Krähenmann - Corina Bomann - E-Book
Beschreibung

Rügen/Eliteinternat Rotensand: Ein Serienmörder tötet auf grausame Weise. Seine Spur reicht weit in die Vergangenheit zurück. Auf der fieberhaften Suche nach dem unheimlichen "Krähenmann" kämpft sich die 16-Jährige Stipendiatin Clara durch ein Labyrinth aus Verdächtigen und falschen Fährten. Die Mordserie reißt nicht ab und schließlich gerät Clara selbst ins Visier des rachedurstigen Killers ...

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ISBN 978-3-649-62026-6 (eBook)

eBook © 2014 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

eBook-Produktion: book2look Publishing 2014

ISBN 978-3-649-61676-4 (Buch)

© 2014 für die deutschsprachige Ausgabe Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Umschlaggestaltung und Artwork: Eisele Grafik·Design,

München, unter Verwendung eines Fotos von TPraditket/Shutterstock

Der Titel »Krähenmann« wird mit freundlicher

Genehmigung der Edition Dardariee verwendet, bei der

2013 das eBook »Der Krähenmann« erschienen ist.

Redaktion: Valerie Flakowski

www.coppenrath.de

Prolog

Sie erwachte mit einem lang gezogenen Seufzer. Benommen blinzelte sie in die Dunkelheit. Es dauerte eine Weile, bis sie realisierte, dass irgendwas nicht stimmte.

Wo bin ich?, durchzuckte es sie.

Wie bin ich hierhergekommen?

»Hallo?« Dumpf hallte ihr Ruf von den Wänden wider. Panik ließ ihre Brust zusammenkrampfen. »Hallo, hört mich jemand?«

Für einen Moment hielt sie den Atem an und lauschte. Nichts. Die Stille drückte wie ein Stein auf ihre Brust. Sie schnappte nach Luft. Tränen schossen in ihre Augen.

Das kann doch alles nicht wahr sein!

Sie versuchte, sich die vergangenen Stunden ins Gedächtnis zu rufen, doch sie hatte einen gewaltigen Filmriss. Dass sie sich mit ihrer Freundin am Kreidefelsen hatte treffen wollen, war das Einzige, woran sie sich erinnerte.

Bis dahin war sie aber offenbar nicht gekommen. War sie vom Rad gestürzt? Von der Klippe konnte sie jedenfalls nicht gefallen sein. Schon seit einer Weile durfte man das Hochufer nicht mehr befahren.

Als sie versuchte, sich zu bewegen, schnürte sich etwas schmerzhaft in ihre Handgelenke und hielt ihre Beine zusammen. Sie war gefesselt. Kein Unfall. Sie hatte keinen Unfall gehabt. Etwas Hartes scheuerte an ihren Knien und Ellenbogen. Der Raum war viel zu eng, sie konnte kaum ihre Arme vom Körper abspreizen.

Schlagartig wurde ihr Mund trocken. Sie wollte um Hilfe rufen, doch außer einem Krächzen brachte sie keinen Ton heraus.

Jemand hatte sie eingesperrt. Ihr Magen zog sich zusammen und sie schmeckte Galle. Sie zerrte an ihren Fesseln, ließ es aber schnell wieder bleiben, als der Schmerz an ihren Handgelenken schärfer wurde. Etwas Warmes rann an ihrer Haut herab. Blut. Das ist verrückt, dachte sie und lachte panisch auf.

»Hilfeeeee!« Wieder dieses dumpfe Echo.

Ihre Angst wurde größer. Die Galle in ihrem Mund bitterer.

Ein Geräusch über ihr ließ sie zusammenzucken. Stein schabte über Stein, ein paar Erdbrocken fielen auf ihr Haar, ihre Stirn und ihre Schultern. Die feineren blieben an dem Schweiß, der ihre Haut überzog, kleben. Dann das Licht. Wie ein Messer traf es sie. Alles, was vorher schwarz gewesen war, verschwamm in Weiß. Sie kniff die Augen zusammen, bis sich ein Schatten in das schmerzhafte Licht drängte. Langsam öffnete sie die Lider wieder, voller Angst vor dem, was sie zu sehen bekommen würde.

Aber vielleicht war es auch jemand, der sie retten wollte. Jemand, der ihr Fehlen bemerkt hatte.

»Hilfe! Helfen Sie mir!«, flehte sie erneut.

Sie sah die Gestalt nur als Umriss über sich. Wollte erneut um Hilfe rufen, doch die Stimme versagte ihr abermals. Noch immer schmeckte sie die Galle in ihrem Mund und plötzlich traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag: Es gab für sie kein Entrinnen. Das hier war ihr Ende.

»Na, kleines Vögelchen, bist du wach?«, ertönte eine raue Stimme.

Und sie sah nun die enge Röhre, einen Abwasserschacht, der schon vor langer Zeit stillgelegt worden war. Der Zement war rissig und von der Zeit geschwärzt. Aber zwischen dem Schwarz war noch etwas anderes. Rot. Verschiedene Töne Rot. Abstufungen zwischen leuchtend hell und rotbraun. Blut, schoss es ihr durch den Kopf. Sie wollte schreien, aber sie brachte keinen Ton hervor. Hinter der schwarzen Gestalt, an den Rändern des Lochs, erkannte sie Baumkronen. Wald. Niemand würde sie hier hören.

