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"Kommissar Pfeffer drehte sich kurz zur Seite. Die Nerven lagen blank. Entweder jetzt zum Psychiater gehen oder diesen Fall noch durchziehen, er musste sich entscheiden, während das Blut des Opfers in der ungewöhnlich heißen Septembersonne langsam trocknete..." Wie wird die Seele eines Serienkillers geboren? Ein zerstörtes Leben. Eine Liste von Personen. Vor diesem Hintergrund wird ein ungewöhnliches Erbstück zum Fingerzeig Gottes...Doch was als Bestrafung geplant war, läuft schon bald völlig aus dem Ruder. Privatdetektiv Nils Choi glaubt zunächst, einem schlichten Eifersuchtsdrama auf der Spur zu sein und wird so wichtigster Zeuge der ersten Mordtat. Die Ermittlungen verlaufen zunächst schleppend, doch der Täter plant bereits die nächste Tat. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt und allmählich wird klar: Der Täter ist ein alter Bekannter.
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Seitenzahl: 348
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Björn Ludwig
Krankes ICH
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1
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5
6
7
8
9
10
11
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15
Teil 2
1
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19
20
21
Epilog
Impressum
Prolog
Mein Onkel aus der Schorfheide hatte sich vor einiger Zeit ein Heckler & Koch SLB 2000 Jagdgewehr aus dem Internet bestellt, und auch ordnungsgemäß bezahlt, dann war er aber plötzlich verstorben. Ein LKW fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit durch Groß-Schönebeck und streifte meinen brandenburgischen Onkel. Es macht mich traurig, dass dies sein erster und letzter Flug war. Er wollte immer fliegen, so habe ich gehört, am liebsten nach Mallorca. Dies war ihm jedoch nicht vergönnt gewesen. Dieses eine Mal aber flog er über fünfzehn Meter weit, so beschrieben es Zeugen. Direkt in die Deutsche Bank, dessen ansässiger Filialleiter ihm vor 4 Jahren einmal einen Kredit verwehrte.
Ich klinge zynisch, wahrscheinlich, weil ich es bin. Ich war nicht immer so. Ich bin es nach und nach geworden.
Diese Sache mit meinem Onkel klingt auch ein wenig lustig, was sie jedoch keineswegs ist. Er ist zu früh gestorben, mit 60 Jahren. Seine Leidenschaft war die Jagd gewesen. Auf Wildschweine war er besonders scharf. Verhasst war ihm der Hochsommer, wenn alle halb nackig am See lagen und nichts anderes im Kopf hatten, als Sex. Das waren die Hundstage, und sie wurden von Jahr zu Jahr heißer. Seine Zeit begann ab Ende September, wenn sich das Laub verfärbte und früh-morgendliche Nebelschwaden die Heide in eine wohl duftende Symphonie der Barmherzigkeit tunkten. Wenn Waldhörner tönten. Wenn geile Hirschbullen röhrten. Wenn in der behaglichen Nachbarschaft uralter Buchen Steinpilze aus dem triefenden Boden schossen. Wenn seine schweren Stiefel mit jedem Schritt, die Waffe dabei im Anschlag haltend, im aufgeweichten Waldboden schmatzten. Ihn Schwalbenwurz und Sonnentau in der Meelaake begrüßten. Wenn die Birken, diese Säufer, endlich wieder im Wasser standen und ihre Silhouetten im morgendlichen Sonnenlicht der Heide eine goldene Aura der Unschuld verliehen. Ja, in jener Zeit wurde das Wild wild, wie verrückt. Ab und zu, das kam schon mal vor, verirrte sich sogar einmal ein Elchbulle in diese Gegend um die Pinnow-Seen. Im Dorf munkelte man übrigens, dass mein Onkel Wolfgang ‚nie so richtig konnte’... Das kann ich nicht beurteilen, ich war ja nicht mit ihm zusammen. Dörfer sind grausam, genauso grausam wie Großstädte, nur anders. Aber wenn sich Gerüchte verdichten und durch diverse Aussagen verschiedener Ex-Gattinnen verifiziert werden, und es jene Gerüchte sogar bis nach Berlin-Kreuzberg schaffen... dann könnte da was dran sein. Interessiert mich aber nicht sonderlich, ist nicht mein Thema. Bei der Jagd jedoch war mein Onkel scharf und schneller im Nachladen, als irgendjemand anders weit und breit im Jagdgebiet. Als Jugendlicher, 1979, habe ich ihn einmal im Jagdfieber erlebt. Ein grausamer Fehler meiner Eltern, es zuzulassen, meinen Onkel bei der Jagd zu begleiten. Den 6. Oktober 1979, ein Samstag bei strahlendem Sonnenschein, werde ich niemals vergessen können. Bis dato war ich ein lustvoller Fleischesser gewesen, bei jeder Gelegenheit, die sich bot. Würstchen, Steaks vom Grill, Salami... alles, was halt so reinpasst in einen vierzehnjährigen Jungen, all das habe ich mit Wonne und großer Freude verzehrt, aber am Abend des 6. 10. besagten Jahres war mir einfach nur noch schlecht, so schlecht... so schlecht schlecht schlecht. Das Schweineblut rieche ich noch heute. Die Gedärme beim Aufbrechen des Wildes, ach nein... nein nein nein, meine Kindheit, meine beginnende Jugend, endete jäh im Blute meines schießgeilen Onkels und seiner Kumpanen.
Obwohl... eigentlich schon vier Jahre zuvor... aber das war ja nur ein böser Traum gewesen, wie Martin P. es mir es immer und immer wieder suggeriert hatte. Schließlich erfolgreich suggeriert hatte. Aber da war was gewesen, ganz gewiss. Herbst 1975. Es hatte ja auch in den Zeitungen gestanden, zweifelsohne. Ich wollte ja unbedingt an diese Alptraum-Variante glauben. Dass ich mich da in etwas hineingesteigert hatte.... dass ich zu viel Fantasie hatte... wie der Martin mir immer wieder väterlich in vielen vielen langen Gesprächen regelrecht eintrichterte. Jahrelang. Jahrzehntelang. Bis ich es glaubte. Aber es flackert hin und wieder gefährlich auf. Immer wieder bricht sich die Wahrheit in meinem Kopf bahn. Dann wird der Alptraum zur Realität. So auch am 6. 10. 1979, beim Anblick über dem Feuer brutzelnder Schweine. Vor allen Dingen beim Anriechen. Ja, fast wie Menschenfleisch. Da war es wieder, das Entsetzliche, das Unfassbare.
Und schon war es wieder weg. Für viele Jahre.
Viele Jahre.
