Krähentanz - Philipp Schmidt - E-Book

Krähentanz E-Book

Philipp Schmidt

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Beschreibung

Was als jugendliches Abenteuer begann, wird bitterer Ernst. Die Freundschaft zwischen Kraeh und Sedain hat einen tiefen Riss bekommen. Krieg überzieht die Länder des einstigen Europas mit Angst und Schrecken. Alte, böse Kräfte erheben sich, säen Zwietracht und treiben die Welt an den Rand von Chaos und Vernichtung. Es ist wieder Axtzeit, Schwertzeit, Speerzeit. Eine Zeit, in der die Krähen vor Freude am rot gefärbten Himmel tanzen.

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Table of Contents

Prolog

1.  Sicheln und Kreuze

2.  Alte Freunde, neue Tänze

3.  Ein Sturm zieht auf

4.  Ketten in der Finsternis

5.  Die Regeln des Spiels

6.  Ein Fest des Blutes

7.  Heimwärts

Epilog

Gottesauge II

Krähentanz

Philipp Schmidt

© 2015 Begedia Verlag

© 2015 Philipp Schmidt

Cover, Umschlagbild und Illustration – Birgit Gabrysiak

Korrektur und Satz – André Piotrowski

Lektorat und ebook-Bearbeitung  – Begedia Verlag

ISBN – 978-3-95777-046-2

Besuchen Sie uns im Web

http://verlag.begedia.de

Prolog

»Ich sehe … ich sehe …«

»Was siehst du?«, drängte der schnurrbärtige Mann, auf dessen garstigem Gesicht die Pockennarben in der Aufregung zu glühen schienen.

»Was siehst du?«, fragte er noch eindringlicher als zuvor.

Doch das Mädchen schwieg. Ihr kleiner, von zwei zu groß anmutenden Ketten fixierter Brustkorb hob und senkte sich schnell, dann wurde ihr Atem flacher und erstarb schließlich ganz.

Der Kaiser schüttelte verärgert den Kopf. »Ist sie tot?«

Die Köpfe der übrigen Anwesenden beugten sich vor. Ihre Blicke begutachteten den winzigen Körper. Nach der langwierigen Tortur, die er über sich hatte ergehen lassen müssen, lag er nun still und friedlich.

Der Aushorcher rüttelte an dem geschorenen Kopf des Mädchens. Diese ganze Sache mit der Kleinen war nicht der erste Versuch, und wenn auch dieser fehlschlüge, musste er befürchten, der Kaiser würde seine Enttäuschung an ihm auslassen.

Die zwei Zwillinge, äußerlich so ähnlich wie Mann und Frau einander nur sein konnten, tauschten ein gehässiges Grinsen aus. Sie freuten sich bereits auf die Strafe, welche den hässlichen Bischopos ereilen würde, zuckten aber gleich den anderen Vertrauten des Kaisers zusammen, als die Augen des Mädchens mit einem Mal zu flimmern begannen und der leichenblasse Mund unversehens Laute formte, die klangen, als würden diese aus weiter Ferne kommen.

»Feuer. Ich sehe … Flammen. Sie züngeln, lodern, tanzen an den Haaren eines Mannes … Nein, die Flammen sind seine Haare.«

»Weiter!«, verlangte der Bischopos, mühevoll Schreck und Erregung in seiner Stimme unterdrückend.

»Tanz mit mir, tanz mit mir«, murmelte das Mädchen. »Tanz mit mir, tanz mit mir«, flötete es unheimlich in einem fort, »dreh dich im Kreis.«

»Wer tanzt?«, unterbrach der Bischopos den entrückten Singsang.

Die Zwillinge deuteten eine festliche Geste an und lachten gehässig über den pikierten Gesichtsausdruck zweier Priester, die mit ihrem Bischopos bangten, bis der Kaiser, der neugierig auf das Kind starrte, sie mit einem Zischlaut zum Schweigen brachte.

»Wer ist der Tänzer?«, wiederholte er die Frage in der ganzen Macht seiner Autorität.

Die gefesselten Hände des Mädchens verkrampften sich, ihr Geist drohte zu entfliehen. Einer der Priester reagierte schnell, fuhr der Kleinen mit einem feuchten Tuch über die Stirn und wischte dann damit die Schweißperlen an Hals und Armen ab.

»Sie sind zu zweit«, murmelte das Kind unter Qualen, »sie haben einen Pakt geschlossen.«

Die Worte wurden noch leiser. Bischopos, Kaiser und Priester berührten mit ihren Ohren jetzt fast die bläulich angelaufenen Lippen, um sie zu verstehen.

»Krähe und Spielmann im Feuer vereint«, es war kaum mehr als ein Flüstern, »Schlange und Schwinge nicht Feind, sondern Freund …«

»Die Schlange!«, rief der jüngere der beiden Priester aus. »Sie sieht den Teufel!« Der Kaiser stieß ihn weg, dass er hinfiel.

»Was wollen sie? Wohin werden sie gehen?«, schrie er das Medium an. Seine Miene unter der goldenen Krone war rot vor Zorn, aber wenn man genau hinsah, und das tat das Mädchen mit seinem letzten Blick, war auch ein Hauch Unsicherheit darin zu lesen und noch etwas anderes … etwas, das weder zum Zorn noch zur Unsicherheit passen wollte … eine wissende Arglist. Ja, der Mann mit der Krone gaukelte dem Fiesling mit den Pockennarben etwas vor …

Den sterbenden Lippen gelang ein Lächeln.

»Sie kommen.«

1.  Sicheln und Kreuze

Kraeh lehnte am Stamm eines Baumes, dessen Krone ihm notdürftigen Schutz vor dem prasselnden Regen bot. Er war nicht mehr der Ohm des kleinen Dorfes, das er ein für alle Mal hinter sich gelassen hatte, als er zu seiner eigenen Grabstätte aufgebrochen war. Aber der junge Krieger, von dem er erzählt hatte, war er auch nicht mehr – ganz und gar nicht. Seine Glieder schmerzten von dem kurzen Stück Weges, das er die letzten beiden Tage hinter sich gebracht hatte. Am schlimmsten machte ihm sein Rücken zu schaffen. Nach langem Versuchen, eine angenehme Position zu finden, hatte er sich zuletzt damit abfinden müssen, dass seine Wirbelsäule ihm keine Ruhe vor dem Schmerz gönnen wollte. Ein Ächzen entfuhr ihm, wie er Lidunggrimm, das Schwert, das ihm vor so vielen Jahren zum Geschenk gemacht wurde, aus seiner Scheide zog. Er hob die Klinge nahe vors Gesicht. Der blanke Stahl wirkte unverändert jung und selbstbewusst, strotze nur so von Kraft, Zuversicht und Tatendrang – ganz im Gegensatz zu ihm.

Er erinnerte sich an ihren letzten Kampf. Allein dem Schwert und einer guten Portion Glück war es zuzuschreiben, dass er ihn überlebt hatte. Wären die Grabschänder weniger überrascht gewesen und der letzte seiner Gegner nicht im rechten Moment auf dem glitschigen Moos ausgerutscht, hätte er dem jungen Mann kaum mehr etwas entgegenzusetzen gehabt. So war der Narr geradezu in seine Klinge gestolpert und dennoch hatte Kraeh die Kraft gefehlt, ihm einen schnellen Tod zu bereiten. Augenblicke, die ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, hatte es ihn gekostet, Lidunggrimm frei zu bekommen, um erneut zuzustechen und den Stahl in der Wunde umzudrehen, bis der Mann aufgehört hatte zu strampeln.

Möglicherweise wäre es das Beste gewesen, er hätte sich seinem Schicksal ergeben, hätte der Wahrheit ins Auge geblickt und seinen Platz auf dieser Welt dem Jüngeren geräumt. Doch halt, es gab kein Schicksal – nicht mehr. Er selbst hatte die Menschen mit einem einzigen Streich von den Nornen befreit. Wie dem auch sei, er war am Leben, die anderen hingegen nicht. Sollte das auch weiterhin so bleiben, musste er einen Weg aus dieser Wildnis finden. Er hatte Hunger und die kleine Stichwunde an seinem Oberschenkel, zum Glück die einzige, die er aus dem Kampf davongetragen hatte, wollte einfach nicht verheilen. Er senkte Lidunggrimm und schob seine verdreckte Tunika hoch. Der Dolchstoß hatte beim Herausziehen sein rechtes Beinkleid aufgeschnitten, sodass er nun direkt auf den kleinen Rinnsal Blutes sah, der zwischen den beiden runzligen Hautlappen hervorquoll. Früher hätte er sich darüber keine Sorgen gemacht. Nie hatte er Wundbrand erlitten. In seiner jetzigen Verfassung jedoch bot der Anblick durchaus Grund zur Beunruhigung.

Ein dicker Regentropfen fiel ihm auf die Stirn und er wurde sich hüstelnd seiner durchnässten Stiefel bewusst. Es war erst früher Nachmittag, aber die dunklen Wolken über ihm und seine Erschöpfung gaukelten ihm ein nächtliches Empfinden vor. Er war sich nicht sicher, noch eine Nacht im Freien zu überleben, also sammelte er die letzten Kraftreserven und zwang sich auf die Beine.

