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Stefan ist 19. Nicht nur, weil er mit 9 Jahren gebissen wurde, hat er panische Angst vor Hunden und bewaffnet sich. Eines Tages kommt es tatsächlich zu einer Attacke, welche ungeahnte Ausmaße annimmt. In der Folge stirbt auch ein Mensch! Das Spielkasino lässt schreckliche Ereignisse vergessen, im Strudel der Roulette-Räder. Dort lernt man einen Talibanflüchtling aus Afghanistan kennen. Obwohl auch beim Roulette Rot und Schwarz dominieren, versucht man dabei nicht an Blut und Tod zu denken, sondern zu gewinnen und zu vergessen. Doch der entscheidende Fall der Kugel lässt sich genauso wenig voraussehen wie das kommende Unheil. Alptraumhaft, dramatisch, Einblick gebend, teilweise humorvoll, 120 Seiten
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Köter-Roulette
Jonas Scotland
Roman
Alle Rechte liegen beim Autor
Copyright © 2001 by Jonas Scotland
publishedby: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-8442-3656-9
1. Die Spielregeln stehen fest
2. Angst und Erniedrigung
3. „Baby“
4. Eine exotische Bekanntschaft
5. Die liebe Verwandtschaft
6. „Feine“ Gesellschaft
7. Zweitausend, mein Junge
8. Der große Tag
9. Verkehrte Welt
10. Nichts geht mehr
11. Enttäuschungen
Stefan Schmidt hat eine unglückliche Kindheit hinter sich: Sein Vater ist - obgleich gebildet - ein unausstehlich egoistischer Mensch, der oft mit seinen Arbeitskollegen in Streit geriet. Deshalb wechselte er öfters Stellung und Wohnort, was ihm eigentlich ganz gut gefiel. Aber seinem Sohn Stefan nicht! Herr Schmidt zwang seine Familie alle ein, zwei Jahre zum Umzug in eine fremde Stadt. Zwischendurch war er häufig arbeitslos und prügelte zu Hause den Jungen: Stefan. Auch in der Schule wurde »der Neue« - wie sie ihn nannten -, der schüchterne Klassenkamerad von den anderen gequält. So fühlte sich die Hauptperson unserer Geschichte immer als der große Verlierer im Leben.
Aber jetzt ist Stefan erwachsen, erwachsen und damit frei. Er hat einen großen Traum: Er möchte ins Spielkasino und Roulette spielen, um viel Geld zu gewinnen. Da er sich alleine nicht traut, bittet er seine verständnisvolle Mutter, ihn dorthin zu begleiten.
Als es so weit ist, betritt er aufgeregt den Spielsaal. Sechs Roulette-Tische befinden sich darin. Hoch oben an der Decke hängen Kronleuchter, zusätzlich über jedem Tisch goldglänzende, von grünseidenen Fransen verzierte Lampenschirme. An den Wänden Ölgemälde, unter anderem das winterliche Motiv eines Burgschlosses aus einem vergangenen Jahrhundert sowie die ebenfalls nostalgische Darstellung einer Fuchsjagd. Mit rötlich gemustertem Teppich ist der Fußboden ausgelegt. Eine Lautsprecher-Durchsage ist zu hören. Sie beginnt mit einem Gong, dann: »Sehr geehrte Damen und Herren, in Saal Zwei wird der zweite Black-Jack-Tisch eröffnet. Bitte reservieren Sie Ihre Plätze. Mesdames et Messieurs, ...« Der Aufruf wird in mehreren Sprachen wiederholt.
Um nicht aufzufallen, trägt Stefan einen Anzug, welcher eigens für diesen Zweck angeschafft wurde sowie die vorschriftsmäßige Krawatte. Über den Spieltischen prangt jeweils ein schwarzes in Messing gerahmtes Schild, das die Einsatzhöhe mit goldfarbenen Buchstaben begrenzt:
Minimum
DM 5,-
Minimum
DM 10,-
€ 2,53
oder
€
5,05
Maximum
DM 7.000,-
Maximum
DM 14.000,-
€ 3.535,35
€
7.040,71
Frau Schmidt fragt ihren Sohn: »Na, wie viel wollen wir denn eintauschen? Und was für Chips, Fünfer oder Zehner?«
»Also, Zehner müssen es schon sein, damit wir auch an jedem Tisch spielen können.«
»Gut. Dann tausche ich mal fünfzig Mark um.«
Nachdem Stefan zum ersten Mal in seinem Leben Jetons in die Hand bekommen hat, erfasst ihn ein euphorisches Gefühl beim Anblick des lilaglänzenden Plastiks. Aber wo soll er auf was setzen? Anzeigetafeln stehen leuchtend neben den Spieltischen. Darauf sind die letzten zwanzig Gewinnzahlen zu sehen. Stefan überlegt einen Moment, was jetzt kommen könnte. Schließlich legt er auf Schwarz.
