Krähennacht - Alexandra Kolb - E-Book

Krähennacht E-Book

Alexandra Kolb

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Beschreibung

Beunruhigende Vorzeichen, eine unheilvolle Vergangenheit und eine packende Jagd durch das nächtliche Moor – „Krähennacht“ eröffnet Dir eine Welt, in der nichts so ist, wie es scheint. Tauche ein in einen Mystery-Thriller, der Gänsehaut garantiert und Dich atemlos zurücklässt. Als Lisa und ihre Freundinnen das nächtliche Moor betreten, ahnen sie nicht, dass ihr harmloses Ritual mächtige Kräfte weckt. Während Krähen wie Schatten über die Landschaft ziehen, beginnt eine Serie mysteriöser Todesfälle, die Kommissar Andi Doldinger in die Abgründe einer Sekte führt – und damit gewagt nah zu Kathi, einer jungen Frau mit düsterer Geschichte und erschreckenden Visionen. Doch je tiefer er in die Welt jenseits des Erklärbaren eintaucht, desto gefährlicher wird es, und schon bald muss er entscheiden, wie weit er gehen will, um Kathi zu retten. Alexandra Kolb beweist als Autorin in „Krähennacht“ ein außergewöhnliches Gespür für menschliche Abgründe und spannungsreiche Wendungen, die Dich in ihren Bann ziehen und nicht mehr loslassen werden.
Lass Dich von der dunklen Magie verzaubern und bestelle „Krähennacht“ jetzt – das Abenteuer ist nur einen Klick entfernt!

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Seitenzahl: 457

Veröffentlichungsjahr: 2024

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München, 2024

ISBN 978-3-944936-72-7

© edition tingeltangel

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist in all seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags nicht zulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und digitale Verarbeitung.

Für Markus

Inhalt

Kleines Mädchen

Zwischenfall beim Psychiater

Nacht im Moor

Fetter Vater

Tierischer Hunger

Völliger Verfall

Hexenelend

Reich des Gurus

Zähne und Klauen

Kamera an!

Böse Erinnerungen

Blutige Spur

Spieglein, Spieglein

In ihrer Hand

Seegrund

Miese Energien

Schatten seiner selbst

In Scherben

Schwarzer Schwarm

Influencerin

Séance

Tausend Flügel

Vergessen

Mitternachtsalarm

In den Kampf

Feenkönigin

Erwachen

Nächtlicher Besuch

Mehr Spannung

Kleines Mädchen

Es war eine laue Frühsommernacht. Wind strich sanft über Lisas Haut und eine eigentümliche Geruchsmischung aus warmem Asphalt, Bier und Frittierfett hing in der Luft. Der Schweiß vom Nachmittag klebte an den Schläfen und Wangen der Teenagerin. Eigentlich war sie müde, aber der Gedanke, dass ihre Arbeitsschicht bald vorüber war, mobilisierte letzte Energiereserven. Um diese zu unterstützen, schob sie sich schnell noch einen klebrigen Schokoriegel rein.

Vor einigen Wochen, um Ostern herum, hatte die Touristensaison Fahrt aufgenommen. Seitdem war die Gaststätte Zum Küchlein mit dem angrenzenden Biergarten wieder gut besucht und die Übernachtungszimmer vor allem an den Wochenenden ausgebucht.

Lisa hatte die letzten Gäste abkassiert, etliche verwaiste Tische gewischt, die leeren Gläser an die Durchreiche zur Küche gestellt, bereit, um gespült zu werden. Ein paar Tische waren noch voller klebriger Bier- und Bratensoßenreste. Zerknüllte Servietten lagen daneben oder am Boden zwischen Pommes und anderem Essbaren, das sich dank der Schwerkraft vor den hungrigen Gästen hatte retten können. Auch das war Lisas Job: Dies alles vor Schichtende einzusammeln, da sich sonst über Nacht Ratten und Mäuse darüber hermachen würden.

White shirt now red, my bloody nose

Sleepin’, you’re on your tippy toes

Creepin’ around like no one knows

Think you’re so criminal

Bruises on both my knees for you

Don’t say thank you or please

I do what I want when I’m wanting to

My soul? So cynical.

»So you’re a tough guy, like it really rough guy …«, sang Lisa leise, sah sich um, ob denn auch niemand da war, der ihrer Version von Bad Guy lauschte, die vermutlich erkennbar von Billie Eilishs Originalsong abwich. Tatsächlich hockte an einem Tisch in der hintersten Ecke noch ein alter Mann, den Kopf auf den verschränkten Armen abgelegt. Vor ihm standen ein Maßkrug, der bis auf ein restliches Norgerl geleert war, ein Teller mit dekorativem Salatblatt (den Wurstsalat hatte er längst verspeist), dazu eine zerknüllte Serviette, eine Gabel und zwei Schnapsgläser. Eines war ausgetrunken, das andere umgekippt. Der gute Kirschgeist war über den Tisch gelaufen.

Tolles Vorbild!

Eben noch war ihm seine Enkelin gegenübergesessen und hatte ihm irgendetwas erzählt, was Lisa nicht verstanden hatte, da ihre Earpods in voller Lautstärke dröhnten. Außerdem war schon längst Annahmeschluss für Bestellungen. Darum hätte sie sich nicht mal dann für das Mädchen interessiert, wenn es noch eine Fanta oder ein Kinderschnitzel hätte haben wollen. Die Küche hatte geschlossen! Basta!

Wo steckt die Kleine eigentlich? Hatte sie überhaupt was getrunken oder gegessen?

Nein. Hatte sie nicht. Wahrscheinlich hatte sie sowieso zuvor im Gasthof mit ihren Eltern gespeist.

Lisa seufzte. Zwar war dieses Mädchen brav gewesen, aber dafür hatten andere Kinder sie heute schon ziemlich genervt! Verzogene Kids aus der Stadt waren die Schlimmsten! Kinder, die Namen hatten wie Marlin, Oralie, Finbar oder Tiberio.

Wissen diese Leute überhaupt, was sie ihren Kindern damit antun?

Denn Schule war ein heißes Pflaster! Spätestens dort wurde jede noch so kleine Schwäche ausgenutzt, um zu mobben. Lisa gehörte selbst nicht zu den beliebtesten in der Klasse. Sie war eher so etwas wie eine geduldete Eigenbrötlerin. Gemein waren die anderen Mädchen nicht zu ihr – da gab es andere, auf die sie es abgesehen hatten –, aber in ihrer Altersgruppe gehörte sie einfach nicht dazu. Ihre Klamotten waren nicht sexy genug, was daran lag, dass sie meistens die gut erhaltenen Kleidungsstücke ihrer älteren Schwester auftragen musste – und die waren schon seit über zehn Jahren aus der Mode! Aber ihre Mum verdiente nicht viel mit dem Küchlein und der Vater, der irgendwo nach Stuttgart gezogen war, zahlte keinen Unterhalt. Die Gaststätte warf gerade mal so viel ab, dass Lisa mit ihrer Mutter und Baki einmal im Jahr für zwei Wochen in den Urlaub fahren konnte – selbstverständlich nicht in der Hauptsaison.

Der Name Lisa lieferte in der Schule an sich keine Angriffspunkte – eher schon die Tatsache, dass sie immer schon moppelig gewesen war –, doch es kam vor, dass ihre Haare nach Frittierfett rochen, wenn Lisa am Vorabend noch gearbeitet hatte.

»Fritten-Lisa« – oh, diese verblödeten Zicken aus der C-Klasse!

Nein, sie würde ihren Namen nicht tauschen wollen gegen einen, den reiche Großstadteltern vergaben. Sie würde nicht gerne Tamsin genannt werden. So hatte das kleine Mädchen geheißen, vielleicht drei Jahre alt, das zwischen 4 und 5 Uhr den ganzen Biergarten zusammengebrüllt hatte, weil Lisa ihr verboten hatte, mit den Pommes um sich zu werfen. Als Dankeschön hatte sie von den Eltern keinen einzigen Cent Trinkgeld bekommen, sondern nur einen strafenden Blick.

Es mochte ja sein, dass die Eltern reich waren und es sich leisten konnten, am Wochenende mit ihren ultramodernen Mountain-E-Bikes mit allem Drum und Dran die Berge zu stürmen, aber Kinder erziehen konnten sie nicht.

Peinlich berührt fiel Lisa auf, dass sie in Gedanken die Sätze ihrer Mutter wiederholte. Sie hätte als Kind jedenfalls nicht kreischend von Bank zu Bank hüpfen dürfen, wie es der andere Bengel heute Nachmittag getan hatte, nur weil man ihm das Tablet weggenommen hatte. Stadtkinder durften das, ohne eine Nackenschelle zu kassieren.

Ihr Blick schwenkte zu dem Besoffenen in der Hoffnung, er würde endlich ein Lebenszeichen von sich geben, zahlen und mit seiner Enkelin verschwinden, aber er schlief immer noch tief und fest.

Wo ist das Mädchen hin?

Lisa stützte ihre Hände in die Hüften und sah sich um. Dann strich sie sich mit dem Handrücken über die Stirn und zuckte mit den Schultern. Eigentlich interessierte sie das nicht. Vermutlich war es zurück zu ihren Eltern ins Zimmer.

