Krabat: Roman - Otfried Preußler - E-Book
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Beschreibung

Neugier lockt Krabat zur Mühle am Koselbruch, vor der alle warnen, weil es dort nicht ganz geheuer sei. Ein leichtes und schönes Leben wird Krabat hier versprochen. Doch der Preis dafür ist hoch. Und aus der Verstrickung mit dem Bösen kann ihn nur die bedingungslose Liebe eines Mädchens retten. Meisterhaft erzählt, unheimlich, spannend, sein bestes Buch: So äußern sich Presse und Leser über Krabat von Otfried Preußler, der Geschichte vom magischen Spiel um die Freiheit des Menschen. Da verwundert es nicht, dass dieses Werk mit vielen bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurde und noch heute zu den Büchern gehört, die lange nachklingen, egal wie alt man ist. Ausgabe mit sorbischer Sage

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EPUB

Seitenzahl:305


Das Buch

Neugier lockt Krabat zur Mühle am Koselbruch, vor der alle warnen, weil es dort nicht ganz geheuer sei. Ein leichtes und schönes Leben wird Krabat hier versprochen. Doch der Preis dafür ist hoch. Und aus der Verstrickung mit dem Bösen kann ihn nur die bedingungslose Liebe eines Mädchens retten.

Meisterhaft erzählt, unheimlich, spannend, sein bestes Buch: So äußern sich Presse und Leser über Krabat von Otfried Preußler, der Geschichte vom magischen Spiel um die Freiheit des Menschen. Da verwundert es nicht, dass dieses Werk mit vielen bedeutenden Preisen ausgezeichnet wurde und noch heute zu den Büchern gehört, die lange nachklingen, egal wie alt man ist.

Ausgabe mit sorbischer Sage

Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, Europäischen Jugendbuchpreis, Holländischen Jugendbuchpreis „Silberner Griffel“, Polnischen Jugendbuchpreis u.v.a.

Der Autor

© Francis Koenig

„Ich habe die Überzeugung gewonnen, dass Kinder das beste und klügste Publikum sind, das man sich als Geschichtenerzähler nur wünschen kann. Kinder sind strenge, unbestechliche Kritiker.“ Otfried Preußler

Otfried Preußler stammte aus Nordböhmen, wo seine Vorfahren seit dem 15. Jahrhundert als Glasmacher im Vorland des Iser- und Riesengebirges ansässig waren. Er wurde am 20. Oktober 1923 als Sohn eines Lehrers im nordböhmischen Reichenberg geboren. Nach dem Krieg und fünf Jahren in sowjetischer Gefangenschaft, kam er im Sommer 1949 nach Oberbayern, wohin es seine Angehörigen nach der Vertreibung aus der böhmischen Heimat verschlagen hatte. Seither lebte er in Oberbayern.

Er war bis 1970 Volksschullehrer und betätigte sich zunächst nebenberuflich als Schriftsteller. Anfangs schrieb er Hörspiele für den Kinderfunk. Im Jahr 1956 gelang ihm mit „Der kleine Wassermann“ der erste große Erfolg als Schriftsteller. Es folgten weltbekannte Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur, für die Otfried Preußler unzählige Auszeichnungen und Preise erhielt, wie z.B. zweimal den Deutschen Jugendbuchpreis, den Andreas-Gryphius-Preis und den Eichendorff-Literaturpreis. 1991 wurde er vom Bundespräsidenten der Republik Österreich in Würdigung seiner literarischen Verdienste zum Titularprofessor ernannt.

Otfried Preußler war einer der bekanntesten und erfolgreichsten Autoren deutscher Sprache. Seine Bücher haben inzwischen eine deutsche Gesamtauflage von über 18 Millionen Exemplaren erreicht, weltweit beträgt sie fast 50 Millionen Exemplare. Sie liegen in über 350 fremdsprachigen Übersetzungen vor und wurden weltweit vielfach ausgezeichnet. Seine Bühnenstücke zählen zu den meistgespielten Werken des zeitgenössischen Kindertheaters.

Alles, was er für Kinder schrieb, entstand aus dem täglichen Umgang mit ihnen. Denn die Kritik der Kinder war die „einzige für mich wirklich kompetente Kritik“, wie er sagte. Dabei war er selbst wohl sein unnachsichtigster Kritiker, der unermüdlich an seinen Geschichten „feilte und sie verbesserte, bis sie so schlank und präzise waren, wie Kinder sie schätzen. Er hielt Kinder „für das beste und aufgeschlossenste Publikum, das ein Autor sich wünschen kann“. Und er war überzeugt davon, dass sich die wirklich maßgebenden Erfolge eines Schriftstellers nicht in den Verkaufszahlen ausdrücken. Auf was es ankommt, sagte er, seien „die Erfolge im menschlichen, ganz privaten Bereich des Lesers“.

Otfried Preußler starb am 18. Februar 2013 in Prien am Chiemsee.