»Rien ne va plus!«, ruft der Croupier. Im gleichen Moment fliegt die Elfenbeinkugel in den hölzernen Kessel und rollt und rollt. »Nichts geht mehr!«, wiederholt der Angestellte nun auf Deutsch. Stefan wundert sich, weil einige Leute jetzt immer noch setzen, obwohl sie doch nicht mehr dürfen.
Erst, als die Kugel nicht mehr die äußere Bahn entlangzieht, sondern Kurs auf das rotierende Zahlenrad nimmt, werden die noch kommenden Spätsetzer energischer zurückgewiesen: »Meine Herrschaften, nichts mehr!«
Trotzdem laufen immer noch hastig Gäste an, um ihr Plastikgeld auf einen bestimmten Teil der grünen Filzdecke zu schmeißen. Gerade so, als ginge es um Leben und Tod. Einige von der Tischmannschaft halten jene nun mit ausgebreiteten Armen lautstark zurück: »Halt! Aus!«
Schon fällt klickend das weiße Bällchen in eine der siebenunddreißig Vertiefungen. Stefan will sehen, welche Zahl getroffen wurde, kann es aber in dem Gedränge nicht.
»Zwei, Schwarz, Pair, Manque!«, verkündet der Croupier.
Stefan ist froh, weil er gewonnen hat. Durch diese Bestätigung mutig geworden, setzt er beim nächsten Spiel gleich zwei Stücke. Doch die Hoffnung war trügerisch: er verliert.
Um den Verlust auf einen Schlag mit Gewinn wieder reinzuholen, setzt er abermals zwanzig Mark. Die Mutter kritisiert ihn: »Sei doch nicht so leichtsinnig.«
»Wer nicht wagt, der nicht gewinnt«, entgegnet er voller Zuversicht. Aber auch diesmal hat er kein Glück.
Nun gibt es einen Zwischenfall, wie er öfters in Spielkasinos zu beobachten ist:
Viele Leute hatten auf Rot gesetzt. Nach der Gewinnauszahlung sind etwa zwanzig verschiedene Stapel mit kleineren und größeren Jetons zu sehen. Die echten Gewinner sowie Betrüger, welche sich als solche ausgeben, drängeln sich und ihre Hände greifen zu. Nachdem bereits das meiste weggenommen wurde, tritt ein Spieler heran, guckt verwundert und fragt den Croupier: »Wo sind meine Hundert?« Als er keine Antwort erhält, wird er etwas lauter: »Ich hatte hier fünfzig Mark gesetzt. Wo sind die?«
Einer der Angestellten teilt mit: »Die Gäste sind selbst für ihre Einsätze verantwortlich. Sie müssen aufpassen.«
»Aber ... das gibt es doch nicht!«, empört sich der Mann. »Ich habe doch hier gesetzt. Haben Sie das denn nicht gesehen?!«
»Bei den einfachen Chancen, da achten wir grundsätzlich nicht drauf«, erklärt ein anderer der Tischmannschaft.
»Also, das ist ja ...! Dann kann ich mir ja auch einfach mal von anderen was wegnehmen!«
»Das will ich überhört haben, mein Herr.«
Wütend verlässt der bestohlene Gast die Szene.
Stefan geht nervös auf und ab, während er die Anzeigetafeln betrachtet. Da bemerkt er bei einem Tisch eine Regelmäßigkeit: viermal Schwarz, zweimal Rot, viermal Schwarz, zweimal Rot. Wenn das Muster so weitergeht, dann müsste jetzt also viermal Schwarz kommen. Aber es könnte ja auch gerade nun anders sein. Vorsichtshalber wartet er erst einmal ab. Und tatsächlich fällt wieder zum ersten Mal Schwarz. Dadurch fühlt er sich sicherer und setzt seine letzten zwei Jetons auf die Farbe.
Während die Kugel rollt, sieht Stefan, wie seine Mutter lächelnd den Kopf über seinen Wagemut schüttelt.