»Gut«, sagte der Mann von oben. »Dann wird es Zeit, dass du fliegen lernst.«

Was redete er da? Fliegen? Wollte er sie von der Klippe stürzen? Sie schluchzte panisch auf.

Im nächsten Augenblick verschwand der Mann aus ihrem Blickfeld und etwas schnürte sich um ihre Körpermitte. Ein Seil schabte über den Beton. Stück für Stück wurde sie emporgehoben. Ihr Hals schmerzte, als würde sich dort das Seil einschnüren.

Wie viele Augenblicke blieben ihr noch?

Nein, das kann nicht das Ende sein, sagte sie sich. Es muss doch eine Möglichkeit geben abzuhauen. Vielleicht kann ich ihn dazu bringen, die Fesseln zu lösen. Vielleicht kommt irgendwer zufällig vorbei und erwischt ihn.

Als sie aus dem Loch heraus war, sah sie neben dem Zementdeckel, der ihr Gefängnis verschlossen hatte, ein langes Messer, auf dem sich der graue Himmel spiegelte, daneben etwas Schwarzes, das ihr noch mehr Grauen bereitete. Sie erkannte es sofort. Eine Krähe. Eine Krähe mit umgedrehtem Hals.

Schlagartig blockierte die Angst ihr Denken. Ihre letzte Hoffnung schwand.

Nichts war plötzlich mehr von Bedeutung.

Der Mann zog sie zu sich heran über das sonnenverbrannte Gras. Machte sie los von dem Seil. Sie konnte nicht schreien, so gern sie das auch gewollt hätte. Sie konnte nur auf die Krähe schauen, die tote Krähe mit den stumpfen Augen.

Bald werden deine Augen genauso stumpf sein. Wie abgeriebene Knöpfe.

Hatte das jemand zu ihr gesagt? Nein, die Stimme war nur in ihrem Kopf. Der Mann, der sie herumdrehte, sagte nichts. Sie konnte sein Gesicht sehen. Keine Maske.

Da wusste sie, dass er sie nicht am Leben lassen wollte. Sie hatte ihn gesehen, würde ihn jederzeit identifizieren können.

Und da war noch was anderes. Das Gesicht. Sie kannte es!

Der Mann war nicht irgendein Irrer, den es in die Gegend verschlagen hatte. Er war schon immer da gewesen. Ein Schatten aus vergangenen Jahren, den sie glaubte, hinter sich gelassen zu haben.

Jetzt war sie bereit zu schreien, doch dazu kam sie nicht mehr, denn seine Hände drückten ihr einen zusammengeknüllten Lappen auf den Mund, schoben ihn tief zwischen ihre Zähne. Ihr Körper bäumte sich auf, wollte sich gegen das Ersticken wehren, da traf sie aber auch schon ein Stich ins Herz, der ihre Angst schlagartig verstummen ließ.

Der Körper unter seinen Händen erschlaffte augenblicklich. Ein paar Mal zuckte er noch, aber dann hörte es auf. Die Augen des Mädchens starrten ins Leere wie die einer Puppe.

Er hätte nicht gedacht, dass es so leicht war zu töten. In den letzten Wochen hatte er sich häufig ausgemalt, wie es sein würde. Aber in seiner Vorstellung war es wesentlich grausamer gewesen. Er hatte gehofft, dass sie mehr Schmerzen ertragen müsste. Dass sie sich wehren und schlimmste Qualen durchleiden würde. Aber dann hätte er sie mit den Händen würgen oder strangulieren müssen. Das hätte eine Weile gedauert und sein Kunstwerk verdorben. Ob die Leute erkannten, was er hier nachstellte? Seit er das Bild gesehen hatte, war es ihm nicht mehr aus dem Sinn gegangen. Lange Zeit hatte er sich gefragt, auf welche Weise er Rache nehmen sollte, und kein Plan war ihm gut genug erschienen. Bis er das Foto gesehen hatte.

Er blickte auf den leblosen Körper vor sich. Vielleicht hätte er sich mehr Zeit lassen sollen. Vielleicht hätte er das Töten bewusster erleben sollen. Aber es ging hier nicht darum, irgendeine perverse Lust zu befriedigen. Es ging um weitaus mehr. Und es war noch nicht zu Ende. Der größte Teil der Arbeit lag noch vor ihm.

Langsam zog er die scharf geschliffene Feile aus ihrer Brust. Ein gnädiger Tod, dachte er mit einem leichten Lächeln. Sie hätte es verdient gehabt, wesentlich qualvoller zu sterben. Aber so oder so, er würde seine Rache bekommen. Vielleicht nicht gleich, aber irgendwann würden sie wissen, was es zu bedeuten hatte.

Er rollte ihren Körper auf den Bauch, bevor er nach dem Messer griff. Schöne Schulterblätter, dachte er. Schön genug, dass Flügel aus ihnen wachsen konnten. Und dann machte er sich daran, sein Werk zu vollenden.

1.

Manchmal malte ich mir die Dinge so aus, wie sie hätten sein können, wäre das Schicksal nicht dazwischengegrätscht.

Heute war wieder einer von diesen Momenten. An diesem sonnigen Septembertag hätten mich meine Eltern hergefahren. Papa hätte mir mit dem Gepäck geholfen und mir mit auf den Weg gegeben, dass ich mich anständig benehmen sollte. Mama hätte mich fest an sich gedrückt, mich geküsst, obwohl ich schon 16 war, und gesagt, wie sehr sie mich vermissen würde.