»Nicht mein Problem. Bin nicht der Babysitter hier!«

»I’m the bad guy. Duh!« Billie Eilish hauchte in ihrer rauchig-coolen Tonlage den Refrain in Lisas Ohren und der lässige Zwischenteil des Stücks setzte ein. Im Takt wippend und nickend tauchte Lisa ein Tuch in den Eimer mit dem Wasser-Spülmittel-Gemisch, wrang es aus und wischte mit schwungvollen Kreisen, im Takt der Musik, über den Nachbartisch.

Bis auf die eine Bierbankgarnitur, an der der Alte döste, hatte sie, wie von ihrer Mutter aufgetragen, alle inzwischen gesäubert. Nachdenklich sah sich Lisa um, löste dabei den Gummi, der die langweiligen straßenköterbraunblonden Haare zusammenhielt, und verzurrte ihren Zopf neu im Nacken. Ärger stieg unvermittelt in ihr auf.

Alle färben sich die Haare! ALLE! Selbst schon die Mädchen in der siebten Klasse! Und ich? Ich muss rumlaufen wie ein Assi! Aber zum Putzen bin ich gut genug! Außerdem …

Sie holte ihr IPhone aus der ledernen Gürteltasche, in der sich noch mehrere Kugelschreiber, ein Block für die Bestellungen und ein dickes Portemonnaie befanden, voll mit Geld, das ihr nicht gehörte.

22.15 Uhr! Und es ist Dienstagabend! Ha! Sollte ich da nicht schon längst im Bett sein? Mittwoch ist die Schafkopfrunde mit den Polizisten und nur da darf ich nicht arbeiten! Das macht Mama doch mit Absicht! Sie weiß doch ganz genau, dass …

»Lisa!«

Die Tonlage des Mannes war so durchdringend und ungeduldig, als ob er bereits ein paar Mal nach ihr gerufen hatte.

»Ja?«, antwortete sie hastig und nahm ihre Earpods raus.

Baki, der Freund ihrer Mutter und Koch im Küchlein, lehnte im hölzernen Türrahmen, der ins Gasthaus führte. Er trug ein fleckiges T-Shirt, eine Schürze und hatte ein Geschirrtuch locker über die Schulter geworfen. Seine Glatze zierte ein Tuch, das er in Piratenmanier nach hinten gebunden hatte. Mit einem auffordernden Nicken deutete er auf den schlafenden und mittlerweile laut schnarchenden Gast an Tisch Nummer Acht.

»Ihn bitte abkassieren und dann Feierabend kannst du machen, okay?«

Das klang schon freundlicher, aber trotzdem noch streng. Andererseits sprach er immer so und selbst Witze hörten sich bei ihm wie die Aufzählung aller Sündentaten am Tag des Jüngsten Gerichts an. Seine dichten Augenbrauen und der Dreitagebart unterstrichen die grimmige Note. Nur wenn man genauer hinsah, waren die Lachfalten in den Augenwinkeln zu erkennen. Er war eigentlich okay.

»Ja, gut«, maulte Lisa und verdrehte die Augen.

Wie zur Hölle soll ich den Suffkopf wecken? Vielleicht sollte ich einen Eimer kaltes Wasser holen oder ihm gleich das Spülwasser über den Kopf kippen?

»So you’re a tough guy, like it really rough guy …«, setzte sich die Musik blechern fort, völlig unbeeindruckt von Bakis Anweisung – diesmal jedoch aus der Hüfttasche, wo sich inzwischen Lisas Earpods befanden.

Mit etwas Wischen und Tippen auf dem Display des Iphones verstummte der Song.

»Und bringst du bitte Kind auf Zimmer? Oder nach Hause? Weiß nicht, wo sie gehört hin«, redete Baki weiter. »Ich jetzt mit deiner Mama Küche drinnen fertig machen. Danke.«

Im Umdrehen nickte er noch in Richtung Parkplatz, der zum Gasthaus gehörte und auf dem im Moment lediglich der silberne Minivan ihrer Mutter stand.

»Wen soll ich denn aufs Zimmer …? Hä?«, wunderte sich Lisa, aber Baki war längst im Inneren der Gaststätte verschwunden.

Stimmt. Wo ist das Kind hin? Vielleicht nach Hause gegangen? Und was ist mit dem Typen da? Den hab ich schon mal gesehen. Das ist einer von der Milchfahrern, oder?

Sie sah zum Parkplatz, der unbeleuchtet war, sich jedoch nah genug an der Hauptstraße befand, um von den Straßenlaternen ausreichend in Licht getaucht zu werden.

Dieses Mädchen von vorhin – muss ich die jetzt suchen?

Noch ehe Lisa den Gedanken zu Ende brachte, entdeckte sie ein Kind, das hinter einem Blumenkasten auf allen Vieren am Boden krabbelte. Da es sehr viel älter war als ein Baby, für das diese Art der Fortbewegung normal gewesen wäre, jagte sein Verhalten Lisa im ersten Moment einen Schauder über den Rücken. Dann verstand sie, warum es sich so merkwürdig verhielt. Es wirkte, als ob das Kind irgendeinen Käfer oder etwas Ähnliches gefunden hatte, denn es nahm vorsichtig etwas Kleines in die eine Hand, legte die andere darüber und umschloss damit ihren Schatz. Völlig konzentriert auf den Fund stand es auf.

Stirnrunzelnd beobachtete Lisa das Mädchen, dessen Haare lang und zerzaust über die Schultern hingen. Mit etwas Fantasie konnte man sich eine kleine Kreatur vorstellen, die sich in den Händen des Kindes verbarg.

Vorhin textet sie noch den Alten zu, jetzt spielt sie mit irgendwelchen Käfern. Definitiv kein Stadtkind!, befand Lisa.

Stadtkinder hatten nichts mit Insekten am Hut, sondern nur Augen für ihre IPhones oder Tablets.

Gehört die Kleine überhaupt zu dem Typen oder zu anderen Gästen? Warum suchen ihre Eltern sie nicht? Auf alle Fälle ist sie eines von den Kindern, die alle Leute vollquatschen, egal, ob sie sie kennen oder nicht, überlegte Lisa. Sie entschied, sich zuerst um das Kind zu kümmern, warf aber vorher nochmal einen Blick auf den schlafenden Mann am Tisch.

Ja. Ganz klar! Das ist einer der Milchfahrer vom Hof nebenan! Keine Ahnung, ob der eine Enkelin hat. Oder ihre Eltern sind schon auf dem Zimmer?

Das klang plausibel. Nächstes Wochenende war Pfingsten und die Gästezimmer waren alle ausgebucht.

Die Kleine ist bestimmt ausgebüchst. Die Eltern, im Glauben, dass das Töchterchen schläft, nutzen die Zeit, um …

»Bäh«, kommentierte Lisa ihren Gedanken, denn automatisch stellte sie sich ihre Mutter zusammen mit Baki vor, der zwar nicht ihr biologischer Vater war, aber seit vielen Jahren mit ihrer Mutter zusammen. Reichte schon aus, wenn die zwei sich vor ihr küssten!

Wie viele Familien haben wir zu Gast?

Lisa konnte sich immer noch nicht erklären, warum die Leute hier freiwillig Urlaub machten. Das hier war Bachernberg, ein Kaff im Voralpenland, ein Steinwurf von Murnau entfernt und nicht Ibiza, Barcelona oder New York! Hier gab es Berge, Kühe, Wanderwege und ein Heimatmuseum. Die Höhepunkte, wenn man von kirchlichen Feiern und dem Volksfest in Murnau absah, waren ein paar Hallenfeste (auf die sie noch nicht gehen durfte), das Maibaum-Aufstellen, das Schützenfest und die Schafkopfmeisterschaften. Vielleicht gab es auch noch ein paar andere Feierlichkeiten, aber dafür mietete man sich doch hier kein Zimmer!

Der Kiesboden knirschte unter ihren Sneakern, Grillen zirpten und Bakis Gesang klang aus dem Küchenfenster zu ihr herüber. Der betrunkene Typ, der halb auf dem Tisch lag, schnarchte nicht mehr. Lisa sah zu ihm zurück, während sie zum Parkplatz schlenderte.

Von hier aus gesehen bot der Biergarten ein idyllisches Bild. Vom Küchlein, dessen Fassade Bauernmalereien schmückten, reichte eine Lichterkette mit bunten Lämpchen hinüber zu dem knorrigen Kastanienbaum, der am Rand stand, führte dann in einem Bogen zu der Außentheke mit Zapfhahn und Arbeitsfläche und zurück zum Haus. Es wirkte im Dunkeln wie eine friedvolle, heiter ausgeleuchtet Insel. Mit einem schlafenden Besoffenen mittendrin.

Lisa schüttelte amüsiert den Kopf. Ein Arm des Mannes war vom Tisch gerutscht und hing neben ihm herab, das Gesicht lag jetzt in der Schnapspfütze auf der Tischplatte.

»Oh, Mann!«, lachte sie, dachte kurz daran, ein Foto zu machen, weil das einfach zu witzig aussah, und entschied sich doch dagegen. Vermutlich hätte das nur zu mehr Ärger mit ihrer Mutter geführt, würde die sie dabei ertappen.

