Krimi Doppelband 2209 - Alfred Bekker - E-Book

Krimi Doppelband 2209 E-Book

Alfred Bekker

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Beschreibung

Dieser Band enthält folgende Krimis: Der Mädchensammler von Manhattan (Cedric Balmore) Caravaggio verschwindet (Alfred Bekker) Ein FBI-Agent ermittelt verdeckt gegen eine Ring internationaler Waffenhändler. Als er sich mit einem Informanten treffen will, läuft er in eine Falle und gerät in die Fänge eines mörderischen Sadisten. Das Leben des Ermittlers Leben hängt an einem seidenen Faden, während die Kollegen verzweifelt versuchen, seine Spur aufzunehmen.

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Inhaltsverzeichnis

Krimi Doppelband 2209 - Zwei nervenzerfetzende Thriller in einem Buch!

Copyright

Der Mädchensammler von Manhattan: Kriminalroman

Caravaggio verschwindet

Krimi Doppelband 2209 - Zwei nervenzerfetzende Thriller in einem Buch!

Cedric Balmore, Alfred Bekker

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Der Mädchensammler von Manhattan (Cedric Balmore)

Caravaggio verschwindet (Alfred Bekker)

Ein FBI-Agent ermittelt verdeckt gegen eine Ring internationaler Waffenhändler. Als er sich mit einem Informanten treffen will, läuft er in eine Falle und gerät in die Fänge eines mörderischen Sadisten. Das Leben des Ermittlers Leben hängt an einem seidenen Faden, während die Kollegen verzweifelt versuchen, seine Spur aufzunehmen.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Alles rund um Belletristik!

