Krematorium - Rafael Chirbes - E-Book

Krematorium E-Book

Rafael Chirbes

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Beschreibung

Matias ist gestorben, der charismatische jüngere Bruder des erfolgreichen Bauunternehmers Rubén Bertomeu, in seiner Jugend ein Anhänger revolutionärer Gewalt, später – wie seinem Bruder zum Trotz – ein Ökobauer. Mit dem Tod von Matias setzt ein vielstimmiger Chor ein: Da ist Rubén, der Sozialist und Bauunternehmer, der auf sein Leben zurückblickt, in dem jedes Ideal für Geld und Erfolg geopfert wurde. Da ist seine zweite Frau Monica, blutjung und karrieregeil, mit unbedingtem Aufstiegswillen. Und seine Tochter Sylvia, eine Kunsthistorikerin, gefangen in einer freudlosen Ehe mit dem arroganten Professor Juan Mullot. Sie alle profitieren von Rubéns Reichtum, gleichzeitig verachten sie ihn. Rubéns Kindheitsfreund, Federico Brouard, ist als Schriftsteller gescheitert und verbringt seine letzten Tage im Suff, Ramon Collado ist Rubéns Mann fürs Grobe. Aus diesen unterschiedlichen Perspektiven entsteht ein grandioses Gesellschaftspanorama: die Familie als Ort des Besitzdenkens, die Zerstörung der Umwelt, Bauspekulation, schmutzige Geschäfte, Korruption, Drogen. Sexualität als Ware und gleichzeitig letzter Halt gegen die Auflösung jeglicher Verbindungen. Rafael Chirbes erzählt in »Krematorium« eine aus den Fugen geratene, von den Göttern verlassene Welt, in der keine Gewissheit mehr gilt, in der Werte, Wörter und Utopien leere Hülsen sind. Und doch ist dieser Roman ein Rettungsversuch: Aus der Erzählung der Widersprüche einer Ge?sell?schaft, die sich ganz dem Konsum und dem Mammon verschrieben hat, wird schmerzhaft deutlich, was wir verloren haben.

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Seitenzahl: 691

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Rafael Chirbes

KREMATORIUM

Roman

Aus dem Spanischenvon Dagmar Ploetz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt     sich selber.

PAULUS, Brief an die Römer

… des hommes qui portent le mot guignon écrit encaractères mysterieux dans les plis sinueux de leur front.L’Ange aveugle de l’expiation s’est emparé d’eux et lesfouette à tour de bras pour l’édification des autres.

BAUDELAIRE. Edgar Poe, sa vie et ses œuvres

DU LIEGST AUF EINEM LAKEN, auf einer dünnen Metallplatte oder auf Marmor. Ich sehe dich vor mir. Sehe dich wieder. Ich hatte dich vergessen, während ich mit dem Russen im Café plauderte und durch die Glasscheibe die Touristen beobachtete, die schon früh am Morgen die Stühle auf der Terrasse besetzen, und die anderen, die sich, wenige Meter weiter, in den Sand legen oder im Wasser plantschen. Er hat zwei Whiskys getrunken. Ich habe mir einen Eistee bestellt. So früh mag ich noch nicht trinken. Habe aber die beiden Gläser, die der Kellner ihm hinstellte, begehrlich angesehen. Wäre ich allein gekommen und nicht mit ihm dort gesessen, hätte ich mich in dem großen, leeren Raum (drinnen saßen nur wir beide) wohlgefühlt, das Meer betrachtet, grünlich am Ufer und von einem intensiven Kobaltblau kurz vor dem Horizont, ein Streifen, auf dem schon die Motorboote, Segelschiffe und Katamarane kreuzen. Trajan, der Russe, hat die zwei Whiskys mit je einem Schluck ausgetrunken. Erst das eine Glas, dann das zweite, ließ sich kaum Zeit zwischen der einen und der anderen Armbewegung. Ich warf noch einen Blick auf das Café, als ich den Wagen anließ, überlegte mir, ob ich zurückgehen sollte und, nun allein unter dem klimatisierten Luftstrom, mit Blick aufs Meer die Zeitung lesen sollte, in der Hand ein Glas Whisky mit Eis. Ich sehe dich an irgendeinem Ort liegen. Ich weiß nicht, wo. Aber auf dieser dünnen Metallplatte, auf dem Laken, auf der kalten Marmortafel, unter dem klimatisierten Luftstrom. Ehrlich gesagt, ich sehe dich nicht gerne so. Der Motor läuft schon, und ich drücke mit dem Zeigefinger den Knopf neben dem Lenkrad, der das Radio anschaltet. Das Geräusch des Radios, des Motors rücken dich in die Ferne, werfen mich auf mich selbst zurück, auf meine Hände, die jetzt das Lenkrad umfassen, auf meinen rechten Fuß, mit dem ich aufs Gaspedal trete. Die Räder knirschen im Sand, der hier, in Strandnähe, den Asphalt bedeckt. Sand liegt auch auf den Gehsteigen, die von Zäunen und Gittern gesäumt sind; dahinter zeigt sich eine üppige Vegetation: Jenseits der Wagenscheibe ziehen langsam Hibiskusbüsche an mir vorbei, Oleander, Bougainvilleen, grüne Thujenhecken und aufgereihte Zypressen. Die Müllsäcke, schwarz, blau oder rosa; sie hängen von den Gittern der Apartments, häufen sich um die Müllcontainer, und es sieht so aus, als blühe auch da etwas. Mit ihren schweren Ausdünstungen durchsetzen sie die matte Jodluft, die das Meer verströmt. Der Wagen rollt langsam weiter, während ich dich vergesse, Matías. Ich sehe dich nicht mehr. Es ist sehr heiß, trotz der frühen Stunde. Ich drücke den Knopf, der die Fenster schließt, und schotte mich im Inneren des Wagens ab. Allein mit mir. Es ist fünf nach zehn, und die grünen Leuchtziffern auf dem Display am Armaturenbrett zeigen bereits 34 Grad an. Nach mehreren Tagen, an denen der Morgennebel für hohe Luftfeuchtigkeit und drückende Hitze – das, was die Franzosen marais thermique nennen – gesorgt hat, kam am Dienstag Nachmittag ein unruhiger Westwind auf, der das Quecksilber in den Thermometern noch mal um mehrere Grad steigen ließ und eine Trockenheit brachte, die einem den Atem nahm. Gegen Abend wird dieser glühende Wind stärker. Da biegen sich die Zweige der Büsche, angeschoben von den Flammen eines offenen Backofens, deren Leuchten bei jedem Sonnenuntergang hinter den Bergen zu erahnen ist. Von der Hitze ist auch gerade im Lokalsender die Rede. Von den Messungen der Wetterstation von Misent, demnach hat es seit den Fünfzigerjahren keine vergleichbare Hitzeperiode gegeben. Es ist die zweite Hitzewelle des Jahres. Die erste (keine Hitzewelle, eher eine Episode, sagten damals die Behörden) erreichte uns Ende Juni: Die Thermometer stiegen jäh und erreichten acht oder neun Tage lang Höchstwerte von über 36 Grad, und das bei einer Luftfeuchtigkeit von mehr als 80 Prozent, dann stürzten die Quecksilbersäulen ab, und es blieb mehrere Wochen kühl. Die Episode scheint sich zu wiederholen, und zwar mit größerer Heftigkeit. Laut Rundfunk wird erwartet, dass die Temperatur an einigen Orten im Inneren der Provinz auf mehr als 40 Grad ansteigen wird, und auf den Satellitenbildern ist kein Anzeichen für eine nennenswerte Änderung der Wetterlage zu erkennen. Die kleinen, auf die Landkarte der Fernsehnachrichten gezeichneten Pfeile zeigen immer noch diesen mit Wüstensand beladenen Glutwind an. Die Autos sind morgens von einer rötlichen Staubschicht bedeckt. Heute Morgen habe ich meins vom Gärtner waschen lassen, weil ich gestern Abend vergessen hatte, es in die Garage zu fahren. Die Nachrichten berichten von der Gründung einer Hitzekommission, bei der man sich telefonisch beraten lassen kann. Die Radiosprecher werden nicht müde, Empfehlungen zu geben: viel Wasser trinken, die Sonne in den Stunden unbarmherzigster Strahlung meiden, Hüte tragen, leichte Kleidung, und zwar aus durchlässigem Gewebe wie Baumwolle und Leinen; die der Sonne ausgesetzte Haut mit Sonnencreme schützen; vor allem aber empfehlen sie viel Wasser: mehrere Liter pro Tag trinken, Nacken und Handgelenke mit kaltem Wasser abspülen. Der Sprecher wiederholt die Telefonnummer der Hitzekommission, weist darauf hin, dass die Anrufe kostenfrei sind, Neun Null Drei. Das ganze Gerede kommt mir lächerlich vor. In Misent, in Xàbia, in Calp, in Benidorm war es im Sommer schon immer heiß. Der Rundfunksprecher und die Gäste der Sendung sprechen aber von der fortschreitenden Erderwärmung durch das Schwinden der Ozonschicht und unterstreichen ihre Behauptungen mit Daten, die zu Pessimismus verleiten: Die immer größeren Temperaturschwankungen lassen das Eis der Antarktis schmelzen, es bricht und verwandelt sich in treibende Eisberge (Gefahren für die Fauna, für die Schifffahrt); die Gletscher in den Alpen schmelzen (Lawinengefahr im kommenden Winter für die Schweizer Skigebiete) und der Schnee am Kilimandscharo schwindet allmählich (unvermeidliche Dürreperioden und neue Hungersnöte auf dem Schwarzen Kontinent: Die großen afrikanischen Seen siechen dahin, verwandeln sich in Morast. Der Kilimandscharo, der von ewigem Schnee gekrönte Gipfel, den Hemingway unsterblich gemacht hat, weist nur noch kleine Eisflecken auf. Das Dach von Afrika ist schon nicht mehr weiß, hat der Rundfunksprecher mit vibrierender Stimme ausgerufen). Und was Spanien angeht (wie wird der Klimawandel sich bei uns auswirken?, fragt ein Zuhörer), sprechen die Gäste der Runde davon, dass die Trockenheit binnen weniger Jahrzehnte mindestens ein Drittel der Iberischen Halbinsel veröden lassen wird, den Bereich um die Landstraße, auf der ich gerade fahre, eingeschlossen. Die Orangenplantagen hinter den Ferienhäusern und Wohnblocks werden verschwinden und das Meer wird die ersten Häuserreihen verschlingen. Dir kann das jetzt alles schon egal sein, Matías, und mich langweilt das Gewäsch. Ich drücke auf die CD-Taste, und im Wagen erklingt Musik. Ich brauche Entspannung nach dem Treffen mit Trajan. Die Angelegenheit ist erledigt, habe ich ihm gesagt, das mit Collado ist erledigt. Er hat das Glas gehoben und mir entgegengestreckt. Erledigt. Sarcós hatte mich gleich in der Früh angerufen, um es mir zu melden. Ich erzähle es Trajan und fühle mich dabei nicht wohl. Salud, und er stößt mit seinem Glas gegen meine hochgehaltene Teetasse. Jetzt bringt mir die Musik Ruhe, ein Gefühl von Unwirklichkeit, macht mich schläfrig. Ich brauche diese Ruhe an einem Tag wie heute. Ich hatte vor, mich mit den Bauleitern einiger in Moraira, Xàbia, Altea verstreuter Projekte zu treffen, von denen manche schon vor dem Sommer hätten fertig sein sollen und die nun höchstwahrscheinlich nicht mal zu Weihnachten übergeben werden können. Nach dem Terminplan in meinem Kalender müsste ich fast den ganzen heutigen Tag im Auto verbringen, aber ich bin nicht in der Stimmung.

