Krieg der Vampire - Ulrich Hagen - E-Book

Krieg der Vampire E-Book

Ulrich Hagen

4,6

Beschreibung

In Bonn hat sich eine kleine Community magischer Wesen gebildet. Die Vampire aus dem Buchari-Clan und ihr Anhang, ein zugewanderter Dschinn-Prinz im Exil und ein jüdischer Halbdrache mit Identitätsproblemen verursachen Hauptkommissar Lux das eine oder andere graue Haar. Lang verschwundene Magie, hat sich aus ihren religiösen Fesseln befreit und konzentriert sich auf Sebastian Harrach, Freund und Lover des Vampirs Cosmin Radulescu. Sebastians Vater, der Abgeordnete Peter Harrach, mobilisiert im Namen Gottes wiedergeborene Christen, um in Deutschland endlich wieder wahre Werte zu etablieren. Dabei schreckt er vor nichts zurück, selbst vor dem Mord an einem Papst nicht. Ein starker Wind muss durch das Land gehen, der Widernatürliches aus Kirche und Land hinwegfegt. Sebastians Verwandlung in einen Vampir schlägt fehl. Er wird von den Schergen seines Vaters verschleppt und gefoltert. Schwer verletzt und verstört taucht er wieder auf, doch er ist verändert und verstößt Cosmin. Aus dem zickigen kleinen Gothic-Fan und Spieleprogrammierer mit der Spinnenphobie, der nichts mit Magie zu tun haben wollte, wird ein kalter und grausamer Magier, der vor nichts zurückschreckt, um zusammen mit anderen Opfern der religiösen Fanatiker Vergeltung zu üben. Er verschwindet aus Bonn und taucht in Rom wieder auf. Seine Wut und sein magisches Wissen entfesseln einen Sturm. Bei der Krönung des neuen Papstes schlägt er zu und nimmt den Vatikan als Geisel. Cosmin und die anderen Vampire des Buchari-Clans sind verzweifelt, und mobilisieren alles, um das Schlimmste zu verhindern.

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Seitenzahl: 725

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Hagen Ulrich

Krieg der Vampire

Von Hagen Ulrich bisher erschienen:

Hochzeit der Vampire ISBN print: 978-3-86361-190-3

Böses Blut der Vampire ISBN print: 978-3-86361-322-8

Jagd der Vampire ISBN print: 978-3-86361-349-5

Alle auch als E-book.

 

 

 

Himmelstürmer Verlag, Kirchenweg 12, 20099 Hamburg,

Himmelstürmer is part of Production House GmbH

www.himmelstuermer.de

E-Mail: [email protected]

Originalausgabe, Mai 2016

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages.

Zuwiderhandlungen werden strafrechtlich verfolgt.

Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage.

Coverfoto: www.istockphoto.com

Das Model auf dem Coverfoto steht in keinen Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches und der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Models aus. 

Umschlaggestaltung: Olaf Helling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de

E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

 

 

ISBN print 978-3-86361-391-4

ISBN epub 978-3-86361-392-1

ISBN pdf 978-3-86361-393-8

 

Die Handlung und alle Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen wären rein zufällig.

Handelnde Personen

Jan Meyer-Frankenforst, 30

Jan ist glücklich mit Elias al-Buchari zusammen. Er lebt mit ihm zusammen in Bonn in der alten Villa. Er bereitet seine Promotion vor und arbeitet mit Elias für die Buchari-Stiftung. Von Lalla Sara hat er sich in einen Vampir verwandeln lassen. Aus einer vorangegangenen Beziehung mit Sophie Harrach, die an Krebs gestorben ist, hat er zwei kleine Söhne.

 

Clemens, 78 und Monika Meyer-Frankenforst, 76

Adoptiveltern von Jan.

 

Dr. Hubert Schäfer, 82

Nachbar, Hausarzt und Mediziner im Ruhestand, verwitwet. Der alte Herr lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen würde gern einen Artikel über Vampire in Medical Review schreiben.

 

Marius und Rasmus Meyer-Frankenforst, 5

Söhne von Jan aus einer Hetero-Vergangenheit, die von Jan und Elias aufgezogen werden.

 

Elias al-Buchari, 26

Erbe der Familie al-Buchari. Elias ist der auserkorene Erbe einer alten Familie. Der talentierte Oud-Spieler hat sich für ein Medizinstudium entschieden und lebt mit Jan in der alten Villa. Zusammen mit ihm zieht er dessen Söhne auf.

 

Mounia al-Buchari, 26

Elias Zwillingsschwester. Sie kam zwölf Minuten nach Elias auf die Welt, liebt Shopping und Parties, ist aber nicht nur ein Partygirl. Ihre spitze Zunge gibt immer wieder Anlass für Stress.

 

Kerim al-Buchari, 23

Kerim ist der Cousin der Geschwister Elias und Mounia. Sein Weltbild ist einfach und teilt sich in jagen oder gejagt werden auf. Tolerant und nett.

 

Ali al-Buchari, 32

Ehemaliger Militärpilot. Der wortkarge und zurückhaltende Vampir hat sich geoutet und arbeitet mit dem früheren Bonner Kommissar Michael Strang für Interpol. In Lyon haben sie ein kleines Haus.

 

Lalla Sara al-Buchari

Die Matriarchin. Niemand weiß genau, wie alt die Matriarchin des Clans ist. Sie war schon immer da und bestimmt die Geschicke des Clans. Sie achtet darauf, dass das Geheimnis der Familie gehütet wird.

 

Abdarrahman bin Schamhurisch, genannt Hakim,

König der Dschinnen

 

Schazadeh Bilal,

Ein Marid und Wächter des Königreiches der Dschinnen, der sich ganz gern ein wenig dümmer stellt, als er ist. Sammelt in seinem Garten magische Geschöpfe, darunter Simurghs und Sphingen.

 

Omar Tazi,

Herr auf Ksar Tazi und intriganter Minister

 

Ioan Radulescu

Ioan ist ein illegitimer Nachfahre von Vlad III. Tepes. Brutal, berechnend und menschenverachtend wie er ist, nimmt er sich alles, von dem er glaubt, dass es ihm zusteht. Er hält sich für den ungekrönten König des Endes der Nahrungskette. Mit Peter Harrach ist er eine geschäftliche Partnerschaft eingegangen und manipuliert den Politiker.

 

Cosmin Radulescu

Cosmin ist ein legitimer Nachfahre von Radu III. cal Frumos, einem ehemaligen Fürsten der Walachei. Er hütet die Fürstenkrone der Walachei und ein altes Buch, vor seinem Cousin Ioan. Vor dessen Terror flüchtet er in den Clan der Buchari-Vampire.

 

Peter Harrach, 60

Der katholische und Rom treue CDU-Politiker ist Bundestagsabgeordneter und leitet die von ihm begründete Marianische Laienorganisation. Er will ins Kabinett der Kanzlerin und schwule Jugendliche heilen lassen.

 

Elisabeth Harrach, 59

Blasse und wenig selbstständige Ehefrau, die außer Kirche und Familie nichts mehr vom Leben hat. Ihre Kinder sind aus dem Haus, und sie wagt nur selten, aus dem Schatten ihres Mannes herauszutreten.

 

Sebastian Harrach, 20, genannt Basti

Sebastian wurde von seiner bigotten Familie verstoßen und hat das spießige Plauen verlassen. Mit Religion hat er nichts am Hut. Der Gothic-Fan und Spieleprogrammierer liebt Dark Romance Partys und ist manchmal etwas zickig, leichtsinnig und sehr stur.

 

Malte Kasten, 21

Malte ist Bastis bester Freund, mit dem er Computerspiele programmiert. Sie sind wie Brüder. Malte ist hetero, gerät aber ins Grübeln, als es mit den Frauen irgendwie nicht so klappt

 

Peter Lux, 50, genannt Spooky Lux

Hauptkommissar bei der Bonner Polizei und zuständig für alles, was irgendwie den Rahmen des Normalen sprengt.

 

Lars Wilhelm, 30

Kommissar bei der Bonner Polizei, der nicht so recht weiß, was er von schwulen Vampiren halten soll.

 

Jens Nicolay, 23

Frisch von der Polizeiakademie im Team von Lux gelandet und hat mit Reuven plötzlich einen Drachen am Hals.

 

Reuven Glicksman, 17

Von zu Hause weggelaufener Teenager auf der Suche nach seinen Wurzeln. In ihm steckt ein Drache, der manchmal Gassi gehen muß.

 

Carsten Schüller, 35

Biologe, Event-Manager und Alpha eines Rudels Eifeler Werwölfe

 

Jerome, 25

Thekenschlampe, und sehr eifersüchtiger Werwolf

 

Salentin Kuckelkorn, 28

Ein Incubus mit Sinn für Inneneinrichtung, der Malte Kasten neue Möglichkeiten aufzeigt

Herbstfeiern

Als Hauptkommissar Lux mit seinem jüngeren Kollegen Lars Wilhelm im Polizeipräsidium ankam, begaben sie sich auf den Weg in ihr Büro. Der Hauptkommissar machte vorher noch einen Abstecher in die Kantine und kam mit zwei Puddingteilchen in das gemeinsame Büro.

„Nach der Begegnung mit Ioan Radulescu brauche ich Nervennahrung“, verkündete Lux und ließ sich erschöpft in seinen Sessel fallen.

„Purer Zucker“, stichelte Lars, als er die Mitbringsel sah. „Das Zeug springt Ihnen schneller auf die Rippen, als Handschellen zuschnappen.“

„Das Puddingteilchen“, sagte Lux versonnen, „und die Rosinenschnecke sind der Sex des Alters. Wenn Sie einmal Hauptkommissar mit dreißig Dienstjahren auf dem Buckel sind, werden Sie das verstehen. Und wenn Ihnen dann ein junger, nerviger Kollege gegenübersitzt, der alles besser weiß, erinnern Sie sich vielleicht meiner Worte.“

„Frau Dr. Blitze-Wölklein ...“, setzt Lars an und fing sich einen bösen Blick ein.