Benebelt von Schmerz und Anstrengung schleppte er sich durch das Unterholz. Der Regen wurde gegen Abend schwächer und Kraeh spürte, wie die Verzweiflung sich von seinem leeren Magen aus immer weiter ausbreitete, bis sie seine Kehle erreichte und drohte ihm die Luft abzuschnüren. Bald würde er sich der Erschöpfung hingeben müssen, bald würde er fallen und nicht mehr in der Lage sein aufzustehen. Die Befürchtung bewahrheitete sich. Eine Wurzel, die er unter der Decke toten Laubes übersah, brachte ihn zum Straucheln. Er fiel der Länge nach hin, wirbelte dabei einige Blätter auf und blieb, das Gesicht im Matsch versenkt, liegen. Es schien ihm, als würde die Erde ihn zu sich rufen, und er hatte keinen Willen mehr, sich diesem Ruf zu widersetzen.

Die Zeit verstrich. Der Nieselregen auf seinem Rücken war wie eine Melodie – ein Lied, das ihn auf die andere Seite geleiten würde … Irgendwo vor ihm raschelte es. Er stützte sich auf die Ellbogen und hob den Kopf ein wenig an. Die Ursache des Geräuschs war schnell gefunden. Ein Fuchs war auf Kraehs Bewegung hin stehen geblieben, die Schnauze schnüffelnd nach oben gereckt. Es dauerte eine Weile bis er den Alten wahrnahm, da der Wind seinen Geruch seitlich verwehte. Als sich ihre Blicke schließlich trafen, schien der Räuber nicht sonderlich beeindruckt. Gemächlich tapste er in einem Bogen um den Gestürzten herum weiter. Kraeh sah ihm nach. Plötzlich erkannte er einen schmalen Lichtkegel, keine zwei Steinwürfe von ihm entfernt, der sich aus dem Dunkel der Nacht abhob. Ohne Zweifel ein Feuer. Das war es, was er gebraucht hatte: ein Ziel, für das sich das Weitermühen lohnte. Er kam auf die Beine. Sie waren verkrampft, taten aber ihren Dienst. Taumelnd erreichte er das Lagerfeuer, um das eine Handvoll Gestalten saß, deren Gesichter er nicht erkennen konnte, da sie in Anbetracht der Witterung unter Kapuzen verborgen waren. Seine Hand hob sich zum Gruß, doch die Stimme versagte ihm und er sackte in sich zusammen, ehe er ein Wort herausbrachte.

* * *

Das Erste, was er beim Aufwachen wahrnahm, war die Taubheit seines rechten Beines. Sie hatte den Schmerz abgelöst. Panisch richtete er sich auf und ließ sich sogleich wieder sinken, erleichtert durch die Tatsache, dass sein Bein noch war, wo es hingehörte.

»Ich habe die Wunde gereinigt«, ertönte eine Frauenstimme neben ihm.

Kraeh verrenkte sich den Kopf bei dem Unterfangen, seine Retterin in den Blick zu bekommen. Alles, was er sah, war ein wenig anmutendes Profil, aus dem eine zu lange Nase herausstach, flackernd beleuchtet von dem Schein eines Feuers. Dank murmelnd, ließ er seinen Nacken knacken, indem er das Gesicht dem verhangenen Himmel zuwandte.

Er gab sich den Anschein zu dösen, während er die Wärme des Feuers aufsog und dem Gespräch lauschte, das die fünf, in der Gegend offenkundig Fremden, führten. Es dreht sich um ihn. Die unansehnliche Frau, die sich ihm in seiner Ohnmacht angenommen hatte, bestand darauf, von ihrem bisherigen Plan abzurücken und ihn zumindest in ein unweit gelegenes Dorf zu schaffen, wo man sich um ihn kümmern könnte. Zunächst widersprach ihr nur einer der vier Männer. Sein Akzent verriet, dass er nicht aus den Rheinlanden stammte. Seine Stimme war tief und besonnen, doch lag unverkennbar auch eine Spur Beunruhigung darin.

»Heilige Isabel«, sagte der Mann gedämpft, »Ihr wisst, was Pater Derivell gesagt hat: ›Keine Umwege, keine überflüssige Rast, begebt euch auf schnellstem Wege nach Ulfenstein, wo man euch bereits erwartet.‹ Ihr dürft Euer Leben nicht leichtfertig aufs Spiel setzten«, fügte er noch mahnend hinzu.

»Und was schlagt Ihr vor, Arduhl? Den Greis sich selbst und damit dem sicheren Tod zu überlassen?«, gab Isabel vorwurfsvoll zurück. »Was für eine Heilige wäre ich, wenn ich das täte?«

»Aber die Firsen«, lenkte nun einer der anderen ein. »Niemand weiß, wo die Ungläubigen als Nächstes zuschlagen.«

So ging es noch eine Weile hin und her, aber die Frau hatte ihre Entscheidung gefällt und Arduhl und seinem Fürsprecher gelang es nicht, sie davon abzubringen.

Kraeh hing derweil seinen eigenen Gedanken nach. Die Firsen, so weit im Süden? Wenn der Arm der wilden Stämme mittlerweile so weit reichte, musste Brisak stark geschwächt sein. Ihm war natürlich bewusst, wie sehr sich die Verhältnisse in der Zeit seiner Abgeschiedenheit verändert haben konnten, doch der Gedanke zu Ende gedacht versetzte ihm einen Stich. Was war wohl aus Erkentrud, Sedain und Siebenstreich geworden? Saß Heikhe noch auf dem Thron? Falls ja, brauchte sie offensichtlich seine Hilfe. Er verbesserte sich sogleich: Sie bräuchte Hilfe, ja, jedoch nicht von einem Alten wie ihm, der nicht einmal alleine aus diesem Wald gefunden hätte. Mitten in seinen Überlegungen wurde er vom Schlaf übermannt.

* * *

Kraeh erwachte, noch bevor die letzte Wache, augenscheinlich der Fremdländer, die anderen weckte. Noch so ein Nachteil des Älterwerdens, ärgerte er sich im Stillen; man hatte eigentlich nichts zu tun, außer zu schlafen, und nicht einmal das wurde einem gewährt. Es war selten, dass er über das Morgengrauen hinaus durchschlafen konnte. Heute musste er sich eingestehen, während er aufstand und zum Wasserlassen einige Schritte vom Feuerplatz wegging, lag es wohl vor allem an seinem Magen, der sich anfühlte, als sei er auf die Größe einer Nuss geschrumpft. Zurück bei der Wolldecke, die man ihm in der Nacht offenbar übergeworfen hatte, meldete sich sein Bauch so laut zu Wort, dass der Mann, der ihn nicht aus den Augen gelassen hatte, ohne ein Wort einen halben Laib Brot und einen ledernen Wasserschlauch hinwarf.

Gierig gruben sich Kraehs Zähne in die harte Rinde. Er biss ein Stück mit seinen intakten Schneidezähnen heraus, das er dann im Mund hin und her bewegte, bis es vom Speichel vollgesogen von den wenigen verbliebenen Backenzähnen zu kauen war. Sein Hunger war enorm, doch da seine Essprozedur langwierig war, nutze er die Zeit, den Mann, von dem ihn nur das heruntergebrannte Feuer trennte, einer genaueren Musterung zu unterziehen. Seine Hand, die von ebenso hellbrauner Farbe wie sein ebenmäßiges Gesicht war, lag wie zufällig auf dem Griff eines Schwertes, das in einer gebogenen Scheide steckte. Er war gewiss nicht älter als dreißig Sommer, seine Haltung für die frühe Tageszeit auffällig aufrecht, die Wachsamkeit seiner dunklen Augen betont durch die dichten Augenbrauen, welche sich auf dem Nasenbein vereinten.

In das sich unangenehm ausdehnende Schweigen hinein fragte Kraeh ihn, zwischen zwei Schlucken aus dem Wasserschlauch, nach seiner Herkunft.

Sein Gegenüber schien zu überlegen, ob er überhaupt antworten solle, kam dann wohl aber zu dem Schluss, es könne nicht schaden, ein wenig mit dem Alten zu plaudern.

»Morak. Meine Geschwister und ich wuchsen in den Bergen von Morak auf.«

Irgendwo hatte Kraeh den Namen schon einmal gehört, war sich jedoch nicht sicher und fragte deshalb nach.

Er erfuhr in knappen Sätzen, dass es sich um ein Gebiet weit, weit im Süden handele. Eine Meerenge verbinde das kleine Reich mit dem Festland Eiderits, erklärte Arduhl in einer Weise, die nicht den geringsten Zweifel an seinem Unmut über diese geografische Lage ließ.

Da Kraeh ihn nicht beleidigen wollte, unterließ er es nachzufragen, ob dieser Landstrich nicht zu den Firsen gerechnet wurde. Er wäre auch gar nicht dazu gekommen, da Arduhl sich nun seinerseits nach Kraehs Person erkundigte.

»Du hast bisher nicht einmal deinen Namen genannt.« Die Stimme des Mannes machte keinen Hehl aus seinem Argwohn.

»Meine Eltern nannten mich Henfir«, log Kraeh und dachte dabei an seinen Freund, den Bogenschützen, der in der letzten Schlacht gegen Niedswar gefallen war.

»Und du bist Soldat?«, hakte der Fremdling mit einem Seitenblick auf Kraehs Hüfte nach, an der Lidunggrimm hing. Unwillkürlich zog Kraeh seinen immer noch feuchten Mantel über die wertvolle Klinge. Die Geste schien das Misstrauen seines Gegenübers noch zu steigern.

»Ich war es zumindest.«

Die Miene Arduhls war lauernd, vermutlich, dachte Kraeh nun, hatte er das Gespräch nur deshalb begonnen, um auf diesen Punkt zu sprechen zu kommen. »Sage mir, Henfir, was sucht ein abgedankter Soldat alleine in diesem Wald? Und wie hast du dir eigentlich diese Wunde zugezogen?« Er deutete auf Kraehs Bein.