Gut möglich, dass ich nicht einmal die drei für heute Vormittag eingetragenen Verabredungen einhalte. Ich kann mir aussuchen, ob ich mittags in ein Restaurant gehe, eine Kleinigkeit in irgendeiner Bar auf dem Weg zu mir nehme oder heimfahre zum Essen. Ich bin von keinem abhängig. Ich, für mich. Ich mag diese Tage, an denen ich mich allein bewege, ohne Chauffeur, ohne Begleiter, die mich unterhalten wollen oder mich dazu zwingen, das Programm einzuhalten. Außerdem kann ich besser über die Dinge nachdenken, wenn ich allein bin. Ich, allein, die Musik mitsummend, die ich in den CD-Player schiebe. Ich pfeife, bewege den Kopf zum Takt der Musik. Sie hilft mir beim Denken. Ich denke an das Architektenteam, mit dem ich das Projekt in Benidorm plane, wir müssen die Position des Restaurants neben dem Swimmingpool korrigieren, ich stelle mir etwas Strengeres vor, exklusiver und intimer, man soll zwar die Wasserfläche sehen, aber keine Badenden (ich stell mir vor, was ich selbst gern hätte, wenn ich mit einem Kunden essen gehe, mit Mónica oder einer Freundin), ich mag es gern, wenn man aufs Wasser sieht, aber man darf nicht den Eindruck haben, dass man es mit Schwimmern teilt; an so etwas denke ich morgens um zehn nach zehn, während man in einem Raum, den ich mir unterirdisch und kalt beleuchtet vorstelle, dabei ist, dich einzukleiden und herzurichten. Aber daran will ich jetzt nicht denken. Später, wenn ich dich vor mir habe, werde ich daran denken. Und ich werde auch an dich denken, wenn du nicht mehr existierst, wenn du nichts als Rauch bist, Matías, und ich mich dennoch nicht von dir befreien kann, dich bei mir habe. Ob ich will oder nicht, ich werde an ihn denken; er ist bei mir. Das Schlimme ist, dass er sich auch jetzt, obgleich ich das nicht möchte, zwischen meine Gedanken schiebt. Da liegst du, ein durchsichtiger Film zwischen meinen Augen und den Autos, die vor mir fahren. Er ist draußen, aber auch drinnen. Er wird zum Spinnennetz, das nur wenige Stellen im Kopf frei lässt, die mir erlauben weiterzudenken. Ich versuche meinen Kopf zu leeren, nur an mein Tagespensum zu denken, an das, was ich gerade tue, an die Bremslichter des Wagens vor mir, an das beschleunigende Auto hinter mir, an das Gesicht des Typen, das ich im Rückspiegel sehe. Durch die Scheibe sehe ich die Playa del Nido vorbeiziehen, die schon früh voller Badegäste ist, dieweil der Wagen nur langsam vorwärts kommt, alle paar Meter stehen bleiben muss, der Verkehr staut sich vor der Umleitung zur Autobahn. In der Gegenrichtung, stadteinwärts, scheint er völlig kollabiert zu sein. Zu meiner Linken stehen die Autos, die ins Zentrum wollen. Viele haben die Wagenfenster offen, aus denen gebräunte, verschwitzte Ellbogen und Arme herausragen. Alles blitzt in der Sonne, die Meeresfläche, die Glasfronten der Gebäude, das Metall der Karosserien, die Haut der Wageninsassen. Ich halte die Scheiben geschlossen, damit die Kühle nicht entweicht, die das leichte Strömen der klimatisierten Luft erzeugt. Wie auch sonst manchmal, habe ich hier drinnen das Gefühl, dass die Musik (Schubert: Die späten Klaviersonaten. D. 958–960. Andreas Staier. Fortepiano, steht auf der CD-Hülle) und die angenehme Temperatur mich vorm Sommertrubel schützen. Es gelingt mir, mich mit dem, was mich umgibt, abzulenken, mit dem, was nach und nach, zwischen Bremsung und Bremsung, hinter mir zurückbleibt. Zwischen den Gebäuden zu meiner Rechten sehe ich die Palmen, das Blau des Meeres und sogar einen schmalen gelblichen Streifen, die Playa del Nido. Als Kind, als Jugendlicher war ich oft dort, aber jetzt käme ich nicht einmal auf den Gedanken, den Fuß an diesen Ort zweifelhaft sauberen Wassers zu setzen, der immer mit Badegästen gespickt ist. Schon seit vielen Jahren ist das Innere des Autos meine Sommerfrische, meine private Playa del Nido, kein warmes Vogelnest, nein, vielmehr das kühle, feuchte Nest eines Reptils, das zwischen Felsen überwintert. Ich lache über den Einfall (Reptil zwischen Felsen), während ich die Haut meiner Hände betrachte, all die Runzeln und Flecke: Echsenhaut, eher die eines Sauriers als einer Schlange, aber nach kaum ein paar Sekunden schlägt die Ironie um, löst sich in einem neuen Anfall von Traurigkeit auf, und vor der muss ich auch auf der Hut sein: die Hände voller Flecken, die keine Creme wegbringt, die Arme mit Flecken betupft, eine fahle Haut, deren Zersetzung begonnen hat, das Gesicht mit Flecken gesprenkelt, gegen die keine der Feuchtigkeitscremes ankommt, keines der verjüngenden Gels, die mir Mónica mit kleinen Scherzen abends aufträgt. Die Bäder im Spa, Bäder und Massagen mit Grapefruit, Karotte, Wein, Schokolade oder Schlamm. An etwas anderes denken, am besten gar nicht denken, sich dem angenehmen Augenblick im Inneren des Autos hingeben, in dem sich die Luft ausbreitet, dieser kühle, anheimelnde Behälter, der mich schützt vor dem metallischen Licht da draußen, ein Licht wie aus Aluminium. Die Grotte eines Reptils. Aircondition, Klimatisierungssysteme schaffen tatsächlich eine besondere, feuchte Kühle, erzeugen dieses eigentümliche Kribbeln in der Nase, das man in Grotten verspürt, zwischen den Steinen, die Kälte unter Deck, in einem Keller, im salpeterhaltigen Verlies eines am Meer gelegenen Schlosses. Ich denke an Ofenhitze, und Matías kehrt zurück. Ich denke Verlies, und wieder ist er da. Er ist hier. Liest laut, damit ich ihm zuhöre. Er liest von den Qualen des Edmond Dantès, der zwischen kalten, feuchten Felsen eingesperrt ist, Reptiliengrotte, feuchter Kerker, eine salpeterhaltige Kapsel, von der Sonne Marseilles isoliert, sein Kerker im Château d’If, von dem aus der Gefangene hinter Mauern den Atem des Meeres hört und die weißlichen Flecken sieht, die anzeigen, wie das Salz durch die Steine dringt. Unter der Pergola des Hauses am Pinienhain liest Matías mir Kapitel aus Der Graf von Monte Christo vor. Er sagt: Ich will die Vorsehung sein, denn das Schönste und Größte, was ein Mensch tun kann, ist zu belohnen und zu bestrafen. Ich bin vielleicht achtzehn, Matías gerade mal zehn, oder nein, er ist noch nicht zehn, vielleicht acht, neun Jahre alt, aber er kann gut lesen, macht Pausen und verstärkt durch Betonung den Sinn der Sätze: Das Größte und Schönste, was ein Mensch tun kann, ist belohnen und bestrafen; er wechselt Sprechweise, Timbre und Ton bei den Dialogen: eine neutrale Stimme für den Erzähler, andere, gefühlvollere für die verschiedenen Figuren. Er sagt zu mir: Komm, gehen wir zum Brunnen, da lesen wir dann noch ein Kapitel. Und sobald ich mich dort in die Hängematte fallen lasse, beginnt er vorzulesen. Schläfrig und unkonzentriert liege ich da, denke an meine Angelegenheiten (an was denke ich?), die noch ungebrochene Stimme von Matías, die Melodie seiner Stimme begleitet meine Gedanken. Es heißt, von den Toten vergisst man zu allererst die Stimme, aber wenn ich mich konzentriere, kann ich seine Kinderstimme hören, oder glaube vielleicht auch nur, sie zu hören: Ich will die Vorsehung sein. Belohnen und Strafen. Etwa achtzehn war ich, hatte das Studium noch nicht begonnen. Oder vielleicht war ich doch schon im ersten Jahr Architektur und in den Ferien heimgekommen. Im frischen Wind bebten die Blätter der Zitronenbäume, des Lorbeers und Eukalyptus, ein Blätterrauschen hinten im Garten: Es klingt nach rückflutendem Meer, Meer, das die Steine schlürft, sie gegeneinanderreibt, sie einschlürft. Erinnerungen: die rötliche Blüten der Bougainvillea, durchscheinend, wie aus Seidenpapier gemacht; die Glyzinie, die sich über die Steinmauer wälzt wie eine Welle blauen Schaums; die fleischigen Blätter der Grünpflanzen, der Sonnenglast, das alles, während das Kind Matías dem Jüngling Rubén vorliest. Der Tisch ist gedeckt, tönt die Stimme des Dienstmädchens von der Terrasse des Hauses herab, das hinter all dem Grün nicht zu sehen ist; wir zwei, verborgen im Labyrinth der Pflanzen, hören das raue Rauschen des Windes und das schwere Strömen des Wasserstrahls, den der Motor ins Brunnenbecken heraufpumpt, eine Welt, die jetzt allein mir gehört, keinem anderen. Ich bin der alleinige Eigentümer dieser Zeit. Abgeschirmt im klimatisierten Wagen bewahre ich sie. Die Tönung der Scheiben, eine Farbe zwischen Grau und Blau, verstärkt das Gefühl, abgekapselt und geschützt zu sein.