„Halt! Kein Wort mehr! Nicht dieser Name, wenn zwei Teilchen vor mir liegen“, rief Lux und macht energisch eine Gebärde der Abwehr. Er verzog das Gesicht. „Sie sucht übrigens immer noch einen Assistenten und die Polizeipräsidentin soll gesagt haben, dass im Gleichstellungsreferat auch ein Mann arbeiten sollte. Wie wäre es?“

„Danke nein, ein so großer Sprung auf der Karriereleiter ist nichts für mich. Meine Lebensplanung sieht das nicht vor.“

Lux funkelte sein Gegenüber an und biss mit Wonne in ein Teilchen. „Ah, das ist doch wirklich ein Genuss.“

Lars arbeitete schweigend an seinem Schreibtisch, während Lux sich genießerisch Bissen für Bissen über die Teilchen hermachte.

„Wie das wohl für die Vampire ist?“, fragte Lars plötzlich und wechselte das Thema.

„Was? Puddingteilchen?“

„Nee, das Trinken von Blut. Ich kann mir das nicht vorstellen.“

„Müssen Sie ja auch nicht“, kommentierte Lux und schob den leeren Pappteller über die Tischkante in den Abfalleimer.

„Trotzdem, es kommt mir so ... parasitär vor“, meinte Lars nach einem kurzen Zögern und Lux sah ihn aufmerksam an.

„Sie sind nun mal da“, stellte er fest. „Sie leben unter uns und versuchen, mit dem was sie sind, klar zu kommen. Wir können sie nicht für das, was sie sind einsperren oder in Lagern internieren.“

Lars presste die Lippen zusammen und sagte nichts weiter. Seine Kiefer mahlten lebhaft aufeinander und er überlegte eine Weile.

„Aber ist es richtig, dass wir als Nahrung dienen? Dass wir Blut geben, um andere zu ernähren? Blutspenden, die Leben retten könnten?“

„Lars, wir sind Polizisten. Es spielt keine Rolle, ob wir es richtig finden, dass ein kleiner, ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung ungewöhnliche Nahrungsbedürfnisse hat. Wir sind dafür da, darüber zu wachen, dass bestehende Gesetze eingehalten werden. Und wenn es Gesetzesverstöße gibt, dann verfolgen wir sie. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, jemanden zu richten“, mahnte Lux. „Und wir haben alle gleich zu behandeln.“

„Aber es ist zumindest Körperverletzung“, gab Lars zu bedenken.

„Stimmt, das ist es. Sofern sie Menschen gegen ihren Willen beißen, überfallen oder gar ermorden. Keine Frage. Aber denken Sie an die mit religiöser Begründung stattfindende Beschneidung. Da hat der Gesetzgeber entschieden, es nicht weiter zu ahnden.“

Lars sah ihn ungläubig an.

„Das ist doch etwas ganz anderes!“

„Finde ich nicht. Wenn jüdische oder muslimische Eltern für ihre kleinen Kinder entscheiden können, ihnen bewusst Schmerzen zuzufügen, ohne dass das geahndet wird, sehe ich für mich keinen Grund, einem halben Dutzend Vampire das Leben schwer zu machen. Und wenn der kleine Harrach Spaß dabei hat, sich von Cosmin Radulescu beißen zu lassen, geht uns das nichts an.“

„Was ist mit diesem Ioan Radulescu, der einen wirklich das Gruseln lehrt? Selbst sein Cousin warnt vor ihm und behauptet, dass Ioan ein Mörder ist. Lassen wir den ungeschoren? Das kann wohl nicht sein!“

„Ganz bestimmt nicht. Was mich daran erinnert, dass wir über ihn noch mehr herausbekommen sollten. Der Typ ist aalglatt und ohne Skrupel“, sagte Lux nachdenklich. „Ich würde gern seine beiden Komplizen genauer unter die Lupe nehmen. Cosmin Radulescu hatte uns deren Namen gegeben, stellen Sie doch einmal fest, was es über sie gibt.“

„Wird gemacht“, sagte Lars Wilhelm. „Soll ich eine Anfrage über das LKA an die Kollegen in Sachsen richten?“

„Ja, machen Sie das.“

„Chef, haben Sie sich eigentlich mal Gedanken darüber gemacht, wie das alles weitergehen soll?“, fragte Lars. Er ließ seine Fingerknöchel knacken und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Den Fall Reuven konnten wir gut vor der Öffentlichkeit verbergen und unsere schwule Vampir-WG macht ja keine allzu großen Probleme. Aber der Rest?“

„Sie kommen immer noch nicht darüber weg, was?“, fragte Lux belustigt und schüttelte den Kopf, als Lars etwas verlegen zur Seite blickte. „Was haben Sie denn bloß für ein Problem mit den Vampiren?“

„Sie haben vorhin gesehen, wozu Ioan Radulescu fähig ist. Beinahe hätte er Jens dazu gebracht, den jungen Harrach zu erschießen. Wir vermuten, dass er hinter vielen Verbrechen steckt, können ihn aber nicht belangen. Woher wollen Sie wissen, dass Cosmin nicht ähnlich handelt?“

Peter Lux dachte einen Moment nach, bevor er antwortete. „Ich bin ziemlich sicher, dass Cosmin Radulescu im Fahrwasser seines Cousins auch keine ganz fleckenlose Weste bewahren konnte. Er hat der Abteilung Wirtschaftskriminalität umfassend Einblick in die geschäftlichen Aktivitäten der Holding gegeben, die er bis vor kurzer Zeit verwaltete. Es betrifft allerdings eher Steuervermeidungstricks und legale, wenn auch anrüchige Investments und Beteiligungen. Das meinten zumindest die Kollegen. Da wird ihm nicht viel passieren. Viel wichtiger ist für uns, dass sich daraus Anhaltspunkte ergeben, wo wir Ioan Radulescu auf die Finger schauen können.“

„Aber er hat früher bestimmt auch Menschen ermordet! Vampire sind nun einmal so! Das wissen Sie doch“, begehrte Lars Wilhelm auf.

„Wollen Sie sich durch Akten aus der Kaiserzeit - und damit meine ich das Habsburgerreich - wühlen und die Nachfahren eventueller Opfer befragen, ob ihnen aus Familiengeschichten Vorkommnisse bekannt sind, die man mit Cosmin in Verbindung bringen könnte?“, fragte Peter Lux und legte den Kopf schief. Er lachte herzhaft. „Viel Spaß!“

„Und woher wollen Sie wissen, dass er Sie nicht gezwungen hat, so zu handeln?“

„Denken Sie logisch. Habe ich Ihnen denn gar nichts beigebracht?“, mahnte Lux und warf Lars einen vorwurfsvollen Blick zu. „Wäre dem so, dann wüßten wir kaum etwas von ihm. In dem Augenblick, wo Cosmin sich dafür entschied, vorsichtig aus dem Dunkel der Geschichte an die Öffentlichkeit zu treten und sich mit den Bucharis zu verbünden, war ihm klar, dass er nach unseren Regeln spielen muss.“

„Ich weiß nicht“, sagte Lars zögerlich und kaute nervös auf einem Kugelschreiber.

„Auch der kleine Harrach und sein Freund, dieser andere Student aus Plauen, stehen nicht unter einem Zwang, und Lalla Sara vertraut ihm. Michael Strang hat via Interpol auch einiges herausgefunden, und es wurde höheren Ortes entschieden, ihn in Ruhe zu lassen. Nein, Cosmin Radulescu ist nicht unser Problem.“

„Höheren Ortes?“, echote Lars.

„Das Amt für Militärkunde[1] kennt die Bucharis schon länger, als wir beide bei der Polizei sind“, erklärte Lux und winkte ab. „Oberst Bachem hat mir mitgeteilt, dass einer seiner früheren Mitarbeiter bei der Buchari-Stiftung lebt und der hat Zugang zu allen Bereichen der Stiftung.“

„Hm“, brummte Lars unzufrieden. „Ein mehr als vierhundert Jahre alter Vampir zusammen mit zwei Jungs, mir will das nicht in den Kopf.“

„Auch wenn es Ihnen nicht gefällt, Sie haben doch auch gesehen, wie besorgt Cosmin war, als sein Mitbewohner Malte vermisst wurde. Das war ehrlich, das sah doch jeder. Schluss jetzt damit, Lars, es ist wirklich nicht unsere Aufgabe, in den Betten der Leute nachzuforschen, was sie treiben. Und denken Sie an Michael Strang, der gehört jetzt auch dazu.“

„Wohl nicht“, stimmte Lars hastig zu.

 

Es war einer jener für Bonn typischen spätherbstlichen Tage, wie sie Anfang Oktober, manchmal auch bis weit in den Oktober hinein so sind. Der Sommer hatte noch nicht eingesehen, dass seine Tage längst vorbei waren und die milde Herbstsonne tauchte die Hänge des Siebengebirges mit dem herbstlich verfärbten Laub der Buchen in ein warmes Goldgelb, das hier und da ein paar rotbraune Flecken hatte. Der blaue Himmel war klar wie selten über dem Rheintal und auch die Temperaturen ließen noch nicht ahnen, dass der Winter in Reichweite war.

Jan rieb sich die Hände und strahlte glücklich, als die ersten Gäste eintrafen. Gudrun Blanke, stellvertretende Leiterin und seine Professorin aus dem Romanistik-Seminar, gratulierten ihm herzlich, als Jan ihnen die Tür zu der alten Fabrikantenvilla im Villenviertel von Bad Godesberg öffnete und sie einließ.

„Das war weiß Gott eine überaus gute Leistung, Jan, ich bin stolz auf Sie“, sagte sie mit ihrer warmen Altstimme und ihr sie begleitender Mann schloss sich an. „Herzlichen Glückwunsch! Sie redet schon die ganze Zeit von nichts anderem mehr. Jetzt wird es sicher nicht lange dauern, bis die ersten Angebote anderer Universitäten eintreffen.“

„Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht“, sagte Jan und blickte die beiden Wissenschaftler verdattert an.

