Beschreibung

Der sonst eher flatterhafte Krieger des Drachenclans Liam ist auf der wohl wichtigsten Mission seines Lebens. Mitten in der Wüste Ägyptens soll er die lang ersehnten Antworten finden, welche die Übernatürlichen und auch die Menschen vor Chaos und Untergang bewahren können. Aber was ihm dort begegnet, hebt seine Welt aus den Fugen. Eine Frau, wie er sie sich in seinen kühnsten Fantasien nicht erträumt hätte, stellt ihn und seine Geduld gehörig auf die Probe. Doch die geheimnisvolle Fremde ist ebenso gefährlich, wie anziehend. Nichtsahnend verschenkt er sein Herz, und bringt somit sich und den gesamten Drachenclan in allerhöchste Gefahr.

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Kriegerherz

Drachenclan 2

Paige Anderson

Kriegerherz

Drachenclan 2

Paige Anderson

Copyright © 2014 Sieben Verlag, 64354 Reinheim

Umschlaggestaltung: © Andrea Gunschera

ISBN-Taschenbuch: 9783864434372

ISBN-ebook-PDF: 9783864434389

ISBN-ebook-epub: 9783864434396

www.sieben-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Die Autorin

1. Kapitel

„Die Höhlen!“ Liam formte ein Dach mit den Händen und hielt sie dem Bauern vor die Nase, dessen Gesichtszüge steigende Verwirrung spiegelten. „Loch im Berg. Ausgrabungen.“

Die pantomimische Darstellung einer Schaufelbewegung wurde allein von seinen desaströsen Arabischkenntnissen unterboten. Er konnte ausgewählte Sätze in knapp zweiundzwanzig Sprachen aufsagen. Darunter ein auf Klick und Schnalzlauten basierender afrikanischer Dialekt. Aber selbst wenn er den komplizierten Zungenschlag nicht vergessen hätte, käme er mit Du hast wunderschöne Augen oder Du bist etwas Besonderes für mich an dieser Stelle ohnehin nicht voran. Obwohl die Reaktion des Bauern sicher interessant wäre.

„Na fein.“ Liam ließ den Mann bei seinen Ziegen stehen und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Bergkette im Westen. Seit zwei Monaten war er in diesem Land, welches aus Sand, Hitze und noch mehr Sand zu bestehen schien. Hatte er schon den Sand erwähnt? Die sanitären Einrichtungen entbehrten sich jedweder Rechtfertigung, die Betten als unbequem zu bezeichnen, käme einem Kompliment gleich, das olivenölhaltige Essen rumorte ihm im Magen und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, hatte er bisher nicht einen freien Abend gehabt. Demnach brauchte er ein Hotelzimmer zum Schlafen. Ein Hotelzimmer! Unfassbar. Nie musste er für eine Schlafgelegenheit bezahlen. Zwischen den Schenkeln einer Frau schlief es sich nicht nur besser, es war auch gratis. Seine Auserwählte bekam eine unvergessliche Nacht, er Spaß und einen Schlafplatz. Der perfekte Deal. Aber nein. Während dieser Reise blieben seine Nächte kalt, einsam und unbequem.

Dieser Auftrag glich immer mehr einem untragbaren Desaster. Wenn er versagte, würde er den gesamten Drachenclan enttäuschen. Seine Mitstreiter, seine Kameraden, seine Familie. Der Clan war alles, was die Welt noch stabil hielt. Sie zählten auf ihn und Liam kam nicht weiter. Das Einzige, was in Bewegung blieb, war sein Gemüt. Eine beständige Talfahrt mit holprigen Zwischenstopps im Dorf der Ahnungslosen. Die Zeiten waren hart. Härter als irgendeiner von ihnen gedacht hätte. In einer Gesellschaft voller Halbwesen drohten das Gleichgewicht und der damit verbundene Frieden zwischen ihnen und den Menschen zu kippen. Ihre höchste Instanz, der Rat der Nephelim, welcher sich dem Schutz der Menschheit und übernatürlichen Bevölkerung verschrieben hatte und dem jeder Krieger des Drachenclans die ewige Treue schwor, war nicht das, was er vorgab zu sein. Ein Verrat, der tiefer ging als ein Dolchstoß ins Herz, und ihn weitaus mehr bluten ließ. Die Nephelim waren göttlicher Abstammung, stärker als alle Mitglieder des Clans zusammen; ihre leuchtenden Führer Mörder und Betrüger. Keine gerechten, einzigartigen Halbgötter, wie sie von sich behaupteten. Sie rotteten ihr eigenes Volk aus wie Ungeziefer. Leider war das alles noch Theorie, lediglich bestätigt durch Ereignisse der letzten Jahre. Die Nephelim besetzten prestigeträchtige Ämter der Menschen mit Übernatürlichen. Sie stellten die Mächtigsten in ihren Dienst und töteten diejenigen, welche nicht willens waren, dem Rat zu folgen. Dennoch, einen Krieg mit einer verschwindend geringen Chance auf Erfolg aufgrund einer Vermutung anzuzetteln, kam nicht infrage. Es stand zu viel auf dem Spiel. Wenn der Clan sich gegen den Rat wandte, benötigte er stichhaltige Beweise. Die Schriftrolle bot den idealen Ansatzpunkt. Mennox hatte sie vor einigen Monaten gefunden. Da niemand tatsächlich in der Lage war, diese korrekt zu lesen brauchten sie einen Übersetzer. Dringend. Bisher hatte Mennox nur die Vermutung, dass es sich um ein historisches Dokument handeln könnte, welches die Taten der Nephelim bewies. Wenn sich dies als wahr herausstellte, hatten sie einen handfesten Beweis. Die Buchstaben ähnelten einer Art Keilschrift und konnte nur von jemandem, der sich mit Hieroglyphen auskannte, korrekt entziffert werden. Genau das war Liams Aufgabe. Diesen Jemand zu finden, einzuladen und nach Hause zu karren.

Wütend raffte er sich auf, verließ den Häuserschatten und ging dieSandstraße entlang. Charga war ein verhältnismäßig großer Ort. Die Menschen lebten von Landwirtschaft, welche durch die nahe gelegene Oase gute Erträge abwarf. Die Bauern wohnten in schlicht gehaltenen Steinhäusern und waren freundlicher, als er erwartet hatte. Gastfreundschaft stellte eine wichtige Tugend in der hiesigen Kultur dar. Nicht jeder würde auf einen schwarz gekleideten Riesen mit ebenso finsterer Miene und Laune mit offenen Armen empfangen. Tief im Landesinneren, fern von Touristen, Technik und dem kleinsten bisschen Komfort wunderte es ihn, dass er überhaupt ein Handysignal empfing. Willkommen in der Pampa. Die Bergkette Chargas umfasste mehrere Hektar Boden. Obwohl die Berge nicht hoch emporragten, zogen sich ihre Kämme wie ein spitzes Band über den Horizont. Gleich den gezackten Kanten eines Messers hob sich das Relief vom blassblauen Himmel ab. Liams Wagen war an dieser Stelle in etwa so nützlich, wie ein Igel in einer Kondomfabrik. Zu Fuß würde es Tage dauern, bis er jeden Winkel nach dem Höhlensystem abgesucht hatte. Sofern es dieses gab. Die spärlichen Informationen machten ihn verrückt. Vage Hinweise, schwammige Angaben und miese Sprachkenntnisse waren alles, woran er festhalten konnte. Perfekte Bedingungen. Missmutig stapfte er weiter. Der Sand knirschte unter den Sohlen seiner ruinierten Gucci Schuhe. Dieses Land war nichts für Stilorientierte. Der süßliche, marzipanähnliche Geruch des rosablühenden Oleanders stieg ihm in die Nase. Die zarten Blüten waren die einzigen bunten Farbtupfer, welche die Stadt zierten. Gerade als er an den letzten Häusern der Siedlung vorbeiging, hörte er eilige Schritte hinter sich. Der Mann, mit dem er zuvor Scharade gespielt hatte, kam auf ihn zu. Die weiße Tunika flatterte um seinen Körper und er wedelte mit den Händen. Pantomime 2.0?

„Nicht dorthin gehen“, flüsterte der Mann und ein Anflug von Panik huschte über seine Züge.

„Du sprichst meine Sprache?“ Nur mühevoll zügelte Liam seine Stimme. Wieso mühte er sich derartig ab, wenn der Kerl ihn nach Strich und Faden verarscht hatte?

„Ja. Nein. Nicht dort hingehen!“ Die braun gebrannte Haut des Bauern warf tiefe Falten, als er den Mund zu einer schmerzerfüllten Maske verzog.