Mehr über Otfried Preussler: www.preussler.de

Der Illustrator

© privat

Herbert Holzing, 1931 in Trier geboren, studierte an der Kunstakademie Karlsruhe und an der Werkkunstschule Trier und arbeitete anschließend in verschiedenen Werbeagenturen. 1966 machte er sich als Grafiker selbständig. Er illustrierte zahlreiche Kinder- und Jugendbücher. Besonders durch seine Illustrationen von Otfried Preußlers „Krabat“ oder „Die Glocke vom grünen Erz“ wurde Herbert Holzig bekannt. Mit Otfried Preußler verband ihn eine lange Freundschaft, die durch die Begeisterung für dessen Bücher begann. „Preußler hat so bildhaft geschrieben, dass ich die Bilder sofort vor mir sah.“ Wenn Holzing illustrierte tat er das gleichermaßen mit künstlerischem wie pädagogischem Eifer. „Ich will den Kindern mit meinen Bildern zeigen, wie es zu der Zeit aussieht, in der die Geschichte spielt.“ Herbert Holzing starb im Januar 2000.

www.holzing.de

Der Verlag

Du liebst Geschichten? Wir bei Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH auch! Wir wählen unsere Geschichten sorgfältig aus, überarbeiten sie gründlich mit Autoren und Übersetzern, gestalten sie gemeinsam mit Illustratoren und produzieren sie als Bücher in bester Qualität für euch.

Deshalb sind alle Inhalte dieses E-Books urheberrechtlich geschützt. Du als Käufer erwirbst eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf deinen Lesegeräten. Unsere E-Books haben eine nicht direkt sichtbare technische Markierung, die die Bestellnummer enthält (digitales Wasserzeichen). Im Falle einer illegalen Verwendung kann diese zurückverfolgt werden.

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Viel Spaß beim Lesen!

Otfried Preußler

Thienemann

Das erste Jahr

Die Mühle im Koselbruch

Es war in der Zeit zwischen Neujahr und dem Dreikönigstag. Krabat, ein Junge von vierzehn Jahren damals, hatte sich mit zwei anderen wendischen Betteljungen zusammengetan und obgleich Seine allerdurchlauchtigste Gnaden, der Kurfürst von Sachsen, das Betteln und Vagabundieren in Höchstderoselben Landen bei Strafe verboten hatten (aber die Richter und sonstigen Amtspersonen nahmen es glücklicherweise nicht übermäßig genau damit), zogen sie als Dreikönige in der Gegend von Hoyerswerda von Dorf zu Dorf: Strohkränze um die Mützen waren die Königskronen; und einer von ihnen, der lustige kleine Lobosch aus Maukendorf, machte den Mohrenkönig und schmierte sich jeden Morgen mit Ofenruß voll. Stolz trug er ihnen den Bethlehemstern voran, den Krabat an einen Stecken genagelt hatte.

Wenn sie auf einen Hof kamen, nahmen sie Lobosch in die Mitte und sangen: »Hosianna Davidssohn!« – das heißt: Krabat bewegte nur stumm die Lippen, weil er gerade im Stimmbruch war. Dafür sangen die anderen Hoheiten umso lauter, da glich sich das wieder aus.

Viele Bauern hatten auf Neujahr ein Schwein geschlachtet, sie beschenkten die Herren Könige aus dem Morgenland reichlich mit Wurst und Speck. Anderswo gab es Äpfel, Nüsse und Backpflaumen, Honigbrot manchmal und Schmalzküchlein, Anisplätzchen und Zimtsterne. »Das Jahr fängt gut an«, meinte Lobosch am Abend des dritten Tages, »so dürfte es bis Silvester weitergehen!« Da nickten die beiden anderen Majestäten gemessen und seufzten: »Von uns aus – gern!«

Die folgende Nacht verbrachten sie in der Schmiede von Petershain auf dem Heuboden; dort geschah es, dass Krabat zum ersten Mal jenen seltsamen Traum hatte.

Elf Raben saßen auf einer Stange und blickten ihn an. Er sah, dass ein Platz auf der Stange frei war, am linken Ende. Dann hörte er eine Stimme. Die Stimme klang heiser, sie schien aus den Lüften zu kommen, von fernher, und rief ihn bei seinem Namen. Er traute sich nicht zu antworten. »Krabat!«, erscholl es zum zweiten Mal – und ein drittes Mal: »Krabat!« Dann sagte die Stimme: »Komm nach Schwarzkollm in die Mühle, es wird nicht zu deinem Schaden sein!« Hierauf erhoben die Raben sich von der Stange und krächzten: »Gehorche der Stimme des Meisters, gehorche ihr!«

Davon erwachte Krabat. »Was man nicht alles zusammenträumt!«, dachte er, wälzte sich auf die andere Seite und schlief wieder ein. Anderntags zog er mit seinen Gefährten weiter und wenn ihm die Raben einfielen, lachte er.

Doch der Traum wiederholte sich in der Nacht darauf. Abermals rief ihn die Stimme beim Namen und abermals krächzten die Raben: »Gehorche ihr!« Das gab Krabat zu denken. Er fragte am anderen Morgen den Bauern, bei dem sie genächtigt hatten, ob er ein Dorf kenne, das Schwarzkollm heiße oder so ähnlich.