Keiner kann sich noch an den alten Garten erinnern, an die Stimme, den Widerschein der Sonne in der schwarz glänzenden Basaltschale, die einer riesigen versteinerten Blüte glich, vier gebogene Blütenblätter aus Stein; über dem Wasser schweben Wespen und rote Sonnen Anzeiger, leichter Wind wellt das Wasser. Da segeln auch grünblau changierend zwei Libellen dahin, intensiv funkeln ihre Körper, ihr Flattern ein Schäumen in der Luft. Das Mädchen ruft. Essenszeit. Wascht euch die Hände. Im Bad liegt Duftseife. Matías, ich möchte, dass deine Hände nach Pravia Heu riechen. Sonst gibt es keinen Nachtisch und auch später nichts. Damit du’s weißt, in der Kanne ist Schokolade und im Kühlschrank steht Sahneeis. Es ist Sommer. Der Tisch ist gedeckt. Niemand kann sich daran erinnern. Nur ich. Und wenn ich mich nicht mehr daran erinnere, dann gibt es das nicht mehr. Silvia kennt den Garten, das Becken, sie wird andere Erinnerungen haben, ähnliche Erinnerungen (Kindheiten ähneln sich), aber nicht diese Erinnerung, nicht diesen Pflanzendekor, diese an jenem Tag, an jenem Ort gesagten Worte, nicht das asthmatische Säuseln des Winds in den Bäumen, das mit dem Rauschen in der Krone des alten Eukalyptus eine raue Geräuschkulisse ergab. Ich denke daran und halte es für Verschwendung: gelebt zu haben und dann nicht mehr zu leben. Das alles an einem Ort gespeichert zu haben, und dann wird es für immer gelöscht. Gelöscht, was ich jetzt vor Farbe strotzen sehe, was ich höre, rieche. Die Musik auf der CD klingt nun leise: Die Finger des Pianisten, die kaum wahrnehmbares Filigran auf die Tastatur zaubern, vermitteln ein Gefühl von Ruhe, Ferne, sodass durch die getönten Scheiben und den Filter des Musikvorhangs der von Menschen überlaufene Strand etwas Unwirkliches hat, eine Projektion des Sommers auf die Leinwand eines klimatisierten Kinos: ein Bühnenbild, die Darstellung einer Hitze von anderswo, und auf der Bühne bewegen sich auffällig, geradezu lächerlich gekleidete Personen, wie in einem Stummfilm. Matías sagt: Ich lese dir noch ein Kapitel vor. Die Flügel der Libelle beben, vibrieren, ein Summen ist zu hören, wenn sie gegen die Finger schlagen. Ich halte den kleinen bläulichen Körper zwischen zwei Fingern, die Flügel sind durchsichtig, fragile Seide. Zittern, Summen. Das Flügelschlägen bewirkt nur ein leichtes Lichtflirren. Nimm sie, Matías, ich habe sie für dich gefangen, sage ich. Ich gebe Matías den kleinen blaugrünen Körper, der sich zusammenzieht, sich krümmt, das winzige Maul öffnet, das genau in dem Augenblick zu beißen versucht, als Matías das Insekt in ein Glas steckt, die Libelle öffnet und schließt ihr harmloses Mäulchen, flattert verzweifelt. Ich schaue mir die kugeligen, leuchtenden Augen an. Das Summen der Flügel klingt jetzt härter, da sie gegen das Einmachglas schlagen. Belohnen und Strafen, die Vorsehung sein. Das Insekt ist in seinem lichten Kerker gefangen wie Edmond Dantès in seiner schmutzigen Zelle. Ist das eine Belohnung oder eine Strafe? Matías: Eine Belohnung, weil ich das Tier zu meinem Freund gemacht habe. Der Sommer schreitet voran. Als ich jung war, mochte ich den Sommer, das Streunen mit den Freunden, von hier nach dort, auf der Suche nach den Lokalen mit dem besten Ambiente, die Gläser voll gestoßenem Eis (frappé sagte man damals, peppermint frappé, dazu ein Bolero von Lorenzo González; oder, ein paar Jahre später und noch spießiger, bestellten wir beim Kellner etwas on the rocks, auf den Felsen, ein Whisky auf den Felsen, und dazu erklang der Twist von Saint-Tropez, genau wie in dem Film von Gassmann), das nächtliche Schwimmen, die schnellen, unverbindlichen Liebschaften mit den ersten Touristinnen, die vor dem Boom hier in die Gegend kamen (zu Zeiten des Twist à Saint-Tropez war ich schon verheiratet, hatte bereits zu bauen begonnen), das Petting und die Nummern im Wasser oder zwischen dem Schilfrohr der damals leeren Dünen, in einem schäbigen Hotelzimmer: französische, deutsche Mädchen, die sich ohne Gewissensbisse anfassen ließen. All das ist schon ewig her. Und dennoch, es wird wieder Sommer. Der unsichtbare Schaum der Sommer von einst, dieses Summen, jetzt hingegen fliehe ich vor der Sonne, vor der Hitze, verbringe meine Zeit in einem Netzgewebe aus klimatisierten Kapseln: das Büro, das Auto, die Restaurants und Cafés, das Haus am Hang des Montbroch, das den größten Teil des Tages über hermetisch geschlossen bleibt und gekühlt wird (ich erlebe schon genug Hitze, wenn ich die Bauten inspiziere); was bleibt, ist – und das genieße ich wirklich an manchen Abenden – das Bad im Swimmingpool, ein Gläschen eiskalten Weißweins, der eine oder andere Wermut, und, nur noch dann und wann, ein Gin Tonic am Beckenrand, noch nass vom Schwimmen und ein Handtuch über den Schultern. Wenn gegen Abend der Wind vom Meer aufkommt, döse ich im Liegestuhl auf der schattigen Terrasse, lese Zeitschriften – Autos, Segeln, Reisen –, vielleicht ein Buch über Kunst, über Architektur oder einen Roman, nichts über Wirtschaft oder Politik. Da habe ich schon den Tag über genug davon im Radio und in den Gesprächen mit Geschäftspartnern und Kunden. Leichte Lektüre und der Blick auf die windbewegten Palmwedel. Während es Abend wird, genieße ich den Geruch von Kräutern und gesprengter feuchter Erde, den Duft des Geißblatts und des Nachtjasmins (Galan der Nacht wird er bei uns genannt), ein Duft, der bei Sonnenuntergang stärker wird. Über mir der Mond, wie ein Leuchtturm oder eine Melonenscheibe. Ich sage zu Mónica: Warum essen wir nicht hier draußen? Und lesend warte ich auf den Salat, so wie sie ihn gerne zubereitet, mit knusprigen Beigaben: ein wenig gebratener Speck, geröstete Pinienkerne und Mandeln. Nicht in die Stadt fahren, um sich in eines der Terrassenlokale unter den alten Platanen an der Avenida Orts zu setzen, kein Restaurant am Meer mit Blick auf die Klippen, wo in diesen Tagen alles überfüllt ist und die Küchen kaum mit den Bestellungen fertig werden und man verboten lange auf das Essen warten muss und alles voll lauter Menschen und gellender Musik ist. Ich lasse das notgedrungen bei den Arbeitsessen mit Partnern, Kunden oder Lieferanten über mich ergehen. Menschenansammlungen ertrage ich nicht mehr. Wenn ich darüber klage, nimmt Silvia mich auf den Arm: Nur kein Dünkel, das sind deine Kunden. Silvia spricht mit leiser Stimme in dem zischelnden, bösartigen Ton einer – bei ihr stimmt’s wirklich – Schlange, die sich auf dem Felsen streckt und windet. Schon als Kind hatte sie diese Stimme, die am Boden entlangzugleiten und dich zugleich von oben herab zu bedrohen scheint. Meine erste Frau war nicht unschuldig an Silvias schlüpfriger Wendigkeit, das ist weniger eine Frage der Gene (Amparo war aus einem anderen Holz geschnitzt, wohlwollender, wenn auch ebenso rigide) als eine der Schule, der Erziehung; unter dem Vorwand, die spanischen Schulen (schließlich mit den Muttermalen des Franquismus behaftet) seien nicht nur bigott, sondern miserabel, hatte sie Silvia auf gestrenge französische Lehranstalten geschickt. Amparo meinte, auf den philosophischen Fakultäten in Spanien sei noch nie das Denken, die Ordnung des Geistes gelehrt worden, sondern immer nur Rhetorik, Varianten der Scholastik, redundanter Sprachgebrauch (sie, die an der Universidad Complutense in Madrid studiert hatte, hielt sich für ein Opfer). Das Ergebnis dieser strikten Erziehung, die durch Matias’ jakobinische Eingriffe ergänzt wurde: Silvia redet wenig (keinerlei Rhetorik) und fast flüsternd; und ich, der ich reichlich schwerhörig bin, vor allem auf dem linken Ohr (im Auto habe ich den linken Lautsprecher lauter eingestellt), muss konzentriert den Kopf vorbeugen, um die nicht immer verdeckten Unverschämtheiten meiner Tochter zu verstehen, was ich besonders demütigend finde, da diese Kopfbewegung so aussieht, als gäbe ich ihr nickend schon im voraus Recht. Aber Papa, du lebst doch davon, unsere Region mit Leuten vollzustopfen, das sind Silvias Worte, wenn sie von einem neuen Bauprojekt oder von Grundstückskäufen erfährt: Gestern habe ich es in der Zeitung gelesen. Bertomeu kauft, verkauft, bebaut. Alles sieht sie in der Zeitung, hört es im Radio, im Laden, irgendwo, und immer zufällig, ohne sich wirklich dafür zu interessieren. Sie klagt: Misent erinnert immer mehr an Mexico City. Überall Beton und Bauschutt.