Aber das würde nicht passieren, konnte nicht passieren.

Ich stand allein vor dem großen Tor des Rotensand-Gymnasiums, ein Taxi hatte mich aus Saßnitz rübergefahren. Den größten Teil meiner Sachen hatte ich bereits per Post vorgeschickt. Besonders viel besaß ich ohnehin nicht.

Als ich damals in das Heim gezogen war, hatte ich kaum etwas mitgenommen. Nicht, weil ich mich nicht an mein altes Leben erinnern wollte. Nein, die Erinnerungen waren immer da, genauso wie die Bilder aus vergangenen Tagen. Sie waren die Nahrung für meine Was-wäre-wenn-Spiele. Diese waren eigentlich nutzlos, ineffektiv. Dennoch spielte ich sie immer wieder. Es war meine Art, jene, die nicht mehr da waren, am Leben zu halten.

Der Trolley schaukelte hin und her, als ich ihn über den Gehweg zog. Die roten Wände des Internats leuchteten im Schein der Nachmittagssonne.

Früher war es mal ein Gutshaus gewesen, dann war Rotensand als Waisenhaus genutzt worden. Der letzte Gutsherr hatte weder Frau noch Kinder gehabt, und weil es damals »in« gewesen war, wohltätig zu sein, hatte er es gestiftet, um armen Waisen ein Zuhause zu geben. Noch in der DDR-Zeit waren hier Kinder untergebracht gewesen, aber nach der Wende wurde aus Rotensand ein Eliteinternat, das sich nur gut betuchte Familien leisten konnten.

Ich war weder gut betucht noch hatte ich eine Familie. Mein Reichtum hieß Begabtenstipendium. Ich hatte hierher gewollt, weil ich wusste, dass mir mit einem Abschluss in Rotensand die Welt offenstand. Dass das Internat einstmals ein Waisenhaus gewesen war, machte mir den Ort nur noch sympathischer. Ich fand es irgendwie passend, nachdem ich acht Jahre in einem Heim gelebt hatte.

Ich sollte mich im Hauptgebäude beim Rektor melden. Die ersten Schüler waren bereits aus den Sommerferien zurück. Einige standen auf dem Hof zusammen und rauchten. Das war eigentlich nicht erlaubt, sollte ich den Schulbroschüren Glauben schenken. Aber wo kein Kläger, da kein Richter.

Die Tür des mittleren Traktes stand leicht auf. Ein Mann fegte gerade die Treppe, die vom Foyer nach oben führte.

»Entschuldigung?« Ich hob den Koffer über die Schwelle. Der breite Stein war leicht ausgetreten. Tausende Füße mussten im Laufe der Zeit darüber gelaufen sein.

»Hmm?«, murrte der Mann, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.

»Wo finde ich denn das Büro des Rektors?« Ich hatte vergeblich nach einem Lageplan des Gebäudes im Internet gesucht.

»Durchs Foyer und dann rechts in den Gang.«

Zu mehr Auskunft war der Mann nicht bereit.

Ich bedankte mich trotzdem und zog den Trolley durch die Eingangshalle. Ein paar Bilder zierten hier die Wände, alte Schinken, die wohl noch aus Gutsherrenzeiten stammten und den damaligen Hausherrn und seine Angehörigen zeigten.

Wenig später klopfte ich an eine schwere Flügeltür, auf der in goldenen Lettern das Wort Rektorat stand. Die Stimme, die mir antwortete, war dunkel und warm. Ich trat ein.

Mochte das Haus von außen antiquiert wirken, das Büro des Rektors war hochmodern eingerichtet. Der Schreibtisch, an dem er saß, war aus Chrom und Glas.

»Mein Name ist Clara Hansen, ich sollte mich bei Ihnen melden.«

Der Mann, etwa Mitte fünfzig mit grau melierten Haaren und dunklem Anzug, sprang von seinem Stuhl auf.

»Clara, wie schön, dass Sie da sind! Wir haben Sie erst heute Abend erwartet, aber so ist es natürlich auch gut.«

Heute Abend? Haben die wirklich geglaubt, ich komme auf den letzten Drücker an?

»Ich bin Claudius Sontheim, der Rektor dieser schönen Schule.« Der Mann drückte meine Hand und bedeutete mir, auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz zu nehmen. Prüfend betrachtete er mich, dann zog er einen Hefter hervor. Mein Name stand in dicken Buchstaben auf dem Pappdeckel. Eine Akte? Ich hatte hier tatsächlich so etwas wie eine Akte! Das kannte ich bisher nur aus amerikanischen Fernsehserien. In meiner alten Schule hat der Klassenlehrer lediglich ein Heft über die Verfehlungen seiner Schüler geführt. Alles Weitere stand im Klassenbuch.

»Gut«, sagte Sontheim und öffnete den Ordner. Viel war noch nicht darin. Eine Kopie meiner Zeugnisse lag oben. »Sie kommen aus Potsdam, richtig?«

»Ja.« Die Zugfahrt in dem stickigen Regio war eine Katastrophe gewesen. Ein mitreisender Student hatte gemeint, sich seine Turnschuhe ausziehen zu müssen, und hatte mir seine stinkigen Füße quasi ins Gesicht gehalten.

