kniff die Augen zusammen, um das Bild loszuwerden, und lehnte den Kopf an die Betonwand. Was machte der Bäcker verdammt noch mal in seinem Ofen?

Auf dem schiefen Blech über ihm lagen verbrannte Apfelkuchen, deren Guss heruntergetropft war. Die dicke Tür des Industrieofens stand offen, hatte ein längliches Fenster und wurde mit einem langen Hebel verriegelt, an dem ein Overall mit Pinsel herumpuderte. Plötzlich stand der Polizist, der der Chef zu sein schien, vor ihr. Auch er war schweißgebadet. Für einen Moment bedauerte sie ihn, da entdeckte sie die Krümel auf seiner Uniform. Er hatte sich oben in der Bäckerei bedient. Er sagte: »Wir sind hier fürs Erste fertig. Sie können ihn in die Gerichtsmedizin bringen.«

Aus Angst, dass ihre Stimme versagen würde, nickte sie nur.

Der Polizist versuchte, ermutigend zu lächeln.

Sie stand auf. Die Plastikhandschuhe ließen sich nur widerwillig über die feuchten Hände stülpen. Sie löste den Rücken des Bäckers mit einem Spachtel von der Wand des Backofens.

Zusammen mit dem Sanitäter legte sie die lauwarme Leiche sachte auf die Tragbahre. Dann kratzte sie spröde Haut- und Haarreste ab. Als sie die Tragbahre mit der zugedeckten Leiche durchs Haus trugen, sahen sie ins Wohnzimmer. Vor den zugezogenen Vorhängen saßen auf dem Sofa eine Frau und drei Kinder in kurzen Sommerkleidern. Draußen grelles Sonnenlicht. Journalisten. Mehr Fotos. Aber vor allem frische Luft.

Danach kaufte sie eine Zeit lang ihr Brot nicht mehr ofenwarm auf dem Weg zur Uni, sondern erst am Abend. Der Geruch war dann erträglicher.

Heute, als Kinderärztin, wusste sie, dass Menschen ein gutes olfaktorisches Gedächtnis hatten. Sie wusste auch, dass Supermärkte den Umsatz ankurbelten, indem sie künstlichen Duft gebackenen Brotes verströmten. Intellektuell hatte sie es im Griff.

Nur manchmal überfielen sie die Erinnerungen. Die Bilder sprangen sie aus dem Hinterhalt des Gedächtnisses an. Unvorbereitet. Dann sah sie wieder den verdorrten Körper in seinem Stahlgrab.

28.Dezember 09:17

Winter atmete die Bergluft tief ein. Die ersten Sonnenstrahlen krochen über den Alpenkamm. Eiskristalle flirrten. Er steckte die Skistöcke in den Schnee, zog die Handschuhe aus und klaubte den Minifeldstecher hervor.

Mit klammen Fingern stellte er die Linse scharf. Die Sprengladung war unterwegs. Langsam bewegte sie sich auf das Zielgebiet zu. Die grellgelbe Plastikwurst baumelte hoch über dem Steilhang an einem Stahlseil.

Mit dem Feldstecher folgte Winter der Zündleine. Im gegenüberliegenden Hang hockten hinter einem Felsblock zwei Männer mit Sturmmasken, die Kapuzenjacken hochgeschlagen. Einer der Männer sprach in ein Funkgerät. Der andere holte die Zündleine Meter um Meter ein. Der Mann mit dem Funkgerät streckte Arm und Daumen.

Winter hielt den Atem an und fokussierte auf die Sprengladung.

Die klirrende Kälte war vergessen.

Der Sprengstoff fiel in die Tiefe, bohrte sich in den Schnee.

Nichts geschah.

Dann ein dumpfer Knall, eine Schneefontäne. Das Schneefeld erzitterte. Die Schockwellen verbreiteten sich radial. Der Schnee löste sich, zuerst an einzelnen Stellen, im ganzen Hang, begann zu rutschen, nahm Geschwindigkeit auf, überschlug sich und formte eine tosende Walze.

Der Luftzug des Soges.

Mit bloßem Auge beobachtete Winter den Lawinenabgang. Weit unten in der schattigen Fläche kam sie kurz vor den blauen Pfosten zum Stillstand. Die markierte Skipiste für Anfänger war bis zum nächsten großen Schneefall wieder lawinensicher. Eine Wolke Schneestaub stieg auf, glitzerte in der schrägen Morgensonne und verflüchtigte sich.

Für einen Moment studierte Winter den gesprengten Lawinenhang. Per Zufall war er auf die Lawinensprengung gestoßen. Als ehemaliger Einsatzleiter der Polizeisondereinheit Enzian und heute als Sicherheitschef einer kleinen Privatbank interessierte er sich beruflich für Sprengungen.

Mit einer der ersten Kabinen war er in die Höhe gefahren, um abseits der Piste Schwünge in den jungfräulichen Tiefschnee zu ziehen.

Er stopfte den Feldstecher in die Jacke. Zuerst musste er seine Muskeln auf Betriebstemperatur bringen. Er kreiste Knie und Hüften, dann schüttelte er die Schultern aus und lockerte die Handgelenke.

Ein klarer, dunkelblauer, vom nächtlichen Schneefall gereinigter Himmel spannte sich über die Alpen. Auf der einen Seite des Grates streckte der mächtige, frisch überzuckerte Aletschgletscher seine Zunge ins Tal. Auf der anderen Seite wucherten Chalets, Apartmenthäuser und Hotels.

Die frische Luft und die Sonne taten gut. Angesichts der Bergmassive fühlte er sich klein und auf eine ursprüngliche Art geborgen. Hier oben weitete sich die Perspektive. In den Bergen schmolzen die täglichen Probleme.

Entfernt ratterte die Bergstation. Die meisten Touristen waren noch im Bett. Er war alleine. Einige Leute sagten, Einsamkeit müsse man aushalten. Er liebte sie. Vor allem in der Natur. Keine jammernden Kollegen, kein Chef.

Winter dehnte die Beinmuskeln, dann stampfte er Wärme in seine Gelenke. Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste. Das hatte Anne immer gesagt, wenn sie gemeinsam einen Einsatz geplant hatten. Sie war die Einzige, die er vermisste. Ein Anflug von Melancholie erfasste ihn. Es wäre schön, wenn sie da wäre. Der Helikopterabsturz, bei dem seine geliebte Anne ums Leben gekommen war, lag nun ein halbes Jahr zurück. Er verdrängte Anne. Es gab Dinge, die man nicht ändern konnte. Er hatte sich vorgenommen, vorwärtszuschauen. Er wollte als Erster eine Spur in den Tiefschnee legen. Rasch klopfte er die Skischuhe aneinander. Die Gelenke waren locker.

Ein letzter Blick auf das grandiose Panorama. Winter stieß mit kräftigen Stockstößen ab. Nach einigen Schlittschuhschritten ging er in die Hocke und glitt stromlinienförmig durch die lang gezogenen Kurven. Die Eiskristalle piksten seine Wangen. Mit tiefem Schwerpunkt drückte er die Bodenwellen und ließ es bis zu seinem Lieblingshang laufen.

Er stoppte auf der eisigen Wegkante. Die Skispitzen ragten ins Tal. Um loszufahren, musste er sich nur ein wenig vorbeugen. Steil und tief verschneit lag das Schneefeld vor ihm, oben in der Sonne, unten noch im Schatten. Dort mündete es wieder in die markierte Piste, die zur Talstation führte. In den nächsten Stunden würde er eine Slalomspur nach der anderen in den Tiefschnee legen. Zöpfe flechten.

Mit dem Skistock schnitt er ein Schneeprofil auf und untersuchte den Aufbau der Schichten. Er hasste Überraschungen. Zuoberst eine harte, nur ein paar Millimeter dünne Schicht Windharst. In der Nacht hatte es aufgehört zu schneien. Der eisige Wind hatte die oberste Schneeschicht gefroren und abgeschmirgelt. Darunter feinster Pulverschnee, leicht und feinkörnig wie zerriebenes Styropor. Zuunterst eine stabile Unterlage aus mehreren gepressten Lagen.

Perfekte Bedingungen.

Winter stürzte sich in die Tiefe und versank bis zur Hüfte im Tiefschnee. Nach zwei, drei Schwüngen fand er seinen Rhythmus. Tiefschneefahren brauchte Geduld und Gefühl. Die Skispitzen schnitten sich durch den Windharst. Fließend reihte er Bogen an Bogen und tanzte durch den stiebenden Schnee.

Er stieß einen Freudenschrei aus.

Nach etwa zwei Dritteln des Hanges hielt Winter mit einer Pirouette an und schaute den Hang hoch. Er war zufrieden mit seiner Spur. Regelmäßig und rund. Bei der nächsten Abfahrt würde er die Kurven etwas enger nehmen. Aber insgesamt nicht schlecht.

Jemand johlte.

