Kranke Pflege - Alexander Jorde - E-Book
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Beschreibung

Seit Jahren steigt die Zahl der Pflegebedürftigen und das Pflegepersonal ist immer höheren psychischen und körperlichen Belastungen ausgesetzt. Viel zu lange wollte niemand hinsehen. Der 22-jährige Pflege-Azubi Alexander Jorde hat den Pflegenotstand über Nacht auf die politische Agenda gebracht. Seine Erfahrungen lassen nur einen Schluss zu: Es ist höchste Zeit, die Würde des Menschen zu achten! Am 11. September 2017 rückt ein Thema in den Fokus der Öffentlichkeit, das uns alle betrifft: Pflege. Alexander Jorde, angehender Gesundheits- und Krankenpfleger, konfrontiert Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Wahlarena vor Millionen von Zuschauern mit den unhaltbaren Zuständen in der Pflege. Daraufhin entbrennt die längst überfällige Diskussion um das eklatante Missverhältnis zwischen der Zahl der Pflegebedürftigen und der Zahl der Pflegekräfte. Wie konnte es in einem der reichsten Länder der Welt soweit kommen? Und was sagt dieser Zustand über unsere Gesellschaft aus? Alexander Jorde benennt die herrschenden Missstände, eröffnet Wege aus dem Pflegenotstand und zeigt zugleich, wieviel Erfüllung er jeden Tag aufs Neue in den Begegnungen mit den Menschen erfährt. Ein berührendes wie alarmierendes Buch, das sich einer Thematik widmet, die keinen Aufschub duldet.

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ALEXANDER JORDE

KRANKE PFLEGE

GEMEINSAM AUS DEM NOTSTAND

TROPEN SACHBUCH

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Tropen

www.tropen.de

© 2019 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Zero-Media.net, München

unter Verwendung eines Fotos von © Annette Hauschild, Shutterstock

Foto von Alexander Jorde (S. 1) © Annette Hauschild, Ostkreuz

Datenkonvertierung: C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen

Printausgabe: ISBN 978-3-608-50384-5

E-Book: ISBN 978-3-608-11528-4

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Einführung

Kapitel 1

Pflegen kann doch jeder – oder?

Kapitel 2

Pflegenotstand

Kapitel 3

Und wer trägt jetzt die Schuld?

Kapitel 4

Ein Blick über den Tellerrand

Kapitel 5

Wege aus dem Notstand

Ein Wort zum Schluss

Wir haben es in der Hand

Anmerkungen

Einführung

Krankheit und die eigene Verletzlichkeit – sowohl körperlich als auch seelisch – sind Dinge, über die wir uns selten Gedanken machen und die wir gerne verdrängen. Vor allem als junger Mensch scheint das alles sehr weit weg zu sein. Doch nach fast drei Jahren, in denen ich in meiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger mit kranken und pflegebedürftigen Menschen gearbeitet habe, ist mir eines bewusst geworden: Das Leben kann sich von einem Moment auf den anderen verändern. Schneller als ein Wimpernschlag. Ich sehe Menschen am schönsten Tag ihres Lebens. Familien, die ihr Neugeborenes in den Armen halten oder Patienten, die eine Krankheit besiegt haben. Aber ich treffe auch Menschen in ihren dunkelsten Stunden. Etwa wenn ein Herzinfarkt einen Familienvater innerhalb von Sekunden aus seinem gewohnten Leben reißt und nichts mehr ist, wie es einmal war.

Tod, Krankheit, Pflegebedürftigkeit – das sind Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Haben wir die Missstände in der Pflege deshalb so lange ignoriert? Pflege kann jeden von uns betreffen und doch ist sie für viele kein Thema. Dabei kann sie innerhalb kürzester Zeit so nah sein. Jeder von uns kann morgen persönlich, im Freundeskreis oder in der Familie betroffen sein. Und wie möchten wir dann versorgt werden? Wie soll unsere Familie, unsere Frau, unser Mann oder vielleicht sogar unser Kind versorgt werden? Wir müssen uns mit unbequemen Themen auseinandersetzen und uns einbringen, ob Politiker1, Pflegekräfte oder Journalisten. Jeder Einzelne ist gefragt, als Staatsbürger, als Teil dieser Gesellschaft. Wir alle, weil sich das Leben schneller verändern kann, als man es sich manchmal wünscht.

