Krasse Killer - Joe R. Lansdale - E-Book
Beschreibung

Hap und Leonard sind wirklich nicht auf Ärger aus, doch der Ärger läuft ihnen hinterher wie ein halb verhungerter Straßenköter. Meist fängt alles ganz harmlos an, doch dann nimmt die Sache Fahrt auf und am Ende gibt es gebrochene Knochen, weggeschossene Kniescheiben und Chaos vom Feinsten. Was mit der einfachen Suche nach der vermissten Enkelin einer alten Lady beginnt, entpuppt sich in diesem neuen Roman von Country-Noir-König Joe R. Lansdale bald als Riesending, in dem die Mafia, das FBI, brutale Auftragsmorde und Vanillekekse eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Diesmal müssen sich die beiden Jungs und ihre neue Chefin feuerkräftige Unterstützung suchen, auch wenn zwischendurch niemand mehr so recht weiß, von welcher Seite ihnen zuerst die Kugeln um die Ohren fliegen werden. Das verrückteste Ermittler-Duo der Krimi-Geschichte jetzt auch als erfolgreiche TV-Serie auf Amazon Prime.

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Seitenzahl:536

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Die amerikanische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Honky Tonk Samurai«

bei Mulholland Books, ein Imprint von Hodder & Stoughton, UK

© 2016 Joe R. Landsdale

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Deutsche Erstausgabe

© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe Golkonda Verlag GmbH,

München ∙ Berlin

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Sämtliche, auch auszugsweise Verwertungen bleiben vorbehalten.

Umschlaggestaltung: © s.BENeš [http://benswerk.wordpress.com]

Lektorat: Dirk Grosser

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Alle Rechte vorbehalten.

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-946503-06-4 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-946503-07-1 (E-Book)

Genau dann, wenn du glaubst,

du hast alles im Griff

und das Leben geht seinen Gang,

kommt garantiert so ein

verdammter Mack-Truck angerast und

fährt deinen wunderbaren Arsch

über den Haufen.

Jim Bob Luke

Für die Kelley-Jungs,

Danny und Dennis,

die zur Familie gehören

Kapitel 1

Wir sind wirklich nicht auf Ärger aus, Leonard und ich. Der Ärger hat’s auf uns abgesehen. Meist fängt es ganz harmlos an, doch dann löst sich irgendwo etwas, das dann wackelt und klappert wie eine lockere Schraube an einem Karussell. Das scheint erst mal keine große Sache zu sein, bloß eine lose, klappernde Schraube, die einem irgendwann aber um die Ohren fliegt, während das Karussell knarrt und quietscht, alles in sich zusammensackt und sich dann zu einem hässlichen Durcheinander aus scharfen Kanten, verbogenem Metall und blutigen Haufen Fleischs verknäult.

Ich erzähle am besten mal von dem Punkt an, als die Schraube gerade begann, sich zu lockern.

Die Seitenfenster hatten wir runtergekurbelt, in unserem Truck war die Hitze gerade noch auszuhalten, aber die Luft roch bereits wie hellbraun gerösteter Toast, auf dem die Butter schmilzt. Noch eine knappe halbe Stunde, so um die Mittagszeit, dann würde mir der Schweiß in die Arschritze fließen, und die Atemluft würde sich anfühlen wie mit Angelhaken gespickt. Ich freute mich schon auf weite Klamotten, ein großes Glas Eistee und eine aufgedrehte Klimaanlage.

Wir saßen in Leonards neuem Pick-up Truck. Er hatte öfter einen neuen. Genau wie ich. Warum, weiß ich nicht, aber wir fuhren dauernd andere Wagen, meistens gebrauchte. Jetzt war es ein silberner Dodge, der nur ein paar Jahre auf dem Buckel hatte. Wir standen zwei Blocks entfernt von dem Haus, das wir beobachteten.

Der Typ, der dort wohnte und auf den wir warteten, war mit einer Frau verheiratet, die glaubte, dass er sie betrog, und die die Marvin Hanson Agency beauftragt hatte, um herauszufinden, ob und mit wem. Sie war todunglücklich und wünschte sich eigentlich, dass alles in Ordnung wäre, aber falls nicht, wollte sie eine ordentliche Scheidung und ihn dabei so ausnehmen, dass er in Zukunft für ein Dach über dem Kopf seine Eier verhökern müsste.

Wir waren nicht fest bei Marvin angestellt, arbeiteten jedoch öfter für ihn, in letzter Zeit erheblich mehr. Scheidungskram, oder potenzieller Scheidungskram, entsprach nicht gerade meiner Vorstellung von Spaß, doch die Lady hatte die Agentur für eine zweiwöchige Observierung engagiert. Es war der letzte Tag, und inzwischen waren wir ziemlich sicher, dass ihr sechzig Jahre alter Ehemann sie nicht betrog, sondern bloß zu ungewöhnlichen Zeiten ins Fitnessstudio ging, und wir konnten uns gut vorstellen, dass er ihr das nicht unbedingt verraten wollte.

Weil es ihm peinlich war, meinte Leonard. Fitnesstraining nötig zu haben, oder es für nötig zu halten. Das fand ich merkwürdig, aber Leonard verstand solche Gedankengänge besser. Für eine Schwuchtel hatte er mit solchem Macho-Kram weit mehr am Hut als ich, er konnte also durchaus recht haben. Ich hatte bloß gedacht, der Typ wollte sie vielleicht mit seinem aufgepimpten Körper überraschen in der Hoffnung, sie würde eines Tages große Augen machen und ihm sagen, wie toll er doch aussieht. Vielleicht trainierte er bloß deshalb so oft, weil sie bisher nichts gesagt hatte.

Die Ironie an der Sache war, dass er innerhalb dieser letzten zwei Wochen sogar ein paar Pfund abgenommen und ein bisschen was an Muskeln zugelegt hatte; das war uns nicht entgangen. Auch unserer Auftraggeberin war das in den letzten paar Monaten aufgefallen, allerdings hatte sie ihn absichtlich nicht darauf angesprochen, weil sie glaubte, er würde nur abnehmen und sich neue Klamotten kaufen, weil er nebenher was mit einem billigen Flittchen hätte. So hatte sie sich ausgedrückt. »Ich glaube, er hat nebenher was mit einem kleinen billigen Flittchen laufen.«

Ich hatte den Begriff »billiges Flittchen« schon länger nicht mehr gehört, war aber leider alt genug, um mich an Zeiten zu erinnern, in denen er üblicher war. Manchmal kam’s mir so vor, als hätte ich die meiste Zeit doch einigermaßen gut hinter mich gebracht, und nur diese letzten paar Jahre würden es irgendwie nicht gut mit mir meinen. Mit fünfzig merkt man eben so langsam, wie viel Zeit auf Erden man schon vertrödelt hat.

Wie auch immer, da saßen wir also und warteten darauf, dass er aus dem Haus käme. Bereit, die Verfolgung aufzunehmen, und in der ruhigen Gewissheit, dass er kein billiges Flittchen vögelte und dass dies unser letzter Tag der Observierung war, wir es locker ausklingen lassen und der Lady anschließend Bericht erstatten konnten. Sie hatte für die vollen zwei Wochen im Voraus bezahlt, wir knöpften ihr also nicht mehr Geld ab, als sie ohnehin ausgeben wollte.

Ich hatte auch schon mal Diät gehalten. Ich trainierte ständig, und zwar hart, und normalerweise war ich besser in Form, als man mir ansah. Doch in letzter Zeit wollte ich wieder, dass mein Körper so aussah, wie ich mich fühlte – wegen Brett, der verdammt heißen, rothaarigen Frau, mit der ich mein Leben teilte. Allerdings hatte ich mein Training ändern müssen. Stemmte keine schweren Gewichte mehr, trainierte dafür umso mehr mit leichteren Gewichten. Jogging, aber auch immer mehr Walking. Es schien zu funktionieren. Ich war noch nie ein Adonis gewesen, aber wenigstens würde ich auch nie im Leben einen Bauch haben, auf dem ich beim Hinsetzen das Glas abstellen könnte wie auf einem Beistelltischchen.

Selbst Leonard, der sonst immer fit und allzeit bereit aussah, hatte seine Ernährung und seine Trainingsgewohnheiten etwas umgestellt, weil er erstmals seit Langem um die Mitte etwas Fett angesetzt hatte. Er behauptete zwar, das schütze nur seine zarte Schokoladenmitte. Da er aber sowieso von oben bis unten schwarz wie Zartbitterschokolade war, entgegnete ich ihm, dass ich das für reichlich überflüssig hielt. Und seine zarte Schokoladenmitte wollte ich lieber gar nicht so genau kennenlernen.

Da saßen wir also, ich mit meinen philosophischen Gedanken beschäftigt und mit einem unterdrückten Weißbrotfurz, den ich höflichkeitshalber zurückhielt, als Leonard plötzlich sagte: »Verdammt, was zur Hölle soll das denn?«

Er sah zu einem Vorgarten auf der anderen Straßenseite hinüber. Da stand ein Mann mit einem Hund an der Leine, der Hund geduckt und zusammengekauert, während der Mann ihm Tritte verpasste und ihn so laut anschrie, dass wir es hören konnten. Nach jedem Tritt jaulte der Hund.

Schon war Leonard ausgestiegen und überquerte die Straße.

Ich stieg ebenfalls aus, ging ums Auto herum und folgte ihm, hörte ihn rufen: »He, Arschgesicht, versuch doch lieber mal, mich zu treten!«

Der Mann, der seinen Hund misshandelte, hielt inne und sah auf.

Ich ließ den Furz fahren, unauffällig, um dem Hund keine Angst einzujagen. Ließ ihn einfach stehen, als hätte ich ein faules Ei gelegt, und entfernte mich von der Duftwolke.