Ein Echo. Überlagert von einem zweiten, grölenden Schrei.

Zwei Snowboarder waren schräg in den Hang gesprungen und kreuzten Winters Spur. Seine Postkartenspur zerstört. Winter wollte sich den Tag nicht von zwei Halbwüchsigen verderben lassen. Schon gar nicht von zwei Schnöseln, deren Selbstwert an der Marke ihrer Unterhosen hing. Wahrscheinlich eiferten sie einem schlaksigen Profi mit Sponsoren, Sportwagen und YouTube-Filmchen nach.

Die Jungs waren schnell, aber vom vielen Schnee überfordert. Sie versuchten vergeblich, im Tiefschnee zu drehen. Trotz des Auftriebs ihrer Bretter schafften sie keine Kurven, sondern schlitterten stotternd quer über den Hang, bis sie die Steigung auf der Gegenseite bremste.

Sie hielten an. High-five. »Jo!«

Modernes Jodeln.

28.Dezember 09:34

Winter sah, wie sich die Spur der Snowboarder zu einem Spalt öffnete. Die Oberflächenspannung des Windharstes war gerissen. Die Idioten hatten ein Schneebrett ausgelöst. Der ganze Neuschnee rutschte auf ihn zu. Verflucht.

Er stieß sich ab und begann so schnell wie möglich schräg aus dem Hang zu fahren. Schade um den Neuschnee. Winter nahm Fahrt auf. Jede Sekunde war kostbar. Der Schnee zog die Skier in die Tiefe. Jetzt nur nicht stürzen. Sachte lehnte er sich ein wenig zurück.

Schatten. Die Berge verdunkelten die Sonne.

Vor ihm säumten riesige Felsen das Schneefeld. Sie würden die Lawine ablenken. Schutz bieten. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Die Druckwelle schob Winter vorwärts, überholte ihn. Die Lawine türmte sich hinter ihm auf. Sie riss Dreck aus dem Erdboden. Eine Lage schob sich über die nächste. Tödliche Tonnen Material. Eine weiße Wand aus Schnee, Eis und Geröll baute sich in seinem Rücken auf. Die Lawine wurde schwerer und schwerer und immer schneller.

Es dröhnte.

Winter hörte nichts, er konzentrierte sich auf seine Balance. Je schneller er wurde, desto schwieriger war es, die Skier auf Kurs zu halten. Der Schnee um ihn herum begann zu rutschen. Die Lawine schob den ganzen Hang vor sich her.

Noch fünfzig Meter bis zum Felsen.

Ein Spinnennetz überzog die dünne Eisschicht, bevor sie zersplitterte. Wie damals die zerschossene Scheibe aus Sicherheitsglas. Nach dem Beschuss war die Frontscheibe der Limousine für einen Moment blind gewesen. Dann sprang sie in tausend Teile.

Fokus.

Die Lawine wirbelte eine Schneewolke hoch, die Winter umhüllte. Alles weiß. Jeden Moment würde er verschüttet werden. Er pumpte Sauerstoff in seine Lunge. Eiskristalle stachen im Hals. Der Hang wurde flacher und Winter langsamer. Druck in den Ohren. Winter sah nichts mehr, hatte keine Fixpunkte mehr. Obwohl seine Gleichgewichtsorgane auf Hochdruck arbeiteten, schwand seine Balance. Die Zeit blieb für einen Moment stehen. Dann überrollten ihn die wuchtigen Schneemassen wie ein rasender Güterzug. Geröll und Eisbrocken hämmerten auf ihn ein.

Es toste.

Winter überschlug sich. Aus dem Hang gerissene Steine bombardierten seinen Körper, prallten gegen seinen Kopf. Ein stechender Schmerz in der rechten Hand. Das linke Bein wurde verdreht. Die Skier abgerissen.

Er sah Licht im Getöse, versuchte, zu schwimmen und an die Oberfläche zu gelangen. Die Hände waren gefangen in den Schlaufen der Skistöcke. Die Lawine zog ihn hinunter. Es wurde düster. Er verlor seine Mütze. Schnee drang in die Ohren. Er schloss Augen und Mund.

Die Schneemasse schichtete sich über ihm auf. Der Druck nahm zu, das Dröhnen wurde mit jeder Lage über ihm dumpfer. Er holte Luft und bekam eine Ladung Schnee in den Mund, verschluckte sich, kotzte reflexartig. Er musste seine Atemwege schützen. Nur keinen Schnee in die Lunge bekommen.

Einen Augenblick lang wollte Winter aufgeben, sich einfach im Gewühl treiben lassen. Aber er wollte nicht ersticken. Er wollte am Leben bleiben. Das Wichtigste zuerst. Luft. Er musste um jeden Preis vor seinem Gesicht einen Hohlraum verteidigen. Zeit gewinnen. Mit den Händen und Armen schützte er die Luftblase vor seinem Kopf.

Ein massiver Eisblock zerdrückte ihn.

Winter schrie auf. Schnee füllte seinen Mund, und er wurde ohnmächtig.

Nichts.

Anne. Seine geliebte Anne. Winter sah ihre verkohlte Leiche. Herausgeschleudert aus dem abgestürzten Helikopter. Sie würden vereint sein. Da schlug Anne die Augen auf. »Tom!«

Er erschrak. Anne war tot. Er lebte.– Noch. Sein Atem ging schwer. Es war stockdunkel. Still. Winter hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Er horchte. Nur das pochende Blut in seinen Ohren. Die Lawine. Er war lebendig begraben.

Wenigstens konnte er atmen. Mit der Luft musste er sparsam sein. Er zwang sich, ruhig zu atmen und den Puls zu kontrollieren. Er war müde, und es war schön warm. Die ersten Anzeichen von Erfrieren. Sanft einschlafen war besser als ersticken. Später.

Er war eingeschlossen im Schnee, sein ganzer Körper komplett blockiert. Er lag schräg auf dem Rücken. Etwas Schweres drückte auf den Brustkorb. Die Beine konnte er nicht bewegen, sie waren wie in Beton gegossen. Wenigstens spürte er die Zehen, wackelte mit ihnen in den Skischuhen.

Der rechte Arm war gestreckt. Als er ihn bewegte, durchzuckte ihn ein teuflischer Schmerz. Für einen Moment sah er rote Flecken. Winter stöhnte. Er hob den linken Arm.

Schnee bröckelte aufs Gesicht.

Vor Schreck sog er kalte Luft ein.

Nur nicht den Hohlraum vor seinem Gesicht verschütten.

Vorsichtig bewegte er die Finger. Den Handschuh hatte er verloren. Die Schlaufe des Skistocks schnitt in den Unterarm. Er konnte die linke Hand vor seinem Gesicht etwas bewegen.

Schnee rieselte.

Er musste so schnell wie möglich hier raus. Situationsanalyse. Er war am Leben und atmete. Die rechte Hand war verletzt, die linke funktionierte. Er trug kein Lawinensuchgerät auf sich. Er hatte keine Ahnung, wie viel Schnee über ihm lag, wie lange die Luft reichen und wann Hilfe kommen würde.

Die Snowboarder hatten am Rande des Hanges angehalten. Vielleicht waren sie mitgerissen worden. Vielleicht hatten sie ihn gesehen und die Rettungsflugwacht angerufen. Die beiden hatten sicher Mobiltelefone dabei, um sich bei ihren Heldentaten zu filmen. Oder waren sie aus Angst einfach davongefahren? Fahrerflucht im Schnee. Unbekanntes, das er nicht beeinflussen konnte.

Das Atmen fiel ihm schwer. Der Sauerstoffgehalt nahm ab. Was konnte er beeinflussen? Prioritäten? Luft. Sich befreien. Auf sich aufmerksam machen. Optionen?

Winter kratzte mit den Fingern an der Höhlendecke. Er krallte seine Finger in das kompakte Gemisch aus Schnee, Eis und Dreck. Ein faustgroßer Stein fiel herunter. Die Decke drohte einzustürzen. Winter hielt inne und lauschte.

Waren da Schritte zu hören? Nein! Das war nur sein Herzschlag. Er hörte sein eigenes Blut pulsieren. Bald würde es sich aus den peripheren Körperteilen zurückziehen und sich auf die Versorgung der lebenswichtigen Organe konzentrieren.

Vielleicht sollte er einen Winterschlaf machen. Als Kind hatte ihm seine Mutter immer aus dem Buch mit der Bärenfamilie vorgelesen. Die Bären machten auch Winterschlaf. Schlafen. Er schloss die Augen. Der kleine Bär erlebte allerlei Abenteuer. Er lernte klettern und schwimmen. Er freundete sich mit einem schlauen Luchs an. Die Bärenmutter wachte über ihn. Sie warnte ihn immer vor den Indianern, die in Zelten wohnten und mit spitzen Pfeilen jagten.