Ich möchte Sie an jenen Tag mitnehmen, an dem ich die Chance hatte, dieses so wichtige Thema, welches viele Millionen Menschen tagtäglich bewegt, endlich etwas mehr an die Oberfläche treten zu lassen.

Es ist der 11. September 2017. Um 4.45 Uhr klingelt mein Wecker, daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Ich frühstücke, dusche und fahre zur Arbeit. Irgendwie ist mir schon bewusst, dass heute kein normaler Tag werden wird, obwohl sich zunächst alles wie immer anfühlt. Im Krankenhaus ziehe ich wie jeden Tag als Erstes meine weiße Arbeitskleidung an. Ich gehe auf die Station und folge der Übergabe. Die Pflegekraft des Nachtdienstes bespricht mit uns die Entwicklung der Patienten und ob es irgendwelche besonderen Vorkommnisse gab. Der heutige Frühdienst unterscheidet sich nicht sonderlich von dem an anderen Tagen. Der Einsatzbereich ist für mich allerdings ein besonderer. Da ich eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger absolviere, habe ich im Klinikalltag nicht allzu oft Kontakt mit Kindern in meiner pflegerischen Arbeit. Denn sie werden in der Regel von Gesundheits- und Kinderkrankenpflegern versorgt. Es ist für mich eine neue Erfahrung, eine Zeit lang in diesem Bereich zu arbeiten und zu lernen, dass Kinder ganz andere Unterstützung und Beschäftigungsangebote benötigen als Erwachsene. Hier ist sehr viel Empathie und Fingerspitzengefühl gefragt. Während die Stunden heute vergehen, schaue ich immer öfter auf die Uhr. Ich stelle mir vor, wie das heute Abend ablaufen wird. Als ich um 14 Uhr schließlich die Klinik verlasse, fahre ich den Kilometer mit dem Fahrrad nach Hause und esse noch schnell eine Kleinigkeit.

Ich starte um 14.30 Uhr Richtung Lübeck. Geplante Fahrtzeit: 2 Stunden und 45 Minuten. Dann vor Hamburg: Stau. So erübrigt sich das mit der geplanten Fahrtzeit. Glücklicherweise bin ich früh genug losgefahren. Trotzdem beginnt sich langsam Angstschweiß auf meiner Stirn zu bilden, als es einfach nicht vorangeht. Nach einer gefühlten Ewigkeit geht es endlich in ein langsames Stop-and-go über. Da ich an der Situation nichts ändern kann, nutze ich die Zeit, um zu überlegen, wie ich nachher das zum Ausdruck bringen kann, was mir so auf der Seele brennt. Ich denke an die vielen Talkshows, in denen es fast nie um die Pflege geht. Und wenn doch, dann sitzen da meistens nur Politiker, die sich gegenseitig Vorwürfe machen. Dabei hätten sie fast alle in den letzten zwanzig Jahren die Möglichkeit gehabt, etwas zu bewegen: CDU/CSU, Die Grünen, SPD und auch die FDP. Auf der Suche nach einem geeigneten Einstieg kommt mir der Artikel 1 des Grundgesetzes in den Sinn – der Artikel, der über allen anderen steht und als Grundrecht das höchste Gut unserer Gesellschaft darstellt und trotzdem für viele Pflegebedürftige, aber auch für viele Pflegekräfte nicht immer zu gelten scheint.

Als ich damals auf Facebook den Aufruf der Tagesschau sah, sich für die Wahlarena mit der Bundeskanzlerin und Spitzenkandidatin Angela Merkel zu bewerben, dachte ich, probieren kann man’s ja mal. Wirklich damit gerechnet, dass es klappt, hatte ich nicht. Also machte ich es kurz und trug in das Feld »Ihre Frage« Folgendes ein: »Was wollen Sie konkret gegen den Pflegenotstand tun? Werden Sie einen verbindlichen Personalschlüssel einführen?« Tage später klingelte das Telefon, eine unbekannte Nummer. Es meldete sich eine Mitarbeiterin des NDR, die mir sagte, sie würde meine Frage sehr interessant und wichtig finden, vor allem aufgrund meines jungen Alters. Sie versprach, sich in einigen Tagen zurückzumelden, wenn feststehe, ob ich zu denjenigen gehöre, die eine Einladung zur Wahlarena bekommen.