»Verdammt, wer sind denn Sie?«, sagte der Mann zu Leonard.

»Ich bin der, der Ihnen gleich diese Leine um den Hals bindet und Sie dann wie einen Fußball quer durch diesen ganzen beschissenen Vorgarten kickt.«

»Das ist unbefugtes Betreten«, erwiderte der Mann.

»Und das ist erst der Anfang«, sagte Leonard. »Soll ich Ihnen eins von Ihren verschissenen Augen rausreißen?«

Schien ein ganz gewöhnlicher Tag für uns beide zu werden.

Ich blieb an der Grundstücksgrenze stehen, während Leonard im Vorgarten mit ihm stritt. Geduldig wartete ich darauf, Leonard daran hindern zu müssen, den Typ totzuschlagen, was wohl unweigerlich folgen würde.

»Dafür braucht’s wohl zwei von eurer Sorte, was?«, sagte der Mann und schätzte uns beide ab. Er war ganz schön groß, ungefähr so groß wie Leonard, breiter als jeder von uns, sein Bauch dicker als wir beide zusammen. Er wirkte wie jemand, der mal Football gespielt hatte und glaubte, das reicht fürs Leben. Vielleicht hätte er mit seinem Nachbarn ins Fitnessstudio gehen und sich von ihm ein paar Ernährungs- und Trainingstipps geben lassen sollen. Immerhin war er groß genug, uns Probleme zu bereiten, und wenn auch nur, indem er auf uns drauffiel.

»Nein«, sagte Leonard. »Da reicht einer.«

»Sie dürfen wählen, welcher«, meldete ich mich zu Wort. »Nur, damit Sie’s wissen, ich kann härter zuschlagen. Aber ich will mich eigentlich nicht übermäßig anstrengen. Wegen der Hitze, wissen Sie.«

»Er kann nicht härter zuschlagen«, sagte Leonard. »Schneller, ja, aber dafür schlag ich etwas härter zu.«

»Er gibt bloß an«, sagte ich. »Er weiß genauso gut wie ich, dass ich härter zuschlagen kann, und außerdem bin ich auch noch schneller.«

»Ihr kommt mir beide nicht so besonders hart vor«, sagte der Mann.

»Zeigen Sie uns doch, wie hart Sie sind«, sagte Leonard. »Mit einem wehrlosen Hund, der’s Ihnen nur recht machen will, werden Sie ja fertig. Aber wir wollen’s Ihnen nicht recht machen. Stimmt’s, Hap?«

»Stimmt genau«, antwortete ich.

»Sag’s ihm noch mal.«

»Stimmt genau. Wir wollen’s niemandem recht machen.«

»Okay, Wichser … Ein Vorschlag zur Güte«, sagte Leonard. »Geben Sie mir den Hund, überlassen Sie ihn mir. Wir vergessen die Sache, und Sie behalten Ihr Gesicht, so wie es jetzt ist. Mit Nase und allem. Ohne dass ich Ihnen ein verdammtes Loch reinschlage.«

Der Typ lachte. »Ihr spinnt ja. Alle beide.«

»Genau davor will ich Sie ja warnen«, sagte Leonard. »Aber Sie hören wohl nicht zu.«

In dem Moment kamen dem Mann sichtbar die ersten Bedenken. Zu Recht. Leonard war womöglich wirklich verrückt. Für einige Leute stand das sogar völlig außer Frage.

»Willst du, oder soll ich ihm die Scheiße aus dem Leib prügeln?«, fragte Leonard mich.

»Ich werd einfach zuschauen und notfalls eingreifen, falls du zu weit gehst.«

»He, was soll das«, sagte der Mann. »Ihr seid in meinem Vorgarten. Ich ruf gleich die Bullen.«

»Sie werden’s kaum bis zur Tür schaffen«, sagte Leonard. »Und mit ’nem Handy in der Tasche werden Sie kaum genug Zeit haben, die Nummer zu drücken. Das kann ich Ihnen versprechen. Und sie hinterher zu rufen wird Ihnen nichts mehr nützen. Dann ist alles schon passiert. Und dann wird man Sie auch schwer verstehen beim Reden, weil Ihnen nämlich ein paar Zähne fehlen und vielleicht auch die beschissene Nase. Die Bullen werden Ihnen von den Lippen ablesen müssen, wenn Sie dann noch welche haben. Also, entschuldigen Sie sich bei dem Hund, und überlassen Sie das arme Tier mir.«

»Bei dem Hund entschuldigen?«

»Ja verdammt, entschuldigen.«

»Ich entschuldige mich nicht bei so ’nem verlausten Köter.«

»An Ihrer Stelle würd ich’s tun«, riet ich ihm. »Er meint’s ernst.«

»Leckt mich doch am Arsch. Das ist mein Hund.«

»Jetzt nicht mehr«, sagte ich.

Leonard bewegte sich durch den Vorgarten. Schnell. Wie in den alten Dracula-Filmen, wo der Vampir immer so über den Boden schwebt, als würde der Wind eine Nebelwolke vor sich her wehen. Der Mann ließ die Hundeleine los. Der Hund, ein junger Schäferhund-Mischling, höchstens ein Jahr alt, hielt sich weiterhin geduckt. Das tat mir in der Seele weh. Ich liebte Hunde. Tiere überhaupt. Menschen nicht unbedingt, weshalb es mir kaum in der Seele wehtat, was gleich mit diesem Idioten in seinem Vorgarten passieren würde. Obwohl es andererseits auch zu bedenken galt, dass die Cops möglicherweise zu einer anderen Sicht der Dinge gelangen würden, wenn der Typ denn lange genug lebte und es noch schaffte, sie zu rufen. Oder es hatte bereits irgendein Anwohner aus dem Fenster gesehen und die Polizei verständigt. Und das Ganze natürlich mit seinem Smartphone gefilmt.

Der Mann hob die Hände, ballte die Fäuste und nahm eine Körperhaltung ein, die er wohl für eine Art Boxerstellung hielt.

Mist, wie er so dastand, konnte ich schon sehen, dass es ein unfairer Kampf werden würde.

Leonard nahm nicht mal die Hände hoch, ging einfach auf den Mann los. Der versuchte es mit einem Schwinger, so langsam und schwerfällig, dass wir zwischendurch hätten heimfahren, Kaffee trinken und wieder herfahren können, bevor der Schlag ankam.

Er kam gar nicht an.

Leonard griff über den Schlagarm und ging direkt an den Mann, die größte Wucht des Schlages verpuffte hinter Leonards Rücken, und der Schlagarm war an Leonards Seite eingeklemmt. Ein Ausfallschritt und Leonards Handteller krachte auf die Nase des Mannes, sodass er zu Boden ging, oder zumindest fast, denn Leonard hielt immer noch seinen Schlagarm eingeklemmt und seinen Körper somit noch halb in der Luft.

Der Hund wollte sich davonmachen, immer noch auf dem Bauch, wie ein Soldat, der durch hohes Gras robbt. Ich ging zu ihm hin und schnappte mir die Leine. Da winselte er wieder.

»Ist schon gut, Hündchen«, sagte ich. »Onkel Leonard verhaut den bösen Mann.«

Inzwischen hatte Leonard den Arm des Mannes losgelassen und trat ihm in die Rippen, genau wie es der Mistkerl dem Hund angetan hatte.

»Na, wie gefällt dir das?«, sagte Leonard. »Macht Spaß, oder, du Arschloch? Los, bell mal, du Schwanzlutscher.«

Dem Typ machte es offensichtlich keinen Spaß. Anstatt zu bellen, fing er an zu schreien. Verdammt, der Hund hatte nur ein bisschen gewinselt, und der Kerl tat jetzt gerade so, als würde er ernsthaft verprügelt. Wurde er vielleicht sogar, für seine Verhältnisse. Dabei kam es mir so vor, als zeigte Leonard sich bei diesem Tierquäler sogar ein bisschen von seiner menschenfreundlichen Seite. Vielleicht wurde er auch nur alt. Oder sein Blutzucker war niedrig, schließlich hatte er kaum was gefrühstückt.

Nach kurzem Hin und Her verlor Leonard die Lust an der Sache. Er hörte auf, den Typen zu treten, bückte sich und band seinen Schnürsenkel neu, der aufgegangen war, machte dann aber nicht weiter, wie ich es eigentlich erwartet hatte.

Der Mann hatte seine Lektion offenbar noch nicht gelernt. Das Gesicht vom Kinn bis zur Nase mit Blut verschmiert, sagte er: »Das ist Körperverletzung, Nigger.«

»Du hast wohl die Schnauze immer noch nicht voll, was?«, sagte ich.

Leonard packte ihn an den Ohren und hob ihn gerade hoch genug, um ihm das Knie ins Gesicht zu stoßen. Blut spritzte in alle Richtungen, und nun lag der Kerl bewegungslos auf dem Rasen. Hoffentlich war er in einen Hundehaufen gefallen. Im Gras neben ihm glänzte feucht ein Zahn, der auf den ersten Blick aussah wie so ein kleines billiges Gimmick aus einer Packung Cracker Jack.

Leonard kam zu mir rüber und tätschelte den Hund. Der Hund ließ es zu. Er schien zu verstehen, dass wir auf seiner Seite waren. Leonard sagte zu ihm:

»Wenn er wieder aufwacht, dann sorge ich dafür, dass er sich bei dir entschuldigt, und vielleicht auch noch, dass er dir den Arsch leckt.«

»Du hast ihn doch nicht umgebracht, oder?«, fragte ich.

