Kreativ – Los! - Laura Helena Rubahn - E-Book

Kreativ – Los! E-Book

Laura Helena Rubahn

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  • Herausgeber: Polarise
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

"Kreativ – Los!" nimmt den Leser mit auf eine spannenden Reise in verschiedene Länder, bei der die Hauptfigur eine Fülle an Erfahrungen macht, Erkenntnisse gewinnt und schließlich zurück zur eigenen Kreativität findet. Die teils autobiographische, teils fiktionale Rahmenhandlung gibt auf unterhaltsame Weise Einblicke in die Ursprünge der Kreativität und zeigt verschiedene Wege und Übungen auf, wie man diese steigert oder wieder zurückgewinnt. Auf den ersten Blick zeigt sich das Buch als unterhaltsamer Roman, auf den zweiten Blick als nützliches Nachschlagewerk und Übungsbuch für Menschen, die ihre Kreativität kultivieren möchten.

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Seitenzahl: 363

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Laura Helena
Eine Reise zu deiner Kreativität

© 2019 PolariseEin Imprint der dpunkt.verlag GmbH Wieblinger Weg 17 69123 Heidelberg www.polarise.de

1. Auflage 2019 Autor und Covergestaltung: Laura Helena Rubahn Lektorat: Steffen Körber Copy–Editing: Elena Kraus

Printed in Germany

ISBN (Buch) 978-3-947619-27-6 ISBN (PDF) 978-3-947619-28-3 ISBN (ePub) 978-3-947619-29-0 ISBN (Mobi) 978-3-947619-30-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über https://dnb.d–nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

1 Freund oder Feind?

2 Auf der Suche nach der wahren Bedeutung

3 Perspektivwechsel

4 Riskiere einen Blick über den Tellerrand

4 Lass los

5 Innere Dämonen

7 Die Gifte der Kreativität

8 Die Fürsprecher deiner Kreativität

9 In der Ruhe liegt die Kraft

10 Die Fesseln lösen

11 Folge deinem Herzen, es kennt den Weg!

12 Danke

13 Literatur

Orientierungsmarken

Cover

Titelseite

1 Freund oder Feind?

Kennst du dieses Gefühl, wenn das Leben dir den Boden unter den Füßen wegreißt? Wenn du das Gleichgewicht verlierst und fällst? Hilflos, starr vor Angst, immer tiefer? Es kann grausam sein. Dabei warst du sicher, deinen Weg gefunden zu haben. Du hast alles dafür getan, rolltest Felsen zur Seite, gabst nie auf, bliebst positiv sogar in den dunkelsten Stunden. Doch schon hinter der nächsten Biegung lauert ein weiteres Hindernis. Es ist kein Ende in Sicht. Du bist völlig außer Atem. In deinem Kopf macht sich ein schmerzhaftes Pochen breit. Es unterbindet jeden klaren Gedanken. Plötzlich flüstert dein Verstand dir zu: »Du hast auf das falsche Pferd gesetzt.«

Sie haben dich gewarnt. Alle! Erinnerst du dich noch? Familie, Freunde, die Freunde deiner Freunde. »Mach lieber etwas Vernünftiges!« Und plötzlich glaubst du es selbst. »Neue Wege zu beschreiten, ist gefährlich. Sie bergen ein großes Risiko. Dafür bist du nicht bereit. Daran wirst du scheitern. Außerdem ist es egoistisch und du kannst sowieso nicht davon leben. Wähle die sichere Variante. Tanz nicht aus der Reihe oder brich dir dein Genick bei dem Versuch.«

Als ich mich selbstständig machte, war mein Ziel ein anderes gewesen. Ich wollte tun, was ich liebte. Meiner Kreativität nachgehen, mit ihr die Welt bunter gestalten, andere durch meine Augen sehen lassen und sie inspirieren. Mein Herz sollte jeden Tag lachen, während meine Fantasie aus Luftschlössern etwas Reales erschuf. Doch wie konnte mein Herz dies, wenn meine Welt all ihre Farbe verlor? Sie war grau. Und ich? Statt im Land meiner Träume befand ich mich in einem schwarzen Loch voll düsterer Gedanken. Mein Körper schmerzte. Ich nahm das dumpfe Pochen hinter meiner Schläfe nicht mehr wahr. Das Gedankenkarussell drehte sich auf Hochtouren, dabei hatte ich ganz andere Sorgen als meinen Job. Konnte dieser nicht für einen Augenblick warten, damit ich wieder zu Atem kam? Die Stimme eines Bekannten hallte durch meine Gedanken: »Selbstständig bedeutet – selbst und ständig!« Du musst auf Kommando kreativ sein, egal wie es in deinem Leben läuft. Ein quälendes Ziehen im Rücken brachte mich zurück.

Der Krankenhausstuhl wurde auf Dauer unbequem. Seit einer Woche war ich jeden Tag hier. Mehrmals hatte ich die lange Autofahrt auf mich genommen, um Familie und Job unter einen Hut zu bringen. Die Müdigkeit stand mir ins Gesicht geschrieben. Ich spielte auf Zeit. Bald würde mein Körper die Notbremse ziehen. Niemand konnte eine solche Belastung ewig durchhalten. Ich hielt ihre Hand. Sie war geistig weggetreten. Doch meiner Überzeugung nach spürte sie meine Anwesenheit. Wenn das Ende kam, würde ich da sein. Alles andere könnte ich mir nicht verzeihen.

Das Wetter zeigte sich ununterbrochen von seiner schönsten Seite. Der Sommer brachte seine wohlige Wärme mit sich. Goldgelbe Sonnenstrahlen fluteten ihr Zimmer. Sie ließen ihr Bett einladend erscheinen und nahmen dem Raum seinen sterilen Touch. Diese freundliche Stimmung passte kein bisschen zu meiner Gefühlssituation. Besser so, andernfalls wäre der Himmel grau gewesen und Regen hätte gegen die Fenster gepeitscht, bevor ein tosender Gewittersturm tobte. Nichts und niemand tobte. Es herrschte Stille, welche nur durch den angenehmen Gesang der Vögel unterbrochen wurde.

Die Stimme des Arztes durchbrach meinen Dämmerschlaf. Er forderte mich auf, nach Hause zu fahren. Ich solle mich ausruhen. Man werde anrufen, wenn sich an ihrem Zustand etwas ändere. Aber wäre ich dann schnell genug? Und was war mit ihr? Fühlte sie sich einsam? Es dämmerte bereits und ich wollte sie nicht alleine lassen. Er versicherte mir, sie werde es nicht merken. Doch ich vertrat eine andere Meinung. So fiel meine Wahl auf einen lauwarmen Kantinenkaffee und den Stuhl an ihrem Bett. Keine zehn Pferde bekamen mich von ihrer Seite. Mit der Dunkelheit wurde die Stille bedrückender. Sie löste Angst in mir aus. War das die Ruhe vor dem Sturm?