Ich habe nie recht gewusst, ob sie, wenn sie auf meine Bauträgerschaften anspielt, sich über die Umweltschäden beklagt oder mir meinen Reichtum vorwerfen will (ich schreibe mir ins Notizbuch: Silvia noch einen Scheck rüberschieben, Miriam die Musikanlage kaufen, die Sekretärin daran erinnern, dass sie die Hotels und Tickets reserviert, damit Silvia im Frühling ihren Geburtstag mit Juan in Sankt Petersburg feiern kann). Ich schaue mir meine Enkel an, Miriam, Félix, meinen Schwiegersohn (Juan, bleibst du heute Abend, um das Spiel anzusehen? Plasmafernseher, 40 Zoll, extraflach), und denke daran, dass in meinem Haus nie geschrien worden ist – man kann wehtun, ohne zu schreien: Meine Mutter, meine Frau, vor allem meine Mutter, konnten das prächtig –, also beschränke ich mich darauf, die Lektion, die ich ihr seit dreißig Jahren beizubringen suche, geduldig zu wiederholen (heutzutage mache ich das, damit es die Enkelin hört, damit diese Musik im Hirn des Enkels zu bohren beginnt. Manchmal wünsche ich mir, noch mit den Enkeln zusammenzuarbeiten, bevor ich in den Ruhestand gehe, jeden Morgen zu sehen, wie sie ins Büro kommen und ihre Taschen und Jacken an die Garderobe hängen). Ich erkläre mit ruhiger Stimme, in gemessenem Ton, dass wir Bauträger und Immobilienmakler nicht schuld daran sind, dass halb Europa sich die Mittelmeerküste für den Urlaub und die Rentnerjahre ausgesucht hat (die ich mir nicht genehmigen werde. Aus dem Augenwinkel schaue ich auf meine Kaugummi kauende Enkelin; was sie wohl sonst noch zu sich nimmt, was steckt sie in ihren Körper? Wenn sie mal einen Sonntagmittag bei uns verbringt, sind ihre Augen gerötet, die Stimme heiser; schaue auf meinen Enkel, ein als Spiderman verkleidetes Kerlchen, rotzgrüner Pyjama, Maske und Umhang). Ich mache mich über Silvia lustig, hoffe dabei, dass wenigstens die Jugend etwas aufnimmt, und sei es nur die Tonart, die Kadenz des Liedes: In Mexico City haben nur wenige die gut drei Millionen Pesetas, die man heute braucht, um ein ganz bescheidenes Reihenhäuschen – ein Scheißreihenhaus, wie du sagst – zu kaufen (ich kann mich immer noch nicht daran gewöhnen, in Euro zu rechnen, ich verdiene Euros, spreche aber von Pesetas). Und hier waren die Leute vor nicht allzu langer Zeit bitter arm. Ich habe sie gesehen. Habe sie am Wegesrand scharren und Kräuter pflücken sehen. Ich habe gesehen, wie die Tagelöhner zum Haus am Pinienhain kamen und um drei Pesetas Vorschuss baten, wie die Frauen meiner Mutter etwas vorweinten und die dann zum Dienstmädchen sagte, es solle ihnen ein paar Kartoffeln vom Eintopf des Vortags in die Küche stellen. Die Kinder mit grindigen Köpfen, eingerieben mit Jod- oder Schwefeltinktur, saßen da und zerdrückten die Kartoffeln mit dem Löffel, schütteten ein wenig Wasser dazu aus dem Glas, das ihnen das Mädchen hingestellt hatte, kalte Kartoffeln mit einem Schuss kaltem Wasser, nicht einmal Öl. Wenn ich in der Küche war, ging ich hinaus, weil ich den Anblick nicht ertrug. Kein Geld, keinen Cent, das trinken nur die Männer weg, sagte meine Mutter. Mildtätigkeit: Dieser Begriff ist auch verschwunden. Es gibt keinen mehr, der Brot braucht oder Öl, nicht einmal Kleidung für die Kinder. Man braucht nur einen Blick auf das Leben der Leute zu werfen, um zu wissen, wie sehr sich das alles in wenigen Jahren verändert hat. Die Liste meiner Autos: Deux Cheveaux, Simca, Peugeot 507, Mercedes 1 aus vierter Hand, Mercedes 2, Mercedes 3, dazu dann Volvo, BMW 1, BMW 2. Man muss nur die Autos chronologisch aufzählen, die jeder in den letzten fünfundzwanzig oder dreißig Jahren gefahren hat, dann ermisst man, was für einen Sprung wir gemacht haben, dreißig Jahre lang hat jedermann seinen Wagen immer für einen besseren eingetauscht; und ich habe mich gut dreißig Jahre lang mit Gemeinderäten herumgestritten, mit Abgeordneten, mit dem Beauftragten für Landkäufe (so ein Schlaufuchs: gemeinsame Ursprünge, als junger Mann war er mit Matías bei den Linksextremen, ich habe da auch was zugesteuert, Geld, es waren andere Zeiten, wie das Leben so spielt), mit den Grundeigentümern, den Architekten, den Bauleitern, mit Malern, Fliesenlegern, Maurern, Eisenflechtern, Stukkateuren, Baggerführern, Klempnern, Elektrikern, Gärtnern, Dekorateuren und Innenarchitekten; musste Druck ausüben, damit der Nutzungsplan geändert wird, damit das, was jemand als landwirtschaftliche Fläche einzustufen beliebt hat oder gar in Landschaftsschutzgebiet verwandeln möchte, neu bewertet wird; Einfluss nehmen, damit an der zugelassenen Geschosszahl etwas gedreht wird; Bauerlaubnis, Bauabnahme; musste über die Erschließung mit Hidroeléctrica verhandeln, mit Telefónica über die Kabellegung, Klinken putzen, Gefälligkeiten erbitten; der unbarmherzigste Krieg wird in den Ämtern geführt, Papierkrieg, so heißt es doch, der grausamste, denn je nachdem, wer etwas kauft, handelt es sich entweder um Bauland oder um nicht bebaubaren Grund, um ein Stück landwirtschaftlicher Fläche, eine Parzelle zur allgemeinen oder Verkehrsnutzung, was auch immer; wenn ich aber kaufe, habe ich Morgen früh die vom Gemeindebaurat unterschriebene Erlaubnis, sieben oder acht Stock, ein unerlaubtes Penthouse, über das die Behörde jedoch hinwegsieht, Garagen, Geschäfte. Man muss mit dem Bau ein paar Zentimeter weichen, ihn zurücksetzen, um in der Höhe ganze Meter zu gewinnen; man muss Geld ins Spiel bringen, wieder einmal das Köfferchen, die Plastiktüte, eine normale Tasche, ein großes Herrentäschchen oder eine Sport Tasche, von der Sorte, die Maurer für ihre Arbeitskleidung benutzen. Ich habe es Collado schon vor Jahren gesagt, damals, als es noch so aussah, als könnte er etwas lernen: Es ist eine Frage des Taktgefühls, das musst du dir aneignen. Hier, zwischen Kränen, die den Himmel berühren, Auslegern, Containern, Kipplastern und lärmenden Rückwärtsbaggern, ist Geschmeidigkeit geboten; es braucht Zeremonien, Riten, man muss wissen, wann man die Stimme erheben und wann man flüstern muss; wann du jemanden verführen, den Nacken streicheln musst, ihm sanft ins Ohr redest, mit den Lippen das Ohr streifst, ihm in die Lenden greifst, ihn umarmst, den Rücken streichelst, ihn während du sprichst gewissermaßen massierst; und du musst merken, wann es Zeit ist, einen Satz fallen zu lassen, von dem du weißt, dass er sich beim anderen zwischen zwei Ängsten einhakt und als Hebel dient, wie das Wasser, das in die Spalten des Granits dringt und schließlich, wenn es gefriert, den ganzen Felsen sprengt. Das Geschäft sehe ich wie eine dieser Blumen, die sich furchtsam schließen, sobald ein Lufthauch ihnen die Nähe eines Insekts ankündigt. Man muss die Stelle kennen, durch die der Nerv der Dinge führt, an welchem Punkt ein wenig mehr Druck die Schale brechen lässt. Collado hat das nie kapiert. Ich hab ihn so oft gewarnt: Man muss Vorsicht walten lassen, damit sich die Kraft nicht gegen einen selbst wendet. Die Kraft schiebt dich an, aber du musst wissen, wohin du den Schwung richtest, damit du nicht gegen eine Wand rennst. Wenn du viel Kraft einsetzt, ist der Aufprall stärker, da platzt schon mal ein Schädel. Anders als Collado muss man Silvia beibringen, dass nicht alles im Leben ein Menuett ist. Für Silvia war ich immer der schwächste Faden, den man am leichtesten zerreißt. Matías’ Schatten über uns, zwischen uns, umhüllt und verdunkelt uns. Matías, die Augen gerötet, klopft mit seinem Glas auf den Tresen, das eine nasse Spur auf dem Marmor hinterlässt. Wir diskutieren heftig. Wenn sie dabei wäre, gäbe sie ihm Recht. Silvia fuhr hoch nach Benalda und kochte da einen ganzen Sonntag lang, unterhielt sich mit Matías, lief seine Gemüsebeete ab; zu mir hingegen kommt sie alle Jubeljahre mit den Kindern, beim Essen sitzen sie nur mit dem halben Hintern auf den Stühlen und verabschieden sich hastig unter irgendeinem Vorwand, sobald das Essen vorbei ist. Silvia, Juan und die Kinder; Silvia und Matías. Meine Mutter und Matías und Silvia. Silvia hasst zwar Ernesto, den Sohn von Matías, dennoch versucht sie, mit ihm eine Front zu bilden, will ihm beweisen, dass sie, obwohl meine Tochter, eine ganz andere Sensibilität hat, das, was man heute Umweltbewusstsein nennt. Vermutlich beneidet sie Ernesto darum, ein Kind von Matías zu sein, und will ihm zeigen, dass auch sie etwas mit Matías verbindet, sagen wir mal, intellektuelle oder ethische Bande. Eine Gelegenheit, um sich mit mir anzulegen: Sie blickt mich scharf an und sagt: Was in dieser Gegend gebaut wird, ist einfach schäbig.