Der Skistock! Winter schlug die Augen wieder auf. Die Schleife seines Skistocks war immer noch um seinen linken Unterarm gewickelt. Mit Daumen und Zeigefinger grub er den Griff aus, bis er spürte, wo der Stock im Schnee verschwand. Er zeigte nach oben.

Winter rüttelte am Stock.

Schnee fiel herunter. Oberkante Unterlippe. Wenn die Decke einstürzte, hatte er keine Luft mehr. Er reckte das Kinn. Ganz vorsichtig stieß er den Skistock gegen oben.

Nichts.

Winter schob den Ellbogen unter den Stock und stemmte diesen mit dem Handballen nach oben.

Ein Ruck.

Da! Eine kleine Lichtsichel! Dann war es wieder dunkel. War das eine Täuschung? Halluzinierte er schon? Mit aller Kraft drückte er den Skistock weiter nach oben. Da war die Sichel wieder. Der Plastikteller an der Spitze des Stocks hatte die Schneedecke durchstoßen. Winter fasste den Griff des Stocks fester und machte rotierende Hebelbewegungen. Mehr Licht.

Und Luft.

Euphorie durchdrang Winter. Er würde nicht ersticken.

Aber er konnte sich nicht selbst befreien. Über ihm lag tonnenweise Schnee. Wenn nicht bald Hilfe kam, würde er erfrieren. Der farblose Plastikteller seines Skistocks war im Lawinenkegel schwer zu entdecken. Er bewegte den Stock auf und ab. Eine winzige Boje im Meer aus Schnee. Er wartete und lauschte.

Nichts. Er schrie: »Hilfe!«

Winters Lunge schmerzte. Schnee rieselte ihm ins Gesicht. Kein Geräusch. Absolute Stille. Nichts geschah.

»Hilfeeeee!«

Als Winter einatmete, stürzte die Decke des Hohlraums ein. Das Licht flackerte, und es wurde wieder komplett dunkel. Der Schnee drückte auf die Augenlider und drang in seine Nase. Kalte Lippen. Er hatte nur noch die Luft in seiner Lunge. Drei Minuten. Er konnte sich nicht rühren. Winter wartete auf den Film seines Lebens. Doch er war zu müde fürs Kino. Sein Telefon klingelte. Diesen Anruf konnte er leider nicht annehmen. Mobiltelefone mussten im Kino ausgeschaltet werden.

28.Dezember 09:59

Ein Stich im Rücken weckte Winter. Das Telefon war verstummt. Er wurde wieder ohnmächtig. Ein zweiter Stich. Geräusche. Schreie. Was war das? Er versuchte, den Mund zu öffnen, aber er hatte keine Kraft mehr. Sie hatten ihn gefunden! Die Suchstangen der Retter stachen ihn, die Schneeschaufeln krachten. Winter rührte sich, seine rechte Hand schmerzte höllisch.

Er wurde wieder ohnmächtig.

Licht.

Erschöpft zog er die Augenlider hoch. Blauer Himmel. Zwei Retter waren daran, ihn in eine Plastikwanne zu betten. Müde schloss Winter die Augen. Der kleine Bär hatte ihn gerettet. Ein Hund bellte. Jemand fummelte an ihm herum, gab ihm eine Spritze. Eine Sauerstoffmaske. Er wurde festgezurrt. Winter verlor das Bewusstsein wieder.

* * *

Als Winter aufwachte, war es dunkel und warm. Er hatte tief und traumlos geschlafen. Dann erinnerte er sich: die Lawine. Er lag in einem Spitalbett im Halbdunkel und hörte sich atmen. Die Sauerstoffmaske drückte aufs Gesicht, verstärkte das Ein- und Ausatmen und stöhnte bei jedem Zug. Im Hintergrund ein monotones Summen.

Er drehte den Kopf und sah eine Maschine, einen dunklen Korridor und eine Tür mit einem Lichtspalt. Er drehte den Kopf auf die andere Seite. Ein Fenster. Draußen war es Nacht. Drinnen stand ein Tisch mit einem Stuhl. Winter schlief sanft wieder ein.

Ein leiser Singsang weckte ihn.

Leonies unverkennbarer Walliser Dialekt. Winter war froh, die Stimme seiner Mitarbeiterin zu hören. Er lauschte dem Auf und Ab, den spitzen Lauten und dem Zischen ihrer Mundart. Winter konnte den Walliser Dialekt manchmal nicht verstehen. Die stolze Talschaft war während Hunderten von Jahren durch hohe Berge isoliert gewesen, das färbte ab. Nicht nur auf die Sprache.

Auch Leonie war manchmal schwer zu verstehen. Winter stellte sich schlafend und lauschte. Sie telefonierte offenbar mit ihrer Mutter und erklärte wortreich, warum sie verspätet war, dass es eine spezielle Situation sei und dass sie sich keine Sorgen machen solle. Sie könne ihren Chef nicht im Stich lassen. Nicht jetzt, wo er mit einem Trauma halb tot im Bett liege.

Winter sträubte sich und machte eine Bestandsaufnahme. Alle seine Glieder waren da. Der Brustkorb drückte, und seine rechte Hand fühlte sich dumpf an. Der Arm war schwer. Er öffnete die Augen einen Spaltbreit und sah an seinem Unterarm Bandagen und ein Metallgestänge. Verflucht. Einen gebrochenen Arm konnte er nun wirklich nicht gebrauchen. Die Skisaison hatte eben erst begonnen. Und so konnte er kein Judo trainieren. Er schloss die Augen wieder.

Leonie säuselte, man müsse füreinander da sein, wenn so etwas passiere. Loyalität sei wichtig. Und überhaupt erwarte der Alte das von ihr. Winter wusste, dass Leonie nicht ihn, sondern von Tobler, seinen Chef, meinte. Der Hauptaktionär der Bank war schon über das reguläre Pensionsalter hinaus und wurde hinter vorgehaltener Hand manchmal ehrfürchtig so bezeichnet.

Die Walliserin hatte eine direkte Art. Winter schätzte das. Es war wichtig, den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Betriebsblindheit war gefährlich, zusätzliche Ideen wertvoll. Für Annes Nachfolge hatte er mehrere Kandidaten interviewt, aber niemanden gefunden. Eines Abends nach einem unbefriedigenden Interview lungerte Dirk, der Informatikleiter der Privatbank, auf dem abgewetzten Ledersofa in Winters Büro herum und meinte: »Vielleicht willst du gar niemanden finden.«

Winter hatte geschwiegen und auf weitere Interviews verzichtet. Als von Tobler in der Folgewoche ein Kostensparprogramm lancierte, kam Dirk mit der Idee, das Aufgabengebiet von Leonie, die bereits seit gut zwei Jahren für ihn arbeitete, zu erweitern: fünfzig Prozent für die Informatiksicherheit und fünfzig Prozent für die restliche Sicherheit. Zwei Fliegen auf einen Streich.

Zuerst war Winter nicht begeistert gewesen. Mittlerweile hatte sich die Arbeitsteilung aber bewährt. Die Informatik wurde immer wichtiger, und er selbst verstand nicht viel davon. Leonie dagegen hatte Informatik studiert, das Studium jedoch abgebrochen, als ihr Sauber, der Formel-1-Rennstall der Schweiz, eine Stelle anbot, um die Elektronik zum Tuning der hochgezüchteten Motoren zu verfeinern.

Es klopfte, und die Tür ging auf. Quietschende Schritte näherten sich, gingen um sein Bett herum. Winter tippte auf Crocs. Zwei Paar.

Leonie sagte: »Ich rufe dich später an.«

Eine tiefe Stimme fragte: »Ist er aufgewacht?«

Leonie antwortete: »Nein. Aber er sieht friedlich aus.«

Winter dachte: Ich liege doch nicht in einem Sarg. Dann hörte er den Arzt sagen: »Das ist gut. Je mehr er schläft, desto schneller erholt sich sein Gehirn. Wir wissen noch nicht, ob und wie stark sich der Sauerstoffmangel auf seine kognitiven Fähigkeiten ausgewirkt hat.«

Großartig! Winter öffnete die Augen. Der Arzt, Leonie und eine Krankenschwester standen über ihm. Der Arzt hatte ein Tablet in der Hand, das sein eckiges Gesicht beleuchtete. Leonie schaute besorgt aus dem dicken Kragen ihres wollenen Pullovers. Die Krankenschwester mit den asiatischen Gesichtszügen lächelte.

Bevor der Arzt etwas sagen konnte, zwitscherte Leonie: »Hey, Winter. Was bin ich froh, dass du wieder da bist. Kaum lasse ich dich aus den Augen, machst du solche Sachen.« Sie schüttelte den Kopf und fuchtelte mit der Hand herum.

Der Arzt fragte: »Wie geht es Ihnen, Herr… Winter?« Den Namen musste er vom Tablet ablesen.

Die Krankenschwester beugte sich vor und nahm Winter die Sauerstoffmaske ab. Winter verschluckte sich und deutete ein Nicken an. »Wo bin ich?« Die Kehle brannte.