Liam schaute die Straße entlang. Keiner zu sehen. Seine Geduld winkte ihm im Vorbeigehen zu und verabschiedete sich in den Urlaub. Er packte den laut aufquiekenden Mann am Kragen und schob ihn krachend durch eine Weidentür in einen Hühnerstall zu seiner Linken. Flatternde Federknäuel stoben zu allen Seiten, hüllten sie für einen Moment in einen Nebel aus Staub und Gegacker.

„Jetzt hör mir mal gut zu“, sagte Liam und beugte sich dicht vor das Gesicht seines Opfers. Der Geruch nach Schweiß, Vieh und Angst kitzelte seine Nase. „Ich bin seit Wochen unterwegs. Ich habe Hunger, Durst und kann mich nur noch dunkel an den Duft einer willigen Frau erinnern. Zudem befindet sich Sand an Körperstellen, wo er wirklich nichts zu suchen hat. Wenn du also nicht willst, dass ich zu deinem schlimmsten Albtraum werde, sag mir, was du über diese verfluchten Höhlen in den Bergen weißt.“

Die Gesichtszüge des Mannes drohten endgültig zu entgleisen, doch er blieb stumm.

Ohne den Hals seines Gegenübers loszulassen, griff Liam nach seiner P3 und hielt den Lauf an die Schläfen des Bauern. Er würde seine Hauptwaffe, das Katana, nicht ziehen. Er war ein Drachenkrieger, kein Hühnerdompteur. „Sag mir, was du weißt oder ich schwöre bei allem, was dir heilig ist, ich werde den Stall mit dem Inhalt deines Schädels streichen!“ Das Klicken der Sicherung seiner Pistole ließ den Bauern japsen. Selbst die Hühner stellten ihr aufgeregtes Flattern und Gackern ein. Die hilflosen Atemzüge waren das Einzige, was die Stille durchbrach.

„Leute geben uns Korn und Geld. Keine Ausgrabungen der Regierung. Inoffiziell! Inoffiziell!“

„Wer sind diese Leute?“ Liam drückte die Waffe noch immer an den Kopf des Bauern. Schweißperlen glitten den Lauf entlang.

„Sie geben Geld und Korn. Wissen nicht! Wissen nicht! Sie tun niemandem weh. Sie graben.“

„Wie komme ich da hin?“

„Pfad. Nord-westliche Richtung. An Felsengräber vorbei, große Höhlen. Nicht töten!“

„Geht doch.“ Liam schob die Pistole zurück in das Holster, klopfte dem Mann auf die Schulter und verließ den Stall. Diese Sache wurde zunehmend merkwürdiger. Niemals hätte er es für möglich gehalten, dass es derartig schwer werden würde.

Mennox hatte ihn nach Kairo geschickt, um einen hochdekorierten Professor der Archäologie ausfindig zu machen. Angeblich beherrschte der über zwölf Sprachen fließend, hatte drei Doktortitel und unterrichtete an den Universitäten in Harvard, Yale und Oxford. Eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Und zu allem Überfluss noch übernatürlicher Herkunft. Liams spärlichen Informationen zufolge war er dryadischer Abstammung mit einer Affinität zur Erde. Das würde seine Leidenschaft für Dreck erklären. Liam mochte Dryaden. Ihre Verbundenheit zur Natur verlieh ihnen ein sanftes Wesen. Ganz anders als Elfen. Diese bestachen durch Egoismus. Trotz ihres Talents zur Heilkunst übten sie ihre Berufung nur selten aus. Da jedes übernatürliche Geschöpf den Clan kannte, half der Professor ihnen sicherlich bereitwillig. Dazu musste Liam den Kerl allerdings erstmal finden.

Wieso machte er so ein Geheimnis um seinen Aufenthaltsort? Es ging um alte Knochen, Steine und Kätzchenbilder auf Steinwänden. Gab es etwas Langweiligeres? Das Archäologische Institut in Kairo verweigerte ihm jedwede Information. Angeblich kannten sie keinen Dr. Pherson. Seltsamerweise stand er im Personalregister. Der Startschuss seiner Odyssee durch Ägypten. Und nicht durch die schicken Touristenorte, nein. Statt Sex on the Beach und dem gleichnamigen Cocktail, bekam er Staub, Dreck und einen Hormonstau, der sich gewaschen hatte.

Als er im Schatten der Bergkette ankam, hielt er kurz inne. Er fand den Pfad schnell und begann mit dem Aufstieg. Schweiß perlte seinen Rücken hinab, ließ sein Hemd wie eine unangenehme, zweite Haut an ihm kleben. Die Kampfmontur eines Drachenkriegers bestand aus schwarzer Hose, schwarzem Shirt und einem schwarzen Mantel. Perfekt für eine Klettertour in der beschissenen Wüste. Doch nur der weite Mantel bot ausreichend Sichtschutz für seine Hauptwaffe. Menschen wussten nichts von ihrer Existenz und das sollte so bleiben. Nicht auszudenken was die hiesige Polizei dazu sagen würde, wenn er mit seinem Schwert über einen Basar spazierte. Liam besaß zwar noch seine beiden Pistolen, aber gegen ihren Hauptfeind, die Satyrn, konnte nur eine scharfe Klinge helfen. Satyrn. Wenn er an diese abartigen Kreaturen dachte, drehte sich ihm der Magen um. Sie waren übernatürlich, wie er. Dennoch könnten die Unterschiede nicht größer sein. Die übernatürliche Seite dieser Bastarde war dunkel und bösartig. Ein tollwütiger Pitbull, der seit einer Woche nichts zu fressen hatte, war handzahm dagegen. Sie lebten durch die Pein anderer und weideten sich an der Qual ihrer Opfer. Der Drachenclan bestand aus fähigen Kriegern, und normalerweise stellten Satyrn keine Bedrohung dar. Doch alles hatte sich verändert. Ein heißes Prickeln überfiel seine Brust, und automatisch presste er seine Gucci Schuhe fester in den unnachgiebigen Fels. Es war fast vier Monate her, dass er getroffen und fast getötet worden war. Er, ein unsterblicher Drachenkrieger. Niedergestreckt von Kreaturen, die kaum geradeaus pinkeln konnten. Rasch beschleunigte er seine Schritte, um den Schmerz jenes Abends hinter sich zu lassen. Baltes. Wäre der doch nur dort geblieben, wo Venor, einer seiner Kameraden, ihn vor Jahrhunderten gelassen hatte. Am Boden einer Schlucht. Baltes war einst wie er ein Mitglied des Drachenclans gewesen, aber sein Geist war zerfressen und sein Wesen irregeleitet. Venor hatte seinen Kampfesbruder getötet und dafür mit einem Großteil seiner geistigen Gesundheit bezahlt. Baltes hatte überlebt. Getrieben von Rache machte er es sich zur Aufgabe den Clan zu terrorisieren. Mit Erfolg. Liam und seine Kameraden kämpften an zwei Fronten. Der Rat der Nephelim auf der einen Seite und der wahnsinnig gewordenen Baltes auf der anderen. Eine verheerende Mischung.

Ein langer Schatten auf einem Steinplateau erregte Liams Aufmerksamkeit. Ein Höhleneingang. Vorsichtig schlich er näher und entdeckte eine unförmige Tasche auf dem Boden. Auf einem Lederschild waren die Initialen A.P. eingeritzt. Volltreffer! Liams Herz sprang im Zickzack.Das erste Mal auf dieser Reise fand ein aufrichtiges Lächeln den Weg auf seine Lippen. Na gut, da war diese hübsche Stewardess gewesen, aber das war kurz nach dem Start des Flugzeugs in den USA. Das zählte nicht.Die Taxifahrerin in Kairo zählte ebenso wenig. Liams Freude starb den Heldentod, als er festgestellt hatte, dass sie deutlich mehr Landmasse in südlichen Gefilden besaß, als eine Frau haben sollte.

Sobald er einen Schritt in das Innere des Gewölbes tat, umspielte ihn die kühle Luft wie eine sanfte Umarmung. Himmel, das tat gut. Der Schweiß auf seiner Haut verwandelte sich von unangenehm heiß und klebrig, in eine wohltuende Kühlung. Seine Augen gewöhnten sich binnen Sekunden an die Dunkelheit. Ein Gedanke ließ ihn jedoch nicht los. Pherson nahm einiges an Mühe auf sich, damit sein Standort unentdeckt blieb. Zudem waren in der Gegend keine größeren Ausgrabungen. Der Bauer hatte was von inoffiziell gefaselt. Hatte der Professor etwas Gewichtiges entdeckt und wollte den Ruhm nicht teilen. Oder er betrieb reine Übernatürlichen-Forschung, was unter den Menschen zweifellos nicht publik gemacht werden sollte. Das würde erklären, warum ein Kerl, der das Bruttoinlandsprodukt eines kleinen Landes verdiente, sich in einer schäbigen Höhle mitten in der ägyptischen Provinz verkroch. Ansehen, Ruhm und Prestige spielten bei den Übernatürlichen keine geringere Rolle, als bei den Menschen.