In Katzenvideos sieht das süß aus, wenn sie auf ihrem Gesicht schlafen. Bei alten Suffköpfen nicht!

Sie grinste, drehte sich zum Mädchen. Es war weg.

»Hä?« Irritiert blickte sich Lisa um. »Kleine? Hey, wo steckst du?«, rief sie in die Nacht.

Plötzlich fröstelte sie, obwohl es noch recht warm und windstill war. Es wirkte beinahe so, als ob die Natur die Luft anhielt, und der Parkplatz fühlte sich stickig, einsam und leer an. Lisa kam der Gedanke, dass sich so ein Reh fühlen musste, wenn es auf einmal ganz allein auf einer Lichtung stand, genau wissend, dass sich irgendwo im Dickicht ein Raubtier befand, das es auf es abgesehen hatte.

Die Buchsbaumhecke rund um den mit Kies ausgelegten Platz war tagsüber hübsch und ordentlich anzusehen, jetzt gab sie eine hervorragende Deckung ab für jemanden, der es auf unschuldige Teenagerinnen abgesehen haben könnte. Der bunt beleuchtete Biergarten hinter Lisa wirkte wie eine rettende Insel in der Dunkelheit – allerdings in unerreichbarer Ferne, obwohl er nur rund fünfzehn Meter entfernt lag. Das Licht der Straßenlaternen schien nicht mehr auszureichen, um den Parkplatz mit genug Helligkeit zu versorgen. Große tönerne Blumentöpfe, bepflanzt mit Stiefmütterchen, Ziergänseblümchen, Ranunkeln und Ehrenpreis, den die meisten Leute nur als Gewitterblume kannten, grenzten den Biergarten ein. Noch mehr Versteckmöglichkeiten für das lauernde Böse.

»Kleine?«, flüsterte Lisa, während sie sich Schritt für Schritt zurück tastete und dabei nervös umsah. Das Gefühl, beobachtet zu werden, nahm zu und sorgte für ein unangenehmes Britzeln im Nacken. Ihr Atem ging flach und schnell, dabei schnellte ihr Blick von einer dunklen oder uneinsehbaren Ecke zur nächsten. »Mädchen, wo steckst …«

Es raschelte hinter der Buchsbaumhecke direkt neben Lisa. Das Geräusch kam so unvermittelt, dass sie ziemlich ungeschickt auswich, wobei sie über einen der Blumentöpfe stolperte, strauchelte und unsanft zu Boden fiel.

Zitternd und ungläubig blickte Lisa zu dem Mädchen auf, das sich neben ihr aufrichtete. Es wirkte auf einmal unwirklich groß, wie es so neben ihr stand. Von hinten angeleuchtet war ihr Gesicht kaum zu erkennen, dafür wehte der Wind ihren Geruch zu Lisa. Sie stank furchtbar!

Oh, Gott! Wann hat die sich das letzte Mal gewaschen?

Erleichtert und trotzdem immer noch mit dem Schrecken in den Knochen, rappelte Lisa sich hoch und wollte aufstehen. Obwohl ihr Fragen auf der Zunge lagen, »Wo sind deine Eltern?« oder »Was machst du zu dieser Uhrzeit noch draußen?«, schwieg Lisa und blieb sitzen.

Irritiert bemerkte sie, dass sie zwar aufstehen wollte, es aber aus unerklärlichen Gründen nicht schaffte. Das Mädchen, der Schatten mit zerzausten Haaren und dem Insekt in der geschlossenen Faust, ging neben ihr anmutig in die Hocke. Dabei bewegte sich die Kleine erstaunlich flink.

Ich bin in diesem Alter ein ziemlicher Tollpatsch gewesen. Aber nicht so schlimm wie Kathi.

Selbst der Gedanke an die einzige festangestellte Bedienung im Küchlein erheiterte Lisa nicht. Sie starrte immer noch das stinkende Kind an, das mit dem Rücken zum Licht saß. Dabei fühlte sich ihr Körper wie in Blei gegossen an, dazu kam ein Brennen, das sich in der Wirbelsäule, vor allem an Nacken und Steißbein, konzentrierte.

Das vegetative Nervensystem ist weitgehend der willentlichen Kontrolle entzogen. Es steuert vor allem Funktionen der inneren Organe wie Atmung, Herzschlag und Verdauung kam es ihr völlig unvermittelt in den Sinn.

Hey, ich habe mir doch was von Bio gemerkt.

Erneut unternahm sie den Versuch aufzustehen, fühlte den kühlen Kies unter ihren Fingern und gleichzeitig diese total surrealistische Schwere in ihren Gliedmaßen.

»Sie kommen nur in der Nacht heraus und suchen das Licht«, erklärte das Mädchen, das als Schattengestalt vor ihr hockte. Viel zu nah und doch scheinbar weit genug entfernt, dass man ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Die Hände hatte sie zu einem Hohlkörper geformt, so als ob sie darin etwas verbarg.

»Wo sind deine Eltern?«, flüsterte Lisa.

Selbst das zu fragen, was ihr logisch erschien, war ein unglaublicher Kraftakt. Wenn sie noch Kontrolle über ihren Körper gehabt hätte, wäre sie aufgesprungen und mitsamt diesem grausigen Ziehen im Nacken zurück zur Lichtinsel gerannt – egal, wie albern das wirken würde!

Stattdessen starrte sie weiter an den Punkt im Schatten, wo sie die Augen des Mädchens vermutete, und fühlte Schweiß an ihren Schläfen, Wangen, den Hals entlang bis in das Dekolletee ihres Dirndls rinnen.

»Andere sind verloren. Tot. Man stirbt, wenn man nichts frisst.«

Inzwischen war es Lisa nicht mehr möglich zu atmen. Sie starrte mit weit aufgerissenen Augen zu dem Kind, das noch näher zu ihr rutschte und ihr die Hände mit dem Insekt – oder was auch immer – entgegenstreckte.

Gleich wilden Urwaldtrommeln dröhnte Lisas Herzschlag in ihren Ohren, und ihr Blick schnellte von dem Schatten, wo irgendwo ein Gesicht sein musste, zu den bleichen, schmutzigen Händen des Mädchens und zurück.

Japsend atmete Lisa ein, als sie zwei Spiegelungen im Antlitz des Kindes erkannte. Die Augen! Sie hatte Augen! Für einen irren Moment war sie überzeugt gewesen, dass dieses Schattenmädchen gar keine hatte! Eben noch, als es am Tisch mit dem Besoffenen gesessen hatte …

Hinter ihr drangen plötzlich Rufe durch die Nacht. Lisa meinte auch, ihren Namen gehört zu haben, aber die Erleichterung, dass dieses Kind ein Gesicht hatte – Augen, Nase, Mund – war größer. Außerdem rauschte es in ihren Ohren und in ihrem Inneren wiederholten sich die Dinge, die das Kind gesagt hatte: »Sie kommen in der Nacht und suchen das Licht.« Und: »Man stirbt, wenn man nichts frisst.«

»Soll ich sie dir zeigen?«

Die Stimme des Mädchens löste eine neue Panikwelle in Lisa aus. Sie klang … anders. In diesem Moment hätte sie alles darum gegeben, dass das Kind einfach eine weitere verzogene Großstadtgöre mit eigenem IPad und dämlichem Namen gewesen wäre.

»Nein.« Nein! Sie wollte auf keinen Fall sehen, was dieses Kind da in ihren Händen versteckt hielt!

»Du kannst sie finden. Im Dunkeln. Im Moor.«

Im Dunkeln? Im Moor? Bin ich denn total bescheuert?, wollte Lisa ausrufen, aber das, was aus ihrem Mund kam, war nichts weiter als ein Keuchen. Weit hinter ihr, scheinbar in einer anderen Welt, riefen Menschen durcheinander.

»Du wirst sie finden.«

Im Gegensatz zu Lisa stand das Mädchen ohne Schwierigkeiten auf und begutachtete ihre Hände. Etwas Kleines, Dunkles bewegte sich darin. Waren das Motten?

Ohne es zu wollen, starrte Lisa darauf, dann wurde sie von hinten grob an der Schulter gepackt. Sie schrie auf.

»Kimm sofort rüber und huif uns! Kruzefix noch amal!«

Sie erkannte die Stimme sofort.

»Mama?« Fragend sah Lisa zu der Frau auf, die ihr unter die Arme griff und ihr hochhalf. Auch ihre Mutter wirkte verängstigt, allerdings nicht wegen des Kindes, wie es schien, denn sie blickte hektisch zurück zum Biergarten.

»Zefix! Lisa!« Ihre Stimme überschlug sich. »Geh da raus auf d’ Straß’ und hoit Ausschau nachm Sanka! Der is glei do.« Mit Blick auf das Kind fügte Lisas Mutter hinzu. »Und du scherst di haom, sonst nimmt di die Polizei glei mit! Zefünferl! Wos machstn überhaupt no so spät da herausn?«

Das Mädchen wich zurück und lachte. »Ich spiele. Ich habe Hunger! Ich fresse!« Mit diesen Worten öffnete das Kind seine Hände.