Auf dem Land haben sie kein einziges der Häuser stehen lassen, die ob ihrer Harmonie und Funktionalität einst Architekten aus ganz Europa herlockten (denk nur an Le Corbusier, der diese alten mediterranen Häuser studiert hat. Sert hat ihn nach Ibiza mitgenommen, er sollte sich das typische Ibiza-Haus, das casament, ansehen, ein kanonisches Modell der Volksarchitektur und jenen Häusern ganz ähnlich, die es hier gab, und von denen ihr nichts übrig gelassen habt). Da sie weiß, dass Ernesto viel Zeit in Santander und im Baskenland zubringt, wo das Klima andere Anforderungen an den Bau stellt, schmeichelt sie ihm, erklärt, sucht seine Zustimmung: Hier ist alles schäbig. Jetzt bin ich es, der zu Ernesto hinüberblickt. Ich bin überzeugt, dass er eher so denkt wie ich, nicht wie meine Tochter. Er sagt, was in Santander und dem Baskenland gebaut wird, sei letztlich nicht sehr viel anders als hier. Ich vermittle: Wenn es nach Silvia ginge, wären wir Bauleute dieser Region daran schuld, dass da jemand vor hundert Jahren den Stahlbeton erfunden hat, den concrete der Yankees, den béton der Franzosen, und dass dieses Material erwiesenermaßen unbestreitbare Vorteile gegenüber anderen hat, was Resistenz, Haltbarkeit, Preis und leichte Verarbeitung angeht. Das Lexikon, das zu Hause steht, erklärt so die Gründe für den Erfolg des Betons: Die Rohstoffe sind überall zu haben, er lässt sich leicht verarbeiten, kein Spezialwissen ist vonnöten, er lässt sich in vielfältigste Formen gießen, und seine Widerstandskraft übersteigt die des besten Natursteins. Er widersteht der Korrosion und in besonderem Maße der Salzluft am Meer. Diese ewige Diskussion mit meiner Tochter langweilt mich. War es denn nicht Beton, was Le Corbusier in die bukolische provenzalische Landschaft und in die Außenbezirke von Marseille gebaut hat? Diese villes radieuses, die er sich ausgedacht hat. War der Beton nicht ein Banner der fortschrittlichen Architektur des vergangenen Jahrhunderts? Was hat Niemeyer in Brasilia gemacht? Frank Lloyd Wright meinte, dass man nach der Erfindung des Stahlbetons ein Gebäude wie ein Tablett bauen könne, das mit erhobenem Arm auf den Fingern zu tragen sei. Und verkündete den Beginn einer neuen Ära der Freiheit. Nun, diese Freiheit, die haben wir jetzt, Silvia. Ganz New York ist reinster Beton, concrete, wie immer du es nennen willst, und auf den Fahrbahnen teergebundener Makadam, da sprießt kein Gräslein. Du hast recht, das hier ist schäbiger, aber nur weil es ärmer ist. Eine Frage der Ökonomie. Das ist alles. Dass dir Städte gefallen, die reicher als diese sind (mir gefällt vor allem Paris), das ist dein Problem, aber deine Haltung hat keinen ethischen Mehrwert, keine moralischen Implikationen. Es ist nur so, dass du die magere Mittelschicht, die das hier erbaut hat, geringschätzst. Du fühlst dich zu etwas Besserem berufen. Das ist der Nachteil, wenn man von Kindesbeinen an Erster Klasse mit Hotelreservierung reist: Du siehst das Oben, und da kommt dir das Unten wie Pfusch vor. Ich höre dich nicht darüber klagen, dass Manhattan übervölkert ist; dass der Straßenbelag schadhaft ist und die Gehsteige bröckeln. Dass es schmutzig und laut ist und selbst in luxuriösen Vierteln zu jeder Tageszeit Bettler in den Müllbeuteln wühlen und, wenn es dunkel wird, die Ratten zu Dutzenden über die Trottoirs huschen. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht so viele Ratten gesehen wie in New York. Und das findest du spannend. Du fliegst hin, kommst zurück und erzählst überall rum, was du gesehen, was du gekauft hast. Und an solchen Tagen gebe ich dir Recht. Da gibt es keinen Streit. Ernst Jünger, der deutsche Schriftsteller, meinte, er sei besonders empfindlich gegen die Betonarchitektur (er hasste Bunker, Kasematten), und deshalb sei es nur verständlich, dass ihn gerade in New York die schlimmste Depression seines Lebens befallen habe. Nicht in der Ukraine oder im Kaukasus, wo er während des Kriegs all diese Sauereien, Kannibalismus eingeschlossen, miterlebt hat. Ich teile seine Ansicht nicht, aber zumindest ist sie konsequent. Wenn du den Beton hasst, hasst du New York über alles. Aber wer hat schon was gegen ein Loft in der Madison Avenue? Ich war es, der dich zum ersten Mal in diese Stadt gebracht habe, ich versuchte, den langen Warteschlangen zum Trotz, dir auf dem Empire State Building zu vermitteln, dass dies das Zentrum der Welt war. Wollte ich dich heute zum Zentrum der Welt bringen, müssten wir nach Shanghai, Tokio, Singapur oder nach Hongkong fliegen, eine Stadt, die Jünger ebenfalls aufgeregt hat (totum revolutum, so nannte er sie). Die Stadt, die ihm auf der Welt am besten gefiel, war Paris, und da bin ich mit dem alten Faschisten ganz einer Meinung. Natürlich warst du noch zu jung, als wir zusammen in New York waren. Auf dieser Reise wolltest du immer nur zurück nach Misent. Da wartete vielleicht ein Verehrer oder eine Verabredung mit den Freundinnen. Ernesto lächelte nun wohlwollend. Ich glaube, er freute sich darüber, dass Silvia abgestraft wurde. Ich sag ja, sie haben sich nie gut verstanden. Ich schaute ihn erneut fest an, während ich sagte: Es langweilt mich, Silvia zu erklären, dass die Welt so ist, wie sie ist. Ihr zu sagen: Schau dir das Foto an. So ist die Welt. Nun gut, genug davon, lasst uns in Frieden feiern, begnügen wir uns mit dem, was wir bekommen haben, und das ist nicht wenig. Euer Großvater pflegte zu sagen, von allem, was er kennengelernt habe, sei dies hier dem Paradies am ähnlichsten. Als junger Mann ist er gereist und bis Buenos Aires gekommen – ein wirres Jugendabenteuer, von dem er uns wenig erzählt hat, Orangenbäume in Argentinien pflanzen, wie die Siedler der Nueva Valencia von Blasco Ibáñez, etwas in der Art –, und als Erwachsener beschloss er dann, seinen Landstrich nicht mehr zu verlassen; er zog sich mit seiner Musik, seinen Platten in das Haus am Pinienhain zurück. Er spazierte durch die Orangenhaine und ging mit seinen Freunden fischen. Ich würde nicht so weit gehen, von Paradies zu sprechen, Silvia. Nur so viel: Das hier ist nicht das Schlechteste, was ich kenne. Durch welche Viertel von Mexico City haben sie dich geführt, Silvia, damit du es mit dem hier vergleichst? Stimmt schon, dass es bei uns bereits kriminelle Banden gibt und Expressentführungen, aber hast du dort nicht die Kilometer und Kilometer von Elendsvierteln gesehen? Wo gibt es bei uns etwas Vergleichbares? Unser Problem ist doch gerade, dass jedermann eine Wohnung haben will, die luxuriöser ist als seine eigene, und dazu einen Zweitwohnsitz an einem bevorzugten Ort, wo man das Meer oder irgendeinen beschneiten Gipfel sieht. Ernesto wollte auf seine bevorstehende Reise anstoßen, die ihn nicht nur nach New York, sondern auch nach Mexiko führen würde (diese Reise hatte den Anstoß zur Diskussion gegeben). Ich werde an euch denken, an Onkel Rubén, den König des Betons, wenn ich das Empire State Building besteige; und wenn ich über die Brooklyn Bridge gehe, die ihr – wandte er sich mit dem Ton eines gütigen Pädagogen an Félix und Miriam – noch so oft im Kino und Fernsehen sehen werdet, dann denke ich an euch; und wenn ich vom Schiffchen aus die Freiheitsstatue sehe, reines Gusseisen, werde ich einen Schluck kalte Coca-Cola auf Silvias Wohl trinken. Chin-Chin, Kusinchen. Die Gläser klingen. Silvia kann ihren Ärger nicht zurückhalten: Wird dir denn die Zeit reichen, um das alles zu sehen? Sie weiß, dass Ernestos Reiseplan zu anspruchsvoll ist und dass er kaum den Fuß in all die Städte wird setzen können, die er besichtigen will. Ich halte den Mund, denke aber traurig: Ich habe dir die Welt so gut gemacht, wie ich konnte, ich kann dir keine bessere machen, mein Täubchen. Ich wüsste nicht wie. Ich selbst hätte gern eine andere, aber ich finde sie nicht. Es gibt sie nicht. Ja, sie Täubchen nennen, wie die Figuren aus Dostojewskis Romanen oder Tschechows Stücken ihre Töchter oder ihre Bräute nennen, ihr einen dieser zärtlichen Namen geben, die russische Schriftsteller ihren Helden in den Mund legen. Im Kirschgarten nennt eine der Figuren seine Liebste Mein Gürkchen. Das gefällt mir. Sie mit solchen Worten benennen, die so viel Zärtlichkeit und zugleich so viel Kummer beschwören, ihr sagen: Mein Rapunzel, ich bin dein Vater, nicht Gottvater. Ich habe Pläne gezeichnet, aber die Pläne für diese Welt, mit denen wurde nicht ich beauftragt. Ich habe dich als Kleinkind in die Badewanne gesteckt, ich habe dir den Schnuller gegeben und weggenommen.