Ihr Körper regte sich nicht. Nur das leise Rasseln ihrer Lunge verriet den letzten Funken Leben in ihr. Der Kampf musste zehrend sein. Es bildeten sich immer wieder Schweißperlen auf ihrer Stirn. Mit einem warmen Waschlappen tupfte ich sie davon. Innerlich zerriss es mich in tausend Teile. Zum einen wollte ich ihr erlauben, zu gehen und endlich Ruhe zu finden. Ihre Schmerzen sollten aufhören! Zum anderen war ich nicht bereit, sie loszulassen. Ich liebte sie so sehr! Vielleicht wurde doch noch alles gut? Morgen säßen wir wieder im Garten, grillten und veranstalteten unsere Kirschkern-Weitspuckwettbewerbe. Das alles wäre nur ein Albtraum. Doch das tiefe ungesunde Rasseln ihrer Atemwege belehrte mich eines Besseren. Es erinnerte mich einmal mehr daran, dass dies der einzige Weg war, der ihr weiteres Leid ersparte.

Insgeheim bewunderte ich sie. Schließlich war es eine schwerwiegende Entscheidung alle lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen. Stur und liebevoll wie eh und je, tat sie alles zum Wohle der Familie. Selbst diese schwere Entscheidung nahm sie uns ab. Ihr Entschluss stand fest. Dieser sollte das Unausweichliche leichter für uns gestalten. Wir durften uns verabschieden, uns vorbereiten. Sie konnte nicht wissen, dass niemand mich auf diese Situation hätte vorbereiten können. Aber vielleicht machte sie es etwas leichter?

Der Mensch ist ein Meister darin, zu verdrängen, dass unser Dasein auf dieser Erde endlich ist. Erst in solchen Momenten wird es ihm schmerzlich bewusst. Die Zeit ist das wertvollste Gut, trotzdem verschwenden wir sie so häufig. Bis kein Sandkorn mehr übrig ist und die Uhr für immer stehen bleibt.

Sie wäre gerne mehr gereist und liebte es, wenn ich ihr mit dem Fotoalbum in den Händen von meinen Abenteuern erzählte. Egal, wie groß der nächste Traum sein mochte, dem ich hinterherjagte – sie stand stets hinter mir. Wenn ich in den Glauben verfiel, nicht zu genügen, hatte sie immer ein aufmunterndes Wort für mich. Griffen meine inneren Dämonen an, reichte sie mir Schild und Schwert. Verlor ich eine Schlacht, fand ich Halt in ihren Armen.

Das Wasser plätscherte, während ich den Waschlappen reinigte. Ich nahm nicht wahr, als es an der Tür klopfte. Doch machte es keinen Unterschied, der Pfleger hätte den Raum so oder so betreten. Er machte mich sanft, aber bestimmt darauf aufmerksam, dass die Besuchszeit zu Ende sei und ich nach Hause fahren solle, um ein wenig zu schlafen. Ich wollte mich weigern, doch der flehende Blick meines Gegenübers verdeutlichte mir, dass es keine Widerrede gab. Dies war ein Krankenhaus, kein Hospiz. Hier gab es Besuchszeiten und keine Betten für Angehörige. Langsam ging ich zu ihrem Bett und legte den Waschlappen auf ihre Stirn. Sie glühte. Der Pfleger murmelte, ich müsse mir keine Sorgen machen, sie werde es nicht realisieren. Missmutig blickte ich ihn an und wandte ihm dann den Rücken zu. Meine Lippen hauchten einen zarten Kuss auf ihre Wange. »Ich habe dich sehr lieb«, flüsterte ich, sodass nur wir zwei es hörten. Auch wenn sie mir nicht antwortete, hören konnte sie mich sicher. Ich wollte, dass die letzten Worte, die sie wahrnahm, voller Wärme und Liebe waren. Als meine Lippen sich von ihr lösten und ich mich gerade zum Gehen wandte, bewegten sich ihre Lippen kaum merklich. Eine Träne floss ihre Wange hinab und ein schwaches »Ich dich auch, mein Schatz«, drang an meine Ohren. Magie erfüllte den Raum. Einmal mehr hatten wir zwei es unseren Zweiflern gezeigt und etwas getan, was alle für unmöglich hielten. Tränen schossen mir in die Augen und ich griff nach ihrer Hand. Doch die Magie verflog so schnell wie sie kam. Nur das leise, kranke Röcheln einer Sterbenden blieb. Wie sich später herausstellte, waren dies ihre letzten Worte.

Zu Hause angekommen, sank ich in einen unruhigen Schlaf. Mein Geist waberte durch eine dichte, traumlose Leere. Erschrocken fuhr ich zusammen, als mein Smartphone klingelte. Unvermittelt riss es mich aus dem Schlaf. Die Telefonnummer des Krankenhauses blinkte hektisch auf dem Display. Das konnte nichts Gutes verheißen. Das Gespräch war kurz und einseitig. Mit ihm startete mein Wettlauf gegen die Zeit. Konnte ich schnell genug da sein? Der Motor meines Wagens heulte auf. So früh an einem Sonntag waren die Straßen zum Glück wie leergefegt. Der Morgen kündigte sich mit einem roten Streifen am Horizont an. Er verschmolz mit dem zarten Blau der Dämmerung. Die Erde würde sie gebührend verabschieden. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Schnellen Schrittes, fast rennend, führte mich mein Weg vom Parkplatz in ihr Zimmer. Da war sie wieder, diese bedrückende Stille. Diesmal schwiegen selbst die Vögel. Alle anderen standen bereits um ihr Bett verteilt. Müde, zerzaust und mitgenommen. Ein lausiges Abschiedskomitee. Gut, dass sie uns nicht wahrnahm. Wäre es nach ihr gegangen, so hätten wir unsere schönsten Kleider getragen und auf sie angestoßen, mit knallenden Korken. Doch die Realität sah anders aus. Das Warten auf den Tod war wenig feierlich. Hoffentlich dauerte es nicht zu lang.

Die Sonne stieg am Himmel empor und ließ den Tag in all seiner Pracht erstrahlen. Sommerduft lag in der Luft und alles kleidete sich in warme Farben. Durch die Fenster wehte eine angenehme Brise, während die schlichten Vorhänge sanft im Wind schwangen. An solchen Tagen verbrachte sie die meiste Zeit im Garten. Sie liebte die Natur, die Wärme und das Licht der Sonne. Doch in den letzten Jahren ging sie immer seltener hinunter. Die Treppe ihres schönen Hauses wurde zu einer unüberbrückbaren Hürde. Ihr Garten verwilderte. Atmen konnte sie nur, wenn sie sich nicht anstrengte, deshalb fristete sie die meiste Zeit auf ihrem Sofa. Nur das Sauerstoffgerät und unzählige Medikamente hielten sie am Leben. Sie gab nie zu, unglücklich zu sein, denn sie war stark, stark für uns. Doch die Krankheit kannte keine Barmherzigkeit und immer öfter verbrachte sie ihre Zeit im Krankenhaus. Über Jahre spielte sie dieses Spiel. Verstecken vor dem Tod. Dabei sprang sie ihm mehrmals von der Schippe. Jetzt war sie des Spiels überdrüssig.