Schon flogen seine Gedanken. Er hatte sich gerade eine Geschichte zurechtgelegt, da erwachte gähnend Isabel. Und in offensichtlich beiderseitigem Einverständnis, von dem Kraeh nicht wusste, woher es rührte, ließen sie die Sache auf sich beruhen. Eines war ihm klar, er war nicht der Einzige, der etwas zu verbergen hatte. Musste er seine Identität überhaupt verheimlichen, fragte er sich, während er dabei zusah, wie die anderen den Lagerplatz räumten. Er konnte sich nicht einmal sicher sein, ob man sich seiner überhaupt erinnerte, und falls ja, ob es ihm zum Nachteil oder zum Vorteil gereichte, würde er sich mit seinem echten Namen vorstellen. Genau darin bestand die missliche Lage, er wusste generell zu wenig. Entschieden nahm er sich vor, das zu ändern.

* * *

Nachdem Isabel den Aufbruch angeordnet hatte und die kleine Truppe sich auf einem schmalen Trampelpfad befand, wählte Kraeh denjenigen mit der einfältigsten Miene aus, um mit diesem ein Gespräch zu beginnen. Der große, breitschultrige Mann kam eindeutig aus einer ländlichen Gegend. Seine Aussprache jeden Wortes, das mehr als drei Silben hatte, war holprig, sein Gemüt war jedoch ausgeglichen und seine schlichte Art gefiel Kraeh. Zuerst plauderten sie über das Wetter, das auch an diesem Tag nicht freundlicher werden wollte. Lubbo, so der Name des sanften Hünen, trug ein Kettenhemd und beklagte, es zeige schon Rostspuren, obwohl er es frisch erworben habe. Kraeh empfahl ihm, es so bald als möglich mit körniger Erde trocken zu reiben. Während sie so sprachen, ging Kraeh noch langsamer, als es seine alten Beine und die Wunde vorgaben. Sie waren ein gutes Stück zurückgefallen und außer Hörweite der anderen vier, als Kraeh sich beiläufig erkundigte, inwiefern ihre Führerin als Heilige zu gelten habe.

Lubbo erregte die Frage sichtlich, nicht wegen ihres Inhalts, sondern vielmehr deshalb, weil er dem Wunder die angemessene Plastik verleihen wollte und er sich seiner Ausdrucksschwäche allzu bewusst schien. Nach einer Weile des Nachdenkens, bei dem ihm mehr als einmal unwillkürlich ein Wortfetzen herausrutschte, gab er es auf. Wie könnte er, ein Bauernsohn, jemals das Wirken Gottes auf Erden gebührend darstellen? Genau das sagte er dann auch. Kraeh nickte, obwohl er keine Ahnung hatte, welchen Gott er meinte, und Lubbo begann zu erzählen. Es war die Geschichte einer Armenspeisung. Und so begeistert sie auch vorgetragen wurde, Kraeh fand sie langweilig, was nicht an Lubbo lag. Auch wenn ein Skalde sie begleitet von einer Laute vorgetragen hätte, wäre sie ihm schnöde erschienen. Kraeh hatte schon ganz andere Dinge gesehen, ließ sich jedoch nichts anmerken. Er gab sich neugierig und belohnte den Erzähler an geeigneten Stellen mit einem »Oho!« oder »Tatsächlich?«. Das Einzige, was Kraehs Aufmerksamkeit weckte und auch von Lubbo als Besonderheit hervorgehoben wurde, war, dass die Kirche, entgegen ihrer üblichen Bräuche, Isabel bereits zu Lebzeiten zur Heiligen erklärt hatte.

»Normalerweise«, betonte Lubbo, wobei er hektisch eine kleine Spinne aus seinem schwarzen Haarschopf fingerte, deren Netz er, abgelenkt von seiner eigenen Geschichte, unabsichtlich zerstört hatte, »normalerweise, wird man nämlich nur zum Heiligen, wenn man schon tot ist. Sie ist also was ganz Besonderes.«

Aye, besonders hässlich, stimmte Kraeh ihm stumm zu. So kam er nicht weiter. Sein Gesprächspartner führte ebenjene Dinge nicht aus, die ihn interessierten, da er sie für selbstverständlich hielt. Direkt fragen konnte er aber auch nicht. Eine solche Unwissenheit hätte ihn verdächtig gemacht, zumal all seine Weggefährten dieser Kirche anzugehören schienen. Daher erdachte er sich einen neuen Köder. »Was hat es mit diesem Arduhl auf sich? Ist auch er ein Heiliger?«

Lubbo biss an. »Gott bewahre, nein! Er ist der Sohn eines Häretikers. Und auch er selbst ist ein Sihhila.« Seine rechte Hand machte ein Zeichen vor der Brust, das Kraeh von den Eingottgläubigen aus der alten Zeit kannte.

»Diese verdammten Sihhilas«, fluchte Kraeh ins Blaue. »Wieso gibt Isabel sich mit so einem ab?«

Der Zug war riskant gewesen und er atmete innerlich auf, als der Hüne zustimmend nickte. »Arduhl ist dem Kaiser als Geisel gegeben worden, damit der Friede an den südlichen Grenzen eingehalten wird.«

Kraeh bemerkte, dass der andere nun von Dingen sprach, die er selbst nicht so ganz verstand und die er irgendwann auf dem langen Weg aufgeschnappt haben musste, den sie, nach Arduhls sonnenverbrannter Hautfarbe und seinen vagen Andeutungen der letzten Nacht zu schließen, hinter sich hatten.

Eine Biegung des matschigen Pfades hatte die vier vor ihnen verschluckt. In das leise, aber allgegenwärtige Plätschern, welches der Regen erzeugte, sagte der Hüne, mehr, damit etwas gesprochen wurde, als in der Absicht, informativ zu sein: »Isabel hat sich an den Bischopos von Stienbrook gewendet und vor ihm beteuert, Arduhls Seele sei noch nicht verloren. Er zeige Reue, hat sie gesagt. Und nach einigem Flehen hat der Bischopos schließlich eingewilligt, dass Arduhl sich ihrem Bußgang anschließt. Nicht weit von hier im äußersten Zipfel des großen Reiches wurde nämlich ein Kloster gegründet. Genau der richtige Ort, sagt Isabel immer, um allein mit Gott ins Gespräch zu kommen.«

»Langsam«, bat Kraeh, dem vieles von dem Gesagten unklar blieb. »Stienbrook?«

»Ja, die Stadt aus Stein. Hast du nie von ihr gehört?«

Kraeh überging die Frage, allmählich gelang es ihm, sich einen Reim auf das Ganze zu machen.

»Und sie hat diesen Bischopos dazu überredet, Arduhl mitnehmen zu dürfen?«

Erst jetzt fiel Lubbo auf, etwas zu redselig gewesen zu sein. Er hatte Geheimnisse ausgeplaudert, von denen er vermutlich gar nicht hätte erfahren sollen, die aber bei der Dauer der langen Reise schlecht geheim zu halten gewesen sein mussten. Kraeh schmunzelte. Es sah ganz so aus, als wäre der misstrauische, dunkle Mann eine Liebesbeziehung mit der einflussreichsten Frau eingegangen, um möglichst weit weg von den Feinden seiner Sippe zu gelangen. Der Plan schien aufgegangen. Ob er dafür wohl die Schabracke ins Bett hatte begleiten müssen?

»Tja. Ich jedenfalls finde ihn ganz in Ordnung«, faselte der Hüne in die für ihn peinlich anwachsende Stille hinein und fühlte sich recht listig ob solch eines Überganges. »Für einen Sihhila, meine ich.«

Du alter Narr!, schalt sich Kraeh. Viel zu spät hatte er die Anwesenheit des Dritten bemerkt, der ihnen ohne Zweifel schon seit Längerem abseits des Pfades, verborgen hinter den Büschen, auf Schritt und Tritt gefolgt war.

Nun, da er bemerkt worden war, sagte Arduhl kalt: »Danke Lubbo, sehr freundlich von dir«, schlüpfte durch das rotbraune Laub und gesellte sich ohne ein weiteres Wort zu ihnen.

* * *

Am frühen Nachmittag riss die Wolkendecke auf. Kraeh blieb stehen und krempelte die Ärmel seiner Tunika hoch. Die Sonne auf der Haut tat gut, auch wenn sie kaum wärmte. Lubbo und Arduhl, Isabel und die beiden anderen, zu denen sie mittlerweile aufgeschlossen hatten, taten es ihm gleich. Sie beschlossen, eine Rast einzulegen. Wie sie so schweigend dasaßen und vesperten, kam Kraeh sich etwas erbärmlich vor. Er war der kleinen Reisegesellschaft der sprichwörtliche Klotz am Bein. Auch wenn Lubbo ihn kaum noch stützen musste, drosselte sein schwerer Gang doch die Geschwindigkeit des Vorankommens. Überhaupt unternahmen sie diesen Umweg bloß seinetwegen. Und wie hatte er für die Begleitung, die Versorgung seiner Wunde, den vollen Bauch und die warme Schlafstätte gedankt? Mit Aushorchung und Einmischung in Angelegenheiten, die ihn nichts angingen. Er konnte daher den Ärger in Arduhls Miene gut nachempfinden.

Am Abend erreichten sie eine Schlucht. Kraehs Blick folgte dem engen Weg, der sich gefährlich nahe am Rand nach unten ins Tal schlängelte, wo vor Urzeiten einmal ein Fluss geflossen sein musste. Von oben sah man, dass Steinrutsche den Pfad teilweise mit großen Anhäufungen von Geröll überdeckt hatten. Diese Wegstrecke war für ihn ohne Hilfestellung unmöglich zu bewältigen. Arduhl kam offenbar zum selben Schluss und pfiff mit einem abschätzigen Blick auf den Alten geräuschvoll durch die Zähne. Sie verschoben die Kletterei, welche in der Dunkelheit halsbrecherisch gewesen wäre, auf den nächsten Tag und richteten ihr Lager ein.