Für einen Sekundenbruchteil konnte Lisa etwas flattern sehen. Zuerst erinnerte es an eine gräuliche, übergroße Motte, dann wandelte es sich in einen kleinen, kränklich wirkenden Lichtball, der verzweifelt versuchte, aus den Fängen des Mädchens zu fliehen.

»Lisa! Jetzad! Aber dalli!«, drängte Gundi, die anscheinend nichts von all dem mitbekam oder zu abgelenkt war.

Das schwächlich flatternde Licht erhob sich schwerfällig in die Luft, das Mädchen schnappte danach und sog es gierig in sich auf.

Unfähig, den Blick abzuwenden verfolgte Lisa das Geschehen in stummem Entsetzen.

Das Kind schluckte und leckte sich die Lippen. »Nicht ganz frisch, aber okay«, befand es und warf dem regungslosen Milchfahrer einen abschätzenden Blick zu.

»LISA!«, rief Gundi aus.

Wie aus einer Trance erwachend, drehte sich Lisa zu ihrer Mutter um und sah dann zurück zu dem Kind, das müde und zufrieden gähnte.

»Jetzad geh scho, Lisa! Da Sanka kimmt glei!«

Ihre Mutter griff Lisas Oberarm. Halb ziehend, halb stoßend schob sie sie in Richtung Biergarten.

»Was ist passiert?«

Erst jetzt hatte Lisa den Blick von dem Kind lösen können und erkannte Baki, wie er neben den Tischen am Boden kniete. Vor ihm lag der Besoffene von der Bank, völlig regungslos, während Baki mit beiden Händen in rhythmischen Stößen dessen Brustkorb bearbeitete. Das Gesicht des Betrunkenen wirkte seltsam verzerrt.

»Herzstillstand. Was weiß i scho.«

Obwohl es merkwürdig war, fühlte sich Lisa auf einmal sehr wach und freudig.

Endorphine wirken beruhigend, stärken die Abwehr, sorgen für besseren Schlaf, nehmen Stress und machen ein heiteres Gemüt. Oh, Mann! Ich habe mir tatsächlich den ganzen Eintrag gemerkt!

So musste sich ein Reh fühlen, dass eben noch die Fangzähne des Raubtieres an der Kehle gefühlt hatte und dann wider alle Erwartungen freigelassen wurde.

»Sag amal? Spinnst du? Herst du mi ned oder hast du Drogn gnomma?«

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte Lisa die Hand ihrer Mutter, die gleich darauf ziemlich unsanft ihre Wange tätschelte.

Die Mädchen werden staunen! Und sie werden mich aufnehmen! Bestimmt! Ich weiß etwas, das sie nicht wissen und ich werde dazugehören! Selbst Becky wird mich mögen! Dann gehöre ich dazu und bin nicht mehr die Fritten-Lisa!

Der Schrei ihrer Mutter riss sie aus den Gedanken. »Nimm den Defibrillator!«, rief sie in Richtung der Küchenhilfe. »Mach scho! Da steht er. Neben dir!«

An Lisa gewandt, fügte sie hinzu: »Du gehst aufs Zimmer! I ko di so ned brauchn. Mia sprechn uns morgen, Fräulein!«

Lisa hörte zwar, was gesagt wurde, aber in ihr gab es nur einen Gedanken und der war so überwältigend, dass nichts anderes daneben Platz hatte.

Wie ferngesteuert lief sie durch den Biergarten, bemerkte noch ihre Mutter, wie sie dem Besoffenen – oder Toten – das Hemd aufriss und die Aufkleber des Defibrillators einen nach dem anderen an dessen Brust anklebte und dabei immer wieder auf die Gebrauchsanweisung blickte.

Er ist leer, dachte Lisa und unterdrückte ein Lachen. Falsch! Er ist voll! Nochmal falsch. Er war voll!

Etwas in ihr fühlte sich alarmiert, aber die neugewonnene Fröhlichkeit überwog. Und der Gedanke an einen ganz besonderen Platz im Murnauer Moos. Ein heiliger Platz. Ein Platz, genau richtig für eine Gruppe junger Mädchen, die die ersten drei Bände von dem Handbuch für Junghexen gelesen hatten! Woher sie diesen Platz kannte, wusste Lisa nicht. Nur, dass er existierte und dass es etwas Besonderes damit auf sich hatte. Eine andere Sache, die in ihr vor wenigen Minuten noch Panik ausgelöst hätte, wusste sie allerdings mit Sicherheit: In den Händen des Mädchens hatten sich keine Insekten oder etwas dergleichen befunden.

Zwischenfall beim Psychiater

Die Luft im Warteraum der Praxis war viel zu warm, worüber die beruhigend kühl inszenierte Atmosphäre nicht hinwegtäuschen konnte. Alle drei Fenster zeigten gen Süden – höchst unangenehm an einem schwülen Frühsommer-Nachmittag! Das Zimmer war hellgrün gestrichen und modern eingerichtet. Weiße Vorhänge zierten die hohen Altbaufenster und obwohl diese gekippt waren, blieb der Raum stickig und es stank ein wenig, was an Frau Schmitt lag. Sie hechelte wegen der Hitze, ihre Zähne waren nicht mehr die besten, weshalb sie aus dem Maul roch, und Blähungen hatte sie obendrein.

Die Wärme im Raum störte Kathi mehr als Frau Schmitts Ausdünstungen. Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, wobei sie das Klimagerät in der Ecke nicht aus den Augen ließ. Bei diesem Wetter war es ausgeschaltet? Schließlich gab sie sich einen Ruck, stand auf und drückte kurzentschlossen auf den Einschaltknopf. Das Ding begann zu summen und kurz darauf streifte Kathi eine erfrischende Brise.

»Yeah!«, stöhnte sie erleichtert und setzte sich auf ihren Platz zurück, lehnte sich nach hinten und atmete tief durch.

Dr. Zinkenberg hatte seit Kathis letztem Termin den Warteraum neu möbliert, was ihr gefiel. Auf dem Altbau-Parkett lag mittig ein weiß-beiger Hochflorteppich, des Weiteren befanden sich auf etwa zwanzig Quadratmetern eine weiße Couch, zwei Ikea-Schwingstühle, und ein Wasserspender, neben dem eine deckenhohe Pflanze wucherte. Hellgrüne und gelbe Kissen waren auf den Sitzmöbeln drapiert und auf zwei Tischchen – eines auf dem Teppich, eines in einer Zimmerecke – lagen Zeitschriften aus.

Kathi hatte einen kurzen Blick darauf geworfen und sich entschieden, dass sie weder Lust hatte auf Brigitte, auto motor und sport noch auf Cosmopolitan. Genaugenommen wollte sie noch nicht einmal hier sein! Es war ihr freier Tag und da hätte sie sich etwas Besseres vorstellen können, als eine knappe Stunde Bahn zu fahren – erst hin, dann später zurück – und sich mitsamt Schmidi durch die Münchner Innenstadt zu schlagen, nur um hier ihren obligatorischen Ich-bin-keine-Gefahrfür-mich-und-auch-nicht-für-andere-Termin zu absolvieren.

Während sie ihr Smartphone entsperrte, fiel ihr Blick über einen gerahmten Spruch an der Wand: «Hinter jeder Wolke verbirgt sich ein Sonnenstrahl und wartet auf seinen Einsatz.«

Am Arsch!

Wie zur Bestätigung ließ Frau Schmitt, die zu ihren Füßen lag, einen leise pfeiffenden Pups, der sich rasch unangenehm mit dem Geruch des Duftzerstäuber am Eingang mischte.

»Himmel! Schmidi!«, zischte Kathi und hielt sich die Hand vor Nase und Mund.

Natürlich war ihr klar, dass diese Verdauungsprobleme ihre eigene Schuld waren, denn sie hatte auf dem Weg zur Praxis dem Mitleid heischenden Blick nachgegeben und Frau Schmitt die Hälfte ihres Hamburgers überlassen. Jetzt hatte sie den Salat!

Wenn jetzt jemand anderes kommt …

Wie auf Kommando ging plötzlich die Tür auf und eine schlanke Dame in den Fünfzigern trat ein. Sie trug ein elegantes, roséfarbenes Kostüm und genau die Art von Schminke und Wellenfrisur, die Kathi beim Zappen im TV mitten in der Nacht bei irgendwelchen Tussis sah, die »Wunder-Wischmopps«, »Energie-Armreifen« oder einfach »Gurkenhobel im Küchenzubehör-Kombipack« auf QVC verkauften. In ihrer eigenen Wohnung hatte sie ein Netflix-Abo, aber bei Oma Lore gab es nur die üblichen Kanäle.

Die Eintretende lächelte auf dieselbe Art wie die Damen in der Werbung, doch die gespielte Freundlichkeit erstarb binnen Sekundenbruchteilen und sie nahm auf dem anderen Schwingsessel Platz, der an der Wand, direkt neben dem offenen Fenster stand.

»Hallo«, murmelte Kathi aus einem Reflex heraus und rügte sich gleich.

Du musst nicht jeden grüßen! Du bist in der Stadt und die Leute scheren sich nen Dreck um … ach egal. Es interessiert eigentlich auch niemanden draußen bei uns.