Und jetzt sitze ich tatsächlich im Auto auf dem Weg in die Wahlarena und bin mir nun sicher, dass ich mit der unverletzlichen Würde des Menschen einsteigen werde. Viel weiter komme ich allerdings nicht, denn die nächste Ausfahrt ist endlich in Sichtweite. Ich handle gegen den Willen meines Navigationssystems und fahre von der Autobahn ab und dann zwanzig Kilometer über Landstraßen mitten im Nirgendwo, bis ich schließlich wieder auf eine freie Autobahn gelange. Nach vier Stunden komme ich endlich in Lübeck an.

Das Gebäude, in dem die Wahlarena untergebracht ist, ist eine alte Werfthalle aus Backstein, leicht verfallen. Drinnen ist es moderner, mit Stahlverstrebungen, im Industrial Style. Es werden Schnittchen gereicht, die Leute unterhalten sich angeregt, ich bin jedoch ganz mit meinem Thema beschäftigt. Angetrieben von der Hoffnung, dass ich vielleicht irgendwas, wenn auch nur ein kleines bisschen, bewegen kann, werde ich immer ungeduldiger. Wenn ich in etwas nicht gut bin, dann ist es Warten. Ich schaue mich um. Das sind also die 150 Menschen, die repräsentativ eingeladen worden sind. Ein Querschnitt der deutschen Gesellschaft: Auszubildende, Studenten, Rentner, Selbstständige, Arbeitslose – und dazwischen ich. Sie alle sind hier, um im Wahlkampf Angela Merkel kritische Fragen zu stellen.

Wir werden in Vierergrüppchen in den Raum eingelassen. Um 19.30 Uhr sind dann alle Zuschauer auf ihren Plätzen und der Countdown läuft: Noch 45 Minuten, bis die Sendung beginnt. Meine Anspannung steigt, verbunden mit der Angst, umsonst hergefahren zu sein. Mein Kopf lässt kaum noch einen anderen Gedanken zu. Ich sehe mich um. Es ist das erste Mal, dass ich in einem Fernsehstudio bin. Es wirkt gar nicht so besonders, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber es kommt mir absolut irreal vor, dass ich nun hier bin.

19.45 Uhr: Ein Mann mittleren Alters beginnt mit mal mehr mal weniger lustigen Sprüchen, die Verhaltensregeln und Fluchtwege während der Sendung zu erläutern. Wie mit einer Grundschulklasse im Theater. Handys aus. Muss noch jemand auf die Toilette?

20.05 Uhr: Angela Merkel betritt den Raum. Sie steht nur etwa vier Meter von mir entfernt und doch scheint sie weit weg zu sein. Sie geht ganz in ihrer Rolle als Bundeskanzlerin auf, wirkt distanziert und kontrolliert. Sie trägt einen roten Blazer und eine schwarze Hose, ich trage ein Jeanshemd, das mich wohl ab heute immer an diesen verrückten Tag erinnern wird. Sie begrüßt lächelnd das Publikum.

20.15 Uhr: Primetime. Die Wahlarena beginnt. Wir hören die Melodie der Tagesschau, die Moderatoren leiten die Sendung ein. Die erste Frage stellt ein Erstwähler, der gerne die CDU wählen würde. Da er aber in Bayern wohnt und die CSU aufgrund der Flüchtlings-Obergrenze nicht wählen möchte, steht er vor einem Problem. Damit liegt gleich zu Beginn einmal mehr das scheinbar wichtigste Thema des Wahlkampfes und unserer Gesellschaft auf dem Tisch: die Flüchtlingskrise. Es gab Zeiten, da wurde unter Krise noch etwas verstanden, das für viele Menschen massive Einschnitte in ihr Leben und eine ernsthafte Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutete.