Ich habe deine Windeln gewechselt, die mit einem weichen, stinkenden Brei gefüllt waren. Dies und das. Das Übliche, wie überall, wie alle Eltern seit Ewigkeiten. Das ist die Welt, so groß und auch so klein, so verschiedenartig und so beschissen gleich. Das Leben. Während ich mit der Autoschlange langsam vorrücke, denke ich an diese Dinge und merke, dass in mir eine warme, sentimentale Welle hochsteigt. Silvia, mein Rapunzelchen: Ich stell es mir zart und knackig vor, beißt man hinein, bleibt nichts als ein unschuldiger, sauberer Saft zwischen den Zähnen. So etwas hätte ich Silvia nie sagen können. Niemals. Ihrer Mutter auch nicht. Sogar in der Intimität des Schlafzimmers fiel es mir schwer, Amparo zu sagen, dass ich sie vögeln wollte, meinen Schwanz bei ihr reinstecken wollte. Es musste immer über Umwege gehen. Lass uns ein wenig ruhen, komm, lass dich küssen: Nicht das sagen, was du wirklich willst, nicht, ich steck ihn dir rein bis zum Anschlag. Ich werde dich so rum oder so rum nageln. Nicht einmal bei deiner Frau, was zum Teufel ist das für eine Ehe? Wen wundert’s, wenn man sich da woanders umtut? Dass man sich draußen eine sucht, der man das sagen kann, was ein Mann zu sagen hat? Das Gefühl, dass du überall angekommen bist, alles gesagt, alles berührt hast. Sex hat auch einen gesprochenen Teil. Um das daheim spüren zu können, habe ich warten müssen, bis Mónica das Haus betrat, aber jetzt ist es schon reichlich spät. Jetzt haben die Worte eine größere Schlagkraft als das Fleisch, und die einen stimmen mit dem anderen nur halb überein, da ist ein Ungleichgewicht und eine gewisse Scheu, das anzusprechen. Sie anschauen, streicheln. Spüren, dass du vor lauter Lust zu vögeln am liebsten weinen möchtest. Zu Silvia sage ich: Auch mir hat Notre Dame du Haut in Ronchamp gefallen, als ich mir die Kirche zusammen mit deiner Mutter angesehen habe, aber ich bin zu spät gekommen, um sie bauen zu können (ihr von der letzten Reise mit ihrer Mutter erzählen. Versuchen, meine Tochter zu rühren, indem ich ihr diese Erinnerungen unterschmuggle). Zu meiner Zeit baute man solche Sachen nicht mehr. Oder ich taugte nicht dazu. Oder konnte es einfach nicht. Es war nicht so leicht, wie du es dir vorstellst. Was auch immer dir dein Onkel Matías erzählt (Ernesto spitzt die Ohren; Silvia liebt mich nicht; Ernesto und ich lieben Matías nicht: Weder liebt er seinen Vater noch ich meinen Bruder, so ist das Leben: Asymmetrien), auch der Kapitalismus verlangt seine Ration an Helden und Märtyrern, die er zugleich zum Schweigen verurteilt. Anders als bei den Riten des Christentums, sind die Märtyrer des Kapitalismus die Vorbilder, denen man nicht nacheifern soll. Die Gescheiterten, diejenigen, die pleitegehen und Gläubiger, Wechsel, Schulden hinterlassen. Der Kapitalismus macht aus seinen Märtyrern Geächtete. Ich hab’s ihr einmal gesagt: Das wäre für deinen Mann, der sich so für die realistische Literatur interessiert, für den sozialkritischen Roman, ein gutes Thema: die Märtyrer der Bourgeoisie in Misent, Leute, die von der Bildfläche verschwunden sind, die sich mit dem Glücksspiel, mit Huren, Drogen ruiniert haben; die sich in Brasilien oder Argentinien verstecken; die sich erhängt oder eine Kugel in die Schläfe geschossen haben, weil sie die Gläubiger nicht abschütteln konnten. Die Märtyrer des Kapitals fallen in ein dunkles Loch des Schweigens. Juan sollte sich mit diesem Thema beschäftigen, sich endlich trauen, selbst einen Roman zu schreiben, statt Arbeiterromane zu durchforsten, die andere vor Jahrzehnten geschrieben haben. Die Arbeiterklasse ist keine handelnde Figur mehr, auch nicht Subjekt der Geschichte. Sie ist nicht mehr. Sie ist tot. Im Übrigen hat es hier in der Gegend eher wenige Arbeiter gegeben, der Übergang vom elenden Kleinstbauern zum Kleinunternehmer ging einfach zu schnell. Die Väter der meisten unserer Unternehmer waren arme Bauern, Viehtreiber, Hirten. Viele von ihnen sogar Immigranten: gewiefte Neuankömmlinge, die ihre aus dem Süden oder Kastilien mitgebrachte Familie auszubeuten wussten. Juan nickte, gab mir Recht. Aber ich weiß gar nicht, warum ich diese Dinge wiederkäue, das ist ja so langweilig wie die Rundfunksprecher, die vom Wetter reden. Eine Weile alle vergessen, zu mir selbst kommen. Noch erklingt das Klavier. Andreas Staier etc. Einen Augenblick lang habe ich es nicht mehr gehört. Habe die Musik nicht gehört. Die CD spielte zwar weiter, aber ich war abgelenkt, hörte das Lärmen in meinem Kopf (die Landschaften haben eine Klangkulisse, pflegte mein Vater zu sagen, durch ihn habe ich die Musik der Landschaften kennengelernt; Städte, Häfen, Kordilleren, jeder Ort hat seine Musik, aber seit einer ganzen Weile schon ertönen in meinem Kopf nur aufeinanderprallende Stimmen). Jetzt höre ich wieder das Klavier, auch eine Hupe, die jemand hinter mir betätigt. Das Meer blitzt in der Sonne, die ein Laken aus flüssigem Stahl über das Wasser zieht, der heiße Dunst lässt alles verschwimmen, als sei die Landschaft eine einzige zähe Masse. Die Autos reflektieren diesen metallischen Glanz auf ihren Karosserien. Die Windschutzscheiben blitzen, die Seitenfenster, die Rückspiegel, der Glanz eines weißen Feuers, weiße Funken, weißglühender Stahl, Blitze eines trockenen Gewitters (Staiers Klavier). Die Backofenglut und der Stau. Gut, dass ich bei der ersten Ampel rechts abbiegen kann und dann wahrscheinlich langsam aus dem Gewühl komme. Ich schalte auf Radio um, will mich von menschlichen Stimmen ablenken lassen. Ich drücke auf die Taste neben dem Lenkrad, und der Pianist hört abrupt auf zu spielen. Als habe man ihm plötzlich die Hände abgeschlagen. Die Nachrichtensprecherin. Ich stelle die Lautstärke hoch. Ich höre immer schlechter. Es fällt mir schwer, die Worte der Radiosprecher zu verstehen, dabei geht es immer wieder um das Gleiche: Autobombenanschlag gegen eine Kaserne in Bagdad, massives Eindringen von kayucos mit Immigranten (dieses Jahr nennen sie kayucos, was sie im Vorjahr Nussschalen genannt haben, journalistische Moden, wie der Klimawandel auch), innerhalb von nur drei Tagen sind über tausend Flüchtlinge aus Gebieten südlich der Sahara, die sommerliche Ruhe des Atlantiks nutzend, an den Küsten der Kanaren gelandet. Dann die lokalen Nachrichten, die Sprecherin erzählt, dass ein Toyota Corolla außerhalb der Stadt gebrannt hat, wenige Meter entfernt von der Nachtbar am soundsovielten Kilometer der Staatsstraße 332. Die Feuerwehr musste anrücken. Kurz davor sei es jemandem gelungen, eine Person mit den Namensinitialen R.C.V. aus dem Fahrzeug zu ziehen, die man mit schweren Brandverletzungen in das Hospital von Misent gebracht habe. Die Polizei untersucht derzeit die Ursachen des Brandes, sagt die Sprecherin, während ich mir sage, dass Sarcós immer noch der gleiche Stümper ist. Ich werde morgen mit ihm sprechen, damit er mir erzählt, wie er die Sache angegangen ist, und dann werde ich auch Collado anrufen müssen. Dem Verletzten sagen: Was ist bloß passiert, mein Junge, in was für einen Schlamassel hast du dich da wieder hineingeritten. Was hat man mit dir gemacht, wer ist das gewesen, das wird doch nichts mit dem zu tun haben, was du mir neulich am Telefon erzählen wolltest. Wie kann man nur derart in Schwierigkeiten geraten. Ich hoffe, du lernst was draus. Ruf mich nächste Woche an. Falls es dir schlecht geht, kann ich ja vielleicht was für dich tun. Erneut wie ein Vater mit seinem Sohn sprechen.