„Das sollte heute auch noch kein Thema sein, heute ist ein Tag zum Feiern“, beendete Gudrun Blanke diese Gedanken und hakte sich fröhlich bei Jan und ihrem Mann ein. „Hat ihre Großtante wieder eine Bowle angesetzt? Ich erinnere mich an einige leicht ausufernde Tutorien in diesem Garten. Wenn ja, bekommen wir ein Problem.“

„Sie hat“, raunte Jan verschwörerisch. „Waldmeister und Erdbeeren, und Cosmin Radulescu hat ein paar Flaschen Wein aus seinem Keller beigesteuert zur Feier des Tages.“

„Cosmin Radulescu?“

„Ein rumänischer Unternehmer, der unser Austauschprojekt ebenfalls fördert. Ich stelle Sie ihm nachher vor. Er müsste gleich kommen.“

Monika und Clemens kamen hinzu und übernahmen die beiden Blankes. Weitere Gäste trafen ein und der große Garten füllte sich.

 

Während Jan seine Gäste empfing, checkten ein sehr verärgerter Ioan Radulescu und seine Beraterin aus dem Kameha Grand aus und kehrten nach Plauen zurück. Ioan brütete während der Fahrt finster vor sich hin. Seine abgedunkelte Limousine glitt über die Autobahn. Neben ihm saß seine Beraterin und arbeitete an ihrem Laptop.

Ein weiterer Wagen folgte ihnen, in dem seine Helfer Daciu und Tichon saßen. Sie bereiteten Ioan Kopfzerbrechen. Was sollte er mit ihnen anfangen? Sie wurden allmählich zum Sicherheitsrisiko.

Beatrix van Oosten stand unter seiner Kontrolle und arbeitete ganz nach seinen Wünschen. Wobei es eine lockere Kontrolle war, wie er immer wieder feststellte und es sich lohnte, ihr viele Freiheiten zu lassen. Sie war kreativ, und seine Geschäfte waren gewinnbringender geworden, seitdem sie mehr und mehr Aufgaben von Cosmin übernommen hatte.

Er knirschte wütend mit den Zähnen, als er über das Geschehene nachdachte. Noch nie war er in eine solche Defensive geraten. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass Cosmin sich von ihm losgesagt hatte. Mehr noch, er hatte sich einem fremden Clan angeschlossen.

Peter Harrach hatte ihm von den Ereignissen während des Begräbnisses von Sophie erzählt, und dabei hatte er diese Familie aus dem Maghreb erwähnt. Leider hatte er dem keine besondere Bedeutung beigemessen, was er jetzt bereute.

Und dann der Sohn von Peter Harrach, dieser Knabe, der vor ihm nicht die geringste Angst gezeigt hatte. Sogar Magie beherrschte! Hatte Cosmin ihn in die Geheimnisse des Picatrix[2] eingeweiht? In die Magie, die Cosmin sich weigerte anzuwenden, die Cosmin ihm verweigerte? Das hatte er einem dahergelaufenen Stricher überlassen?

Er war nicht mehr Herr der Geschehnisse, erkannte er gleichermaßen betroffen wie wütend und knirschte mit den Zähnen. Er, Ioan Radulescu, ältester, wenn auch illegitimer Nachfahre von Vlad Tepes, war nicht mehr Herr des Geschehens und schmählich aus Bonn vertrieben worden.

Obwohl er äußerlich ruhig war, brodelte es in ihm und er überlegte fieberhaft, wie er die Verhältnisse umkehren könnte. Cosmins Schwachstelle war eindeutig dieser Bengel, doch wie an ihn herankommen?

 

In Bad Godesberg röhrten die satten Klänge eines schweren Motorrades durch die beschauliche Kronprinzenstraße im alten Villenviertel von Bad Godesberg. Die Maschine stoppte vor der Villa Meyer-Frankenforst. Jens Nicolay war der Einladung von Jan gefolgt und schickte sich jetzt an, an der Party teilzunehmen. Er stellte sein Bike vor der Villa ab und griff in die Satteltasche, aus der er eine Flasche Wein zutage förderte, die er noch auf die Schnelle organisiert hatte. Dann ging er zum Eingang und klingelte.

Eine ältere Frau öffnete ihm die Tür, von der er vermutete, dass es sich bei ihr um Jans Großtante handelte.

„Sie sind sicher Jens Nicolay. Jan und Elias haben Sie schon angekündigt. Kommen Sie herein.“

„Guten Abend. Frau Meyer-Frankenforst?“, fragte er, und sie nickte. „Ich wusste nicht so recht, was ich mitbringen sollte“, setzte er etwas verlegen hinzu und hielt die Flasche Wein in der Hand. Mit einem warmen Lächeln nahm sie ihm die Flasche ab.

„Es wäre nicht nötig gewesen. Kommen Sie, ich bringe Sie in den Garten. Dort findet die Party statt.“

Jens blieb abrupt stehen, als sein geübtes Auge die Einschusslöcher in der Wand erkannte, die noch nicht wieder verputzt waren.

„Hier war es also“, murmelte er und betrachtete die Wand genauer.

„Ja“, bestätigte die alte Dame. „Hier ist es passiert, genau hier hat dieser Verrückte auf Jan und mich geschossen.“

„Geht es Ihnen denn wieder gut?“, fragte er vorsichtig. „Verzeihen Sie, das ist eine bescheuerte Frage.“

Ein Schatten verdüsterte die Züge der alten Dame. „Nein, ich träume immer noch davon“, gab sie zu. „Dann stehe ich senkrecht im Bett und kann danach nicht wieder einschlafen. Ich grüble und grüble, wer uns das angetan haben könnte.“

„Es wird mit der Zeit besser werden“, sagte Jens. „Auch wenn es sich aus meinem Mund etwas seltsam anhört.“

„Das hat der Psychologe auch gesagt und ein bisschen besser ist es auch schon geworden. Ich träume nicht mehr jede Nacht“, sagte sie und lächelte etwas schmerzlich. „Aber jetzt wollen wir die düsteren Gedanken beiseiteschieben. Heute will Jan feiern und hat seine Freunde eingeladen. Es ist schön, dass Sie auch gekommen sind. Jan hat mir übrigens gesagt, dass Sie über unsere illustre Familie informiert sind.“

Bevor Jens antworten konnte, klingelte es erneut und Monika öffnete die Tür.

„Hallo, Frau Meyer-Frankenforst“, erschollen zwei fröhliche Stimmen. „Wie isset denn so? Jot?“

„Ivana, Kevin - schön, euch mal wieder zu sehen“, begrüßte Monika die Neuankömmlinge und stellte sie ihm vor.

„Ivana ist eine alte Freundin und frühere Arbeitskollegin von Jans Schwester Nina. Sie hat uns geholfen, als Konstantin so krank war. Sie hat sich auch um Sophie, die Mutter von Jans Söhnen gekümmert und uns bei der Pflege unterstützt“, erklärte sie ihm. „Ivana, Kevin, das ist Jens Nicolay, einer der Mitarbeiter von Kommissar Lux, der sich auf Bitten von Peter Lux ein wenig mit unserer Familie vertraut machen soll.“

Ivana grinste verschwörerisch. „Vor der Familie kann ich dich nur warnen. Insbesondere vor Monika. Bring dich in Sicherheit, solange du kannst. Sobald du einmal von ihren Kochkünsten gekostet hat, kommst du nicht wieder los. Jeder Besuch hier endet mit der harmlosen Frage, ob man zum Essen bleibt.“

Monika gab Ivana einen freundlichen Klaps auf den Oberarm. „Solange ihr es euch schmecken lasst, kann es so schlimm nicht sein.“

„Gehört dir das Motorrad vor der Tür?“, fragte Kevin neugierig. Eine überflüssige Frage, Jens wusste, dass man ihm den Biker ansah.

„Ja.“

„Cooles Teil“, bemerkte Kevin.

„Jo“, antwortete Jens und fand, dass damit alles gesagt sei.

Ivana blickte von einem zum anderen und stöhnte.

„Das ist wieder typisch Jungs. Diese opulenten Dialoge, diese feinsinnigen Kommentare - unfassbar.“

Kevin zuckte gleichgültig mit den Schultern und rollte etwas mit den Augen. Jens schmunzelte, er verstand sich mit Kevin auf Anhieb.

„Gehst du auch biken?“

„Ja, habe eine 750er von Yamaha.“

„Die YZF?“

„Mhm.“

„Gute Maschine. Zuverlässig“, lobte Jens.

„Wo bist du so unterwegs?“

„Eifel, manchmal Nürburgring.“

Kevin nickte anerkennend.

„Gute Kurven.“

„Jo.“

„Können ja mal zusammen die Kurven testen“, schlug Kevin vor.

„Mhm, gute Idee“, stimmte Jens zu. Kevin gefiel ihm.

Ivana seufzte abgrundtief und der Seufzer kündete von erlebten Fußballorgien, von herumliegenden Bierflaschen, überfüllten Aschenbechern, leeren Pizzaschachteln und Beschwerden genervter Nachbarn wegen grölender Fußballfans.

„Kerle! Das hält man ja im Kopf nicht aus“, sagte sie entnervt. „Gibt es irgendwo Alkohol? Möglichst hochprozentig?“

„Sicher, geht doch schon einmal in den Garten, Ivana, ihr kennt den Weg ja. Und nehmt Herrn ... Entschuldigung, jetzt habe ich doch wirklich Ihren Namen vergessen“, wandte sich die ältere Dame mit einem verlegenen Lächeln zu Jens.

„Das macht überhaupt nichts, ich heiße Nicolay. Jens Nicolay.“

„Dann folgen Sie den beiden. Ivana und Kevin zeigen Ihnen den Weg. Im Wintergarten und im Garten ist ein Buffet aufgebaut und im Garten stehen Getränke, darunter auch Bowle. Jan wollte eigentlich nur eine kleine Feier, aber Clemens und ich haben unser Veto eingelegt. Er hat so hart für sein Studium gearbeitet und wir sind stolz auf ihn“, fuhr sie mit leicht geröteten Wangen fort und Jens erkannte die Freude in ihrem Gesicht.