»Nein, aber ich hätt’s am liebsten getan.«

»Ja, okay. Ich auch. Vielleicht aber besser so.«

»Denk ich auch«, sagte Leonard. »Aber leider nicht mal annähernd so befriedigend. Verdammt, was stinkt hier so?«

»Mich plagen grad gewisse Verdauungsstörungen. Mein Körper reagiert nicht so besonders gut auf Weizen.«

»Dann iss halt keinen. Um Gottes willen. Ist ja widerlich. Gehen wir mal ein paar Meter weiter.«

Kapitel 2

Ich tätschelte weiterhin den Hund, um ihn zu beruhigen, und wie Hunde das nun mal so tun, stand er auf, schüttelte sich und leckte mir das Gesicht. Wahrscheinlich hätte er auch das Gesicht seines üblen Herrchens geleckt. Deswegen mag ich Hunde lieber als Katzen. Katzen sind nicht etwa unabhängig, sondern schlicht arrogante Arschgeigen, die gefüttert werden und nichts dafür tun wollen. Sie sind die Herrchen. Ein Hund liebt dich einfach. Nicht weil er dir gehört oder so. Er meint’s einfach so ernst und geradeheraus wie der Tod und das Finanzamt. Das beste Geschöpf Gottes. Wenn er eine Katze gequält hätte, dann hätten wir dem Mistkerl natürlich auch eine Abreibung verpasst. Aber der Katze hätte ich dann ebenfalls mal kurz die Meinung gesagt, was ich so über ihre Artgenossen denke. Sie hätte mir sowieso nicht zugehört oder sich in irgendeiner Weise dankbar gezeigt. Sondern wäre in Gedanken schon bei ihren weiteren Plänen für den Tag gewesen. Auf der faulen Haut liegen, in ein Kistchen scheißen, Haarknäuel auf den Fußboden würgen, die Möbel verkratzen und dann dafür verwöhnt werden wollen. Hunde kommen alle in den Himmel. Katzen landen in der Hölle.

Die Polizei fuhr vor. Ein Dienstwagen. Überrascht sahen wir unseren Boss Marvin Hanson vom Beifahrersitz aussteigen und durch den Vorgarten schlendern. Er warf einen Blick auf den am Boden liegenden Mann und sagte: »Sieht gar nicht so schlimm aus.«

Der Officer stieg ebenfalls aus. Ich kannte ihn nicht, obwohl ich ihn schon mal gesehen hatte. Noch jung. Leonard und ich waren mehr als einmal auf dem Polizeirevier gewesen. Aber ich versuchte gar nicht erst, mir die Namen der Cops einzuprägen, weil sie schneller wechselten als die Freier während der Hochsaison in Amsterdam. Der junge Cop gesellte sich zu uns und sagte: »’ne alte Dame von gegenüber hat angerufen, ein Kerl würde seinen Hund treten, und wir sollten ihn wegen Tierquälerei verhaften.«

»Dann ist ja gut«, sagte ich, »aber wir haben uns gedacht, das dauert sicher ’n bisschen, also haben wir ihn schon mal für Sie in Gewahrsam genommen.«

»Und dabei widerrechtlich sein Grundstück betreten und Körperverletzung begangen«, sagte Marvin mit einem halben Lächeln in seinem faltigen schwarzen Gesicht. Zumindest kam es mir wie ein Lächeln vor. Vielleicht zeigte er ja nur seine Zähne. Schwer zu sagen. Marvin war kein besonders schöner Mann.

»Wenn du gleich so offiziell werden willst«, sagte Leonard. »Pfff.«

»Was hast du mit der Polizei zu tun?«, fragte ich Marvin.

»Ihm ist jede Gesellschaft recht«, sagte der Officer, ein kleiner dunkelhäutiger Kerl mit feisten Wangen, Arme und Beine kurz und stämmig. Wie ein Lebkuchenmann vom letzten Rest des Teigs.

»Ja, genau«, sagte Marvin zu ihm, »wenn meine Frau fragt, mit wem ich unterwegs war, dann erzähl ihr um Gottes willen lieber, dass ich mit ’nem Strichjungen zusammen war und Drogen gekauft hab. Bloß nix von den Jungs in blauer Uniform.«

»Mach ich«, sagte der Cop.

»Aber jetzt mal unter uns alten Revoluzzern«, sagte ich, »was hast du mit den Bullenschweinen zu schaffen?«

»Das ist echt fies«, sagte der Cop.

Der Mann gefiel mir. Ich schaute auf sein Namensschild. Konnte man sich ja mal merken. Sein Nachname war Carroll.

»Ich wollt’s euch noch sagen«, erwiderte Marvin. »Ich hab meinen alten Job wieder. Als Polizeichef.«

Das haute mich echt aus den Socken. Doch bevor ich meine Sprache wiederfand, um nachzuhaken, stapfte Marvin, mittlerweile wieder ohne seine Krücke, nur noch mit einem ganz leichten Hinken – das man nur bemerkte, wenn man genauer hinsah – hinüber zu dem Typ am Boden. Der war aus seiner Ohnmacht erwacht, und Marvin schaute ihm von oben herab dabei zu, wie er versuchte, sich aufrecht hinzusetzen.

Marvin sagte zu ihm: »Können Sie aufstehen?«

»Ich glaube schon«, antwortete er.

»Dann versuchen Sie’s mal, wenn Sie können«, sagte Marvin. »Ich bin von der Polizei.«

»Er hat Nigger zu mir gesagt«, warf Leonard ein.

»Damit treten Sie aber voll ins Fettnäpfchen, heutzutage, außer Sie verwenden das Wort in ’nem Rap-Song.«

»Ich war bloß wütend«, sagte der Mann.

Schließlich riss er sich zusammen und rappelte sich ganz langsam hoch, bis er wieder auf den Füßen stand. Marvin legte ihm die linke Hand auf die rechte Schulter und sagte zu ihm: »Haben Sie diesen Hund getreten?«

»Sie hat dauernd an der Leine gezogen«, erwiderte er. »Ich hab bloß versucht, ihr das beizubringen.«

»Was wollten Sie ihr beibringen?«

»Zu gehorchen. Nicht so an der Leine zu reißen.«

»Und deshalb haben Sie sie getreten?«, fragte Marvin. »So sieht Ihre Hundeerziehung aus?«

»Geschieht ihr recht. Verdammt, ist doch nur ’n Hund. Mein Hund.«

Daraufhin setzte sich Marvins rechte Hand in Bewegung. Ziemlich schnell sogar. Eine Ohrfeige auf die blutverschmierte linke Wange des Kerls, ein Rückhandschlag auf die rechte, noch mal ’ne Ohrfeige, dann ein kurzer Kniestoß in die Eier, und der Typ lag wieder am Boden. Marvin drehte sich zu dem Officer um. »Verdammt, ich war bloß wütend.«

»Du hast bloß versucht, ihm was beizubringen«, sagte Leonard.

»Kaum zu glauben«, sagte der Officer, »der Dreckskerl hat sich der Festnahme widersetzt. Ausgerechnet gegenüber unserem neuen Polizeichef.«

»Tja, was sagt man dazu?! Kein Respekt vor dem Gesetz«, sagte Marvin.

»In was für Zeiten leben wir?«, sagte der Officer.

»Fehlt nur noch, dass die Sonne abkühlt«, sagte Leonard.

»So isses«, sagte der Officer. »Heut Morgen war auch mein Kaffee so komisch.«

»Da haben wir’s«, sagte Leonard. »Es hat schon angefangen. Mit unserer Welt geht’s zu Ende. Die scheißverfluchte Apokalypse.«

Kapitel 3

»Eine kaputte Rippe, gebrochen. Nichts wirklich Schlimmes. Früher hat man das fest bandagiert. Macht man heute nicht mehr.« Die Tierärztin, eine junge untersetzte Blondine mit dichtem schulterlangen Haar, das sie mit einer Menge Schaumfestiger gebändigt hatte, erklärte uns das wie zwei Praktikanten.

»Also kommt alles wieder in Ordnung?«, fragte ich.

»Wenn sie nicht zu wild herumtollt«, sagte sie.

»Wird sie nicht.«

»Am liebsten hätt ich den Scheißkerl, der ihr das angetan hat, hier auf meinem Behandlungstisch. Dann würd ich ihm mit ’nem stumpfen Skalpell die Eier abschneiden.«

»Wir würden ihn ruhigstellen«, sagte Leonard.

»Als er wieder bei Sinnen war, er hatte nämlich so eine Art Missgeschick und war eine Weile außer Gefecht, da hat er sich bei dem Hund entschuldigt«, sagte ich.

»Entschuldigt?«

»Eigentlich hat Leonard ihm die Worte in den Mund gelegt und dafür gesorgt, dass er so lange drauf rumkaut, bis sie ihm geschmeckt haben. Jedenfalls hat er ihn Folgendes sagen lassen: Es tut mir leid, kleines Hündchen, ich bin ein Scheiße fressendes Arschloch und bin es nicht mal wert, dein Halsband zu tragen, und ich hab Flöhe.«

Mit einem kleinen Lächeln nickte sie Leonard zu.

Er nickte zurück. Er saß in einem Stuhl an der Wand; Marvin lehnte sich an den Rahmen der offenen Tür. Officer Carroll hatte den Hundequäler aufs Revier gebracht, und die junge Hündin lag nun hier auf dem Tisch. Sie lag auf der Seite, sehr geduldig, und machte bereitwillig alles mit. Ich mochte sie.

Marvin hatte uns die Hündin zum Tierarzt bringen lassen. Das würde ihm wohl einigen Papierkram voller Lügen bescheren, über einen Mistkerl, der Leonard angegriffen hatte, der doch lediglich der Tierquälerei Einhalt gebieten wollte, und der sich dann gegen Marvin gestellt hatte, als der die Sache untersuchen wollte. Nicht gerade legal, aber gerecht. Ich sah immer noch Marvins Ohrfeigen vor mir. Flinke Hände, dieser Marvin.