Als das Feuer prasselte, setzte Kraeh sich an den Abhang, von wo aus er der Sonne dabei zusah, wie sie langsam in einem prächtigen Farbenspiel hinter den hohen Bergen im Westen verschwand. Seine Gedanken spannten den Bogen zu jener Zeit, als er diese Schlucht, welche Rheinebene und Hochgebirge voneinander schied, das letzte Mal in die Gegenrichtung durchwandert hatte. Damals war der Weg noch befestigt gewesen. Er war vorangeritten, gefolgt von den Familien, welche sich entschieden hatten, mit ihm dem weltlichen Treiben zu entfliehen. Isabel kam zu ihm, um einen Blick auf die Wunde zu werfen. Trotz des heftigen Regens am Vormittag war sie zufrieden, die Verbände waren kaum aufgeweicht. Beinahe zärtlich schob sie sein Beinkleid wieder hoch und richtete ihre Augen gleich Kraeh auf die roten und violetten Schlieren, welche an den weit entfernten, schneebedeckten Gipfeln festzukleben schienen.

»Ich danke dir«, sagte Kraeh und meinte es ehrlich.

Sie schwieg.

Weiter unten im Tal wurden winzige Lichter entzündet. Ein helleres Glimmen, meinte der ehemalige Krieger, könnte Brisak sein, obwohl es durch den Dunst, der die Abenddämmerung um den Rhein so oft begleitete, verwischt wurde.

Kurz überlegte er, die hässliche Frau vor ihrem vermeintlichen Liebhaber zu warnen, entschied sich aber kurzerhand dagegen. Es war nicht seine Angelegenheit. Was wusste er schon von diesem Arduhl? Wollte er selbst überhaupt wieder am Leben teilnehmen? Zu welchem Zweck denn? Irgendwie schien es, als würde ihm schon wieder ein Weg aufgenötigt werden. Eine Stimme tief in seinem Inneren sagte ihm, dass er gebraucht werde. Der Ruf einer Eule weckte alte Erinnerungen. Lousana, die starke Kriegerin mit den fremdländischen Zügen, die seine Freundin gewesen war, kam ihm in den Sinn. Von ihrem Abbild in seinem Kopf war es nur noch ein kleiner Sprung zu jener Frau, der vor so langer Zeit die ganze Glut seines Herzens gehört hatte: Erkentrud. Weshalb um alles in der Welt war er damals von ihrer Seite gewichen? Sie war schön, hart und mächtig gewesen, alles, was ein junger Krieger sich nur wünschen konnte. Aber halt! Im Nachhinein verzerrte man die Dinge leicht zu Idealen, die so niemals der Wirklichkeit entsprochen haben. Die Königin der Druden wollte ihn mit Heikhe, seinem Mündel, verheiraten. Ihrer beider Leidenschaft füreinander war nach dem Krieg ebenso schnell erloschen, wie der Stein, den er gerade über die Klippe warf, in das Tal raste. Aber plötzlich wusste er, was zu tun war. Weshalb hatte er nicht schon früher daran gedacht? Das Becken tief unter Erkenheim! Es hatte ihn schon einmal aus dem Reich der Toten zurückgeholt. Sicher würde es ihm auch jetzt wieder helfen. Das war es! Sein Weg würde ihn nach Erkenheim führen.

* * *

Den nächsten Tag begannen sie mit dem Abstieg. Er erwies sich zum Glück als leichter, als Kraeh es am vorigen Abend befürchtet hatte. Teilweise standen die alten Stützstreben noch. Wo es ging, balancierten sie vorsichtig über morsche Balken, die beunruhigende Geräusche von sich gaben, ihr Gewicht aber trugen. An den Stellen, die von Steinlawinen überschüttet worden waren und meist Stege und Geländer mit sich in die Tiefe gerissen hatten, ging Arduhl voran, prüfte die möglichen Gefahren und gab dann den anderen den Weg frei. Isabel ließ sich ebenso wie Kraeh auf besonders tückischem Untergrund von Lubbo helfen. Wenn er gerade mal nicht auf seine Schritte achten musste, fragte Kraeh sich, wie die Tannen, die vereinzelt aus dem Hang wuchsen, es schafften, hier zu überleben. Zwischen all dem Granit machte es den Anschein, als hätten sie sich gerade so viel Erde an einem kleinen Vorsprung oder einer Felsenmulde mitgenommen, dass ihre Wurzeln Halt fanden.

Ein scharfer Wind blies ihnen in den Rücken und machte ihnen zusätzlich zu schaffen, schließlich jedoch erreichten sie zwar ausgelaugt, aber unversehrt eine schmale Holzbrücke am Fuß des Hanges, das letzte unversehrte Überbleibsel des alten Pfades. Allesamt atmeten sie auf, als sie hinter der Brücke anhielten und zurücksahen auf das, was sie geschafft hatten. Isabel sandte ein Dankesgebet gen Himmel.

»Es gibt noch eine andre Route«, fiel Kraeh ein, dem die ängstlichen Blicke Lubbos unangenehm waren. Er wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass am Ende noch jemand abstürzte, wenn die Reisegesellschaft denselben Weg zurücknehmen sollte, nachdem sie ihn abgeliefert hatten. Dieser Weg barg ein zu großes Wagnis, viel zu groß, bloß um seine alte, stinkende Haut aus dem Wald zu schaffen.

Isabel wandte sich ihm zu.

»Es ist wahr. Sie führt dort«, er zeigte die Richtung mit dem Finger an, »an der Steilwand entlang. Wenn ihr dem Gebirgsverlauf drei Tage westlich folgt, gelangt ihr an einen Pass der wesentlich leichter zu besteigen ist.«

Arduhls Augen verengten sich. »Drei Tage? Und wenn wir dort ankommen, kannst du beschwören, dass weder Firsen noch Räuber auf uns warten und Wegzoll verlangen?«

Kraeh sagte nichts. Was hätte er auch dagegen halten sollen? Natürlich konnte er nichts dergleichen versprechen. Außerdem, war Arduhl nicht selbst ein Wilder? Aber das bedeutete natürlich nichts. Die Firsen waren untereinander zerstritten und kein Stamm erkannte die Grenzen des anderen an.

»Noch mehr kluge Einfälle, alter Mann? Oder können wir weitergehen?«, fragte Arduhl wütend.

»Er hat es nur gut gemeint«, wies Isabel ihn zurecht und sagte dann beschwichtigend zu Kraeh: »Wir werden über deinen Rat nachdenken, Henfir.«

Der dunkelhäutige Krieger schüttelte den Kopf und ging eilig voran. Kraeh trat an seine Seite, bemüht, mit ihm Schritt zu halten. »Sie ist zu leichtgläubig«, zischte Arduhl. Er erlaubte sich nur deshalb, seiner Respektlosigkeit Luft zu machen, da er wohl davon ausging, den greisen Unruhestifter bald für immer los zu sein.

»Du musst es ja wissen«, raunzte Kraeh zurück und verlangsamte seine Gangart, bis er wieder bei den anderen war.

So gingen sie den ganzen restlichen Tag das überwucherte Tal hinab. Arduhl lief als Späher voraus und ließ die übrigen fünf an Weggabelungen zu sich aufschließen, wenn er sicher war, dass keine Gefahr drohte. Die beiden anderen Männer, der eine hochgewachsen und schlaksig, der andere feist und untersetzt, waren ebenso gottesfürchtig wie langweilig. Lieber noch unterhielt Kraeh sich mit dem einfältigen Lubbo als mit diesen demütigen, stets an den Lippen Isabels hängenden Windbeuteln. Die Heilige selbst war schweigsam und stellte zumeist ein entrücktes Grinsen zur Schau, das in einem fort zu sagen schien: ›Seht, wie wunderbar die gesamte Schöpfung doch ist!‹ Der alte Krieger wusste damit nichts anzufangen und so tauschte er Belanglosigkeiten mit Lubbo aus oder sann im Stillen.

Die Nacht war bereits angebrochen, als sie brachliegende Äcker und kurz darauf die ersten Häuser erblickten.

* * *

Isabel hatte wieder die Führung übernommen. Vor ihnen lag eine größere Siedlung, die Kraeh nicht kannte. Zielbewusst steuerte die füllige Frau auf eine Aussparung in der mannshohen Palisade zu. Sie grüßte die beiden wachhabenden Soldaten, die aufgrund ihres gelben Wappenrocks über dem Brustpanzer auch bei der herrschenden Dunkelheit ins Auge stachen. Sie kannten die Heilige und ihre Gefährten, und nachdem sie den als Henfir vorgestellten Alten mit dem langen weißen Bart kurz gemustert und ihn offensichtlich als ungefährlich eingestuft hatten, gaben sie den Weg frei. Einen Steinwurf weiter, noch außerhalb des Stadtkerns, stand ein mehrstöckiges Gasthaus. Sie betraten es und fanden sich in einem bürgerlichen Schankraum wieder. Auch hier waren Isabel und die Ihren schon eingekehrt. Der Wirt löste sich von dem größten der runden Tische im Raum, an dem er mit seinen Gästen getrunken hatte, kam auf sie zu und bot ihnen Zimmer für die Nacht an. Er wirkte leicht enttäuscht, da Arduhl darauf bestand, sofort zu bezahlen.