MÓNICA IST UM ACHT UHR AUFGESTANDEN, sie mag im Sommer nicht lange im Bett bleiben, die Sonne, die sich durch die Ritzen der Jalousie drängt, deprimiert sie. Während sie sich die Zähne putzt, denkt sie, dass der drückende Schatten sich verflüchtigt hat, der über dem Haus hing, sich zwischen ihre Möbel drängte, sich zwischen sie und ihren Mann ins Ehebett legte, ein unsichtbarer, jedoch klebriger Schleier, dessen Berührung unangenehme Empfindungen auslöste. Matías ist gestorben. Rubén war gestern zermürbt heimgekommen und hatte sich sofort ins Bett gelegt. Kaum dass er ein halbes Dutzend Sätze mit ihr gewechselt hatte. Mónica fand das nicht in Ordnung. Sie hätte sich gern mit ihm unterhalten, ihn getröstet, diese schweren Stunden mit ihm geteilt. Es kam nicht dazu. Und als sie sich neben ihn legte, die Arme um ihn schlang und sich an seinen Rücken schmiegte, löste er sich von ihr und rückte zum Bettrand (er, der immer in der Mitte schläft, auf dem Rücken liegend, und ihr einen guten Teil ihres Platzes raubt) und berührte sie die ganze Nacht über nicht. Mónica hat nicht geschlafen, auf eine Reaktion gewartet, auf ein Wort von Rubén, eine Zärtlichkeit, aber da kam nichts. Sein Verhalten erschien ihr unerklärlich, schlimmer noch, es war, als habe das Unglück, statt sie einander noch näher zu bringen, sie voneinander entfernt, sie in Fremde verwandelt und das bestätigt, was sie oft genug ahnt oder argwöhnt: dass, so sehr er auch auf ihn schimpfen mochte, Matías ihn doch im Innersten beherrschte und einen größeren Einfluss auf ihn hatte, als auf den ersten Blick zu vermuten war; und dann bedrängt sie inzwischen auch der Zweifel, ob sie wirklich das ist, was Rubén sagt, das Wichtigste in seinem Leben, oder nur jemand, den man streichelt und verwöhnt, dem man, wie einem Kind, Bonbons gibt, in den entscheidenden Momenten jedoch links liegen lässt. Deshalb war sie die ganze Nacht über missgestimmt. Früh am Morgen hatte sie dann die heulende Silvia am Telefon: Matías ist gestorben, Mónica, er ist gestorben, wiederholte sie drei oder vier Mal untröstlich. Wie Silvita da am Telefon geweint hat, als sie, kurz bevor sie zum Flughafen fuhr, anrief und nach Rubén fragte, der nicht an den Apparat gehen wollte. Sag ihr, ich bin schon weg. Im Büro, oder dass sie mich auf dem Handy anrufen soll, und wenn ich es abgeschaltet habe, was der Fall sein wird, soll sie mir eine Nachricht draufsprechen. Ich sehe sie sowieso später in der Trauerhalle. Ich habe keine Lust auf Szenen. Was zu sagen war, ist gesagt, meinte Rubén. Silvias Geheule am Telefon im Ohr, musste Mónica an eine Stelle aus der Heiligen Schrift denken, in der Moses mit seinem Stab einen harten, trockenen Stein berührt und allein dadurch einen Schwall frischen Trinkwassers hervorlockt. Der Stein aus der Wüste vergießt Tränen, dachte sie. Aus diesen Löchern, die ausgetrocknet schienen, quillt Wasser. Willkommen, wenn es dazu dient, die dürren Felder der Zuneigung zu bewässern, durch die wir uns alle ziellos wie Zombies bewegen, sagte sich Mónica. Aus diesen von der Versteppung bedrohten Feldern, auf die seit vielen Monaten kein Regentropfen gefallen war, quillt jetzt ein ruhiges, trauriges Wasser. Zuweilen fragt sie sich, wie ihr Mann, der so ruhig und selbstsicher ist, ein so nervöses Wesen hatte zeugen können, das sich in scheinbar schlampige, aber teure Kleidung hüllt, verblichene Höschen, lockere Blusen mit vielen Volants, sehr ad lib, was gefällt, Ibiza-Teile, leicht hippiemäßig, aber sündhaft teuer, vor allem trügerisch, weil unter dieser Art von mediterraner Achtlosigkeit eines der Tierchen verborgen ist, die dir an die Kehle springen und dann nicht loslassen können, weil sich der Kiefer verkrampft. Ist das nicht bei den Rottweilern der Fall? Oder sind das die Pitbulls? Sie hat es in irgendeiner Zeitschrift gelesen oder im Fernsehen gesehen. Manche Hunde beißen zu und können dann die Beute nicht mehr loslassen. Killerhunde. Eine Frage der Genetik oder der Abrichtung? (Ein Schauer durchfährt sie beim Gedanken an die erste Möglichkeit, dass Rubén unter seiner ruhigen Kraft ein solch grausames Gen verbergen könnte). Aber heute weint das Tierchen, weint und zeigt die blutigen Fangzähne. Auch Silvia hat also Wasser im Körper, er besteht, wie der aller Menschen, zum Großteil aus Wasser, so ist das. Sie ist innen feucht. Wie die anderen Frauen. Wer hätte das gedacht. Mónica lächelt, während sie sich vor dem Spiegel kämmt. Sie betrachtet sich, schneidet Grimassen, Fratzen, sie zeigt die Zähne, zieht die Lippen hoch und zu den Seiten, wie diese Theatervorhänge, die, von Kordeln umschlungen, zur Seite gezogen werden; sie kräuselt die Lippen, formt mit ihnen eine Trompete, wie der Rüssel mancher saugender Insekten, fährt mit der Kuppe des Zeigefingers über die Wangen, kneift wiederholt hinein: eine Tafel der Gesichtsgymnastik nennt sie diese Reihe von Übungen, die sie im Bodybuilding-Center gelernt hat, um die Backenknochen, die Wangen glatt zu halten, die einen stilisierten Schwung und nichts hässlich Aufgedunsenes haben. An ihrem Gesicht ist kein bisschen Fett: ein perfektes Oval, wie aus Porzellan, und das, obwohl sie es sich nicht hat richten lassen; die Pobacken, die Hüften, daran hat sie schon ein bisschen was machen lassen; nicht dass sie dick gewesen wäre, aber sie sah sich auf diesem von der spanischen Frau so oft beschrittenen Weg, dem ihrer Mutter, dem ihrer älteren Schwester Rosa (sie dreht sich um, will sich jetzt im großen Spiegel ganz betrachten, sie ist nackt, die Dusche hat die Durchblutung angeregt, und ihr Fleisch zeigt sich in zarten Rosatönen), eine Tendenz nicht gerade zur Fettleibigkeit, aber doch zu einer Frauengestalt in der Fülle der Jahre, einer Amphore, die mediterrane, romanische Frau, mit breiten, geschwungenen Hüften: genau das, was früher die Männer anzog, weil es Gebärfähigkeit signalisierte, und heute bei jedem geselligen Ereignis abstößt.