Je tiefer Liam vordrang, desto mehr zog sich seine Brust zusammen. Wochenlang hatte er auf diesen Augenblick hingearbeitet. Die Wahrheit lag zum Greifen nah. Wenn sich ihre Vermutung bestätigte, dass der Rat nicht die tüchtigen Anführer waren, sondern lediglich gut getarnte Billy the Kids, wäre er auf ewig der, der den Sargnagel ihres Glaubens lieferte und diesen mit hämmernden Schlägen zugrunde richtete.

Ein Pfad schlängelte sich durch den schmaler werdenden Gang. Wie sich herausstellte, war nur der Eingangsbereich der Höhle dunkel. Im Inneren standen Campinglampen zu beiden Seiten des Weges. Ein kratziges Schaben wies ihm den Weg.

Liam hatte, sehr zu seinem Bedauern in Ägypten bisher nicht einen Satyr entdeckt. Gut für die Menschen, schlecht für seine Ausgeglichenheit. Der Ruf seines Katanas nach Blut wurde von Tag zu Tag lauter und stimmte mit den quälenden Rufen seiner Lenden ein Klagelied an. Keine Frauen, kein Kampf, keinen ordentlichen Wodka. Dass er überhaupt zwei Monate überlebte, grenzte an ein Wunder. Vorsichtig zog er sein Schwert und ging mit Bedacht weiter.

Dieser alte Hund! Liam konnte sich ein anerkennendes Grinsen nicht verkneifen. Ihm den Rücken zugewandt, stand eine Frau vor einer Wand und pinselte Rückstände von einer Art Höhlenmalerei. Er hätte wahrscheinlich ebenso gut mit der Eleganz und Grazie eines betrunkenen Elefanten in die Höhle eindringen können, sie hätte es nicht bemerkt. Sie führte die Pinselstriche hochkonzentriert, als mustere sie jedes herunterrieselnde Staubkorn einzeln.

Dieser Pherson hatte es faustdick hinter den Ohren. Er versüßte sich die staubige Einsamkeit mit einer kleinen Praline, die für ihn die unbequeme Arbeit erledigte. Dicke, tiefrote Korkenzieherlocken wippten bei jeder Bewegung auf ihren Schultern. Die kurze Hose und das enge weiße Tanktop brachten ihren schlanken und muskulösen Körper bestens zur Geltung. Die sonnengebräunte Haut, die stattliche Größe und die strammen Muskeln sowie das für eine Frau breite Kreuz machten Callista schon beinahe Konkurrenz. Callista war die einzige weibliche Drachenkriegerin und stand den Jungs in Kraft und Ausdauer in nichts nach. Der Rotschopf wirkte eher wie eine Kriegerin oder Amazone als eine folgsame Assistentin. Trotz ihrer Größe hatte sie ansehnliche Kurven. Das sogar reichlich. Obwohl sie nicht in sein Beuteschema passte, konnte er seinen Blick nicht abwenden. Zugegeben, sein Beuteschema war einfach gestrickt. Perfekt. Seine Frauen hatten grundsätzlich die richtige Größe, die passenden Maße, eine makellose Frisur und ein frivol, selbstsicheres Auftreten. Etwas anderes erregte normalerweise nicht seine Aufmerksamkeit. Da er für den Moment lebte, erübrigten sich private Details meistens. Welchen Vorteil böte es, ihre Hobbys und Interessen zu kennen, während er mit der Zunge seinem Hobby nachkam?

Der leichte Feuchtigkeitsfilm auf ihren Armen ließ seinen Mund austrocknen. Er beobachtete fasziniert, wie ein Schweißtropfen den Weg aus ihren Shorts fand und über ihre Kniekehlen floss. Grundgütiger! Wenn das Treffen gut lief, würde er sich diesen Schenkeln eingehender widmen. So viel stand fest. Er würde den Ursprung dieses einen, kleinen Tropfens erkunden. Im besten Fall mit seiner Zunge. Seine Libido meldete sich grollend zu Wort. Er war hungrig. Leise trat er einen Schritt auf sie zu. Ein zarter Duft von Jasmin kroch in seine Nase. Interessant. Sie war ebenfalls dryadischer Herkunft. Umso besser. Bei einem Menschen musste er sich von Zeit zu Zeit noch bemühen. Bei Übernatürlichen hatte er einfaches Spiel. Es war, als würde er einem Alkoholiker einen zwanzig Jahre alten Scotch hinhalten. Die Frauen stürzten sich auf ihn, ohne nachzudenken. Jeder Übernatürliche kannte den Drachenclan. Sie waren Helden, Befreier, Rockstars. Ein Steinchen knirschte unter seinen Sohlen. Er hätte mit einem Schrei oder einem Zuckengerechnet. Doch sie blieb still. Ruckartig erstarrte die rote Füchsin in ihrer Position, den Pinsel über den Kopf erhoben. Liam erkannte, wie ihre Schulterblätter für einen Wimpernschlag verkrampften und wieder entspannten. Sie wusste, dass sie nicht allein war. Diese Selbstbeherrschung war beeindruckend. Ihr Herzschlag, ihre Atmung, ihre Haltung. Dank seiner geschärften Sinne als Drachenkrieger blieb ihm keine Körperregung verborgen.

Und nun? Sie verharrte noch immer reglos.

Er hatte sie ohnehin genug betrachtet, zumindest vorerst, und ergriff das Wort.„Ich wollte dich nicht erschrecken.“ Seine Stimme rollte dunkel an den Wänden entlang und er verdrehte die Augen. Ja, mach ihr so richtig Angst. Guter Anfang, Idiot.

„Dann hättest du dich nicht anschleichen sollen“, erwiderte sie prompt und pinselte die Wand ab ohne sich umzudrehen. Ihr rauchig tiefes Timbre umhüllte ihn, wie ein zarter Nebel. Sie war allein mit einem Mann in einer Höhle. Weit weg von jedweder Hilfe. Und sie klang so beiläufig, dass es schon wieder verdächtig wirkte. Wieso hatte sie keine Angst? Er hätte sie zu gern getröstet. Im Gegenteil zu seinen Single-Kameraden schätzte er die Wärme einer Frau. Zumindest für ein paar Stunden.

Mennox hatte seine Lilian und wurde bald Vater. Ihr Anführer schaute keine andere an.

Venor, der Zweitälteste unter ihnen, war viel zu traumatisiert, weil er Baltes hatte töten müssen, um an irgendeine Form der Nähe zu denken. Selbst als sich herausstellte, dass Baltes lebte, wurde es nicht besser. Eher schlimmer.

Darian war früher in Sachen Frauen aufreißen oft sein Co-Pilot gewesen. Dieser fiel in den letzten Monaten dem tückischen Monster namens Monogamie zum Opfer. Er hatte nur noch Augen für Mercy. Sie war ein Orakel und hatte sich als wichtiges Mitglied des Clans entpuppt. Zusammen mit Mercy spielte Darian jetzt lieber Babysitter fürderen Mündel Max, diese kleine Nervensäge, statt mit ihm auf Sauftour zu gehen.

Blieb Callista übrig. Als Frau war sie wenig hilfreich, wenn er das andere Geschlecht beeindrucken wollte. Meistens machte sie sich einen Spaß daraus, ihm in die Parade zu fahren. Hey Liebling! Der Arzt hat angerufen. Wenn du deinen Lümmel täglich mit der Creme einschmierst, sollten die Herpes-Bläschen bald weggehen.

„Was willst du?“

Liam riss sich aus seinen Gedanken und straffte seinen Rücken. Bevor er antworten konnte, beobachtete er, wie der Rotschopf langsam in die Hocke ging und die Hand nach einem Werkzeugkoffer ausstreckte. Sofort schrillten seine Alarmglocken, und er umfasste den Griff seines Katanas so fest, dass das Leder knirschte.

Durch einen Vorhang feuriger Locken erhaschte er einen kurzen Blick auf ihr Profil. Für einen Sekundenbruchteil hatten sie Augenkontakt. Sie musterte ihn mit großen, schokoladenbraunen Augen, sog jedes Detail auf. Seine Libido schnurrte zufrieden, während sie sich an sein wachsendes Ego kuschelte. Gemeinsam genossen sie den Blick einer Frau. Dieser Frau.