Im Anschluss wurde gesoffen, Bier und Schnaps. Diese visuellen Eindrücke, vor allem aber die olfaktorischen und gustatorischen Nachwirkungen jenes schicksalhaften Tages (ich hatte beim unvermeidlichen Dorffest auch Bier und Schnaps probiert) ließen mich zum Vegetarier und Anti-Alkoholiker werden. Hin und wieder esse ich Fisch, trinken tue ich jedoch nie. Bis zu jenem Tag, an dem sich alles änderte und meine Ich-Identität aufgeweicht wurde durch etwas Fremdes, aber Gutes...
Warum erzähle ich das? Weil ich das Jagdgewehr geerbt habe. Vielleicht war es eine bittere Ironie, die meinem Onkel mit den Jahren innewohnte, ausgerechnet mich zu bedenken für sein dämliches Scheißgewehr. Ich vermute aber schlimmeres, Schlichteres. Ja, ich denke, wage sogar zu behaupten, dass mein Onkel mit den Jahren ein wenig verblödet und sentimental geworden sein könnte, und dass er fataler Weise eine völlig verquere Erinnerungstheorie aufgestellt hatte; eine Erinnerung, die aus seiner Jäger-Sicht subjektiver gar nicht hätte sein können und vermuten ließ, er dächte, mir hätte jener Horror-Jagd-Ausflug anno 79 irgendwie gefallen! De facto ging bei den Erbangelegenheiten letztlich irgendetwas schief; vielleicht, weil Sommer war (39°Celsius) und niemand mehr so richtig arbeiten konnte- und wollte hierzulande, da die Gehirnwindungen bei solchen Temperaturen anfangen zu sieden, sich auflösen in eine milchige Proteinsuppe des Schwachsinns. Jedenfalls wurde mir das Heckler & Koch SLB 2000 – Jagdgewehr vererbt und ausgehändigt ohne Quittung und Unterschrift von irgendwem. Ich holte es mir einfach von einer Nachbarin ab, die zum Zeitpunkt der Aushändigung durch UPS zu Hause war. Ich selbst war auf meiner Arbeitsstelle. Die Nachbarin überreichte mir das gut verpackte Gewehr mit einer respektvollen Gebärde (einer Art Knicks) und sagte mit einem leicht schiefem Lächeln ich wusste gar nicht, dass wir Golfer im Haus haben... Das brachte mich im Nachhinein auf eine – wenn auch abwegige – Idee. Ich dachte, wenn es so einfach ist, unterschätzt- und in meiner potentiellen Gefährlichkeit ignoriert zu werden, dann könnte ich mich verwandeln und richtig böse werden. Ich könnte mit dem Gewehr umherziehen und keiner würde es bemerken, weil ich der Rentner bin. Ein Flaschensammler mit geklautem Einkaufswagen von Netto. Ein armer alter, leicht verwirrter, zittriger Kauz des Elends. Einer, der Mülleimer untersucht wie eine Krähe. Einer, wo alle lieber wegschauen möchten, weil er so unansehnlich ist. Requisite hatte ich genügend bei meiner Arbeitsstelle. Schminke und ein wenig schauspielerisches Talent dito, kein Problem. Zugang auch, und einen wertvollen Kontakt - meine heimliche Geliebte. Ja, ich würde der Rentner sein. Meine Parole würde lauten: Unterwegs im Namen des Pfandes. Im Namen der Gerechtigkeit eines ungerechten Landes.
Ich könnte. Aber wollte ich das? Würde ich das durchstehen? Es gab ein Problem, ein zu enges Zeitfenster meiner möglichen Taten. Alles müsste wie am Schnürchen laufen. Wenn es einen Garanten der Verlässlichkeit gibt, dann ist es wohl sprichwörtlich die Schweizer Uhr. Und diese Uhr müsste für mich ticken, für mich und mein Vorhaben, welches sich nun aus dem Brodem ungeborener Hirngespinste allmählich herauskristallisierte.
Ticken Ticken Ticken, ich höre es ticken, in mir drin, tief in mir drin. Manchmal muss ich Luft holen, so wie jetzt, Luft holen, bevor ich diese Aufzeichnungen hier verbrenne, so wie immer. Luft holen, Luft holen, Luft Luft Luft, damit es durch mich durchsickert, mich durchtränkt und mich erfüllt, bevor die Störungen überhand nehmen. Das ist dann wie... aus der Achterbahn springen in voller Fahrt, hart landen, überleben, abwarten, bis sich der Schwindel gelegt hat und dann weitermachen. Aber diesmal ist ja endlich etwas Essentielles passiert.
Endlich!
Eine Ex-Freundin hat mir mal vorgeworfen, dass ich fast alle meine Sätze mit ich beginne. Sie könnte Recht gehabt haben. Außerdem ließ sie mich wissen, dass ich nicht in meiner Mitte sei, und auch in diesem Punkt muss ich ihr Recht geben. Vollkommen recht geben, denn ich bin außer Rand und Band. Mein Herz ist angefüllt mit Hass. Meine Seele ist verseucht, sie trieft vor Unglück. Aber ich habe eine Komplizin, sie ist mein einziger Halt. Sie ist ein klein wenig älter als ich, gibt mir Geborgenheit, gibt mir Kraft, schenkt mir Liebe. Auch sie ist enttäuscht vom Leben, das verbindet uns beide. Während des Geschlechtsverkehrs sagt sie manchmal ‚Oh Gott’, was ich lustig finde, denn sie betont stets, dass sie nicht an Gott glaubt. Und ich, was ist mit mir? Ich verliere mich allmählich in meinem Ich, löse mich auf, werde jemand anders, werde böse, werde der Rentner mit dem Gewehr. Das Gewehr würde nicht auffallen. Große blaue Müllsäcke mit Stecken drin zum Aufsammeln würden es tarnen.
Ich lebe seit Jahr und Tag in einem psychosozialen Moratorium. In einer Warteschleife. In einem Auffangbecken bemitleidenswerter, unverheirateter Hartz-4-Idioten, die in einem Glas voller Zierfische gehalten werden und nicht zu den Haifischen ins große Becken dürfen, weil sie noch nicht reif dafür sind, instabil sind; für unfähig gehalten werden, ohne dass es jemals offen ausgesprochen werden würde oder gar schriftlich belegt wäre. Wie in einer Endlosschleife am Service-Telefon, wo man nie und nimmer durchgestellt wird und am Ende eine Rechnung von 8 Euro erhält.