»Grüß Gott«, antwortete die Dame mit bemühter Nettigkeit. Kathi taufte sie kurzerhand Gurkenhobel-Lady.

Gurkenhobel hin oder her, ungewollt begann sich Kathi mit der Dame zu vergleichen, die inzwischen ihr Näschen Richtung Fenster reckte und sich demonstrativ Luft zufächelte. Schmidis Pups hielt sich trotz Klimagerät wacker im Raum. Er verteilte sich lediglich besser, so dass man wahrscheinlich in jeder Ecke daran teilhaben konnte.

Die Gurkenhobel-Lady ist bestimmt doppelt so alt wie ich, dafür ist die Taille nur halb so viel und die Waden auch. Kathi musterte die Frau aus den Augenwinkeln. Sie: Föhnfrisur, ich: schwarze Zottellocken; Sie: Pumps, ich: Sneaker; Sie: Kostüm, ich: alte Capri-Jeans und ein schwarzes T-Shirt mit Einhorn, das einen Regenbogen kotzt … naja, wenigstens hat es lange Ärmel.

Egal, wie heiß es war, vermied Kathi, kurzärmlige T-Shirts zu tragen oder gar Schwimmen zu gehen. Der Grund dafür waren die Narben vom Ritzen. Es war eine Weile her, dass sie das letzte Mal zur Rasierklinge gegriffen hatte, was aber nichts daran änderte, dass die Haut insbesondere am linken Unterarm und oberhalb der Knie aussah wie die Plastikschneidebretter in Gundis Küche.

Die Gurkenhobel-Lady hat sicher keine Ritzspuren oder Cellulite, sondern eine Haut wie ein Baby …

»… und vermutlich hat sie auch sehr viel mehr Geld als du auf dem Konto, kleine, ordentliche Silikonmöpse und einen standfesten Liebhaber, der ihr jede Nacht …«

»Joshi!«, entfuhr es Kathi. Es herrschte ein Moment der Verwirrung, da die Dame nicht wissen konnte, was zu dem spontanen Ausruf geführt hatte. Rasch beugte sich Kathi zu Frau Schmitt hinunter und tätschelte deren Kopf. »Hättest du nur nicht diesen Burger gegessen!«, fügte sie mit einem schalen Lächeln hinzu und hoffte, dass die Ablenkung funktionierte.

Aber die Gurkenhobel-Lady ignorierte ihr Gebaren, holte sich eine Cosmopolitan und hielt die Zeitschrift so demonstrativ vor ihr Gesicht, als ob sie ein Schild wäre gegen die säuerliche Duftwolke von Frau Schmitt und alle anderen Widernisse im Wartezimmer. Vermutlich hielt die Lady Kathi sowieso für irre – und war es vermutlich auch selbst. Wieso sonst hockten sie beide in der Praxis eines Seelenklempners?

»Plopp!«

Das Geräusch einer eben geöffneten Bügelflasche riss Kathi erneut aus ihren Gedanken. Es kam nicht von der Gurkenhobel-Lady, natürlich nicht, sondern von dem schlaksigen Punk, der sich samt Springerstiefeln und Bierflasche auf die nagelneue Couch fallen ließ. Joshi trug die linke Hälfte seiner Haare kurz auf etwa einen Zentimeter abrasiert, die rechte Hälfte hing in filzigen grün-braunen Strähnen über seine Schulter. Hautenge Jeans mit Löchern und Zebra-Muster, Nasen- und Lippenpiercings und ein schwerer Wollfilzmantel mit allen möglichen Aufnähern und Ansteckern rundeten das Bild ab. Die Hitze war ihm anscheinend vollkommen egal.

Weder seine Anwesenheit noch sein ungebührliches Verhalten, sich mit Bierflasche und dreckigen Stiefeln auf die Couch zu lümmeln, fanden bei der Lady Beachtung. Lediglich die aggressive Art, mit der sie lautstark die Seiten der Cosmopolitan umblätterte, legte die Vermutung nahe, dass sie sich an etwas störte. Es war keineswegs so, dass Joshi von ihr mit Missachtung gestraft wurde, denn nur Kathi konnte ihren Freund sehen und hören. Vielleicht auch Schmidi. Wie er sich als Geist jedoch immer wieder ein neues Bier besorgen konnte, blieb ihr allerdings schleierhaft.

Jetzt legte auch Frau Schmitt ihren Kopf schief und blickte in Joshis Richtung. Mit gespitzten Ohren beobachtete ihn die Schäferhündin, wie er genüsslich ein paar kräftige Züge trank und dann zufrieden rülpste.

Kann Schmidi ihn tatsächlich sehen?

»Eiskalt! Sehr gut!«, befand Joshi.

Kathi bemerkte, dass auch sie Durst bekam, holte sich einen Becher und füllte ihn beim Wasserspender.

Wie kann es nur sein, dass Joshi immer dort ist, wo ich bin?, wunderte sie sich – nicht das erste Mal in den vergangenen Monaten – und ahnte bereits die Antwort.

»Ganz einfach, Schneckerl: Weil du es dir wünschst, weil du mich brauchst und weil ich es auch so mag! Irgendwer muss auf dich achtgeben«, erklärte er auskunftsfreudig. »Aber keine Sorge. Wirklich immer bin ich nicht bei dir. Das wäre dir vermutlich peinlich.« Joshi grinste breit.

Kathis Wangen röteten sich schlagartig.

»Außerdem«, fuhr er fort. »hoffe ich immer noch, dass der schnuckelige Bulle mit dem Knackarsch …«

Kathi presste die Lippen zusammen, da sie Joshi beinahe wieder lautstark gerügt hätte.

»Wieso? Stimmt doch! Er ist schnuckelig! Und er hat … «

Und er ist nicht schwul! Also schlag ihn dir aus dem Kopf! Interessanterweise funktionierte diese Art der Kommunikation, ihm in Gedanken zu antworten.

»Jaja, stimmt schon. Wahrscheinlich ist er nicht schwul. Wir haben ihn beide schon ein paar Mal mit dieser dämlichen Fernsehtussi turteln gesehen!«

In gespieltem Leid verdrehte Joshi die Augen und Kathi gab ein Seufzen von sich. Nun schnappte sie sich doch noch ein Brigitte-Heft, um wenigstens einen halbwegs normalen Eindruck zu erwecken und ihre stumme Diskussion mit Joshi vor der Gurkenhobel-Lady zu verbergen.

»Du hast seine Telefonnummer, aber nie rufst du ihn an. Obwohl er sich immer wieder meldet und fragt, ob es dir gut geht. Immer noch! Hey! Komm mal aus deinem Einsiedlerleben und triff dich auf ein Date!«

Er ist nur nett.

»Nett? Hey, da hat es ordentlich gefunkt bei Lores Weihnachts-Kaffeekränzchen! Und erst in der Kirche bei der Messe! Hui! Da war was!«

Du bist betrunken! Das wievielte Bier ist das heute?

»Überleg doch mal: gutaussehend, Single, Uniform, Handschellen …«

Er trägt keine Uniform! Er ist kein Streifenpolizist!

»Aber er könnte bestimmt eine auftreiben! Und Handschellen … «

Okay: Du bist betrunken – und notgeil! Verdammt nochmal, jetzt lass mich mal für eine Weile in Ruhe, der Psychodoc ist nicht so doof wie andere und peilt am Ende noch, dass ich mich mit irgendwelchen Fantasiegestalten abgebe!

»Fantasiegestalten abgeben!«, schnaubte Joshi. Er klang gekränkt.

Sie wollte sich schon entschuldigen für die Bezeichnung, als er fortfuhr: »Außerdem hat der süße Schnuckelbulle dir das Leben gerettet!«

Kathi dachte an die Nacht im Wald und dieses Wesen. Obwohl es im Warteraum stickig warm war, fröstelte es sie nun und Frau Schmitt fiepte leise. Kathi war sich sicher, dass die Schäferhündin das Geschehene ebenfalls noch nicht vergessen hatte – aber hatte Schmidi das eben Gesagte auch verstanden?

DU hast mir das Leben gerettet, Joshi. Und Schmidi auch.

Wie um einen Teamgeist zu beschwören, rappelte sich Frau Schmitt auf, trottete zur Couch, setzte sich davor und blickte aufmerksam zu Joshi hoch. Auf die Gurkenhobel-Lady wirkte das vielleicht so, als ob die Hündin eine Fliege oder etwas anderes entdeckt hatte oder …

»Entschuldigen Sie, aber der Hund darf nicht auf die Couch!«, meldete sich die Dame zu Wort. Die Tonlage duldete keinen Widerspruch. Inzwischen hatte sie sich eine schmale Lesebrille aufgesetzt und schob diese mit dem Zeigefinger die Nase hoch.

»Eigentlich ist es auch nicht gestattet, hier irgendwelche Tiere mitzubringen.«

Schmidi blickte nun abwechselnd zu Joshi und zur Gurkenhobel-Lady und knurrte dabei leise. Der Tonfall schien ihr zu missfallen.

»Ist der Hund bissig?«

»Schmidi, hier!«, befahl Kathi und verkniff sich ein Grinsen.