Der Mädchensammler von Manhattan: Kriminalroman

Cedric Balmore

Der Mann folgte ihr seit zehn Minuten. Er fuhr eine dunkelblaue Limousine älterer Bauart. Joan Revell lächelte mitleidig. Ein Mann, der sich kein exklusiveres Fahrzeug leisten konnte, hatte bei ihr keine Chance.
Joan Revell lenkte einen brandneuen saharagelben Lamborghini, einen Zwanzigtausend-Dollar-Wagen, den sie zu ihrem neunzehnten Geburtstag von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte.
Joan Revell bog von der Landstraße ab und rollte mit verminderter Geschwindigkeit über den mit Schotter belegten Weg, der zum Golfklub führte. Sie war neugierig, ob ihr Verfolger den Mut aufbringen würde, die als Privatweg ausgeschilderte Zufahrt zu benutzen.
Die Antwort fiel eindeutiger aus, als es Joan Revell erwartet hatte. Der Ford setzte ausgerechnet auf dem schmalen Schotterweg zum Überholen an. Joan Revell sah sich gezwungen, ihren Lamborghini scharf nach rechts zu steuern, um einer Kollision zu entgehen. Sie wurde wütend, als sie hörte, wie der aufgewirbelte Schotter gegen den Lack ihres neuen Wagens schlug.
**
Die dunkelblaue Limousine zog vorbei. Im nächsten Moment leuchteten vor Joan Revell die Hecklampen des Wagens auf. Joan mußte ihren Lamborghini scharf abbremsen, um die plötzlich haltende Limousine nicht zu rammen.
Sie stieß den Schlag auf und sprang ins Freie. Sie wollte ihrer Empörung mit scharfen Worten Luft machen, aber als sie den Mann sah, brachte sie keinen Laut hervor.
Er stand neben seinem Wagen und hielt einen Revolver in seiner Hand.
»Steig ein!« sagte er barsch und befehlend. »Du gehörst jetzt mir!«
Joan Revell stand wie erstarrt.
Der Mann sah gut aus. Er trug eine dezente Sportkombination und war nicht älter als fünfundzwanzig. Wenn sie ihm unter normalen Umständen begegnet wäre, hätte sie ihn sogar als ihren Typ eingestuft. Aber die Waffe in seiner Hand und die Härte in seinen eisblauen Augen ließen keinen Raum für Sympathien. Und die Worte, die er ihr entgegenschleuderte, wirkten auf sie wie Schläge mit einer Lederpeitsche.
»Wer — wer sind Sie?« würgte sie hervor. »Was soll das bedeuten?«
Er schritt auf sie zu. Der Schotter verursachte unter seinen Füßen ein knirschendes Geräusch. Die beiden Wagenmotoren tuckerten leise. Sonst herrschte Stille. Es war elf Uhr vormittags. Das Klubhaus lag am anderen Ende der etwa zwei Meilen langen Zufahrt. Joan Revell wußte, daß nur durch einen unglaublichen Zufall ausgerechnet jetzt ein Wagen auf dieser Straße auftauchen konnte.
Joans Herz hämmerte schmerzhaft gegen ihre Rippen. Sie spürte Panik in sich aufsteigen. Die eisblauen Augen des Fremden kamen näher. Der Mann wirbelte die Waffe in seiner Hand herum und hob den Arm. Joan Revells Ellenbogen zuckte hoch. Sie versuchte ihn schützend um ihren Kopf zu winkeln, aber der Mann war schneller. Er hieb den Revolverschaft gegen ihre Schläfe.
Das Mädchen brach in die Knie. Der Mann schlug noch mal zu. Joan kippte mit dem Oberkörper nach vorn. Ihr Bewußtsein wurde in den schwarzen Strudel einer Ohnmacht gerissen.
Als sie wieder zu sich kam, lastete ein schwerer Druck hinter ihrer Stirn. Sie hörte das Kreischen von Bremsen und nahm einen fremden Geruch von Muffigkeit und Benzin wahr.
Joan mußte sich im Innern eines fremden Fahrzeugs befinden. Als sie die Lider hob, entdeckte sie, daß sie auf dem Beifahrersitz der dunkelblauen Limousine saß.
Ihre Erinnerung setzte ein. Was war aus dem Unbekannten mit den eisblauen Augen gewprden? Im nächsten Moment erspähte sie ihn. Er tauchte hinter der die Straßenseite begrenzenden Hecke auf. Er hatte ihren saharagelben Lamborghini von der Straße hinab außer Sicht gefahren.
Joan Revell gab sich einen Ruck und sprang aus dem Wagen. Sie taumelte benommen über den Schotterweg und versuchte zu fliehen. Der Gangster holte sie mit wenigen Schritten ein. Er packte sie am Arm, riß sie herum und zwang sie, erneut auf dem Beifahrersitz des alten Ford Platz zu nehmen.
Er hatte einige Mühe, die Limousine auf dem schmalen Weg zu wenden. Sie erreichten die Straße, ohne daß ihnen ein anderes Fahrzeug begegnete. Der Fremde erhöhte die Geschwindigkeit, blieb aber innerhalb des für Bundesstraßen geltenden Speedlimits.
Joan Revell zwang sich zur Ruhe. Es kam jetzt darauf an, nicht die Nerven zu verlieren. Bei der dunkelblauen Limousine handelte es sich um einen 64er Ford. Am Armaturenbrett war in einem roten Kleberahmen das Bild eines blonden lächelnden Mädchens befestigt. Der Handschuhkasten war rot lackiert und konstrastierte stark mit seiner blaugehaltenen Umgebung. Joan Revell bemühte sich, diese Einzelheiten im Kopf zu behalten. Vielleicht würden sie schon bald dazu beitragen können, den Gangster zu stellen.
Ein Kidnapping! Joan Revell erinnerte sich, daß ihr Vater sich früher vor einer solchen Möglichkeit stets gefürchtet hatte. Er war millionenschwer und liebte seine Tochter abgöttisch. Joan hatte niemals ohne Begleitung zur Schule fahren dürfen. Die fast schon an Hysterie grenzende Angst des Vaters hatte sich erst nach dem achtzehnten Geburtstag Joans gelegt. Murphy Revell schien geglaubt zu haben, daß nur Kinder in der Gefahr schwebten, entführt zu werden. Jedenfalls war für ihn das Thema Kidnapping seit einem Jahr erledigt gewesen. Und nun das!