50 Patronen waren beigefügt. 50 Patronen. Was sollte ich damit anfangen? Ich wusste es noch nicht. Wusste es noch nicht. Aber dann reifte ein Entschluss in meinem Hirn. Ein Entschluss, der besagte, dass ich doch kein so guter Mensch sein konnte, wie ich es immer von mir gedacht hatte... Eine Veränderung meiner Seele, eine Veränderung meiner Welt, eine Veränderung von Allem. Ein Perspektivenwechsel der anderen Art. Um es mir selbst zu beweisen, fuhr ich mit der Bahn in ein argentinisches Restaurant in Berlin-Zehlendorf, wo mich niemand kannte, und bestellte ein Hüftsteak vom Rind, 220 Gramm, medium. Es schmeckte gut und auch gar nicht nach Blut. Auch das Bier vorneweg und den Grappa im Anschluss bekam ich locker durch den Hals. Eine psycho-gustatorische Veränderung vernetzte Zunge, Gaumen und Synapsen miteinander. Mit anderen Worten, es schmeckte mir wieder. Der Pawlowsche Hund in mir, dieses verfluchte konditionierte Biest, war begraben. Es schmeckte gut, so gut! Ich wurde auch schnell betrunken, was kein Wunder war, denn meine Leber war die eines neugeborenen Menschenkindes. Ach, das Leben war herrlich, wenn man wichtig war. Ich war jetzt wichtig, wurde wichtig, extrem wichtig. Meine geliebte Freundin und Komplizin würde mir ein Alibi geben, wenn ich aktiv werden würde. Ich musste aktiv werden. Im Geiste prostete ich meinem Onkel zu und meiner Komplizin. Niemand bemerkte etwas, niemand. Meine Gedanken waren rein privat, intim. Die Kellnerin flirtete sogar ein wenig mit mir. Vielleicht, weil ich jetzt ein Raubtier war. Im Innern. Ich gab ihr ein unangemessen hohes Trinkgeld (ich rundete 22 Euro auf 30 Euro auf), aber für mich war es angemessen, denn dieser Moment war einzigartig in meiner Historie. Ich war jetzt ein wenig wie mein Onkel aus der Schorfheide. Ich war jetzt wieder ein Fleisch-Typ geworden. Wie der Abend zu Ende ging, weiß ich nicht mehr so genau; ich bekam aber noch schemenhaft mit, verinnerlichte es quasi, war gewissermaßen durchtränkt davon, wie mein eigenes Ich, meine Identität, und wenn man so will meine Werte... wie alles zusammenschmolz in einem einzigartigen inneren Schmelztiegel des Hasses.
Ich war jetzt nicht mehr Ich. Ich war jetzt ER, der Rentner.
Zwei Tage später sah er, wie die Nachbarin, die ihm das Gewehr ausgehändigt hatte, wegzog. Ihre Freunde beluden einen stadtbekannten LKW-Verleih-Service und sahen allesamt aus wie unseriöse, unstete Menschen. Die Nachbarin, Tina hieß sie, sah ihn noch nicht einmal an, als er ihr einen ‚guten Morgen’ wünschte. Sie war weggetreten, high und down zugleich. Ein unproduktiver, unguter, uncooler Zustand. Der Rentner bemerkte dies. Sie würde als mögliche Zeugin komplett ausfallen. Es ist anzunehmen, dass sie von dem gut verschnürten ‚Golfer-Paket’ gar nichts mehr wusste. Das war das Zeichen von oben. Oder eher von unten, direkt aus der Hölle. Er hatte schon gezweifelt an seinen Plänen. Aber von nun an gab es kein Zurück, jetzt musste er aktiv werden.
Das war der Startschuss.
1
Guten Tag, mein Name ist Nils Choi, ich bin Privatdetektiv.
Diese Worte fühlen sich gut an, wenn ich sie sage. Ich habe hart dafür gearbeitet. Mit einundvierzig konnte ich sie dann das erste Mal aussprechen, am Telefon. Der erste Klient, ein Koreaner. Mein erster Fall, das war vor einem Jahr. Der aufmerksame Leser wird jetzt also wissen, wie alt ich bin. Mein erster Fall war klassisch, fast ein Klischee. Es ging um Eifersucht, um Fremdgehen, um Sex, um Liebe. Der Mann bezichtigte seine Ehe-Frau, etwas mit einem anderen angefangen zu haben und ich sollte recherchieren. Der Verdacht bestätigte sich und manifestierte sich zunächst in harmlosen Fotos, die suggerierten, dass es da zwei Menschen gibt, die sich eventuell mögen, sich gegenseitig anziehen. Als ich dem Gehörnten in spe die Fotos zeigte, erhärtete sich sein Verdacht, und auch seine Faust, die sich im Restaurant Han il Kwan unter dem Tisch ballte. Der Mann liebte seine Frau, anders konnte es gar nicht sein. Denn seine Angetraute war nicht eben ein Ausbund an Schönheit, zumindest in meinen Augen. Sie war klein, dünn, hatte einen platten Hintern und unreine Haut, zuzüglich krummer Beine. Und dennoch leistete sie sich eine Affäre mit einem rassigen Argentinier, der sie um fast zwei Köpfe überragte und sogar längere und schönere Haare hatte als sie. Ganz klar, in jener Affäre ging es nicht um Liebe, sondern um Geld, was einseitig floss oder sich in hübschen Präsenten kristallisierte, von Frau zu Mann. Aber dem Herrn Park ging es um Liebe. Ich sah es in seinen Augen. Er liebte diese Frau, warum auch immer. Vor Liebe jedoch habe ich großen Respekt, darum – und auch weil es mein erster Fall war – legte ich mich für Herrn Park mächtig ins Zeug. Ich mochte Herrn Park auch gern leiden. Er roch stets gut, ging immer aufrecht, hatte Würde, hatte Stolz, war gläubig, und war weder protzig, noch fanatisch, sondern strahlte eine natürliche und stattliche Demut gegenüber dem Leben aus. Ohne dabei jemals den Anschein einer Unterwürfigkeit zu erwecken. Kurz, ein feiner Mensch. Ein so feiner Mensch, dass ich ihm meine neunjährige Tochter zur Nachmittagsbetreuung anvertraut hätte, ehrlich. Aber dazu kam es nie, denn Herr Park nahm sich kurze Zeit später das Leben.
Ich hatte ihm – so wie er es wollte – die eindeutigen Fotos präsentiert, denn ich habe die Lizenz zum Fotografieren. Heiße Küsse reichten ihm leider nicht, er wollte mehr sehen. Um ganz sicher sein zu können. Ich bin weder Pädagoge, noch bin ich ein Psychologe, aber vielleicht hätte ich vorher seelische Fachkräfte konsultieren sollen – vielleicht wäre dann alles anders gekommen... vielleicht.