Der langhaarige Schäferhund kam zu ihr zurück. An die Dame gewandt, fügte sie hinzu: »Keine Sorge, mit ihren Hüftproblemen kommt sie sowieso nicht auf die Couch.«

Und bissig … naja. Kommt drauf an. Den alten Moller hat sie erst vor ein paar Tagen in den Hintern gezwickt. Shit! Naja, auch den Postboten, die Seilhuber auch ein paar Mal, den Gustl und …

Die Gurkenhobel-Lady wirkte unzufrieden. »Hunde sind nicht erlaubt«, erklärte sie ungefragt und wichtigtuerisch. »Ein Assistenzhund ist er ja nicht, sonst müsste er einen Gurt tragen, der ihn ausweist. Weiß denn Roland, dass Sie einen Hund mitbringen?«

Kathi wusste erst nicht, wer mit Roland gemeint war, erinnerte sich dann aber, dass der Vorname von Dr. Zinkenberg so lautete.

Schmidi starrte inzwischen zur Gurkenhobel-Lady und spannte ihren Körper an. Derweil hatte sich Joshi hinter der Dame aufgebaut – die Flasche in einer Hand, die andere, zur Faust geballt, in die Hüfte gestemmt. Somit befand er sich halb in der Wand und halb im Fenster. Dann schüttete er sein restliches Bier über ihren Kopf.

Reflexartig wollte Kathi eine Warnung rufen und aufspringen, hielt sich aber im letzten Moment zurück.

»Huh. Jetzt wird es doch etwas kühl.« Die Gurkenhobel-Lady schauderte. Fröstelnd stand sie kurz auf, griff durch Joshi hindurch und schloss das Fenster. Dabei wirkte sie wie jemand, der noch mehr zu sagen hatte, doch hinter der Tür, die zur Praxis führte, tat sich etwas. Schritte waren zu hören. Dann wurde sie geöffnet und ein schlanker, großgewachsener Mann mit kurz geschnittenem, schütterem Haar und sonnengebräunter Haut öffnete schwungvoll.

»Frau Mühlbauer, oh, …« Sein Blick wanderte weiter zu Frau Schmitt, die noch nicht entschieden hatte, ob sie diesen Mann mochte oder nicht, und noch weiter zur Gurkenhobel-Lady. »Sonja, Schatz, du auch hier?«

»Plopp!«

Joshi hatte eine neue Flasche geöffnet. Augustiner-Helles, erkannte Kathi.

»Wenn ›Sonja-Schatz‹ so weiter macht, werde ich mich in ihrem Schlafzimmer einnisten und spuken, was das Zeug hält!«, drohte Joshi und folgte der Dame, die aufgestanden war und den Arzt mit einem Küsschen begrüßte.

Du kannst nicht tatsächlich irgendwo rumspuken, oder?

»Ich weiß nicht, aber wenn, dann wären das solche Tussis, die ich heimsuchen würde!« Joshi schloss mit einem Rülpsen.

»Wenn du möchtest, kannst du unten im Café auf mich warten, Schatz. Ich habe nur noch eine Patientin, dann bin ich fertig.« Dr. Zinkenberg nickte Kathi aufmunternd zu. »Frau Mühlbauer, bitte nehmen Sie doch schon mal im Behandlungszimmer Platz.«

Kurz darauf saß Kathi in einem bequemen Ohrenbackensessel mit lindgrünem Cordbezug. Wie der Warteraum war dieses Zimmer in hellen Pastelltönen gestrichen und eine weitere, völlig verwachsene Zimmerpflanze wucherte in der Ecke. Es gab sogar ein kleines Waschbecken mit Spiegel darüber. In einem weißen, postmodernen Regal sammelten sich medizinische Fachbände und eigenartige Skulpturen.

Ein Glück, dass ich nicht irgendwelche Flecken deuten muss. Oder diese Dinger da …

Eines der etwa handgroßen Gebilde erinnerte in der Form an ein überfahrenes Eichhörnchen, das andere definitiv an ein pornografisches Motiv!

»Du solltest dich mal wieder mit ihm treffen!«

Mit ›ihm‹ war wieder Andi, der junge Kommissar, gemeint. Joshi hatte mit überschlagenen Beinen auf dem Drehsessel von Dr. Zinkenberg Platz genommen und wippte darin mit verschränkten Armen und wichtiger Mine.

Was, wenn jetzt Dr. Zinkenberg reinkommt? Sieht er den wackelnden Stuhl?

Joshi stand glücklicherweise auf und betrachtete nun seinerseits die bedenkliche Skulptur. Obwohl sie es nicht wollte, tauchte in Kathis Kopf eine Szene auf, die so nie stattgefunden hatte: Sie sitzt mit Andi an einem Tisch in einem kleinen Café weit weg von Bachernberg, vielleicht irgendwo am Meer in Italien. Während sie ihren Cappuccino trinken, treffen sich ihre Augen und auf einmal streifen seine Finger ihre …

»Und um das zu erleben, musst du ihn zuallererst anrufen. ›Ausgehen‹, ›ein Date ausmachen‹, so nennt man das«, kommentierte Joshi in schullehrerhafter Manier.

»LASS ES SEIN!«, rief Kathi zornig aus und hielt sich gerade noch rechtzeitig zurück, um nicht »Raus aus meinen Gedanken« oder etwas in der Art zu von sich zu geben.

Hastig drehte sie sich zur Tür, die gleichzeitig von Dr. Zinkenberg geöffnet wurde.

»Ist alles okay?«, fragte er besorgt. Ihren Ausruf hatte er offenbar gehört.

Kathi nickte in Richtung von Frau Schmitt, die fragend zu ihr aufblickte.

»Ähm, sie, also … ja, sie wollte am Tischbein kauen …«

Dr. Zinkenberg runzelte die Stirn und atmete tief durch. Dann nickte er. Es war ihm anzusehen, dass er an der schalen Ausrede zweifelte.

»Gut, okay. Ich bin gleich bei Ihnen, Frau Mühlbauer.« Mit diesen Worten zog er die Tür wieder ins Schloss.

Mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer fuhr sich Kathi erst über die Stirn, dann durch die Haare und blieb in einer ihrer lockigen Strähnen hängen. Ihre Wangen glühten vor Scham und Wut.

»Tut mir leid«, murmelte Joshi, der sich neben Frau Schmitt auf den Boden gesetzt hatte. »Ich mach das nicht mehr, ja, Schneckerl?«

Sei jetzt einfach mal still. Mich halten sowieso schon alle für komplett ballaballa!

Kathi versuchte sich abzulenken und studierte konzentriert die neue Praxiseinrichtung. Ein kleiner Tisch stand neben dem Sessel, darauf ein Bonsai und ein Karton mit Taschentüchern. An den Wänden hinter dem Glasschreibtisch hingen mehrere gerahmte Diplome, ein Leinwanddruck von einem Foto, das ein Bergpanorama im Sonnenaufgang zeigte, und an einer Pinnwand einige Bilder, auf denen ein Mann abgebildet war, vermutlich Dr. Zinkenberg selbst, der in Kletterausrüstung und Helm an irgendeinem Felsgrat hing. Die Fotos hatten aber auch schon die alte Praxis verschönert.

Natürlich hatte Joshi recht. Sie sollte einfach Mut fassen und sich mit Andi treffen.

Eine feuchte Hundenase stupste gegen ihre Hand.

»Vielleicht sollte ich ihn doch mal anrufen?«, flüsterte Kathi und strich Frau Schmitt über den Kopf.

Andi hatte ihr schon zweimal seine Telefonnummer gegeben. »Falls mal was ist …«

Was soll denn sein? Sie traf den jungen Kommissar hin und wieder am Abend, wenn sie mit Frau Schmitt Gassi ging – er war der einzige Jogger, den die Hündin mit einem Schwanzwedeln begrüßte. Vor einigen Tagen hatte sich Andi sogar angeboten, auf die Hündin aufzupassen, wenn Kathi arbeiten musste und Frau Schmitt nicht allein lassen wollte.

»Mich hat Schmidi auch immer gemocht«, stellte Joshi fest. Er wirkte immer noch reumütig und die Tatsache, dass er in der Vergangenheitsform von sich sprach, sorgte für einen Knoten in Kathis Hals.

Du hast ihr Hasch-Kekse gegeben!

»Ja, und? Sie war danach immer gut gelaunt und zufrieden«, kicherte Joshi. »Und Hüftschmerzen hatte sie danach auch nicht mehr.«

Verbunden mit einem diesmal leiserem Seufzen lehnte sich Kathi zurück, schloss die Augen und versuchte sich zu konzentrieren. Im Gegensatz zu den meisten Leuten hatte sie weder einen Planer, noch trug sie ihre Termine im Smartphone ein.

Okay. Also, Haschkekse hin oder her. Wir haben Montag. Heute hab ich noch frei, morgen muss ich wieder ins Küchlein. Lore und Valle kommen erst Sonntag zurück, also bin ich mit Schmidi noch die komplette Woche allein. Soll ich sie ins Küchlein mitnehmen? Mmh. Besser nicht. Andi hatte ja angeboten, auf sie aufzupassen, aber dafür muss ich ihn anrufen. Auf alle Fälle kommt sie, wenn es irgendwie geht, nicht mit in die Arbeit!