Sie richtete sich wieder auf. Ihr runder und einfach nur umwerfender Prachthintern wölbte sich unter dem Stoff. Geschmeidig glitt sie in ihre Ausgangsposition zurück, mit einem zweiten Pinsel in der Hand. Gerissenes Ding! Sie tarnte ihre Neugier hinter einer unschuldigen, beiläufigen Bewegung.

„Ich schätze meine Chancen relativ gering ein, dich mit einem Meißel zur Strecke zu bringen, Krieger. Kein Grund, deine Waffe zu ziehen.“

So viel zu seinem Vorhaben, sich von der Begeisterung eines Fans umschmeicheln zu lassen. Seine Libido trat wütend gegen seine Schläfen. Sie spuckte das Wort Krieger, als läge es bitter auf ihrer Zunge. Wo war die Verehrung? Die Ehrfurcht? Der Rotschopf war unfreundlich zu ihm. Unfassbar. Frauen warfen ihm normalerweise mehr zu als einen abschätzigen Blick. In der Regel ihre Höschen.

Er schüttelte die Zweifel ab. Mäuse fing man am besten mit Speck. „Du weißt, wer ich bin, aber ich weiß noch nicht, wer du bist“, raunte er so verführerisch er konnte. Das würde seine Wirkung nicht verfehlen. „Du bist am Zu…“

„Ich weiß nicht, wer du bist, lediglich was du bist“, unterbrach sie ihn forsch und pinselte an der Wand herum.

„Was bin ich denn?“ Sexgott, Liebesguru, Herr der Lenden. All diese Antworten wären akzeptabel gewesen.

„Offiziell? Die Befreier und Beschützer der Übernatürlichen. Inoffiziell? Eine Horde gewalttätiger Barbaren.“

Scharfer Rotschopf hin oder her. Damit traf sie einen wunden Punkt. Blitzschnell ging er auf sie zu und drückte ihren Oberkörper mit seinem Gewicht gegen den rauen Fels. Der Pinsel fiel klappernd zu Boden.„Gewalttätig?“ Seine Stimme war ruhig. Zu ruhig. Jeder, der ihn kannte, wusste, dass seine leise Stimme der Ruhe vor dem Sturm gleichkam. Er hatte Notstand, ja; sie war heiß, ja. Er hätte nichts dagegen die Finger in ihren Locken zu verschränken und ihren Mund auf seinen zu pressen, um die Süße ihrer Zunge zu erkunden, ja. Aber niemand würdigte den Drachenclan herab. „In einer Welt voller Satyrn und anderen Abscheulichkeiten, von denen kleine Archäologie Assistentinnen nicht zu träumen wagen, ist Pazifismus das Todesurteil für unsere Gesellschaft.“

Ihr Atem ging nach wie vor regelmäßig und ihr Körper verriet kein Anzeichen von Angst. Ihre Rückenmuskeln bewegten sich seidig an seiner Brust.

„Es gibt immer einen Weg. Der Tod ist eine Strafe, welche selten verdient und nie zurückgenommen werden kann. Wer bist du, über ein Leben zu entscheiden?“

Ihr Jasminduft drohte seine Sinne zu überlagern, doch ihre Worte brannten wie Gift in seinen Ohren.

„Weißt du, was ein Satyr ist? Sie sind übernatürlich, wie du es bist. Statt einer Elfe oder einer Dryade steckt ein Dämon in ihnen. Ein Dämon, dunkler als die Nacht und böser als der Teufel. Sie brauchen den Schmerz ihrer Opfer, wie die Luft zum Atmen. Sie brechen einen Körper auf, als packten sie ein Weihnachtsgeschenk aus. Sie wickeln die Gedärme auf, wie eine Präsentschleife.“ Erinnerungen stiegen in ihm auf und seine verheilten Wunden pulsierten schmerzhaft. Rote Augen sahen ihn an, brachten ihn an die Klippen des Todes. „Sie kennen keine Gnade, sie fühlen kein Mitleid. Sie stehen für den Tod. Gewalttätigen Barbaren wie uns hast du es zu verdanken, dass du am Ende der Welt in Ruhe und Frieden im Sand spielen kannst. Wer bist du, das zu schmälern?“ Er griff ihre Schultern und drehte sie um. Sie reichte ihm fast bis zum Kinn, was eine beachtliche Größe war. Locken umrahmten ihr wutentbranntes Gesicht. In ihren warmen Schokoladenaugen loderte es wie flüssiges Feuer. Trotz der Sommersprossen strotzte ihre Mimik vor Feindseligkeit.

Schlagartig wurde ihm klar, was er tat. Vom Donner gerührt ließ er sie los und trat nach hinten. Sie war unbewaffnet, schwächer als er, und obwohl sie mehr Wut als Furcht zu empfinden schien, hatte er die Beherrschung verloren. Die Erinnerungen an seine Niederlage plagten ihn jetzt auch am Tag, nicht nur in der stillen Einsamkeit seiner Träume.

„Es tut mir leid.“

Sie wandte den Blick ab. Das hatte er ordentlich vergeigt. Zudem schmälerte sein Ausbruch die Aussicht auf Informationen bezüglich des Professors. Würde Dummheit quietschen, bräuchte er heute mehr als ein Ölkännchen.

Behutsam legte er einen Finger unter ihr Kinn und führte ihren Kopf in sein Blickfeld.„Verzeih mir mein Verhalten. Es war nicht meine Absicht dich zu bedrängen.“ Ihre Haut rieb zart unter seiner Fingerkuppe. Entschuldigungen zählten normalerweise nicht zu seinem Standardrepertoire, aber er meinte es ernst. Das war keine eingeübte Choreografie, welche er ohne nachzudenken ausführte.

Als er seine Hand wegziehen wollte, rollte ein dumpfes Grollen über sie hinweg. Instinktiv zog er sie an sich, hielt sich jedoch eine Hand für sein Schwert frei.„Was zur Hölle ist d…“

Kleine Staubwolken lösten sich von der Höhlendecke und Steinchen tanzten auf dem Boden. Ein Erdbeben? Er stieß die Fersen in den Sand, um eine größere Standfläche zu erreichen. Spitze Fingernägel gruben sich in seinen Arm.

„Wir müssen raus“, rief er.

Jedem Erdstoß folgte ein Zittern, das ihren Körper durchfuhr. Ihre Gesichtsfarbe hob sich blass von ihrer gebräunten Haut ab und in ihren Augen stand ein Schrecken, der sich tief in ihre Brust zu krallen schien.

Es war seltsam. Anfangs hatte er sich gewünscht als triumphaler Retter aufzutreten, doch jetzt, da er die Chance dazu hatte, schmeckte er einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Der kurze Eindruck in ihr Wesen genügte, um das Bild einer Kriegerin in seinen Kopf zu meißeln. Sie zitternd, weiß und schwach zu sehen, gefiel ihm nicht. „Keine Sorge, ich lasse dich nicht los“, flüsterte er und schob kurzerhand einen Arm unter ihre Knie, um sie hochzuheben.

„Nein!“ Mit überraschender Kraft, drückte sie sich von ihm weg, taumelte zurück und versetzte ihm einen Stoß.

Diese Frau verstand aber auch alles falsch. Liam wollte nach ihrer Hand greifen, sie zu sich ziehen. Ersprang gerade noch rechtzeitig zurück. Ein großer Steinbrocken löste sich von der Decke und schlug donnernd vor seinen Füßen ein. Die Vibration des Aufpralls jagte durch seine Beine. Sie hatte ihn weggestoßen, weil sie ihn retten wollte? Moment. Sie rettete ihn? Diese Situation gefiel ihm noch weniger als anders herum.

Die Erde bebte von Neuem. Eine Erschütterung folgte der Nächsten. Staub legte sich rau auf seine Lunge, er ignorierte es.

Hinter dem herabgestürzten Felsbrocken fand er sie. Er musste sie nicht sehen, um zu wissen, wo sie war. Ihr stoßweiser Atem, der hämmernde Herzschlag und der bittere Geruch nach Angst wiesen ihm den Weg. In katatonischer Starre kauerte sie am Boden, die Hände auf den Ohren, die Lippen aufeinander gepresst.

„Schon gut“, sagte er leise und ging vor ihr in die Hocke. „Du hast eine Panikattacke.“ Trotz ihres Widerwillens packte er ihre Arme und löste ihre verkrampfte Haltung. „Schau mich an.“ Die Erdstöße ließen ihre Lider flattern. Er klang barscher als beabsichtigt, aber sie musste sich dringend beruhigen. Ihrer momentanen Atemfrequenz nach zu urteilen, dauerte es nicht lange bis zu einer Ohnmacht.

Zögerlich öffnete sie die Augen.