Jedenfalls zeigte ich ihm dann mehr. Penetration der Genitalien reichte ihm als Beweis leider noch immer nicht. Als würden Mann und Frau sich aus Versehen an die Geschlechtsteile fassen! Nun ja, er war verzweifelt. Ich bin nicht pervers, und es war mir sehr unangenehm, aber Herr Park wollte mehr sehen, er wollte alles sehen, und sein Körper zitterte vor Anspannung. Er wirkte auf einmal sehr bedrohlich auf mich, denn seine sonst so sanftmütigen, gottestreuen und wohlwollenden Augen verwandelten sich urplötzlich in eine lodernde Iris des Hasses. Seine Pupillen verengten sich zu harten Flusskieselsteinen, niemand hätte diesen Mann aufhalten können, in den Besitz dieser von mir geschossenen Bilder zu kommen. Ich möchte mich hier nicht rechtfertigen, aber vielleicht möchte ich mich erklären: Mich beschlich eine Angst – auf einmal hatte ich Angst vor diesem Mann. Ich besitze keine Waffe und habe mich bis dato immer auf meinen Körper verlassen, wenn es Stress gab. Jedoch war mir klar, dass Herr Park diese Fotos haben wollte und er nicht bei Sinnen war, als wir damals in meinem kleinen Kreuzberger Büro beisammen saßen. Es war kein fröhliches Beisammensein, soviel kann ich sagen. Ehrlich, ich wollte ihm diese Fotos ersparen, aber es gab kein Entrinnen.
Es war scheinbar Schicksal.
1000 Fotos hatte ich geschossen, soviel, wie ein seriöser Hochzeitsfotograf heutzutage in etwa digital verschießt, um dann – gemeinsam mit dem Brautpaar – die schönsten Bilder für die Ewigkeit herauszusuchen. Aber jenes Spektakel – festgehalten in Bildern - war keine Hochzeit. Es war ein Trauerspiel übelster Art. Damals hatte ich mich extra im Nebenzimmer einer Warener Luxuspension eingemietet, als Herr Schröder; Herr Park zahlte fette Spesen und ich kam mir ein wenig schäbig vor, als ich abends im Whirlpool mit einer beschwingten Schwedin anbändelte, die mit mir im Anschluss die Minibar plündern wollte. In meinem Zimmer, versteht sich, denn in ihrer Minibar war nichts mehr drin, verstand ich. ‚Inte’ war alles, was ich verstand, und das ist mir zu wenig, denn inte heißt nicht. Nebenbei bemerkt, bereue ich noch heute leise, dass ich mit der zarten Lina aus Göteborg, 33, Jura-Studentin im 8. Semester, nicht meine Mini-Bar geplündert habe. Jedoch war ich im Dienst, verdeckt. Ansonsten war ich offen für alles, außer für Dinge, die meinen Plan völlig durcheinanderbringen hätten können. Hätten und können sind diffuse Variablen, einzig die Ergebnisse zählen. Ja, das ist wahr, mitunter auch furchtbar.
Schräg gegenüber an der Bar saßen Frau Park und Jesus Armando Enrico, jeweils aus den Hauptstädten ihrer jeweiligen Heimatländer stammend. Seoul meets Buenos Aires. Darauf musste ich mich konzentrieren, so dezent und diskret wie möglich. Für solche Situationen benutze ich mein Sony Ericsson Cyber-Shot Handy. Dann tu ich so, als würde ich eifrig simsen oder irgendwelche schwachsinnigen Geschicklichkeitsspiele spielen. In Wahrheit filme ich. Das hat bis jetzt immer geklappt. Ton- und Bildqualität sind erstaunlich gut bei diesem stilvollen kleinen Meisterwerk der Technik, mit dem man, nebenbei bemerkt, auch telefonieren kann. Und während ich filme und Beweise sammle, bin ich mir durchaus nicht zu schade, hin und wieder infantil zu grinsen oder gar zu kichern. Das macht mich harmlos, das macht mich unverdächtig. Vor fünf Jahren war ich mal für 8 Monate in einer Theatergruppe am Koppenplatz, in Berlin-Mitte. Dort durfte ich, manchmal vor bis zu 200 Zuschauern, Nebenrollen als aggressiver Hausmeister, Psychopath oder Kind mit ADHS spielen, was mir einen beachtlichen Kick gab. Ich liebäugelte schon mit einer eventuellen Karriere als Schauspieler, als mir der Theaterleiter eines schönen Tages den Wind aus meinen vor Stolz geblähten Segeln nahm, indem er mir bei einer Tasse grünen Tee ganz nüchtern mitteilte, ich sei der ideale Part für lustige Nebenrollen. Nebenrollen. Lu sti ge Ne ben ro llen. Ha Ha! Ich bin nicht sonderlich eitel, aber ein wenig Ego habe ich schon. Und ich sah es übrigens auch ein. Im Nachhinein. Ich bin nicht der geborene Schauspieler. Aber ich bin der geborene Privatdetektiv. Als Privatdetektiv spiele ich keine Rolle, als Privatdetektiv bin ich ICH. Kein simpler Schnüffler, nein, der möchte ich nicht sein, jedoch empathisch, mit sieben Sinnen ausgestattet, nicht nur mit dem Seenerv. Das Visuelle wird ohnehin überschätzt in unserer heutigen, modernen Gesellschaft. Dabei prangere ich keineswegs die Technik an, denn ich liebe Technik. Vor allem, wenn sie funktioniert wie mein Handy oder meine Canon, oder wie mein geliebtes Auto - von meinem PC kann ich das nicht gerade behaupten, leider, und ich weiß nicht, woran es liegt, dass er regelmäßig abstürzt. Aber neben all den überbordenden visuellen Reizen unserer modernen Lebenswelt müssten viel mehr Fühl- und Riecherlebnisse stattfinden. Und Zeiterlebnisse. Zum Beispiel Langeweile. Erlebte Zeit. Zeit be-greifen, die Uhr anfassen, hören wie sie tickt... meine Güte, manchmal denke ich, ich ticke selber nicht mehr ganz rund... Aber zurück zu meinem ersten Fall: Ich bin keine Frau, aber wenn ich eine Frau wäre oder eventuell homosexuell, so wäre ich wohl auch dem Charme Enricos’ erlegen. Er war nicht billig, eher teuer, hatte Stil. Er war durch und durch Profi im Abzocken an der Frauenfront. Einer, der immer ‚kann’, wenn er ans Geld denkt. Und Frau Park hatte Geld.
Was anschließend auf dem Zimmer geschah, da hülle ich mich in Schweigen, schließlich nehme ich die Ethik meines Berufes sehr ernst und außerdem bin ich ja auch kein Pornograph.
Koreaner können sehr hart sein, vor allem gegenüber sich selbst.
Jedenfalls endete mein erster Client mit einem vollzogenen Suizid und einem sauber abgetrennten Kopf auf den Gleisen der ICE-Strecke Berlin-Dresden.
Ich neige nicht zum Drogenkonsum, stattdessen stürzte ich mich nach dem Desaster meines ersten Falles in ein paar Affären, denn auch ich wollte irgendwie vergessen. Wieder ins Leben zurückkehren. Was mir zum Glück auch gelang.