Ich weiß nicht, wie lange ich neben ihr saß und ihre Hand hielt, wie oft ich ihr leise zuflüsterte: »Du darfst jetzt gehen, lass los.« Der Tropf mit dem Morphium leerte sich allmählich. Niemand musste ihn ein weiteres Mal auffüllen. Sie entschwand über Nacht. Allein ihr Körper sträubte sich dagegen, der Endgültigkeit ins Auge zu sehen. Auf und Ab. Das Einzige, was unseren lebenden von einem verwelkten Körper unterscheidet, ist der Atem. Das meditative Anheben und Senken des Brustkorbes, wenn Sauerstoff ein- und ausströmt. Ihre Hand war kühl, die Bewegung ihrer Atemzüge kaum noch wahrzunehmen. Das Rasseln der zerstörten Lunge trieb mich in den Wahnsinn. Wie ein Fisch auf dem Trockenen. So wollte sie nicht in Erinnerung behalten werden!

Es wurde Mittag. Mein Magen knurrte lauthals. Auch der Rest meiner Familie musste hungrig sein. So schlug ich vor, uns etwas Essbares zu organisieren. In der Cafeteria wurde ich fündig. Vollgepackt mit extra starkem Kaffee, Wasser, belegten Brötchen und Süßkram trat ich den Rückweg an. Das Tablett klirrte bedrohlich, als ich die Tür des Krankenzimmers mit der Schulter aufschieben wollte. Sie blockierte von innen. Ich drückte mit voller Wucht dagegen: »Lasst mich rein! Die Tür klemmt! Ich habe Kaffee!« Sie öffnete sich einen Spalt breit. Ein aschfahles, von Tränen überflutetes Gesicht blickte mir entgegen. Ich vernahm ein sachtes Kopfschütteln. Der Mund öffnete sich, dann schloss er sich wieder. Kein Ton kam über seine Lippen. Doch die Augen erzählten mir, was in diesem Augenblick auf der anderen Seite geschah. Ein Arzt drängte sich an mir vorbei. Die Tür verschloss sich vor meiner Nase. Ich drückte ein weiteres Mal dagegen, ohne Erfolg.

Plötzlich berührte mich jemand an der Schulter. Ich erschrak fürchterlich und zuckte so sehr zusammen, dass mir das Tablett mit samt der Leckereien aus den Händen glitt. Scheppernd krachte es zu Boden. Der Kaffee ergoss sich wie ein Bach über den gesamten Flur. Die Brötchenhälften erinnerten an kleine, davon schwimmende Boote. Wie bedauerlich, unser Mittagessen konnten wir jetzt vergessen. Gereizt fuhr ich herum. Gerade wollte ich lauthals rumnörgeln, doch ich bremste mich, als ich in das von Tränen benetzte Gesicht meiner kleinen Schwester sah. Mein Ärger verpuffte augenblicklich.

Ich verstand nur noch Bahnhof. Warum war sie hier auf dem Flur und nicht drinnen bei den anderen? Warum die Tränen? Was war passiert? »Es ist vorbei. Sie ist gestorben. Gerade eben. Ich musste raus. Es war zu schrecklich. Ihr Körper fing an ... Ich dachte sie würde aufwachen, doch die Bewegungen ...« Sie brach ab und weinte bitterlich. Ihr ganzer Körper zitterte, als ich sie in den Arm nahm. Mir wurde flau. Ohne Vorwarnung brach alles zusammen. Taumelnd trat ich in den Hof des Krankenhauses. Auf einer Treppenstufe sank ich zusammen. Sie streichelte mir tröstend über den Rücken, doch der Sog wurde immer schlimmer. Gedanken, Erinnerungen, Wut, Trauer, Erleichterung – alles überschlug sich. Der Bach entwickelte sich zu einer reißenden Flut. Der Kloß in meinem Hals zu einer unüberwindbaren Mauer. Ich wusste nicht mehr, wie ich atmen sollte, wusste nicht mehr, wie man weinte. Mein Magen krampfte, meine Beine wurden butterweich. Alles verschwamm, als meine Augen von einem Meer aus Tränen überrollt wurden. Mein Körper befand sich im Kampf mit dem Gift der Trauer. Er versuchte, es auszuspülen, wusste aber nicht, wie er reagieren sollte. Mit diesem Gift hatten wir es noch nie zu tun gehabt. Wie sollte man gegen einen Gegner bestehen, den man nicht kannte? Hätte ich damals geahnt, dass die Trauer meinen stärksten Verbündeten darstellte und nicht meinen Feind, so hätte ich sie einfach zugelassen. Solange bis sie von selbst ging.

Die Wochen zogen ins Land zwischen dem Zeitpunkt ihres Todes und der Beerdigung. Ich war ein Schatten meiner selbst. In Momenten, in denen ich mich der Trauer nicht entreißen konnte, lief das Lied Everglow in Dauerschleife und ich weinte hemmungslos. Doch immer öfter verbannte ich den vermeintlichen Feind, stürzte mich in mein Leben und in meine Arbeit. Auf der Flucht vor stillen Momenten und Zeit mit mir allein, trieb ich von Job zu Job. War ich alleine, musste ich sie zulassen. Hier ein langes Seminar, dort ein Projekt, bloß keine Zeit für zu viele Gedanken verschwenden. Ich überhörte die gut gemeinten Warnungen, dass man nicht davonlaufen könne, dass die Trauer am Ende jeden einholt. Doch ich wollte es versuchen und lief so schnell ich konnte. Abends saß ich teilnahmslos auf dem Sofa. Essen kochen? Keine Lust. Etwas unternehmen? Keine Lust. Freunde treffen? Keine Lust. Zeit mit meinem Freund verbringen? Ja, vielleicht eine Serie schauen. Ansonsten keine Lust auf gar nichts. Ich wollte einfach nur dasitzen, mich von irgendetwas berieseln lassen. Eine tiefe Leere erfüllte mich. Wie es den Menschen um mich herum damit ging, bekam ich nicht mit. Zu sehr war ich mit mir selbst beschäftigt. Doch auch der beste Marathonläufer kann nicht ewig durchhalten und mittlerweile lief ich seit Monaten davon.