»Im Morgengrauen werden wir aufbrechen«, meinte Arduhl zerknirscht und leiser an Isabel gewandt: »Wir füllen unsere Vorräte auf und machen uns dann so schnell wie möglich auf den Weg.«

Sie nickte, fischte die berechneten Silber- und Kupferstücke aus einem Beutel, den sie unter ihrem abgetragenen Gewand hervorgeholt hatte, und drückte sie dem schlaksigen Wirt in die offene Hand. Nach Abwicklung des Geschäftes setzte er sich wieder zu seinen Leuten.

Isabel wünschte Kraeh Gottes Segen, ehe sie die Wendeltreppe betrat, die hoch zu den Schlafräumen führte. Die Übrigen folgten ihr. Als Letzter kam Lubbo. Auch er wünschte dem Alten alles Gute und meinte, vielleicht sehe man sich ja irgendwann wieder. Kraeh bedankte sich bei ihm und blieb schließlich allein zurück. Er war zwar erschöpft, wollte aber nicht gleich zu Bett gehen. Lieber hätte er sich an einen der freien Tische gesetzt und etwas getrunken. Wie aber sollte er das anstellen? Isabel hatte zwar, großzügig, wie sie war, seine Unterkunft bezahlt, offensichtlich aber nicht die Möglichkeit erwogen, dass einer ohne ein einziges Kupfer in der Tasche unterwegs sein könne. Na ja, dachte er und verkniff sich ein Grinsen, sie war nicht seine Mutter und hatte bereits mehr für ihn getan, als irgendjemand hätte erhoffen können. Er schalt sich einen närrischen, alten Tor, dass er versäumt hatte, die Leichen der Grabschänder zu plündern. Es war ihm in Anbetracht der Umstände schlicht nicht in den Sinn gekommen.

Letztlich beschloss er leichthin, seinen leeren, genau genommen nicht einmal vorhandenen Geldsack zu ignorieren, setzte sich an einen verwaisten Tisch und bestellte, als der Wirt nach geraumer Zeit zu ihm kam, einen Krug Ale. Der schlaksige Mann mit dem kurzen Haarschnitt war anscheinend daran gewöhnt, dass seine Gäste anschreiben ließen. »Trink, iss und fühl dich wohl«, sagte er gutmütig. Kraeh vermutete den Grund seiner Großzügigkeit in dem üppigen Trinkgeld, das er sicherlich von Isabel erhalten hatte, und wahrscheinlich würde dieselbe enden, sobald sie abgereist war. Dennoch folgte er der Einladung. Nach dem Ale bestellte er einen weiteren Krug und eine Schale Eintopf, dessen aufgebrühter Geruch bald den Schankraum erfüllte.

Er schob sich gerade den zweiten Löffel in den Mund, als Arduhl sich ihm gegenüber am Tisch niederließ. Kraeh hatte ihn nicht die Treppe herunterkommen sehen, schob diese Tatsache allerdings auf die Trübheit seiner alten Augen. Wortlos lenkte Arduhl die Aufmerksamkeit des Wirtes auf sich, zeigte auf den Eintopf und hatte wenig später auch eine Schale vor sich stehen.

Schweigend schaufelten sie das mittelmäßige Sammelsurium an Kalbsfleisch, verkochtem Kohl, zerstoßenen Kartoffeln und allerlei anderen Zutaten, die in dem bräunlichen Durcheinander untergingen, in sich hinein.

Sie hatten gerade zu Ende gegessen, da schwang heftig die Eingangstür auf. Ein junger Mann, nicht älter als siebzehn Sommer, in der ärmlichen Kleidung eines Stallburschen, stand auf der Schwelle. Sein Gesicht zeigte einen entsetzten Ausdruck, einen Schrecken, den er gleich in Worte fassen sollte.

»Es herrscht Krieg!«

Alle Gespräche verstummten.

»Was sagst du da, Junge?«, fand der Wirt als Erster die Fassung wieder, während er auf ihn zuging und ihn unruhig dazu bewegte, sich erst einmal zu setzen und alles in Ruhe zu berichten.

Das Dutzend verstreuter Gäste, das nicht am Haupttisch saß, rückte näher. Einige trugen ihren Stuhl heran, andere waren aufgesprungen und bildeten nun eine Traube um den Überbringer jener unfassbaren Nachricht. Nur Kraeh und Arduhl blieben sitzen. Die Aufregung ließ alle so laut sprechen, dass sie auch so das meiste mitbekamen. Von den stürmischen Stimmen setzte die vernünftigste – die eines, seiner Kleidung nach zu urteilen, in die Jahre gekommenen Kaufmannes – sich durch, die bat, der Bursche möge von Anfang an erzählen.

Er sei gerade beim Brunnen gewesen, Wasser für seine kranke Schwester zu holen, als ein Bote zu den Wachen gerannt kam, die dort immer stehen. Der Bote habe geflüstert, damit niemand mitbekomme, was er zu sagen habe, doch in der Aufregung haben sie ihn schlicht übersehen. »Die Sihhila sind in die Mittelreiche eingefallen!«, rief der Stallbursche aus. »Rösser, Kriegswagen, tausende von Soldaten, eine riesige Armee zieht eine Spur der Verwüstung hinter sich her! Jede Stadt, die sich nicht beugt, wird dem Erdboden gleichgemacht!«

»Beruhige dich«, meinte der Wirt. »Das alles ist etliche Tagesreisen entfernt. Wahrscheinlich hat der Kaiser den Vormarsch bereits aufgehalten …«

»Der Bote sagte noch etwas anderes«, fiel ihm der Junge ins Wort. »Die Zwillinge sind hierher unterwegs. Der Kaiser befürchtet, die bisher friedlichen Sihhila im Westen könnten sich dem Angriff anschließen. Und auch die Firsenstämme könnten sich unsere Schwäche zunutze machen.«

Wieder bemühte sich der Wirt, die Stimmung abzukühlen, doch er klang weniger zuversichtlich als zuvor. »Die Zwillinge sind schon lange in der Gegend. Soweit ich weiß, suchen sie nach einer bestimmten Person. Das hat nichts mit den anderen Ereignissen zu tun.« Sein Ton wurde brüchig: »Aber sag, kommen sie wirklich hierher? In unsere Stadt?«

Der Junge bejahte, so habe er den Boten verstanden.

Wilde Spekulationen folgten. Einige erhoben sich eilends, um das Gehörte ihren Freunden und Bekannten mitzuteilen. Die Neuigkeiten würden sich wie ein Lauffeuer ausbreiten und, sofern der Krieg selbst es nicht tat, Panik und Entsetzen in die Herzen der Menschen pflanzen. Chaos und Anarchie würden ihre dunkle Saat aufgehen lassen, ehe es die Schwerter taten.

Kraeh, der mit einem spitzen Knochenstück, das er in dem Eintopf gefunden hatte, Fleischreste aus seinen klaffenden Zahnzwischenräumen pulte, fragte sein Gegenüber, was es mit jenen Zwillingen, vor denen sich alle so fürchteten, auf sich habe.

Als Arduhl antwortete, hatte Kraeh einmal mehr das Gefühl, etwas verbinde sie, vielleicht einfach nur die Außenseiterrolle, die sie beide einnahmen. Zwar gab es noch andere Männer im Schankraum, deren Haut dunkel war, aber keiner wirkte dazu noch so edel und stolz wie er.

»Sie sind der rechte Arm des Kaisers, bekannt für ihren bedingungslosen Fanatismus und die damit einhergehende Grausamkeit. Der Wirt hat recht. Sie treiben sich schon seit einiger Zeit in der Gegend herum. Hast du von der Kriegskrähe gehört?«

»Nein«, sagte Kraeh, womöglich etwas zu voreilig, da sein Gegenüber ihn daraufhin mit einem stechenden Blick beäugte, ehe er fortfuhr.

»Sie ist eine Legende, ein Krieger aus der alten Zeit. Weil er gottlos war, bemühte sich die Kirche, ihn vergessen zu machen. Sie war einigermaßen erfolgreich damit. Niemand nennt mehr offen diesen Namen. Jene aber, welche die Gräuel der Kreuzler kennenlernten, tuscheln abends an den Feuern. Man sagt die Krähe werde zurückkommen und das Land vom Joch der Kruki befreien.«

»Kruki?«, hakte Kraeh nach.

»So nennen sich die Anhänger des Kreuzes selbst, in Abgrenzung zu den Sihhila, die den wahren Gott verehren.« Seine Worte waren bei dieser offenkundigen Lästerung so leise geworden, dass Kraeh sich vorbeugen musste, um sie zu verstehen.

»Ich weiß nicht, wer du bist«, meinte Arduhl dann ein klein wenig lauter, »aber du bist nicht der, für den du dich ausgibst.«

»Du scheinst mir aber auch nicht gerade überrascht über den Ausbruch des Krieges«, konterte Kraeh.

Arduhls Lippen verzogen sich zu einem angedeuteten Lächeln. »Wohl besser, wir gehen jetzt schlafen«, bedeutete er und wischte mit einer beiläufigen Handbewegung die letzten Sätze weg. »Mein Gefühl sagt mir, dass wir schon bald all unsere Kräfte brauchen werden.«

Das taten sie dann auch. Aber es sollte keine lange Nacht mehr werden.

* * *

Ein Geräusch hatte Kraeh geweckt. Er setzte sich im Bett seines beengten Zimmers auf. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, nur fahles Dämmerlicht fiel durch das kleine Fenster über dem Kopfende des Bettes. Da war es wieder: ein Poltern, gefolgt von lauten Schritten, wie sie typisch für eisenverstärkte Stiefel sind. Eine Frauenstimme ertönte. »Ihr da, macht das ihr fortkommt!« Kraeh wunderte sich über die Deutlichkeit, mit der er die Stimme wahrnahm.