»Das muss ein ziemlicher Umbruch für Sie sein. Von der Stadt aufs Land.«

Die Schweißfüße verschwanden in den Tiefen meines Gedächtnisses.

»Das macht mir nichts aus«, antwortete ich schnell. »Ich bin auf dem Land groß geworden, habe dort gelebt bis … zu dem Unfall.«

Sontheim guckte betroffen. Ich hätte ihm am liebsten gesagt, dass er das lassen sollte. Ich erwartete kein Mitleid von anderen. Der Unfall lag zu lange zurück und der Rektor hatte meine Eltern nicht gekannt.

»Ihre Eltern wären sicher stolz auf Sie, dass Sie in diesem Sommer an unserer Schule anfangen.«

Ich nickte. Ich wollte nicht über meine Eltern reden. Nicht mit einem Fremden.

»Ich habe mir Ihre Zeugnisse angesehen und bin damit sehr zufrieden. Ich glaube, Sie werden mit unserem hohen Niveau gut zurechtkommen.«

Warum nur hatte ich das Gefühl, dass es da ein Aber gab? Und dann kam es auch schon …

»Aber Ihr außerschulisches Engagement könnte optimiert werden. Wir fördern hier sehr das Networking zwischen den Schülern. Wie Sie vielleicht in unseren Infobroschüren gelesen haben, bieten wir verschiedene Freizeitaktivitäten an. Sport, Schach, Segeln, Golf, Literatur, Kunst … Ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie sich einer dieser Arbeitsgemeinschaften anschließen würden. Von den Verbindungen, die Sie hier knüpfen, werden Sie ein Leben lang profitieren.«

Ja, auch das hatte in den Broschüren gestanden, die zusammengenommen einen stattlichen Katalog ergeben hätten. Aber für mich war dieser Fakt zweitrangig gewesen. Ich wollte die beste Ausbildung haben. Ich wollte eines Tages studieren. Diese Schule würde mir helfen, mein Ziel zu erreichen. Punkt.

»Literatur, Schach und Kunst hören sich gut an«, sagte ich, denn Sport, Golf und Segeln waren überhaupt nicht mein Ding. Außerdem bot Rotensand noch Schauspielerei und Mode an. Ich könnte wetten, dass dort der Großteil der Mädchen war. Aber ich konnte mich weder gut verstellen noch hatte ich Lust auf Klamotten. Ich trug ohnehin meist Schwarz und Jeans.

Mit meiner AG-Wahl schien ich jedenfalls den Geschmack des Rektors getroffen zu haben.

»Sehr gut! Ich glaube wirklich, dass Sie sich in Rotensand rasch einleben werden. Und dass wir großes Glück haben, Sie bei uns zu haben.«

Das klang, als müsste er es sagen. Okay, ich wusste schon, dass ich nicht wie die anderen war. Zahlende Mitglieder wurden wahrscheinlich höher geachtet. Doch wenn sie nicht vorhätten, auch ärmeren Schülern die Möglichkeit zu geben, hier zu lernen, würden sie wohl kaum ein Stipendium ausschreiben, oder?

»Melden Sie sich doch bitte im Sekretariat, dort wird man Ihnen alle nötigen Unterlagen und auch Ihren Zimmerschlüssel aushändigen. Sie werden sich das Zimmer mit einer anderen Schülerin teilen. Einzelzimmer gibt es bei uns nicht, die meisten Wohnräume werden zu zweit oder zu dritt bewohnt, um das Sozialverhalten zu fördern.«

Das klang ganz danach, als seien Kinder reicher Eltern von vornherein unsozial. Ich hoffte, dass das nicht zutraf. Ich rang mir ein Lächeln ab, verabschiedete mich von Rektor Sontheim und verließ das Büro.

Die Sekretärin saß am anderen Ende des Ganges. Sie war Mitte dreißig, sah aus wie das Model einer Parfüm- oder Haarfarbenwerbung und lächelte mich so breit an, dass Dr. Best seine helle Freude an ihr gehabt hätte.

»Was kann ich für Sie tun?«

Es kam mir seltsam vor, an allen Ecken gesiezt zu werden. In meiner alten Schule duzten die Lehrer selbst die in der Zwölften.

»Ich bin Clara Hansen. Der Rektor sagte mir, dass ich von Ihnen meine Zimmerschlüssel bekomme.«

»Und nicht nur das!« Die Frau drehte sich schwungvoll auf ihrem Stuhl herum, öffnete eine der Schubladen an ihrem Schreibtisch und begann, sich durch einen scheinbar völlig unsortierten Berg von Schlüsseln zu wühlen. Offenbar war selbst hier in Rotensand nicht alles perfekt organisiert und ordentlich, Eliteschule hin oder her. Doch innerhalb weniger Sekunden hatte sie meinen Schlüssel samt Anhänger gefunden und drückte ihn mir in die Hand. Dann fingerte sie in einer ihrer Ablagen herum und überreichte mir eine Klarsichthülle, die haufenweise Papiere enthielt.

»Das sind Ihre Anmeldeunterlagen, außerdem die Karte für die Bibliothek und den Copyshop. Hier ist ein Fragebogen zu Ihrer Gesundheit, und dieses Formular füllen Sie bitte aus, damit wir im Krankheitsfall jemanden aus der Familie benachrichtigen können.« Sie reichte mir einen Kugelschreiber und wandte sich dann wieder ihrer Computertastatur zu.