Joan Revell schüttelte ihr silberblondes Haar zurecht. Sie war stolz auf diesen leuchtenden Haarschopf, der auf die meisten Männer wie ein Magnet wirkte. Vielleicht hatte sie Glück und ein ihnen entgegenkommendes Mitglied des Golfklubs bemerkte sie in dem alten Ford. In einem solchen Fall würde es nicht ausbleiben können, daß der Betreffende sich verwundert die Frage stellte, was Joan Revell wohl veranlaßt haben mochte, mit einer solchen Klapperkiste stadtwärts zu fahren.
»Kennst du dich in der Gegend aus?« fragte der Mann.
Joan Revell antwortete nicht. Sie hatte sich vorgenommen, ihren Entführer, der sie zudem brutal niedergeschlagen hatte, mit Verachtung zu strafen. Es empörte sie, daß er es wagte, sie einfach zu duzen.
»Kannst du nicht antworten?« knurrte er.
Joan Revell schwieg.
Plötzlich löste sich eine Hand des Mannes vom Steuer. Sie klatschte hart und flach in Joan Revells Gesicht. Der Schmerz und das Gefühl der Demütigung trieben Tränen in die' Augen des Mädchens. Für ein paar Sekunden haßte Joan den Mann so stark, daß sie entschlossen war, ihren Widerstand gegen ihn noch zu verstärken, aber im nächsten Moment dämmerte ihr, daß sie damit bei diesem Mann nicht durchkommen würde. Sie mußte versuchen, mit dem Gangster auszukommen — zumindest solange sie sich in seiner Gewalt befand. Wenn sie mit ihm sprach und ihn dabei ein wenig kennenlernte, würde es ihr später leichterfallen, die Polizei mit den notwendigen Details für seine Verhaftung zu versorgen.
»Ich kenne nur den Golfklub«, sagte Joan Revell.
Sie starrte mit tränenverhangenen Augen durch die Windschutzscheibe. Ein Lastwage'n kam ihnen entgegen, dann ein Minicooper. Niemand vom Klub. Der Gangster bog plötzlich von der Straße ab und rollte über einen schmalen holprigen Feldweg, der auf einen Waldstreifen zuführte.
Joan Revells Herzschlag beschleunigte sich. Ihre Furcht nahm zu. Wollte der Mann nur mit ihr allein sein? War er einer von denen, die sich auf ihre Weise raubten, was sie zu haben wünschten? Schaudernd erinnerte sich Joan Revell an Zeitungsberichte von Sittlichkeitsverbrechern und Lustmördern. Der Ford fuhr jetzt ziemlich langsam, um mit den tiefen Schlaglöchern fertig zu werden.
Joan Revell überlegte, ob sie es riskieren sollte, einfach den Wagenschlag aufzustoßen und während der Fahrt ins Freie zu springen. Sie hatte sich inzwischen so weit erholt, daß sie sich zutraute, den Absprung zu schaffen und ihn unverletzt zu überstehen. Wenn sie vorher die Schuhe abstreifte, konnte sie mit ihrem kurzen Rock sehr schnell laufen.
»Laß dir nicht einfallen, mir noch einmal davonzuiennen«, drohte der Mann, als hätte er ihre Gedanken erraten. »Meine Kugel würde dich rasch einholen.«
Joan Revell merkte, daß sie eine Gänsehaut bekam. Sie wandte den Kopf und blickte den Gangster an. Es erstaunte sie, daß ein Mann mit so wohlgeformten Gesichtszügen in dieser brutalen Weise sprechen und handeln konnte.
Der Weg führte an dem Wäldchen vorbei, schlug ein paar Haken und senkte sich dann auf einen Waldstreifen zu, der in einer Mulde lag. Der Weg führte mitten hindurch. Joan Revell fröstelte es, als Bäume und dichtes Unterholz ihr die Sicht zu versperren begannen. Der Weg machte den Eindruck, als würde er nur selten von Fahrzeugen benutzt.
Der Gangster fuhr sehr langsam. Joan begann unwillkürlich zu zittern. Schweiß überzog ihren Körper. Sie fürchtete, daß der Gangster, der ständig abwechselnd nach rechts und links blickte, Ausschau nach einer geeigneten Stelle für sein Vorhaben hielt.
Joan Revell zwang sich mit aller Gewalt zur Ruhe. Sie war entschlossen, sich bis zum äußersten zu wehren. Gleichgültig, ob ihr Entführer versuchen würde, sie zu vergewaltigen oder zu töten.
Der Kidnapper bremste seinen alten Ford abrupt ab. Links neben dem Weg schimmerte die dunkle, schmutzig-ölige Wasserfläche eines Tümpels durch das Unterholz.
»Aussteigen!« befahl er.
Joan Revell starrte ihm in die Augen.
»Was haben Sie vor?« wollte sie wissen.
Die Lippen des Mannes krümmten sich spöttisch. »Du wirst überrascht sein«, sagte er.
»Wagen Sie es nicht mich anzurühren!« stieß Joan Revell hervor.
Er lachte nur kurz. »Dich werden noch viele anfassen«, erklärte er. »Du wirst sehr rasch lernen, daß das dein neues Leben wird, Honey.«
Ein Frösteln kroch über Joan Revells Haut. Ihr dämmerte, was der Gangster mit seinen Worten zu sagen versuchte, aber ihr Verstand sperrte sich gegen diese Ungeheuerlichkeit. Das Mädchen versuchte sich sekundenlang einzureden, daß sie sich das alles nur einbildete, daß sie…
Abermals kämpfte sie die in ihr aufsteigende Panik nieder. Sie mußte Gewißheit haben. Um jeden Preis!
»Können Sie sich nicht klarer ausdrücken?« fragte sie.
Der Mann kletterte ins Freie. »Komm!« sagte er.
»Ich denke nicht daran auszusteigen!«
Er ging um den Wagen herum und öffnete den Schlag auf der Beifahrerseite. »Komm«, wiederholte er. Joan Revell blickte in seine eisblauen, eiskalten Augen. Plötzlich wußte sie, daß es sinnlos war, diesem seelenlosen Roboter des Verbrechens Widerstand entgegenzusetzen. Er würde ihn brechen — mit allen Mitteln. Joan Revell stieg aus.