Er streifte das Laken ab und stieg aus dem Bett. Mit dem Ohr auf dem Dielenboden lauschte er, doch es war nichts mehr zu hören, abgesehen von weiteren Schritten, die sich nun deutlich vernehmbar die Treppe zu den Gästezimmern hochbewegten. Er begab sich in die Hocke. Durch seine Knie fuhr ein bitterer Schmerz. Er biss die Zähne zusammen und zog behutsam Lidunggrimm aus der Scheide. Geschrei auf dem Flur. Die verschlafene Stimme Isabels, deren Protestrufe in einer schallenden Ohrfeige erstarben. Zweimal schlug Stahl aufeinander, dann war es still, bis die Schritte, diesmal eindeutig mehr als zuvor, sich wieder nach unten entfernten. Kraeh atmete auf, verfluchte aber zugleich die Schwäche seines gealterten Schwertarmes.

Kurz blendete etwas seine Augen und er bemerkte den schmalen Riss im Boden, durch den das Licht gedrungen war. Umständlich legte er sich flach auf den Boden und linste direkt in den Schankraum unter sich. Der Mann, der die Öllampe geschwenkt hatte, trat beiseite, als zwei Gestalten, jene, die gerade die Treppe hinabgegangen sein mussten, in Kraehs Blickfeld kamen. Sie ähnelten sich auf groteske Weise. Wie der mit der Öllampe trugen sie eine weiße Tunika. Im Gegensatz zu ihm war ihr Kettenhemd und der auf Hochglanz polierte Harnisch darüber perfekt an ihre Statur angepasst. Das Rüstzeug der weiblichen Gestalt vermittelte den Eindruck, sie stünde nackt unter ihm; die metallenen Brüste waren formvollendet, bis auf die Stacheln, welche die Brustwarzen ersetzten. Ihre behandschuhte Linke ruhte auf einer nietenverstärkten Peitsche, welche in ihrem Gürtel steckte. Selbst unter dem spitz zulaufenden Helm und dem Visier, das ihr Gesicht zur Hälfte bedeckte, war die Unerbittlichkeit ihres Wesens deutlich zu erkennen.

Das Ebenbild dieser scharfkantigen Züge fand sich unter dem von Rosshaar gekrönten Helm ihres Bruders, durch dessen Aussparung an der Augenpartie, ein Blick purer Boshaftigkeit aufflammte, als er den Kopf leicht nach oben bewegte. Für einen Augenblick blieb Kraehs Herz stehen. Hatte ihn der männliche Zwilling bemerkt? Ein Teil von ihm wünschte es sich sogar. Zu Kampf und Tod gezwungen zu werden, wäre vielleicht besser gewesen, als dem, was nun folgen würde, tatenlos zuzusehen. Die grünen Augen des Zwillings hatten sich aber wieder abgewandt und blickten nun nach unten auf eine Person außerhalb von Kraehs Blickfeld.

»Ich frage nur ein einziges Mal«, drohte er. »Wo ist Arduhl ap Tulaf?«

Isabel keuchte, sie wisse es nicht, er müsse in der Nacht verschwunden sein.

Ihrer Stimme war anzuhören, dass sie bereits geschlagen worden war, und doch schwang in ihrer Antwort noch ein Körnchen Entrüstung mit, die sie vor der Erkenntnis der Ausweglosigkeit ihrer Lage bewahrte.

»Er ist fort, mehr kann ich euch nicht sagen«, bedeutete sie flehend, wechselte dann aber rasch wieder den Tonfall. »Wir sind doch Diener desselben Gottes, jenes liebenden Gottes, den Kaiser Gunther über alle anderen zur ihm gebührenden Gloria erhoben hat. Ich stehe unter beider Schutz. Hütet euch, mich noch einmal anzufass…«

Das Wort endete in einem Röcheln. Kraeh sah sie erst, als ihr lebloser Körper nach vorn fiel. Nein, sie war nicht tot, bemerkte der Alte schaudernd. Ihre Handballen stützten sich auf dem Boden ab, in dem kläglichen Versuch, den am Hals blutenden Leib aufzurichten. Lidunggrimm zitterte in Kraehs Hand.

»Wir, mein Bruder und ich, handeln auf Geheiß des Kaisers«, bemerkte der weibliche Zwilling sadistisch. »Eine Hure wie du aber sollte sich weder auf ihn noch auf Gott berufen.« Die Peitsche der Frau knallte auf Isabels Rücken, wo sie einen grässlichen Striemen hinterließ. Hände und Arme klappten ein und sie landete auf dem Gesicht.

Ein Kampfschrei erscholl. Lubbo hatte es geschafft, sich von seinem Bewacher zu lösen, der überrascht und leicht zeitversetzt, hinter ihm herkam. Jeden Augenblick würde Lubbos Klinge an dem Schulterschutz der Peinigerin vorbeifahren und ihre Kehle öffnen. Doch sein Angriff wurde jäh gestoppt. Wie Lubbo an sich hinunterblickte und des Schwertes in seiner Magengegend gewahr wurde, fiel ihm die eigene Klinge zu Boden. Er keuchte, als der männliche Zwilling den Stahl in seinem Bauch umdrehte. »Tötet sie alle!«, schnaubte derselbe wutentbrannt und das Gemetzel begann. Kraeh nahm nichts davon wahr außer den Schreien der beiden anderen, die ihn aus dem Wald gerettet und hierher begleitet hatten, und dem abscheulichen Anblick, wie die Frau in der glänzenden Rüstung sich über Isabel beugte, um sie, dem Anschein nach schneller, als sie eigentlich vorgehabt hatte, zu töten, indem sie die Heilige mit der Peitsche erdrosselte.

»Wickelt die Leichen in eure Umhänge«, kam die Anweisung, des Zwillings, der gerade sein Schwert aus Lubbos Fleisch befreite, »wir wollen kein unnötiges Aufsehen erregen.«

Die Soldaten machten sich an die Arbeit, der Zwilling jedoch sah sich, wohl seiner Intuition folgend, misstrauisch im Raum um, ohne sich dabei zu bewegen. Schon zuvor, als der ihm in die grünen Augen geblickt hatte, verstand Kraeh nun, hatte dieser etwas geahnt. Die beiden da unten waren nicht das, worauf man ihrem Äußeren nach schließen mochte. Sie waren keine Menschen und sie wussten, dass sie beobachtet wurden.

Als die Soldaten den Befehl ausgeführt hatten, die Leichen, so vermutete Kraeh, eingewickelt neben der Eingangstür lagen und einer die Blutlachen auf dem Boden mit einem Lappen aufwischte, flüsterten erst die Zwillinge miteinander, dann winkten sie vier der Soldaten herbei und gaben ihnen weitere Order, die Kraeh nicht verstehen konnte. Aber es war deutlich genug, was der Inhalt gewesen war. Die Soldaten huschten schleichend aus seinem Blickfeld und kurz darauf hörte er ihre gedämpften Schritte auf der Treppe.

Kraehs Blut geriet in Wallung. Was sollte er tun? Das Fenster war groß genug, um hindurchzuschlüpfen, aber wenn diese Mörderbande nicht närrisch war, wovon er nicht ausging, würden ihn unten bereits andere Männer mit gezückter Waffe erwarten. Ein Fußpaar war direkt vor seiner Tür, die er, wie ihm jetzt gewahr wurde, leichtsinnigerweise nicht verschlossen hatte. Einen Wimpernschlag bevor sie aufschwang, hechtete Kraeh direkt an die Wand daneben. Er hatte Glück; die Soldaten hatten sich aufgeteilt, nur einer stand auf der Schwelle. Lidunggrimm fuhr diesem so unerwartet und schnell durch die Kehle, dass jener keinen Laut mehr herausbrachte. Der Lebenssaft sprudelte Kraeh in einer Fontäne entgegen, als er den Körper mit beiden Armen auffing und so geschwind er es vermochte, in das Zimmer hievte. Die Tür stand sperrangelweit offen. Würde jemand vorbeigehen, war er entlarvt. Durch die Wände hörte er, wie in einem Nebenraum ein Wortgefecht entbrannte. Ein anderer Gast wollte sich nicht einfach abführen lassen und der Soldat, welcher sich mit dem Streitlustigen befasste, rief nach Hilfe. Bestens!, schoss es Kraeh durch den Kopf, während seine senilen Finger die Kerze auf dem Nachttisch mit dem für sie bereitliegenden Feuerstein entzündete. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, bis der Docht endlich aufloderte. Vorsichtig, mit der hohlen Hand die kleine Flamme schützend, stellte er die Kerze auf den Boden neben das Bett. Sogleich fing das Laken Feuer. Er schob Lidunggrimm in die Scheide, schleifte den Leichnam des toten Soldaten zum Fenster und stemmte ihn nach oben. Wie ein Sack polterte er über das Dach. Er verhakte sich an der Regenrinne und blieb in grotesker Haltung liegen. Unten wurden Befehle gebrüllt. Sehr gut! Inzwischen brannte das Zimmer lichterloh. Kraeh schlang sich seinen Fellmantel um die Schultern, stürzte aus der Tür, dann den Gang entlang und schließlich die Treppe hinunter.