Sofort fing er ihren Blick auf und beuge sich vor. „So ist es gut.“ Ohne wegzusehen, drückte er sie an seine Brust. „Spüre meine Atmung. Fühle meinen Brustkorb. Er dehnt sich aus und zieht sich zusammen. Vergiss alles andere. Konzentriere dich auf unsere Atmung.“ Liam wusste, wie man eine Hyperventilation bekämpfen konnte. Da er keine Papiertüte zur Hand hatte, tat es auch der Klammergriff. Dass diese Art ohnehin mehr nach seinem Geschmack war, behielt er für sich. Sie stockte, aber nach einer Weile atmeten sie im Einklang und ihr Gesicht verlor den panischen Ausdruck. Das tiefe Braun kam zum Vorschein. Aus der Nähe betrachtet, erkannte er einen hellen Kranz um ihre Pupillen. Er leuchtete und verlieh ihren Augen einen bezaubernden Glanz.

Die Erdstöße verklangen, der Staub legte sich und in der Höhle wurde es still.

„Du kannst mich jetzt loslassen“, sagte sie leise und blinzelte mehrmals. „Das kommt öfter vor. Es liegt an den Ausgrabungen. Das Beben meine ich.“ Obwohl sie deutlich sprach, entging ihm die Hektik in ihrer Stimme nicht.

Sie richteten sich auf. Er nutzte die Gelegenheit, sie an der Hüfte zu berühren, um ihr aufzuhelfen. Weiche Haut regte sich unter ihrem Top. Herrlich. „Verstehe.“ Wenn das nicht das erste Mal war, musste sie dringend an ihrer Krisenbewältigung arbeiten.

„Ich… danke dir. Normalerweise bin ich alleinunterwegs. Es ist gefährlich… in den Höhlen.“

„Ich habe zu danken. Selbst mein Dickschädel hätte diesem Felsen da nicht standgehalten.“

Ein zartes Lächeln schlich sich auf ihre Lippen.

„Dann sind wir quitt“, sagte sie und sammelte ihre Werkzeuge vom Boden auf. Der abrupte Wechsel von warmherzig zu gleichgültig kam einem mittelschweren Schleudertrauma gleich. Eben noch hatte sie in seinen Armen gelegen und jetzt ignorierte sie ihn.

„Wenn es dich nicht stört, Krieger, ich habe noch zu tun. Das Beben hat meine Arbeit ruiniert. Es wird Stunden dauern, den Schaden zu beheben.“

Wie bitte? Bekam er soeben eine Abfuhr? „Ich suche einen Professor namens Andi Pherson. Ich brauche seine Hilfe bei einer… Archäologiesache.“ Archäologiesache? Brillant Liam. Brillant.

„Nun, ich habe ihn nicht in meinem Koffer. Du solltest gehen. Ich… richte ihm aus, dass du ihn suchst.“

Seine Füße verweigerten ihm aus mehreren Gründen den Dienst. Sie war viel zu interessant, um sie einfach davonspazieren zu lassen. Er sah sich im Geist schon ihr Hotel googeln. Wichtiger, als den Rotschopf zu erforschen, war jedoch der Professor.

Ein Nein konnte er nicht akzeptieren. „Ich muss dringend mit ihm sprechen. Es ist…“

„Andrea?“ Eine Männerstimme durchbrach die Stille. „Andi, Liebling, wo steckst du? Ich habe die Erschütterungen gespürt. Geht es dir gut?“

Andi. Andrea. Jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Callis Worte hallten in seinem Kopf wider. Es braucht nicht viel, um dich aufs Glatteis zu führen. Es muss nur einen Arsch und Titten haben. Er war ein Idiot!

„Du bist Andi Pherson?“ Weil sie nicht seinem stereotypischen Bild eines Archäologen entsprach, hatte er sie zur Assistentin abgestempelt.

Sie sagte nichts, sondern schloss die Lider und ließ sich gegen die Höhlenwand fallen.

Resignation?

„Um Himmels willen! Andi!“ Der Mann eilte herbei, noch bevor Liam den Arm heben konnte, um sie an der Schulter zu halten.

„David. Ich… Es ist in Ordnung. Ich weiß nicht warum“, murmelte sie an die Brust ihres Helfers.

Diese Frau war alles andere als stabil. Gereizt, unhöflich, ängstlich, gleichgültig dann wieder ängstlich. In weniger als zehn Minuten.

„Was hast du mit ihr gemacht?“, schnauzte David ihn an.

„Ich habe nichts getan. Und du solltest deinen Ton überdenken.“ Wieso sprach heute jeder mit ihm, wie mit einem Straßenköter? Hatte er einen Hitzschlag während des Aufstiegs erlitten und halluzinierte?

„Verzeih Krieger.“ Seine Worte versprachen Respekt, den sein Ton nicht einhalten konnte.

Liam ließ ihn gewähren. Aber nur, weil er den Rotschopf stützte.

„Andrea geht es nicht gut, das Erdbeben hat sie geängstigt. Und sie hat zu wenig getrunken.“ Lügen standen wohl auf der Tageskarte.

Liam zog seine Wasserflasche aus der Manteltasche und hielt sie David wortlos hin. Zeit, diese verkorkste Situation aufzuklären.„Ich bin in einer offiziellen Angelegenheit in Ägypten. Ich benötige Hilfe bei einer Übersetzung.“

„Wir wohnen außerhalb des Dorfs an der Oase. Es ist die kleine Pension am Palmengarten. Komm morgen dorthin, dann reden wir“, versprach er und nickte ernst. „Jetzt ist kein guter Moment.“

Andi griff nach dem Wasser und setzte es an die Lippen.

„Sollte das nicht lieber Andi entscheiden?“Ihm gefiel nicht, dass über sie gesprochen wurde, als wäre sie nicht anwesend. In ihren Augen leuchtete ein Funken auf, den er vorher nicht bemerkt hatte. „Ich werde…“

„Nein. Heute nicht“, unterbrach David sie und ging gebückt an Liam vorbei, Andi an seiner Seite. Sie schaute sich nach ihm um, musterte ihn nachdenklich.

„Wisse, dass ich dich finde. Ich kenne jetzt deine Witterung, weiß, wer du bist“, flüsterte Liam und hielt David am Arm fest. Er hatte seine Beute gefunden. Und würde nicht eher ruhen, bis er die Antworten hatte, wegen denen er hergekommen war. Nach diesem seltsamen Tag hatte er mehr Fragen als zuvor.

Zwei Stunden später saß Liam frisch geduscht und nackt, wie die Götter ihn geschaffen hatten, auf seinem Bett. Sofern man das Brettergestell tatsächlich Bett nennen durfte. In Charga gab es keine Hotels, daher hatte er sich kurzerhand bei dem mittlerweile eingeschüchterten Bauern vom Nachmittag einquartiert. Trotz des eigenen Zimmers sowie einer Außendusche und Verpflegung war er in etwa so willkommen wie Fußpilz.

Die Hitze des Tages kroch schleichend aus seinem Körper, nach zwei Monaten war er den leichten Schweißfilm auf der Haut gewohnt.

Er klärte seinen Geist undüberdachte die Geschehnisse in der Höhle. Er hatte Andi Pherson gefunden. Andrea Pherson. In vielerlei Hinsicht eine Überraschung. Sie war eine der Ihren. Weder Angst noch Ehrfurcht hatte sich im Angesicht eines Drachenkriegers in ihrer Mine gespiegelt. Respekt hatte er vergeblich gesucht. Sie war vorlaut, frech und stur. Außer bei dem Beben. Die Furcht in ihren Augen ließ ihn nicht los. Er hatte schon vielen Frauen das Leben gerettet.Heute war es anders gewesen. Dazu kam dieser Gefühlsumschwung. Von den Subtropen zum Nordpol in weniger als drei Sekunden. Diese Gleichgültigkeit brannte wie eine hitzige Ohrfeige. Kurzfristig hatte er sogar damit gerechnet, ihre kräftigen Finger auf der Wange zu spüren. Sie hattesich beherrscht. Ihre Selbstbeherrschung, die Kraft und der Stolz erinnerten Liam an sich. Doch die Stärke war nur eine Fassade, wie ihm schien. Die Panik war so plötzlich gekommen, dass sie völlig überrumpelt dagestanden hatte. Der taffe, aufrechte Fuchs war verschwunden gewesen. Zurück geblieben war ein verängstigter Welpe. Zwei Gestalten in einer Seele vereinigt. Wieso? Er war nicht der Ursprung ihrer Furcht gewesen. Das hätte er gespürt.