Ein Zeichen von Weiblichkeit, sagte man früher, sagte ihre Mutter: breite Hüften, gut gebaut; die Frauen müssen mollig sein, sie müssen etwas von einem Wasserbett haben, einer Polsterliege, einer Wollmatratze, eines Federbetts, die Textur von Gelatine, damit die Männer Lust bekommen, sich auf sie zu legen. Das ist das Gesetz des Lebens, die Weisheit der Natur, die anreizt, zur Reproduktion drängt, Strategien einer Spezies, die nicht vom Antlitz der Erde verschwinden will, die Kerle oben, wir darunter (Rubén und sie machten es anders herum, er unten und sie sprang auf ihm herum, die Matratze war sein Bauch, ein weiches, gallertartiges Polster), ein Exzess an Weiblichkeit. Wer mag sich schon auf einen Sack voll Steine, auf einen Knochensack legen, pflegte ihre Mutter zu sagen. Die Frauen aus dem Norden, die Germanenweiber, waren schon immer größer und haben auch eckigere Körper, panzerartig. Sie erinnert sich an die Worte ihrer Mutter und denkt an die hohen, breiten Schultern von Greta Garbo, Marlene Dietrich, an die Stars der alten Filme, die sich Rubén abends in den DVD-Player legt oder auf Canal Plus sieht. Es sind aber nicht alle so stilvollendet, so elegant, keineswegs, es handelt sich eher um eine Minderheit, die Topminderheit, denn hierher kommen von dort auch Tonnen, und bei denen zu Hause herrscht ebenfalls massive Weiblichkeit, etwa die Kellnerinnen in den Münchner Biergärten, die in jeder Hand ein halbes Dutzend Bierkrüge stemmen, das hat sie dort mit Rubén gesehen. Das heißt, in den mittel- und nordeuropäischen Ländern gibt es wie überall Dicke und Dünne, aber dort fallen die Dicken mehr auf, zum Gesamtvolumen gehört nämlich auch die Größe, und dann sehen sie aus wie wandelnde Türme, fleischerne Festungen, riesige aufgerichtete Säugetiere. Um Silvias Gedanken vor dem Spiegel bei ihrem Gesichts-Bodybuilding-Pensum zusammenzufassen: Hier wie dort sind vor allem die Armen dick, die aus dem Leim gegangenen Arbeiterinnen, die man auf den Bahnhöfen trifft; die Hausfrauen, die man mitten auf der Straße Süßigkeiten essen sieht, während sie schlecht gelaunt ein paar Kinder mitzerren, die ebenso ungepflegt wie sie selbst sind; die Kellnerinnen von Gaststätten und Bars an der Landstraße; die Angestellten in den Supermärkten. Die obere Klasse – und die Mädchen, die für sie arbeiten, sich in diesem Ambiente bewegen – achten ganz anders auf sich. Klasse. Mónica bringt die eigene Ästhetik, ihre Fähigkeit, aus dem eigenen Körper ein Kunstwerk zu machen, gern mit Rubéns Bedürfnis, sich mit Kunst zu umgeben, in Verbindung. Das sagt Mónica zu ihrer Freundin Menchu, wahrscheinlich, weil Menchus Mann nichts von Kunst versteht, er kauft sie allenfalls in der Antiquitätenabteilung von El Corte Inglés, sein Haus sieht aus wie ein Trödelladen, alles teuer, aber gewöhnlich. Mónica hat diesen unschönen Zug. Sie tut so, als spräche sie von etwas Nebensächlichem, während sie einem insgeheim das unterjubelt, was am meisten verletzt. Allzu häufig überwindet sie ihre Unsicherheit, indem sie bei ihren Freundinnen Unsicherheit erzeugt. Sie sagt ihnen nie, toll siehst du aus, ohne gleich darauf als Gegengewicht eine detailgenaue Analyse zu liefern (tariert das Zünglein an der Waage mit einem ähnlich schweren Gewicht – oder gar einem schwereren – auf der anderen Waagschale aus). In gewisser Weise beweist sie damit, dass sie sich jetzt den Habitus der Klasse erlauben kann; dass es nicht mehr so leicht ist – sogar ziemlich schwer –, ihr ein X für ein U vorzumachen. Sie sagt es sich selbst: Klasse, was sind wir schon ohne Klasse, man muss sie sich erwerben, man kann arm sein und mehr Klasse als ein Reicher haben. Das ist zwar nicht leicht, aber es geht. Das hat sie auch zu Menchu gesagt: Ohne Klasse sind wir nur tollpatschige Hennen: Klasse beim Gehen, bei der Kleidung (und mit Genugtuung beobachtete sie, wie Menchu misstrauisch auf ihre Beine, die Schuhe schaute und es ihr schwerer als sonst fiel, sich aus dem Sessel zu erheben und mit sicherem Schritt den Salon zu durchqueren: Sie wusste, dass Mónica jede einzelne ihrer Bewegungen beobachtete, und das machte sie verdrießlich, tollpatschig), Klasse dabei zu zeigen, wie man den Kopf, die Hände bewegt oder einfach da ist. Sie ist davon überzeugt, dass die mediterranen Frauen wohl oder übel eine gewisse Tendenz zum Eiförmigen, Fraulichen haben: runde, weiche Schultern, gerundete Rücken. Die nordischen Frauen haben etwas Mannhafteres, die Deltamuskeln eines Schwimmers, die sich im Dekolleté zeigen. Ihr Vater – der vor seiner Heirat, das war in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, in Deutschland und der Schweiz als Klempner gearbeitet hatte – sagte immer, die mitteleuropäischen Frauen seien Pferde, allerdings keine andalusischen Stuten, elegante Reittiere (das waren die Spanierinnen), sondern Percherons, Zugtiere, denen es an der natürlichen Eleganz der Frau des Südens mangelt, eine Eleganz, die sogar Frauen aus der Unterschicht haben, sofern sie sich nicht von der Nachlässigkeit besiegen lassen. Das war der Standpunkt eines Mannes, der mit anderen Vorstellungen erzogen worden war (und – warum es sich nicht eingestehen? – einer anderen Klasse angehörte), dem man nicht mit Frauen kommen konnte, die keine Spanierinnen waren, und dem der Stil der Französinnen eher nuttig erschien; ein Mann, der sehr früh gestorben war, ohne diese Revolution der Körper mitbekommen zu haben, die Spanien in den letzten zehn Jahren erlebt hat. Was hätte er zu den Kliniken für ästhetische Chirurgie gesagt, zu den Fitnessstudios, den Fettabsaugungen, den Liftings und Peelings? Oder zu den avantgardistischen Refinings und dem Fettabbau; zu den Magen- und Hüftverkleinerungen; zur Brustmodellierung; zum Kampf gegen Orangenhaut an Schenkeln und Pobacken, kurz, zu jeder Form des offenen Krieges gegen die Fettpolster. In der Tat wären ihrem Vater mit seinem Bierbauch eine Magenverkleinerung und etwas Gymnastik im Fitnessstudio nicht schlecht bekommen: Gewichtheben, Bauchübungen, Kniebeugen, Krafttraining. Er war ein starker, aber unförmiger Mann. Mónica sträubten sich die Haare, wenn sie daran dachte, dass sie den unregelmäßigen Körperbau ihres Vaters geerbt haben könnte, und sie beäugte misstrauisch ihren Bauch.

Als ihr Vater starb, hatte das mit dem Silikon gerade erst bei Personen des öffentlichen Lebens begonnen, der einen oder anderen berühmten Herzogin oder Folklorekünstlerin. Dazu vier arme Transvestiten, die, weil sie Frauen sein wollten, sich auf Hormonbasis aufblähten, sich zwei Ballons in die Brust praktizierten, mit Perücke und Haaren unter dem Kinn herumstolzierten und, die Stimme heiser vom Anis, auf Chansonette machten. In jenen Jahren hielt man die Pflege des Körpers noch für etwas Unnatürliches. Die Leute waren noch nicht durchdrungen von dieser modernen Auffassung von Zivilisation, von Körperkultur, Körperbildung. Von der neuen Idee, dass du die Verantwortung für deinen Körper trägst, für einen Rohstoff, den es zu bearbeiten gilt: formen, hauen, modellieren, wie das Plastilin, das die Lehrer den Kindern geben, damit sie Figürchen formen. Der Gedanke hatte sich noch nicht durchgesetzt, dass du als Verantwortliche für deinen Körper sein künstlerischer Urheber bist; dass dir – von Gott, der Natur oder wem auch immer – ein Rohstoff gegeben wird, aus dem du den größtmöglichen Ertrag erwirtschaften musst. Und die Leute hatten sich auch noch nicht von der Resignation befreit – mir ist nun mal bei der großen Tombola dieses Los zugefallen –, eine negative Haltung, sie bewirkt Fatalismus angesichts der Tatsache, dass der Körper verfällt, man nimmt den Verfall als unvermeidlich hin, eine Resignation, die sich christlich gibt (es geschehe, was Gott will), von der wir aber heute wissen, dass es eher die Resignation eines Tieres ist, eines, wie es in der Wissenschaft heißt, Prähominiden, der sich nicht für sein Schicksal verantwortlich fühlt; der Fatalismus von Wilden, oder zumindest von Menschen ohne Ehrgeiz, ohne Glauben an sich selbst, an die eigenen Fähigkeiten. Der Mensch hat schließlich gelernt, die Erde zu bestellen, er hat Schuhe für seine Füße gemacht, hat Kleider gewebt, um seinen Leib zu bedecken, was ist es da für ein barbarisches Ansinnen, die Frau habe zu resignieren, dürfe sich selbst nicht jung erhalten, kultivieren, transformieren, nicht das Wichtigste, was sie hat, ihren Körper, pflegen, denn, so wichtig alles andere auch sein