»Na, also!« sagte er. »Warum denn nicht gleich so?« Er trat an das Wagenheck. »Wieviele Männer hast du schon zugrunde gerichtet?« fragte er.
Joan Revell hatte Mühe, ihre Verblüffung zu meistern. Sie wußte nicht, was seine Frage bedeuten sollte. Lag in ihr der Schlüssel zu ihrer Entführung?
»Ich verstehe nicht, was Sie damit meinen«, sagte sie.
»Habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt? Du bist schön. Du bist reich. Ich wette, die Männer laufen dir in Scharen hinterher. Wieviele davon hast du mit deinem Stolz und deinem Hochmut schon ruiniert?«
»Ich bitte niemanden darum, mir aus der Hand zu fressen«, antwortete das Girl scharf. »Ich kann es nicht ändern, wenn mir die Männer nachlaufen.«
Wenn sie sich ernsthaft prüfte, mußte sie zugeben, daß es ihr Spaß machte, der Mittelpunkt einer Gesellschaft zu sein. Es hob ihr Selbstbewußtsein, wenn die Männer ihre Blicke und ihre Nähe suchten.
Joan Re veil war einem Flirt nie abgeneigt. Sie hatte keinen festen Freund und mußte zuweilen, um einen besonders hartnäckigen Verehrer loszuwerden, auch zu gröberen Mitteln greifen. Es stimmte, daß vor einem Jahr ein romantischer versponnener Student versucht hatte, sich ihretwegen das Leben zu nehmen. Sie hatte das nicht gewollt und fühlte sich für seine absurde Reaktion nicht verantwortlich.
Der Gangster schien plötzlich an der Fortsetzung des seltsamen Themas nicht mehr interessiert zu sein. Er ließ den Deckel des Kofferraums aufspringen. Joan Revell trat auf das Heck zu und blieb wie erstarrt stehen, als sie sah, was sich in dem Kofferraum befand.
Sie hatte auf einmal das Gefühl, als setzte ihr Herzschlag aus. In dem Wagenheck lag, verkrümmt, mit angezogenen Beinen, ein junges blondes Mädchen.
Das Mädchen war tot.
»Faß mit an«, sagte der Gangster.
Joan Revell war außerstande, sich vom Fleck zu rühren. Obwohl der Anblick der Toten sie schockte und lähmte, brachte sie es nicht fertig, zur Seite zu sehen.
Joan Revell schätzte das Alter des Opfers auf zwanzig. Der Mund des Mädchens war blutverkrustet. In den gebrochenen, weit offenen Augen verband sich die gläserne Starre des Todes mit einem Abglanz des Grauens, das sie in ihren letzten Augenblicken verspürt haben mußte.
»Faß an!« wiederholte der Gangster um eine Nuance schärfer und ärgerlicher.
Mit einiger Mühe lösie Joan Revell ihre Blicke von, der Toten. Sie schaute den Kidnapper an. War er überhaupt ein Mensch? Warum hatte er das blonde Mädchen umgebracht? Was erwartete er jetzt von ihr?
»Wer — wer ist das?« brachte Joan Revell kaum hörbar über ihre Lippen.
»Sie war ungefähr in deinem Alter«, sagte der Gangster. »Sie spurte nicht und machte ein paar Mätzchen. Deshalb mußte ich sie abservieren. Dir wird es genauso ergehen, wenn du mir nicht gehorchst. Los, faß an!«
Joan Revell begriff noch immer nicht. Dieser Mörder konnte doch nicht erwarten, daß sie die Leiche berührte!
»Ich muß sie verschwinden lassen«, sagte er und wies mit dem Kopf auf die schwarze Fläche des nahen Tümpels. »Hier wird sie niemand suchen.«
»Ich — ich kann nicht«, murmelte Joan Revell. Ihre Knie wollten nachgeben. Sie hielt sich mit der Hand an dem Wagen fest, um nicht zu fallen.
Der Gangster musterte sie scharf. Er schien auf sie zutreten und sie erneut schlagen zu wollen, aber dann erkannte er, daß Joan Revells Schwäche nicht gespielt war.
Er zuckte mit den Schultern, zog den Zündschlüssel ab und hob dann die Tote aus dem Wagenheck. Er legte sie sich über die Schulter und schritt auf den Tümpel zu.
Du mußt weglaufen, hämmerte sich Joan Revell ein. Jetzt bietet sich dir die letzte Fluchtchance!
Aber sie wußte, daß sie einfach nicht genügend Kraft für dieses Vorhaben hatte. Die Schwäche in ihren Knien hielt unvermindert an.
Der Gangster war an den Rand des Tümpels getreten. Er bückte sich nach einem abgebrochenen Ast und stocherte damit in dem Wasser herum, um die Tiefe auszuloten.
Schließlich ließ er die Leiche in den Tümpel klatschen. Die schwarze, ölig anmutende Wasserfläche schloß sich über dem Mordopfer. Nur eine Schulter ragte noch daraus hervor.
Der Gangster schaute sich nach allen Seiten sichernd um, dann riß er von einer Weide einen tief hängenden Ast ab. Er warf ihn über die aus dem Wasser ragende Schulter. Jetzt war von der Toten nichts mehr zu sehen.
Der Mann kehrte zum Wagen zurück. Er wischte sich die Hände an den Hosen ab und schloß den Kofferraum. »Es kann weitergehen«, sagte er. »Einsteigen!«
Joan Revell gehorchte schweigend. Sie schwitzte vor Angst. Ihr Mund war knochentrocken. Der Gangster setzte den Wagen zurück und wendete dann auf der Wiese, die den Muldeneingang bildete. Sie fuhren zurück zur Straße.
Joan Revells Blicke hafteten unverwandt an der Fotografie in dem roten Rahmen am Armaturenbrett des Wagens. Nein, das darauf abgebildete Mädchen war nicht mit der Toten identisch.
Sicher war es eine Freundin des Killers.
Joan Revell schüttelte sich. Wie konnte es nur jemand fertigbringen, einen Mörder zu lieben?
Joan hob ihren Blick und betrachtete die Hände des Mannes. Es waren durchaus normal wirkende Hände, schlank, fest und wohlgeformt. Es war nahezu unglaublich, daß diese Hände ein junges Menschenleben skrupellos ausgelöscht hatten.