Auf Platz eins der größten Ängste der Deutschen steht die Angst vor dem Terrorismus.2 Wenn man die nüchternen Zahlen betrachtet, wirkt diese Angst paradox, denn die Zahl der Menschen, die im Krankenhaus in Folge nosokomialer Infektionen sterben, liegt mit circa 15 000 Todesfällen pro Jahr hundertfach höher als die Zahl der Menschen3, die Opfer terroristischer Anschläge werden.4 Dabei ließen sich diese im Krankenhaus entstehenden Infektionen durch mehr qualifiziertes Pflegepersonal zumindest teilweise senken. Durch die hohe Anzahl an Patienten bleibt am Ende weniger Zeit für hygienische Maßnahmen, wie beispielsweise die so wichtige Desinfektion der Hände. Man darf ein Leid nicht gegen das Leid eines anderen ausspielen, aber warum wird einer größeren Bedrohung weniger Aufmerksamkeit zuteil? Im CDU-Wahlprogramm steht, dass sich niemand um die Pflege Sorgen machen müsse. Genau solche Sätze sind es, die mich unglaublich wütend machen. Oder, wenn davon die Rede ist, dass die Pflege schlecht geredet wird. Es geht nicht darum, etwas schlecht zu reden, vielmehr muss auf die realen Umstände aufmerksam gemacht werden. Nicht die Arbeit, die die Pflegekräfte leisten, ist schlecht, sondern die Bedingungen, unter denen sie die Leistungen erbringen, sind es.

Doch zunächst zurück in die Wahlarena. Die Sendung läuft seit einigen Minuten. Der Moderator schaut sich nach der nächsten Meldung um und sieht dabei in meine Richtung. Ich starre ihn förmlich an und plötzlich zeigt er auf mich. Es passiert das, worauf ich so gehofft habe. Um 20.33 Uhr ist der Moment da. Auf einmal habe ich das Mikrofon vor meinem Mund. Ich stelle mich vor und beginne:

»Im Artikel 1 des Grundgesetzes steht, die Würde des Menschen ist unantastbar. Jetzt habe ich es in einem Jahr im Krankenhaus und Altenheim erlebt, dass diese Würde tagtäglich in Deutschland tausendfach verletzt wird. Ich finde, das ist ein Zustand, der ist nicht haltbar. Es gibt Menschen, die liegen stundenlang in ihren Ausscheidungen, das sind Menschen, die haben dieses Land aufgebaut nach dem Weltkrieg, die haben dafür gesorgt, dass wir diesen Wohlstand haben, in dem wir heute leben. Die Pflege ist so überlastet und Sie sind seit zwölf Jahren an der Regierung und haben in meinen Augen nicht viel für die Pflege getan. Im CDU-Wahlprogramm steht, keiner muss sich Sorgen machen um seine Pflege in Deutschland – das läuft alles, so nach dem Motto, aber das ist nicht so, das ist absolut nicht so. Es gibt Schichten, da ist man mit zwanzig Patienten pro Pflegekraft und das kann nicht sein. Warum führen sie nicht endlich eine Quote ein, wo man sagen kann, eine Pflegekraft betreut maximal soundso viele Patienten. Das muss doch in einem Land wie Deutschland möglich sein und da muss es auch möglich sein, mehr Geld in die Pflege zu stecken, oder?«

Ich glaube, es gab selten Momente in meinem Leben, die mir so unwirklich vorkamen. In dieser Situation realisiere ich nicht, dass Millionen Menschen vor dem Fernseher meine Worte hören können und dass ich gerade mit der vielleicht mächtigsten Frau der Welt rede. Ich merke nur, dass mein Puls, während ich spreche, in die Höhe geschossen ist, wie das Adrenalin durch meine Blutgefäße pumpt. Und dann ist da noch diese Wut. Die Wut, die ich spüre, wenn ich etwas ungerecht finde. Und ich habe noch nie etwas als so ungerecht empfunden, wie ich es in diesem Moment tue. Es ist so, dass ich persönlich nicht tausendfach diese Verletzungen der Würde gesehen habe. Aber jedem, der mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht, ist klar, zu welchen Situationen es zwangsläufig kommen muss, wenn man sieht, um wie viele Patienten sich ein Alten- oder Krankenpfleger gleichzeitig kümmern muss. Bei mir im Krankenhaus lief ebenfalls nicht immer alles ideal ab, doch habe ich eine angenehmere Atmosphäre wahrgenommen, als sie vielerorts vorherrscht. Pauschalisierungen sind fehl am Platz, denn es gibt neben vielen Negativbeispielen auch positive. Und darum geht es mir letztendlich. Ich möchte zeigen, dass es sich um strukturelle Probleme handelt und nicht einigen Wenigen die Schuld zuzuweisen ist. Angela Merkel scheint meine Wut wahrzunehmen und wirkt etwas überrascht über die Klarheit meiner Worte. Sie sagt, ich würde einen Punkt ansprechen, der viele bewegt und weiter:

»Wir haben in den letzten vier Jahren den Pflegeversicherungsbeitrag erhöht, wir haben fast zwanzig Prozent mehr Geld im gesamten Pflegebereich und das läuft jetzt gerade mit dem neuen Pflegebegriff, den wir eingeführt haben, damit wir endlich die Demenzkranken vernünftig behandeln können. Auch die Neufestlegung der Mindestbetreuer pro Bewohner in den Pflegeheimen und diese Neugewichtung wird gerade ausgehandelt mit den entsprechenden Kassen.«5

Dass ich eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger mache und damit primär im Krankenhaus arbeite und ausgebildet werde, hat sie entweder überhört oder sie ignoriert es gekonnt. Denn dann wäre ihr aufgefallen, dass die Pflegeversicherung mit der Finanzierung von Pflege im Krankenhaus nichts zu tun hat. Und damit lässt sie auch das entscheidende Thema der Finanzierung komplett außer Acht.

Die angesprochenen Maßnahmen sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein, es kommt mir vor, als wolle sie mit einer Wasserpistole einen Waldbrand löschen. Nach zwölf Jahren Regierung ist das, was sie beim Thema Pflege vorzuweisen hat, ein Armutszeugnis. Sie muss sich eingestehen, dass viele Menschen nicht vom wirtschaftlichen Erfolg profitieren, in der Pflege wird dies besonders sichtbar. Die Maßnahmen, die sie beschreibt, haben zumindest in der stationären Pflege, sowohl im Krankenhaus als auch in den Pflegeheimen, weder Pflegekräfte noch Pflegebedürftige positiv zu spüren bekommen. Der Moderator drängt sie zu konkreteren Antworten, die auch ich mir wünsche.

»Wir haben im Krankenhausbereich Mindestpflegestandards«, sagt Merkel.

Die Überraschung über diese Aussage steht mir förmlich ins Gesicht geschrieben und ich entgegne: »Auf den Normalstationen auch?«

»Wir haben das in den Intensivpflegestationen bereits«, sagt Merkel, »bei den Normalpflegestationen müssen die Krankenhäuser das bis, glaube ich, 2018 hinbekommen. Und wenn sie es nicht hinbekommen, werden von der Regierung Standards festgelegt.«

Das entspricht zumindest zum Teil nicht der Wahrheit, da lediglich für die Betreuung von Frühgeborenen auf der Intensivstation Vorgaben gelten, wie die Tagesschau am nächsten Tag in ihrem Faktencheck richtigstellt.6 Für die Betreuung von Kindern und Erwachsenen gibt es de facto keine Personalvorgaben in den Krankenhäusern. Dass ich mit ihren Aussagen nicht einverstanden bin und meine Wut nicht abklingt, sieht sie offenbar:

»Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass zum Schluss alles zu bester Zufriedenheit ist, aber es wird mehr Standard da reinkommen. Ich hoffe, dass wenn wir uns in zwei Jahren wiedersehen würden, dass es dann etwas besser ist.« Das ist nun wirklich aus der Luft gegriffen und völlig realitätsfern. Und es zeigt auch ein Stück weit Merkels Hilflosigkeit in dieser Situation. Ich kann das nachvollziehen. Ein solch großes Thema kann für eine Wahl entscheidend sein und das kann sie so nicht stehen lassen. Aber bei allem Verständnis, damit lasse ich mich nicht abspeisen: »Das kann gar nicht funktionieren«.

»Warum kann das nicht funktionieren?«, fragt sie, etwas irritiert.