Danach ging es einfach weiter mit meiner Detektei. Vor allem koreanische Kunden fanden den Weg in mein Büro, aufgrund meines Nachnamens. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erklären, was es mit jenem Namen auf sich hat. Vor zwölf Jahren, mit dreißig, war ich ein durch und durch austrainierter und harter Tae-Kwon-Do-Ka, was meinem Trainer, Herrn Großmeister Choi, offensichtlich sehr gefiel. Ich konnte einiges einstecken und blieb beim Austeilen fair, denn ich hatte schon immer Respekt vor dem Leben und der Kampfkunst. Was für mich in gewisser Weise ein und dasselbe ist. Na jedenfalls hatte der Herr Choi eine wahnsinnig schöne Tochter – sie hieß (und heißt heute immer noch so) Diana Choi! Sie war Inhaberin des ersten Dans, vierundzwanzig Jahre alt und dementsprechend austrainiert, was nicht heißt, dass sie unweiblich war. Das wurde sie erst später. Sie hatte, im Gegenteil, einen recht üppigen Busen, eine schmale Taille, aber wiederum einen schönen großen Schwung in der Hüftgegend und dazu ziemlich lange und nicht allzu dünne Beine. Ihre Gesamterscheinung war sehr weiblich und gleichzeitig energisch, fast gefährlich. Ein bisschen hart, ja, das muss ich zugeben, schon damals. Aber auch zart, gefühlvoll, wenn man sich ein paar mal mit ihr unterhalten hatte und in ihrer Gunst stand. Und das tat ich. Vor allem, als ich die Prüfung für meinen eigenen 1. Dan bestand. Im Nachhinein denke ich, dass meine Motivation, diese schwere Prüfung zu bestehen, vielleicht in aller erster Linie daher rührte, Diana zu beeindrucken, sie für mich zu gewinnen und attraktiv für sie zu sein. Denn Tae Kwon Do ist und bleibt ein hartes Geschäft. Es folgt der Tradition und dem Do, dem Weg. Und dieser Weg ist schwer. Die Kwon, die Faust, ist beim Tae Kwon Do lange nicht so wichtig wie beim Boxen, jedoch hatte gerade meine rechte Faust es dem Großmeister Choi sehr angetan. Vor allem, wenn es darum ging, Bruchtests zu bestehen (ich bestand sie alle, ohne Knochenbrüche). Er sagte dann immer „Nils – du hast Eisenpaust“ (Er konnte, wie fast alle Koreaner, das ‚f’ nicht richtig aussprechen, vor allem dann nicht, wenn dem ein ‚n’ vorausging). Wahrscheinlich hatte ich damals auch nicht wenig Wut in den Knochen, aber das verbarg ich durch gutmütige, blau-grün-graue Augen. Ich war und bin gesund, habe nachweislich gute Kalzium/Magnesium/Zink/Eisen und Vitamin-Depots in meinem Körper.
Mein zweites Steckenpferd beim Tae Kwon Do war übrigens die Poomse (Bewegungsform) Taeguk 6 (yuk) Chang, was soviel bedeutet wie das Wasser, das immer bergab fließt. Jahre später, kurz nach meiner zweiten Scheidung, habe ich mich so manches Mal gefragt, ob diese Bewegungsform ein mögliches Äquivalent zu meinem eingeschlagenen Lebensweg alles geht den Bach runter sein könnte, verwarf diese Theorie aber wenig später wieder, denn fernöstliche und europäische Umschreibungen von Lebensformen aller Art sind so unterschiedlich wie Hund und Katz.
Wir heirateten dann, Diana und ich. (Hatte ich sie mit meiner Taeguk 6 (yuk) Chang oder mit meiner ‚Eisenpaust’ schwach gemacht? – Ich will es nicht hoffen.) In ihren fast schwarzen Augen lag ein Ausdruck von... Liebe. So habe ich es jedenfalls interpretiert. Ihre vollen Lippen mündeten in einem positiven Mundwinkel, der direkt in einen Himmel voller roséfarbener Kirschblüten überzugehen schien. Ich war aufgeregt während der Zeremonie vor dem Traualtar. Noch viel mehr als während meiner Prüfung zum ersten Dan. Heimlich wünschte ich mich zurück auf die Kampfmatte. Jedoch konnte ich schlecht eine Poomse vor 160 erwartungsvollen koreanischen Augen vollführen. Ich musste aber JA! sagen, was ich denn auch tat. Diana Choi und Nils Schröder wurden Frau und Mann, und ich nahm ihren Namen an. Ich wollte kein Schröder mehr sein.
Europäische Augenpaare waren übrigens nur acht dabei, meine engsten Freunde, keine Eltern, keine Verwandten. Ein wenig schmerzte es mich, dass mein Stern bei einigen anwesenden Choi-Koreanern dadurch wohl möglich sank. Aber nicht so bei meinen Schwiegereltern. Sie mochten mich, vor allen Dingen Großmeister Choi. Und er tut es noch heute. Von da oben. Bei meiner Ex-Frau Diana bin ich mir da nicht so sicher. Während unserer knapp dreijährigen Ehe hatte sie sich stark verändert. Das erste halbe Jahr jedoch war von einer schier surrealer Schönheit. In ihrer Wilmersdorfer 3-Zimmer-Wohnung in Berlin bestellten wir oft Sushi – vor allem mit Lachs (Maki Sake), Thunfisch (Maki Tekka), Flussaal (Nigiri Unagi und nur für mich, denn das war Diana zu fettig) und – für uns beide – Maki Nordsee-Krabben. Frischkäse-ummantelte Sushi-Rollen lehnten wir übrigens beide ab. Im Nachhinein frage ich mich oft, wenn ich melancholisch und ein wenig sarkastisch bin, ob dies wohl die einzige Prämisse war, die uns wirklich einte: Stil- und Geschmacksfragen.
Doch damals... dieses halbe Jahr lang... da fanden sinnliche Lust-Fest-Spiele statt, auf die wir nichts kommen ließen. Kein Anrufer hatte da eine Chance. Ich liebte ihren Geruch und ihren Geschmack. Das alles war, wenn ich es heute recht bedenke, nicht von dieser Welt und infolgedessen auch nicht von Dauer. Diana hatte so wenig Ausdünstungen, dass ich mich heimlich freute, wenn sie mal nicht duschte. Die Bettwäsche, die sie freilich viel zu oft wusch, duftete auf ihrer Seite (nach ca. einer Woche) nach Kräutern, nach frischen Kräutern. Thymian, Oregano, Basilikum und Rosmarin, ein wenig Koriander noch dazu, so ungefähr duftete ihr Kissenbezug.
Ich sollte aufhören, zu schwelgen. Das bringt Unglück.