»Einunddreißig, Schwarz, Impair, Passe!«, verkündet der Croupier die freudige Botschaft. Jetzt hat unser junger Spieler vierzig Mark auf dem Tableau. Weil noch zweimal Schwarz kommen müsste, lässt er sie drauf. Gespannt wartet man.
Und er behält Recht. Wieder verdoppelt der Angestellte den Einsatz.
Frau Schmidt sagt zu ihrem Sohn: »Da hast du aber Schwein gehabt.« Als sie sieht, dass er die acht Chips wieder auf die Farbe legt, warnt sie ihn: »Nein, nicht nochmal alles setzen!«
»Lass mich. Ich weiß, dass Schwarz kommt«, antwortet er zuversichtlich.
Es fällt die: »Zwölf, Rot, Pair, Manque!«
Der Verlierer sieht betroffen, wie man seinen Stapel mit dem Schieber wegharkt. Er geht mit seiner Mutter in eine ruhige Ecke des Saales und flüstert zu ihr: »Verdammte Scheiße!«
»Du musst auch immer alles übertreiben«, entgegnet Frau Schmidt.
»Ach, du verstehst das nicht. Hast du denn nicht die Anzeigetafel gesehen? Es sah doch so aus, als wenn jetzt Schwarz kommt.«
»Du kannst doch nie wissen, was kommt.«
»Ja, nicht hundertprozentig. Aber höchstwahrscheinlich.«
»Pass auf, dass du nicht spielsüchtig wirst«, meint sie lächelnd zu ihrem Sohn.
Stefan geht nun an die Kasse und wechselt die nächsten fünfzig Mark ein. Anschließend beobachtet er nachdenklich die Zahlenfolgen. Eine Weile fällt ihm nichts Besonderes auf.
Doch schließlich registriert er verblüfft, dass an der Anzeigetafel des mittleren Tisches von zwanzig Zahlen, nur drei ungerade sind. Er staunt: Siebzehnmal Pair!
Stefan legt ein Stück auf Pair und wartet gespannt.
Aber es kommt die Fünf. Traurig stöhnt er, folgert jedoch: Wenn die ganze Zeit nur Gerade kam, und ausgerechnet jetzt kam Ungerade, dann kommt jetzt auf jeden Fall wieder Gerade. Er legt gleich drei Stücke übereinander.
Als die Kugel im Roulette-Kessel klirrt, fürchtet Stefan, dass es abermals schiefgeht. Sein Herzschlag beschleunigt sich.
»Sechzehn, Rot, Pair, Manque!«, ruft der Croupier das Ergebnis routinemäßig aus.
Stefan atmet auf. Darauf riskiert er gleich noch mal dreißig Mark auf Pair.
»Achtundzwanzig, Schwarz, Pair, Passe!« -
Erfolgreich geworden, legt er jedes Mal erneut drei Jetons hin. Und wieder und wieder.
Als er schon so viel zusammen hat, dass es in seiner Jackentasche eng wird, stellt er gleich fünf Stück auf Pair. Ausgerechnet nun verliert er.
Zum Ausgleich sofort noch einmal die gleiche Summe, wird beschlossen. Doch abermals bleibt ihm das Glück versagt. Ein wenig traurig verlässt er mit Frau Schmidt den Tisch.
»Mach mal Schluss für heute. Das reicht. Wie viel hast du denn?«, will sie wissen.
»Weiß nicht. Muss erst mal zählen.«
In einem abgelegenen Teil des Raumes kramt er seine Tasche leer und beginnt zu rechnen. »Dreihundertundvierzig«, stellt er freudestrahlend fest.
»Was! Na, das hat sich ja gelohnt.«
Zufrieden fährt man nach Hause.
Stefan hat Angst, Angst vor vielen Dingen, aber vor allem vor Hunden.
Als er im Kleinkindalter von seinem Vater gefragt wurde, ob ihm nicht bange in Gegenwart von großen Hunden wäre, da so ein Tier doch so groß sei und er dagegen viel kleiner, und ob er nicht fürchten würde, von ihnen gebissen zu werden, da wurde ihm zum ersten Mal jene Gefahr bewusst.
Später dann hatte er "Lassie" im Fernsehen gesehen. Auch erzählte ihm seine Mutter, dass die meisten Hunde friedlich seien und nichts tun würden. Sein Großvater gab ihm den gut gemeinten Rat, einfach »Pfui!« zu sagen, wenn ein Kläffer ihm zu nahe kommt. Doch natürlich hatte er bald merken müssen, dass es nicht viel half.
