Krimi Doppelband 89 - Zwei klassische Privatdetektivromane in einem Band - Theodor Horschelt - E-Book

Krimi Doppelband 89 - Zwei klassische Privatdetektivromane in einem Band E-Book

Theodor Horschelt

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Beschreibung

Dieser Band enthält folgende Krimis: Ab zur Hölle (Theodor Horschelt) Ein Toter für Mister Finch (Cedric Balmore) Eine Leiche im Wohnzimmer. Stuart Finch, der berühmte Schauspieler will nicht die Polizei rufen, um einen Skandal zu vermeiden. Stattdessen versucht er Privatdetektiv Jack Braden zu engagieren. Doch dann ist die Leiche wieder verschwunden, nur ein Feuerzeug bleibt zurück. Jack ist plötzlich interessiert und kommt einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur.

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Cedric Balmore, Theodor Horschelt

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Inhaltsverzeichnis

Krimi Doppelband 89 - Zwei klassische Privatdetektivromane in einem Band

Copyright

Ab zur Hölle

Ein Toter für Mister Finch

Krimi Doppelband 89 - Zwei klassische Privatdetektivromane in einem Band

Theodor Horschelt, Cedric Balmore

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Ab zur Hölle (Theodor Horschelt)

Ein Toter für Mister Finch (Cedric Balmore)

Eine Leiche im Wohnzimmer. Stuart Finch, der berühmte Schauspieler will nicht die Polizei rufen, um einen Skandal zu vermeiden. Stattdessen versucht er Privatdetektiv Jack Braden zu engagieren. Doch dann ist die Leiche wieder verschwunden, nur ein Feuerzeug bleibt zurück. Jack ist plötzlich interessiert und kommt einer unglaublichen Verschwörung auf die Spur.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2021 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Ab zur Hölle

Krimi von Theodor Horschelt

Der Umfang dieses Buchs entspricht 239 Taschenbuchseiten.

Ellen Kay, eine ominöse Dame hat mich als ihren Bürovorsteher engagiert. Sie war die Inhaberin eines Detektivbüros. Ich sollte nun herausfinden, warum es in Chicago Mode geworden war, dass die größten Millionäre verrückt wurden und ihr Vermögen Wohltätigkeitsvereinen vermachten. Die Nuss war hart, sogar sehr hart. Überall hagelte es blaue Bohnen, und mein Gesundheitszustand wurde immer miserabler. Aber wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte eine ganze Armee von Gangstern gegen mich antreten. Ihr Wundermittel war jedoch bemerkenswert: Hustensaft, besser LSD 25.

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Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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I

Seit einer halben Stunde saß sie mir gegenüber. Wir befanden uns in einem Pullmanwagen-Abteil des Western-Express auf der Strecke von New York nach Chicago.

Ich hatte sie im Zentralbahnhof einsteigen sehen. Dabei hatte ich allerdings nur etwas von ihrer Hinterfront erhascht. Das, was sie mir als die Kehrseite ihres lebensgroßen Porträts gewiesen hatte, schien mir nun einer eingehenderen Betrachtung auch von vorn würdig zu sein.

Manchmal wird man natürlich bitter enttäuscht. Aber dieses Risiko wollte ich in Kauf nehmen. Ich gab dem Zugschaffner ein anständiges Trinkgeld und bat ihn, das Abteil, in dem es sich die Puppe bequem gemacht hatte, als reserviert zu betrachten.

Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass der Zehndollarschein, den ich ihm in die Manschetten geschoben hatte, echt war, grinste er unverschämt.

„Das könnte sie wert sein“, gab er seiner unmaßgeblichen Meinung Ausdruck; denn ich verließ mich in dieser Beziehung am liebsten auf mein eigenes Urteil. Die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.

Der Zug war verhältnismäßig schwach besetzt. Wir, das heißt also, sie und ich, brauchten nicht zu befürchten, gestört zu werden.

Sie war eine kesse Mieze, wie ich gleich konstatierte, nachdem ich so etwas wie „Hallo!“ gemurmelt und mich im Polster Visavis niedergelassen hatte. Ihr Alter zu schätzen, wäre unmöglich gewesen. Sie konnte ebenso zweiundzwanzig wie auch vierzig Jahre alt sein. Vielleicht war sie schon Großmutter wie Marlene Dietrich. Trotzdem sah sie aus, als hätte sie soeben an einer Schönheitskonkurrenz für Teenager teilgenommen und dabei die Würde einer Miss Konfirmandin errungen.

Sie war eine Mischung von Jungfrau und Kokotte, von Babysitter und Striptease-Girl, von Laster und Tugend.