Dort, in der Gaststätte, war die Gefahr einfach zu groß, dass unwissende, gutgelaunte Gäste ihre Hundeliebe nicht unter Kontrolle hatten und zum Dank Frau Schmitts Groll zu spüren bekamen, indem die Hündin sie in die Hände zwickte.

Reicht schon der Ärger mit dem ollen Moller! Noch eine Anzeige wegen Fahrlässiger Körperverletzung– sowas kann ich jetzt echt nicht brauchen!

Andererseits belustigte sie die Erinnerung daran, wie Frau Schmitt ihren Vermieter einmal in den Hintern gebissen hatte.

Kathis Gedanken schweiften zur alten Jagdhütte ab, in der letzten Winter diese mysteriösen Ereignisse begonnen hatten und in der sie vermutlich vorerst dauerhaft einziehen musste.

Die Jagdhütte. Der Spiegel … Ein Ding, das irgendwie »magisch« gewesen ist? Oder ist »verflucht« das bessere Wort? Ein Spiegel und Oma Lore mit ihrer verflixten Hexerei … Kathis Magen krampfte sich zusammen bei den Erinnerungen. Jetzt kommt da nichts mehr raus! Das Tor ist geschlossen!

Schaudernd verschränkte sie die Arme und lauschte dem Gemurmel vor der Tür. Die Gurkenhobel-Lady und Roland hatten eine angeregte Diskussion, die sich um Hunde zu drehen schien. Eigentlich hätte sich Kathi darüber geärgert, aber im Moment empfand sie das gedämpfte Debattieren als angenehm. Selbst Schmidi wirkte schläfrig. Mit geschlossenen Augen hörte Kathi, wie die Hündin nochmal aufstand, tapsend im Kreis ging, sich wieder niederließ – gefolgt von einem zufriedenen Grunzen und einem neuerlichen, leise pfeifenden Pups.

»Ach, komm! Himmel, Schmidi!«

Die Entspanntheit war dahin, Kathi sah mit einem bösen Blick zur Hündin und hielt sich dabei die Hand vor die Nase. Natürlich hatte die Rüge keine Wirkung. Nicht einmal eines der Hundeohren zuckte.

»Warum habe ich ihr nur …« Kathi verstummte und blickte auf. Irgendwas störte. War es dunkler geworden? Auch der Praxisraum war gen Süden ausgerichtet, aber vielleicht waren Wolken aufgezogen? Hatte der Wetterbericht nicht einen sonnig-heißen, wolkenlosen Tag versprochen? Schwimmbadwetter?

Toll. Wenn es jetzt das Regnen anfängt, komme ich pitschnass nach Hause, dachte Kathi resigniert und stutzte, als sie sich etwas nach vorne beugte, um besser aus dem Fenster nach draußen zu blicken. Der Himmel war wolkenlos … aber dunkelgrau?

Schmidi grunzte im Schlaf, und Joshi gab sogar leise Schnarchgeräusche von sich. Er war auf dem Bürostuhl eingenickt. Bemerkte sie denn als einzige, dass etwas nicht stimmte? Selbst im Zimmer schienen sich die Farben zu ändern. Sie wurden matter und kraftloser und die vormals üppig wuchernde Zimmerpflanze wirkte plötzlich vertrocknet und braun.

Kathi wollte aufstehen, als sich die Tür schwungvoll öffnete und Dr. Zinkenberg eintrat.

»Bis gleich, Schatz. Bestell dir ruhig schon etwas«, rief er seiner Freundin hinterher.

Seine Stimme wirkte wie immer: Voller Energie und Optimismus. Aber sie hallte etwas – ganz so, als ob er in ein Blechrohr spräche.

Irgendwas stimmt mit mir nicht. Kathi fühlte den Schweiß auf der Stirn perlen. Ich werde niemals erleuchtet sein. Ich werde im Dunkeln sterben. Wie ein Käfer. Ein Wurm.

Dieser Gedanke kam völlig unvermittelt.

»Warm heute, was?«, bemerkte Dr. Zinkenberg fröhlich, schlenderte zum Waschbecken und wusch sich seine Hände.

Im Dunkeln sterben …

Fast ihre gesamte Kindheit und einen Teil ihrer Jugend hatte Kathi in dieser Sekte verbracht. Und obwohl sie seit vielen Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater und den Leuten dort hatte, erreichte deren langer Schatten sie immer noch. Diese Zeit hinter sich zu lassen, das hatte nur oberflächlich funktioniert.

»So warm, so warm …«

Dr. Zinkenberg wusch sich immer noch die Hände und … sang dabei?

»Kathi?«, Joshis Stimme klang schwach. Sie sah zu ihm. »Es ist plötzlich so dunkel.«

Sie stieß einen spitzen Schrei aus und sprang vom Sessel auf. Anstelle seiner Augen hatte der Punker-Geist nur noch kleine, schwarze Löcher, aus denen Erde bröckelte. Seine Haut war grau!

»Dunkel.«

Kathi konnte ihren Blick nicht von ihrem verunstalteten Freund abwenden und zuckte zusammen, als die Zimmerpflanze wie auf ein stummes Kommando hin plötzlich ihre Blätter verlor.

»Hilfe.« Mehr als ein tonloses Flüstern brachte Kathi nicht mehr heraus, während sie sich rücklings zur Tür tastete. »Hilfe. Hilfe!«

»Na, na«, tadelte Dr. Zinkenberg lachend.

Warum lacht er und warum bewegt sich Schmidi nicht?

Dann entdeckte sie das Spiegelbild des Arztes, das ihr breit entgegen grinste. Die Augen, weit aufgerissen, stierten ihr regelrecht entgegen.

»Fürchtet euch nicht vor dem Dunkel! Ihr seid Kinder der Sonne! Ihr seid das Licht!«, predigte er, begleitet von manischem Grinsen.

In Kathi schwappte eine Erinnerung hoch, Das hatte man uns in der Kommune gepredigt, wenn wir einen schlechten Traum hatten … Dann verlor sie das Bewusstsein.

Warm. Mir ist schlecht.

»… vielleicht irgendeine Spritze geben?«, war eine Frauenstimme zu hören.

Die Übelkeit wurde auf einmal so heftig, dass sich Kathi, die rücklings auf dem Boden lag, zur Seite drehte und erbrach.

»Oh, Gott! Roland! Gib ihr was oder soll ich den Notarzt rufen?«

»Kathi! Hey. Shit! KATHI!« Das war Joshis Stimme, gefolgt von einem tiefen Knurren.

»Schmidi?«, hauchte Kathi und hob den Blick.

Die Hündin beugte sich zu ihr und leckte ihr über die Stirn, sah dann drohend zu Dr. Zinkenberg und knurrte ihn abermals an.

Normales Schmidi-Verhalten.

»Ich werde sie einweisen lassen«, murmelte der Arzt. Natürlich meinte er Kathi. »Ein psychotischer Schub.« Er klang beunruhigt und selbstsicher zugleich. »Was machen wir mit dem Hund?«

Nein. Nicht einweisen. Was ist mit Joshis Augen?

»Was soll mit meinen Augen sein? Kathi! Shit! Mit mir ist alles gut. Naja, so gut es einem gehen kann, wenn man tot ist und auf einen lebenden, heterosexuellen Bullen steht«, bemerkte Joshi.

Dr. Zinkenberg half Kathi auf und setzte sie in den Sessel.

»Was ist passiert, Frau Mühlbauer? Am besten, ich ruf bei der Klinik an und frage nach, ob für Sie ein Platz verfügbar ist.«

Kathi schüttelte schwach den Kopf. »Mir geht es gut«, log sie.

»Blödsinn!«, schimpfte Joshi, der halb in der Gurkenhobel-Lady, halb im Arzt stand. Das sah eigenartig aus, war aber für Kathi mittlerweile auch ein gewohnter Anblick geworden.

»Ich denke, ich habe da so einen Magen-Darm-Virus. Mir war schon den ganzen Tag übel«, versuchte sie es mit einer schnell zusammenphantasierten Erklärung.

»So ein Quatsch! Was ist passiert?«, wollte Joshi, sichtlich erschrocken, wissen.

SEI STILL!, befahl ihm Kathi. Es kostete sie alle Mühe, diesen Satz nur zu denken, anstatt ihn laut auszusprechen. Konnte sie sich jetzt nicht zusammenreißen, würde man sie tatsächlich wieder einliefern – ob sie wollte oder nicht.

Schmidi stupste sie mit der Nase an und schien auch auf eine Antwort zu warten.

»Keine Stimmen? Oder Visionen? Ich muss das wissen, Frau Mühlbauer!«

»Nein. Ich leg mich zu Hause ins Bett und kurier mich aus.« Kathi atmete tief durch. Sie fühlte sich tatsächlich etwas besser, trotzdem zitterten noch ihre Hände.

Ich habe keine Verletzungen? Der Schrank, der Schreibtisch, das Waschbecken – nichts kaputt. Und die Pflanze ist grün.