2 Auf der Suche nach der wahren Bedeutung

Meine Flucht vor der Trauer raubte mir nach und nach alle Energiereserven und mit ihnen verschwand eine meiner treuesten Wegbegleiterinnen – die Kreativität. Wenn ich genau darüber nachdachte, fiel mir nicht ein Tag in meinem Leben ein, an dem sie fortgewesen war. Schon als Kind begleitete sie mich wie eine beste Freundin. Früher zeichnete ich jeden Tag und brachte alles zu Papier, was mir in den Sinn kam. Mein Ideenreichtum kannte keine Grenzen. Mal inspirierten mich meine geliebten Märchen, mal die fantasievollen Spaziergänge mit meinem Vater über den Schmetterlingspfad oder durch die bedrohliche Drachenschlucht. Prachtvolle Farben, wunderschöne Fabelwesen und die Natur faszinierten mich am meisten. Ich liebte die Harmonie, doch die letzten Monate stellten sich als wenig harmonisch heraus. Vielleicht verließ sie mich aus diesem Grund? Vielleicht musste ich mein Leben ändern, es zurückerobern, um meine verlorene Kreativität zurückzugewinnen? Doch wie sollte ich aus diesem Teufelskreis ausbrechen? Alles erinnerte mich an Tod. Alltägliche Situationen setzten mich unter Druck und ließen die Blockade immer größer werden. Blieb ich hier, trieb es mich in den Wahnsinn. Und meine Kreativität? Sie würde auf Nimmerwiedersehen sagen, wenn ich so weitermachte. Die einzige Chance sah ich darin, meinem dunklen Alltag den Rücken zu kehren, wenigstens für eine Weile, in der Hoffnung, dass mir neue Einflüsse Inspiration schenkten. Und genau diese benötigte ich dringend.

Leider litt nicht nur meine Kreativität unter der schwierigen Situation, auch die Beziehung zwischen meinem Freund und mir wurde seit Monaten einem Härtetest unterzogen. Ein Tapetenwechsel würde ihr sicherlich auch gut tun. Was das anging, waren wir uns einig. Und so buchten wir kurzerhand Tickets für einen Flug nach Argentinien. Reisen war schon immer unser Ding gewesen. Es stärkte unsere Verbindung und ließ die Liebe durch gemeinsam gesammelte Erfahrungen wachsen. Durch schöne Erlebnisse gelang es mir hoffentlich, die Distanz der letzten Zeit zu überbrücken. Und wo sollte dies besser möglich sein als auf den einsamen Wanderpfaden Patagoniens? Allein der Gedanke brachte die Schmetterlinge in meinem Bauch munter zum Flattern. Das erste Mal überhaupt würde ich Gletscher sehen! Wie sie wohl in echt aussahen? Waren sie wirklich so türkis? Wie gerne erinnerte ich mich an unsere vergangenen Reisen. Die salzige Gischt des Meeres auf meiner Haut, der feuchte erdige Geruch und die hohe Luftfeuchtigkeit des Dschungels, das summende Flügelschlagen der Kolibris, die Sandkörner der Sahara in meinen Augen. Hand in Hand mit meiner besseren Hälfte, überglücklich und dankbar die Wunder dieser Welt erleben zu dürfen.

Aus dem Flieger zu steigen und neue Welten zu entdecken, weckte das Kind in mir. Auch in diesem Moment saß ich unruhig im Sitz und konnte es kaum erwarten, endlich anzukommen. Ich wollte den Duft der Fremde einsaugen und mich von den Eindrücken des Unbekannten überfluten lassen. Doch den Hauptantrieb dieses Abenteuers stellte meine verschollene Kreativität dar. Ich musste sie wiederfinden. Aus diesem Anlass entschied ich mich dazu, ein Notizbuch zu führen, in dem ich alles aufschrieb, was mir dabei helfen würde. Ich nahm mir vor, Antworten zu finden auf grundlegende Fragen wie: Was bedeutet Kreativität überhaupt? Wie entsteht sie? Was blockiert sie und wie kann ich sie schützen und fördern?

Als wir auf das Rollfeld hinaustraten griff ich nach der Hand meines Freundes Julian. Vor Aufregung waren meine Hände ganz feucht. Fliegen gehörte definitiv nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Aber ich nahm es gerne auf mich. Endlich hatten wir wieder festen Boden unter den Füßen. Das Erste, was ich wahrnahm, war ein süßlicher Blütenduft. Es roch nach Frühling. Der Geruch beschwor Bilder von fremden Landschaften voller Farbenpracht in mir herauf.

Während der Busfahrt vom Flughafen zu unserem Hostel ließ ich mich von den vorbeiziehenden Lichtern der Stadt berieseln. Es wurde bereits dunkel und bald brach die Nacht herein. Wir sahen nicht viel von unserem Ankunftsort Buenos Aires. Doch in den nächsten Tagen stand eine Entdeckungstour auf dem Plan, bevor es nach Patagonien weiterging.

Eigentlich mochte ich Städte nicht. Ich gehörte zu den Menschen, die Natur vorzogen. Mit zu viel Trubel und Hektik konnte ich nichts anfangen. Diese Metropole jedoch zog mich von Beginn an in ihren Bann. Obwohl sie riesig war, konnten wir den Großteil der Umgebung zu Fuß erkunden. Von Stress keine Spur. Trotz des geschäftigen Treibens blickten wir in lachende, freundliche Gesichter. An jeder Ecke standen lila blühende Bäume, die sie weniger wie eine Großstadt wirken ließen. Ich bekam nicht genug von den wunderschönen Farben und dieser angenehmen Lebendigkeit. Sie erfüllten mich mit Wärme und das Schmunzeln auf meinem Gesicht manifestierte sich zum Dauerzustand. Wir waren gerade erst angekommen, doch ich fühlte mich irgendwie zu Hause.

Ob es das Eis war, das ich hier in rauen Mengen genoss und das so herrlich auf meiner Zunge zerging? Ich wusste es nicht. Meine Welt gewann schon am ersten Tag an Farbe. Der Knoten in mir lockerte sich ein wenig. Alles erschien fröhlicher, bunter und lebendiger. Wie ein Schwamm sog ich die Eindrücke auf und ließ mich treiben. Es war schön, eine Fremde zu sein. Einzig und allein mein Julian kannte mich. Auch er blühte auf, was ich ziemlich erstaunlich fand. Denn was Städte anging, waren wir aus demselben Holz geschnitzt. Wir mochten sie nicht besonders und liebten es, durch die unberührte Natur zu wandern, am liebsten stundenlang und in Gedanken versunken. Doch hier wirkte er völlig entspannt.