Die Tierärztin legte der Hündin einen Verband an, stützend, aber nicht zu fest. Nur gerade so, dass es die Rippe stabilisierte. Und nur für zwei oder drei Tage, das müsste reichen, meinte sie und erklärte uns noch mal, wie man das früher handhabte und dass man das heute nicht mehr so machte. Vermutlich übte sie für einen Vortrag oder eine Lehrstunde. Ich bezahlte ihr Honorar mit einem Teil des Geldes, das wir durch die Observierung des Fitnessstudio-Mannes verdient hatten, und dann brachten wir Marvin zurück zu seinem Wagen beim Polizeirevier. Er meinte, er wolle noch mit uns sprechen, er würde später noch bei mir vorbeischauen, sobald er noch ein bisschen Polizeiarbeit erledigt habe. Also fuhren wir los.

Vor Kurzem hatte Leonard eine eigene Bude gefunden, eine billige Wohnung im Zentrum, in einem alten Gebäude, das früher mal eine Süßwarenfabrik gewesen und dann in lauter Apartments aufgeteilt worden war. Davor hatte Leonard ein Häuschen gehabt, das er aber John überlassen hatte, bis der auch auszog, und dann hatte Leonard es verkauft, was ihm sogar eine kleine Stange Geld einbrachte. Das war neu für uns, für alle beide. Ein kleines finanzielles Polster. So hatten wir, zum ersten Mal in unserem Leben, jeder ein bisschen was auf dem Konto und keine Geldsorgen. Mit unseren Redneck-Jobs konnten wir keine Karriere machen. So ein Job hielt immer nur so lange, wie man durchhielt oder bis man gefeuert wurde, und dann ließ man ihn eben sausen. Wir hatten ziemlich viele sausen lassen.

Leonards Wohnung war eine Art Loft, mit jeweils einer Abtrennung fürs Schlafzimmer und fürs Bad. Der Vermieter ließ ihn ein paar neue Wände einziehen und verzichtete dafür auf einen Teil der Miete. Die Arbeiten mussten allerdings in einem bestimmten Zeitraum abgeschlossen sein. Deshalb beauftragte Leonard jemand anderen damit. Er zahlte mehr, als er vom Vermieter dafür erstattet bekam, aber seine Wohnung wurde schöner, also glich sich das auf lange Sicht aus. Angeblich wollte der Eigentümer die Wohnungen an die Mieter verkaufen. Er war alt und hatte die Nase voll von Immobilienbesitz und Mietern, und Leonard wollte gerne kaufen.

Leonard wohnte erst kurze Zeit dort und schlief immer noch oft bei uns, solange die Arbeiten in seiner Wohnung im Gange waren. Davor hatte er richtig bei uns gewohnt, sogar in seinem eigenen Zimmer. Ich liebte ihn über alles, auch Brett liebte ihn herzlich, aber ehrlich gesagt, war ich schon froh, dass er nicht mehr die ganze Zeit bei uns rumhing. Brett und ich hatten das Haus gern für uns alleine. So hatten wir mehr Zeit für uns, mussten uns nicht groß beherrschen bei unseren lauten Doktorspielchen, und meine Ausgaben für Vanillekekse und Dr. Pepper sanken drastisch. Das kam auch Leonards Linie zugute. Er war ganz versessen auf diese Vanillekekse und Dr. Pepper, vor allem, wenn er das Zeug nicht selber kaufen musste. Meine Kekse zu futtern und Dr. Pepper aus meinem Kühlschrank zu trinken war für ihn wohl so was wie eine echte Leistung, und wahrscheinlich war er auch noch stolz drauf.

Vor der Tierarztpraxis traten wir hinaus in die Mittagshitze, obwohl es erst halb elf war. Das Sonnenlicht legte sich über uns wie ein glühendes Kettenhemd.

Als wir bei mir und Brett ankamen und mit der Hündin hereinspazierten, war Brett bereits zu Hause von ihrer Schicht im Krankenhaus. Sie hatte den Job als Krankenschwester schon mehrmals hingeschmissen, war aber so gut, dass sie sie jedes Mal wieder einstellten. Sie sah müde aus und dennoch hübsch, mit ihrem Pferdeschwanz aus rotem Haar. Mit einer Kopfbewegung zu der Hündin hin sagte sie: »Kriegen wir da etwa noch ’n Gast zum Mittagessen? Außer Leonard, meine ich?«

»He, ich bin ein ganz netter Gast«, sagte Leonard. »Was gibt’s denn?«

»Das, was du spendierst«, erwiderte Brett.

»Oh«, sagte Leonard. »Dann gibt’s nicht viel.«

Ich sah auf die Hündin hinab. »Sie ist wirklich unser Gast. Sie heißt … tja, ich weiß gar nicht, wie sie heißt.«

»Dir nachgelaufen?«, fragte Brett.

»Nicht ganz.«

»Dein neues Haustier, Leonard?«

Er blickte zu mir herüber. »Vielleicht«, sagte er. »Vielleicht auch eures.«

»Kann ich sie behalten?«, fragte ich und versuchte dabei sowohl einnehmend als auch sehnsüchtig zu klingen. Na ja, keine Ahnung, wie einnehmend oder wie sehnsüchtig ich mich wirklich anhörte. Beides zugleich geht vielleicht gar nicht. Oder das eine hört sich fast wie das andere an.

»Fängst du an zu seufzen, wenn ich Nein sage?«, fragte Brett.

»Kann schon sein.«

»Verdammt, er kann so richtig dick und schwer und herzergreifend seufzen«, sagte Leonard. »Ich hab’s schon miterlebt. Ich kann dir sagen, ich war peinlich berührt. Es war ziemlich unmännlich.«

»Ich kann ja versuchen, mit tiefer Stimme zu seufzen«, sagte ich.

»Ach was«, sagte Leonard, »das geht nicht beim Seufzen.«

»Wollt ihr mir nicht erst mal erzählen, wie wir zu einem Hund kommen?«, fragte Brett.

Also setzten wir uns alle mit einem Glas Eistee an den Tisch, die Hündin legte sich mir zu Füßen auf den Boden, und ich erzählte die ganze Geschichte.

»Solche Leute begreif ich einfach nicht«, sagte Brett. »Der Hund sieht doch eher verschmust aus, gar nicht bissig oder so.«

»Ich glaube, dafür ist sie noch zu jung, das wird sich erst noch rausstellen«, sagte ich.

»Jedenfalls mag ich Hunde«, sagte Brett.

Es klingelte an der Tür. Ich machte auf. Draußen stand Marvin Hanson.

»Nun«, sagte ich, als er reinkam, »wir begrüßen den Polizeichef, der uns gar nicht verraten hat, dass er Polizeichef ist.«

Er setzte sich an den Tisch, und ich setzte mich ebenfalls wieder hin. Dann beugte er sich hinunter und tätschelte der Hündin den Kopf. »Braver Hund.«

»Polizeichef?«, fragte Brett.

»Jep«, sagte Marvin. »Damit ihr’s wisst, dieser Mann will möglicherweise seinen Hund zurückhaben, und wie die ganze Sache dann ausgeht, kann ich euch nicht sagen. Er wird ’ne Strafe aufgebrummt kriegen wegen Tierquälerei und weil er sich der Verhaftung widersetzt hat, aber er könnte trotzdem noch ’ne Menge Stunk machen.«

»Gib Hap ’n Stück Weißbrot«, sagte Leonard, »der kann’s dann spielend mit ihm aufnehmen.«

»Jetzt mal im Ernst«, sagte Marvin. »Vielleicht geht das vor Gericht.«

»Vor Gericht kenn ich mich nicht aus«, sagte Leonard, »aber ich weiß, wie die Sache vor seinem Haus ausgegangen ist. Nicht so gut für ihn.«

»Wir haben uns wie Schlägertypen aufgeführt«, sagte ich.

»Nee«, sagte Marvin, »wie die Furchtlosen Fäuste der Vergeltung.«

»Um ganz genau zu sein«, sagte Leonard, »warst du die Schlagende Vor- und Rückhand der Vergeltung.«

»Und das Knie«, ergänzte ich.

»Genau, und das Knie«, sagte Leonard, »aber das klingt nicht so gut.«

»Was kommt da juristisch gesehen auf uns zu?«, fragte ich Marvin.

»Auf mich oder auf euch zwei?«, fragte Marvin zurück.

»Insgesamt, alles in allem«, sagte Leonard.

»Nun ja, der Officer im Dienst hat gesehen, wie der Kerl mich angegriffen hat.«

»Ja, gut, okay«, sagte ich. »Sollen wir auch aussagen, dass er dich angegriffen hat?«

»Das wäre praktisch«, erwiderte Marvin. »Aber die alte Dame nebenan hat alles beobachtet und mit ihrer Handy-Kamera gefilmt. Das hab ich unterwegs hierher erfahren. Sie hat die Polizei angerufen.«

»Na klar«, sagte ich, als hätte ich es nicht anders erwartet.

»Allerdings hat sie uns gesagt, sie hätte nicht gefilmt, wie Leonard das Weichei vermöbelt, und auch nicht, wie ich ihm noch mal was verpasst hab. Sie hätte nur gefilmt, wie er seinen Hund tritt. Und ihrer Meinung nach hätte er den Eindruck gemacht, als würde er auf euch beide losgehen wollen, und dann auf mich, das heißt, sie hat ihm die ganze Schuld in die Schuhe geschoben.«

»Ein wahres Herzchen von Lügnerin«, sagte ich.