»Wie wollen Sie es denn schaffen, dass in zwei Jahren schon mehr Pflegekräfte da sind? Die fallen ja nicht vom Himmel.«

»So, das ist jetzt wieder. Das ist jetzt …«, setzt Merkel an, doch ich lasse mir an dieser Stelle nicht das Wort nehmen. Ich führe meine Beobachtung aus, sie verstummt, lächelt und nickt. Darüber, was sie in diesem Moment denkt, kann ich nur spekulieren.

Was ich will sind Taten, keine Worthülsen. Ich frage sie nochmals, wie sie das Problem angehen will und weise darauf hin, dass sich im Hinblick auf den demographischen Wandel die Lage noch verschärfen wird und uns dann deutlich Schlimmeres bevorsteht. Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl des fehlenden Pflegepersonals sich 2030 auf circa 480 000 Fachkräfte belaufen wird.7 »Das wird eine Katastrophe werden«, schließe ich ab.

Angela Merkel schlägt vor, für den Beruf zu werben und eine bessere Bezahlung zu bieten – und notfalls, Pflegekräfte aus dem Ausland zu holen. Aber jetzt ist schon notfalls und wir können unsere Probleme nicht in andere Länder verlagern. Brauchen die Menschen in Polen oder auf den Philippinen etwa keine pflegerische Versorgung? Wir verlagern ohnehin viel zu oft unsere Probleme in andere Länder. Wir lassen beispielsweise unsere Kleidungen zu Bedingungen produzieren, die man als moderne Sklaverei bezeichnen könnte und es kommt kaum jemand auf den Gedanken, Probleme, die man selbst verschuldet hat, auch selbst zu lösen. Das ist im Hinblick auf ein angestrebtes Zusammenwachsen der Staaten Gift und zeugt von mangelnder Verantwortung gegenüber der eigenen Bevölkerung wie auch derjenigen anderer Staaten.

Nochmals versucht Merkel abschließend auf mich einzugehen und zu besänftigen: »Ich finde es toll, auch wenn sie jetzt vielleicht ein bisschen wütend sind, dass sie auch als junger Mann diesen Beruf gelernt haben.« Und das war’s. Das war mein Gespräch mit der Bundeskanzlerin in der Wahlarena. Ich hatte gehofft, Angela Merkel noch mehr Konkretes zu entlocken und sie zu verbindlichen Aussagen zu treiben. Doch zumindest habe ich das Gefühl, dass es mir gelungen ist, dass das Thema »Pflege« endlich einmal eine größere Öffentlichkeit erreicht.

Ich folge den Fragen der anderen Gäste bis zum Ende der Sendung. Als ich mich in mein Auto setze, kann ich immer noch nicht fassen, was gerade passiert ist. Ich schaue auf mein Handy und mir wird schlagartig klar, dass das Gespräch nicht ohne Echo verhallen wird. Hunderte Nachrichten und Freundschaftsanfragen auf Facebook haben mich erreicht. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich fahre mit einer Mischung aus Aufgedrehtheit und Erschöpfung nach Hause, dieses Mal ganz ohne Stau. Zu Hause angekommen, lege ich das Handy zur Seite. Noch in der gleichen Nacht um ein Uhr morgens klingelt das Telefon. Wieder eine unbekannte Nummer, dieses Mal ist es die Deutsche Presse-Agentur und ein Herr, der nur kurz meine Beweggründe und meine Eindrücke aus der Wahlarena erfahren möchte. Mein erstes Interview, mitten in der Nacht. Am nächsten Morgen habe ich es immer noch nicht so richtig begriffen. Mein Handy ist zu diesem Zeitpunkt schon völlig überlastet – Zuspruch von vielen Seiten, Anfragen von Radiosendern und Zeitschriften. Gefühlte zwei Stunden führe ich immer wieder das gleiche Interview. Eigentlich müsste ich einkaufen, denn der Kühlschrank ist leer. Doch stattdessen geht es immer weiter, ohne Pause, sodass ich erst abends bemerke, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe.