Offenbar hatte sie meine Schulakte nicht gelesen, sonst hätte sie gewusst, dass es keine Angehörigen gab, die im Krankheitsfall zu benachrichtigen waren. Onkel und Tanten hatte ich nicht, meine Großeltern waren gestorben, bevor ich richtig hatte laufen können. Es gab nur mich. Mich, um die niemand weinen würde, wenn mir etwas zustieß.

Aber warum sollte ich ihr das umständlich erklären?

»Sie brauchen die Formulare nicht hier auszufüllen«, bemerkte die Sekretärin, als ich die Sache gleich auf ihrem Tresen erledigen wollte. »Nehmen Sie sie ruhig mit auf Ihr Zimmer. Es ist die Nummer sieben im linken Korridor, Erdgeschoss. Den Kugelschreiber können Sie behalten.« Geschenk des Hauses, sagte ihr Blick und damit entließ sie mich aus ihrem Büro.

»Na, Mädchen, hast du alles gefunden?«, fragte der Mann, der immer noch im Flur zugange war.

»Ja, hab ich, vielen Dank.«

Sein kurzes Auflachen konnte ich nicht so richtig deuten.

»Ähm, hab ich was Falsches gesagt?«, fragte ich.

Der Hausmeister legte den Kopf schief. »Nein, eigentlich nicht. Aber mir fällt immer wieder auf, wie höflich hier alle sind. Als wären sie keine sechzehn, sondern schon dreißig.«

Darauf konnte ich nichts erwidern. Was war falsch daran, wenn man höflich war? Die Erwachsenen standen doch drauf. Unser alter Hausmeister hatte sich immer darüber beschwert, was für freche Rotzlöffel wir wären.

»Na ja, es tut mir leid, dass ich weder kiffe noch besoffen in einer Bushaltestelle rumhänge, wie es Gleichaltrige tun. Ich bin halt ein Alien.«

Jetzt lachte der Mann. »Scheinst echt in Ordnung zu sein, Mädchen.«

Damit wandte er sich wieder seiner Arbeit zu.

2.

Das Wohngebäude, das wie der Rest der Anlage aus dem 18. Jahrhundert stammte, war ähnlich dem Büro des Rektors modern eingerichtet. Auch hier war alles ruhig.

Zimmer Nummer sieben lag genau in der Mitte des linken Korridors. Sechs Türen gingen nach links ab, sechs nach rechts. Dreizehn Zimmer in einem Gang.

Der Schlüssel glitt ins Schloss und die Tür schnappte auf. Der frische Geruch nach Lavendelputzmittel strömte mir entgegen. Seit Beginn der Ferien war anscheinend niemand hier gewesen.

Ferien. Bisher hatte ich mir keine Gedanken darüber gemacht, aber jetzt sprang mich der Gedanke förmlich an. Was würde ich in den Ferien machen? Würde ich zurück ins Heim gehen?

Oder bestand die Möglichkeit hierzubleiben? Rügen war wunderschön, es war keine Strafe, den Urlaub im Wohnheim zu verbringen – doch deckte mein Stipendium das auch ab?

Ich würde genügend Zeit haben, dies herauszufinden.

In der Ecke neben dem Bett fand ich die Kiste mit meinen Sachen. Sie war vom Transport ein wenig zerknautscht, aber da sich darin nichts Zerbrechliches befand, war ich sicher, dass alles in Ordnung war.

Ich leerte meine Reisetasche und verteilte meine Kleidung auf dem Bett. Schwarz, schwärzer, am schwärzesten. Hier und da der Aufdruck einer Band oder ein witziger Spruch. Dazu ein Haufen Jeans.

Im Heim wurde ich hin und wieder gefragt, ob ich Schwarz trug, weil ich noch immer nicht über den Tod meiner Eltern hinweg sei.

Die richtige Antwort lautete: Ich trug Schwarz, weil ich mich daran gewöhnt hatte. Mit Schwarz lag man nie falsch, es betonte nicht unpassend, es machte keinen grünen Teint. Es wurde nicht so schnell schmutzig und außerdem lenkte es nicht von der Persönlichkeit ab. Das war es, was die Leute sehen sollten. Mich, wie ich war, und nicht mich in einem Versteck von Klamotten.

Ich war sicher, dass es eine Weile brauchen würde, bis meine Mitschüler in Rotensand meinen Geschmack akzeptierten. Aber das war sicher nur eine Frage der Zeit.

Da ich noch die Formulare auszufüllen hatte, setzte ich mich aufs Bett. Doch anstatt mich auf die Papiere zu konzentrieren, ließ ich meinen Blick über das Gelände schweifen. Von hier aus konnte ich gut die drei Flügel sehen. Da waren das Hauptgebäude, der Schultrakt und der ungenutzte westliche Gebäudekomplex. Äußerlich unterschieden sie sich kaum, doch an den Fenstern erkannte ich, welcher der Flügel war, der nicht zu Schulzwecken genutzt wurde.

Die Fenster des Westtraktes, in dem, wie in einer der Broschüren stand, immer noch deutliche Spuren des früheren Waisenheimes zu finden waren, zogen meinen Blick magisch an. Wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel stand, schienen die Scheiben zu leuchten. Ich betrachtete sie eine Weile und fragte mich, was sich wohl dahinter verbarg.