»Ja, allerdings«, sagte Marvin. »Zudem ist sie ’ne alte Dame und wirkt sehr vertrauenswürdig, hab ich gehört. Ein bisschen barsch, aber ganz in Ordnung, glaub ich. So beschreibt sie zumindest Officer Curt Carroll, der noch mal dort hin beordert wurde. Er meinte, der Hundebesitzer würde im Vorgarten auf allen vieren nach seinen fehlenden Zähnen suchen, weil er denkt, die kann man ihm wieder einsetzen, wenn er sie schnell genug in Eis packt. Das ist so einer, der bildet sich ein, er weiß über allen möglichen Dreck Bescheid, aber in Wahrheit kann er Kuhscheiße nicht von Honig unterscheiden.«

»Kommt uns sehr gelegen, dass die alte Dame einen vertrauenswürdigen Eindruck macht«, sagte Leonard. »Und was das Arschloch betrifft, der findet hoffentlich seine Zähne nie wieder.«

»Wie viele hat er denn verloren?«, fragte ich. »Ich hab nur einen gesehen.«

»Zwei, glaube ich«, sagte Marvin. »Jedenfalls will Zahnlücke keine Anzeige erstatten. Anfangs war er da noch anderer Meinung, doch ich hab ihm klargemacht, dass ihr zwei Jungs bloß gute Samariter seid, die einem misshandelten Tier zu Hilfe geeilt sind. Das hat er dann schon verstanden. Da ist ja auch was Wahres dran. Andererseits wäre da noch das ganze Zurechtgelogene darüber, wie wir von ihm angegriffen wurden.«

»Er hat versucht, mich zu schlagen«, sagte Leonard.

»Das wird sicher berücksichtigt«, sagte Marvin. »Im Endeffekt wird er sein Maul halten, und damit seid ihr fein raus, ich genauso … Außerdem bin ich sowieso der Polizeichef.«

»Du willst uns doch bloß Angst einjagen, dass der Kerl womöglich seinen Hund wiederhaben will, oder?«

»Ein bisschen, ja«, sagte Marvin. »Schließlich muss ich euch wenigstens ’nen Denkzettel verpassen. Ihr macht mir genug Ärger.«

»Da wäre noch eine Kleinigkeit, die uns interessieren täte«, sagte ich. »Wie hat sich denn die Sache mit dem Job als Polizeichef ergeben? Immerhin arbeiten wir für ja dich, da hätten wir doch was davon mitkriegen müssen, oder?«

»Hättet ihr doch, oder?«, erwiderte er. »Habt ihr aber nicht. Und ich verrat euch auch, warum. Zuerst kam es mir ein bisschen verrückt vor, mit dem Gedanken zu spielen, mich wieder bei der Polizei zu bewerben. Mein Bein ist fast verheilt, ich kann wieder arbeiten, ich hab dort immer gute Arbeit geleistet, und was am besten ist, der Stadtrat kam irgendwann auf mich zu. Sie haben wohl Probleme, ihr Personal bei der Polizei zu halten. Andauernd wechselt der Polizeichef, wandern die Polizisten wieder ab, und gelegentlich landet sogar einer im Knast wegen irgendwas. Wisst ihr übrigens, dass sie den Knast innen rosa gestrichen haben und die Häftlinge jetzt rosa Overalls tragen müssen?«

Ich hob die Hand. »Kenn ich. Hab selber so ’nen Overall getragen.«

»Rosa«, widerholte Hanson.

»Jep, und ’n bisschen arg weit, so kam’s mir vor, aber angenehmer, als man meinen könnte. Bequem, weil nicht so eng. Das Rosa soll einen Abschreckungseffekt haben, weil’s ’ne peinliche Farbe ist und so.«

»Glaubst du, das wirkt?«, fragte Hanson.

»Eher nicht.«

»Glaub ich auch nicht. Als Allererstes lass ich nächste Woche die ganzen Zellen anders streichen. Die rosa Overalls können sie auftragen. Nee. Wisst ihr was? Ich bestell gleich die normalen in Orange. Dafür muss Geld da sein. Könnt ihr euch das vorstellen, so ’n Scheißdreck? Lauter Mörder und Vergewaltiger, und der Weisheit letzter Schluss ist, den Knast innen rosa anzumalen und die Scheißkerle in Rosa rumlaufen zu lassen. Die verdammte Todesstrafe schreckt keinen ab, aber ein Arschlochrosa soll’s richten.«

»Rätselhaft«, sagte ich. »Aber noch rätselhafter ist für mich, wie du wieder Polizeichef geworden bist.«

»Ja, für mich auch«, sagte Leonard.

»Mir gefällt rosa«, sagte Brett.

»Wir sprechen schon wieder über was anderes, Brett«, sagte ich. »Also, warum du, Marvin Hanson?«

»Ach, es gab schon einige gute Polizeichefs, nur dass die guten bislang immer gegangen sind, weil’s ihnen zuwider war, wie die Dinge in dieser Stadt so laufen, oder weil sie ’n besseres Angebot bekamen, den gleichen Job in ’ner Stadt, wo’s ihnen besser gefiel. Trotzdem haben wir ein paar gute Polizisten. Der Junge, der heute mit mir unterwegs war. Einige Detectives, Drake und Kelso zum Beispiel, und noch ’n paar. Die sind schon ’ne ganze Weile dabei. Aber sie brauchen jemand, dem sie’s zutrauen, dass er die Sache besser im Griff hat. Es hat sich rumgesprochen, dass ich ’ne Detektei leite und dass ich körperlich wieder fit bin. Und bei der Stadt weiß man, dass ich Erfahrung habe, meine Berufsjahre in Houston und hier. Also hat man mir ein Angebot gemacht, um mich mit ins Boot zu holen. Und ich hab ange-nommen.«

»Gibt es für so ’ne Stelle nicht ’ne Wahl?«, fragte Leonard.

»Für die Stelle als Sheriff, ja«, sagte Marvin. »Hier in der Stadt wird der Polizeichef nicht gewählt, sondern vom Stadtrat ausgesucht und ernannt. Jedenfalls haben sie mich eingestellt. Heute war offiziell mein erster Tag, aber im Prinzip hab ich nichts getan außer gleich da rauszufahren, wo ihr wart. Mein erster Arbeitstag, Dienstbeginn, und in der ersten Meldung, die reinkommt, geht’s um einen Kerl, der einen Hund getreten hat und dafür gerade den Arsch in seinem Garten versohlt kriegt, direkt da, wo ich euch zum Observieren hingeschickt habe. Da wusste ich natürlich gleich, was los war.«

»Wir sind ja dermaßen vorhersehbar«, sagte Leonard.

»In mancher Beziehung, ja«, erwiderte Marvin. »Noch was, die Agentur muss ich jetzt leider aufgeben.«

»Dann ist es mit ’nem Drittel unseres Einkommens vorbei«, sagte Leonard.

»Eher mit ’nem Dreiviertel«, sagte ich. »In den letzten paar Monaten haben wir ordentlich verdient, und jetzt eben nicht mehr. Die Tagelöhnerei und die Feldarbeit rufen wieder.«

»Wir kriegen immer einen Job als Rausschmeißer. Oder Hausmeister. Oder Hähnchenmelker.«

»Ach ja. Hab ganz vergessen, wie viele Möglichkeiten uns offenstehen.«

»Das ist ein Interessenkonflikt, wenn ich so ein Geschäft hab und gleichzeitig bei der Polizei bin«, sagte Marvin. »Und ich muss mich jetzt strenger an die Gesetze halten. Ich bin wieder ein gesetzestreuer Bürger geworden.«

»Musst immer saubere Unterwäsche tragen und so«, sagte Leonard.

»Richtig. Ich zieh sogar jeden Tag frische Socken an.«

»Da bist du ja gleich in die Vollen gegangen, an deinem ersten Tag«, sagte Brett.

»Ist mir schon klar. Hätte auch nach dem ersten Tag postwendend wieder in meinem Detektivbüro landen können. Doch zum Glück ging’s noch mal gut aus.«

»Ist es das, was du willst?«, fragte ich. »Polizeichef?«

»Meine Arbeit als Lieutenant hat mir immer gefallen, und da war ich ja praktisch der Chef, warum soll ich den Job also nicht antreten … Jetzt bin ich eben wieder bei der Polizei. Das Dumme ist nur, dass ich die Agentur dafür auflösen muss. Oder verkaufen. Ich hab überlegt, ob ihr beide sie nicht übernehmen wollt.«

»Zu welchem Preis?«, fragte Leonard.

»Ich hab mir gedacht, ihr kauft mir das Inventar ab, zahlt die monatlichen Raten für das Gebäude, das kaufe ich nämlich, und schon könnt ihr anfangen. Die Agentur gehört euch.«

»Uns?«, sagte ich. »Schlägst du uns allen Ernstes vor, ein Geschäft zu führen? Meinst du etwa, unsere Namen würden irgendwie zu dem Wort Geschäftsführer passen?«

»Na ja«, sagte Marvin. »Da kann man schon Muffensausen kriegen.«

»Ich weiß nicht so recht, ob ich ein Geschäft führen will«, sagte ich. »Die Arbeit an sich gefällt mir, aber nur als bezahlter Job, nicht als Unternehmer – mit all den Steuern, Versicherungen und so. Sich um all den ganzen Kram kümmern. Was, wenn mal ’ne Wasserleitung kaputt ist?«

»Dann reparier sie, oder lass sie reparieren«, erwiderte Marvin.

»Auf das eine hab ich keine Lust, und das andere kostet Geld«, sagte ich.

»Genau«, stimmte Leonard mir zu. »Für mich ist das auch nichts. Leitungen reparieren oder ein Geschäft führen. Ich hab’s mal mit einem Limonadenstand versucht, und da musste ich mich gegen zwei kleine weiße Jungs wehren, die mich als schwarzen Schwanzlutscher beschimpft haben. Denen hab ich die Scheiße aus dem Leib geprügelt. Verdammt, das war, zehn Jahre bevor ich überhaupt meinen ersten Schwanz gelutscht hab.«

»Mit dem Schwanzlutschen sollte man’s ziemlich genau nehmen«, sagte ich.