Joan Revell wußte jetzt, daß es bei diesem Kidnapping nicht nur um eine bestimmte Lösegeldsumme ging. Es ging um ihr Leben.
***
Murphy Revell war hochgewachsen und breitschultrig. Für einen Mann seiner Statur und seines Alters hatte er erstaunlich schmale Hüften. Mit seinem energischen Kinn machte er den Eindruck einer vitalen, dynamischen Persönlichkeit.
Tatsächlich hatte sich Revell aus kleinsten Anfängen bis zum vielfachen Dollarmillionär hochgearbeitet. Es lag auf der Hand, daß er das nur unter Zuhilfenahme seiner Ellenbogen hatte schaffen können, und daß er rundherum ein harter, zielstrebiger Mann war.
Murphy Revell hatte nach dem Verschwinden seiner Tochter darauf bestanden, das FBI einzuschalten, denn Revell war überzeugt davon, daß seine Tochter das Opfer einer Entführung geworden war.
Mein Freund und Kollege Milo Tucker und ich hatten die Aufgabe, die Stichhaltigkeit von Murphy Revells Behauptungen zu überprüfen.
Schon nach den ersten Sätzen zeigte sich, daß Murphy Revells so oft bewiesene Härte nicht existierte, wenn es um seine Tochter Joan ging.
»Ich habe immer nur für sie geschuftet«, erklärte er. »Alles, was ich tue und leiste, dient einzig dem Ziel, Joans Zukunft abzusichern.«
Wir saßen im Arbeitszimmer seines Privathauses in Lloyd Harbor, Long Island. Es war drei Uhr nachmittags, und die Terrassentüren standen offen-. Über dem Land spannte sich ein wolkenloser Himmel, aber hier, in dem geräumigen, repräsentativ eingerichteten Zimmer lasteten die Schatten eines Verbrechens. Jedenfalls bemühte sich Murphy Revell darum, diese Schatten mit seinen Worten heraufzubeschwören.
»Ich habe immer geahnt, daß es einmal passieren würde«, sagte er. »Es wurde bei mir zur fixen Idee. Meine Frau schickte mich deshalb vor anderthalb Jahren zum Psychiater. Der Doktor schaffte es, mich von meinen Zwangsvorstellungen zu befreien. Ich räumte Joan mehr Freiheiten ein. Seit etwa einem Jahr konnte sie sich praktisch frei bewegen. Das letzte Jahr schien dem Arzt recht zu geben — ich hatte mich umsonst in diese Furchtpsychose hineingesteigert. Aber jetzt und heute weiß ich, daß sie begründet war. Joans Entführung beweist es.«
»Wann hat Joan gestern das Haus verlassen?« fragte Milo.
»Das war so gegen zehn Uhr vierzig«, antwortete Revell. »Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt in meinem Office an der Seventh Avenue. Von dem Butler hörte ich, daß Joan ihre Golfschläger in den Wagen gepackt und noch darum gebeten hatte, mit dem Essen nicht auf sie zu warten. Sie ißt sehr gern im Klub… Die Küche dort ist ausgezeichnet.«
»Wie weit ist es von Lloyd Harbor zum Golfklub?« erkundigte sich Milo.
»Fast fünfzehn Meilen«, antwortete Revell. »Ich habe nie begriffen, warum sie so weit fahren mußte, um ein paar Bälle über den Rasen zu treiben, aber Joan hat nun mal eine Schwäche für den Klub. Er ist exklusiv. Seine Mitglieder gehören fast ausnahmslos zur Prominenz. Ich esse mittags meistens in der Stadt. Gestern traf ich beim Essen Ray Hillgram, den bekannten Theaterkritiker. Er offerierte mir zwei Karten für die Premiere des neuen Musicals am gleichen Abend. Ich freute mich, Joan damit überraschen zu können und rief zu Hause an, um sie zu fragen, ob sie mit mir ins Theater gehen würde. Der Butler sagte mir, sie sei zum Golfklub gefahren. Ich rief daraufhin beim Klub an und erfuhr, daß Joan sich weder im Klubhaus noch auf dem Gelände aufhielt. Nach unzähligen Telefonanrufen bei Freunden und Bekannten gab ich es schließlich auf. Ich vermutete, daß Joan einen Bekannten getroffen und ihre Pläne geändert hatte. Als sie zum Abendessen nicht nach Hause kam und auch telefonisch keinen Bescheid wegen ihres Fernbleibens gab, begann ich mir ernsthafte Sorgen um meine Tochter zu machen.«
»Sie kam regelmäßig zum Abendessen nach Hause?« fragte ich.
»Ja«, erwiderte Murphy Revell. »Sie wußte, daß ich großen Wert darauf lege, und ließ mich eigentlich nie im Stich. Wenn sie wirklich einmal verhindert war, pflegte sie sich telefonisch zu entschuldigen und den Grund für ihr Nichterscheinen zu nennen.«
»Hielten Sie das Mädchen sehr streng?« fragte Milo.
»Ich weiß, worauf Sie mit dieser Frage hinauswollen«, meinte Murphy Revell. »Sie versuchen aus dem gemeinsamen Abendessen den Schluß abzuleiten, daß es in meinem Haus sehr patriarchalisch zugeht und daß ich ein autoritärer Familienvater bin, dem die flügge gewordene Tochter sich mit einem plötzlichen Entschluß entzogen haben könnte.«
»Wissen Sie, wie viele Mädchen ihren Eltern allein in New York täglich davonlaufen?« fragte Milo.
»Statistische Angaben interessieren mich nicht«, meinte Murphy Revell. »Wir führen ein harmonisches, glückliches und durch nichts getrübtes Familienleben. Joan konnte ihr Leben nach eigenen Vorstellungen führen und formen. Ich habe niemals versucht, sie zu bevormunden. Seit ihrem achtzehnten Lebensjahr genießt sie absolute Freiheit.«
»Gehört es nicht zur absoluten Freiheit, für ein oder zwei Tage zu verschwinden?« fragte Milo.