Dann, nach etwa sieben Monaten, war es auch schon wieder vorbei mit der Leidenschaft. Wir übernahmen das Fitness-Center des Vaters, der – wie dereinst Bruce Lee – an einer Gehirnblutung gestorben war. Mit zweiundsechzig, viel zu früh. Einer seiner Musterschüler hatte dies versehentlich bei einem Schaukampf durch einen furchtbaren, und in seiner Einfachheit einfach unwürdigen Palkup (Ellenbogen-Schlag) verursacht. Am Grab trauerte ich sehr, und – nach Meinung einiger anwesender Koreaner – unverhältnismäßig. Ich weinte, obwohl ich nicht von ihrem Blute war. Und da erst wurde ich mir unserer familienhistorischen Unterschiede vollkommen bewusst: Sie waren Koreaner, Süd-Koreaner, durch und durch, und ich war ein Halb-Schwede, der noch nicht mal seine eigenen Eltern richtig kannte. Mein Vater gilt als verschollen, irgendwo oben in Nordschweden. Aber ich spüre, dass er noch lebt. Er ist Freiheitsliebend, wie ich, er lebt bestimmt noch und hat einfach nur eine andere Identität angenommen, ohne viel Verantwortung. In Jokkmok oder so, ganz sicher. Ich empfinde keinen Hass ihm gegenüber. Aber Trauer. Ich vermisse ihn. Vielleicht hätte ich es sogar genauso gemacht. Meine Mutter hatte immer Depressionen. Ich kannte sie nur traurig. Mein Vater hingegen war ein lustiger Kerl, ein bisschen verrückt wohl auch. Er hatte keinen Führerschein und fuhr immer Taxi. Er konnte nicht mit Geld umgehen, aber für uns Drei reichte es immer, ich habe nie gelitten. Er handelte mit Antiquitäten, Geld kam und ging. Er spielte auch, drehte vielleicht auch hin und wieder das eine oder andere krumme Ding... aber da spekuliere ich. Wenn mal gar kein Geld in Aussicht war, dann hatte mein Vater immer noch seine Angeln. Darin war er passioniert. Die Taxifahrer rümpften immer mit der Nase, aufgrund der riechenden Köder und Lockstoffe, die mein Vater mitnahm, wenn wir raus fuhren zum Schlachtensee. Mit ihm fing ich immer etwas, das war ein Phänomen. Ohne ihn nie, auch später nicht, selbst in Schweden nicht. Komisch. Wir brachten immer Karpfen und Barsche mit nach Hause, einmal sogar einen schier gigantischen Wels. Dafür hatte er ein Händchen, mein Vater. So entstand meine Liebe zum Fisch.
Dann kam dieser Tag, der alles änderte.
Ich war erst gut sieben Jahre alt, als er mich eines Morgens um 3.30 Uhr weckte und mir sagte, ich müsste den größten Mann der Welt sehen, unbedingt, im Fernsehen. Und wer war der größte, the greatest, am 30. September 1975? Antwort: Muhammad Ali im thriller of manila versus Joe Frazier. So entstand meine Hingabe zum Kampfsport. Aber für die Reputation meines Vater war dieses sportgeschichtliche Ereignis nicht vorteilhaft, denn natürlich erzählte ich alles sehr stolz in meiner Grundschule weiter. Ich ging damals auf die liberale Kronach Grundschule im West-Berliner Bezirk Lichterfelde. Jedoch eine Lehrerin, (Religion und Mathematik), so eine alte Jungfer, meldete den angeblichen Sachverhalt, dass ich nachts gezwungen werden würde, brutale Boxkämpfe anzuschauen, dem Jugendamt. Und das Jugendamt schlug in einem denkbar ungünstigen Moment zu. An einem verregneten November-Nachmittag, als meine Mutter besonders starke Depressionen hatte und – mit Psychopharmaka vollgedröhnt – auf der Wohnzimmercouch dahinvegetierte, während mein Vater und ich uns gerade einen Showkampf a la Bruce Lee contra Chuck Noris lieferten...
Tja, so kann’s gehen, ich kam ins Heim. Dem Jugendamt gegenüber empfinde ich übrigens absolut keinen Hass, denn es ist ein sehr schmaler Grat, auf dem ihre Mitarbeiter reiten müssen. Dieser Lehrerin aber... ich habe ihren Namen verdrängt, um auf keine dummen Gedanken zu kommen... würde ich ohne zu zögern den Hals umdrehen, so sie noch lebte. Nun ja, Hass ist nicht gut. Schlimmer als Angst, auf Dauer.
Im April 1976 verschwand meine Mutter spurlos. Böse Zungen behaupteten, mein Vater hätte etwas damit zu tun gehabt und sie eines Nachts im Schlachtensee ertränkt. Dem war aber nicht so, das weiß ich. Niemals war es so gewesen. Sie war einfach weg und kam nie wieder. Im Gegensatz zu der Seele meines Vaters kann ich sie in meinem Herzen nicht mehr lokalisieren. Sie ist einfach weg. Wo immer sie auch sein mag, ich hoffe, dort geht es lustig und unbeschwert zu und sie kann lachen... Jedenfalls verschwand kurz darauf auch mein Vater. Er hinterließ mir einen Zettel, auf dem stand: Ich war es nicht, ich liebe dich, bitte glaube mir. Esse immer frischen Fisch und du wirst es zu etwas bringen. Bleib gesund, du bist ein starker Junge, Dein Per-Erik
Aus ‚ermittlungstaktischen Gründen’ wurde mir dieser Zettel erst zu meinem 18. Geburtstag ausgehändigt, nachdem ich meine Pflegefamilie verließ...
Meine Kindheit war bizarr, nichts anderes. Einfach nur bizarr.
Und meine eigene Ehefrau? Die kannte ich scheinbar nicht richtig. Wir übernahmen gemeinsam das Sportstudio in der Knesebeckstraße nahe Kurfürstendamm, eine sogenannte 1a-Goldgrube. Und wir machten Geld, richtig Geld. Dianas Mutter übernahm die Buchhaltung, und das machte sie gut. Korrekt. Das Geld floss, denn wir waren auch für Bodybuilder interessant, da wir einen großen Pumpraum besaßen und eine Sauna außerdem. Wir verkauften auch Substanzen für Bodybuilder, aber meines Wissens nichts Illegales. Eher Unerforschtes, zu der damaligen Zeit, würde ich mal sagen. Proteine und irgendwelche Kräuter aus Korea.
Damit kenne ich mich im übrigen nicht aus. Jedenfalls kamen die zusätzlichen Angebote bei den Pumpern gut an und brachten Geld. Das Geschäft florierte; finanzstarke und gewiss auch prominente Klientel ging bei uns ein und aus.