Licht. Er blinzelte. Eine Taschenlampe blendete seine Augen. »Im Inselspital. Sie hatten Glück. Die Rettungsflugwacht hat Sie noch rechtzeitig gefunden und direkt hierhergeflogen.« Der Arzt schaute wieder auf seinen Bildschirm. »Sie waren unterkühlt, haben jedoch keine Erfrierungen. Neben drei gequetschten Rippen haben Sie einen Trümmerbruch im rechten Handgelenk und eine gebrochene Elle.«

Der Arzt schaute zu Leonie, die strahlend hinzufügte: »Du hast Glück gehabt. Die Walliser Retter waren schnell. Sonst wärst du jetzt Gemüse.« Sie zog entzückt die Augenbrauen hoch.

Winter war glücklich. Mussten die Schmerzmittel sein. Der Arzt drückte an seiner Hand herum. »Der Chirurg hat Handgelenk und Unterarm operiert. Es waren komplizierte Brüche. Sie müssen den Arm ein paar Monate ruhig halten und vorsichtig sein.«

Die Fingerspitzen schauten aus der straffen Bandage heraus. Winter hob den Arm mit dem Gestänge hoch. Schulter und Ellbogen funktionierten. Der Brustkorb schmerzte dumpf. Er versuchte, die Finger zu krümmen, konnte sie aber kaum bewegen.

»Keine Sorge, mit ein bisschen Physiotherapie kriegen wir das schon wieder hin«, erklärte der Arzt. Er hatte auf dem Tablet ein Röntgenbild der zertrümmerten Hand aufgerufen und zeigte Winter den Bruch. Er wischte darüber. Vorher, nachher. Schrauben. Winter schauderte. Zum Glück nur mechanische Schäden. Eine gebrochene Hand war ärgerlich, aber damit konnte er leben.

Die Krankenschwester schlug die Bettdecke zurück. Winter realisierte, dass er nur ein offenes Spitalhemd trug. Der Arzt zog dieses hoch und begann den Brustkorb zu untersuchen. Leonie und die Krankenschwester schauten ungerührt zu. »Schmerzt das?«

Er grunzte, um dem Arzt die Schmerzen der Rippen anzuzeigen. Im Judo hatte er einmal zwei Rippen gebrochen. Ein Arschloch hatte sich nach einem Maki Komi auf ihn fallen lassen. Auch damit würde er leben können.

»Bitte tief einatmen.«

Das Stethoskop war kalt.

Der Arzt richtete sich auf. »Sie sind bald wieder einsatzfähig. Dank Ihrer guten allgemeinen Verfassung und dem Stützkorsett Ihrer Muskeln sollten die gequetschten Rippen schnell heilen. Sie müssen sich aber schonen. Keine großen Bewegungen. Kein Bücken. Am besten bleiben Sie ein paar Tage im Bett.«

Leonie fragte: »Wann entlassen Sie ihn?«

»Frühestens morgen. Ich will noch ein paar Testresultate abwarten.«

Der Arzt nickte Winter zu. Die Crocs quietschten. Die Arztvisite war vorbei. Die Skisaison ruiniert. Die wunderbare Frische des Morgens schon eine Ewigkeit her.

Leonie setzte sich aufs Bett. »Dirk hat mich angerufen.«

»Mhm.«

»Deine Sachen sind hier.« Sie zog die Schublade des Bettmöbels auf und zeigte auf Brieftasche, Schlüssel, Uhr und Telefon. Dann stand sie auf und öffnete die Schranktüren. Leer.

»Soll ich dir Kleider besorgen? Ich kann bei dir vorbeifahren und etwas holen.«

Winter nickte.

»Was ist mit Tiger?« Das war Winters Katze. Leonie hatte einen Hund, einen langhaarigen Mischling.

»Tiger kommt zurecht. Danke. Der ist Selbstversorger.«

»Brauchst du sonst noch etwas?« Sie schaute auf die Uhr. »Soll ich dir etwas zum Lesen mitbringen? Ein paar Zeitschriften vielleicht?« Leonie dachte mit, aber Winter ging alles ein bisschen zu schnell.

»Ein Traktormagazin?« Sie lächelte schelmisch. Bei Leonie lagen Traktormagazine mit Werbung für John Deere und Saatgut herum. Mit dem Traktor ihres Onkels nahm sie manchmal an Traktorpulling-Wettbewerben teil. Darauf hatte er nun wirklich keine Lust. »Nein danke.«

Es klopfte. Stefan Schütz mit Blumen. Auch das noch. Der Kundenberater der Bank war ein guter Kollege, vielleicht sogar ein Freund. Schütz hatte ein höheres Wohlfühlgewicht als Winter, kümmerte sich gerne um andere und war ganz nebenbei einer der erfolgreichsten Verkäufer.

»Hallo zusammen.«

»Das wäre nicht nötig gewesen.« Winter deutete auf die Blumen, die wahrscheinlich mit tiefroter Ökobilanz eingeflogen worden waren.

»Doch, doch. Wir wollen, dass du schnell wieder gesund wirst.« Schütz hielt ihm den Blumenstrauß unter die Nase. Winter roch nichts. In der anderen Hand hielt Schütz die Tüte einer Konditorei. »Und hier ein bisschen Nahrungsergänzung zum Spitalfraß.« Er beugte sich mit besorgter Miene über Winter, beäugte anerkennend dessen Arm mit den Schienen und Schrauben. »Robocop.«

Winter wackelte mit den Fingern. »Wenn du nicht aufpasst, terminiere ich dich.«

Schütz grinste und fügte ernst an: »Das wird schon wieder.«

»Ja. Es hätte schlimmer kommen können.« Aber er würde für ein paar Monate nicht trainieren können, tonnenweise Tippfehler machen und sich den Arsch nur mit der linken Hand abwischen können. Doch es hatte keinen Sinn, sich darüber aufzuregen.

Leonie hatte unterdessen die Pralinenschachtel geöffnet. »Ui, das sind meine Lieblingspralinen.«

»Die sind für Winter«, protestierte Schütz.

Winter winkte Leonie heran, klaubte mit der linken Hand eine Trüffel heraus und signalisierte den anderen, dass sie sich bedienen sollten. Champagnertrüffel. Obwohl die Schokolade nach nichts schmeckte, genoss er die lockeren Momente mit seinen Kollegen.

Schütz schmatzte.

Winter sagte: »Danke. Ist halb so wild. Der Arzt hat gesagt, dass ich bald wieder einsatzfähig bin.« Er würde wohl ein bisschen arbeiten und vielleicht zurück ins Wallis in die gemietete Ferienwohnung auf der Riederalp fahren. Winter schielte auf Leonies klobige Uhr. »Aber ich will euch nicht aufhalten, Leute.«

Leonie nahm noch eine Praline und stand auf. Winter wusste nichts über ihr Privatleben. Sie trug einen Ring, was nicht viel bedeutete. Und es ging ihn nichts an.

»Okay, Winter. Soll ich dir morgen die Kleider bringen?«

»Ja, gerne. Du brauchst den Schlüssel, den großen.« Das Schloss seines kleinen Bauernhauses etwas außerhalb von Bern war aus dem vorletzten Jahrhundert.

Sie begutachtete den alten Schlüssel. »Sehr dekorativ.«

Schütz war ins Badezimmer gewandert und kam mit einer vollen Vase zurück »Ich habe heute den ganzen Nachmittag Däumchen gedreht.« Er arrangierte die Blumen in der Vase.

Leonie ging zur Tür: »Ich muss.«

Winter hob die gesunde Hand und versuchte sich zu erinnern, ob er zu Hause etwas herumliegen hatte, was Leonie besser nicht sähe. Zum Glück hatte er vor Weihnachten aufgeräumt.

Schütz lehnte sich an den Tisch. »Ich wurde von meiner Lieblingskundin versetzt.«

»Das Schicksal ist unerbittlich.«

»Ja, ja. Sie ist ansonsten sehr pflegeleicht. Sie kommt immer in der Altjahreswoche vorbei und lässt sich bestätigen, dass noch alles da ist.«

»Musst du ihr das Geld zum Nachzählen auszahlen?«

»Nein, nein, so schlimm ist es nicht. Im Kopf ist sie noch voll da. Ich habe sie vor Jahren von Hodel geerbt.« Hodel war der Chefjurist, von Toblers rechte Hand und damit der zweitmächtigste Mann der Privatbank. »Aber sie ist völlig beratungsresistent.« Schütz schüttelte den Kopf.

Winter machte zustimmende Geräusche. Offenbar war es Schütz ein Anliegen, über sein gescheitertes Rendezvous zu reden.