„Ich will Bowle!“, warf Ivana ein.

„Aber, Ivana, die Bowle hat nicht besonders viel Alkohol.“

„Die Menge macht es“, bemerkte Ivana mit einem düsteren Blick zu ihrem Freund, in dessen Schlepptau Jens folgte. Sie gingen durch eine gemütlich eingerichtete Küche und Jens fand sich bald darauf in einem Wintergarten mit einer großen Orchideensammlung wieder. Im Vorbeigehen schnappte er sich etwas zu essen vom Buffet, welches wirklich reichhaltig bestückt war. Offensichtlich hatten Jans Mutter ... nein, es war seine Großtante, die ihn und seine Schwester adoptiert hatte, keine Mühe gescheut, um die Feier auszurichten. Eine Tür stand offen und führte in einen Garten, in dem zahlreiche Gäste anwesend waren.

 

Etwas später hielt ein Auto vor der Villa, dem Cosmin, Malte und Sebastian entstiegen.

„Basti, wir sind bestimmt die letzten Gäste, die jetzt noch kommen. Ob es überhaupt noch etwas zu essen gibt?“, brummelte Malte. „Nur weil du wieder über Stunden das Bad blockiert hast.“

„Gar nicht wahr! Ich war um sechs Uhr im Bad und jetzt ist es ... ups!“, verstummte Sebastian etwas verlegen. „Ist es wirklich schon so spät? Kann doch gar nicht sein?!“

„Ich bin froh, dass der Turmhof, wo wir bald einziehen, mehrere Bäder hat. Du brauchst ja schon ein begehbares Beautycase nur für dich allein“, warf Malte etwas boshaft ein und kassierte für diese Bemerkung einen bitterbösen Seitenblick.

„Neun Uhr am Abend“, kommentierte Cosmin vergnügt. „Ist schon gut, Basti, du siehst fantastisch aus. Wo hast du denn diese Hose her? Die kenne ich ja noch gar nicht an dir?“

„Chic, was?“, strahlte Sebastian. „Die habe ich in einem Online-Gothic-Shop gefunden. Ich mag dieses Jacquard-Muster und diese Jacke aus rotem Samt, die ist doch auch ultracool?“

„Basti, du siehst jedenfalls mehr nach Vampir aus als die Vampire, die ich mittlerweile kennengelernt habe“, meinte Malte, der sich nicht viel aus Mode machte und mit einer Jeans, einem weißen Shirt und einem über die Schultern gelegten Hoodie seiner Meinung nach perfekt versorgt war. „Dir fehlt nur noch so ein viktorianischer Gehstock mit Silberknauf.“

„Hm, daran hab ich auch schon gedacht“, überlegte Sebastian.

„Hase, ein Gehstock sieht bei einem Jungen wie dir unpassend aus. Ich glaube, das wäre des Guten zuviel. Und du siehst nicht nur fantastisch aus“, Cosmin grinste schelmisch, „du duftest auch zum Anbeißen.“

Genießerisch schnupperte er an Sebastians Hals entlang und setzte einen Kuss auf die zarte Haut an Sebastians Halsansatz. Schon wollten seine Hände durch Sebastians Haare wuscheln, als der sich mit einem empörten Quieken befreite.

„Nix da, ich stelle mich nicht eine Stunde vor den Spiegel, damit du mir meine Haare mit einem Handgriff in einen Wischmopp verwandelst. Nimm deine Finger weg!“

„Aber ich wuschel da so gern lang. Lass mich doch“, bettelte Cosmin scheinbar verzweifelt, und versuchte immer wieder, nach Sebastian zu greifen, der sich hinter Malte in Sicherheit zu bringen suchte.

„Aus! Wirst du wohl!“, schimpfte Sebastian. „Seitdem mir diese Dorfschrulle in der Kasbah die Haare rot gefärbt hat, habe ich genug Probleme, die wieder in Form zu bringen. Wenn du Haare wuscheln willst, geh zu Malte. Dessen blonde Mähne kann das ab. Die sieht sowieso aus wie ein explodiertes Vogelnest, da kann man nichts mehr falsch machen.“

„Da habe ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden“, sagte Malte und lachte. „Basti, hast du Cosmin irgendwelche Pillen untergemixt? Der ist ja total aufgedreht, Bist du dafür verantwortlich?“

„Nee, kein bisschen, daran bin ich unschuldig“, wehrte Sebastian entschieden ab. „Wirken Drogen bei Vampiretten überhaupt?“

„Bist du nicht, Basti und du auch nicht, Malte. Ich freue mich darüber, mit euch beiden zu einer Party bei Freunden unterwegs zu sein“, sagte Cosmin und griff sich kurz entschlossen seine beiden Freunde. Er legte ihnen jeweils einen Arm um die Schulter und so durchschritten sie die Gartenpforte. Sie klingelten nicht, sondern gingen am Haus vorbei direkt in den Garten.

 

Im Mittelpunkt des Geschehens im Garten stand Jan, der einen Glückwunsch nach dem anderen entgegennahm. An seiner Seite sein Mann, wie Jens wusste. Rasch ging er zu ihm und gratulierte mit ein paar Worten, um dann das Geschehen mit ein wenig Abstand zu betrachten.

Da stehen zwei echte Vampire und nur wenige wissen davon. Sein Blick fiel auf zwei kleine Jungs, die in der Nähe der beiden spielten.

Sein Chef hatte ihm ein paar Infos gegeben. Jan hatte aus einer vorangegangen Beziehung zu einer mittlerweile verstorbenen Frau zwei Söhne, die er jetzt zusammen mit Elias aufzog.

„Bier? Oder doch lieber Bowle?“, fragte Kevin.

Jens verzog das Gesicht. Er und Bowle!

„Also Bier!“, sagte Kevin vergnügt und reichte ihm eine Flasche, die Jens mit seinem Feuerzeug öffnete. Sie lehnten zusammen an der Gartenmauer und beobachteten die Szenerie. Gerade hielt eine ältere Frau eine Rede, in der es um Jans herausragende wissenschaftliche Arbeit ging.

„Kennst du die Rednerin?“

„Das ist Jans Professorin und Institutsleiterin. Sie hat ihn gefördert und mit ihm zusammen dieses Austauschprogramm mit der Buchari-Stiftung aufgebaut.“

„Mhm“, machte er und nahm die Information zur Kenntnis.

„Hier im Garten haben damals Jan und Elias geheiratet, ebenso wie Elias Cousin Ali deinen Kollegen Michael Strang zum Mann genommen hat. Das war auch eine riesige Party, um einiges größer als heute“, erzählte Ivana. Sie hatte sich eine Bowle geholt und stocherte gerade nach den Früchten.

Davon hatte er gehört, denn schließlich war er auf die Stelle von Michael Strang nachgerückt, der nach Lyon zu Interpol gewechselt war. Michael sollte sich auch den Vampiren angeschlossen haben, wie es in der überschaubaren Gruppe der Eingeweihten hieß.

Er zog seine schwere Lederjacke aus und hängte sie sich halb über die Schulter. Ein bisschen underdressed kam er sich vor. Immerhin war er noch auf die Idee gekommen, ein frisch gebügeltes weißes Hemd zu der schwarzen Jeans anzuziehen und sich zu rasieren. Ein Großteil der anwesenden Gäste war in elegante Abendgarderobe gehüllt, darunter Jans Professorin und ihr Mann. Aber auch andere Gäste, ebenso Jan und Elias selber, trugen dunkle Anzüge. Wie es Jens schien, war Jan ziemlich eitel. Der dunkle Anzug saß perfekt und er sah ziemlich teuer aus. Aber auch Elias machte keine schlechte Figur.

Monika Meyer-Frankenforst ging zurück ins Haus. Nach einer Weile kam sie zurück und eilte zu Elias, dem sie etwas ins Ohr flüsterte. Der strahlte auf einmal noch ein bisschen mehr über das ganze Gesicht und tippte Jan auf die Schulter.

Jans Mund bildete ein großes O und dann eilte er ins Haus. Nach einer Weile kam er zurück und geleitete am Arm eine sehr alte Frau in einem traditionellen arabischen Gewand in den Garten, die sich auf einen Stock stützte. Die Menge der anwesenden Gäste teilte sich vor ihnen wie das Rote Meer vor Moses.

Sehr sanft und vorsichtig führte er sie in den Garten, wo Elias einen Stuhl aufstellte. Cosmin machte der greisen Dame respektvoll Platz.

„Wer ist das?“, fragte Jens beeindruckt. Unwillkürlich hatte er die Stimme gesenkt.

„Das ist auch eine Mentorin von Jan“, erklärte Kevin leise. „Es ist Lalla[3] Sara al-Buchari, die Vorsitzende der Buchari-Stiftung. Sie zieht im Hintergrund die Fäden. Sie muss unheimlich einflussreich sein, denn sie landet, wann immer sie will, auch auf dem militärischen Teil des Flughafens, wo ein eigener Hangar nur für ihre Maschine reserviert ist.

Sie wurde bestimmt von Ali und Kerim hergeflogen. Kerim ist der Rechte der beiden Typen und mit Jans Schwester verheiratet.“

Jens erkannte zwei militärisch wirkende junge Männer, die die Stiftungsvorsitzende begleiteten. Aber es waren noch mehr Gäste dabei. Aus dem Haus kamen weitere Besucher, darunter eine junge Frau, die Jan umarmte. Und jetzt strahlte auch Ivana, die ‚Nina‘ rufend auf die junge Frau zueilte und ihr stürmisch um den Hals fiel.

„Das ist mal eine große Überraschung. Lalla Sara hat die ganze Familie mitgebracht“, staunte Kevin und erzählte ihm von den einzelnen Familienmitgliedern. Zum Schluss kam er auf Konstantin zu sprechen.