Während der Mittagszeit saßen wir auf einer Parkbank in der Sonne und beobachteten die Einheimischen. Sie liefen in Scharen zu dem Eis-Geschäft, das uns empfohlen worden war. Die Verkäufer kamen gar nicht hinterher mit den Bestellungen, trotzdem strahlten sie Gelassenheit aus. Ich verstand kein Spanisch, genoss es aber, die Argentinier miteinander sprechen zu hören. Gute Laune lag in der Luft. Die neuen Eindrücke umhüllten mich. Sie ließen mich die Vergangenheit für einen Moment vergessen und öffneten die Tür für Gefühle, die sich lange zurückgezogen hatten. Ein Hauch von Fröhlichkeit und Leichtigkeit erhielt Einzug. Seit Monaten verspürte ich keine Lust, meine Kamera in die Hand zu nehmen, doch hier auf der Parkbank kribbelte es plötzlich in meinen Fingern. Jahrelang bildete die Fotografie eine meiner größten Leidenschaften. Ich lebte von ihr. Doch anstatt zu genießen, was ich tat, verspürte ich mittlerweile einen Zwang, der fast in Abneigung umschlug. Generell verlor ich die Freude am kreativen Arbeiten. Eigentlich tat ich so viele Dinge gerne: Zeichnen, Kostüme nähen, schreiben – aktuell tat ich es nur, wenn mein Job es verlangte. Geld verdiente sich eben nicht von alleine. Die Liebe erlag dem Pflichtbewusstsein. Es setzte mich unter Druck und manchmal machte es mich unglücklich. Nun wieder ein Kribbeln zu verspüren, die sanfte Lust, etwas zu erschaffen, das war etwas Gutes!

Ein dickes Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Julian blieb dies nicht verborgen. »Ist das Eis so gut?« Lächelnd schob ich mir einen weiteren Löffel Schokoladeneis in den Mund. »Es ist der Oberhammer! Aber weißt du, was noch besser ist? Ich habe richtig Lust, meine Kamera auszupacken. Ehrlich gesagt wusste ich gar nicht mehr, wie sich das anfühlt. Schau dir die Bäume an! Ein passendes Kleid in diesem wunderbaren Lila, das würde klasse aussehen.«

Während ich vor mich hin schwärmte, wurde sein Grinsen breiter: »Schreib dir die Idee auf. Alles was dir einfällt. Bei den langen Busfahrten kannst du ihnen Leben einhauchen. Zumindest jenen, die nicht sofort umsetzbar sind.« Ich nickte anerkennend und zückte mein Smartphone. Unser Gepäck bestand nur aus zwei Travelrucksäcken. Mein Notizbuch für die Kreativitätssuche packte ich ein, doch für mein Ideenbuch gab es keinen Platz. Vorerst müsste mein Smartphone herhalten, bis ich zu Hause alles übertragen konnte.

Nach unser mehrstündigen Tour durch die Straßen Buenos Aires' und gefühlten zehn Kilo Eis später, fiel ich im Hostel vollgestopft, aber glücklich auf mein Bett. Heute würde ich nur noch zu zwei Dingen in der Lage sein: lesen und schlafen. Ich startete mit ersterem, denn wenn ich einmal schlief, bekam mich nichts und niemand wach. Ich schlug das Buch auf, das mich bereits im Flieger beschäftigte. Es befasste sich mit Kreativität – genauer genommen damit, wie diese auf biologischer Ebene entstand. Wenn ich erst wusste, wie Kreativität funktionierte, fiel es mir unter Umständen leichter, meine Kreativität wiederzufinden. Zudem konnte es mir Möglichkeiten eröffnen, sie zu schützen und mir selbst zu helfen, falls ich feststeckte. Während des Lesens griff ich nach meinem Notizbuch, um alle Gedanken und Erkenntnisse aufzuschreiben die mir dabei in den Sinn kamen.

Was ist Kreativität?

Was ist Kreativität eigentlich genau? Um ehrlich zu sein, wusste ich bis eben keine Antwort darauf. Kreativ wird man oft genannt, wenn man schön malen kann, tolle Gedichte schreibt oder singt. »Du bist so kreativ« hörte ich immer dann, wenn ich in einem künstlerischen Bereich gute Noten mit nach Hause brachte. Aber ist das richtig? Nach dem Lesen des Buches zweifle ich daran. Was ist, wenn »kreativ sein« bedeutet, eine Idee zu haben und diese nicht nur im Kopf zu behalten, sondern sie auch in die Tat umzusetzen? Dann könnte jeder Mensch kreativ sein. Der Satz »Ich bin nicht talentiert genug« wäre nur noch eine Ausrede oder reine Unwissenheit.

Was würde passieren, wenn wir Talente wie Singen, Malen und Schreiben nur als Kanal betrachten, in dem wir unsere Kreativität ausdrücken? Jeder Mensch besäße demnach einen passenden Kanal. Denn wer behauptet, dass nur Kunst kreativ ist? Spinne ich diesen Gedanken weiter, könnte Kreativität bedeuten, etwas zu erschaffen, was vorher nicht da war. Im besten Falle etwas Nützliches oder Erfüllendes. Dafür müsste jeder Mensch den Dingen nachgehen, die er gerne tut.

Warum? Versteckt sich die Kreativität nicht genau da? Haben wir wirklich gute Ideen nicht immer da, wo unsere Talente liegen oder die Fähigkeiten, die wir gerne nutzen? Kreativität bedeutete demnach, Ideen real werden zu lassen und das auf verschiedensten Gebieten. So wäre nicht nur der Künstler kreativ, sondern auch der Wissenschaftler, der Techniker, der Handwerker oder der Marketing-Spezialist.

Was ist, wenn ich mich einfach frage: Was tust du gerne? Wäre die Antwort vielleicht ein verlässlicher Kompass zu meiner Kreativität? Welche Fähigkeiten liegen mir, machen mir Spaß, wobei beginnen meine Finger zu kribbeln? Genau dort könnte sie sich verstecken.

Das ist ein spannender Ansatz, oder? Schließlich war Einstein super kreativ, als er die Relativitätstheorie erschuf, oder Edison, der die Glühbirne patentierte. Niemand hätte solche bahnbrechenden Erfindungen für möglich gehalten, bis jemand sie aus einer Idee heraus Realität werden ließ.

Aber was ist dann ein Talent? Für mich ist Talent eine Fähigkeit, in der ich besonders gut bin, in der es mir leicht fällt, Dinge zu erlernen und ich schnell besser werde. Wenn ich zum Beispiel gut zeichnen kann, läge das daran, dass meine Handmotorik feiner justiert ist. Zudem könnte meine bildliche Vorstellung ausgeprägter sein oder mein Gefühl für Farben und Perspektiven. Vielleicht sind diese Attribute in meiner Familie wiederkehrend und damit vererbbar. Sie machten es mir auf jeden Fall leichter, eine gute Malerin zu werden, da die Grundvoraussetzung gegeben ist.

Da mir das Malen oder Zeichnen leicht von der Hand ginge, hätte ich Spaß daran und würde es gerne tun. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass meine eigene Kreativität sich immer bei Tätigkeiten zeigt, an denen ich Freude empfand. Zog sie sich also zurück, als aus Freude Pflicht wurde? Welche Zutaten braucht die Kreativität, um richtig aufzublühen?

Ich wollte nie die Beste sein, sondern meine Ideen und Vorstellungen verbildlichen. Sie mussten einfach raus. Sie wollten Realität werden. Allein durch das Erschaffen, das Gehen des Weges, entstehen neue Ideen. Bis es zu einem wirklich grandiosen Einfall kommt, dem Moment, an dem dir ein Licht aufgeht und du einfach weißt, dass diese Idee gut werden muss! Der Geistesblitz kommt plötzlich und ohne Vorwarnung. Doch traf er mich immer nur bei Themen und Tätigkeiten, die mich interessierten, für die ich brannte. Warum ist das so? Vielleicht wird das Buch es mir verraten.