»Ihr Portfolio ist nicht gerade balanciert. Völlig fahrlässig. Bis jetzt hat sie damit Glück gehabt.«

»Wie alt ist sie denn?«

»Ich weiß nicht genau. Rollator-alt.«

»Hast du sie angerufen?«

»Natürlich. Mehrmals. Und sie hört noch gut. Akustisch, meine ich.«

»Mail mir die Daten, und ich kümmere mich darum.«

»Mach ich.« Schütz stieß sich vom Tisch ab und tätschelte Winters Oberarm. »Gute Besserung.«

Winter nickte dankbar.

Er war todmüde.

Aber zum Glück nicht tot.

29.Dezember 10:12

Die Straßenbahn ruckelte. Winter wackelte gedankenverloren mit seinen Fingern. Das Gestell am Unterarm spannte seinen Ärmel. Die Schrauben drückten eine Miniaturberglandschaft durch den Stoff. Der Arzt war froh gewesen, dass Winter so schnell wie möglich rauswollte. Je schneller die Patienten das Spital verließen, desto einfacher konnte er seine Quoten erreichen. Er hatte ihm für den Arm Physiotherapie und für die Rippen Ruhe verschrieben. Gegen die Schmerzen gab es Co-Codamol. »Für den Fall der Fälle. Aber nicht übertreiben.«

Winter atmete die feuchte Luft ein. Die gequetschten Rippen protestierten. Würde er von der Lawine ein Trauma davontragen? Würde er sein weißes Grab vergessen können? Er schloss für einen Moment die Augen und versuchte sich zu erinnern. Am schlimmsten war der Moment gewesen, als der Hohlraum vor seinem Gesicht eingestürzt war und er zu ersticken drohte. Er schob die Erinnerung weg. Das war Vergangenheit.

Die hydraulischen Türen des Trams zischten. Niemand stieg ein oder aus. Die Menschen erholten sich von Weihnachten. Wie hatte die alte Frau, die Schütz gestern versetzt hatte, wohl Weihnachten gefeiert? Umringt von Kindern und Enkeln mit einem großen Weihnachtsbaum voller Kerzen? Oder einsam und verlassen? Die Einpersonenhaushalte nahmen in überalterten Wohlstandsgesellschaften zu.

Er schaute an der schweigsamen Leonie vorbei hinaus in den grauen Morgen mit den matschigen Straßen. Die dünne Schneeschicht der Nacht hatte sich mit dem Dreck zu einer grauen Pappe vermischt. Nur ein selbstmörderischer Radfahrer im gelben Ölzeug getraute sich auf die rutschigen Straßen. Ein Supermarkt, ein Matratzen-Großhändler mit Megasuperpreisen, ein Media Markt.

»An welcher Haltestelle müssen wir aussteigen?«

Leonie studierte ihr Smartphone. »Noch zwei Stationen.«

Die Straßenbahn hielt. Eine Frau mit Kopftuch und diversen schweren Taschen stieg mühsam aus. Sie rumpelten durch die Vorortsiedlung von Bern. Die Wohnblöcke von Bethlehem, wo die Kundin wohnte, waren in den siebziger Jahren gebaut worden, als die Wirtschaft noch wuchs. Heute war es günstiger Wohnraum für Studenten, Sozialhilfeempfänger und Ausländer. Ein altes Patrizierhaus, vor hundert Jahren noch das einzige Steingebäude, stand ziemlich verloren zwischen den grauen Quadern.

Ein Kollege von Winter hatte hier gewohnt. Bis die Kinder kamen. Dann war er weggezogen, weil er nicht wollte, dass diese in Schulklassen mit mehr Ausländern als Schweizern kamen. Ein asiatisches Take-away. Wann war das chinesische Neujahr?

»Aussteigen!« Leonie stieß Winter an.

Die Haltestelle war verlassen, aber erst kürzlich modernisiert, die Plattform angehoben worden. Investitionen in die Infrastruktur zur Überwindung der letzten Wirtschaftskrise. Es schneite fette Flocken. Winter konnte seine rechte Hand nicht in die Tasche stecken. Er kam sich ungelenk vor. Irgendwo zu Hause hatte er noch alte Fäustlinge.

Er schaute sich um.

Die Wohnblöcke sahen alle gleich trist aus. Längliche Quader mit etwa zehn Stöcken, dahinter doppelt so hohe. Der Architekt war wahrscheinlich mit Lego sozialisiert worden.

Leonie zeigte mit dem Mobiltelefon auf eines der Hochhäuser. »Dahinten muss es sein.«

Sie gingen zwischen den Häusern hindurch. Auf dem verschneiten Rasen stand schräg und traurig ein zusammengesackter Schneemann.

Winters Telefon klingelte. Umständlich klaubte er es mit der linken Hand hervor. Sein Chef. »Herr von Tobler?«

»Hallo, Winter. Ich habe gehört, was passiert ist, und wollte Ihnen gute Besserung wünschen.«

»Danke.«

»Sind Sie im Spital gut aufgehoben?« Das Lohnpaket der Bank enthielt auch einen Beitrag an die Krankenversicherung, der Winter das Einzelzimmer zu verdanken hatte.

»Ich habe mich vorhin ausgecheckt.«

»Ah, gut! Gönnen Sie sich ein paar Tage Ruhe.«

»Ja, werde ich machen. Ich schaue nur schnell bei einer Kundin vorbei, die Schütz gestern versetzt hat. Sie ist schon alt und nimmt das Telefon nicht ab.«

»Bernadette Berger?«

»Ja.« Winter war erstaunt, dass von Tobler den Namen kannte. Der Alte war wieder einmal bestens informiert. Die Privatbank konzentrierte sich auf die Vermögensverwaltung sehr reicher Kunden.

Winter drehte sich um seine Achse und sah auf einem Balkon einen Schwarzen im Unterhemd einen Joint rauchen. Auf einem anderen Balkon hingen grellorange Schutzkleider. Der Bewohner arbeitete bei der Straßenreinigung oder war Gleisarbeiter. Eine der verbleichten Sonnenstoren hing zerfetzt herunter. Waren sie hier an der richtigen Adresse? Schütz hatte nur Name, Adresse und Genesungswünsche mit einem »;-)« gemailt. Von Tobler seufzte und sagte: »Grüßen Sie sie von mir.«

»Selbstverständlich.«

Leonie trat auf der Stelle und zeigte mit dem Kinn gegen den roten Hauseingang. Jeder Eingang hatte seine eigene Farbe, damit die Kinder nach dem Spielen wieder nach Hause fanden und immer wussten, zu welcher Bande sie gehörten.

Jemand hatte den Schneematsch vom Vorplatz geschaufelt. Die Tür aus Sicherheitsglas war offen. Ein Keil verhinderte, dass sie ins Schloss fiel. Drinnen zwei Wände mit Briefkästen voller Kleber. Stapel achtlos hingeworfener Werbesendungen. Zwei Fahrstühle, einer mit einem »Außer Betrieb«-Schild. In der Ecke zwei weiße Plastikstühle.

Leonie drückte den Fahrstuhlknopf. »Sie wohnt im sechzehnten Stock.« Als sie hochfuhren, ächzten die Innereien des Schachts, die Stahlkabel schlugen aneinander. Das Innere des Fahrstuhls war kürzlich frisch gestrichen worden, was jemanden dazu eingeladen hatte, mit schwarzem Filzstift eine Reihe Penisse zu malen. Moderne Kunst. Der neue Kleber mit der Notfall-Anleitung war bereits wieder zerkratzt.

Im Sechzehnten erwartete sie ein dunkler Korridor mit einem Dutzend Wohnungstüren. Winter drückte einen orangen Knopf. Neonröhren flackerten und erwachten zu neuem Leben. Ein kalter Luftzug pfiff unter der Treppenhaustür hindurch und zog zum Schacht. Der Fahrstuhl fuhr wieder nach unten. Vor einigen Türen standen Abfallsäcke.

Sie gingen von einer Tür zur nächsten. Eine Galerie bunter Kinderstiefel. Ein Lorbeerzweig. Leonie entzifferte die Türschilder. Bei der vierten Tür richtete sie sich auf und klingelte. Winter musterte das gestickte Bild am Türrahmen. Ein Reh im Wald. Weiße Blumenblüten im Vordergrund. Hellblauer Himmel. Bambi-Kitsch. Über Geschmack ließ sich ja bekanntlich nicht streiten.

Leonie klingelte erneut. Ein bisschen länger.

Im Inneren der Wohnung hörten sie das Plärren der Klingel.

Sie lauschten.

Die Tür hinter ihnen öffnete sich. Sie drehten sich um. Eine alte Frau im Morgenrock schaute durch den Spalt. Aufgedunsenes Gesicht mit zusammengekniffenen Augen. »Was wollen Sie?«

Leonie sagte: »Guten Tag. Frau Berger hatte eine Verabredung und ist nicht gekommen. Da sie auch das Telefon nicht abgenommen hat, wollten wir persönlich vorbeischauen.«

»Frau Berger bekommt keinen Besuch.«

Winter lächelte das Mondgesicht freundlich an. »Ich war im Spital und wollte nur schauen, ob es ihr gut geht.« Als Beweis hob er seinen steifen Arm. Das Mondgesicht sprach sicher gerne über Operationen und Gebrechen.