Der Bauer entsann sich, den Namen gehört zu haben. »Schwarzkollm …«, überlegte er. »Ja doch – im Hoyerswerdaer Forst, an der Straße nach Leippe: da gibt es ein Dorf, das so heißt.«

Das nächste Mal übernachteten die Dreikönige in Groß-Partwitz. Auch hier träumte Krabat den Traum von den Raben und von der Stimme, die aus den Lüften zu kommen schien; und es spielte sich alles genauso ab wie beim ersten und zweiten Mal. Da beschloss er der Stimme zu folgen. Im Morgengrauen, als die Gefährten noch schliefen, stahl er sich aus der Scheune. Am Hoftor begegnete er der Magd, die zum Brunnen ging. »Grüß mir die beiden«, trug er ihr auf, »ich hab wegmüssen.«

Von Dorf zu Dorf fragte Krabat sich weiter. Der Wind trieb ihm Schneekörner ins Gesicht, alle paar Schritte musste er stehen bleiben und sich die Augen wischen. Im Hoyerswerdaer Forst verlief er sich, brauchte zwei volle Stunden, bis er die Straße nach Leippe wiederfand. So kam es, dass er erst gegen Abend sein Ziel erreichte.

Schwarzkollm war ein Dorf wie die anderen Heidedörfer: Häuser und Scheunen in langer Zeile zu beiden Seiten der Straße, tief eingeschneit; Rauchfahnen über den Dächern, dampfende Misthaufen, Rindergebrüll. Auf dem Ententeich liefen mit lautem Gejohle die Kinder Schlittschuh.

Vergebens hielt Krabat Ausschau nach einer Mühle. Ein alter Mann, der ein Bündel Reisig trug, kam die Straße herauf: den fragte er.

»Wir haben im Dorf keine Mühle«, erhielt er zur Antwort.

»Und in der Nachbarschaft?«

»Wenn du die meinst …« Der Alte deutete mit dem Daumen über die Schulter. »Im Koselbruch hinten, am Schwarzen Wasser, da gibt es eine. Aber …« Er unterbrach sich, als habe er schon zu viel gesagt.

Krabat dankte ihm für die Auskunft, er wandte sich in die Richtung, die ihm der Alte gewiesen hatte. Nach wenigen Schritten zupfte ihn wer am Ärmel; als er sich umblickte, war es der Mann mit dem Reisigbündel.

»Was gibt’s?«, fragte Krabat.

Der Alte trat näher, sagte mit ängstlicher Miene: »Ich möchte dich warnen, Junge. Meide den Koselbruch und die Mühle am Schwarzen Wasser, es ist nicht geheuer dort …«

Einen Augenblick zögerte Krabat, dann ließ er den Alten stehen und ging seines Weges, zum Dorf hinaus.

Es wurde rasch finster, er musste achtgeben, dass er den Pfad nicht verlor, ihn fröstelte. Wenn er den Kopf wandte, sah er dort, von woher er kam, Lichter aufschimmern: hier eines, da eines.

Ob es nicht klüger war umzukehren?

»Ach was«, brummte Krabat und klappte den Kragen hoch. »Bin ich ein kleiner Junge? Ansehen kostet nichts.«

Krabat tappte ein Stück durch den Wald wie ein Blinder im Nebel, dann stieß er auf eine Lichtung. Als er sich anschickte unter den Bäumen hervorzutreten, riss das Gewölk auf, der Mond kam zum Vorschein, alles war plötzlich in kaltes Licht getaucht.

Jetzt sah Krabat die Mühle.

Da lag sie vor ihm, in den Schnee geduckt, dunkel, bedrohlich, ein mächtiges, böses Tier, das auf Beute lauert.

»Niemand zwingt mich dazu, dass ich hingehe«, dachte Krabat. Dann schalt er sich einen Hasenfuß, nahm seinen Mut zusammen und trat aus dem Waldesschatten ins Freie. Beherzt schritt er auf die Mühle zu, fand die Haustür verschlossen und klopfte.

Er klopfte einmal, er klopfte zweimal: Nichts rührte sich drinnen. Kein Hund schlug an, keine Treppe knarrte, kein Schlüsselbund rasselte – nichts. Krabat klopfte ein drittes Mal, dass ihn die Knöchel schmerzten.

Wieder blieb alles still in der Mühle. Da drückte er probehalber die Klinke nieder: die Tür ließ sich öffnen, sie war nicht verriegelt, er trat in den Hausflur ein.

Grabesstille empfing ihn und tiefe Finsternis. Hinten jedoch, am Ende des Ganges, etwas wie schwacher Lichtschein. Der Schimmer von einem Schimmer bloß.

»Wo Licht ist, werden auch Leute sein«, sagte sich Krabat.

Die Arme vorgestreckt, tastete er sich weiter. Das Licht drang, er sah es im Näherkommen, durch einen Spalt in der Tür, die den Gang an der Rückseite abschloss. Neugier ergriff ihn, auf Zehenspitzen schlich er sich zu der Ritze und spähte hindurch.

Sein Blick fiel in eine schwarze, vom Schein einer einzigen Kerze erhellte Kammer. Die Kerze war rot. Sie klebte auf einem Totenschädel, der lag auf dem Tisch, der die Mitte des Raumes einnahm.

Hinter dem Tisch saß ein massiger, dunkel gekleideter Mann, sehr bleich im Gesicht, wie mit Kalk bestrichen; ein schwarzes Pflaster bedeckte sein linkes Auge. Vor ihm auf dem Tisch lag ein dickes, in Leder eingebundenes Buch, das an einer Kette hing: darin las er.