Während er nach unten hastete, wobei eine der Stufen ihn beinahe zu Fall gebracht hätte, nahm er sich die Zeit, kurz nachzudenken. Diese Kaisertreuen suchten vornehmlich nach Arduhl. Die Soldaten töteten auf Geheiß, wie er hatte erfahren müssen, auch Unschuldige, aber eben nur auf direkten Befehl hin. Seine Sorge musste also allein jenen Zwillingen gelten. Sie würden dort sein, wo ein potenzieller Ausreißer die beste Möglichkeit zur Flucht hätte. Sofern sie seine Finte geschluckt hatten, vermuteten sie ihn auf dem Dach. Zwar hatte er die Leiche nach vorne hin, zur Seite der Eingangstür aus dem Fenster geworfen, aber nur ein Dummkopf würde, wenn er einmal auf dem Dach war, den kürzesten Weg wählen. Demnach wären sie auf der Rückseite des Hauses und er würde wie der besagte Dummkopf handeln.

Im Schankraum hatte sich bereits Qualm angesammelt. Der leichte Morgenwind gab dem Feuer, was es brauchte, um sich flugs auszubreiten. Kraeh stürmte an den Säcken vorbei, in denen sich, wie er wusste, die heilige Isabel, der gutmütige Lubbo und die beiden anderen befanden. Er riss die Tür auf und vernahm das Knistern hinter sich, mit dem das Freudenfeuer seinen Dank über den neuerlichen Luftzug ausdrückte. Hustend waren die Soldaten, die oben gesucht hatten, nun hinter ihm am unteren Ende der Treppe angelangt. Der Ärgermacher hatte seinen Widerstand aufgegeben und stolperte gleich den Soldaten vorwärts, um seine Haut vor den Flammen zu retten.

»Feuer! Feuer!«, platzte Kraeh einige Schritte vor ihnen aus dem Gasthaus. Er war verwundert, wie schnell die Menschen aus den umliegenden Häusern herbeikamen, um dem Spektakel beizuwohnen. Einige liefen mit schwappenden Eimern heran. Tatsächlich waren die Zwillinge nicht zu sehen. Die drei Soldaten, die den Eingang bewachen sollten, wurden der Lage um sie herum kaum Herr. Abgelenkt von dem Anblick ihrer Gefährten hinter Kraeh, erkannten sie in dem Alten, der einen panischen Ausdruck zur Schau stellte, offenbar keine Gefahrenquelle. Ehe er es wirklich begriff, fand Kraeh sich in einer Seitengasse wieder.

Nur noch ein Flackern am dunstigen Himmel wies auf die Feuersbrunst hin. Er war in Sicherheit.

* * *

Drei Tage später folgte Kraeh einer befestigten Straße, die nach Brisak führen würde; zumindest hatte dies der freundliche Schäfer behauptet, der seinen Weg gekreuzt hatte. Natürlich hätte er nach seinem überstürzten Verlassen der Stadt, in der er das Wirtshaus in Brand gesteckt hatte, auch einen weniger auffälligen Pfad durch die Wälder einschlagen können, doch schien es ihm sinnvoller, der einmal geglückten Strategie treu zu bleiben. Wer würde einen Flüchtling schon auf dieser Straße erwarten, wo dermaßen viel Betrieb herrschte? Unentwegt überholten ihn Abenteurer, Soldatentrupps, meist jedoch Bauern und Holzfäller, die Wagen angefüllt mit ihren Waren, die sie in Brisak gegen einen guten Preis zu verkaufen trachteten. Niemand schenkte dem alten Bettler, für den man ihn zweifelsohne hielt, besondere Aufmerksamkeit. Anfangs war er noch nervös geworden, wenn sich Hufgetrappel genähert hatte, nun grüßte er die Soldaten in ihren hell wattierten Wappenröcken gelegentlich sogar. Für gewöhnlich fing er sich daraufhin ein »Aus dem Weg da!« ein, zuweilen aber auch einen mitleidigen Blick, gefolgt vom Klimpern einiger Kupferstücke, welche über den Pflasterstein rollten, ehe er sie einsammelte.

Die Sonne stand im Zenit, ein flüsternder Wind ging durch seinen Bart, während er in einen wurmdurchlöcherten Apfel biss, der von der Ladefläche eines vorbeiholpernden Karrens gehüpft war. In der Tat war er zu einem Bettler und obendrein zu einem Dieb geworden, denn manchmal musste er dem Hüpfen von Äpfeln, Birnen und Nüssen ein wenig nachhelfen. Doch fühlte er sich deshalb nicht elend. Er hatte alles, was ein Mann brauchte: ein Ziel und ein Feindbild. Diese verdammten Zwillinge hatten seiner Retterin und Gönnerin das Leben genommen, dafür würden sie bezahlen.

Hauptsächlich von diesem Gedanken angetrieben, schlug er sich mehr schlecht als recht durch, bis er schließlich in der Ferne die zackigen Mauern Brisaks ausmachte. Mehr als einmal hatte er in letzter Zeit von der Gastfreundschaft jener Menschen profitiert, deren Gehöfte in der Nähe der Straße lagen. Teilweise gegen das wenige Geld, welches man ihm zugeworfen hatte, öfter allerdings umsonst, war ihm ein spärliches Mahl und ein Platz in den Ställen zugestanden worden. Früher, erinnerte er sich, hatte er die Nächte unter freiem Himmel geliebt. Heute war ihm das einsame Bibbern zusammengekauert unter Felsvorsprüngen, Hecken und kahlen Baumkronen zuwider. Immer wenn er sich dazu genötigt sah, fühlte er sich am nächsten Morgen wie gerädert. Schmerzende Knochen, steife Glieder – nein, das Übernachten im Freien war etwas für junge Leute. So dachte er, während die Abendsonne ihr friedliches, goldrotes Licht über die weiten Felder und Baumgruppen ergoss, die sich vor ihm auftaten. Die Szenerie war vertraut, auch wenn das Umland der Festung sich enorm erweitert hatte. Obwohl es ihn noch einen halben Tagesmarsch kosten würde, eines der mächtigen Tore zu erreichen, fühlte er sich schon beinahe Zuhause. Das Krähen eines Hahns von einem Misthaufen lenkte sein Augenmerk auf ein Hofgut. Vom steinernen Schornstein, der wie ein erhobener Zeigefinger aus dem Dach ragte, zogen Rauchschwaden gen Himmel. Hier würde er, hoffentlich zum letzten Mal, um Unterschlupf bitten.

Gegen die Vernunft hoffte er, Heikhe in Brisak anzutreffen. Wer weiß, überlegte er, als seine auseinanderfallenden Stiefel durch den Matsch des Zugangs zum Hof schmatzten, vielleicht richtet sie ein Fest anlässlich meiner Rückkehr aus und stellt mir eine Leibgarde zur Seite, die mich sicher nach Erkenheim geleitet.

Der verwitterte Sandstein, aus dem die Wände des Haupthauses des Gehöfts bestanden, war von Wind und Regen abgeschliffen. Eine gestutzte Ulme lehnte sich an das Gemäuer und diente als zusätzlicher Tragebalken für das löchrige Ziegelsteindach. Wo Sturm und Hagel die Ziegel gebrochen hatten, war Moos und Stroh in die Löcher gestopft worden. Ein schäbiger Anblick.

Ehe Kraeh an die knauflose Tür klopfen konnte, öffnete sie sich. Ein von roten Adern durchzogenes Augenpaar glotzte ihn unter einer wettergegerbten Stirn hervor unschlüssig an. Der Mann war ärmlich gekleidet und stank nach Schweiß. Seine breiten, nackten und behaarten Unterarme hielten eine schartige Axt.

»Wat dich brucht an min Hof?«, fragte der Bauer säuerlich. Seine Wurstfinger umklammerten den Schaft der Axt, dass die hornhäutigen Knöchel bleich hervortraten.

Kraeh machte einen Schritt zurück und hob die Hände, um zu signalisieren, nicht auf Streit aus zu sein.

»Mein Name ist Henfir«, sagte Kraeh in ruhigem Tonfall. »Ich wollte lediglich um eine Schlafgelegenheit bitten.«

Die Knöchel des Bauern nahmen nun die rot gebräunte Farbe der übrigen Haut an, da sich sein Griff um die Axt entspannte. Der Bauer machte jedoch keinerlei Anstalten, ihn hereinzubitten, darum fügte Kraeh hinzu: »Es soll euer Schaden nicht sein. Ich kann bezahlen.« Er senkte seine Hände und beförderte zwei Kupferstücke ins Flackerlicht, das aus dem Inneren des Hauses drang.

»Brunai«, stellte sich der Mann knapp vor und versetzte dem Jungen, der nun neugierig hinter ihm hervorlugte, einen Klaps auf den Hinterkopf.

»Kumm rin«, zeigte Brunai sich nun freundlicher, »min Fruwe het die Nachtemahl beriet.«

Den Weg gab er allerdings erst frei, nachdem Kraeh ihm seine restlichen Geldstücke überreicht hatte. In der Stube saß bereits die ganze Familie zu Tisch, bis auf Brunais Frau, die zu den Tonschalen, welche schon dastanden, eine weitere füllte. Kraeh dankte und fragte sich, auf was die drei Mädchen, die vier Jungs und der Hausherr warteten. Merkwürdigerweise gesellte sich die Frau, der die Schmerzen der Geburten ins abgeschlaffte Gesicht geschrieben standen, nicht zu ihnen. Mit einem sorgenvollen Blick zog sie sich mit ihrem Essensanteil, der wegen des nicht eingeplanten Gastes spärlich ausfiel, in einen Nebenraum zurück.