Es hätte mich nicht gewundert, wenn Gerüchte über einen Hausgeist kursierten.

Nicht dass ich an Geister glaubte. Aber ich hatte schon von Orten gelesen, die so vollgesogen waren von den Geschichten und Schicksalen der Menschen, dass auch das schönste Wetter keine fröhliche Stimmung in die Räume zaubern konnte.

In diesem Moment wurde die Zimmertür schwungvoll aufgestoßen. Das Mädchen, das lachend in den Raum gestürmt kam, erstarrte augenblicklich, als sie mich sah. Sie hatte langes Haar, dunkelbraun wie Schokokuchen, das ihr etwas wirr über die Schultern floss, sie trug eine knallenge Jeans und ein T-Shirt mit dem Aufdruck »Rolling Stones forever«. Solche Shirts waren bei uns in Potsdam schon lange out, hier auf Rügen tickten die Uhren anscheinend anders.

»Hi!«, grüßte ich. Brownie erwiderte nichts. War sie überrascht, eine Zimmergenossin zu haben?

»Ich … ich bin Clara«, startete ich einen weiteren Versuch. »Clara Hansen. Ich bin heute angekommen.«

Diese Worte brachen nicht das Eis, aber sie brachten meine zukünftige Mitbewohnerin dazu, sich wieder zu bewegen. Mit einer lässigen Handbewegung warf sie ihre Tasche auf das freie Bett.

»Wo ist Camilla?«

»Keine Ahnung.«

Das Zusammenleben mit Miss Unbekannt würde interessant werden. Musste man so arrogant und abschätzig gucken, wenn man in einem Eliteinternat lebte?

»Ich bin Susanne. Susanne Bruns.«

Na endlich! »Freut mich!« Ich streckte ihr meine Hand entgegen.

»Dann bist du die Neue, ja?«

Die Unbekannte scannte mich. Was sie sah? Keine Markenklamotten, kaum Make-up. Ich kam aus Potsdam, ja, aber das bedeutete nicht, dass wir dort rumliefen wie Clowns. Blondes Haar, offen, halblang. Brille. Keine von den hippen Nerdbrillen, die trugen nur welche, die eben hip sein wollten. Meine Brille war kaum sichtbar. Ich habe sie von dem Augenblick an gehasst, als der Augenarzt sie mir verschrieben hatte.

»Ja, ich bin die Neue.«

Meine Mitbewohnerin starrte mich an, als hieße »Neue« so viel wie »ansteckende Krankheit« oder »Ausschlag«.

»Na ja, dann werd ich mal wieder«, sagte sie. Damit war das Gespräch beendet, bevor es richtig angefangen hatte.

Ich nickte und sah Susanne nach, als sie energisch die Tür hinter sich zuzog.

3.

Bis zum Abend füllte sich das Internat. Die älteren Schüler, die bereits Auto fahren durften, stellten ihre Fahrzeuge auf dem Parkplatz außerhalb des Hofes ab. Ziemlich dicke Karren waren dabei.

Aber man hatte mich ja gewarnt. Auf das Rotensand-Gymnasium ging die Elite. Und die fuhr mit 18 bereits BMW, oder besser noch Porsche, und trug nicht einfach nur Markenklamotten, sondern Sachen vom Designer.

Als mich das Betrachten des Parkplatzes langweilte, schlenderte ich, die Hände vergraben in die Taschen meiner No-Name-Jeans, über das Gelände.

Meiner Zimmergenossin war ich bisher noch nicht wieder über den Weg gelaufen, dafür aber einigen anderen Mädchen. Auf mein »Hallo« hatten sie mich nur blöd angestarrt. Mir war immer geraten worden, kommunikativ zu sein, aber bei denen hatte ich das Gefühl, dass meine Bemühungen fehl am Platz waren. Das Label »Neu« schien dick auf meiner Stirn zu stehen, und an Neues konnte man sich hier, wo einen Wasserspeier in Drachenform von den Dächern anstarrten, wohl nur schlecht gewöhnen.

Als ich in mein Zimmer zurückkehrte, fiel mir sofort auf, dass mein Bett unordentlicher aussah, als ich es verlassen hatte. Hatte sich jemand darauf gefläzt? Misstrauisch trat ich näher. Ein ungutes Gefühl machte sich in mir breit. Natürlich hätte ich es auch ignorieren können, doch wie von selbst wanderte meine Hand zu der Bettdecke und zog sie zurück.

Verdammt, das konnte doch nicht wahr sein! Erschrocken schlug ich mir die Hand vor den Mund. Mein Magen krampfte sich zusammen. Wer zum Teufel dachte sich so was Krankes aus? Reflexartig schossen Tränen in meine Augen.

Ich war aus dem Heim einiges gewohnt, aber auf die Idee, jemandem einen toten Vogel aufs Kissen zu legen, war dort niemand gekommen.

Ich kannte mich nicht sonderlich mit Vogelarten aus, war mir jedoch sicher, dass es sich um einen Spatz handelte. Seine Augen waren halb geschlossen, sein Kopf hing schlaff zur Seite, die Beinchen hatte er angezogen. Sein Gefieder war struppig. Etwas, das verdächtig nach Blut aussah, war in den Stoff gesickert und dort eingetrocknet.