»Brauchen Sie ein Rezept oder haben Sie alles, was Sie brauchen?«

»Alles gut.« Der krampfhafte Versuch, normal zu wirken, wurde zunehmend anstrengender. »Ich hol mir ein paar Vomex gegen die Übelkeit, Salzstangen und Cola. Wenn ich mich beeile, erwische ich noch die nächste Bahn.«

Sie drehte sich um und wollte gehen, aber Dr. Zinkenberg hielt sie am Handgelenk fest. Frau Schmitt bellte, er ließ sofort los und trat einen Schritt zurück.

»Frau Mühlbauer! Ich kann Sie nur gehen lassen, wenn …«

»Ja!« Sie legte alle Kraft in ihre Stimme. »Nur ein Virus, Herr Zinkenberg! Ich habe keine komischen Visionen und ich habe nicht vor, mir irgendwas anzutun, okay? Außerdem muss ich auf Schmidi aufpassen, solange meine Oma im Urlaub ist. Okay? Ich werde nach Hause fahren und mich vor dem Fernseher auskurieren. Vomex, Cola, Salzstangen, Trash-TV und ein großer Eimer daneben, falls irgendwas nicht drinnen bleiben will!«

Der Arzt und die Gurkenhobel-Lady musterten sie gleichermaßen misstrauisch, dann fällte Dr. Zinkenberg eine Entscheidung. Er nickte.

»Gut. Aber versprechen Sie mir, dass Sie mich sofort anrufen, wenn Sie daheim sind! Ich stelle Ihnen auch noch ein neues Rezept aus und Sie werden sich die Tabletten gleich holen und regelmäßig einnehmen! Eine am Morgen und eine am Abend! Und vergessen Sie nicht: Wenn ich in spätestens drei Stunden nicht von Ihnen gehört habe, dass Sie gut zu Hause angekommen sind, werde ich jemanden zu Ihnen schicken! Verstanden?«, fragte er streng.

Kathi nickte. »Ja. Danke. Tut mir leid. Auf Wiedersehen.«

Dann beeilte sie sich, nach draußen zu kommen.

Die Sonne schien, es war schwül und laut in der Münchner Innenstadt. Ein ganz normaler Frühsommertag. Reichlich heiter sogar. Kathi schritt zügig voran, bog, ohne aufzusehen, in die Herzogspitalstraße und eilte weiter, vorbei am Saturn, Richtung Sonnenstraße. Das mit dem Zug war nicht gelogen, die Frage war nur: Was ging schneller? Zu Fuß oder doch die nächste Tram abwarten?

»Katterl, was hast du gesehen?« Joshi wirkte zutiefst besorgt. Frau Schmitt winselte leise.

»Blödes Zeug«, antworte sie viel giftiger, als sie wollte. »Mist, der in mir drinsteckt. Vielleicht bin ich doch plemplem?«

Eine ältere Dame, die ihr entgegenkam, zog erschrocken ihren Dackel zu sich.

Kathi riss sich am Riemen und sprach, obwohl sie hoch erregt war, nichts mehr von dem aus, was sie Joshi erwiderte. Ich war zu lange im Sonnenhof. So fängt es schon mal an. Vielleicht sehe ich deshalb überall Gespenster?

»Meinst du echt? Aber …«

Nein, ich weiß überhaupt nicht, was ich meine. Warum glaubst du, dass ich da Bescheid weiß? Du bist der Geist, nicht ich! Oder hab ich neuerdings ein Diplom in Mystologie oder sowas?!

Kathis Smartphone summte. Sie nahm es aus der Hosentasche und erkannte überrascht, dass es Andi war, der sie anrief. Irritiert blieb sie stehen und starrte das Telefon eine Weile an.

»Jetzt geh ran, bevor er auflegt!«, forderte Joshi sie gleichermaßen besorgt wie aufgeregt auf.

»Lass mich endlich in Ruh!«, schimpfte Kathi in seine Richtung.

Eine Gruppe Asiaten, angeführt von einer jungen Frau mit Regenschirm, marschierten zeitgleich durch Joshi hindurch und bedachten Kathi mit teils furchtsamem, teils ärgerlichem Blick.

Das Smartphone summte weiter, Kathi holte tief Luft und nahm den Anruf an. »Ja?«

»Ähm, Frau Mühlbauer?«

»Wir hatten uns doch auf du geeinigt«, berichtigte Kathi knapp und biss sich auf die Lippen. Das war bestimmt sehr viel patziger rü-bergekommen als gedacht.

»Entschuldigung.«

»Und darauf, dass du dich nicht immer entschuldigst.«

»Ah, stimmt. Entschul … Ähm, ja.«

Eine eigenartige Stille entstand zwischen ihnen. Es war viel zu lange her, dass sie miteinander gesprochen hatten, wenn man von dem kurzen »Hallo« beim Gassigehen mal absah. Das letzte Gespräch, das über »Wie geht es Schmidi?« hinausging, war vor Monaten gewesen.

Kann das sein? Nach der Weihnachtsmesse beim Abendessen in der Jagdhütte? Das ist fast ein halbes Jahr her.

Kathi, die unschlüssig von einem Fuß auf den anderen trat, bemerkte, dass sie ziemlich ungünstig stand. Alle Leute auf dem Weg Richtung Stachus mussten sie umrunden – die meisten taten das mit gemurmelten Kommentaren oder bösen Blicken. Hastig wich sie zur Seite.

»Ich wollte nur mal nachfragen, wie es Ihnen … wie es dir geht.«

»Mmh. Gut. Passt schon«, log Kathi ziemlich kurzatmig. In ihrem Magen grummelte es und die Beine fühlten sich weich an. Wie Gummi.

»Du bist verliebt, Schnecki«, kommentierte Joshi. Dann wurde er wieder ernst. »Aber du musst mir trotzdem erzählen, was vorhin passiert ist! Ich hab echt Schiss um dich gehabt!«

»Sind … bist du noch dran?«

»Ja!«, beeilte sich Kathi zu antworten.

»Ich wollte nur nachfragen, wie es dir geht, weil … ähm … ich … also, ich hatte gerade einen …« Andi hüstelte und senkte die Stimme. Im Hintergrund war Gustl Schallhuber, sein Vorgesetzter und Kathis Onkel, zu hören, wie er laut ausrief: »Zefix! Doldinger! Wo bleiben Sie?« Anscheinend waren Gustl und Andi gerade im Einsatz.

»Ich hatte gerade einen eigenartigen … Tagtraum«, flüsterte Andi.

»Vom … Graumädchen?«

Nacht im Moor

Die Luft war erfüllt vom Zirpen der Grillen, dem Quaken der Frösche – und dem Summen der Moskitos. Bis auf kleine Lichter weit entfernt, die von einsam gelegenen Gehöften stammten, war es auf ihrem Weg dunkel – aber nicht stockfinster. Der gedämpfte Schein des Mondes reichte aus, um den Pfad gerade noch erahnen zu können. Lisa spürte unter den Sandalen die Dielen, und auch das Knarzen der Holzbretter versicherte ihr, dass dort, wo sie ihre Füße hinsetzte, noch fester Boden war. Drumherum lag das Moor wie ein Flickenteppich aus flüsterndem Sumpfgras, Schilf, Moosen und knorrigen Bäumchen. Pfützen, Bächlein und Tümpelchen boten allen möglichen Insektenlarven ein Zuhause, vor allem den Mücken, wie es schien.

Wenigstens war es jetzt nicht so schwül wie tagsüber. Vermutlich hätten Wolken an Moskitos sie begleitet, wenn die letzten Wochen nicht sehr trocken gewesen wären. So war deren Anzahl erträglich, aber trotzdem ziemlich lästig. Hinter dem Moor erhoben sich die Silhouetten der umliegenden Berge, doch der Weg führte erst einmal in einen dichter bewaldeten Abschnitt.

Voll Schaudern erinnerte sich Lisa an den Toten im Biergarten.

Wie kann man nur einfach so sterben?

Die Nächte nach dem Ereignis hatte sie kaum schlafen können, weil ihr der Gesichtsausdruck des Mannes nicht aus dem Kopf ging. Er hatte ausgesehen wie jemand, der in den letzten Sekunden seines Ablebens noch etwas Schreckliches gesehen hatte.

Und dieses Mädchen? Wir wissen bis heute nicht, zu wem es gehört.

Die Erinnerung an das seltsame, stinkende Kind mit seinem merkwürdigen Verhalten war nicht minder beängstigend. Lisa schauderte es, dann konzentrierte sie sich wieder auf den Weg. Im Dunkeln war er kaum auszumachen.

Um sie herum nahm die Vegetation zu. Bäume – junge Nadelbäume, Kiefern, Birken und kleinere Sträucher – wurden zahlreicher, und weiter vorn hatte es den Anschein, als ob der Pfad direkt in tiefe Finsternis führen würde. Der Lange Köchel, der kleine Berg im nördlichen Teil des Murnauer Mooses, wirkte wie ein schlafender Drache oder Troll.

Eigentlich mochte Lisa nordische Märchen. Ein angenehmer Gruselschauer durchrieselte sie, gefolgt von der berechtigten Sorge, kaum noch zu erkennen, wo sie ihre Füße hinsetzte.