Nun hob er den Kopf und starrte herüber, als habe er Krabat hinter dem Türspalt ausgemacht. Der Blick ging dem Jungen durch Mark und Bein. Das Auge begann ihn zu jucken, es tränte, das Bild in der Kammer verwischte sich.

Krabat rieb sich das Auge – da merkte er, wie sich ihm eine eiskalte Hand auf die Schulter legte, von hinten, er spürte die Kälte durch Rock und Hemd hindurch. Gleichzeitig hörte er jemand mit heiserer Stimme auf Wendisch sagen: »Da bist du ja!«

Krabat zuckte zusammen, die Stimme kannte er. Als er sich umwandte, stand er dem Mann gegenüber – dem Mann mit der Augenklappe.

Wie kam der auf einmal hierher? Durch die Tür war er jedenfalls nicht gekommen.

Der Mann hielt ein Kerzenlicht in der Hand. Er musterte Krabat schweigend, dann schob er das Kinn vor und sagte: »Ich bin hier der Meister. Du kannst bei mir Lehrjunge werden, ich brauche einen. Du magst doch?«

»Ich mag«, hörte Krabat sich antworten. Seine Stimme klang fremd, als gehörte sie gar nicht ihm.

»Und was soll ich dich lehren? Das Müllern – oder auch alles andere?«, wollte der Meister wissen.

»Das andere auch«, sagte Krabat.

Da hielt ihm der Müller die linke Hand hin. »Schlag ein!«

In dem Augenblick, da sie den Handschlag vollzogen, erhob sich ein dumpfes Rumoren und Tosen im Haus. Es schien aus der Tiefe der Erde zu kommen. Der Fußboden schwankte, die Wände fingen zu zittern an, Balken und Pfosten erbebten.

Krabat schrie auf, wollte weglaufen: weg, bloß weg von hier! – doch der Meister vertrat ihm den Weg.

»Die Mühle!«, rief er, die Hände zum Trichter geformt. »Nun mahlt sie wieder!«

Elf und einer

Der Meister bedeutete Krabat, er möge mitkommen. Wortlos leuchtete er dem Jungen über die steile Holztreppe auf den Dachboden, wo die Mühlknappen ihren Schlafraum hatten. Krabat erkannte im Schein der Kerze zwölf niedrige Pritschen mit Strohsäcken, sechs auf der einen Seite des Mittelganges, sechs auf der anderen; neben jeder ein Spind und ein Hocker aus Fichtenholz. Auf den Strohsäcken lagen zerknüllte Decken, im Gang ein paar umgeworfene Schemel, auch Hemden und Fußlappen da und dort.

Dem Anschein nach waren die Mühlknappen überstürzt aus den Betten geholt worden, an die Arbeit.

Ein einziger Schlafplatz war unberührt, der Meister deutete auf das Kleiderbündel am Fußende. »Deine Sachen!« Dann machte er kehrt und entfernte sich mit dem Licht.

Nun stand Krabat allein in der Finsternis. Langsam begann er sich auszuziehen. Als er die Mütze vom Kopf nahm, berührte er mit den Fingerspitzen den Strohkranz: Ach richtig, noch gestern war er ja ein Dreikönig gewesen – wie weit lag das hinter ihm.

Auch der Dachboden hallte vom Poltern und Stampfen der Mühle wider. Ein Glück für den Jungen, dass er zum Umfallen müde war. Kaum lag er auf seinem Strohsack, da schlief er schon. Wie ein Klotz schlief er, schlief und schlief – bis ein Lichtstrahl ihn weckte.

Krabat setzte sich auf und erstarrte vor Schreck.

Es standen elf weiße Gestalten an seinem Lager, die blickten im Schein einer Stalllaterne auf ihn herunter: elf weiße Gestalten mit weißen Gesichtern und weißen Händen.

»Wer seid ihr?«, fragte der Junge ängstlich.

»Das, was auch du bald sein wirst«, gab eins der Gespenster zur Antwort.

»Aber wir tun dir nichts«, fügte ein zweites hinzu. »Wir sind hier die Mühlknappen.«

»Elf seid ihr?«

»Du bist der zwölfte. Wie heißt du denn?«

»Krabat. – Und du?«

»Ich bin Tonda, der Altgesell. Dies ist Michal, dies Merten, dies Juro …« Tonda nannte der Reihe nach ihre Namen; dann meinte er, dass es genug sei für heute. »Schlaf weiter, Krabat, du wirst deine Kräfte noch brauchen können auf dieser Mühle.«

Die Müllerburschen krochen auf ihre Pritschen, der letzte pustete die Laterne aus – gute Nacht, und schon schnarchten sie.

Zum Frühstück versammelten sich die Mühlknappen in der Gesindestube. Sie saßen zu zwölft um den langen Holztisch, es gab eine fette Hafergrütze, je vier der Gesellen aßen aus einer Schüssel. Krabat war hungrig, er machte sich über die Grütze her wie ein Scheunendrescher. Hielten Mittagessen und Abendbrot, was das Frühstück versprach, dann ließ es sich auf der Mühle leben.