Was in den nächsten Tagen passiert, ist völlig verrückt. Ich lese Schlagzeilen und Worte über mich wie »Über Nacht zum Netzstar«8, »Der mit der Kanzlerin ringt«9, »Heftige Kritik an Merkel«10 oder »Azubi grillt Merkel«11. In fast allen Zeitschriften werde ich erwähnt und Formulierungen wie »ungewöhnlicher TV-Held«12 sind mir unangenehm, denn es geht mir um die Sache und nicht um meine Person. Ich stehe eigentlich nicht gerne im Mittelpunkt, aber ich bin jemand, der keiner politischen Diskussion ausweicht. Und hier geht es um meine Überzeugungen. Leider richten viele Medien ihren Blick mehr auf mich als Person als auf das Thema. Doch es gibt auch einige positive Gegenbeispiele, etwa: »Ein Moment für die Krankenpflege«13.

Als ich nach einiger Zeit einen verpassten Anruf aus dem Krankenhaus auf meinem Handy sehe, denke ich das erste Mal daran, dass ich einen Drahtseilakt vollführe. Natürlich bin ich mit der Gesamtsituation nicht zufrieden, jedoch geht es mir um eine generelle Kritik am System. Als ich zurückrufe, erfahre ich, dass es viele Anfragen an das Krankenhaus gibt, ob ich dort arbeiten würde und ob man dort filmen könne. Mein Arbeitgeber zeigt sich diesen Anfragen gegenüber sehr offen und unterstützt mich. Das ist nicht selbstverständlich.

In den nächsten Tagen und Wochen ist die mediale Aufmerksamkeit unglaublich hoch. Teilweise überflutet es mich so, dass auch das Private darunter leidet. Es dauert eine ganze Weile, bis es mir gelingt, alles zu regeln. In einem Moment stehe ich auf der Station und gehe meiner Arbeit nach, im anderen finde ich mich in einer Talkshow wieder. Ob bei »Markus Lanz« oder »Hart aber fair«. Ich habe das Gefühl, dass alles immer irrealer wird. Gleichzeitig hoffe ich, dass ich mit meinen Argumenten wenigstens ein wenig zu einer Veränderung beitragen kann. Die Diskussion zu dem Thema ist zumindest entfacht und das ist schon ein großer Gewinn.

Ich habe alles, was nach der Wahlarena geschehen ist, nicht vorhersehen können. Ich wusste bis zu dem Moment, als das Mikrofon vor meinem Mund erschien, nicht einmal, ob ich überhaupt zu Wort kommen würde. Doch ab dann ging für mich alles Schlag auf Schlag. Plötzlich sitze ich als einundzwanzigjähriger Auszubildender in Talkshows, Podiumsdiskussionen und streite mit Politikern.

Ich habe ein sensibles Empfinden, wenn es um Gerechtigkeit geht und vor allem dann, wenn sie aus dem Gleichgewicht gerät. Es gibt viele Dinge in diesem Land, die ich ungerecht finde, auch wenn vieles besser ist als in anderen Ländern. Ich bin jemand, der diese Missstände nicht unkommentiert lassen kann. Die Wahlarena war für mich die Chance, endlich das anzusprechen, was mich wirklich bewegt. Was für Konsequenzen das nach sich zieht, habe ich nicht im Ansatz geahnt.

Ich habe durch die Wahlarena und meine Teilnahme an unterschiedlichen medialen Formaten zumindest für den Moment eine gewisse Bekanntheit erlangt. Das war zwar nie mein Ziel, aber ich sehe es als Möglichkeit, dem Thema »Pflege« und den damit verknüpften Problemen eine Bühne zu bieten. Schon zu einem frühen Zeitpunkt habe ich bemerkt, dass das Interesse vieler Medien nicht zwingend einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Thematik gilt. Egal ob in Talkshows, Radio-Interviews oder in Zeitungsartikeln, meist findet die Berichterstattung nur sehr oberflächlich statt. Häufig hat die persönliche Ebene Vorrang. Ich wurde in vielen Interviews dazu aufgefordert, mehr aus meinem Alltag zu berichten und dramatische Geschichten zu erzählen. Natürlich wollen die Medien viele Menschen erreichen und das geht vor allem über persönliche Hintergründe und Erlebnisse, die das Interesse des Lesers oder des Zuschauers wecken und zeigen, warum uns der Pflegenotstand überhaupt angeht. Doch viel zu oft bleibt es auch dabei. Ich beobachte es immer wieder. In den Sendungen geht es darum, Pflegekräfte zu zeigen, die die Missstände beschreiben und zu veranschaulichen, wie dramatisch die Zustände sind. Und ja – sie sind dramatisch. Aber es wird sich nichts daran ändern, wenn wir die Probleme nur benennen, aber nicht darüber sprechen, wie es dazu kommen konnte, und was wir dagegen tun können.