Ich starrte auf meine Notizen und las sie immer wieder durch, selbst ungläubig darüber, welche Gedankenflüsse dieses Buch in mir lostrat. Doch ich kannte mich zu gut und wusste, wie schnell ich das Interesse verlor. Bei den Recherchen zur Kreativität durfte mir das nicht passieren, sie waren der richtige Weg, um mein Problem am Schopf zu packen. Plötzlich kam mir eine Idee: Verträge hatten eine Verbindlichkeit. Unterschrieb man einen Vertrag, hielt man sich an die Vorschriften, andernfalls drohten Strafen. Würde es genügen, einen Vertrag mit mir und meiner Kreativität einzugehen, um am Thema dranzubleiben? Mit Sicherheit konnte ich das nicht sagen. Manchmal war ich sprunghaft, geradezu eine Chaotin. In einem Moment sprühte ich vor Motivation, doch genauso schnell konnte sie ins Gegenteil umschlagen. Mehr als mein Bestes geben konnte ich nicht. Also ließ ich es auf einen Versuch ankommen und setzte einen Vertrag mit meiner Kreativität auf. Während ich den Vertrag verfasste, dachte ich darüber nach, wie wichtig es war, anzuwenden was ich las, also vom reinen Lesen in die Umsetzung zu kommen. Ich konnte noch so viele Bücher in mich hineinfressen,  sie würden keine Früchte tragen, wenn ich ihr Wissen nicht nutzte. Neben der vertraglichen Vereinbarung setzte ich mir spontan ein weiteres Ziel: Ich würde mir immer wieder kleine Aufgaben und Fragen zu den Themen stellen. Dadurch wollte ich mich genauer und tiefgreifender mit ihnen befassen, sodass ich überprüfen konnte, ob ich sie wirklich begriff.

Vertrag mit mir und meiner Kreativität

Hiermit gehe ich, .................................................., einen Vertrag mit mir selbst und meiner Kreativität ein. Ich bin mir darüber im Klaren, dass die Suche nach meiner Kreativität eine intensive Reise wird. Ich verpflichte mich, diese Reise anzunehmen und in vollen Zügen zu genießen. Zudem bin ich mir bewusst, dass ich mich Aufgaben stellen werde, welche Emotionen auslösen können. Ich werde mich diesen Aufgaben stellen und mich mit ihnen auseinandersetzen.

Ich versichere mir, dass ich die gesamte Reise gut auf mich achten werde. Ich werde genug schlafen, mich ausgewogen ernähren, genügend bewegen und mich mit kleinen Belohnungen und Überraschungen verwöhnen.  

Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich wertvoll bin. Mein Wert als Mensch hängt weder von meiner Arbeit noch von meiner Kreativität ab.

Datum: Unterschrift:

3 Perspektivwechsel

Die zahlreichen Erfahrungen der letzten Tage machten mich völlig sprachlos. Heute ging es für uns weiter Richtung Patagonien. Eine sehr lange Busfahrt stand uns bevor. Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis ich einschlief. Hinter der Fensterscheibe musste sich schon einiges abspielen, damit ich wach blieb. Normalerweise schlief ich als Beifahrer innerhalb von Minuten ein. Wer sich spannende Gesellschaft erhoffte, wurde also enttäuscht. Das sanfte Schaukeln des Fahrzeugs wiegte mich zuverlässig in den Schlaf. Selbst wenn ich mich konzentrierte, nicht wegzudämmern wurden meine Augen schwer wie Blei, das Blinzeln im Minutentakt ausgedehnter und die Phasen, in denen sie geschlossen waren, immer länger, bis ich den Kampf gegen den Sandmann verlor. Jedes Mal! Vorausschauend wie er war, hatte mein Schatz sich bereits Kopfhörer aufgesetzt. Er wusste, dass er nicht mit mir rechnen konnte.

Die Landschaft schien endlos und weit. Tatsächlich erwischte die Müdigkeit mich aber nicht augenblicklich. Ein Anflug von Spannung ergriff mich. Was verbarg sich hinter der nächsten Kurve? Wann kamen die Anden in Sicht? Würde ich aus dem Bus Gletscher sehen? Sie verflog jedoch so schnell, wie sie kam. Wir fuhren durch das große Nichts. Ich lehnte meinen Kopf an die Fensterscheibe und ließ mich treiben. Mein Blick richtete sich nach draußen. Gedanklich trat ich allerdings weg. Dieser Moment war vergleichbar mit der Zeit, die man unter der Dusche verbrachte, im Garten, während des Haushalts oder einer langen eintönigen Autofahrt. Man übte eine Tätigkeit aus, währenddessen der Kopf sich mit anderen Dingen auseinandersetzte.

In täglichen Situationen gestand ich mir die Zeit zum Tagträumen nicht ein. Gesellschaftlich betrachtet verlor eine Person, die fantasierte oder mit den Gedanken abschweifte, den Fokus. Ihn zu verlieren bedeutete in der Businesswelt eine Schwäche. »Where the focus goes the energy flows«, hieß es dort. Das Buch, das ich gerade las, beschäftigte sich glücklicherweise nicht mit Business, Marketing und dem ganzen Kram. Diese Themen hingen mir zum Hals raus. Ich konnte sie nicht mehr sehen und wollte schon gar nicht noch einen Schinken darüber lesen. Es beleuchtete Themen wie das Tagträumen von Seiten der Kreativität. War es immer noch eine Schwäche, wenn es aus Sicht eines Kreativen betrachtet wurde? Was steckte biologisch hinter diesem Phänomen? Förderte Tagträumen vielleicht sogar die Kreativität? Und wie entstand sie im Allgemeinen? War ein Bereich in unserem Gehirn für sie verantwortlich oder doch mehrere? Wie wirkte sich unser Lebensstil auf sie aus? Gab es vielleicht spezielle Kreativ-Zutaten? War der Geistesblitz, von dem ich bereits las, eine dieser Zutaten? Was Kreativität laut Definition hieß, hatte ich bereits gelernt: Ideen haben und umsetzen. Doch mit jeder Antwort, die ich fand, ploppten unzählige weitere Fragen auf.

Die Inhalte des Buches interessierten mich brennend, es war aber so kompliziert und wissenschaftlich geschrieben, dass mir nach kurzer Zeit der Kopf qualmte und ich das Gelesene verarbeiten musste. In diesem Moment beschäftigte es mich so sehr, dass ich trotz langer Fahrt keinen Schlaf fand, sondern alles in meinem Notizbuch festhalten wollte. Mein gedankliches Chaos musste schließlich zu Papier gebracht werden.