Tonda, der Altgesell, war ein stattlicher Bursche mit dichtem, eisgrauem Haar; doch schien er noch keine dreißig zu sein, dem Gesicht nach. Ein großer Ernst ging von Tonda aus, genauer: von seinen Augen. Krabat fasste vom ersten Tag an Vertrauen zu ihm; seine Gelassenheit und die freundliche Art, wie er ihn behandelte, nahmen ihn für ihn ein.

»Ich hoffe, wir haben dich heute Nacht nicht zu sehr erschreckt«, wandte Tonda sich an den Jungen.

»Nicht allzu sehr«, sagte Krabat.

Besah er sich die Gespenster bei Tageslicht, waren es Burschen wie tausend andere. Alle elf sprachen Wendisch und waren um einige Jahre älter als Krabat. Wenn sie ihn anblickten, so geschah das nicht ohne Mitleid, wie er zu spüren meinte. Das wunderte ihn, doch er dachte sich weiter nichts dabei.

Was ihm zu denken gab, waren die Kleider, die er am Ende der Pritsche gefunden hatte: getragene Sachen zwar, doch sie passten ihm auf den Leib wie für ihn geschneidert. Er fragte die Burschen, woher sie das Zeug denn hätten und wem es zuvor gehört habe; aber er hatte die Frage kaum ausgesprochen, da ließen die Müllergesellen die Löffel sinken und blickten ihn traurig an.

»Hab ich was Dummes gesagt?«, fragte Krabat.

»Nein, nein«, sagte Tonda. »Die Sachen … Sie stammen von deinem Vorgänger.«

»Und?«, wollte Krabat wissen. »Warum ist er nicht mehr da? Hat er ausgelernt?«

»Ja, der hat – ausgelernt«, sagte Tonda.

In diesem Augenblick flog die Tür auf. Der Meister trat ein, er war zornig, die Mühlknappen duckten sich. »Schwätzt mir nicht!«, fuhr er sie an; und den Blick seines einen Auges auf Krabat gerichtet, fügte er barsch hinzu: »Wer viel fragt, der viel irrt. – Wiederhole das!«

Krabat stammelte: »Wer viel fragt, der viel irrt …«

»Schreib dir das hinter die Ohren!«

Der Meister verließ die Gesindestube – krach!, fiel die Tür hinter ihm ins Schloss.

Die Burschen begannen aufs Neue draufloszulöffeln, doch Krabat war plötzlich satt. Ratlos starrte er auf die Tischplatte, keiner beachtete ihn. Oder ja?

Als er aufblickte, schaute Tonda zu ihm herüber und nickte ihm zu – kaum merklich zwar, doch der Junge war dankbar dafür. Es war gut, einen Freund zu haben in dieser Mühle, das spürte er.

Nach dem Frühstück gingen die Mühlknappen an die Arbeit, Krabat verließ mit den anderen die Gesindestube. Im Flur stand der Meister, er winkte ihm mit der Hand, sagte: »Mitkommen!« Krabat folgte dem Müller ins Freie. Die Sonne schien, es war windstill und kalt, an den Bäumen hing Raureif.

Der Meister führte ihn hinter die Mühle, dort war eine Tür in der Rückwand des Hauses, die öffnete er. Dann betraten sie miteinander die Mehlkammer, einen niedrigen Raum mit zwei winzigen Fensterchen, blind von Mehlstaub. Mehlstaub auch auf dem Fußboden, an den Wänden und fingerdick auf dem eichenen Wiegebalken, der unter der Decke hing.

»Ausfegen!«, sagte der Meister. Er zeigte auf einen Besen neben der Tür, überließ dann den Jungen sich selbst und ging fort.

Krabat machte sich an die Arbeit. Nach wenigen Besenstrichen war er von einer dichten Staubwolke eingehüllt, eine Wolke aus Mehlstaub.

»So geht das nicht«, überlegte er. »Wenn ich bis hinten durch bin, liegt vorn wieder alles voll. Ich werde ein Fenster öffnen …«

Die Fenster waren von außen zugenagelt, die Tür verriegelt. Da konnte er rütteln und mit den Fäusten dagegenschlagen, so viel er wollte: Es half nichts, er war gefangen hier.

Krabat fing an zu schwitzen. Der Mehlstaub verkleisterte ihm das Haar und die Wimpern, er kitzelte in der Nase, er kratzte im Hals. Es war wie ein böser Traum, der kein Ende nahm: Mehlstaub und wieder Mehlstaub in dichten Schwaden, wie Nebel, wie Schneegestöber.

Krabats Atem ging mühsam, er stieß mit der Stirne gegen den Wiegebalken, ihn schwindelte. Sollte er aufgeben?

Doch was würde der Meister sagen, wenn er jetzt einfach den Besen weglegte? Krabat wollte sich’s nicht verscherzen mit ihm, nicht zuletzt, weil er Angst hatte um das gute Essen. So zwang er sich weiterzukehren: von vorne nach hinten, von hinten nach vorn, ohne Unterlass, Stunde um Stunde.

Bis endlich, nach einer halben Ewigkeit, jemand kam und die Tür aufriss: Tonda.