Ich habe mich entschieden, dieses Buch zu schreiben, um zu versuchen, einen Blick auf alle Facetten zu werfen und dabei auch über den Tellerrand hinauszuschauen. Ich bin weder ein erfahrener Autor noch ein Gesundheitsökonom oder Pflegewissenschaftler. Genauso wenig habe ich jahrzehntelange Berufserfahrung vorzuweisen. Und doch ist es vielleicht genau das, was den Reiz dieses Buches ausmacht. Denn diejenigen, die ich aufgezählt habe, können aus ihrem Blickwinkel detailliert und mit hoher Expertise über Pflege berichten. Aber die Perspektive eines Auszubildenden ist vielleicht ebenso eine, die nicht nur gehört werden sollte, sondern auch bereichernd sein kann.

Ich möchte versuchen, mit diesem Buch so viele Menschen wie möglich anzusprechen und einen tieferen Einblick zu gewähren, was professionelle Pflege bedeutet. Außerdem möchte ich zeigen, wie wir überhaupt an diesen Punkt, an dem wir uns heute befinden, gelangt sind. Ich beschäftige mich mit der Frage, welche Lösungsansätze andere Länder bieten, was wir für uns übernehmen können und welche weiteren Lösungsansätze einen Weg aus dem Notstand bereiten können. Ich will und kann nicht die Lösung für alle Probleme in der Pflege anbieten. Aber ich unternehme den Versuch, durch einen umfassenden Blick das Verständnis dafür zu erweitern, was Pflege bedeutet, wie sich der Pflegenotstand auf Pflegekräfte und Pflegebedürftige auswirkt und wie wir nur gemeinsam einen Weg daraus finden können. Dieses Buch wird also nicht dramatische Missstände enthüllen oder die Lösung präsentieren, auf die alle gewartet haben. Vielmehr möchte ich den Notstand differenziert beleuchten und dazu anregen, dass jeder Einzelne etwas zu einer Veränderung beitragen kann.

Kapitel 1

Pflegen kann doch jeder – oder?

Beinahe wäre ich nicht im Krankenhaus gelandet. Und dann hätte ich auch nie in der Wahlarena mit Angela Merkel gesprochen. Es war nie mein Ziel, Gesundheits- und Krankenpfleger zu werden, und sicher nicht mein Traumberuf. Mein Kindheitstraum war immer ein anderer. Sehr lange Zeit wollte ich Pilot werden, doch das blieb mir verwehrt, da meine Sehstärke nicht ausreichte. Das war kein Weltuntergang, denn mir war bewusst, dass die Chancen gering sind, aber ich wusste, dass ich mich nicht jeden Tag acht Stunden in ein Büro setzen wollte. Ich wollte etwas machen, das mich auch an Grenzen stoßen lässt und ich hatte unterschiedliche Vorstellungen davon, welche Tätigkeit ich später einmal ergreifen könnte. Ich entschied mich nach dem Abitur zunächst für den freiwilligen Wehrdienst. Ich verabscheue Krieg und Gewalt mehr als alles andere, aber ich fand es immer beeindruckend, dass es Menschen gibt, die bereit sind, ihr Leben für unsere Werte, unsere Freiheit und unsere Rechte einzusetzen. Für mich war es wichtig, mir selbst ein Bild von der Institution Bundeswehr zu machen. Zehn Monate war ich bei der Marine, zunächst für drei Monate in der Nähe von Stralsund für die Grundausbildung. Ich hatte trotz meiner kurzen Verpflichtungszeit das Glück, anschließend an Bord eines der neusten und größten Schiffe der deutschen Marine zu gehen und für sechs Monate im Mittelmeer und der Ägäis im Einsatz zu sein. Es war für mich eine sehr prägende und gleichzeitig sehr anstrengende Zeit. Ich habe viel für mein Leben gelernt. Doch für mich war klar, dass die Zeit bei der Marine auf zehn Monate begrenzt war.