»Ist sie im Spital?«

»Nein, nein. Wir haben schon lange nichts mehr von ihr gehört. Geht es ihr denn gut?«

Die Frau löste die Sicherheitskette. Mit einem Pantoffelfuß trat sie in den Korridor und schaute sich um. Ein faulig schaler Geruch kam aus der Wohnung. In vertraulichem Tonfall sagte sie: »Sie hockt dauernd in ihrer Wohnung und stickt. Aber letzthin habe ich sie mit dem Neger gesehen. Vielleicht ist sie mit ihm ausgegangen.«

Winter und Leonie schauten sich an.

Leonie echote: »Dem Neger?«

»Der fegt hier neuerdings den Korridor.« Flüsternd fügte sie an: »Oder tut wenigstens so. Er nässt den Boden, steht dann herum und schwatzt.« Sie schüttelte den Kopf.

Winter studierte den Boden, der sauber war. Wahrscheinlich gebohnert durch die Pantoffeln der spionierenden Nachbarin. Er fragte: »Er schwatzte mit Frau Berger?«

»Ja, er braucht für einen Stock zwei Stunden. Früher hatten wir eine Jugoslawin. Die war viel besser.«

Winter nickte verständnisvoll. Vorurteile nahmen den Leuten das Denken ab. Er hörte Leonie fragen: »Wir machen uns Sorgen. Wann haben Sie Frau Berger denn das letzte Mal gesehen?«

Das Mondgesicht schaute zur Decke. »Vor Weihnachten.«

»Und sie bekommt keinen Besuch?«

»Nein. Sie hat keine Verwandten.«

»In diesem Fall sind wir wohl vergebens gekommen.« Winter las den Namen auf dem Türschild neben dem Morgenrock. »Jedenfalls vielen Dank für Ihre Hilfe, Frau Haudenschild.«

Auf dem Weg zurück zum Fahrstuhl spürten sie Frau Haudenschilds Blick im Rücken. Schweigend warteten sie zwei Minuten auf den Fahrstuhl und fuhren nach unten.

Leonie sagte: »Vielleicht ist sie in die Ferien gefahren und hat den Termin vergessen.«

»Schütz hatte nicht den Eindruck, dass sie vergesslich war.«

»In diesem Alter kann das schnell gehen.«

»Das ist keine Frage des Alters.« Winter schaute auf seinen Arm, dachte an die Lawine und sagte: »Lass uns den Hausmeister anrufen. Sicher ist sicher.«

Sie fanden die Telefonnummer am Anschlagbrett bei den Briefkästen. Frau Grindic wohnte im ersten Stock, hatte eine beeindruckende Haarkonstruktion, einen säuerlichen Körpergeruch, drei Kinder und keinen Mann. »Zum Glück!«, wie sie betonte. Winter und Leonie brauchten eine halbe Stunde und ihre ganzen Überredungskünste, bis sie zu dritt mit einem Passepartout wieder vor Frau Bergers Tür standen.

Sie klingelten.

Zwei Mal.

Frau Grindic klopfte an die Holztür. »Frau Berger! Hallo? Sind Sie da? Ich bin es. Frau Grindic.« Sie legte das Ohr an die Tür. »Nichts.«

Winter zeigte mit seinem Robocop-Arm auf den Hauptschlüssel.

Frau Grindic schaute sich unsicher um.

Leonie machte ein besorgtes Gesicht. »Vielleicht ist ihr etwas zugestoßen. Vielleicht ist sie gestürzt.«

Frau Grindic seufzte lautstark und öffnete die Tür.

Im engen Foyer war es dunkel.

Sie schaltete das Licht ein. »Frau Berger?«

Winter sah an der Wand kleine gerahmte Stickereien. Bambis Verwandte. Ein Schlüsselbrett. Ein mageres Schuhgestell machte den schmalen Korridor noch enger. Am Gestell lehnten zwei Krücken. Am Boden Spannteppich und zwölf Flaschen Mineralwasser. Zwei mal sechs in Cellophan eingeschweißte Anderthalb-Liter-Flaschen mit Tragegriff aus dem Supermarkt. Sonderangebot. Frau Berger traute offenbar den alten Wasserleitungen nicht.

Nordsudan– Provinz Südkordofan, Heiban

Eine Sukhoi Su-30 donnerte über Tijo hinweg. Das Kampfflugzeug der sudanesischen Regierung war bei Khartum gestartet und unterwegs zu einem Einsatz irgendwo im Süden. Tijo stand langsam auf und hob den Kopf. Die knorrige Akazie seiner Familie warf einen langen Schatten. Die Dunkelheit schlich bereits um die Felsen des Tals. Die Stille mit den vertrauten Geräuschen kam zurück. Das Klagen der Trauernden hatte schon vor Stunden aufgehört. Die Familien seiner Frau und seines Bruders waren zurück ins Dorf gegangen.

Doch Tijo konnte Zarina, seine Frau, und Yaya und Nafy, seine beiden kleinen Töchter, noch nicht ziehen lassen. Ihre frischen Gräber waren umrandet mit kleinen Steinen. Alle hatten zum Abschied einen abgeschliffenen Stein mitgebracht und auf die Gräber gelegt. Drei kleine Tongefäße mit Bohnen, ein wenig Mais und Fett standen darauf. Obwohl die Menschen in den Nuba-Bergen wegen des Krieges zwischen dem Norden und dem Süden wenig zu essen hatten, durfte man die Davonziehenden nie ohne Verpflegung gehen lassen.

Die Ziegenmilch, die der Kujour, der heilige Mann von Heiban, auf die Gräber gesprenkelt hatte, war längst versickert.

Tijos Mund war ausgetrocknet, und die Augen brannten. Er schaute sich um. Der Handkarren und die Schaufel waren weg. Wahrscheinlich hatte der ältere Bruder sie mitgenommen. Das Bier hatten sie dagelassen. Tijo stemmte den Tonkrug. Auf der Oberfläche schwammen tote Fliegen. Er nahm einen großen lauwarmen Schluck. Und noch einen. Merissa-Bier rann in sein verstaubtes T-Shirt.

Tijo stellte den Krug auf den Boden und zog das T-Shirt aus. Mit der Hand fuhr er über seine Narben. Als junger Mann war er ein gefürchteter Stockkämpfer gewesen. Damals hatte er Zarina mit seinem mutigen Kämpfen beeindruckt und sie nach drei Jahren Arbeit auf den Feldern ihrer Familie endlich heiraten dürfen.

Die Erinnerungen schmerzten. Er schloss die Augen und presste die Handballen gegen seine Schläfen. Er hatte alles verloren. Ein lang gezogener, seufzender Schrei kam aus seiner Kehle. Er atmete die heiße Luft tief ein. Er war ein Nuba vom Stamm der Heiban. Der Geist seiner stolzen Vorfahren lebte in ihm weiter.

Langsam atmete er aus. Was würden seine Ahnen machen? Was würde sein Großvater tun, der die Nuba-Berge nie verlassen hatte? Was sein Vater, der noch viele Rinder besessen hatte?

Er wusste es nicht.

Vielleicht würde die Höhle helfen. In der Ferne konnte er zwischen den Felsen ihren Eingang ausmachen. Bald würde die Sonne ganz untergehen. Er senkte den Blick und sah vor sich die Gräber seiner Familie. Eingewickelt in frische Tücher waren die Toten kurz nach Sonnenaufgang in ihre Gräber gelegt worden.

Tijo legte sich ein letztes Mal zwischen seine Frau und seine Mädchen auf die Erde. Minutenlang verharrte er mit ausgestreckten Armen. Ihr Geist vereinte sich.

Danach stand er auf und strich sich mit den sandigen Handflächen übers Gesicht, nahm Bierkrug und T-Shirt und machte sich auf den Weg. Er durchquerte das seichte Bachbett und begann die Felsen hochzusteigen. Als Kind war er diesen Weg tausend Mal gegangen. Flink und unbekümmert. Und auf der Schwelle zum Mann hatte er einen Monat alleine in der Höhle gelebt und sich auf seinen ersten richtigen Kampf vorbereitet. Vielleicht würde das Warten heute wieder belohnt. Seine Füße fanden den Weg trotz der hereinbrechenden Dunkelheit alleine.

Sein Haus war von einer Streubombe getroffen worden, aber hier oben war die Welt unverändert. Hier kannte er jeden Winkel. Die Höhle bestand seit ewigen Zeiten und würde auch nach den Kämpfen zwischen der nordsudanesischen Armee von Omar al-Bashir und dem Sudanese People’s Liberation Movement aus dem Süden von Salva Kiir weiterbestehen. Die Höhle war unzerstörbar.