„Den Fall müsstest du ja kennen.“

„Nein, so lange bin ich noch nicht dabei. Was ist mit ihm?“, fragte Jens und kniff die Lippen zusammen, als Kevin ihm die furchtbare Geschichte von Konstantins Vergangenheit erzählte. Seine Kiefer mahlten, als er das Gehörte verdaute.

„Er hat Elias das Leben gerettet und kam dann selber beinahe ums Leben, als er zum Schweigen gebracht werden sollte. Er wurde brutal zusammengeschlagen und es war ein Wunder, dass er es überlebt hat. Ich habe ihn damals kennengelernt und du kannst dir nicht vorstellen, wie er ausgesehen hat. Kein Vergleich mit heute“, beendete Kevin seine Erzählung. „Angeblich soll der Haupttäter im Gefängnis unter ungeklärten Umständen ins Koma gefallen sein. Er ist nicht mehr aufgewacht und Elias deutete einmal an, dass Lalla Sara Mittel und Wege zur Verfügung stünden, von denen man nicht zu träumen wagt. Ich möchte sie jedenfalls nicht zum Feind haben.“

Ich glaube, ich kann es mir annähernd vorstellen, dachte Jens nachdenklich. Er beobachtete, wie respektvoll und zuvorkommend sich Cosmin Radulescu um Lalla Sara bemühte, den er als finanzstarken Unternehmer und einflussreichen Vampir kannte.

Wenn selbst der vor Lalla Sara kuscht, dann muss das wohl wirklich eine sehr mächtige Frau sein, überlegte er und machte sich eine mentale Notiz, mehr über die Buchari-Stiftung herauszufinden.

Umso mehr staunte er, als der kleine Sebastian in einem etwas schrillen Outfit - sehr gothic wie er fand - ganz unbekümmert auf Lalla Sara zuhopste - anders konnte man das nicht bezeichnen - und von ihr freundlich begrüßt wurde. Sie gab ihm die Hand und er führte sie sich respektvoll an Stirn und Herz. Aber dann lachte er, umarmte sie und gab der alten Dame links und rechts einen Kuss auf die Wange. Sie wechselten ein paar Worte, bevor er wieder in der Menge verschwand.

Cosmin schüttelte erheitert den Kopf, wie Jens beobachtete, aber auch Lalla Sara hatte ein Lächeln aufgesetzt. Anscheinend hatte das verrückte kleine Huhn auch bei Lalla Sara einen großen Stein im Brett.

„Ich schau mal, was das Buffet hergibt“, meinte Kevin und verschwand im Haus. Eine Weile beobachtete Jens das Treiben der Gäste.

„Na, so ganz allein hier auf der Party?“, erklang auf einmal Cosmins Stimme neben ihm und Jens zuckte zusammen.

„Gibt es eigentlich einen besonderen Grund, weshalb sich Vampire unbedingt so anschleichen müssen?“, fragte er etwas verärgert.

„Macht der Gewohnheit“, meinte Cosmin und grinste.

Er bleckte sogar die Zähne, wenn auch nur so wenig, um ein wenig die Fänge zu zeigen. Fehlt nur noch, dass er mich anfaucht, dachte Jens.

„Mhm“, brummte er etwas unwillig.

Cosmin musterte ihn von Kopf bis Fuß und nickte anerkennend.

„Gut in Form, was?“

„Ich bemühe mich“, antwortete Jens einfach.

„Und wie?“

„Kampfsport.“

„Warum sind Sie so zurückhaltend auf einmal?“, fragte Cosmin interessiert. „Fühlen Sie sich nicht wohl bei uns?“

„Ich zähle hier sechs Vampire. Etwas ungewohnt“, gab Jens zu.

„Es sind aber elf“, verbesserte Cosmin lässig. „Und eigentlich nur einer, wenn sie den klassischen rumänischen Vampir meinen. Die Bucharis[4] haben nämlich einen anderen Ursprung als wir Radulescus. Sie definieren sich über eine Verschmelzung mit einem Dschinn.“

„Dschinn?“

„Der blaue Typ aus Aladin und die Wunderlampe“, erklärte Cosmin und nippte an dem Glas, das er mitgebracht hatte. „Ich denke, Dschinnen werden Sie auch noch kennen lernen. Das bleibt nicht aus, wenn man mit den Bucharis zu tun hat.“

„Soso“, meinte Jens und behielt eine neutrale Miene.

„Schlimm?“, fragte Cosmin. „Stört es Sie?“

Als ob es dich überhaupt interessiert, dachte Jens, was andere von dir denken.

„Es geht. Wie das halt so ist, wenn man erfährt, dass die Figuren aus Märchenwelten plötzlich lebendig werden.“

„Es waren nie Märchen, es waren immer Geschichten mit einem wahren Kern. Jedes Volk hat seine Vampire. Sie finden uns überall in jedem Land. Na ja, vielleicht nicht unbedingt an den Polen. Aber ich kann Sie beruhigen, es betrifft nur magische Wesen. Superman, Batman, Robin oder die Grüne Laterne stehen nicht auf der Gästeliste“, sagte Cosmin mit Humor in der Stimme. „Marvel muss draußen bleiben. Und E.T. hat auch noch nicht angerufen.“

Jens lächelte etwas sparsam. „Nichts gegen Robin.“

Cosmin hob lächelnd die Hände. „Natürlich nicht.“

„Lalla Sara hat wohl einiges drauf, was?“

„Oh ja, das kann man sagen.“

„Ist so viel Macht in einer Hand nicht gefährlich?“

„Sie ruht schon seit über siebenhundertfünfzig Jahren in diesen weisen alten Händen.“.

Jens pfiff unwillkürlich. „Das ist eines der Dinge, die ich in unserem Kommissariat hochinteressant finde. Es gibt immer wieder Überraschungen. Ich nehme an, Kommissar Lux weiß das?“

„Nicht nur er. Auch die Staatsanwaltschaft und einer der deutschen Geheimdienste sind informiert. Aber es ist ein ziemlich überschaubarer Kreis an Eingeweihten.“

„Und warum erfahre ich das?“

„Weil ihr Chef große Stücke auf sie hält und uns darum gebeten hat. Und weil Sie geholfen haben, einem jungen Drachen den Arsch zu retten. Sie haben zuerst die Schönheit gesehen, die sich in Reuven zeigt und nicht die Bedrohung. Sie sind etwas offener als ihr Kollege Lars Wilhelm.“

Jens musste nicht lange nachdenken, um dem Vampir recht zu geben. Lars war zwar in Ordnung, aber etwas vernagelt in seinen Moralvorstellungen. Dafür steckte zu viel braver Familienvater in ihm.

„Lars ist etwas behäbig, aber er ist ein guter Kollege. Man kann sich auf ihn verlassen.“

„Soso“, machte Cosmin. „Man kann sich auf ihn verlassen. Nicht ‚Ich kann mich auf ihn verlassen‘?“ Er wartete die Antwort gar nicht ab, sondern schlenderte weiter. „Amüsieren sie sich, Herr Nicolay. Und lassen Sie sich nicht beißen!“, flüsterte der Vampir im Weggehen und zwinkerte ihm zu. „Wir sehen uns sicher noch.“

Verwundert sah Jens ihm hinterher. Was hat das denn zu bedeuten. Was will der Typ?

Er wurde in seinen Überlegungen unterbrochen, als Kevin zurückkam. Er hatte einen Teller in der Hand, die unter der Last der aufgeladenen Speisen bedenklich zitterte.

„Hunger?“

„Etwas.“

Wortlos hielt Kevin ihm den Teller hin und Jens griff zu. Er kaute in Gedanken versunken ohne die Gäste aus den Augen zu verlieren.

„So, das ist also mein Nachfolger im Team von Peter Lux?“, sprach ihn jemand an und erneut fuhr Jens etwas zusammen. Vor ihm stand ein freundlich lächelnder Rotschopf, der ihm die Hand entgegenhielt.

„Michael Strang, früher Bonn, jetzt Interpol in Lyon“, stellte er sich vor. „Und das ist Ali al-Buchari, mein Partner, ebenfalls bei Interpol.“

Ein weiterer Mann trat hinzu, in dem Jens einen der beiden Piloten erkannte, die mit Lalla Sara gekommen waren. Mehr als ein freundliches ‚Salut‘ sagte er nicht. Dann raunte er ein paar halblaute Worte seinem Partner in Ohr.

„Oui, je veux parler avec lui. Seulement quelques minutes“, antwortete Michael. Ali musterte Jens flüchtig und entschwand dann wieder in der Menge der Partygäste.

„Schön, dich mal wieder zu sehen, Kev“, begrüßte Michael auch Kevin mit einem Handschlag.

„Jo, viel zu lange her. Immer noch auf Verbrecherjagd?“

„Klar, Ali und ich mussten alles aufbieten, um ein paar Tage freizubekommen. Ein Berg von Überstunden und nicht genug Stellen. Das Übliche eben. Und bei dir?“

„Das Übliche, zu viel Arbeit, zu wenig Geld und nervige Kunden, denen es jetzt im Herbst auffällt, dass sie noch ganz schnell ein neues Dach brauchen“, sagte Kevin seufzend. Dann hellte sich seine Miene auf. „Ivana und ich wollen bald heiraten. Im nächsten Mai vermutlich.“

„Glückwunsch!“, sagte Michael. „Das wird ja auch langsam Zeit. Wie lange seid ihr jetzt schon zusammen? Fünf oder sechs Jahre?“

„Acht“, korrigierte Kevin.

„So lange hält sie es schon mit dir aus? Donnerwetter, ich bin schwer beeindruckt.“

„He! Was soll das heißen?“, fragte Kevin leicht säuerlich. „Bin ich King Kong?“

„Naaaaheeeeein“, wehrte Michael lachend ab, „nur eine primitive Hete mit sehr seltsamen Hobbys!“

„Das gemeinschaftliche Verfolgen von Fußballspielen auf Großleinwänden ist eine anerkannte Freizeitbeschäftigung. Sie dient der Festigung sozialer Kontakte und daran gibt es nichts auszusetzen“, dozierte Kevin mit getragener Stimme.