»Nein«, antwortete Murphy Revell. »Es gibt keine . Freiheit ohne moralische Verpflichtungen. Joan weiß, daß wir uns Sorgen machen würden. Schon deshalb hätte sie uns in einem solchen Fall verständigt. Ich kann nur wiederholen, was ich bereits sagte. Unser Familienleben ist vorbildlich.«
»Worte wie diese werden von vielen verzweifelten Eltern geäußert, denen die Kinder davongelaufen sind«, hielt Milo Revell entgegen.
»Joan ist entführt worden!« beharrte Murphy Revell auf seiner Theorie.
»Hat sie einen festen Freund?« fragte ich.
»Sie ist hübsch und hat demzufolge eine Menge Verehrer, aber bis jetzt fühlte sie sich an keinen dieser jungen Männer ernsthaft gebunden — Gott sei Dank! Joan ist noch viel zu jung zum Heiraten.«
»Fest steht, daß noch niemand angerufen und durch eine Lösegeldforderung Ihre Befürchtungen bestätigt hat«, meinte Milo nachdrücklich.
»Wollen Sie denn warten, bis es den Entführern einfällt,' sich zu melden?« fragte Murphy Revell empört. »Bis dahin können noch Tage vergehen! Die Taktik dieser skrupellosen Verbrecher ist doch hinreichend bekannt. Sie wollen ihre Opfer auf diese Weise gefügig machen — und ich muß zugeben, daß sie damit richtig liegen. Das Warten zerrt schon jetzt unerträglich an meinen Nerven!«
»Haben Sie sich erkundigt, ob Joans Wagen auf dem Golfparkplatz gefunden wurde?« wollte Milo wissen.
»Selbstverständlich«, nickte Murphy Revell. »Es ist ein neuer saharagelber Lamborghini, so einen Wagen übersieht man nicht. Leider konnte mir bislang niemand sagen, wo er abgestellt wurde.«
Das Telefon klingelte. Murphy Revell wurde leichenblaß. Er starrte den Apparat an, als läge eine Giftschlange auf seinem Schreibtisch.
»Das ist der Kerl«, flüsterte er. »Jetzt ruft er an. Und wir haben noch nicht mal das Bandgerät angeschlossen!«
»Darf ich?« fragte ich und griff nach dem Zweithörer. Murphy Revell meldete sich.
»James Holloway«, ertönte es am anderen Ende der Leitung. »Wir haben den Wagen Ihrer Tochter gefunden, Sir. Er stand in einer Mulde, nur zwei Meilen vom Golfplatz entfernt. Der Zündschlüssel steckte noch…« Murphy Revell streckte mir schweigend seinen Hörer entgegen. Er war unfähig, ein Wort hervorzubringen. Ich überließ Milo den Zweithörer.
»Trevellian, FBI«, meldete ich mich. »Wer hat den Wagen gefunden?«
»Jimmy Burns, einer der Caddys«, antwortete Holloway. »Er sah auf der Heimfahrt etwas Gelbes durch die Bäume schimmern, schaute nach und fand den Lamborghini.«
»Hat er versucht, den Wagen zum Golfklub zu bringen?« fragte ich.
»Nein, er hat ihn nicht berührt, Sir. Er hat nur sofort Meldung erstattet.«
»Bitte, erwarten Sie uns an der Fundstelle«, sagte ich und legte auf.
Wir ließen meinen Jaguar stehen und fuhren mit Murphy Revells flaschengrünem Jensen los. Ich bat ihn darum, die gleiche Strecke zu nehmen, die Joan zu benutzen pflegte. Wir brauchten knapp eine Stunde, um die Zufahrt zum Golfplatz zu erreichen.
James Holloway, der Klubmanager, erwartete uns in Shorts und einem gelben Polohemd etwa zweihundert Yard hinter der Abzweigung. Er war ein braungebrannter drahtiger Mann mit sehr hellen Augen. Murphy Revell stoppte seinen Wagen am Wegesrand und sprang ins Freie. Er schwitzte stark und hatte Mühe, das Zittern, hervorgerufen durch seine innere Erregung, vor dem Klubmanager zu verbergen.
»Wo steht der Wagen?« fragte er.
James Holloway führte uns durch eine Öffnung der Straßenhecke zu dem im Schutz einer Baumgruppe stehenden Lamborghini. Auf dem Beifahrersitz lag Joans Ledertasche mit den Golfschlägern. Ein rotblonder Junge kam mit hochrotem Gesicht heran.
»Ich habe die Umgebung nach Spuren abgesucht«, meldete er eifrig, »aber ich habe nichts Verdächtiges entdeckt.«
»Das ist Jimmy Burns«, stellte Holloway den Jungen vor. »Er hat den Wagen gefunden.«
»Glauben Sie jetzt endlich, daß meine Tochter entführt wurde?« fragte Murphy Revell mit schriller Stimme. »Joan hatte keinen Grund, ihren Wagen hier abzustellen!«
Ich setzte mich hinter das Lenkrad und drückte auf den Anlasser. Die Maschine sprang sofort an. Nachdem ich mich davon überzeugt hatte, daß der Wagen mechanisch völlig intakt war, stieg ich wieder aus.
Wir kehrten zurück zur Straße und schauten uns dort um. Der aufgewühlte Schotter ließ erkennen, daß hier scharf abgebremst worden war und daß ein Wagen gewendet hatte. Die Spuren machten es leicht, das Geschehene zu rekonstruieren. Milo und ich wechselten einen kurzen Blick des Einverständnisses. Wir sahen keinen Grund, jetzt und hier die Ereignisse zu erörtern. Der aufgeregte Murphy Revell stand sowieso am Rande eines Nervenzusammenbruchs.
***
Milo übernahm es, mit James Holloway zum Klubhaus zu fahren, um das Abholen und die Untersuchung des Lamborghini zu veranlassen. Ich kehrte mit Revell in dessen Jensen nach Lloyd Harbor zurück.
Überraschenderweise äußerte Revell auf der Heimfahrt kaum ein Wort. Er brütete nur stumm vor sich hin.
Ich fragte mich, ob die Entführer bereits Revells Haus beobachteten und wie sie auf die Feststellung reagieren würden, daß sich schon das FBI eingeschaltet hatte.
Ich schaute mich dementsprechend gründlich um, als wir Revells Wohnsitz erreicht hatten, bemerkte jedoch nichts Verdächtiges. Der Butler erwartete uns im Rahmen der Tür. Er sah grau und verfallen aus, als litte er an einer Magenkolik.