Er stieg behände von Felsblock zu Felsblock zur Höhle. Ihr Schlund war von der Hitze des Tages noch warm. Tijo glitt durch den schrägen Spalt in die Tiefe und tastete sich in die Dunkelheit hinein, wo ihn der Geruch des kühlen Steins umfasste.

29.Dezember 11:38

Die alte Frau hatte ein klaffendes Loch im Kopf und eine Stricknadel im Auge. Das Blut in den Haaren war eingetrocknet. Winter konnte ihr nicht mehr helfen. Nachdem er die Polizei benachrichtigt hatte, schaute er sich im Wohnzimmer um.

Bis auf das Ticken der Standuhr war es still. Er hatte die Tür hinter Leonie geschlossen, die die außer sich geratene Frau Grindic in ihre Wohnung zurückbrachte. In einigen Minuten würde der erste Streifenwagen der Wache Bethlehem da sein. Er hatte nur ein kurzes Zeitfenster. Und nur eine Chance, um den ersten Eindruck auf sich wirken zu lassen.

Das Wohnzimmer war vollgestopft mit alten Möbeln und Stickereien. Gobelins überall. Heile-Welt-Kitsch. Und religiöse Motive. Überall Stickereien von Madonnen. Ohne Maria kein Jesus und ohne Jesus keine Vergebung. Es roch muffig und staubig und bereits ein wenig faulig. Wahrscheinlich sparte Frau Berger auch bei den Heizkosten und hatte die Fenster schon lange nicht mehr geöffnet. Zum Glück hatten sie die Tote nicht erst nach Wochen gefunden.

Das Loch im Schädel sah aus, als hätte ein unförmiger Meteorit eingeschlagen. Jemand musste mit voller Kraft mehrmals zugeschlagen haben. Wo war die Mordwaffe? Winter ging in die Knie, suchte den Boden unter den Möbeln ab. Kein dumpfer Gegenstand. Nur Staub.

Er richtete sich auf und trat auf die Tote zu. Die Nadel im Auge war interessant. Der Korken an ihrem Ende hatte es dem Mörder ermöglicht, die Stricknadel tief durchs Auge ins Hirn zu treiben, ohne sich selbst zu verletzen. Aber warum eine Nadel ins Auge? War Frau Berger mit der Nadel gefoltert worden? Der Schmerz einer Nadel im Auge musste fürchterlich sein. Eine Nadel im Auge alleine war nicht tödlich. Anatomisch wurde es erst dahinter lebensgefährlich. Ein Zwilling der grünen Nadel lag auf dem Tisch neben einem Stapel Schnittmuster und Gratiszeitungen. Ihrer Länge nach zu urteilen, steckten etwa zehn Zentimeter in Frau Bergers Kopf. Das reichte bis ins Hirn.

Winter schauderte und versuchte sich den Ablauf vorzustellen. Frau Berger saß in einem Lehnstuhl. Keine Abwehrspuren. Sie musste die Täterschaft gekannt und ihr die Tür geöffnet haben. Als die Hauswartin vorhin aufschloss, hatte er nichts Außergewöhnliches bemerkt. Die Tür war nicht aufgebrochen und nach der Tat offenbar wieder abgeschlossen worden.

Die Nadel im Auge.

Das Auge zu treffen war nicht einfach. Obwohl Frau Berger alt war, hätte sie reflexartig den Kopf gedreht. Der Schlag auf den Kopf war der Nadel wahrscheinlich vorausgegangen. Das Loch im Kopf war auf der linken Seite oberhalb des Ohrs. Die Forensiker des Instituts für Rechtsmedizin würden sich ausführlich mit der Todesursache beschäftigen.

Aber warum? Was war das Motiv?

War etwas gestohlen worden?

Er riss sich von der Toten los.

Leichen zogen den Blick an.

Tatorte waren viel mehr als leblose Körper.

Gobelins, Gobelins, Gobelins.

Winter zwang sich, das Wohnzimmer systematisch zu scannen. Er drehte sich langsam im Kreis und prägte sich die mentalen Bilder ein. Sektor für Sektor.

Balkontür geschlossen, heruntergelassener Rollladen, darunter ein Gestell mit Radio und altmodischem Kassettengerät. Der Tisch mit einem verdorrten Adventskranz. Ein Gedeck, eine Teekanne, eine Tasse. Zweiersofa mit Gobelin-Kissen. Davor ein mit Gobelin bestickter Schemel. Ein mit Stickzeug überstelltes Beistelltischchen. Verfluchte Gobelins.

Geschmacksverstauchung.

Eine Ständerlampe. Der Lehnstuhl.

Was war im Blickfeld der Toten? Vis-à-vis dem Lehnstuhl stand auf einem kleinen Gestell ein fetter Fernsehapparat. Frau Berger war noch nicht im Zeitalter der Flachbildschirme angekommen. Daneben eine mannshohe Pendüle, rot lackiert mit vergoldeten Rändern. Winter schaute auf seine Uhr. Die Pendüle lief auf die Minute genau. Die Polizei würde jeden Moment da sein.

Daneben eine geschlossene Tür. Wahrscheinlich das Schlafzimmer. Dann der Korridor mit dem Schuhgestell und den Krücken.

Ein Büfett mit einem halben Dutzend Schubladen. Eine längliche Gobelin-Stickerei schützte die lackierte Oberfläche. In der Mitte des Büfetts stand eine beige Kerze mit einem Heiligenbildchen. Die Kerzenflamme hatte ein tiefes Loch in das Wachs gefressen.

Rechts der Kerze Porzellanfiguren. Die Heilige Familie, die Heiligen Drei Könige mit Gaben und Getier. Links der Kerze ein leerer Platz. Fehlte da etwas? Winter trat näher und bemerkte in der Gobelin-Matte einen ovalen Eindruck. Bis vor Kurzem hatte da noch eine schwere Vase oder so gestanden.

Insgesamt nichts Auffallendes. Winter hatte schon viele Wohnungen gesehen und bemerkte nichts, das er nicht in einer bescheidenen Blockwohnung einer alten Frau erwartet hätte. Doch er wusste viel zu wenig, um Schlüsse zu ziehen.

Der Mord ging ihn nichts an.

Er war nicht mehr bei der Polizei.

Aber Frau Berger war eine Kundin der Bank.

Tote Kunden waren schlecht fürs Geschäft.

Er musste die Interessen der Bank im Auge behalten. Mit dem kleinen Finger zog er vorsichtig die oberste Schublade des Büfetts auf. Teures Besteck. Ein Dieb hätte das versilbern können.

Winter drückte mit dem Unterarm die Klinke der Schlafzimmertür. Er kam sich ungelenk vor und verfluchte innerlich die Snowboarder. Wenigstens brauchte er keine Krücken. Die Tür schwang auf. Im verdunkelten Zimmer dominierte ein hohes Doppelbett, das mit einem gesteppten rostbraun glänzenden Überzug bedeckt war. Hinter der Tür ein riesiger Kleiderschrank. Mehr Gobelins. Eine Durchsuchung war Sache der Kriminaltechniker.

Im Wohnzimmer schlug die Pendüle.

Winter ging zurück. Die Standuhr sah antik, wertvoll und poliert aus. Winter öffnete mit einem filigranen Schlüsselchen die gerahmte Glasfront. Das Ticken und Klicken wurde lauter. Die Gewichte in Form geschuppter Tannzapfen hingen an feinen Ketten und zogen an den Zahnrädchen im Innern der Uhr. Winter bewunderte die komplizierte Mechanik. Das leicht gewölbte emaillierte Ziffernblatt mit den römischen Ziffern hatte ein Loch, in das man den Schlüssel zum Aufziehen des Uhrwerks steckte.

Frau Berger musste die Uhr regelmäßig aufgezogen haben. Wo war der Schlüssel? Er hing nicht an oder in der Pendüle. Winter tastete mit seiner Linken das vom Ziffernblatt verdeckte Gehäuse ab. Darauf ein aufgerauter Schlüssel.

Und etwas Papierenes.

Nordsudan– Provinz Kordofan, Nuba-Berge

Tijo träumte von seinem Großvater. Er sprach mit ihm. Als er in der Höhle aufwachte, wusste er, dass er nicht länger in den Nuba-Bergen bleiben konnte. Er schlug die Augen auf und sah das dünne Morgenlicht, das sich durch den Felsspalt stahl. Er würde nach Europa gehen.

Tijo schälte sich aus seiner Felswölbung und stieg aus der Höhle.

Er klopfte den Sand ab und streckte sich. Das Tal breitete sich vor ihm aus, durchsetzt mit Büschen und niedrigen Bäumen, dazwischen ein paar vereinzelte Ziegen. Die Rinder waren alle getötet oder geschlachtet worden. Aus alter Gewohnheit hielt er Ausschau nach dem Hirtenjungen, konnte ihn aber nirgends entdecken. Er kniff die Augen zusammen und sah in der Ferne die Konturen von Heiban. Einige dünne Rauchwolken stiegen hoch. Die Familie seines Bruders hatte ihr Tagwerk aufgenommen. Am Rande des Dorfes glänzten die weißen Container.