Stefan hatte ein besonders beeindruckendes Erlebnis:
Im Alter von neun Jahren hielt er sich in den Ferien zu Besuch bei seiner Großmutter auf. Dort kam auch öfters eine Nachbarin mit ihrem bunten Mischling. Dieser war nicht groß. Stefan, der sich trotzdem am Anfang ängstlich zurückzog, verlor bald seine Scheu und freundete sich mit dem zierlichen Vierbeiner an. Einige Tage währte die Freundschaft. Er führte das Tier spazieren, ebenso zuversichtlich wie stolz, seine Angst besiegt zu haben. Doch das Vertrauen, welches er gesetzt hatte, wurde je enttäuscht:
Als er wieder einmal gemeinsam mit Hund nebst Besitzerin vom Spazierengehen zurückkehrte, sprang das Tier vor der Haustür der Großmutter plötzlich in die Höhe, um sogleich in die linke Hand des entsetzten Jungen zu beißen!
Glücklicherweise ließ das braun-schwarze Wesen danach sofort wieder von ihm ab.
Doch der Schock saß tief. Viel tiefer, als die eher kleine Bisswunde; schließlich war der Täter schon alt und hatte keine scharfen Zähne mehr. Sogleich schossen Stefan dicke Tränen in die jäh - von einer Sekunde auf die andere - desillusionierten Kinderaugen. Da nutzten auch die Beteuerungen der Nachbarin, »Ach, das tut mir aber Leid!«, nicht viel.
So schlimm die Erfahrung auch schmerzte, ein Gutes hatte sie doch gebracht, eine Lehre für das Leben: Traue keinem Hund, sieht er auch noch so niedlich und sympathisch aus! Denn völlig unerwartet, von einem Augenblick auf den anderen, kann er losbeißen!
Neunzehn Jahre ist der Held unserer Geschichte heute. Er ist von eher kleiner Statur und macht einen wesentlich jüngeren Eindruck. Die Schulzeit hat er ziemlich unrühmlich beendet. Zu seinem Vater hat er jeglichen Kontakt abgebrochen.
Da der sensible Junge hauptsächlich schlechte Erfahrungen mit seinen Mitmenschen gesammelt hat, lebt er sehr zurückgezogen alleine in seiner Ein-Zimmer-Wohnung. Auch darum hat ihn seine Mutter in die Spielbank begleitet, damit er mal etwas Besonderes und Schönes erlebt.
Manchmal besucht Stefan seine Tante, deren dreizehnjährige Tochter Carolin sowie den zehnjährigen Markus. Stefan versucht, seinem unausstehlichen Onkel Gerhard, den er genauso wenig leiden kann wie der ihn, auszuweichen. So besucht er fast ausschließlich seine Verwandten, wenn dieser nicht zu Hause ist.
In der Nachbarschaft seiner Tante wohnt die elfjährige Freundin seiner Cousine, namens Petra. Dieses Mädchen nennt einen riesigen Hund ihr eigen. So manches Mal, wenn Stefan seine Tante besucht, bangt er und hofft, dass dieser Köter nicht wieder frei herumläuft in der ruhig gelegenen Straße. Einmal rannte das Tier an. Stefan konnte sich gerade noch hinter die Gartenpforte retten und diese schließen.
Als er nun eines Tages abermals bei seinen Verwandten ist, kommt Petra dazu. Man unterhält sich. Es wird Abend. Tante Gisela animiert: »Carolin und Petra, wollt ihr nicht den Stefan ein Stück begleiten?«
Beide Mädchen bejahen. Petra meint etwas keck: »Wir beschützen dich schon. Da brauchst du keine Angst zu haben.«
Der schüchterne Stefan hält es für das Beste, gar nichts dazu zu sagen, sondern nur mit einem Lächeln zu reagieren.
Dafür entgegnet die Tante: »Der Stefan hat keine Angst. Es ist doch nur, damit er nicht so alleine geht.«
Jetzt fügt Petra hinzu: »Ich hol’ nur schnell Cora ab, zum Gassigehen.«
Ohne dass er es sich anmerken ließe, denkt Stefan: Ausgerechnet! Auch das noch! Wenn die wüsste! Mit der Begleitung habe ich doch viel mehr Angst als ohne!
Nachdem sie ein kurzes Stück gegangen sind, sagt Petra plötzlich: »Fass! Fass!« zu ihrem domestizierten Wesen und zeigt mit dem Finger auf den überraschten Cousin ihrer Freundin.