„Heute Rudelgucken, gestern Mammuts jagen, sagte Ivana zuletzt, als wir chatteten. Da war sie aus dem Wohnzimmer geflüchtet.“

„Ja, nachdem sie gefragt hat, ob sie uns noch ein paar ihrer selbst gebackenen Kekse zum Bier hinstellen sollte und ein deutliches Nein kassierte. Ich bitte dich! Kekse und Bier! Ihre veganen und glutenfreien Mandelkekse schmecken ungefähr so wie die Plastikchips, die man für Einkaufswagen benutzt. Und sind genauso hart. Im Rezeptbuch standen die in dem Kapitel ‚Auf diese Steine können sie bauen‘, aber essbar sind sie nicht“, protestierte Kevin. „Dann haben wir uns Pizza bestellt. Das ist Fingerfood für Männer!“

„Ich kann es mir vorstellen“, kommentierte Michael trocken, während Jens ein Schmunzeln verbarg. Kevin gefiel ihm immer mehr.

„Das ist ja auch unzumutbar. Fußball, Bier - dazu passt Grillen, Fleisch und Chips, aber Mandelkekse? Warum nicht gleich tantrisch gebackener Kuchen nach ausgependelten Zutaten?“

„Wenigstens einer mit einem Funken Ahnung von Fußballkultur“, kommentierte Kevin und wandte sich dann Jens zu. „Welche Mannschaft?“

„BVB[5] natürlich! Was für eine Frage! Es gibt nur eine“, meinte Jens im Brustton der Überzeugung. „Echt jetzt!“

„Es gibt einen Gott im Himmel“, sagte Kevin. „Ich bin entzückt. Hier in Bonn ist man meistens von FC-Fans umgeben.“

„Danke, mir reicht es schon, wenn ich von diesen Prolls nur höre. Ich bin froh, dass Lux mich in seine Abteilung geholt hat, sonst müsste ich mit der Einsatzhundertschaft auch zu den Spielen nach Köln. Der Albtraum jedes Polizisten. Pegida, Nazidemos und die Fußballidioten vom FC und am besten noch die von Dynamo Dresden dabei. Bäh!“

„Stimmt, dagegen sind die Typen, mit denen Peter Lux es gewöhnlich zu tun hat, sehr viel pflegeleichter“, warf Michael ein. „Kev, wenn ich das richtig sehe, steht Ivana gerade bei Nina und ich wette mit dir, dass sie über uns lästert. Wenn ich so ihre Lippen lese ...“

„Oh ja, ich weiß, was du meinst“, seufzte Kevin bekümmert. „Wenn die beiden zusammen sind, läuft es mir automatisch immer kalt den Rücken runter. Man weiß nie, was sie als Nächstes aushecken.“

„Schaffst du das alleine?“, fragte Michael mit einem verdächtigen Zucken im Mundwinkel. „Oder brauchst du Unterstützung?“

„Ich bin ein Kerl!“, sagte Kevin und schürzte verächtlich die Lippen. „Das regle ich allein. Aber wenn ich nicht wiederkehre vom Fronteinsatz ...“ Er ließ den Satz unvollendet, als er sich mit schweren Schritten in Bewegung setzte.

„Trinken wir ein Bier auf dich und gedenken deiner in Ehren!“, rief Jens ihm amüsiert hinterher.

„Tja, bei den Meyer-Frankenforsts und Bucharis sind die Frauen nicht zu unterschätzen. Ivana ist mit Jans Schwester befreundet und das hat abgefärbt“, stellte Michael fest.

„Du bist also zu den Typen gewechselt, mit denen wir es in Lux Kommissariat gewöhnlich zu tun bekommen? Vampire, Magier und seit Neuestem ein Drache“, fragte Jens beiläufig. Statt einer Antwort bleckte Michael die Fänge und seine Pupillen wechselten die Farbe.

„Bei den Buchari-Vampiren sind die Pupillen goldgelb, bei den Vampiren vom Typ Radulescu blutrot“, erläuterte er. „Wir brauchen nur teilweise Blut als Nahrung, Cosmin hingegen ernährt sich ausschließlich von Blut. Wir altern, wenn auch langsam, wie du an Lalla Sara sehen kannst, Cosmin anscheinend nicht. Tja, was soll ich sonst noch sagen?“

„Warum bist du nicht in Bonn geblieben? Das würde mich interessieren. Schließlich seid ihr tageslichttauglich.“

„Wegen Ali. Ich hatte mich in den Typen verliebt. Die Tatsache, dass er ein Vampir ist, hat mich zuerst geschockt, denn ich kannte ja nur die alten Gruselmythen. Aber schließlich habe ich mich überzeugen lassen. Du weißt schon, das Herz ist manchmal schneller als der Kopf.

Leider hätte er hier keinen Job gefunden. Er ist ausgebildeter Hubschrauberpilot, einer der Besten, aber die Bonner Polizei hat keinen Platz für marokkanische Militärs. Kommt hinzu, dass er sich mit der deutschen Sprache etwas schwertut. Und ich wollte meinen Job nicht aufgeben, um als Hausmann in der Kasbah zu leben. Interpol war ein guter Kompromiss und ist außerdem nicht so weit von der Kasbah entfernt. Wir pendeln ein wenig zwischen Lyon und dem Djebel Toubkal[6].“

„Durchaus nachvollziehbar“, meinte Jens.

„Aber erzähl, was sagtest du von einem Drachen?“, fragte Michael neugierig. „Ich habe nur am Rande etwas davon mitbekommen, dass es hier einen Zwischenfall in der U-Bahn gab. Ali und ich hatten zuletzt einige längere Einsätze und Lalla Sara schickt keine Rundmails raus, wenn es um die Familie geht. Sie ist sehr vorsichtig, was das betrifft.“

Michael sah sich nach Ali um, den er bei Jan und Elias entdeckte und fuhr dann fort. „War das etwa die Sache mit dem Tiger, von dem ich in den Google News gelesen habe?“

Jens erzählte ihm von Reuven und als er seine Erklärungen beendete, pfiff Michael beeindruckt.

„Sacré! Ein echter Drache, wer hätte das gedacht!“

„Ein siebzehnjähriger Teenager im Körper eines Drachen“, berichtigte Jens, „und der Junge ist ziemlich unglücklich damit. Er kann sich nämlich nicht zurückverwandeln.“

„Da ist das letzte Wort bestimmt noch nicht gesprochen. In unserer Bibliothek liegt vieles, und Sebastian“, vermutete Michael, „ist sicher schon dabei, darüber nachzudenken, wie er dem Drachen helfen kann.“

Jens räusperte sich und kicherte. „Das ist vielleicht ein verrücktes Huhn. Total durchgeknallt, wenn du mich fragst, aber er und Cosmin sind wirklich ein witziges Gespann.“

„Du solltest Sebastian nicht unterschätzen. Man gerät leicht in Versuchung, das zu tun, aber der junge Magier weiß genau, was er will. Er sieht manches von einem ganz anderen Blickpunkt aus. Sebastian hat nicht gezögert, sich mit Cosmin anzulegen, obwohl er wusste, dass Cosmin ein Vampir ist. Auch Lalla Sara hat es nicht immer leicht mit ihm. Wenn es jemanden gibt, der ihr graue Haare bescheren könnte, dann dieser Bengel. Mounia hat mir so einiges erzählt“, deutete Michael an und als Jens fragend die Augenbrauen hob, erzählte er von den Bemühungen des alten Clanoberhauptes, Sebastian mit Magie vertraut zu machen.

Jens lachte schallend, als er hörte, was für eine grandiose Zicke in Sebastian steckte. Dann wurde er ernst.

„Ich hätte ihn beinahe erschossen“, sagte er und blickte Michael an. „Dieser Ioan hat mich irgendwie dazu gebracht, die Waffe zu ziehen und auf Sebastian zu zielen. Das war ein furchtbarer Moment.“

„Ja, das kann ich mir vorstellen“, pflichtete Michael ihm bei. „Alte Vampire können so etwas besonders gut. Cosmin und Ioan sind alt, nicht so alt wie Grandmère, aber die beiden, insbesondere Ioan Radulescu, sind sehr mächtig. Gedanken beeinflussen, etwas Magie, hauptsächlich Manipulation, aber auch so etwas wie die Nebel rufen oder als Nebel erscheinen, das ist für Cosmin und Ioan kein Problem.“

„Cosmin auch?“, fragte Jens und sah automatisch zu dem nicht weit entfernt stehenden Vampir. Als ob der es bemerkt hätte, dass von ihm die Rede war, drehte Cosmin den Kopf und hob die Hand. „Das ist einigermaßen beunruhigend.“

„Mach dir wegen Cosmin keine Sorgen. Der ist in Ordnung“, beruhigte Michael ihn, „und seitdem er mit Sebastian zusammen ist, hat er sich vom Verhalten eines Radulescu entfernt. Grandmère hat ihn in den Buchari-Clan aufgenommen.“

Jens erinnerte sich, wie verächtlich Ioan mit seinem jüngeren Cousin umgegangen, und sah das als Bestätigung.