Er musste mit ihr sprechen. Ohne diesen David. Liam traute ihm nicht. Die blonden Haare und die hellen Augen verliehen ihm ein unschuldiges Aussehen. Unter der Oberfläche dieses Mannes schwelte etwas anderes. Andi sperrte sich nicht gegen ihn, trotzte ihm nicht. Sie bot einem Krieger des Drachenclans die Stirn, der weitaus stärker, größer und schneller als sie war. Einem Schlumpf wie David gehorchte sie aufs Wort. Dem musste er auf den Grund gehen. Am besten früher als später. Zumal er ohnedies der Überzeugung war, dass David sich nicht an die Abmachung hielt und sie in der Nacht verschwinden würden.

Er schlüpfte rasch in seine Kleider, und gerade als er hinaustreten wollte, hörte er das Brummen des Vibrationsalarms seines Handys. Mit einem Seufzen nahm er den Anruf entgegen. Wohl wissend, wer am anderen Ende der Leitung war.„Hallo Calli“, sagte er und ließ sich auf das Bett sinken.

„Hey du Wüstling.“ Callista lachte über ihren eigenen Witz. Langsam gingen ihr die guten Wortspiele aus. Sie rief fast jeden Abend an.

Liam wusste, dass sie es gut meinte, aber durch ihre Bemutterung schürte sie den Erfolgsdruck, der seine Schultern ohnehin zu Boden drückte.„Du hattest schon bessere. Das mit dem Kopf in den Sand stecken zum Beispiel.“

„Oder die Flinte ins Dattelfeld werfen?“

„Datteln wachsen auf Palmen, Calli.“

„Oh, der Herr kennt sich aus. Hängste das Katana endgültig an den Nagel und wirst Kamelzüchter?“

„Ich kreiere die Kamele dann einfach nach deinem Abbild. Hey, dazu müsste ich sie kaum verändern. Ein Bisschen dünner um die Oberschenkel vielleicht.“

„Ich erinnere dich ungern an die Fettpölsterchen, die du als Bauchmuskeln bezeichnest.“

„Ich mach nur Spaß. Du hast die Beine eines Rehs.“

„Grazil und schlank. Absolut richtig.“

„Ich wollte eher sagen, so behaart.“

„Du bist ein Arsch“, erwiderte sie und lachte lauthals. Die kleinen Wortgefechte mit Callista wurden ihm nicht langweilig. Sie stand ihm so nah, wie niemand anderes. Währender sich von den unzähligen Schusswunden erholt hatte, hatte sie ihn nicht eine Minute aus den Augen gelassen. Sie war es, dieseine Wunden gereinigt, die Verbände gewechselt und ihm den Schweiß von der Stirn getupft hatte.

„Mennox lässt fragen, wie weit du bist.“ Jeden Abend dieselbe Leier. Heute konnte er ihr endlich eine andere Antwort geben.„Ich habe Andi Pherson gefunden.“

„Ohne Scheiß?“ Der Unglaube in ihrer Stimme kränkte sein ohnehin angekratztes Ego.„Ohne Scheiß.“

„Wann kommst du zurück mit ihm? Je schneller desto besser. Der Rat wird argwöhnisch, denken wir.“

Rauschen und Klirren erschütterte die Leitung. „Er gibt uns ständig Aufträge, die Rebellengruppen aufzumischen. Uns gehen die Ausreden aus.“

Rebellen, die keine Rebellen waren. Es gab schon immer aufständische Gruppierungen, welche die Autorität des Rates nicht anerkannten und sich in Verschwörungstheorien verhedderten. Bis auf die Kleinigkeit, dass es vielleicht gar keine Verschwörungen waren, sondern die Wahrheit. Der Clan konnte nicht riskieren, weitere vermeintlich Unschuldige zu töten. Also erfanden sie Märchen, warum der Angriff nicht starten konnte oder warnten die Rebellen anonym vor.

„Wenn ihr die Aktion vom letzten Mal durchzieht?“

Calli schnaubte laut. „Ich werde nicht nochmal auf dem Friedhof Leichen ausbuddeln gehen und sie als unsere niedergestreckten Feinde ausgeben. Das. War. Eklig.“

„Aber effektiv.“

Würgelaute. „Du liegst ja auch am Strand und schlürfst Cocktails.“

„Wenn du wüsstest, wie weit entfernt du von der Wahrheit bist. Ersetze Strand durch Wüste und Cocktail durch Ziegenmilch und es kommt hin.“

„Wie ist der Typ?“, fragte sie und wechselte somit das Thema. Der Verrat seitens des Rats steckte ihnen noch in den Knochen. Der Schmerz saß zu tief, als dass ein lockeres Gespräch darüber stattfinden konnte. Jedes Wort riss den Schorf erneut auf und ließ sie alle bluten.

„Naja. Groß, gut gebaut, rotes Haar, Sommersprossen. Achja und ihr Name ist Andrea Pherson.“

Stille. Mit ein wenig Fantasie sah er einen Heuballen durch die Leitung rollen.

„Eine Frau.“ Keine Frage. Eine Feststellung. „Liam, die Sache ist wichtig für uns. Nur durch eine korrekte Übersetzung können wir sicher sein.“

Calli sprach selten in einem derart ernsten Ton mit ihm. Das ließ ihn Galle schmecken.„Denkst du, das weiß ich nicht? Ich werde sie beschützen, zum Clan bringen und wir bekommen alle Antworten, die wir brauchen. Entgegengesetzt zur allgemeinen Meinung, kann ich mich durchaus beherrschen.“ So wie heute Mittag, ja? Schnauze!

„Ist sie hässlich?“

„Sie ist nicht hässlich!“ Sie entsprach nicht dem Typ Frau, den er sonst in sein Bett zog, aber sie war so weit von hässlich entfernt, wie er zu einem Schmetterling. Sie war anders. „Ich kann Berufliches von Privatem trennen. Das solltest du wissen.“

„Schon gut. Ich wollte nicht…“

„Schick mir eine Kopie der Schriftrolle per E-Mail. Nutze die verschlüsselte Leitung, dann kann ich es ihr via Tablet zeigen. Wir hören uns morgen.“ Er beendete den Anruf, ohne auf Callistas Antwort zu warten. Er hatte es satt, nicht ernst genommen zu werden. Dem würde er ein Ende bereiten. Andi war ein Auftrag. Nicht mehr und nicht weniger. Mit diesem Gedanken machte er sich auf den Weg und betete, dass er recht behielt.

2. Kapitel

Jahrhundertelange Übung hatte Andi zur Meisterin der Selbstbeherrschung erhoben.

Mühevoll stopfte sie jedes kleine Loch ihrer äußeren Fassade, um die Oberfläche so glatt wie möglich zu halten. Auf dass alle Emotionen an ihr abperlten, gleich den Wassertropfen auf einem Lotusblatt. Dieser Umstand war für sie, wie für den Rest der Welt, unumgänglich. Das Zittern ihrer Hände, die Veränderungen ihres Herzschlages lösten eine unaufhaltsame Kaskade unschöner Reaktionen in ihrem Kopf aus. Andis Körper war ihr Gefängnis, ihre Haut das Gitter und ihre Disziplin der Wärter. Sie mochte ihr Gefängnis und war wohl die erste Insassin, welche nicht im Traum daran dachte, auszubrechen. Manche Individuen fristeten ihr Dasein zu Recht abgeschottet von der Außenwelt.

„Wie konnte es soweit kommen, Liebes?“ Davids Stimme riss sie aus ihren Grübeleien zurück in das abgedunkelte Zimmer des Gästehauses, in dem sie wohnten.

„Er hat mich erschreckt“, antwortete sie schlicht und zuckte mit den Schultern. Lügen fiel ihr leicht, bestand doch ihr halbes Leben aus der Vorspiegelung falscher Tatsachen. Der Krieger hatte sie nicht geängstigt. David hatte sie ausreichend informiert. Sein Auftreten hatte alle Erwartungen erfüllt. Raue Erscheinung, fehlende Manieren, ohne Grund feindselig, bewaffnet bis an die Zähne. Eine gewissenhafte Freund-Feind-Kennung funktionierte anders. Wäre er dabei geblieben, wäre es glattgegangen. Aber nein. Es bedurfte keiner Klinge oder Drohung, um ihre Mauer zum Bröckeln zu bringen. Eine aufrichtige Entschuldigung aus dem Mund dieses Mannes, welche so überraschend gekommen war, dass sie nicht damit umgehen konnte, reichte aus. Aus einem Riss wurde ein Loch, aus dem Loch wurde der Schutthaufen ihrer Selbstbeherrschung. Sein Verhalten war so anders, als David ihr berichtet hatte. In seinen erstaunlichen Augen stand Reue. Wer in der Lage war, Reue zu empfinden, war nicht gewissenlos.