»Wie ihr wollt«, sagte Marvin. »Ich verkauf jedenfalls, und ihr bekommt von mir ein besseres Angebot als sonst irgendwer.« Und mit einem Blick zu Leonard: »Sozusagen ein Schwanzlutscher-Sonderangebot.«

»Nett von dir«, sagte Leonard.

»Na, ich weiß nicht«, sagte ich.

»Ich mach’s«, sagte Brett.

Wir drehten uns alle zu ihr um.

»Ich häng die Krankenpflege an den Nagel«, sagte sie. »Hab die Arbeitszeiten satt. Hab’s satt, Ärsche abzuwischen und Verbände zu wechseln. Ich kauf das Inventar und übernehme das Geschäft, zahle die Raten. Hap und Leonard können für mich arbeiten.«

»Du als unser Boss?«, fragte ich.

»Das kriegen wir hin«, sagte sie.

»Ich weiß nicht«, sagte ich.

»Wisst ihr«, sagte Marvin, »das ist ’ne prima Idee. Nimmt mir eine Last von den Schultern, und du schaukelst die Sache schon, Brett. Notfalls ohne die beiden Trottel. Ich besorg dir ruckzuck ’ne Lizenz als Privatdetektiv. Ich kenn da jemanden, der jemanden kennt.«

»Das hab ich auch schon gedacht«, sagte sie. »Dass ich die beiden gar nicht brauche.«

»Moment mal«, sagte Leonard. »Hab ich etwa gesagt, ohne mich? Nee, hab ich bestimmt nicht. Und Hap mag ich sowieso nicht.«

»Ich werde immer für ausreichend Vanillekekse sorgen, als Teil deiner Bezahlung«, sagte sie.

»Und Dr. Pepper?«, fragte Leonard.

»Auch«, sagte sie.

»Aber hallo, dann bin ich dabei«, sagte Leonard.

»Hap?«, sagte Marvin.

»Ja«, sagte ich. »Also gut. Machen wir einfach so weiter? Mit uns zwei ohne Lizenz, nur so als Lohnsklaven?«

»Na klar«, sagte Brett.

»Genau«, sagte Marvin, »ihr arbeitet unter Bretts Lizenz, wie bisher unter meiner.«

»Ab wann?«, fragte Leonard.

»Das Geschäft ruht ab sofort, denn ich hab der Dame mit dem Fitness-Ehemann meinen Abschlussbericht übergeben, und das war’s. Sie hat noch einen Restbetrag zu zahlen. Sobald Brett will, kann sie das Büro wieder aufmachen, es muss nur vor der nächsten Rate fürs Gebäude sein, außerdem gibt’s natürlich ein paar Formalitäten zu erledigen. Aber im Prinzip kostet es kaum was, die Agentur neu aufzumachen. Allerdings springt dabei nicht unbedingt so viel raus wie als Krankenschwester.«

»Glaub mir«, sagte Brett, »in der Krankenpflege verdienst du nicht das große Geld. Ein regelmäßiges, ordentliches Einkommen, ja, aber nicht die große Kohle. Zudem, wie gesagt, hab ich’s eh satt. Ich kündige morgen, mit zweiwöchiger Kündigungsfrist, und wahrscheinlich lassen sie mich gleich gehen, weil ich noch Urlaub und Überstunden hab.«

So kam’s, dass ich anfing, für meine Freundin zu arbeiten, als Angestellter der Brett Sawyer Agency.

Kapitel 4

Marvin musste die Farbe gemocht haben. Keine schöne Farbe, und ehrlich gesagt, wusste ich nicht mal, was das überhaupt für eine Farbe sein sollte. Blass-rostig vielleicht. Jedenfalls waren die Innenwände so gestrichen, und ich fand’s okay, aber Brett hatte da andere Vorstellungen. Am Schluss strichen Leonard und ich die Büroräume in einem hellen Mintgrün. Sah schon besser aus, aber ich hielt den Aufwand für Zeitverschwendung. Schließlich wollten wir keine Boutique eröffnen. Als Nächstes kamen womöglich noch Vasen mit Blumen drin, ein Vögelchen in einem Käfig und ein Gemälde an der Wand, das aussah, als wäre eine Schachtel Buntstifte explodiert.

Doch wir arbeiteten für Brett, und sie war der Boss. Blöd war nur, dass sie uns fürs Streichen nicht bezahlte. Natürlich erwartete ich das nicht von ihr und wollte es auch gar nicht. Ich nörgele nur ein bisschen rum.

Nach dem Streichen erwarb Brett einen neuen Schreibtisch ohne Kaffeetassenkreise drauf, legte ein paar Untersetzer aus, schaffte bequeme Bürostühle an und einen Computer, brandneu und auf dem aktuellen Stand der Technik. Wenigstens ersparte sie uns die Blumenarrangements und was ich sonst so befürchtet hatte. Sie schickte mich los, ein Poster vom Kinoplakat von Fahr zur Hölle, Liebling! mit Robert Mitchum zu besorgen und ordentlich rahmen zu lassen, und das hängte ich dann an die Wand. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich ein Poster nicht einfach bei Walmart oder so kaufte und es selber rahmte. Ich kannte da jemanden, der so was richtig gut hinkriegte. Mit dem Poster an der Wand fühlte ich mich jetzt schon eher wie ein echter Privatdetektiv. Dabei hatte ich ungefähr so viel mit einem echten Privatdetektiv zu tun wie ein Wiesel mit einem Känguru. Aber träumen darf man ja.

Die Toilette hielten wir schlicht. Ein sauberes Örtchen für klein oder groß, mit jeder Menge Klopapier. Hier hing ein Gemälde mit Wasserlilien an der Wand. Ich fand es blöd. Brauchten wir wirklich ein Gemälde im Scheißhaus? Mit Wasserlilien?

Außerdem kaufte Brett einen besseren Kaffeekocher für unsere Kitchenette, wie sie’s nannte, dazu Gourmet-Kaffee, und sie verwahrte eine Tüte mit Vanillewaffeln in ihrer Schreibtischschublade. Diese Dinger waren allerdings von der billigen Sorte, wie wir sie immer kauften, hauptsächlich für Leonard. Er mochte drei Arten von Vanillekeksen: die einfachen Waffeln, die anderen mit einer Cremeschicht dazwischen und überhaupt alle mit Vanillegeschmack. Zur Schreibtischschublade gab es einen Schlüssel. Zwei sogar. Einen hatte Brett, den andern ich. Leonard konnte sich nämlich nicht beherrschen. Mit diesen Vanillekeksen war er schlimmer als ein Cracksüchtiger. Wir mussten ihn vor sich selber schützen. Und es machte mir auch ein bisschen Spaß. Ständig quälte er mich nur zum Spaß mit seinen schrägen Hüten und so, also zahlte ich ihm das gelegentlich heim. Wie das eben unter Brüdern so läuft.

Dann gab es noch einen kleinen Kühlschrank mit Limo und Wasser drin, einschließlich Dr. Pepper für Leonard, und eine Couch, die man zu einem Bett ausziehen konnte. Eines Abends, als wir länger gearbeitet hatten, probierten Brett und ich sie aus. Leonard war in seine eigenen neuen vier Wände abgezogen, wir waren also unter uns. Wir beschlossen, das Möbelstück einzuweihen, sozusagen. Es war fast so bequem wie eine Folterbank der Inquisition. Am nächsten Morgen spürten wir unsere Rücken. Daraufhin kaufte Brett eine dünne Schaumstoffmatratze, die sie zusammengerollt im Schrank verstaute. Wenn man nun die Couch auszog, musste man nur noch die Matratze drauflegen, und schon verwandelte sich die Folterbank in etwas halbwegs Bequemes. Besser, man war allzeit bereit. Vielleicht brauchte man mal dringend Sex, um den Serotoninspiegel zu heben, oder wie das Zeug heißt, das einen glücklich und zufrieden macht. Für mich machte das schlicht und einfach immer nur der Sex, um’s mal auf den Punkt zu bringen.

Die ganze Zeit über blieb unsere neue Hündin bei uns im Büro, mit ihrem festen, aber bloß nicht zu engen Verband. Als wir uns im Büro mal liebten, guckte sie uns von ihrem Körbchen aus neugierig zu. Sie kam mir etwas zu jung vor, um auf diese Weise schon aufgeklärt zu werden. Da ich sie aber sowieso zur Tierärztin bringen würde, um mit einer kleinen Operation diese ganze Kinder-kriegen-Sache ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen, spielte es wohl keine Rolle.

In der Nacht, als wir die Ausziehcouch testeten, lud Leonard John zu einem Versöhnungsessen ein. Er kochte Spaghetti mit seiner berühmten Soße, die er fix und fertig im Laden kaufte. Ich wünschte ihm, dass es funktionierte. Er wollte die Dinge zwischen ihnen schon länger wieder einrenken. Er hatte gewissermaßen das Handtuch geworfen, aber dann fand John, der eigentlich fest entschlossen war, wegen seines Glaubens auf Frauen zu stehen, dass er mit Frauen doch nichts anfangen konnte und dass Gott vielleicht ja ein Auge zudrücken könnte in puncto Mann mit Mann. So hatte er sich’s jedenfalls zurechtgelegt. Allmählich kam ich zu dem Schluss, dass John wohl ein netter Kerl war, aber zu verwirrt und verkorkst, um zu wissen, was er wollte. Offen gesagt, ging ich ihm in der letzten Zeit lieber aus dem Weg. Ein Teil von mir hätte ihm am liebsten eine aufs Maul gegeben.