„Bösartig ist Cosmin wirklich nicht. Aber er ist seltsam“, meinte er. „Und was ist mit dir? Was kannst du?“

„Längst nicht so viel. Ali und ich sind stärker und schneller als normale Männer. Ich kann gut Gedanken lesen - was bei Verhören und Ermittlungen sehr hilfreich ist - und habe die üblichen für die Jagd nützlichen Fähigkeiten eines Vampirs. Mehr nicht“, erklärte Michael. „Bei den Bucharis steigern sich die Fähigkeiten des Vampirs mit den Jahren. Ali ist jung, sein biologisches Alter ist auch sein wahres Alter.“

„Er hat dich verwandelt?“

„Ja, Ali hat mir ein wenig Blut gespendet. Ich hatte einen kleinen Unfall und ein gebrochenes Bein ... ach, das tut nichts zur Sache“, sagte Michael und nippte an seinem Glas, bevor er fortfuhr. „Jan wurde direkt von Grandmère verwandelt und ist ungefähr so stark wie Cosmin. Lalla Sara wollte, dass Elias einen starken Partner bekommt, der ihn beschützen kann, denn Elias ist der Erbe der Stiftung. Oder Mounia, je nachdem wer sich dafür entscheidet, einst das Erbe von Lalla Sara anzutreten.“

„Jan?“, fragte Jens und ungläubig wanderten seine Blicke zwischen dem jungen, so harmlos wirkenden Wissenschaftler und dem rumänischen Vampir hin und her. „Jan ist als Vampir so mächtig wie Cosmin? Ausgerechnet Jan?“

„Lalla Sara hat immer mehr Wert auf Recht, Bildung und Wissenschaft gelegt als auf Waffen, Macht und Geld“, antwortete Michael, „und weißt du, das ist auch einer der Gründe, weshalb ich an Alis Seite das Dasein als Vampir akzeptieren konnte. Die Buchari-Vampire[7] sind keine Monster.“

„Eins verstehe ich nicht“, sagte Jens nach einer längeren Pause des Nachdenkens, in der er widerwillig an seinem lauwarm gewordenen Bier nuckelte, „wenn du wegen Ali und Jan wegen Elias zum Vampir geworden ist, warum hat sich Sebastian nicht in einen Vampir verwandeln lassen?“

„Weil das Sebastians Entscheidung ist“, sagte Cosmins Stimme unvermittelt neben ihm und dieses Mal reagierte Jens blitzschnell. Er packte Cosmin am Arm und zog ihn dicht zu sich heran. Fast berührten sich ihre Nasenspitzen. „Wenn Sie sich noch einmal so an mich heranschleichen, dann ...“

„Was dann?“, fragte Cosmin spöttisch. „Haben Sie dann eine 38er Magnum mit silberummantelten Geschossen parat?“

„Lassen Sie es drauf ankommen, Herr Radulescu, lassen Sie es auf einen Versuch ankommen“, zischte Jens wütend. „Vampir hin oder her, das ist einfach unhöflich. Ich kann auch unhöflich sein.“

Einige Gäste, darunter die anwesenden Vampire, starrten neugierig herüber, wie Jens verärgert feststellte und daraufhin ließ er Cosmin los. Michael warf Cosmin einen vorwurfsvollen Blick zu und schwieg.

„Wären Sie bereit, eine Entschuldigung anzunehmen?“, fragte Cosmin Radulescu ein paar Augenblicke später.

Jens gewahrte, wie Cosmin ihm eine mit vielen Ringen besetzte Hand entgegenstreckte. Ein herzliches Lächeln zog über sein dunkles Gesicht und zeigte blendend weiße Zähne, allerdings auch spitze Vampirfänge. Seine Augen glühten wie Kohlen. Etwas unheimlich sah das aus und Jens zog die Augenbrauen hoch. Er ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen.

„Cosmin“, sagte Michael missbilligend. „Beherrsch dich! Du bist hier nicht auf der Aktionärsversammlung der Monster AG.“

„Ups“, sagte Cosmin, grinste entschuldigend und die Zähne verkürzten sich auf eine etwas weniger auffällige Länge. Die roten Augen wurden dunkler und schließlich waren sie fast schwarz.

„Es ist wirklich nur eine Angewohnheit, wenn auch eine schlechte. Wenn andere Vampire anwesend sind, dann neigt unsereins gern dazu, ein bisschen das Revier zu markieren. Auch wenn es Familie ist, kommt dabei ein alter Instinkt hervor“, sagte der Vampir lächelnd. „Es tut mir leid. Es geschieht nicht in der Absicht, Sie zu erschrecken. Nehmen Sie es mir nicht übel. Sie brauchen auch keine Angst vor mir zu haben.“

„So eine Art ‚Wer hat den Längsten?‘, soll ich mir das so vorstellen?“, fragte Jens trocken und schüttelte die angebotene Hand. Der Händedruck war fest, warm und nicht unangenehm, wie er feststellte.

Die beiden Vampire lachten schallend und klopften ihm auf die Schulter. Er musste sich etwas Mühe geben, um Stand zu bewahren.

„Frag mal Sebastian, was der von Cosmins anfänglichen Auftritten zu erzählen weiß“, schlug Michael feixend vor. „Da fallen Worte wie schwules Batmännchen, Bikerpumps und Vampirette[8].“

„Er war sehr kreativ, was das betrifft“, stimmte Cosmin zu. „Oh ja. Damit hat er mich fast in den Wahnsinn getrieben.“

Mit Gläsern und voll beladenen Tellern in der Hand näherten sich Malte und Sebastian.

„Dürfen wir mitlachen?“, fragte Malte neugierig. „Um was geht es? Hat Basti wieder etwas angestellt, von dem ich noch nichts weiß?“

„Ich hab nichts angestellt“, wehrte Sebastian entschieden ab. „Cosmin, bist du so lieb und nimmst mir das Glas mal ab? Ich hab Hunger und mit einer Hand ist es etwas schwierig zu essen. Ach ja, falls du etwas brauchst, sollst du in Jans Arbeitszimmer gehen. Soll ich dir von Elias ausrichten. Pass aber auf, dass Marius und Rasmus nichts mitbekommen.“

„Ja, dort steht für euch beide und die anderen Vampire etwas bereit“, fügte Malte hinzu. „Wir mussten uns schon die Reste vom Buffet zusammensuchen.“

„Ich könnte in der Tat ...“, meinte Cosmin und drückte Jens das Glas in die Hand. „Michael, wie sieht es aus? Auch Durst?“

„Ja, bring mir etwas mit.“

Als Cosmin nach kurzer Zeit mit zwei Gläsern zurückkehrte, huschte ein Grinsen über das Gesicht von Jens. Gerade klopfte er Sebastian beifällig auf die Schulter. Sebastian kicherte und Malte war ebenfalls sehr amüsiert.

„Freut mich, wenn ich zu eurer Erheiterung beitragen konnte. Ich nehme an, Basti hat getratscht“, sagte Cosmin und gab Michael ein Glas, in dem sich eine rote Flüssigkeit befand. Jens betrachtete den Inhalt etwas skeptisch.

Cosmin bemerkte den Blick, als er den Inhalt genießerisch austrank und sich über die Lippen leckte. „Ach ja, der gute Doktor und seine Kontakte zur hiesigen Blutbank. Lalla Sara sieht es nicht so gern, wenn wir menschliches Blut trinken und in der Kasbah[9] wird extra Vieh gehalten. Aber in Frankreich und Deutschland ist es einfacher, an Blutkonserven zu kommen als an Rinderblut.“

Jens griff zu einer kalten Flasche Bier, als sich ihm die Chance bot und wandte sich dann wieder den anderen zu.

„Mickey, vermutlich würde PETA euch die Hölle heiß machen und vor den Wohnsitzen bekannter Vampire Sitzdemos veranstalten“, witzelte Cosmin. „Wenigstens brauchen wir uns keine Sorgen machen, dass uns die Femen heimsuchen.“

„Femen?“, fragte Malte und überlegte einen Moment, dann riß er die Augen auf. „Sind das nicht diese Frauen, die ...?“

„Genau Malte, ich glaube, mit denen würdest selbst du nichts anfangen können“, quietschte Sebastian vergnügt. Seine Augen funkelten boshaft und er unterdrückte ein Lachen bei der Vorstellung. „Sollen wir Ioan und meinem Vater die Femen auf den Hals hetzen?“

„Das würdest du fertigbringen“, sagte Cosmin mit einem breiten Grinsen.

„Oooooh, wenn ich mir das vorstelle. Mein Vater im Bundestag, und die Femen klatschen ihm ihre Möpse ins Gesicht“, sagte Sebastian und hüpfte aufgeregt. „Was für eine Vorstellung! Ob ich das mit dem Ring machen könnte?“

Cosmin zog ihn an sich und nahm ihn in den Arm. „Besser nicht, Hase, Lalla Sara wäre vermutlich nicht sehr glücklich, wenn du deine Magie dafür einsetzen würdest.“

„Och, da will man mal ein bisschen Spaß haben. Wofür bin ich denn Hexenmeister?“, schmollte Sebastian. „Spaßbremse!“

Ein kleiner Kobold steckt auf jeden Fall in dir, dachte Jens und betrachtete Sebastian mit viel Sympathie. „Wie ist das mit eurer Ernährung, Michael, das ist ja Blut in deinem Glas? Ich habe gehört, dass die Bucharis jagen gehen, um an Blut zu kommen?“

„Wahrscheinlich würde es uns die Öffentlichkeit übel nehmen, wenn man uns bei der Jagd im Wald mit einem Reh erwischen würde“, meinte Michael. „Ich mache mir immer etwas Sorgen, dass Elias mal beobachtet wird. Wenigstens hat er einen Jagdschein.“

Jens verschluckte sich fast an seinem Bier und er schaute ungläubig zwischen Cosmin und Michael hin und her. „Es gibt einen Jagdschein für Vampire? Das wollt ihr mir nicht weismachen? Und Elias jagt Bambis?“

„Doch, Kommissar Lux hat ihm einen Jagdschein besorgt, weil Elias eine Schwäche für Frisches hat. Er geht gern im Siebengebirge und in der Eifel jagen. Er hat im Wagen ein Jagdgewehr, das er für die Jagd noch nie benutzt hat“, erläuterte Cosmin. „Deswegen gibt es in der Villa Meyer-Frankenforst häufig Wildgerichte.“

„Interessant“, sagte Jens und notierte für sich, dass sein Chef einen Sinn für pragmatische Lösungen hatte. Nicht zum ersten Mal fiel ihm das auf. Lux schien ihm immer ergebnisorientiert zu arbeiten und eine Lösung finden zu wollen, wenn es Probleme gab.

„Wie ist es, Jens, mal probieren?“, fragte Michael und bot ihm sein Glas an. „Bier auf Wein, das lass sein, doch Blut auf Bier, das rat ich dir!“

„Lass man, ich bin mit meinem Kölsch sehr zufrieden“, wehrte Jens ab und rümpfte die Nase. Die Vorstellung, Blut zu trinken, gefiel ihm gar nicht, vor allem, als ihm der metallische Geruch in die Nase stieg.