So erstaunt und hilflos jener in diesem Moment auch ist, er weiß genau, dass es keinen Sinn hätte - ja, ihm eher schaden würde -, wenn er seine Gefühle offen zeigt. Deshalb versucht er, trotz innerer Verzweiflung, nach außen hin gelassen zu wirken. Von seiner Cousine wusste er ja bereits, dass Petra mit dem großen Hund immer angibt. Aber dass sie so unverschämt ist, hätte er sich nicht gedacht. Das Mädchen, welches er bis heute nett fand, grinst blöd.
Das Tier reagiert überhaupt nicht. Nun weiß Stefan, dass die elfjährige Besitzerin wohl nicht damit gerechnet hat, ihr Befehl könne befolgt werden. In Gedanken flucht er: Trotzdem eine Schweinerei!
»Wenn man einen Hund hat, kann man jeden anmachen«, verkündet Petra mit strahlendem Gesicht.
Als Stefan später seiner Mutter, welche ihn oft besucht, von der Angelegenheit erzählt, findet diese ebenfalls: »Das ist ja ein starkes Stück!« Weiter klagt sie: »Ich kann das ja auch nicht leiden, wenn ich oft in der U-Bahn oder im Bus fahre, und dann lecken die Hunde mir an den Beinen. Wahrscheinlich mögen die das gerne, wenn ich mich eingecremt habe. Da muss man sich die Beine abschlecken lassen, und man kann nichts dagegen machen! Die Besitzer sagen nur blöd: "Der beißt nicht." Sie selber mögen das wohl, wenn der Hund sie leckt, und dann denken sie, andere mögen das auch. Aber mich ekelt das. Bah!«
So manches Mal, wenn Stefan ruhig eine Straße entlanggeht, kommt plötzlich ein großes Viech angerannt. Im letzten Moment schreit dann eine Männer- oder Frauenstimme aus dem Hintergrund: »Arko!« oder »Anja, hier!«
Hinterher denkt er sich jedes Mal: Gott sei Dank, wieder Glück gehabt! Aber was ist, wenn ich mal nicht Glück habe?
Was, wenn ein Köter mal nicht auf sein "Herrchen" hört?! Oder, wenn kein Besitzer in der Nähe ist und der Köter allein draußen herumläuft!
Seine Mutter versucht immer wieder, ihn von diesen Gedanken abzubringen: »Es wird dich schon keiner beißen. Du musst die Hunde einfach nicht beachten. Gar nicht hingucken! Dann lassen sie einen in Ruhe.«
Man hört darauf. Allerdings zeigen die weiteren Erfahrungen keine durchgreifende Besserung der Verhältnisse. Jedes Mal danach hofft Stefan, dass es das letzte Mal war, dass ein Vierbeiner Interesse an ihm zeigte. So geht es weiter. Er teilt fast alle Erlebnisse seiner Mutter mit: »Weißt du, man kann im Großen und Ganzen bei den Hunden sagen: je länger die Haare, desto friedfertiger sind sie.«
»Meinst du? Wieso?«
»Ist dir das denn noch nicht aufgefallen? Die aggressiven Köter haben meistens kurze Haare, manchmal so ein richtig glatt glänzendes Fell. Aber die mit den langen Haaren sind meistens ruhig und friedlich. Es kommt schon auf die Sorte drauf an. Bernhardiner schaden zum Beispiel nie jemanden, obwohl sie so groß sind.«
»Na, Bernhardiner sind ja sowieso sehr selten. Die sieht man ja kaum hier.«
»Doch, ich sehe manchmal welche. Hier beim Bahnhof war zum Beispiel einer. Die sind immer so gemütlich. Aber ich meine ja allgemein: auf jeden Fall kommt es auf die Rasse drauf an. Sollen die Leute doch nur solche Hunde anschaffen, wenn sie schon welche haben müssen.«
Frau Schmidt berichtet ihm von einer Bekannten: »Ich verstehe die Hundebesitzer ja auch nicht. So was Arrogantes! Die Frau Geerke hat mir von ihrem Hund erzählt. Der hat die Freundin von ihrer Tochter in den Bauch gebissen. Und dann behauptet sie noch, das sei "doch nicht so schlimm!". Sie hat gesagt: "Der Vater von dem Mädchen ist gleich gekommen und hat sich aufgeregt. Der hat vielleicht ein Tamtam gemacht!" — So was Doofes! Was die sich eigentlich denken! Man soll sich wohl noch bedanken dafür.«
Stefan urteilt: »Unmöglich! Was sind das nur für Menschen! Und was passiert jetzt? Wird die Bestie nicht abgeknallt oder eingeschläfert?«
»Anscheinend nicht. Die Geerke hat jedenfalls nichts davon gesagt. Müsste man ja eigentlich gleich machen. Die Besitzer müssten ja auch bestraft werden.«
Im Fernsehen wird gelegentlich ebenfalls über beißwütige Kläffer berichtet. Auch immer dann, wenn Spielfilme und andere Sendungen für Hundefutter-Reklame unterbrochen werden, ärgert sich Stefan und muss sofort umschalten. Denn er kann es einfach nicht mehr hören: »Ein ganzer Kerl, dank "..."!« und »"..." für gesunde, feste Zähne!«
Man befindet sich in der Großstadt. Hier gibt es Zehntausende von Hunden. In der Nähe von Stefans Wohnung liegt ein Spazierweg mit Grünanlage. Um etwas für seine Gesundheit zu tun, joggt er manchmal dort. Aber leider zieht dieser Fußgängerweg auch viele "Herrchen" und "Frauchen" mit ihren Zuchtexemplaren an. Letztere sind meist nicht angeleint.