Er hockte sich auf einen Felsen. Die Zeit für eine Reise war gut, die Regenzeit gerade vorbei. Tijo öffnete den Reißverschluss seines kleinen Bauchbeutels. Seit seiner Studienzeit in der Hauptstadt Khartum trug er die schwarze Tasche immer bei sich. Im Schlafsaal des Studentenheims hatte er sie auch in der Nacht anbehalten. Obwohl der Koran für Diebstahl harte Strafen vorsah, war in der ehemaligen Hochburg der Sklavenhändler nichts sicher.

Die Reise nach Europa würde Geld kosten.

Das Bündel mit den Dollarnoten und den sudanesischen Pfund war im hintersten Fach, eingewickelt in eine dünne rote Plastiktüte. Er wusste nicht, wie viel die Reise kosten würde. Essen, Tickets, Bestechung. Auf dem Markt der Provinzhauptstadt Kaduqli hatte er Gerüchte gehört. Er würde unterwegs arbeiten.

Sein dunkelgrüner Pass mit dem Adler steckte in einer durchsichtigen Schutzhülle. Er stopfte ihn zurück zur zerdrückten Medikamentenschachtel, zum Kugelschreiber und zum Messer.

Die Frau seines Bruders würde ihm Proviant mitgeben. Wie Zarina, Yaya und Nafy. Tieftraurig schloss Tijo für einen Moment die Augen. Dann nahm er eine abgewetzte Plastiktüte heraus und wickelte vorsichtig seine Fotos aus. Zuoberst Yaya und Nafy in weißen T-Shirts. Zärtlich strich er mit den Fingerkuppen darüber. Sein Herz zog sich zusammen.

Unten im Tal sah er die Akazie, erahnte die Gräber daneben. Der Ast seiner Familie war abgehackt worden.

Tijo schluckte.

Rasch packte er die Fotos weg.

29.Dezember 13:20

Leonie und Winter saßen auf den weißen Plastikstühlen in der Eingangshalle des Wohnblocks und ließen die verschiedenen Einsatzkräfte an sich vorbeiziehen. Zuerst mehrere Polizisten, Sanitäter, der Gerichtsmediziner und vor fünf Minuten zwei Bestatter mit Plastiksarg. Winter studierte die Wand voller Briefkästen, viele mit improvisierten Schildchen.

Er war ausgelaugt.

Eigentlich war er ja krankgeschrieben. Metallgestell und Bandagen juckten. Er kratzte sich durch die Jacke hindurch. Das verstärkte den Juckreiz nur.

Leonie schaukelte mit dem Stuhl, dessen Beine sich bedrohlich bogen, und fragte: »Sollten wir nicht verschwinden? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Journalisten auftauchen.«

»Das ist nur Lärm.«

»Aber eine Schlagzeile wie ›Mord in Bethlehem– Banker findet erschlagene Kundin‹ wollen wir doch nicht?«

Winter schüttelte den Kopf. »Was hast du gesehen?«

»Nichts. Ich dachte nur, dass früher oder später ein Journalist auftauchen wird.«

»Nein, ich meine, in der Wohnung?«

»Die Tote.«

»Und?«

»Ich habe nur das Wohnzimmer gesehen. Diese Stickereien. Alles vollgestopft, ein Esstisch, ein Büfett und–«

»Welchen Eindruck hattest du?«

»Ich weiß nicht. Es war…« Sie hörte auf zu schaukeln. »…die Wohnung einer alten Frau, die in ihrer Zeit stecken geblieben ist. Der Fernseher war ein vorchristliches Modell. Irgendwie war es ein wenig schäbig. Nicht billig, aber abgenutzt. Zum Glück haben wir sie gefunden. Ansonsten wäre sie wahrscheinlich vermodert.« Leonie warf Winter einen schnellen Blick zu.

Dieser lächelte aufmunternd. »Und?«

»Ich weiß, dass man mit Vorurteilen vorsichtig sein muss, aber irgendwie passt sie nicht ins Beuteschema der Bank. Weißt du, wie viel sie wert war?«

»Keine Ahnung, sie hätte gut zu Warren Buffett gepasst.«

»Stickt der auch?«

»Nein, wegen der bescheidenen Wohnung.«

Vor der Haustür bedrängte ein Journalist den Polizisten, der ihm den Zutritt verweigerte. Der Videojournalist vom lokalen TV-Sender TeleBärn schaltete sein Spotlight ein und begann den Wachhabenden mit Fragen zu löchern.

Leonie und Winter schauten sich an. Die Tür des Fahrstuhls öffnete sich und entließ zwei Polizisten. Als sie den bedrängten Polizisten vor der Haustür im Scheinwerferlicht sahen, zögerten sie.

Winter stand auf. Den Älteren kannte er vom Sehen. Vor Jahren hatten sie gemeinsam an einem Fahrtraining teilgenommen und die Grenzen des Schleuderns ausgelotet.

»Hallo.« Winter winkte mit den Fingerspitzen seiner bandagierten Hand.

»Hallo, Winter. Wie immer mitten im Trubel?« Der Polizist deutete auf seinen Arm.

Winter ignorierte die Frage. Er konnte sich nicht mehr an dessen Namen erinnern. War das diese verdammte Lawine, oder nagte der Zahn der Zeit an seinen grauen Zellen? »Und selbst? Immer in Form?«

Der Wachtmeister grunzte. »Wie man’s nimmt.« Er stützte die Hände auf seinen Materialgurt. »Du hast die Tote gefunden?«

»Ja, sie hat einen Termin mit uns verpasst, und da wollten wir einmal vorbeischauen.«

»Gehört wohl alles zum Service.« Der Wachtmeister warf einen Blick gegen oben. »Nicht deine übliche Kundschaft?«

Winter war sich die Sticheleien seiner Ex-Kollegen gewohnt und kannte alle Variationen davon. Sein letzter größerer Fall, bei dem ein arabischer Scheich ermordet worden war, hatte sich in der Gerüchteküche herumgesprochen. »Und du? Hast du schon ein Konto bei uns?«

»Ich arbeite daran.«

»Sag mir einfach, wenn du eine Empfehlung brauchst.«

Der Wachtmeister schaute an Winter vorbei und wechselte das Thema. »Verdammte Journalisten.«

»Tja, Würde bringt Bürde.«

»Es ist eine Ehre, diese Uniform zu tragen«, erwiderte der Wachtmeister und strich sich über seine Winterjacke mit den Insignien der Berner Polizei.

Ernst erkundigte sich Winter: »Wer ist eigentlich für den Fall verantwortlich?«

»Wahrscheinlich Habermas.« Ein Urgestein des Dezernats »Leib und Leben«. »Er wird dich früher oder später zum Lunch aufbieten.« Habermas verband gerne das Angenehme mit dem Nützlichen und hatte einen entsprechenden Umfang.

»Es wird mir ein Vergnügen sein.« Die ersten Polizisten hatten von Winter und Leonie nur die Personalien aufgenommen, kurze Vorinterviews geführt und sie gebeten, sich zur Verfügung zu halten.

Winter fragte: »Habt ihr die Tatwaffe gefunden?«

»Das darf ich dir nicht sagen.« Der Wachtmeister drehte sich zu seinem Kollegen. »Lass uns den Hinterausgang nehmen. Ich habe keine Lust, im Fernsehen zu kommen.« Er hob die Hand. »Gute Besserung!« Dann stieß er die Tür zum Korridor mit den Parterrewohnungen auf.

Winter setzte sich wieder.

Leonie hob ihr Mobiltelefon. »Meeting um siebzehn Uhr in der Stadt.«

Winter nickte, rollte seine rechte Schulter und spürte, wie die Schmerzen in seinem Arm rumorten. Das nasskalte Wetter half nicht gerade. In seiner linken Jackentasche tastete er nach den Schmerztabletten. Aber er wollte noch warten. Es war zum Aushalten.

Er lehnte den Kopf an die Wand. Frau Bergers Wohnung war trostlos gewesen. Wie hatte sie Weihnachten verbracht? Er hatte keine Geschenke, keine Karten gesehen. Vielleicht war das nur eine Alterserscheinung. Die Einsamkeit. Statistisch wurden die Frauen ja älter als ihre Männer. »Leonie, hattest du den Eindruck, dass Frau Berger verheiratet war?«

Leonie ließ das Mobiltelefon sinken. »Nein. Aber man weiß ja nie. Ein Mann hätte es in dieser Wohnung jedenfalls nicht lange ausgehalten. Vielleicht war sie es einmal.«

»Kinder?«

»AusA folgtB. Eher nicht.« Und nach einer Pause fragte sie: »Warum?«

Wortlos klaubte Winter den vergilbten Umschlag hervor und reichte ihn Leonie. Sie öffnete ihn und blätterte durch den Stapel abgegriffener Fotos.

29.Dezember 16:55