Geistesblitz

Ist der Geistesblitz eine Zutat für meine Kreativität? Jeder kennt den Moment: Ganz plötzlich geht uns ein Licht auf und eine Idee wird geboren. Wir haben das Gefühl, dass uns der Geistesblitz ganz unvermittelt trifft. Doch ist das wirklich so? Und was ist er eigentlich genau? Ich glaube, dass der Geistesblitz keine direkte Zutat für den kreativen Fluss ist. Jedoch könnte er das Endresultat aller Zutaten sein. Schließlich stellt der Geistesblitz die ultimative Idee dar. Das wäre einleuchtend, oder? Demnach müssten einige Faktoren erfüllt werden, um einen Geistesblitz auszulösen, aber welche?

In diesem Zusammenhang stieß ich auf die Geschichte einer meiner Lieblingsautorinnen. J.K. Rowling benötigte 20 Jahre, bevor sie auf die Idee von Harry Potter kam. Fehlten ihr zuvor die Zutaten? Hinderte ihr Alltag sie daran, alles zusammenzutragen oder manipulierte sie sich selbst? Glücklicherweise schlug der Geistesblitz zu, sonst gäbe es heute einige wundervolle und inspirierende Bücher weniger. Es geschah an einem verregneten Tag während einer langen Zugfahrt. Die Schriftstellerin tat nichts Bestimmtes. Um genau zu sein, ließ sie ihre Gedanken schweifen. Von ihrem Sitzplatz aus beobachtete sie die düstere, vorbeiziehende Landschaft. Doch gedanklich waberte sie durch die unendlichen Weiten ihres Unterbewusstseins. Ganz plötzlich, wie aus dem Nichts, schlug der Blitz ein! Harry Potter stand vor ihrem inneren Auge. Ideen blubberten nach oben wie eine Armee von Seifenblasen. Das aufkommende Gefühl und dieses Kribbeln in den Fingern konnte sie in späteren Interviews nur schwer zusammenfassen. Was war passiert? Wieso hatte es so lange gedauert? Warum traf der Geistesblitz sie genau zu diesem Zeitpunkt?

Die Entstehung der Harry-Potter-Romane zeigt deutlich, dass der Geistesblitz das Ergebnis von einem Zusammenspiel kreativer Zutaten ist. Es wird klar, dass niemand einfach von der Muse geküsst wird. Eine großartige Idee kommt nicht von allein. Sie reift lange zuvor. Sie braucht Zeit. Es scheint so, als müssten spezielle Faktoren erfüllt werden, damit wir über den Geistesblitz Zugang zu dieser Idee erhalten.

Ihre Geschichte brachte mich zum Nachdenken. Hatte das Tagträumen, von dem ich gelesen habe, etwas mit ihrem Geistesblitz zu tun? War es der Tropfen auf den heißen Stein für die Idee der Autorin gewesen? Wie hingen diese Dinge zusammen? War der Tagtraum eine der Zutaten für ihren Kreativ-Cocktail?

Aufgaben und Anregungen:

Warte nicht darauf, dass dich die Muse küsst: Bilde dich in Themen weiter, für die du Ideen haben möchtest.Könnte das Tagträumen eine Zutat für meine Kreativität sein? Finde es heraus, indem du es ab und an ausprobierst.In welchen Situationen setzt bei mir das Tagträumen ein? Unter der Dusche? Während eines Spaziergangs? Beim Putzen? Liste mindestens fünf Situationen auf.

Ich startete augenblicklich meine Suche nach weiteren Antworten. Fand ich womöglich Beweise, dass Tagträumen gar keine Schwäche sondern eine Stärke war, wenn es aus einer anderen Perspektive betrachtet wurde? War es eine Zutat für meinen Kreativ-Cocktail? Das würde einiges erklären! Mein Interesse war jedenfalls geweckt. So las ich mehrere Stunden – und das, obwohl mir bei holprigen Strecken schlecht wurde. Das Rumoren meines Magens ignorierte ich. Viel zu heiß war die Spur, viel zu spannend die Erklärungen, was in uns vorging, während wir vermeintlich vor uns hinträumten. Unser Gehirn tat niemals nichts. Allerdings arbeiteten unterschiedliche Bereiche, wenn wir aktiv oder inaktiv waren. Gönnte ich mir also nie Pausen, gab ich manchen Bereichen meines Gehirns nicht die Möglichkeit, aktiv zu werden. Unterband ich so eventuell kreativitätsfördernde Abläufe?

Mit einem Rumpeln kam der Bus zum Stehen. Wie passend, denn gerade schwirrte mir der Kopf bei all den wissenschaftlichen Formulierungen. Als das Fahrzeug hielt, reckte ich mich genüsslich. Ein wenig frische Luft tat sicher gut. Die Fenster waren beschlagen, daher konnte ich nicht sehen, was mich erwartete. Liebevoll stupste ich Julian an. Er gab nur ein paar unverständliche murrende Laute von sich. Dabei zog er seine Kapuze tiefer ins Gesicht. Er wollte also nicht aussteigen. So sanft wie möglich schob ich mich an ihm vorbei. Der Nachteil, wenn man am Fenster saß. Er grummelte ein wenig vor sich hin, bevor das Land der Träume ihn vollends wieder hatte.

Wieso nochmal hatten wir uns für eine 24-stündige Busfahrt anstatt eines kurzen Fluges entschieden? Ach ja, genau! Um die Landschaft Argentiniens zu genießen. Meine eingeschlafenen Beine machten mir deutlich, dass dies vielleicht nicht mein stärkster Einfall gewesen war. Verpasst hatte ich offensichtlich nichts, während ich die letzten sechs oder sieben Stunden recherchierte. Wir hielten irgendwo im Nirgendwo. Es handelte sich nicht einmal um den typischen Tourishop mit argentinischem Steak und Bier aus der Region. Es war vielmehr ein Kiosk mit einer kleinen Auswahl an Getränken, eingeschweißten Sandwiches und Süßigkeiten aus der Lieblingszutat aller Argentinier und Brasilianer: gesüßter Kondensmilch. Mir wurde klar, dass Touristen die Strecke von über 2.000 km eben nicht mit dem Bus fuhren. Der Fahrer machte mich in gebrochenem Englisch äußerst freundlich darauf aufmerksam, dass wir die nächsten zehn Stunden durchfahren würden, da sein Kollege nun übernehmen werde. Sollte ich mich nicht mit Proviant eingedeckt haben, so wäre dies die letzte Gelegenheit. Dankend wandte ich mich dem kleinen Kiosk zu, um zu sehen, welche Leckereien außer Kondensmilch er anbot. Den winzigen Holzofen und das Blech voller frisch gebackener Teigtaschen hatte ich von außen nicht gesehen. Empanadas waren eine Spezialität des Landes. Sie rochen verführerisch. Obwohl ich keinen Hunger hatte, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Es gab sie in verschiedensten Sorten, gefüllt mit Käse, Hähnchen, Gemüse und und und. Optisch erinnerten sie an kleine Calzone Pizzen. Ich kaufte zehn Empanadas, schließlich erwartete uns noch eine lange Fahrt und wer wusste, ob wir irgendwo etwas Besseres bekamen? Zurück im Bus erfüllte der Duft meiner Teigtaschenauswahl bald den gesamten Innenraum. Sie waren noch warm. Neben mir regte sich jemand. Wenn es ums Essen ging, läuteten bei Julian immer gleich alle Alarmglocken.