Aber meine Frau machte mir allmählich Sorgen. Anstatt um ihren Vater zu trauern, so empfand ich es wenigstens, wurde sie kalt, geizig und hartherzig. Ich verstand die Welt nicht mehr, was sollte das? Nachdem sie von mir schwanger wurde, wurde es noch schlimmer. Der Bauch schwoll an, der Ofen war aus. Wie konnte das passieren? Ich wusste mir keinen Rat. Plötzlich teilten wir nicht mehr das Bett miteinander, doch ich wartete. Schließlich steckt man als Mann nicht drin in so einer Schwangerschaft. Wir bekamen Alina. Ein Engel von einer Tochter. Und hübsch wie ihre Mutter.
Koreanische Gene sind stark, drum wurde sie dunkelhaarig und mandeläugig. Aber irgendwie hatte sie auch etwas Halb-Schwedisches an sich, fand ich. Zwar nicht meine spärlichen, ultra-kurzen dunkelblonden Haare (Gottlob!) und auch nicht meine indifferente Augenfarbe (ihre sind dunkel wie die Nacht), aber irgendetwas in ihrer Figur finde ich von mir in ihr wieder... Waden und Popo, ja, und auch der Ausdruck in und um ihre Augen herum, da sehe ich mich ein wenig. Ich kann nicht genau sagen, was es ist, aber es ist da. Das Kind – es ist zweifelsohne zu 100 % mein eigenes. Na ja, das übliche väterliche Reproduktions-Denken eben.
Ich muss mich nun wieder um meinen Beruf kümmern, nicht um die Vergangenheit.
Nur noch eins: Ich durfte nach der Scheidung den Nachnamen Choi behalten, und dafür bin ich dankbar, denn auf diese Weise erhielt ich zumindest das starke Gefühl, meiner inneren Entwurzelung ein wenig gesunde koreanische Muttererde beimengen zu dürfen. Übrigens besitze ich einen kleinen Schrein mit Teelichtern, Orchideen und einem würdevollen Foto meines ehemaligen Schwiegervaters.
Das war ein Mensch, den ich verstanden habe. Er hatte seinen Do, und den ging er gradlinig. Meine Ex-Frau jedoch werde ich wohl nie verstehen.
Sie ist mir so fremd wie der Mars.
Mindestens.
Unterdessen erwies sich meine rein emotionale Entscheidung, meinen Nachnamen betreffend, als vortrefflicher Schachzug.
Koreaner sind ziemlich finanzstark, im Durchschnitt. Der Name erwies sich also für mein Geschäft als Segen. Nordkoreaner natürlich ausgenommen. Es ging meistens um Geld, um Wirtschaftskriminalität, im kleinen sowie im großen Stil. Um bitter enttäuschten Stolz, Eifersuchtsszenarien etc. ging es seit meinem ersten tragischen Fall überhaupt nicht mehr – und dazwischen liegen immerhin 33 Fälle. 21 davon Koreaner, irgendwie seltsam. Ich war noch nie in Korea, dazu kam es nie...
Am 14. September 2010 änderte sich wiederum alles in meinem neu etablierten Leben, als eine gewisse Janina P. in mein Büro kam, und mir verkündete, dass ihr Mann wohl fremd gehe...
2
Martin P. kam ins Visier seiner Waffe. Der Puls des ‚Rentners’ war normal, vielleicht etwas erhöht. Er hatte sich einen gebrauchten Hometrainer zugelegt und war pro Tag 10 bis 100 Kilometer darauf geradelt, auf acht verschiedenen Gängen. Innerhalb von 10 Tagen hatte er sich stattliche Waden und Lungen (letztere waren schon immer gut, denn er war Nichtraucher und passionierter Schwimmer) antrainiert, jetzt war er, nach zwei Ruhetagen am Wochenende, fit und ausgeruht. Sein Blutdruck war gesunken, seine Kaltblütigkeit hingegen immens gewachsen. Es fühlte sich gut an, so fit zu sein. Er beglückwünschte sich selbst, so ausgeschlafen und clever zu sein, Nichtraucher noch dazu. Am blödesten sind doch die Täter, die am Tatort eine in nervöser Hast weggeworfene Zigarette hinterlassen und somit ihr Innerstes, ihre D N A, preisgeben. So dumm war er nicht, keinesfalls, dachte er.
Er hatte sich stark verändert, das war ihm bewusst. Angst machte ihm das nicht, denn geschehen musste etwas, soviel war klar. Das Schlimmste ist eine Unveränderlichkeit der eigenen Welt, dachte er. Der Tatort war gut gewählt, gut ausbaldowert, wie manche Leute sagen. (Gangster der alten Schule – er jedoch, obgleich er der Rentner war, gehörte der Klasse der neuen Schule an...) Ein scheinbar insolventer Bauunternehmer oder Bauherr, der ein leerstehendes Haus zunächst komplett eingerüstet hatte, mit Planen samt Werbebannern ausstattete, um dann mir nichts, dir nichts, pleite zu gehen... Eine völlig aus dem Ruder gelaufene Komplett-Sanierung. Das ist die Hauptstadt, das ist Berlin. Arm und unsexy, fand der Rentner. Nun stand dieses Haus jedenfalls verwaist da – hin und wieder von Obdachlosen genutzt, aber nicht in der Front, der Straße zu, wo Martin P. gerade an der Ampel stand und der Rentner ihn nach wie vor im Visier hatte. Der Rentner war gut vorbereitet, er hatte trainiert. Er war extra in die Schorfheide gefahren, sozusagen zu Ehren seines verstorbenen Onkels, und hatte zehn Patronen verschossen. Dabei war ihm aufgefallen, dass er scheinbar ein angeborenes Schießtalent hatte. Das machte ihn stolz. Er war eben doch vielmehr ein Krieger, denn ein Hartz-4 Empfänger. Er hatte sogar einen Hasen erwischt, und Hasen zu treffen, ist wirklich schwer! Zu Hasenbraten passen Rosmarin und Thymian – die Klöße dazu hatte seine Freundin zubereitet, auf thüringische Art, mit dunkler Bratensoße. Rotkohl aus der Dose, aufgrund der unpassenden Saison.
Im Anschluss gab es Geschlechtsverkehr a la carte.
Ein sogenannter 'schöner Abend', der ihn zweifeln ließ, da jener Abend ihn wieder mild stimmte. Seine Zweifel zerstreuten sich rasch. Schon am nächsten Morgen, am Briefkasten. Wieder eine Absage, okay, jetzt reichte es ihm.
Übrigens wollte der Rentner niemanden töten. Auf seiner Liste standen jedoch vier Menschen, denen er ins Knie schießen wollte vor lauter Wut. Am Anfang seiner Liste stand Martin P., dieser Schönling und Schleimer. Er fand, dass Martin P. ihm sein Leben versaut hatte. Er war sich jetzt auch wieder ganz sicher, dass da was gewesen war, damals, im November 1975, am Schlachtensee. Töten jedoch wollte er Martin P. dafür nicht. Schmerzen sollte er spüren, dieser Hund. Lebenslange Schmerzen, wenn möglich. Und erpressen würde er ihn endlich wegen dieser Sache. Der Rentner brauchte Geld, er hatte Schulden. Danach würden seine rechte Hand – Mariella W. – und – nach einer dreimonatigen Pause – weitere zwei Menschen bestraft werden für ihr Unwesen, laut Plan des Rentners.