„Hast du deinen Anfall mit den Konzentrationsübungen, die ich dir gezeigt habe, überwunden?“

Sie hatte David nie erzählt, dass sie es albern fand, an Backenhörnchen und Hundewelpen zu denken, um sich abzulenken. Ebenso wenig konnte sie ihre wild gewordenen Gedanken mit einem Lasso aus grünen Auen und murmelnden Gebirgsbächen einfangen.

„Ja.“Zum Glück war ihr Name Pherson und nicht Pinocchio. Die Nase hätte David glatt durchbohrt. Es war nicht so, als hätte sie es nicht ausgetestet. Sie hatte gekämpft, probiert die Löcher ihrer Fassade zu stopfen. Sinnlos. Es war, als hätte sie versucht, einen Wasserfall mit bloßen Händen aufzufangen. Ab diesem Zeitpunkt war alles schiefgegangen. Je mehr ihr bewusst wurde, dass sie kurz vor dem Siedepunkt stand, desto schneller drohte die Panik sie zu übermannen. Erinnerungen prasselten auf sie nieder, drückten ihren Körper endgültig zu Boden. Was blieb ihr anderes übrig, als zu kapitulieren? In einem solchen Zustand hätte auch David ihr nicht helfen können. Oder? Früher erreichte sie diesen kritischen Grad in regelmäßigen Abständen. David hatte keine andere Wahl gehabt, außer sie in Ruhe zu lassen und zu warten, bis das Gewitter vorübergezogen war. Von Zeit zu Zeit betäubte er sie. Dafür war sie dankbar. Heute war es nicht wie sonst. Sie war nicht allein. Der Auslöser war gleichzeitig ihre Rettung. Das Symptom wurde zur Kur. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie die Brust des Kriegers spüren, wie sie sich warm gegen sie presste. Seine Körpertemperatur war höher als normal. Sie hatte sich auf ihre taumelnden Gedanken ausgebreitet, sie von innen heraus besänftigt. Von seinem herrlichen Duft umnebelt hatten sich seine Bewegungen auf ihre Haut übertragen, waren in den letzten Winkel ihres Kopfes gekrochen und hatten sie eins werden lassen. Er hatte sie nicht im Stich gelassen. Wie konnte ein derartiger Koloss so sanft sein? War er gar nicht vom Drachenclan? Ähnelte er nur einem dieser Barbaren? Er war nicht brutal, rücksichtslos und egoistisch. Gut, sein Auftreten war unflätig, aber sie war auch nicht die Höflichkeit in Person gewesen. Die Erwähnung der Satyrn hatte ihn auf die Palme gebracht. In dem kurzen Augenblick, in dem er sie mit diesem wilden und zugleich warmherzigen Blick festgenagelt hatte, konnte sie tiefer in ihn hineinsehen, als ihm wohl bewusst gewesen war. Sie alle lebten in ihrer eigenen kleinen Hölle. Separees des Grauens, wie sie diese gern nannte. Getrieben von Vorwürfen, Zweifeln und ohne Fluchtweg in Sicht. Sie kannte diesen Ausdruck, sah sie ihn doch jeden Tag im Spiegel. Satyrn. Laut David waren diese ein Vorwand für Gewalt. Da sie noch nie einen gesehen hatte, kam ihr diese Schlussfolgerung logisch vor.

Wenn ihre Welt tatsächlich von irgendwelchen Monstern terrorisiert werden würde, hätte sie davon gehört. Oder?„Bist du sicher, dass er vom Drachenclan ist?“

David rutschte auf der Bettkante nach vorn und stützte die Ellenbogen auf die Knie.

„Er schien nicht aggressiv zu sein“, fügte sie angesichts seines tadelnden Blickes hinzu.

„Sein Name ist Liam. Er ist der Schlimmste von allen. Sein brutales Wesen versteckt er hinter einer silberzüngigen Engelsmaske.“

Engel? Liam hatte so viel mit einem Engel gemein, wie sie mit einem Supermodel. Sein strohblondes Haar, welches knapp seine Ohren bedeckte und die stahlblauen Augen wirkten nicht annähernd unschuldig. Der Drei-Tage-Bart war das Sahnehäubchen auf dem Eisbecher der Zügellosigkeit. Der Teufel im Sexgottpelz. Selbst wenn sie sich ein Interesse am anderen Geschlecht hätte leisten dürfen, befand sich Liam weit außerhalb ihrer Reichweite. Er spielte in einer anderen Liga. Perfekte Krieger fanden keinen Spaß an rothaarigen, sommersprossigen, zu groß geratenen Frauen mit gebärfreudigem Becken. Liam war der Footballspieler und sie … die Streberin, die die Trikots wusch. Aber die Gedanken waren frei, also erlaubte sie sich, zu träumen. Vom schönsten Mann, den sie jemals gesehen hatte.

„Was wollte er?“, fragte David, während er ihr Gesicht musterte.

„Hilfe bei einer Übersetzung.“ Sie vertrieb die unsittlichen Fantastereien. Die Tatsache, dass er ihre Expertise brauchte, machte den Sexgott auf einer anderen Ebene interessant. Die Wissenschaft war ihre Leidenschaft, der sie sich ohne Angst hingeben konnte. Es gab keine Ausflüchte, Unfälle, ungewollte Explosionen oder fadenscheinige Erklärungen.

„Um was genau es geht, hat er nicht erwähnt?“

„Nein, leider nicht. Vielleicht ist es ein sumerischer Text? Das wäre toll. Damit haben alle Probleme, denn sie wissen nicht…“

„Das ist unerheblich. Wir werden gleich morgen früh aufbrechen.“

„Was? Wieso?“ Wenn der Krieger ihr hatte wehtun wollen, hätte er die Gelegenheit in der Höhle genutzt.

„Andi. Du darfst ihm nicht vertrauen. Die Krieger des Drachenclans sind bekannt für ihre Instabilität. Sie lachen dir ins Gesicht und stoßen dir beim ersten Anlass ein Messer in den Rücken. Möchtest du das?“

„Nein. Aber…“

„Du kennst mich, seit du ein kleines Mädchen warst. Ich habe dich beschützt, großgezogen und war stets für dich da. Deine Zweifel verletzen mich.“

Ein schmerzhafter Stich durchfuhr ihre Brust. Niemals würde sie vergessen, was er für sie getan hatte. Als alle sie aufgegeben hatten, war er für sie da gewesen. Er war ihr Vater, Bruder und bester Freund.

„Entschuldige. Natürlich vertraue ich dir.“ Sie drückte sanft seine Hand.

„Ruh dich aus.“ Er küsste sie auf die Stirn, stand auf und ging hinaus.

Die plötzliche Stille im Raum legte sich drückend auf ihre Seele. David hatte vermutlich recht, dennoch hätte sie gern mehr über das Anliegen des Kriegers erfahren. Oder ihn wiedergesehen. Sie war nicht unglücklich mit ihrem Leben. Sie war die Nummer eins auf ihrem Gebiet, kam zu den interessantesten Orten der Welt, sah Dinge, die nur wenige bisher erblicken durften. Wenn man jedoch jeden Nervenkitzel vermied, blieben manche Sachverhalte flach und oberflächlich.

„Au!“ Andi fuhr erschrocken hoch und rieb sich die Schläfe. „Was zum…“ Im Halbdunkel des Zimmers sah sie ein weißes Steinchen am Boden liegen. Wer bewarf sie mit Steinen? Bevor sie sich nach dem Wurfgeschoss bücken konnte, kam ein Zweites durch das Fenster geflogen und landete vor ihren Füßen. Ein Zettel war darum gebunden. Sie ging in die Hocke und wickelte das Papier auf.

Sorry

Das musste ein schlechter Traum sein. Oder ein witziger Traum. Darüber war sie sich noch uneins. Ein weiterer Stein flog ihr entgegen. Geschickt fing sie ihn auf.

Darf der silberzüngige Barbar reinkommen?

Ihr Herz setzte für einen Schlag aus. Liam. Er war hier. Sie sollte schleunigst aus dem Haus verschwinden. Sie sollte die Fenster und Türen verrammeln und das Weite suchen. Sie hob den Zettel und roch an dem Papierfetzen. Er duftete nach ihm. Derselbe würzig maskuline Geruch, dem sie bereits in der Höhle erlegen war.

Noch ein Stein. Diesmal war die Nachricht auf Kaugummipapier geschrieben.Ich warte…

Ihr Zimmer befand sich im zweiten Stock und die Außenwände waren glatter als ein Babypo.

„Das sollte ich nicht tun“, murmelte sie. Das war mehr als falsch. Wenn sie ihn hereinließ und er sie erdolchte, würde David sie umbringen. Was wollte der Krieger von ihr? Hatte er die Schrift dabei? Oder wollte er sie sehen. Blödsinn. Das nächste Steinchen kullerte vor ihre Knie.