Verschlafen fragte er mich, ob wir schon da seien. Ich lachte lauthals. »Ja natürlich, du hast die letzten 24 Stunden tief und fest geschlafen.« Die Verwirrung in seinem Blick war es wert, bis er realisierte, dass ich ihn auf den Arm nahm. Er funkelte mich an. Ich war mir sicher, es käme eine spitze Bemerkung, denn wer im Glashaus saß, sollte nicht mit Steinen werfen. Normal war ich diejenige, die immer und überall schlief. Er besann sich. Wahrscheinlich wurde ihm klar, dass der leckere Duft aus der Tüte in meinen Armen kam. Stattdessen fragte er: »Was riecht hier so gut?« Ihn aufzuziehen machte Spaß. »Die Tüte in meinen Armen.« Er zog eine Augenbraue nach oben. Lachend knuffte ich ihn an der Schulter: »Nur Spaß! Du Schlafmütze bist nicht mal wach geworden als wir Pause machten. Du machst mir Konkurrenz. Ich habe uns was zu futtern besorgt, Empanadas«, antwortete ich und wedelte mit der Tüte verführerisch vor seiner Nase herum. »Darf ich eine probieren?« Ich reichte ihm die Tüte. Er griff sich die erstbeste Teigtasche und biss hinein. Dass sie lecker war, brauchte er mir nicht sagen. Sein Blick sprach Bände. »Und was hast du die ganze Zeit gemacht? Hast du nicht geschlafen?«, fragte er schmatzend. »Tatsächlich war ich die ganze Zeit wach.« Er vollführte eine ausschweifende Handbewegung. »Und? Was hast du dann stattdessen gemacht?«

»Zuerst aus dem Fenster geschaut. Deswegen wollte ich ja unbedingt mit dem Bus fahren. Naja, bisher gab es aber nicht viel zu sehen. Keine Gletscher, keine Anden.« Er lachte. »Schatz, das Land ist riesig. Bis du Gletscher oder Gebirge siehst, werden wir noch ein paar Stunden fahren. Erinnerst du dich noch an unsere Brasilienreise? Da war es ganz ähnlich. Wir fuhren ewig durch die flache weite Landschaft und sie veränderte sich nur alle paar hundert Kilometer. Das wird jetzt auch so sein. Wieso hast du nicht geschlafen, als dir langweilig wurde?«

»Mir wurde nicht langweilig. Die ganze Zeit gingen mir Gedanken über Kreativität durch den Kopf. Wie entsteht sie? Was beeinflusst sie? Was passiert in meinem Gehirn? Das hat mich richtig aufgewühlt. Deswegen habe ich gelesen und aufgeschrieben, was mir durch den Kopf ging. Ich dachte über den Geistesblitz nach und dass er der ultimative Ausdruck von menschlicher Kreativität sein könnte. Dadurch entstanden jedoch immer mehr Fragen. Welche Zutaten benötigt Kreativität, um in Fahrt zu kommen? Durch die Geschichte von J.K. Rowling kam mir die Idee, dass der Tagtraum eine Zutat sein könnte.«

Sein Blick verriet mir, wie schwer es ihm fiel, meinen Gedanken zu folgen: »Okay, du Fleißbienchen. Und hast du einen Beweis für deine Idee gefunden?« Mein Nicken erfolgte zögerlich: »Puh, vielleicht. Es ist alles so kompliziert geschrieben. Ich muss erstmal klarkommen. Was denkst du, könnten Zutaten für den Kreativ-Cocktail sein?« Bevor er antwortete, verputzte er erst noch seine Empanada. Man konnte ihm ansehen, dass er dabei über meine Frage grübelte: »Du hast mir gesagt, kreativ sein bedeute, Ideen zu haben und diese umzusetzen.« Ich unterbrach ihn: »Stopp! Das sage nicht nur ich, sondern auch ein Haufen ranghoher Wissenschaftler und Professoren, die man kaum versteht, wenn sie den Mund aufmachen.« Er winkte ab. »Das ist doch egal. Aber wenn Kreativität genau das bedeutet, hätte ich die eine oder andere Idee. Wie wäre es mit Wissen als Zutat für deinen Kreativ-Cocktail?« Ich sah ihn zweifelnd an und zitierte Albert Einstein: »Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.« Sein Kopfschütteln machte deutlich, dass er anderer Meinung war. »Muss das eine das andere ausschließen? Richtig gute Ideen sind für mich Einfälle, die es so vorher nicht gab und die der Menschheit dienlich sind. Ich denke speziell an Wissenschaftler, die ein Medikament aus einem Pilz isolieren, an Ingenieure, die eine neue Technologie entwickeln oder an Künstler, die den Mut haben, über den Tellerrand hinauszublicken und Kunstformen entwickeln, die uns neuartig und manchmal merkwürdig erscheinen. Doch wie soll ich auf einem Gebiet eine gute Idee generieren, wenn mir das passende Wissen fehlt? Ich kann nur kreativ arbeiten, wenn ich weiß, womit ich es zu tun habe, oder? Vorher wird es mir schwerfallen, meine Fantasie in die richtigen Bahnen zu lenken. So würde es mir zumindest gehen. Wissen schenkt meinem Gehirn neue Ansätze und gibt ihm Futter, das es nutzen kann, um an meinen Ideen mitzuwirken. Ich würde sagen, es beflügelt die Fantasie. Es erweitert meinen Horizont. Es macht mich offener für neue Eindrücke. Es mag begrenzt sein, aber ist unsere Fantasie ohne Wissen dass nicht ebenfalls? Könnte man Wissen nicht als Futter der Fantasie bezeichnen? Oder um es noch schöner zu umschreiben, könnte Wissen nicht das Holz für den Brennofen deiner Fantasie darstellen? Es muss ja nicht immer fachliches Wissen sein. Nehmen wir dich als Beispiel. Du bist Fantasy-Spezialistin. Du hast tonnenweise Bücher aus diesem Genre gelesen und weißt alles darüber. Das Wissen, das du dir durch Fantasy-Bücher angelesen hast, füttert deine Fantasie und inspiriert dich. Ich rede also nicht nur von Fachwissen, sondern eben von Erfahrungen und Informationen, die du sammelst. Und all dieses Wissen regt letzten Endes nicht nur deine Fantasie an. Ich gehe noch weiter und sage: es macht dich kreativ, es macht dir Lust, Ideen umzusetzen.«