»Was ist los, Howard?« fragte Murphy Revell schwer atmend. Er sah, daß der Butler unter Schockwirkung stand, und vermutete, daß dies mit einer Nachricht zusammenhing, die der Butler für ihn bereithielt.
»Das District Office hat angerufen, Sir«, antwortete der Butler, der es vermied, Revell in die Augen zu blicken.
»Mr. Trevellian wurde gebeten, sofort zurückzurufen!«
»Das ist aoch nicht alles!« stieß Murphy Revell hervor und packte seinen Butler an den Schultern. Er schüttelte ihn wie einen Sack Lumpen, »’raus mit der Sprache, Howard! Was ist passiert?«
Der Butler starrte noch immer an Revell vorbei. Während Revell ihn schüttelte, war sein Kopf hilflos hin und her geflogen, aber als vorbildlicher Butler hatte er es sich versagt, auch nur den Meinsten Protest zu äußern.
»Ein — ein Mädchen ist gefunden worden, Sir«, sagte er mit belegt klingender Stimme.
Murphy Revell atmete rasselnd. »Ein Mädchen?« fragte er. »Wo?«
»In der Nähe des Golfplatzes. Etwa eine Meile von der Zufahrt entfernt.«
Murphy Revell schluckte. »Tot?« murmelte er.
Der Butler schloß die Augen. Er wirkte wie mumifiziert. »Tot«, bestätigte er.
Ich erwartete, daß Murphy Revell irgend etwas Lautes und Spektakuläres tun würde, aber nichts dergleichen geschah. Er sank mit dem Rücken gegen die Wand, ließ den Kopf hängen und schwieg.
Ich eilte ip Revells Arbeitszimmer und wählte die Nummer des District Office. Sekunden später hatte ich Mr. McKee, unseren Chef, an der Strippe. Er gab mir die Einzelheiten des grausigen Fundes bekannt.
»Das Mädchen wurde heute morgen um acht Uhr von Robert Delaney, dem Förster, entdeckt. Ihm fiel auf, daß ein großer Zweig von einer Weide abgerissen und ins Wasser eines Tümpels geworfen worden war. Delaney gewann sofort den Eindruck, daß der Zweig etwas verdecken sollte, und zog ihn beiseite. Dabei fand er das Mädchen. Wir konnten es noch nicht identifizieren, sein Alter dürfte ungefähr zwischen neunzehn und zwanzig liegen…«
»Ist es blond?« warf ich ein. Revell hatte Milo und mir ein Foto seiner Tochter gezeigt, deshalb wußte ich, wie sie aussah.
»Hellblond«, antwortete Mr. McKee.
»Wann ist ihr Tod eingetreten?«
»In den gestrigen Morgenstunden. Genaueres wird die Obduktion ergeben.«
»Steht die Todesursache schon fest?«
»Das Mädchen wurde offenbar mit Fausthieben bewußtlos geschlagen und dann erdrosselt«, antwortete Mr. McKee. »Es handelt sich um ein besonders scheußliches Verbrechen von äußerster Brutalität. Ihnen fällt die wenig angenehme Aufgabe zu, Mr. Revell zum Leichenschauhaus zu begleiten. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das sofort erledigen könnten.«
»Ja«, sagte ich und legte auf. Ein Geräusch ließ mich herumfahren. Murphy Revell trat über die Schwelle. Er hielt eine Pistole in der Hand. Seine Lippen zuckten.
»Was wollen Sie mit der Waffe?« fragte ich ihn.
Er starrte an mir vorbei. Sein Blick ging durch die offenstehende Terrassentür hinaus ins Freie. »Ich werde den Kerl finden«, sagte er. Seine Stimme war leise und klang verändert. »Ich werde Joans Tod rächen — ich allein.«
Das Telefon klingelte. Murphy Revell Schien es nicht zu hören. Er sprach weiter, aber ich verstand nicht mehr, was er sagte. Er mußte wahnsinnig geworden sein.
»Wollen Sie nicht abnehmen?« fragte ich ihn.
Er reagierte nicht. Ich griff nach dem Hörer. »Hier bei Revell«, sagte ich.
Der Teilnehmer meldete sich nicht. Ich hörte nur sein Atmen. Mir dämmerte, wer anrief.
»Hallo?« fragte ich.
»Geben Sie mir Revell«, äußerte eine barsche, metallisch, klingende Männerstimme. »Los, rasch. Nach drei Minuten lege ich auf.«
»Es ist für Sie, Mr. Revell«, sagte ich und hielt ihm den Hörer entgegen.
Der Hausherr hob sein Kinn. Er machte den Eindruck, als erwache er aus einem Zustand von Trance. »Für mich?« fragte er verständnislos. Dann winkte er heftig ab. »Zum Teufel damit, ich will niemand sprechen!«
»Es ist der Entführer,der Entführer!« formte ich mit meinen Lippen, ohne einen Laut von mir zu geben. Murphy Revell starrte mir in die Augen und begriff. Mit wenigen Schritten war er bei mir. Er riß mir den Hörer aus der Hand. Ich führte den Zweithörer ans Ohr.
»Revell.«
»Hallo, Mister«, sagte der Mann am anderen Leitungsende. »Ich habe Ihre reizende Tochter gekrallt. Sie befindet sich in meinem Gewahrsam. Sie sehen das Püppchen nur dann wieder, wenn Sie es schaffen, eine Million Dollar für mich lockerzumachen. Ein Milliönchen in kleinen, gängigen Scheinen. Sie haben zwei Tage Zeit, um den Betrag aufzutreiben. Ich rate Ihnen, auf eine Benachrichtigung der Bullen zu verzichten — sonst sehen Sie Ihre Tochter im Leichenschauhaus wieder!«
Die Adern an Murphy Revells Schläfen schwollen an. Seine Augen traten aus den Höhlen. »Sie haben einen Fehler gemacht, einen tödlichen Fehler!« keuchte er. »Sie haben Joan umgebracht. Das werden Sie mit Ihrem Leben bezahlen. Ich werde mein ganzes Vermögen opfern, um Sie zur Strecke zu bringen, hören Sie? Ich bin bereit, mich mit dem Teufel zu verbünden, um Sie sterben zu sehen…« Es knackte in der Leitung. Der Teilnehmer hatte aufgelegt. Schwer atmend ließ Murphy Revell den Hörer sinken. Er schaute mich verdutzt an, aber sein Erstaunen währte nur wenige Sekunden. Dann überwältigte ihn erneut der Haß.