Wie auch immer, nach dieser Nacht im Ausziehbett und nachdem Brett gleich die Matratze dazu gekauft und im Schrank verstaut hatte, hingen wir ein bisschen im Büro herum und richteten es noch weiter ein, nur wir beide. Sie arrangierte ein paar Sachen, um die ich mir nie Gedanken gemacht hätte, die sie aber für überaus wichtig hielt. Und in einer kleinen Pause betrachteten wir dann unsere junge Hündin im Körbchen in der Büroecke, und Brett sagte: »Weißt du, wir können sie nicht immer nur ›sie‹ nennen.«

»Meinst du? Es wär’ aber vielleicht so wie in dem Roman Sie von H. Rider Haggard. Diese Frau wusste genau, wer sie war. ›Sie‹ war der einzige Name, den sie brauchte. Unser Hund könnte ›Sie‹ sein.«

»Ich glaub aber kaum, dass unsere ›Sie‹ dermaßen selbstbewusst ist«, sagte Brett. »Außerdem hat sie schon ’nen Namen. Ayesha, glaub ich.«

»Da hast du wohl recht.«

»Sie kommt langsam wieder auf die Beine. Und wird ein bisschen dick, so wie du.«

»Ich hab fünf Pfund abgenommen.«

»Du müsstest fünfmal fünf Pfund abnehmen, mein Lieber.«

»Ja, mindestens.«

»Womit hast du sie gefüttert?«

»Mit gar nichts.«

»Lügner.«

»Okay, manchmal geh ich mit ihr zu Dairy Queen und kauf ihr ein Tüteneis, aber nur ein einfaches, ohne Schokolade. Schokolade ist schlecht für Hunde«, sagte ich.

»Als ich klein war, hab ich meine Schokoriegel immer mit meinen Hunden geteilt, und da ist keiner dran gestorben«, sagte Brett.

»Die sind alle noch am Leben?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Na siehste«, sagte ich. »Spätfolgen der Schokolade. Hat eben nur ein Leben lang gedauert.«

»Ha!«, sagte Brett. »Ich finde, wir sollten sie Spot nennen.«

»Spot? Sie hat doch gar keine Flecken.«

»Das ist ja der Witz.«

»Wir machen keine Witze auf Kosten unseres Hündchens. Ich würde sagen, wir nennen sie Ace.«

»Das ist ein Name für den Hund eines kleinen Jungen.«

»Ich wollte schon immer einen Hund Ace nennen, weil Bat-mans Hund Ace hieß.«

»Nee. Nicht Ace. Wie wär’s mit Buffy?«

»Dieses Vampirjäger-Mädchen?«, fragte ich.

»Jep. Der Name gefällt mir. Ist eher was für Hunde als für ein Mädchen.«

»Ja, er passt«, sagte ich.

»Nennen wir sie Buffy, die Keksjägerin. Sie steht auf Hundekekse.«

Das ließ ich mir einen Moment durch den Kopf gehen. »Buffy, die Keksjägerin, ist nur für offizielle Anlässe, wenn sie Abendrobe trägt oder eine Audienz bei der Königin hat. Ansonsten, daheim oder im Auto unterwegs zum Dairy Queen, einfach nur Buffy.«

Wir hatten unseren Hund getauft.

Während dieser Taufzeremonie war mein Blick an Bretts Beinen hängen geblieben. Sie stand da, gegen den Schreibtisch gelehnt, in Shorts, und ihre Beine glänzten, und ich spielte mit dem Gedanken, ob wir vielleicht die Couch mit der neuen Matratze noch mal ausprobieren sollten. Dieser Gedanke wurde jäh unterbrochen, als ich jemanden die Treppe heraufkommen hörte. Schwerfällig, wie ein Elefant, der einen Maharadscha und sein Gefolge herumträgt, und ich hörte auch noch ein Klicken, als trüge der Elefant obendrein seinen Kumpel, eine überdimensionale Grille, mit sich herum oder an einem Fuß einen Stepptanzschuh.

Dann ging die Tür auf, und eine alte Lady trat ein, älter als uralter Staub, nur weniger staubig. Ihre Krücke erklärte das Klickgeräusch, jedoch nicht den Elefantengang, denn sie war winzig. Auf ihrem Kopf trug sie mehr rotes Haar, als Platz dafür da war. Dieses Haar erschien mir wie ein eigenes Wesen, hoch toupiert und blutrot. Wenn man sie scherte wie ein Schaf, bekam man bestimmt genug Wolle für eine Strickweste und noch mindestens eine Socke oder ein kleines Täschchen fürs Kleingeld.

Ihr Gesicht wirkte trocken. Sie hatte viel Schminke aufgetragen, so als müsste sie damit einige Löcher auffüllen. Ihre Klamotten entsprachen keineswegs ihrem Alter – dem eines Mastodons, das alle Klimakatastrophen überlebt hatte, allerdings nicht ganz unbeschadet. Knallrote hautenge Jeans, und ein kragenloses T-Shirt, das den Blick auf ihre Arme freigab, an denen die Haut herabhing wie Schwimmhäute. Ihre Dinger waren zu sehr nach oben gedrückt und quollen oben aus ihrem Push-up heraus: Üppige überreife Melonen mit roten Flecken, vermutlich Muttermale, oder aber beginnender Hautkrebs.

Sie beäugte mich und Brett. »Ihr zwei wolltet doch nicht gerade das Hundespielchen spielen, oder?«

»Nein, wollten wir nicht«, antwortete Brett. »Unser Hund ist eine Hundedame.«

Die Lady betrachtete unsere frisch getaufte Buffy in ihrem Korb in der Zimmerecke. Buffy reckte den Kopf, checkte die Lage, zog aber den Kopf schnell wieder ein und verhielt sich still. Wahrscheinlich traute sie dem ganzen Haar nicht. Vielleicht hielt sie es für ein böses Tier, das gerade zum Sprung ansetzte.

»Ich meinte Sexspielchen«, sagte die Frau.

Brett und ich hatten schon verstanden, was sie meinte, trotzdem überraschte sie mich. Aber wenn ich mal so alt war wie sie, wenn ich überhaupt so alt wurde, dann würde ich wohl auch immer noch so daherreden wie heute. Und je genauer ich die alte Dame in Augenschein nahm, desto mehr schien ihre Redeweise zu ihr zu passen. Als wäre sie mal im horizontalen Gewerbe gewesen.

»Aber jetzt wo Sie’s sagen«, konterte Brett, »ich war tatsächlich grad dabei, meine Shorts runterzulassen und mich über den Schreibtisch zu beugen, damit Hap es mir von hinten besorgen kann.«

»Mich können Sie nicht schockieren, meine Liebe«, sagte die Alte.

»Sie uns auch nicht«, sagte Brett.

Eigentlich war ich schon ein kleines bisschen schockiert.

»Das hatten Sie doch vor, oder?«, sagte Brett. »Uns schockieren.«

»Ach was«, sagte die Frau und ließ sich wie ein Sack mit einer Bowlingkugel drin in einen der Besuchersessel plumpsen. »Ich bin bloß ’ne ordinäre alte Schlampe.« Ihre Augen fixierten mich. »Sie sind Hap Collins, stimmt’s?«

»Ja, der bin ich. Kennen wir uns?«

»Nee. Aber mit vierzig hätt’ ich Sie gern gekannt. Wir hätten gemeinsam ’n Loch in die Matratze brennen können. Natürlich waren Sie da vielleicht noch gar nicht geboren. Und Sie sollten ein paar Pfund abnehmen, mein Lieber. Sie setzen langsam Fett an.«

»Ich behalt ihn trotzdem«, sagte Brett. »Mit all seinen Pfunden.«

Die Alte taxierte Brett. »Was sind Sie doch für ’ne Südstaatenschönheit! Wetten, Sie könnten auf ’nem großen Fischerboot vor Louisiana ’ne Menge Kohle machen und müssten nicht mal ’n Netz flicken?«

»Hören Sie mal, Sie alte Schachtel«, sagte Brett. »Entweder verraten Sie uns jetzt, was Sie von uns wollen, oder ich schieb Ihnen die Krücke in den Arsch und schmeiß Sie die Treppe runter, dass es Ihnen die Tönung aus der Frisur haut.«

Die Alte jauchzte. »Sie sind echt ’ne Kanone!«

»Und alle sechs Kammern geladen!«

»Machen Sie sich nicht ins Höschen«, sagte die alte Frau. »Ich verscheißer Sie doch bloß. Ich möchte Hap engagieren.«

»Mein Honorar als männliche Hostess liegt ein bisschen höher«, sagte ich, »und damit Sie’s gleich wissen, anal ist bei mir nicht drin.«

»Könnte ich vielleicht sogar arrangieren – Sie als Hostess«, sagte sie. »Und ich mach’s auch anal, und mit Sexspielzeug. Hab ich jedenfalls, früher. Mittlerweile bin ich da unten so trocken, dass ich mich sogar zum Pissen einschmieren muss.« Daraufhin lachte sie. Ein herzliches, junges Lachen, bis sie am Ende husten musste und sich plötzlich anhörte wie ein kaputter Heizungskessel, der gleich explodiert.

Als sie sich wieder freigehustet hatte, sagte ich: »Ich kenne Sie gar nicht, woher kennen Sie mich denn?«

»Ich hab Sie und Ihren farbigen Freund neulich draußen in dem Vorgarten gesehen. Als das liebe Hündchen da getreten wurde. Jetzt sieht sie viel glücklicher aus.«

Ich dachte bei mir: farbiger Freund, echt jetzt? Aber sie war wirklich alt. Verdammt, vielleicht schon an die neunzig. Rüstige neunzig, aber trotzdem. Also musste man ihr die damals gängige Bezeichnung für Schwarze wohl durchgehen lassen. Außerdem hatte sich sogar die Bezeichnung schwarz inzwischen überlebt. Heute sagte man African American, eine Variante von Afroamerikaner, was in den Sechzigern und Siebzigern üblich war. Leonard meinte immer, es wär’ ja wohl sonnenklar, dass er Amerikaner war, und an Afrika wär’ er bisher nie näher rangekommen als mit dem Finger auf der Landkarte. Für sich selbst war er schwarz. Allerdings waren wir beide wiederum Altersgenossen. Wir drückten uns oft ähnlich aus. Zum Beispiel sagte ich fast immer Muschi statt Vagina.