Brunai erhob sich und faltete die Hände. »Wir lobben dir Gott, der du libbest dein guote Knächte.«

Da er wieder Platz nahm, machte sich die Familie über das Essen her; eine klebrige Pampe aus Milch und aufgelösten Haferflocken, die im Mund knirschte, wegen des mit Erde ausgewaschenen Topfes, wie Kraeh vermutete. Niemand sprach ein Wort. Die jüngste Tochter vergaß über das Bestaunen des Fremden das Essen, was ihr nach einiger Zeit den drohenden Blick ihres Vaters eintrug. Wären nicht zwei der Söhne im Wege gewesen, hätte der Hausherr seine Missbilligung bestimmt mit einem Schlag unterstrichen, die stumme Drohgebärde reichte jedoch aus. Das Mädchen schlang den Brei in sich hinein, ohne sich ein weiteres Mal zu trauen, auch nur den Kopf zu heben.

Das Mahl war rasch zu Ende. Brunais Frau räumte mithilfe der ältesten Tochter – einem hübschen Ding, bald im heiratsfähigen Alter – den Tisch ab, stellte ihrem Mann eine tönerne Flasche sowie zwei Becher hin und verließ gemeinsam mit den Kindern die Stube.

Der Bauer schenkte erst sich, dann Kraeh ein, leerte seinen Becher in einem Zug, schenkte sich nach und schob dem Fremden dann den zweiten Becher hin. In seiner befremdlichen Sprache hob er an, sein Leid zu klagen. Wie viele sei er den Versprechungen des Kaisers auf gutes Land und niedrige Steuern folgend aus dem fernen Süden hierher übergesiedelt. Zwei Söhne habe ihn allein die Reise gekostet. Nach zwei Sommern habe ein Pilz beinahe die gesamte Ernte vernichtet und er sei gezwungen gewesen, den Großteil der gepachteten Äcker brachliegen zu lassen, weil er sich kein neues Saatgut habe leisten können. Zudem seien wegen des Krieges mit den Sihhila gegen die Versprechungen des Kaisers dann doch Steuern erhoben worden, die er nicht zu entrichten imstande gewesen sei. Nun gehöre selbst »dis klih Hus, was sin war« Gunthertocht, der Herrin von Brisak. Kraeh konnte es kaum fassen. Sollten sich seine Hoffnungen erfüllen? Heikhe musste mittlerweile eine alte Frau sein, aber es war nicht unmöglich, dass sie das Zepter noch in der Hand hielt.

Sein Gegenüber, das sich in einem fort in Selbstmitleid erging, erregte in Kraeh kein Mitgefühl. Die Art, in der der Bauer seine Frau und seine Kinder behandelte, machte Kraeh eher wütend. Doch da er nichts daran ändern konnte, bat er den Hausherrn nach einem zweiten Becher des schlecht gebrannten Obstlers, den ihm der Bauer in großzügiger Geste gereicht hatte, ihm seinen Schlafplatz zu zeigen. Schwankend führte Brunai Kraeh zu den Stallungen außerhalb des Haupthauses. Er wies auf eine kläglich von Stroh bedeckte Stelle, die, hätte er es sich leisten können, wohl von einem weiteren Ochsen eingenommen worden wäre. Verstimmt über den Fremden, der so unerfreulich wenig Anteil an seiner Lebensgeschichte genommen hatte, raunzte er einen unwirschen Gutenachtwunsch und machte sich auf in sein Ehebett, wo seine Frau zu ihrem Gott betete, er möge zu betrunken sein, um Interesse an ihrem schon zur Genüge ausgebeuteten Körper zu haben. – Ihre Gebete wurden nicht erhört.

Einen Augenblick sann Kraeh nach, während er es sich so gemütlich wie unter den gegebenen Umständen möglich machte, ob er nicht ein seltsames Leuchten in den wässrigen Äuglein seines Gastgebers gesehen hatte, als er sich vorhin vom Tisch erhoben hatte. War es Gier gewesen? Seine weite Tunika war ihm beim Aufstehen weggerutscht und hatte damit möglicherweise den Blick auf den kostbaren Knauf Lidunggrimms freigegeben …

Aus dem Stroh hatte Kraeh ein Knäuel geformt, das ihm als Kopfkissen diente. Die Halme stachen ihm unangenehm in den Nacken. Seinen Umhang gebrauchte er als Decke. Nicht einmal eine Kerze hatte Brunai ihm dagelassen. So lag er im milchigen Licht des Mondes, das durch die Ritzen im Gebälk über ihm in die Stallung fiel.

Die Ochsen scharrten im Schlaf gelegentlich mit ihren Hufen. Im ganzen Stall stank es nach ihren Ausscheidungen. Draußen bellte ein Hund. Vermutlich war er damit beschäftigt, sein Revier gegen Füchse und andere Räuber zu verteidigen. Und noch etwas war zu hören: das Zanken von Katzen. In Kraehs Ohren klang es immer wie das Jammern kleiner Kinder. Ein unheimliches Geräusch. Er fragte sich, weshalb der Hund dem Streit kein Ende bereitete. Wahrscheinlich hatte der Bauer ihn darauf abgerichtet, die Katzen in Frieden zu lassen, da sie den Hof von den kleineren Plagen wie Mäusen und Ratten säuberten, die nicht in das Beuteschema des Hundes passten.

Auch wegen der Unbequemlichkeit hing er diesen Gedanken eine Weile nach, bis ein Knarren an der Stalltür ihn in die Realität zurückholte. Mit einem Mal wurde ihm klar, dass auch er wohl in ein gewisses Beuteschema geraten war. Ein unterdrücktes Streitgespräch verschaffte ihm genügend Zeit, Stroh zusammenzuklauben und seinen Mantel so darüber auszubreiten, dass es den Anschein erregte, er läge er noch immer an dem Platz, von dem er sich nun schleunigst entfernte.

Keinen Wimpernschlag zu früh, duckte Kraeh sich, als die Tür aufging. Brunai schlich, gefolgt von zweien seiner Söhne, auf leisen Sohlen zu der präparierten Schlafstätte. Einer trug eine abgedämmte Laterne und alle drei hatten Knüppel in den Händen. Ohne Zaudern – das hatte Brunai seinen Söhnen offensichtlich erfolgreich eingebläut, ehe sie den Stall betreten hatten – schlugen sie auf das Stroh ein. Es dauerte lächerlich lange, ehe der Mantel verrutschte und die drei ihren Fehler erkannten.

Kraeh war in der Zwischenzeit aus seinem Versteck hinter einem schlafenden Ochsen hervorgetreten und versperrte breitbeinig die Tür.

Der Bauer und seine Söhne zuckten zusammen, als Kraeh einen Pfiff ausstieß. Der kurze Moment des Schreckens wich jedoch schnell der Habsucht, als Brunais Blick den Greis auf der Schwelle musterte.

»Giffen mir dat!«, stieß er zwischen seinen faulen Zähnen hervor und deutete dabei auf Kraehs Hüfte.

»Was?«, fragte der Alte betont langsam. »Das hier?«

Das magische Schwert fuhr aus der Scheide. Mondlicht huschte über die Klinge und die Lider der drei Augenpaare, die darauf gerichtet waren, weiteten sich. Noch nie hatten sie etwas derart Wertvolles gesehen. Und es war zum Greifen nahe; allein die gichtigen Finger eines steinalten Fremden trennten sie davon, es in ihren Besitz zu bringen.

»Giffen uns dat«, wiederholte der größere der beiden Söhne seinen Vater, »und du kunnst fortegahn.«

Beinahe taten Kraeh die Narren leid. Ohne Frage, er war alt, nicht mehr als ein erbärmlicher Abglanz seiner einstigen Größe, aber genau das würde den dreien zum Nachteil gereichen. Früher hätte er sich vielleicht damit begnügt, ihnen mit ihren eigenen Knüppeln den Hintern zu versohlen, dieser Tage würde er besser sichergehen …

»Du hast recht, ich werde verschwinden«, schleuderte er jenem ältesten Sohn herablassend entgegen, dessen Stirnfalten und Gestik verrieten, dass er die größte Möglichkeit eines unbeschadeten Angriffs in seiner linken, der waffenlosen Seite entdeckt zu haben glaubte.

»Aber ich gehe mit all meinen Sachen, insbesondere dieser.« Dabei drehte er Lidunggrimm so in seiner Hand, dass dem jungen Mann hätte klar werden müssen, wie wenig ausgereift sein Angriffsplan war. Wären sie gemeinsam auf ihn losgegangen, hätten sie eine Chance gehabt, doch das Zaudern Brunais und dessen jüngeren Sohnes bot Kraeh die Möglichkeit, den brutalen von oben herab geführten Schlag des Knüppels mühelos zu parieren. Das Holz splitterte, als es auf die Klinge traf. Kraeh machte einen Satz zurück und zog dem Bauernjungen die Schneide längs über den Bauch. Fassungslos schaute dieser an sich herab. Der Schmerz hatte sein Bewusstsein noch nicht erreicht und so versuchte er, blass vor Schock, seine Eingeweide mit den Händen an ihrem angestammten Platz zu halten. Natürlich war sein Unterfangen vergeblich. Seine Innereien quollen hervor, flutschten durch seine gespreizten Finger und klatschen auf den Stallboden. Er wankte und fiel. Der Vater stürzte neben seinem Sohn zu Boden, nahm den sterbenden Körper in seine Arme und begann, heftig zu schluchzen.

Kraeh wusch die Klinge an einer Decke ab, die über einer Koppel hing, schob sie in ihre Scheide und verließ ohne ein weiteres Wort den Stall. Er empfand keinerlei Mitleid, nur ein Gefühl des Ekels begleitete ihn nach draußen in die kalte Nacht.