»Er weiß jetzt Bescheid«, preßte er durch die Zähne und schmetterte den Hörer auf die Gabel. »Er weiß, daß ich ihn jagen werde! Jagen ohne Gnade… und töten!«
»Ich fürchte, Sie haben eine Riesendummheit begangen«, erwiderte ich.
Murphy Revells schrille Stimme überschlug sich vor Erregung. »Er hat Joan ermordet!«
»Das steht noch keineswegs fest, und ich werde…«
»Ja, zweifeln Sie denn daran?« unterbrach Revell mich verblüfft. »Wer sollte denn wohl sonst die Tote sein, die in der Nähe des Golfplatzes gefunden wurde?«
»Das werden wir wissen, wenn wir sie gesehen haben. Bitte, folgen Sie mir.«
Murphy Revell schloß die Augen. Er hielt sich mit beiden Händen an seinem Schreibtisch fest. Die Vorstellung, daß- er seiner ermordeten Tochter im Leichenschauhaus gegenübertreten sollte, überstieg seine Kräfte. Ich wartete, bis er sich beruhigt hatte, und geleitete ihn hinaus. Es war unmöglich, ihn in diesem Zustand seinen Wagen steuern zu lassen. Ich setzte ihn in meinen Jaguar. Wir fuhren los.
Unterwegs sprach Murphy Revell kein Wort. Er hielt seine Augen geschlossen und wirkte wie ein Schlafender, aber ich wußte, daß er auf eine für ihn quälende und sehr schmerzhafte Weise hellwach war.
In den weißgekachelten Räumen des Leichenschauhauses umfing uns gedämpfte hygienische Nüchternheit. Ein Mann mit weißer Kappe zog eine stählerne Schublade mit der Nummer 211 aus der Kühlwand.
Er schlug das weiße Laken vom Gesicht der Toten zurück und musterte dann Murphy Revell mit der gelassenen Ergebenheit eines Mannes, der gelernt hat, mit den Schmerzausbrüchen seiner Besucher fertig zu werden.
Murphy Revell fiel schwer gegen meine Schulter. Ich fing ihn auf und stützte ihn. Seine Schwäche währte nur wenige Sekunden.
»Das ist nicht Joan«, sagte er.
Ich gab dem Angestellten ein Zeichen. Er breitete das Laken wieder über das wächserne Gesicht der Toten und ließ die Box in die Wand zurückgleiten.
Nachdem die notwendigen Angaben zu Protokoll genommen worden waren, führte ich Murphy Revell ins Freie.
Auf der Straße holte Revell tief Luft.
»Mein Gott!« stöhnte er. »Wo ist Joan?« Seine Augen flackerten vor Erregung.
Ich versuchte ihn zu beruhigen.
»Jetzt können Sie hoffen, Revell, daß Joan lebt. Solange der Kidnapper von Ihnen eine Million Dollar haben will, ist nichts verloren! Er weiß, daß Sie, ehe Sie zahlen, von ihm den Beweis dafür verlangen, daß Joan tatsächlich noch lebt.«
Ich merkte, wie Revell wieder Hoffnung schöpfte. Ich war allerdings keineswegs so optimistisch, wie ich tat. Aber das ließ ich mir nicht anmerken.
Unwillkürlich mußte ich an die Tote in der Stahlbox denken. Sie war ein hübsches Mädchen gewesen, jung und sicherlich voller Lebensfreude.
Es war einer jener Augenblicke, in denen ich diese ganze verfluchte Killerbrut haßte. Mir blieb jedoch nicht viel Zeit für meine Empfindungen, denn Revell packte mich mit beiden Händen an den Schultern.
»Ich war ein Idiot!« keuchte er. »Ich habe den Entführer unnötigerweise gereizt. Wie wird er darauf reagieren? Was wird er jetzt tun?«
»Er wird sich wieder melden«, erwiderte ich. »Sie wissen, warum!«
»Ich muß sofort nach Hause!« Revell ließ mich los. »Vielleicht hat der Kerl schon wieder angerufen. Ich brauche Sie nicht mehr, Trevellian — diesen Fall führe ich allein zu Ende.«
»Wie?« fragte ich ihn.
»Ich zahle.«
»Eine Million?«
»Mir geht es nicht um das Geld«, meinte er. »Ich dachte, das hätte ich schon hinreichend klargestellt. Ich würde den letzten Dollar meines Vermögens opfern, um Joan zu retten. Es würde mir nicht schwerfallen. Mein Kapital sitzt hier«, fuhrt er fort und tippte sich mit einem Finger an den Kopf. »Damit kann ich jederzeit wieder reich werden.«
»Warum haben. Sie uns denn angerufen?«
»Ich war verzweifelt. Ich wußte mir keinen Rat und wollte etwas für Joan tun. Das müssen Sie doch verstehen!«
»Gewiß«, sagte ich. »Nur begreife ich nicht, daß Sie auf einmal glauben, Ihr Partner werde zu seinem Wort stehen und Joan nach Zahlung der Lösegeldsumme ausliefern.«
»Warum sollte er sie denn weiterhin zurückhalten?« fragte Murphy Revell.
»Um noch mehr Geld von Ihnen zu bekommen.«
»Er kann es haben!«
»So viel, wie Leute dieses Schlages unter Umständen haben wollen, können Sie gar nicht auftreiben.«
»Wollen Sie mir Angst machen?«
»Ich will nur versuchen, Sie auf die Risiken eines Alleinganges hinzuweisen. Sie haben im Gespräch mit meinem Kollegen Milo Tucker statistische Ziffern abgelehnt — aber Sie müssen sich von mir sagen lassen, was die Statistik im Falle von Menschenraub aufgezeichnet hat. Wissen Sie, wie viele Opfer von Entführungen nicht zurückkehrten, obwohl die Angehörigen die Lösegeldforderungen der Verbrecher prompt erfüllten?«
»Es gibt ebenso viele Gegenbeispiele, zum Beispiel das des jungen Sinatra.«
»Der Fall Sinatra wurde mit Hilfe des FBI gelöst«, erinnerte ich ihn.
Er winkte unwirsch ab. »Wir reden zuviel«, meinte er. »Ich muß jetzt nach Hause.«
»Würden Sie uns wenigstens erlauben, für eine befristete Zeit Ihre Telefonleitung anzuzapfen?« fragte ich.