»Komm raus!«, rief er. »Mittag!«

Das ließ sich der Junge nicht zweimal sagen, er torkelte an die Luft, holte keuchend Atem. Der Altgesell warf einen Blick in die Mehlkammer, dann erklärte er achselzuckend: »Lass gut sein, Krabat – keinem ergeht es am Anfang besser.«

Er murmelte ein paar unverständliche Worte, er schrieb mit der Hand etwas in die Luft. Da erhob sich der Staub in der Kammer, als bliese aus allen Fugen und Ritzen der Wind hervor. Eine Rauchfahne, weiß, stob zur Tür hinaus – über Krabats Kopf weg, dem Walde zu.

Die Kammer war leer gefegt. Blank war sie, bis auf das letzte Stäubchen. Dem Jungen weiteten sich vor Staunen die Augen.

»Wie macht man das?«, fragte er.

Tonda blieb ihm die Antwort schuldig, er meinte: »Lass uns ins Haus gehen, Krabat, die Suppe wird kalt.«

Kein Honiglecken

Für Krabat begann eine harte Zeit, der Meister hetzte ihn unbarmherzig zur Arbeit. »Wo steckst du, Krabat? Da sind ein paar Säcke Korn auf den Speicher zu schleppen!«, und: »Krabat, komm her! Das Getreide da, auf dem Schüttboden – schaufle es um, aber richtig von Grund auf, dass es nicht auskeimt!«, oder: »Das Mehl, das du gestern gesiebt hast, Krabat, ist voller Spelzen! Du wirst es dir nach dem Abendbrot hernehmen und bevor es nicht ohne Makel ist, gehst du mir nicht zu Bett!«

Die Mühle im Koselbruch mahlte Tag für Tag, werktags und sonntags, vom frühen Morgen an bis zum Einbruch der Dunkelheit. Nur einmal die Woche, am Freitag, machten die Mühlknappen früher Feierabend als sonst, und samstags begannen sie mit der Arbeit zwei Stunden später.

Wenn Krabat nicht Korn schleppte oder Mehl siebte, musste er Holz spalten, Schnee räumen, Wasser zur Küche tragen, die Pferde striegeln, Mist aus dem Kuhstall karren – kurzum, es gab immer genug zu tun für ihn; und des Abends, wenn er dann auf dem Strohsack lag, war er wie gerädert. Das Kreuz tat ihm weh, die Haut an den Schultern war durchgescheuert, Arme und Beine schmerzten ihn, dass es kaum zu ertragen war.

Krabat bewunderte seine Mitgesellen. Das schwere Tagewerk auf der Mühle schien denen nichts auszumachen, keiner ermüdete, keiner klagte, keiner geriet bei der Arbeit in Schweiß oder außer Atem.

Eines Morgens war Krabat damit beschäftigt, den Zugang zum Brunnen freizuschaufeln. Vergangene Nacht über hatte es unablässig geschneit, der Wind hatte Wege und Stege zugeweht. Krabat musste die Zähne zusammenbeißen, bei jedem Schaufelwurf spürte er einen stechenden Schmerz im Kreuz. Da kam Tonda zu ihm heraus. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sie allein waren, legte er ihm die Hand auf die Schulter. »Nicht aufgeben, Krabat …«

Da war es dem Jungen, als fließe ihm neue Kraft zu. Die Schmerzen waren wie weggeblasen, er packte die Schaufel und hätte mit Feuereifer drauflosgeschippt, wäre Tonda ihm nicht in den Arm gefallen.

»Der Meister darf es nicht merken«, bat er ihn, »und auch Lyschko nicht!«

Lyschko, ein zaundürrer, langer Bursche mit spitzer Nase und scheelem Blick, hatte Krabat vom ersten Tag an nicht übermäßig gefallen: ein Schnüffler, so schien es, ein Ohrenspitzer und Um-die-Ecken-Schleicher, vor dem man sich keinen Augenblick sicher wusste.

»Ist gut«, sagte Krabat und gab sich beim Weiterschaufeln den Anschein, als ob es ihn große Mühe und Überwindung kostete. Bald darauf kam, wie zufällig, Lyschko des Weges.

»Na, Krabat, wie schmeckt die Arbeit?«

»Wie wird sie schon schmecken!«, knurrte der Junge. »Friss einen Hundedreck, Lyschko – dann weißt du es.«

Von nun an kam Tonda öfters zu Krabat und legte ihm heimlich die Hand auf. Dann spürte der Junge, wie frische Kraft ihn durchdrang, und die Arbeit, so schwer sie auch sein mochte, ging ihm für eine Weile leicht von der Hand.

Der Meister und Lyschko erfuhren von alledem nichts – und ebenso wenig die anderen Müllerburschen: nicht Michal und Merten, die beiden Vettern, von denen der eine so bärenstark war und gutmütig wie der andere; nicht Andrusch, der pockennarbige Spaßvogel, und nicht Hanzo, den sie den Bullen nannten mit seinem Stiernacken und dem kurz geschorenen Haar; auch Petar nicht, der sich am Feierabend mit Löffelschnitzen die Zeit vertrieb, und nicht Staschko, der Tausendsassa, der flink wie ein Wiesel war und geschickt wie der kleine Affe, den Krabat vor Jahren in Königswartha auf dem Jahrmarkt bestaunt hatte. Kito, der immer mit einer Miene herumlief, als liege ihm ein Pfund Schusternägel im Magen, und Kubo, der Schweigsame, merkten auch nichts davon – und erst recht nicht, versteht sich, der dumme Juro.