Ich musste würgen. Schnell schloss ich die Augen, denn ich spürte, wie sich bereits Spucke in meinem Mund sammelte. Tief atmete ich ein und aus und versuchte, mich zu konzentrieren. Jetzt bloß nicht kotzen! Krieg dich wieder ein, du schaffst das!

Allmählich zog sich die Übelkeit zurück. Die praktische Seite meines Verstandes meldete sich.

Der Vogel. Du musst ihn rausbringen. Er kann nicht in deinem Bett bleiben. Und wenn du das Schwein findest, das ihn reingelegt hat, trittst du ihm in den Arsch.

Die letzten Reste Übelkeit wurden vom Zorn vertrieben, der in mir aufstieg. Wie konnte jemand so grausam sein, ein Tier zu töten und dann auf mein Kopfkissen zu legen?

Meine Augen brannten, als ich sie wieder öffnete. Aber nicht mehr von den Tränen. Der Anblick des Vogels traf mich immer noch hart, aber jetzt konnte ich endlich handeln.

Natürlich hätte ich zum Rektor laufen können, aber ich wusste, dass das ein Test war. Da ich keine Schachtel hatte, die ich als Sarg für das Tier hätte benutzen können, holte ich Taschentücher und hob es darin vom Kissen. Die Federn waren bereits an dem Kopfkissen angeklebt. Ich schüttelte mich vor Ekel.

Wenig später trug ich den Vogel nach draußen, um ihn in den Rosenrabatten zu vergraben.

»Was machst du da?«

Ich zuckte zusammen, als der Hausmeister plötzlich neben mich trat. Ertappt sah ich ihn an. Ich konnte den toten Spatz nicht mehr verstecken, ich hatte ihn bereits auf das Beet gelegt.

»Ich … habe ihn gefunden«, entgegnete ich. »Ich wollte ihn begraben.«

Der Hausmeister sah mich verwundert an, dann schüttelte er den Kopf. »Diese Gören! Das sieht ihnen ähnlich.«

»Ich weiß … nicht«, stammelte ich.

»Und du willst ihn wirklich begraben?«, fragte er zweifelnd. Ich ahnte, was hinter seiner gefurchten Stirn vor sich ging. Wahrscheinlich hielt er mich für ein Sensibelchen. Er würde den Vogel vielleicht auf den Kompost werfen.

Ich nickte nur. Der Spatz hatte es nicht verdient, zu Dünger zu werden.

»Dann warte mal, ich hol ’ne Schaufel.« Der Hausmeister seufzte und stapfte davon.

Ich blickte auf den toten Vogel. Und mit einem Mal waren all die Bilder wieder da.

Es war ein ganz normaler Nachmittag gewesen, an dem wir in die Stadt fahren wollten, Mama, Papa und ich. Ich hatte mein blaues Lieblingskleid angezogen, und Papa hatte versprochen, dass wir Eis essen gehen würden.

Ich hörte Mamas Lachen und Papas Schimpfen, als die Katze der Nachbarin wieder mal in unser Haus gehuscht kam. »Wir sollten uns tatsächlich einen Hund zulegen«, meinte Papa, »dann sind wir das Katzenproblem los.« Und dann fragte er mich: »Was meinst du dazu, Clärchen?«

Das war sein Spitzname für mich. Clärchen. Damals war ich auch noch ein Clärchen mit Zöpfen und Sommersprossen auf der Nase.

Natürlich wollte ich einen Hund haben, aber ich wusste, dass ich keinen kriegen würde. Mama und Papa waren beruflich immer sehr viel unterwegs gewesen und ich im Wechsel bei einem von ihnen.

An diesem Nachmittag aber redeten wir von Hunderassen und über die Möglichkeit, als Familie wieder mehr zusammen zu sein, mit einem Hund, der die Katze vom Haus fernhielt.

Tja, vielleicht waren wir an diesem Tag einfach zu fröhlich und mein Vater zu sehr bei seiner Vorstellung von einer glücklichen Familie.

Der Crash kam unvermittelt. Ich erinnerte mich nur noch an das übermächtig große Cockpit eines Lastwagens. Es gab einen gewaltigen Knall – und dann war da nichts mehr.

Geweckt wurde ich erst von dem leisen Piepen der Monitore, die meine Lebensfunktionen überwachten. Ich realisierte im ersten Moment gar nicht, dass ich im Krankenhaus war. Ich glaubte tatsächlich, zu Hause zu sein, dass wir in die Stadt fahren wollten, um Eis zu essen.

Vom Arzt erfuhr ich, dass dieser Morgen bereits zwei Wochen zurücklag. Dass es einen Unfall gegeben hatte und ich schwer verletzt worden war.

»Wo sind Mama und Papa?«, fragte ich, denn wenn wir einen Unfall gehabt hatten, waren sie vielleicht auch verletzt. Vielleicht lagen sie jetzt auch im Krankenhaus! Vor Sorge fing mein Magen an zu kneifen.

Der Arzt strich mir lächelnd übers Haar. »Alles wird gut«, sagte er und drehte am Rädchen des Tropfs, der über einen langen Schlauch mit einer Nadel in meiner Hand verbunden war. »Schlaf noch ein wenig, damit du bald wieder gesund wirst.«

Wenig später versank die Welt im Nebel und meine Sorgen verblassten.

Als ich wieder zu mir kam, tauchte ein Mann im schwarzen Anzug bei mir auf, begleitet von einer Frau in einem schlecht sitzenden Kostüm, die eine Perlenkette trug.