Wie wohl jeder weiß, darf man in Gegenwart von Hunden nicht laufen, sonst wird man von ihnen angefallen. Schließlich geht das Tier vor. Also, die (köterlosen) Menschen haben weniger Rechte in der heutigen Gesellschaft und haben sich gefälligst von "Hunde- und Herrenrasse" unterdrücken zu lassen.
So guckt Stefan beim Joggen ständig vorsichtig um sich. Besonders aufpassen muss er zum Beispiel bei Wegkreuzungen, welche von weitem nicht übersehbar sind, da sie durch Hecken verdeckt werden. An sonnigen Wochenenden ist es sowieso unmöglich, weil dort dann durchschnittlich alle zehn Meter ein Hund ist. Jedoch hat er sich darauf schon eingerichtet, indem er an diesen Tagen solche Örtlichkeiten meidet.
Hingegen lässt es sich kaum vermeiden, irgendwann mal zur Post zu gehen, etwa wenn man ein Päckchen oder einen Einschreibebrief abholen muss. So begibt sich auch Stefan eines Tages wieder dorthin:
Er stellt sich am Schalter an und wartet. Da kommt eine Frau mit großem Hund herein und stellt sich hinter ihn. Er tut, als wenn er das Tier nicht beachten würde. Auch noch, als er etwas am rechten Bein spürt — ein starker Druck!
Der Domestike will Stefan einfach wegschieben, damit "Frauchen" eher an den Schalter kommt! Nun, wenn man fast umgestoßen wird, kann man nicht mehr vortäuschen, das Viech zu ignorieren. Wie verhält man sich also?
Irgendwie muss man jetzt reagieren. Aber wie, wenn man ein ängstlicher schüchterner junger Mann ist, welcher keine Angst zeigen soll?
Endlich spricht die Herrin: »Jessica, komm hier.«
Die Töle gehorcht. Vorbei!
Doch nicht der leiseste Hauch einer Entschuldigung! Zornig wirft Stefan der Frau noch einen Blick zu. Mehr kann er wohl nicht unternehmen.
Wenigstens hatte der Köter keine Flöhe! — So etwas kann jedem auf dem Postamt einer Millionenstadt passieren. Man fühlt sich gedemütigt. Aber es nimmt einfach kein Ende.
Stefan möchte wieder ins Spielkasino. Seine Mutter dagegen hat keine Lust mehr: »Mir ist das alles zu viel: Da stundenlang rumstehen. Und das Gedränge von den Leuten. Die schlechte Luft vom Rauchen.«
»Aber wir haben doch gewonnen. Es hat doch Spaß gemacht.«
»Ja? Erst spät abends nach Hause. Mir ist das zu anstrengend. Geh mal lieber alleine.«
»Ich alleine? Ich trau mich doch nicht alleine«, gibt Stefan zu bedenken.
Frau Schmidt ärgert sich über die Unselbstständigkeit des Sohnes: »Warum denn nicht?! Wovor hast du denn Angst?«
»Ich weiß nicht. Die Leute gucken alle so. So, als wenn sie meinen, ich würde da nicht hingehören.«
»Ach, das bildest du dir nur ein. Die Leute gucken auf jeden, auf mich auch.«
Der junge Mann, welcher voller Komplexe steckt, ist nach wie vor anderer Meinung. Immer wieder versucht er, seine Mutter zu überreden, ihn auch zukünftig zu begleiten.