Juro, ein stämmiger Bursche mit kurzen Beinen und flachem, von Sommersprossen gesprenkeltem Mondgesicht, war nächst Tonda am längsten im Dienst hier. Zum Müllern taugte er wenig, da er, wie Andrusch zu spötteln pflegte, »zu dumm war, um Kleie und Mehl auseinanderzuhalten«; und dass er nicht längst aus Versehen ins Mahlwerk gestolpert und zwischen die Steine geraten sei: das verdanke er nur dem Umstand, dass Dummheit und Glück ja mit Vorliebe Hand in Hand gingen.

Solche Reden war Juro gewöhnt. Er ließ sich von Andrusch geduldig hänseln; er zog ohne Widerrede den Kopf ein, wenn Kito ihm einer Nichtigkeit halber mit Schlägen drohte; und wenn ihm, was häufig vorkam, die Mühlknappen einen Schabernack spielten, ließ er sich’s grinsend gefallen, als wollte er sagen: »Was habt ihr denn – dass ich der dumme Juro bin, weiß ich sowieso.«

Bloß für die Hausarbeit war er nicht zu dumm. Da jemand auch diese Dinge erledigen musste, waren es alle zufrieden, dass Juro sie ihnen abnahm: das Kochen und Spülen, das Brotbacken und das Heizen, das Fußbodenschrubben und Treppenscheuern, das Staubwischen, Wäschewaschen und Bügeln und alles andere, was es in Küche und Haus zu tun gab. Die Hühner, die Gänse und Schweine versorgte er obendrein.

Wie Juro mit seinen vielen Pflichten zurande kam, war dem Jungen ein Rätsel. Die Mitgesellen nahmen dies alles für selbstverständlich und vollends der Meister behandelte Juro, als ob er der letzte Dreck sei. Krabat fand das nicht richtig und einmal – da hatte er eine Ladung Holz in die Küche gebracht und zum Dank steckte Juro ihm, nicht zum ersten Mal übrigens, einen Wurstzipfel in die Rocktasche –: einmal sprach er ihn rundheraus darauf an.

»Ich versteh dich nicht, dass du dir alles gefallen lässt.«

»Ich?«, fragte Juro verwundert.

»Ja – du!«, sagte Krabat. »Der Meister springt mit dir um, dass es eine Schande ist, und die Burschen verspotten dich.«

»Tonda nicht«, wandte Juro ein. »Und du auch nicht.«

»Was ändert das!«, widersprach ihm Krabat. »Ich wüsste mir schon zu helfen, wenn ich an deiner Stelle wäre. Ich würde mich wehren, verstehst du, mir nichts mehr gefallen lassen – von Kito nicht und von Andrusch nicht und von keinem anderen!«

»Hm«, meinte Juro, sich im Genick kratzend. »Du vielleicht, Krabat – du könntest das … Aber wenn man ein Dummkopf ist?«

»Dann lauf weg!«, rief der Junge. »Lauf weg hier – und such dir woanders was, wo du’s besser hast!«

»Weglaufen?« Juro wirkte für einen Augenblick gar nicht dumm, nur enttäuscht und müde. »Versuch das mal, Krabat, hier wegzulaufen!«

»Ich hab keinen Grund dazu.«

»Nein«, brummte Juro, »gewiss nicht – und hoffen wir, dass du nie einen haben wirst …«

Er steckte ihm einen Kanten Brot in die andere Rocktasche, winkte ab, als der Junge ihm danken wollte, und schob ihn zur Tür hinaus: dümmlich grinsend, wie man’s von ihm gewohnt war.

Krabat hob Brot und Wurstzipfel bis zum Ende des Tages auf. Bald nach dem Abendessen, während es sich die Müllerburschen in der Gesindestube bequem machten, Petar sein Schnitzzeug hervorholte und die anderen anfingen, sich mit Geschichtenerzählen die Zeit zu vertreiben, entfernte der Junge sich aus der Runde und stieg auf den Dachboden, wo er sich gähnend auf seinen Strohsack warf. Er verzehrte das Brot und die Wurst; und während er auf dem Rücken lag und es sich schmecken ließ, musste er unwillkürlich an Juro denken – und an das Gespräch, das sie in der Küche geführt hatten.

»Weglaufen?«, ging es ihm durch den Kopf. »Wovor denn? Die Arbeit, gewiss, ist kein Honiglecken – und hätte ich Tondas Hilfe nicht, stünde es schlimm um mich. Aber das Essen ist gut und reichlich, ich habe ein Dach überm Kopf – und ich weiß, wenn ich morgens aufstehe, dass mein Schlafplatz mir für den Abend sicher ist: warm und trocken und leidlich weich, ohne Wanzen und Flöhe. Ist das nicht mehr, als ein Betteljunge sich durfte träumen lassen?«

Wege im Traum

Schon einmal war Krabat weggelaufen: Bald nach dem Tod seiner Eltern, die letztes Jahr an den Pocken gestorben waren; da hatte ihn der Herr Pastor zu sich genommen, um, wie er sagte, ihn nicht verludern zu lassen – und nichts gegen den Herrn Pastor und seine Frau, die sich immer schon einen Jungen ins Haus gewünscht hatten. Aber für jemand wie Krabat, der seine Jahre in einer lausigen kleinen Hütte verbracht hat, im Hirtenhäusel von Eutrich – für so jemand war es schwer, sich bei Pfarrers einzuleben: von morgens bis abends brav zu sein, nicht zu schimpfen und nicht zu raufen, in weißen Hemden umherzugehen, den Hals gewaschen, das Haar gekämmt, niemals barfuß, mit reinen Händen und sauber gekratzten Fingernägeln – und obendrein auch noch deutsch zu sprechen die ganze Zeit, hochdeutsch!