Die alte Dame kramte in ihrer Handtasche und förderte ein flaches Gerät zutage, das alle außer mir Tablet nennen und ich immer noch so ’n elektronisches Dings. Bei Tablet denke ich immer an ein Tablett. Oder an eine Tafel, auf die man was mit Kreide schreibt. Keine Ahnung, ob es diese kleinen Schiefertafeln für Erstklässler heute überhaupt noch gibt.

Sie tippte mit einem krummen Finger auf ihrem Tablet herum, dann drehte sie das Display zu mir. Ich sah ein nettes kleines Filmchen, worin Leonard den Tierquäler nach Strich und Faden verprügelte. Ohne Ton. Den brauchte es auch nicht. Ich erinnerte mich an jedes gefallene Wort, und das kleine Ding hatte bestimmt ohnehin nichts davon aufnehmen können.

Und dann kapierte ich. Na klar. Sie war nicht bloß ’ne nette alte Dame, die alles mit angesehen hatte. Sie hatte die Tierquälerei aufgenommen, Leonard und Marvin dagegen angeblich nicht. Hatte sie aber wohl. Sie hatte auch alles andere gefilmt, von dem Moment an, als wir eingeschritten waren, bis die ganze Show vorüber war. Eine prima Show, sowohl Leonards Auftritt als auch der von Marvin. Fast hätte ich sie gebeten, alles noch mal abzuspielen.

Was mich jedoch davon abhielt, war ein ungutes Gefühl – denn so langsam dämmerte mir, weshalb sie wohl hergekommen war.

Kapitel 5

Was ich dachte, war Folgendes. Sie hatte da etwas in der Hand, mit dem sie uns erpressen konnte. Ich hatte mich an der Abreibung zwar gar nicht handgreiflich beteiligt, war aber trotzdem mit dabei gewesen, und so wie das Video uns alle zeigte, einschließlich Officer Carroll, konnte man uns dafür ganz schön durch den Fleischwolf drehen.

»Sie glauben jetzt, ich will Sie erpressen, stimmt’s?«, sagte sie.

»Hätte ich nie gedacht. Wie käme eine nette Lady wie Sie dazu, jemanden zu erpressen?«

»Scheißdreck, Sie sind ein schlechter Lügner, mein Junge. Als Frau könnten Sie nicht mal ’n Orgasmus vortäuschen.«

»Okay«, sagte ich. »Der Gedanke ging mir kurz durch den Kopf. Und nur damit Sie’s wissen, ich glaub schon, dass ich ’nen Orgasmus vortäuschen könnte.«

»Hundertprozentig«, sagte Brett.

»Ich möchte, dass Sie meinen Fall übernehmen«, sagte die alte Dame. »Wenn man’s so nennen kann. In den Fernsehserien nennen sie’s, glaub ich, immer so. Oder in Filmen. Gibt’s überhaupt noch Detektivserien?«

»Keine Ahnung«, antwortete ich.

»Die waren immer ganz lustig«, sagte sie. Offenbar verlor sie sich kurz in Erinnerungen an eine Lieblingsfolge von irgendwas, dann kam sie auf den Punkt: »So stelle ich mir die Sache vor.« Sie tätschelte ihr Tablet. »Ich will, dass Sie meine Enkelin finden. Die Cops haben aufgegeben. Für die ist die Spur kalt, und so wie’s aussieht, haben sie nicht vor, das Ganze wieder aufzuwärmen. Seien wir ehrlich. Ich mach mir keine Illusionen mehr. Dafür bin ich zu alt. Wahrscheinlich ist sie längst zu Staub und Knochen zerfallen. Aber ich will, dass Sie finden, was von ihr übrig ist, und dass Sie rausfinden, was ihr zugestoßen ist.«

»Deswegen müssen Sie uns nicht drohen«, sagte Brett. »Bloß bezahlen. Diese Detektei führe nämlich jetzt ich, also haben Sie’s mit mir zu tun.«

»Tja, das ist auch noch ’n Problem«, sagte sie. »Ich hab ein bisschen Geld, aber nicht genug, um Sie für alles zu bezahlen, denn vermutlich wird es ja ’ne ganze Zeit lang dauern, und normalerweise werden Sie doch nach Stunden bezahlt, oder? Deshalb hab ich das Tablet mitgebracht. Was da drauf ist, ist meine Anzahlung. Und falls Sie auf die Idee kommen, mich die Treppe runterzuschubsen – ich hab ’ne Kopie davon gemacht und woanders abgespeichert, wo Sie nicht rankommen. Ich bin nämlich technisch ziemlich fit für ’ne alte Schachtel.«

»Ich glaub eher, Sie sind ein alter Lügenbeutel«, sagte Brett. »Wie viel Geld haben Sie?«

»Wie viel brauchen Sie?«

Und so ging das eine Weile hin und her, bis die Alte mit ungefähr der Hälfte davon rausrückte, was Brett für zwei Wochen Arbeit veranschlagte, wobei sie Marvins Honorare gleich etwas nach oben korrigierte. Wahrscheinlich dachte sie insgeheim an die Wandfarbe und das neue Inventar und jede Menge Vanillekekse und Klopapier.

Nachdem das Finanzielle geklärt war – sie einigten sich auf einen etwas geringeren Betrag –, zog die alte Dame einen Briefumschlag aus ihrer Handtasche. Er enthielt einige Papiere und Fotos von ihrer Enkelin. Ein gut aussehendes Mädchen in einem kurzen weißen Kleid und einem Paar von diesen griechischen Schnürsandalen. Sie hatte dichtes rotes Haar, so wie Brett, und so wie das echte Haar der alten Dame früher mal gewesen sein mochte. Das Mädchen posierte wie ein Model, was kein Zufall war, denn Großmütterchen sagte: »Sie wollte Model werden, als sie klein war, später dann Journalistin. Sie heißt Sandy Buckner.«

»Und wie heißen Sie?«, fragte Brett.

»Lilly Buckner.«

»Lilien haben wir auch auf ’nem Gemälde im Klo«, sagte ich.

»Was?«, sagte Lilly.

»Vergessen Sie’s«, sagte ich.

Brett stellte ihr einige Fragen, und ich hörte dabei einfach zu. Vor fünf Jahren war Sandy verschwunden. Sie hatte einen College-Abschluss in Journalismus und musste dann feststellen, dass die Zeitungen und Zeitschriften, die ernsthaft recherchierten, denselben Weg gegangen waren wie der Dodo und die Autokinos. Also versuchte sie sich eine Zeit lang als Wetterfee, war aber nicht besonders gut. Sie sah zwar vor der Kamera toll aus, besaß aber null Charisma, wie es ihre Großmutter auf den Punkt brachte. Komische Sache. Manche Menschen sind im wahren Leben schön, aber im Kameralicht, Schönheit hin oder her, kommt dann nicht mehr persönliche Ausstrahlung rüber als bei einem Schinkensandwich ohne Beilagen. Andere dagegen sehen ganz normal aus, ohne irgendwas Besonderes, aber die Kamera liebt sie, holt das Beste aus ihnen raus, bringt sie zum Leuchten. Sandy leuchtete nicht. Sie war bloß hübsch. Am Schluss landete sie in einem Autohaus, das auf exklusive Gebrauchtwagen spezialisiert war – Mercedes, Lincoln, Cadillac, auch Muscle-Cars, und zwar überwiegend seltene klassische Modelle.

Da arbeitete Sandy sechs Monate lang und verdiente gutes Geld, bis ihr Boss eines Tages bei Lilly Buckner anrief, auf der Suche nach Sandy. Sandy hatte ihm Lillys Nummer als Kontaktadresse angegeben. Sie war einfach nicht zur Arbeit erschienen, und erschien auch nie wieder. In den letzten fünf Jahren hatte sie niemand mehr zu Gesicht bekommen. Ihr Auto, etwas bescheidener als die Karossen, mit denen sie ihr Geld verdiente, aber doch ein ganz netter Wagen, wurde auf dem Parkplatz des Apartmentkomplexes gefunden, in dem sie zur Miete wohnte. Eine ganz nette Wohnanlage, dazu ein ganz nettes Auto – Lilly zog daraus den Schluss, dass Sandy offenbar ein bisschen zu viel Geld verdiente.

Die offizielle Vermisstensuche der Polizei blieb am Ende erfolglos. Lilly engagierte eine Ermittlungsagentur, die ihr das Geld abknöpfte und ihr dafür letztlich nichts erzählen konnte, was sie nicht schon wusste, und dann den Laden dichtmachte. Der Inhaber der Agentur kam zu dem Schluss, dass das Detektivgeschäft doch nicht so aufregend war, wie er sich das immer vorgestellt hatte, und wurde Immobilienmakler. Und Ms Buckner war andererseits hochzufrieden, als kurz danach der ganze Immobilienmarkt zusammenbrach.

Und dann sah sie uns mit dem Hund. Sie erkundigte sich bei den Cops, erfuhr Marvins Namen, informierte sich über ihn und erfuhr so schließlich, wer wir alle waren. All das, wie sie sagte, weil sie sowieso nichts anderes zu tun hatte als essen und scheißen. Sie fand heraus, dass Marvin eine Detektivagentur besaß, die jetzt auf Brett übergegangen war.