»Nur ein paar Minuten«, wisperte eine Männerstimme, dann traten sie an mein Bett.

»Ich bin Pastor Thalheim«, stellte er sich vor. »Und das ist Frau Lüden vom Jugendamt.«

Jugendamt? Davon hatte ich damals noch nie gehört.

»Was ist los?«, fragte ich, während mich eine ungute Ahnung überkam. »Wo sind meine Eltern?«

Es wird alles gut, hallte die Stimme des Arztes in mir nach. Ich entdeckte ihn ein wenig abseits, er stand neben dem Fenster, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und eine nachdenkliche Miene aufgesetzt.

Der Pastor sah mich ernst an, und dieser Blick sagte mir, dass mein Leben von nun an nicht mehr dasselbe sein würde.

»Es tut mir leid«, begann er mit brüchiger Stimme. »Aber deine Eltern …«

In diesem Augenblick kam es mir vor, als wäre ich nicht ich. Das Mädchen, das in diesem Krankenhausbett saß und erfuhr, dass an dem Tag, als es mit seinen Eltern bummeln und Eis essen gehen wollte, an dem Tag, als es davon träumte, wieder mehr Zeit mit seinen Eltern zu verbringen, sein Vater und seine Mutter in den Trümmern ihres Wagens gestorben waren, konnte unmöglich ich sein. So was passierte nur in irgendwelchen Filmen.

»Sie lügen!«, schrie ich so laut, dass mein Trommelfell vibrierte. »Meine Eltern leben, sie sind nicht tot!«

Sofort schrillten die Instrumente über mir auf. Ich riss mir die Kabel von der Brust und wollte mir auch die Kanüle aus der Hand ziehen, um loszulaufen und meine Eltern zu suchen. Damit ich ihnen beweisen konnte, dass sie unrecht hatten.

Dann war auch schon der Arzt bei mir. »Ruhig, Kleine«, redete er auf mich ein und ich fokussierte meinen Zorn auf ihn. Ich boxte ihn gegen die Brust und versuchte, ihn zu treten.

Aus dem Augenwinkel sah ich, dass jemand zur Tür hereinkam, eine Schwester, der der Arzt irgendwas zurief, das ich nicht verstand. Wenig später spürte ich einen Stich in meinem Arm. Eine Weile noch hielt mich der Arzt, dann schwand die Kraft aus meinen Gliedmaßen.

Benommen blickte ich zur Seite. Mein Gesicht war nass von Tränen. Der Pastor presste die Lippen zusammen. Die Frau starrte mich erschrocken an.

Plötzlich wurde ich wieder müde und alles um mich herum verschwand hinter einer dichten Nebelwand: der Arzt, der mich angelogen hatte, der Pastor, die Frau vom Jugendamt und die Schwester. Ja, sogar das Piepen der Monitore über mir entfernte sich, bis alles still wurde.

Als ich aus dem Nebel wieder heraustrat, hatte sich nichts verändert. Noch einmal teilte mir der Arzt mit, dass meine Eltern gestorben seien und dass sich ab sofort das Jugendamt um mich kümmern würde. Dass ich überlebt hatte, sei ein Wunder, fügte er hinzu. Ein Wunder, für das wir dankbar sein sollten. Doch wen meinte er mit »wir«? Es war niemand anders übrig als ich.

In diesem Augenblick empfand ich keine Dankbarkeit, sondern tiefe Verzweiflung darüber, dass mir die beiden wichtigsten Menschen genommen worden waren, die ich je besessen hatte. Es wäre besser gewesen, wenn ich bei dem Unfall selbst ums Leben gekommen wäre.

Mama hatte immer gemeint, dass gute Menschen in den Himmel kämen. Da für mich kein Zweifel daran bestand, dass meine Eltern gut gewesen waren, war ich sicher, dass sie im Himmel auf mich warten würden. Ich könnte bei ihnen sein. Nein, ich müsste bei ihnen sein.

Aber ich war noch immer hier. Und während ich mein Gesicht weinend ins Kissen drückte, überkam mich große Hoffnungslosigkeit.

4.

»Wo soll das Loch hin?«, fragte der Hausmeister und stach den Spaten in den Boden.

Ich schreckte aus meinen Gedanken.

»Hier«, sagte ich und deutete auf die Stelle vor mir. Zwischen den Rosen und unter einer dicken Schicht Rindenmulch war der Spatz sicher. Und wer weiß, vielleicht war im Himmel auch Platz für ihn.

»Es gibt da so eine Geschichte«, sagte der Hausmeister, als er die Schaufel Erde beiseitehob. »Vom Spatzenmädchen.«

»Spatzenmädchen?« Wahrscheinlich war das eine regionale Sage oder so was.

»Na ja, in der Zeit, als das Internat noch ein Waisenhaus war, Ende des 18. Jahrhunderts, soll es hier mal ein Mädchen gegeben haben, das glaubte, mit Spatzen reden zu können. Jeder hat sie für verrückt gehalten. Doch sie kümmerte das nicht. Sie redete weiter mit den Spatzen und komischerweise scharten sich die Vögel auch immer um sie. Ansonsten war sie sehr still, was die anderen Kinder dazu verleitete, ihr Streiche zu spielen. Und ein bisschen beneideten sie sie wohl auch um den kleinen Vogel, den sie in einem Käfig hielt.«

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