Krabat hatte versucht, was in seinen Kräften stand, eine Woche lang, eine zweite; dann war er den Pfarrersleuten davongelaufen und unter die Betteljungen gegangen. Nicht ausgeschlossen, dass er es auch auf der Mühle im Koselbruch nicht für ewig aushielt.

»Aber«, beschloss er, sich nach dem letzten Bissen die Lippen leckend, halb schon im Einschlafen, »wenn ich hier ausreiße, muss es Sommer sein … Eh’ die Wiesen nicht blühen, das Korn auf den Feldern nicht stäubt und die Fische im Mühlenweiher nicht schnalzen, bringt mich hier keiner weg …«

Es ist Sommer, die Wiesen blühen, das Korn stäubt, im Mühlenweiher schnalzen die Fische. Krabat hat Streit mit dem Meister gehabt: Er hat sich, statt Säcke zu schleppen, im Schatten der Mühle ins Gras gelegt und ist eingeschlafen; der Meister hat ihn dabei ertappt und ihm eins mit dem Knotenstock übergezogen.

»Dir werd ich’s austreiben, Bürschlein – am helllichten Tag zu faulenzen!«

Braucht Krabat sich das gefallen zu lassen?

Im Winter vielleicht, als der Eiswind über die Heide fauchte, da hätte er kuschen müssen. Der Meister hat wohl vergessen, dass Sommer ist!

Krabats Entschluss steht fest. Keinen Tag länger bleibt er in dieser Mühle! Er stiehlt sich ins Haus, holt vom Dachboden Rock und Mütze, dann schleicht er davon. Niemand sieht ihn. Der Meister hat sich in seine Stube zurückgezogen, die Fenster sind wegen der Hitze mit Tüchern verhängt; die Mühlknappen arbeiten auf dem Speicher und an den Mahlgängen; selbst Lyschko hat keine Zeit, sich um Krabat zu scheren. Und dennoch fühlt sich der Junge heimlich beobachtet.

Wie er sich umblickt, bemerkt er, dass auf dem Dach des Holzschuppens jemand sitzt und ihn anstarrt: ein struppiger schwarzer Kater, fremd hier – und einäugig.

Krabat bückt sich, er wirft einen Stein nach ihm, scheucht ihn fort. Dann eilt er im Schutz der Weidenbüsche zum Mühlenweiher. Zufällig sieht er, dass nahe dem Ufer ein feister Karpfen im Wasser steht: einäugig glotzt er zu Krabat empor.

Dem Jungen wird unbehaglich, er hebt einen Stein auf, er schleudert ihn nach dem Fisch. Der Karpfen taucht weg, in die grüne Tiefe hinab.

Nun folgt Krabat dem Schwarzen Wasser bis zu der Stelle im Koselbruch, die sie den Wüsten Plan nennen; dort verweilt er für ein paar Augenblicke an Tondas Grab. Er erinnert sich dunkel,dass sie den Freund eines Wintertages hier draußen begraben mussten.

Er denkt an den Toten – und plötzlich, es trifft ihn so unerwartet, dass ihm das Herz stockt: ein heiseres Krächzen. Auf einer verkrüppelten Föhre am Rand des Planes hockt reglos ein fetter Rabe. Sein Blick ist auf Krabat gerichtet – auch ihm fehlt, der Junge sieht es mit Schaudern, das linke Auge.

Krabat weiß nun, woran er ist. Er besinnt sich nicht lange, er rennt davon: Rennt, was die Sohlen halten, am Schwarzen Wasser entlang, bachaufwärts.

Wie er das erste Mal anhalten muss, weil er außer Atem ist, schlängelt sich eine Natter durchs Heidekraut, richtet sich zischelnd auf, blickt ihn an – sie ist einäugig! Einäugig ist auch der Fuchs, der ihm aus dem Dickicht entgegenspäht.

Krabat rennt und verschnauft eine Weile, er rennt und verschnauft. Gegen Abend erreicht er das obere Ende des Koselbruchs. Wenn er ins Freie hinaustritt, so hofft er, wird er dem Zugriff des Meisters entronnen sein. Flüchtig taucht er die Hände ins Wasser, netzt Stirn und Schläfen. Dann steckt er das Hemd in die Hosen, es ist ihm beim Laufen herausgerutscht, zieht den Gürtel stramm, bringt die letzten paar Schritte hinter sich – und erschrickt: Statt, wie erhofft, auf die freie Heide, tritt er auf eine Lichtung hinaus; und mitten auf dieser Lichtung, friedlich im Abendschein, liegt die Mühle. Der Meister erwartet ihn vor der Haustür. »Na, Krabat«, begrüßt er ihn spöttisch. »Ich wollte schon nach dir suchen lassen.«

Krabat ist wütend, er kann sich das Missgeschick nicht erklären.