Und dann sollte Schluss sein.
Ihm fiel auf, dass der Schnürsenkel des rechten Schuhs von Martin P. offen war. Komisch, das sah ihm gar nicht ähnlich, diesem eitlen Geck. Der Rentner atmete ruhig aus und ein und hoffte, dass die Ampel zur richtigen Zeit auf Rot schaltete, damit Martin P. stehen blieb. Es ist für einen ungeübten Schützen vollkommen unmöglich, ein sich bewegendes Ziel aus gut 30 Metern ins Knie zu schießen, zumal, wenn noch eine stark frequentierte Straße dazwischen liegt. Unwillkürlich richtete er das Fadenkreuz auf das rechte Knie Martin P’s aus, vielleicht, weil ihn der Schnürsenkel visuell dorthin verführte, was allerdings fatale ballistische Konsequenzen nach sich ziehen sollte. Der Rentner drückte in dem Moment ab, als Martin P. sich bückte, um sich die Schnürsenkel zu binden. Sonst hatte alles geklappt: Die Ampel schaltete zum gewünschten Zeitpunkt auf Rot und die Autos blieben brav stehen, in einer niedlichen Reihe aus grün/grau-Mettalic. Aber jetzt schob sich der Kopf Martin P’s zwischen das Knie und die Kugel, und so etwas nennt man dann Faktor X. Die unbekannte Variable. Der Todfeind eines jeden Planes.
Der Kopf zerplatzte wie eine Wassermelone, die aus dem 20. Stock fällt. Das änderte alles. Jetzt wurde aus einer schweren Körperverletzung ein eiskalter Mord. Ein Mord an einem fünffachen Familienvater. Oh Gott, das hatte der Rentner doch nicht gewollt, nein, oh Gott... niemals! Selbst Hippokrates-Eid-schwörende-Mediziner würden bei jenem grauenvollen Anblick, der sich ihnen hier bot, auf das Puls messen verzichten: Es gab keinen Zweifel, Martin P. war tot, mausetot. Der Plan war durch einen offenen Schnürsenkel vereitelt worden, komplett daneben gegangen. Die qualvollen Schmerzen, die sich der Rentner für Martin P. ausgemalt hatte, zerbarsten in 10 000 Fragmente und mäanderten in ein rotes Delta des Grauens, welches sich im Rinnstein ergoss und sich fürchterlich ausnahm. Um 11 Uhr vormittags. Eine harmlose Zeit, sollte man meinen. Aber nicht für Martin P. an diesem Tage. Und auch nicht für den Rentner. Die Strafe, die er sich für Martin P. ausgesucht hatte, zündete nicht. Vermutlich hatte sein Opfer sich nur einmal ganz kurz gewundert, bevor alles schwarz wurde. Wenn überhaupt. Er ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr in sich gegangen, denn alles, was einst in ihm drin war, floss innerhalb kürzester Zeit in den Rinnstein.
Hätte es geregnet, wäre es dunkel gewesen oder eiskalt- und die Stadt in Düsterkeit gehüllt, dann wäre dieser Anblick, der sich den Passanten und Zeugen hier bot, vielleicht ein wenig erträglicher gewesen. Es war aber ein strahlender Spätsommer-Tag, so richtig aus dem Lehrbuch eines sogenannten Altweibersommers. Die Straße, auf der Martin P. so jäh aus dem Leben gerissen wurde, war in gleißendes Licht getränkt.
In jenem Moment hatte auch die Jagd auf den Rentner begonnen, der diese verteufelte Schweinerei hier angerichtet hatte. Es war der 22. September 2010 in Berlin Kreuzberg, als diese Geschichte seinen Lauf nahm.
Der Rentner hatte ein enges Zeitfenster. Er musste sich jetzt entscheiden. Konnte er sich von der Schreckstarre befreien, die ihn erfasste, nachdem sein Vorhaben derart eskaliert war? Es waren fünf Sekunden, die ihn einbanden. Fünf Sekunden der Starre, in denen auch ein Suizid möglich schien.
Dann spürte er die Anwesenheit eines fremden Individuums in seinem Nacken, ein Rascheln im Hintergrund. Er zögerte kurz, bevor er sich umdrehte.
Und in jenem Drehmoment spürte er wieder die Energie des Rentners.
3
Als Frau P. Mitte September 2010 in meinem Büro erschien, dachte ich zunächst an einen stinknormalen Eifersuchts-Fall. Zumindest hoffte ich das. Ich sollte mich bitter täuschen. Frau P. war eine hübsche Frau Anfang Dreißig, die einen weitaus älteren Mann geheiratet hatte. Martin P. war 51 Jahre alt, was ihn aber nicht darin zu hindern schien, ein wenig Rock’n Roll zu betreiben, außerhalb des Ehebettes. Und das mit einer Frau seines Alters! Ziemlich bescheuert, fand ich in einem erstem Impuls, aber andererseits auch wiederum fast originell. Jedenfalls hätte ich ihn noch unsympathischer gefunden, würde er seine Ehefrau mit einer 19-Jährigen betrügen. Aber noch war ja nichts bewiesen. Ich spürte jedoch instinktiv, dass Frau P. niemals ohne einen triftigen Grund in mein kleines Kreuzberger Büro gekommen wäre. Leider sollten sich ihre Verdachtsmomente sehr schnell erhärten. Nachdem ich Janina P. auf ihr interessiertes Nachfragen hin die Geschichte meines Nachnamens erklärte, kamen wir gut miteinander ins Gespräch. Wir tranken einen grünen Tee und aßen jeweils einen Schokoladenkeks. Das fand ich irgendwie erdverbunden und bescheiden. Ihr schien es auch zu gefallen, denn sie wurde gesprächig, fast vertraulich. Sie fragte:
„Ich sehe Umzugskartons – wo soll es denn hingehen, geben sie ihr Büro auf?“
„Das sind zwei Fragen auf einmal“, entgegnete ich, „und ja und nein ist meine Antwort: Ja, ich ziehe um, nach Berlin-Mitte, und nein, ich gebe mein Büro nicht auf, ich expandiere.“
„Sie expandieren? Das bedeutet, sie machen ein zweites Büro auf? Laufen die Geschäfte denn so gut?“
„Wieder Ja und Nein, diesmal umgekehrt. Nein, ich mache kein zweites Büro auf, sondern ein richtiges am Koppenplatz in Berlin-Mitte. Ich meinte mit Expansion nicht Größe oder Vervielfältigung, sondern Qualität und Status. Sorry, ich habe mich wohl falsch ausgedrückt.“