Eine halbe Stunde schon beobachtete ich sie durch das kreisrunde Loch, das ich mit meinem Parker in die New York Times gebohrt hatte. Das hatte ich nicht getan, weil ich mit den Gepflogenheiten eines Astlochmoralisten auf erotische Abenteuer ausging, sondern weil ich irgend ein verdammt prickelndes Gefühl im Nacken hatte, seitdem ich ihr gegenübersaß. Das war ein Warnzeichen hinsichtlich bevorstehender, unangenehmer Überraschungen.

Ich hatte nämlich immer, wenn mir Gefahr drohte, das Gefühl, als müsste ich jede Sekunde mit einem Schuss in den musikalischen Hinterkopf rechnen. Meine Nackenmuskeln reagierten mit heftigem Prickeln und Zucken auf solche Empfindungen oder Ahnungen. War es ganz schlimm, spürte ich deutlich, wie auch meine Ohren zu wackeln anfingen und ganz ohne mein Zutun über meinem Stehkragen auf und nieder tanzten.

Zunächst allerdings schienen mir die zehn Dollar Trinkgeld gut angelegt zu sein. Meine Reisegefährtin war in jeder Beziehung eine Augenweide, und das Schönste an ihr waren die Beine.

Es ist vielleicht unanständig, in einem Kriminalroman von Frauenbeinen zu sprechen. Die meisten Moralisten behaupten auch, dass sie einem Mädchen immer erst ins Gesicht sehen, oder vielmehr in die Pupille, ehe sie ihre Blicke auf weitere Spähtrupptätigkeit ausschicken. Besonders Dichter schwärmen in erster Linie von dem goldblonden Haar ihrer Angebeteten, von den traumhaft sanft und blau schimmernden Augen und, an dritter Stelle von dem sogenannten blühenden Mund. Was darunter kommt, würden sie vielleicht ebenso gern besingen, wenn es ihnen die Zensur erlauben würde.

Unter keinen Umständen darf man es mir verargen, dass ich ihre Waden studierte wie ein Professor die Amöbenruhr unter seinem Elektronenmikroskop. Sie hatten einen betörenden Schwung und glitten in faszinierenden Kurven bis unter die Kniekehlen.

Hinter meiner Zeitung verborgen, gab ich mich mit ernster Wissenschaftlichkeit meinen Betrachtungen hin. Dabei wechselte ich vor meinem Guckloch einmal das linke mit dem rechten Auge ab, erstens, um nicht das Schielen zu kriegen und zweitens, um beiden Sehorganen den vollen Kunstgenuss zu bieten und nicht das eine oder andere von ihnen zu benachteiligen. Das gelang mir einigermaßen. Außerdem kam sie mir dabei etwas entgegen.

Sehr wahrscheinlich hatte sie längst entdeckt, dass ich ihre Reize hinter meiner Zeitung einer fachmännischen Prüfung unterzog. Ferner kam ihr auch das Schunkeln des Zuges sehr zu statten.

Es brachte hüpfende Verwirrung in die rassigen Linien ihrer Rundungen.

Jedenfalls machte sie die Sache so spannend wie möglich. Bei jeder Bewegung sorgte sie dafür, dass der Saum ihres entzückenden Sommerkleidchens um einen Zentimeter nach oben rutschte. Sie tat natürlich, als geschähe ihr das ganz unbewusst, und sie machte dabei ein gleichgültiges Gesicht.

Mit solchen Methoden konnte sie unreife Burschen zu Unbesonnenheiten reizen, aber nicht einen alten Hasen von achtundzwanzig Jahren und eins-neunzig Größe.

Wenn ich mir zeitweise noch im Zweifel darüber war, was sie von mir halten mochte, so änderte sich das jäh, als sie ungeduldig ihr Kleid bis zum Rand ihrer Nylons heraufzog und mir damit anscheinend demonstrieren wollte, dass sie als Mannequin einer Strumpffabrik tätig war.

Weiter darf ich in meiner Schilderung nicht gehen, sonst errege ich doch noch öffentliches Ärgernis, obwohl mir das gänzlich fern liegt. Und außerdem bekommen Sie für einen halben Dollar im Kino mehr zu sehen, als ich auf meiner Reise von New York nach Chicago. Ferner wäre ich in der Lage, Ihnen einige Nachtlokale zu benennen, in denen Sie mindestens zwanzig wesensverschiedene, weibliche Nackedeis bewundern dürfen, nachdem sie sich vor Ihren Augen wie Heckenrosen im Sommer entblättert haben.