Doch das solltest du! Hinter dem Satz war eine merkwürdige Fratze gekritzelt. Könnte das ein Smiley darstellen? Wenn er ihre Worte auf diese Entfernung hören konnte, war er tatsächlich vom Drachenclan. Ihr Mund wurde trocken wie die Wüste vor ihrer Haustür.

„Komm rein“, flüsterte sie in die Dunkelheit und stand auf. Was tat sie da? Aufregung prickelte unter ihrer Haut, aber ihre Mauer war absolut intakt. Die Euphorie über ihre Beherrschung drohte zu kippen, als sie eine Hand am Fenstersims sah. Jetzt war es zu spät. Mit fahrigen Fingern ordnete sie ihren… bei den sieben Höllen, sie trug ihren ältesten, hässlichsten Pyjama. Ein stoffgewordener Albtraum aus verwaschenen, gelben Enten.

Dann ragte er vor ihr auf. So groß hatte sie ihn nicht in Erinnerung. Er streifte mit dem Kopf fast die Zimmerdecke und nahm den gesamten Fensterrahmen mit seinem breiten Kreuz ein.

„Ich dachte schon, ich hätte dich nie für mich allein“, sagte er und warf ihr ein schelmisches Grinsen zu, welches sie umhaute.

Das meint er nicht so, wie es geklungen hat. Ganz sicher nicht. Ängstlich brachte sie ihren Körper zur Ruhe. Warum konnte er sie nicht bedrohen oder ihr ein Messer an die Kehle halten. Alles war besser als dieses entwaffnende Lächeln.

„Bist du in Ordnung?“Er blieb auf Abstand.

„Du hast einen Stein nach mir geworfen.“ Etwas Sinnvolleres fiel ihr einfach nicht ein. Wo war ihre Schlagfertigkeit, wenn sie diese brauchte? Die machte Urlaub am Strand!

„Nicht einer meiner hellsten Momente. Süß und spontan geht wohl anders.“

Wieso wollte er süß und spontan sein?

„Normalerweise werfe ich mit Rosen oder belgischer Schokolade. Nicht mit Geröll.“

Sie starrte ihn an und wartete gespannt auf die Alarmsignale ihres Körpers. Die ersten Anzeichen waren bereits zu erkennen. Sie spielte mit dem Feuer. Hoffentlich verbrannte sie ihn nicht.

„Dein Schließer hat ziemlich verdrehte Ansichten“, murmelte er und lehnte sich gegen die Fensterrahmen. Sie war froh, dass er die peinliche Stille durchbrach.

„Mein Schlie… David. Er ist in Sorge. Mehr nicht.“ Mühevoll zwang sie ihre Muskeln zur Entspannung und setzte sich im Schneidersitz auf ihr Bett. Schwäche zeigen war keine Option. „Du darfst das nicht persönlich nehmen.“

„Ich wurde schon Schlimmeres genannt.“Er lachte und winkte ab.

„Zum Beispiel?“

„Meistens hörten die Konversationen mit dem Anrufen einer Gottheit auf“, erwiderte er grinsend.

Ach du Scheiße. Flirtete er mit ihr? Nein. Einbildung. Sie war den eben erwähnten Göttern dankbar für die Schatten, welche sie umgaben. Ihre Wangen brannten lichterloh.„Was willst du?“, fragte sie um das Thema in weniger schlüpfrige Gefilde zu lenken.

„Der Schließer… David will abhauen. Ist das auch dein Wunsch?“

„Er denkt, das sei das Beste und…“

„Ich fragte nach deiner Meinung, nicht nach Davids“, unterbrach er sie unsanft.

Sie hatte in ihrem Leben so oft falsch gelegen, ihre Meinung brachte jene in Gefahr, die sie liebte. Sie war wertlos.„Ja. Ich schätze schon“, antwortete sie mit fester Stimme. Ihr Zusammenbruch vom Nachmittag genügte an Schwäche für einen Tag.

Sein Stirnrunzeln versetzte ihr einen kleinen Stich. Er schien sich seine wahre Antwort darauf ebenso zu verkneifen wie sie.

„Na fein.“ Er klatschte in die Hände und setzte sich zu ihrer großen Überraschung ihr gegenüber im Schneidersitz auf das Bett. Die Matratze bebte unter seinem Gewicht und sie widerstand nur mühevoll dem Instinkt, aufzuspringen. Er war frisch geduscht. Sein Geruch drang zu ihr durch. Eine Mischung aus Koniferenholz und…einer Note, welche eine verloren geglaubte Sehnsucht in ihr weckte.

„In diesem Fall sollte ich versuchen, deine Meinung zu ändern. Wie klingt ein Neuanfang? Ohne Erdbeben, Staub und Panikattacken.“

„Hört sich gut an“, Sie musste lächeln. Er sah so unschuldig aus, wie er vor ihr saß. Die Hände im Schoß gefaltet, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. Wie könnte sie ihm diese Bitte abschlagen? Sei vorsichtig! Er ist ein Killer! Jack the Ripper in sexy!

„Mein Name ist Liam. Ich sterbe für das Banjo, halte Country Musik für eine aussterbende Kunst, ich liebe Frittiertes und ich bin ein Drachenkrieger. Wir sind insgesamt…“

„Ich weiß, wie viele Mitglieder der Clan hat. Wer kennt euch nicht?“

„Wieso fällt dein Urteil so schlecht aus?“ Die Frage klang weder beleidigt, noch sauer. Er wirkte schlichtweg neugierig.

„Auch die Kampfgeschichten kennt jeder“, flüsterte sie und wandte den Blick ab. Es kam ihr falsch vor, ihm das zu sagen.

„Ein Kampf ohne Blutvergießen ist gegen Dämonen leider nicht möglich.“ Sie wollte gerade Luft holen, da hob er eine Hand und fuhr fort. „Mir ist deine Einstellung bekannt. Ich schätze, das kommt daher, dass du keine Satyrn kennst. Denn wenn du das tätest, würdest du ihrem Leben ebenso wenig Bedeutung zumessen wie ich.“

Trotz der brutalen Worte war seine Stimme sanft und gefasst. „Nach Jahrhunderten des Krieges liegt es mir fern, zu behaupten, dass es auch mal keine Unschuldigen traf. Aber unter diesen Monstern gibt es keine Unschuldigen.“

„Wie kann ein Genozid die Lösung sein?“, fragte sie, auch wenn sie die Antwort nicht hören wollte. Einen weiteren blutigen Satz aus diesem Mund würde sie vielleicht nicht verzeihen können.

Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und nahm einen tiefen Atemzug. „Hast du einen Drink zur Hand?“

„In einem arabischen Land bekommt man selten Alkohol. Tut mir leid, nein.“

Da war es wieder. Dieses kurze Aufflackern einer Angst oder einer Erinnerung hinter seinem Blick.

„Der älteste Scotch würde nicht helfen. Probleme sind sehr gute Schwimmer“, setzte sie leise nach.

„Das stimmt.“ Er lächelte sie schwach an. „Am besten machst du dir selbst ein Bild von mir. Und damit meine ich nur dich. Ich könnte dir viel erzählen. Genau wie jeder andere.“

Endlose Momente geschah nichts. Ihr Körper hatte sich mittlerweile an seine Anwesenheit gewöhnt, dennoch war ihr der Blick, den er ihr zuwarf, unangenehm. Er war der erste Mann seit ewiger Zeit, der Wert auf ihre Meinung legte. Der erste Mann, der sie länger als ein paar Sekunden ansah. Andererseits kannte er sie nicht. Wusste nicht, wozu sie in der Lage war. Wusste nicht, was sie getan hatte. Nicht er war derjenige mit Blut an den Händen. Sondern sie. Vielleicht verfocht sie deshalb die Gewaltlosigkeit mit solch glühenden Worten.

„Du hast eine Übersetzung erwähnt. Worum geht es?“ Es hatte keinen Sinn sich in Grübeleien zu wälzen. Wenn sie über die Arbeit sprach, lenkte sie das Gespräch wieder in ruhige Gewässer. Wo sie sich wohlfühlte.

Sein Ledermantel knirschte, als er einen schmalen Tablet-Computer aus der Tasche zog.

Neugierig rückte sie näher.

Doch er schaltete ihn nicht an, sondern schaute sie nachdenklich an.„Es ist eine alte Schrift.“

„Schon mal ein Vorteil. Mit der Cosmo könnte ich auch wenig anfangen.“Sie biss sich auf die Zunge, rechnete jeden Augenblick damit, dass er sie zurechtweisen würde.

Er zerschmetterte ihre Bedenken