„Wenigstens ist es Kölsch“, meinte Michael mit todernster Miene. „Zuletzt haben Wissenschaftler im Rheinischen Landesmuseum getagt. Sie hatten zuvor einen Fund untersucht, ein Fässchen Düsseldorfer Bier von siebzehnundertquark aus einer Brauerei, die es schon lange nicht mehr gibt. Bier aus Düsseldorf hat sich noch nie durchsetzen können[10].“

„Bier können die Düsseldorfer einfach nicht, das war so, ist so und wird immer so sein“, pflichtete Jens ihm bei. Sein Handy meldete sich, er zog es hervor und las die Meldung. Sein Gesicht verfinsterte sich.

„Ich muss los, habe noch etwas Dienstliches zu erledigen“, sagte er hastig und verabschiedete sich von den ihm umgebenden Gästen.

„Scheint ein netter Kerl zu sein“, hörte er noch im Weggehen und er winkte Kevin zu, der gerade wieder zu den Vampiren stieß.

 

Die Zurückgebliebenen blickten Jens hinterher.

„Na, das war ja ein kurzer Besuch“, stellte Sebastian fest. „Aber wenn er noch etwas bei der Polizei zu erledigen hat, muss er wohl weg. Das wär aber kein Job für mich, wenn mich mein Chef abends von einer Party wegholt.“

„Das macht Peter Lux gewöhnlich auch nicht“, meinte Michael. „Nur wenn etwas wirklich Ernstes vorfällt.“

„Ich habe mein Handy zuhause gelassen. Ein Feierabend ist ein Feierabend ist ein Feierabend! Auch für einen Dachdecker“, betonte Kevin, „und Rufbereitschaft habe ich auch nicht.“

„Dein Chef lässt dich heute also in Ruhe?“, fragte Michael und lachte. „Und wenn es stürmt?“

„Ein Unwetter ist nicht angekündigt, also kann ich mich ganz der Gefahrenabwehr im eigenen Haus widmen“, erklärte der muskulöse Handwerker und machte eine schnelle Kopfbewegung zu seiner etwas entfernt stehenden Freundin, die immer noch in ein angeregtes Gespräch mit Nina vertieft war.

„Die beiden wollen zur Beauty Fair nach Düsseldorf und ich sollte doch tatsächlich mitkommen! Das hat mir noch gefehlt. Einen Tag mit lauter Laufsteghuschen!“

Sebastian schlug sich entsetzt auf den Mund.

„Huch, das hätte ich fast vergessen. Ich hoffe, es gibt noch Karten“, stöhnte er und zückte hektisch sein Handy. Seine Finger rasten über die Tasten und nach wenigen Sekunden löste ein Summton ein erleichtertes Ausatmen bei Sebastian aus.

„Du willst auf diese Messe?“, fragte Kevin und rollte mit den Augen. „Was hast du denn da zu suchen?“

„Yeah! Hab noch eine Dauerkarte für die gesamte Messe bekommen!“, jubelte er und warf Kevin einen vernichtenden Blick zu. „Gary Cockerill kommt, den will ich bei der Arbeit sehen!“

„Was ist ein Gary ... wie heißt der? Muss man den kennen?“

„Gary Cockerill ist einer der angesehensten und erfolgreichsten Make-up Artists in Großbritannien und eine wahre Ikone, wenn es um Beauty und Celebrity Make-up geht. Der würde noch die Mumie von Ramses dem Großen in Claudia Schiffer verwandeln“, erklärte Sebastian mit leuchtenden Augen. „Ich will ihn live bei der Arbeit sehen!“

Kevin prustete los und betrachtete Sebastian mit einem leicht abschätzigen Blick. „Welcher Mann sollte sich denn bitteschön dafür interessieren? Was hat das denn mit ... Arbeit zu tun?“

„Du kannst ja mitkommen, Kevin, manchmal suchen die Aussteller vor Ort noch verzweifelte Fälle, um daraus einen vorzeigbaren Menschen zu machen“, schlug Sebastian mit seidenweicher Stimme vor. „Dein asymmetrisches Gesicht mit seiner grobporigen Mischhaut schreit förmlich nach einem konturkorrigierenden Make-up!“

Mit einer gewissen Genugtuung, die er sich aber nicht anmerken ließ, beobachtete Sebastian, wie Kevins Blick auf einmal sehr unruhig flackerte.

„Ich habe ein asymmetrisches Gesicht?“, fragte Kevin unsicher. „Ist das schlimm? Muss man das behandeln lassen?“

„Na ja, es gibt Fälle von asymmetrischen Gesichtern, die auf einen schweren Defekt am Chromosom 15 zurückgehen. Das ist das sogenannte Double-Bottom-Syndrom. Dann bekommen Männer mit Mitte 30 plötzlich Schuppen, manchmal eine richtig tiefe zusätzliche Falte am Hintern“, führte Sebastian unbarmherzig aus. „Aber das muss nicht sein. Es passiert nur in dreißig von hundert Fällen. Beim Rest treten später allerdings Erektionsstörungen auf.“

Kevins flackernder Blick wechselte zu schierem Entsetzen.

„Wenn Basti das sagt, kann man sich gewöhnlich darauf verlassen“, meinte Cosmin mit neutraler Stimme und Sebastian hätte jubeln können, als er fortfuhr. „Er ist wirklich ein Fachmann für Körperpflege, sozusagen der Marcel Reich-Ranicki der Wellness-Szene.“

Das schiere Entsetzen auf Kevins Gesicht steigerte sich zu Totenblässe und der Dachdecker schluckte nervös. Sein Adamsapfel bewegte sich wie ein Jojo auf und ab.

Michael interessierte sich auf einmal brennend für den Inhalt des Bierglases, das er in der Hand hielt. Malte hatte sich verschluckt und japste, während Ali ihm auf den Rücken klopfte. Er war damit beschäftigt, Luft zu holen, ohne erneut Essen aus der Nase zu pusten.

Das war der Moment, als Ivana und Nina sich zu der Gruppe gesellten und ihr lebhaftes Gespräch unterbrachen.

„Kevin hat grad erzählt, dass ihr zur Beauty Fair nach Düsseldorf wollt. Da wollte ich auch hin, Was haltet ihr davon, wenn wir zusammen fahren?“, fragte Sebastian und sein Blick strahlte munter aus den dunkel geschminkten Augen.

„Klar, mit einem Mann dabei, der Ahnung hat von Wellness und Beauty, wird das ein Spaß! Morgen direkt nach dem Frühstück?“

„Ich hol euch ab, wenn euch mein kleiner Golf reicht?“, bot Sebastian an und hüpfte vor lauter Vorfreude. „Hach! Ich freu mich!“

„Abgemacht“, bestätigte Ivana und zog ein Kärtchen aus ihrer Handtasche. „Hier ist unsere Adresse. Nina kommt zum Frühstück zu mir und wenn du so gegen neun Uhr kommst, sind wir fertig.“

„Schatz, komm bitte mal, ich muss dich etwas fragen“, sagte Kevin tonlos und griff die verwunderte Ivana am Arm. Sie entfernten sich zusammen und Sebastian biß sich auf die Lippen.

„Basti, du bist wirklich fies“, sagte Cosmins vergnügt. „Der arme Kevin. Du weißt doch, dass Männer manchmal sehr einfach zu verunsichern sind. Und außerdem hat Kevin kein asymmetrisches Gesicht mit grobporiger Mischhaut.“

„Hat er auch nicht“, gab Sebastian ohne Weiteres zu. „Für so eine Bollerhete ist er ziemlich heiß. Wenn man auf solche Typen steht. Aber mir war danach, als er sich über die Beauty Fair lustig machen wollte.“

„Basti und sein Hobby Bodystyling. Wehe, wenn sich da jemand allzu kritisch äußert.“

„Und was ist das Double-Bottom-Syndrom[11]?“, fragte Michael. „Das hast du doch erfunden?“

Sebastian kicherte und blieb die Antwort schuldig.

Sie hörten Ivana aus ein paar Metern Entfernung herzhaft lachen und Sebastian sah, wie sie ihrem Freund einen Kuss gab.

„Ich würde mal die gewagte Behauptung aufstellen, dass Kevin aufgeklärt wurde“, meinte Malte, der endlich wieder Luft bekam.

„Ja, schade eigentlich“, bedauerte Sebastian grinsend.

„Michael, sag mal, wie lange habt ihr vor zu bleiben?“, erkundigte Cosmin sich. „Ich würde ganz gern mit euch über Ioan sprechen.“

 

„Ich hätte auch einen Vorschlag“, sagte Malte, der auf einmal etwas schüchtern schien. „Es betrifft eure Kommunikation. Ich möchte das Lalla Sara erklären. Und wenn Kerim dabei wäre, wäre das auch ganz gut.“

„Und ich?“, fragte Cosmin. „Um was geht es denn überhaupt?“

„Ich habe eine Idee, wie man die Kommunikation zwischen der Kasbah, Jans Büro in der Villa, unserem Rechnersystem und auch den Computern von Michael und Ali fast hundertprozentig abhörsicher gestalten könnte.“

„Malte, wir haben sehr sichere Verbindungen bei Interpol“, meinte Michael verwirrt. „Wieso glaubst du, wir bräuchten etwas anderes?“

„Interpol meine ich auch nicht. Ich rede von den Rechnern in der Kasbah und unseren angeschlossenen Systemen. Wenn Lalla Sara uns eine E-Mail zuschickt, wird die immer mitgelesen auf ihrem Weg über die verschiedenen Server. Aber wenn man sie besser verschlüsselt, als es jetzt der Fall ist, ist das erheblich schwerer und dazu habe ich eine Idee.“

Michael und Cosmin tauschten Blicke, Cosmin nickte und dann setzte Sebastian auch noch etwas hinzu.

„Wenn der Schlumpf eine Idee hat, ist sie fast immer gut. Ihr solltet euch das anhören.“