Ich könnte Ihnen gegen angemessenes Honorar mit einem ausführlichen Bericht vielleicht den gleichen Genuss verschaffen, wenn das nicht verboten wäre; denn die Fantasie ist oft noch interessanter als die Wirklichkeit. Sehr wahrscheinlich haben Sie für diesen Kriminalroman aber nur fünfzig Cents bezahlt. Well, und dafür können Sie keinen deftigen Sittenroman verlangen. Lassen Sie also Ihre Fantasie nur bis zum Rand der Nylons spielen. Bis dahin ist es noch nicht ganz unanständig. Erst was darüber ist, gilt als anstößig, wenn man davon spricht.

„Legen Sie doch endlich die New York Times aus der Hand, junger Mann!“, sagte sie. „Bis hierher kostet es sowieso nur tausend Dollar.“

„Aha!“, sagte ich und fühlte, dass meine Ohren einen Boogie-Woogie aufführten. „Tausend Dollar … So … so! Und das für ein Paar Strümpfe. Die kann man überall billiger haben.“

„Vielleicht“, entgegnete sie mit kraus gezogener Stirn. „Im Warenhaus kosten ein Paar gute Nylons neunzig Cents. Aber da stecken keine Beine drin. Das ist der Unterschied.“

Ich nickte.

„Es ist ein wesentlicher Unterschied“, bestätigte ich ihr, knüllte meine Zeitung zusammen und warf sie mit einer ärgerlichen Gebärde in die Ecke des Abteils. Als Detektiv, der ich war, hatte ich mich ziemlich blöd angestellt. Und jetzt bekam ich die Quittung dafür.

Immer mit der Ruhe und ner guten Zigarre, dachte ich bei mir. Ich mache es dem kleinen, verworfenen Luder so schwer wie möglich und wette zehn Shermanpanzer gegen ein Nashorn, dass sie zum Schluss doch die Gelackmeierte ist.

So einfach war das aber nicht, wie man sich das vorstellen mochte. Wir befanden uns allein im Abteil. Niemand war Zeuge der Ereignisse, die sich alsbald abspielen würden. Schon tausendmal mochte es vorgekommen sein, dass so ein Flittchen seinen Reisegefährten auf diese Weise erpresst hatte. Es gab sogar Organisationen, die mit solchen Methoden ein Vermögen verdienten.

Irgend so eine Mieze, wie die, die mir gegenübersaß und die, ihrem höhnischen Grinsen nach zu urteilen, bereits die tausend Dollar verdient zu haben meinte, machte sich an bessere, ältere Herren heran. Sie geizte dabei nicht mit ihren Reizen und ließ durchblicken, dass sie in seiner Privatwohnung auch als Glühstrumpf mit Zylinder aufträte, wenn er dafür anständig bezahle. Manchmal trugen sie sogar präparierte Kleider, die sich mit einem einzigen Griff von oben bis unten aufschlitzen ließen, so dass es aussah, als wären sie einem Wüstling übelster Sorte in die Hände gefallen. Dann schrien sie um Hilfe. Der Zugschaffner kam und notierte sich den Fall, um seinen Dienstanweisungen entsprechend eine Anzeige zu machen. Oder aber es war ganz zufällig auch ein Detektiv zur Stelle, der gleich ein Protokoll aufnahm, das er später nur unter den Tisch fallen ließ, wenn der vermeintliche Sittlichkeitsverbrecher anständig berappt hatte.

An solchen Ereignissen war meistens alles echt, bis auf den Detektiv und bis auf die Unbescholtenheit des Radieschens, das sich das Kleid selbst vom Leibe gerissen hatte und nun die geschändete Unschuld vom Lande spielte. Dazu gehörte nicht einmal viel schauspielerisches Talent.

Wenn ich einem solchen Attentat auf meine Brieftasche entkommen wollte, hatte ich nur zwei Möglichkeiten. Entweder türmte ich sofort, oder ich ließ es darauf ankommen. Vor allem wollte ich erst einmal Zeit gewinnen.

Sie selbst schien es ebenfalls nicht sehr eilig zu haben.

Deshalb zündete ich mir in aller Ruhe die Zigarre an, die mir Ward Price, der Zuchthausdirektor von Sing-Sing, beim Abschied spendiert hatte.

„Du hältst mich jedenfalls für sehr wohlhabend, Kindchen“, stellte ich mich so dumm wie möglich an.

Frauen und Behörden gegenüber fährt man am besten, wenn man den Trottel spielt. Sie sind dann fest davon überzeugt, dass sie mit einem machen können, was sie wollen.

„Ein Rockefeller sind Sie natürlich nicht“, sagte sie von oben herab. „Aber tausend Dollar hat heute jeder auf seinem Bankkonto.“

Selbst in dieser Beziehung irrte sie sich. Ich besaß nur noch fünfhundert Piepen und war gerade vor vierundzwanzig Stunden aus dem Zuchthaus von Sing-Sing entlassen worden, nachdem ich dort ein halbes Jahr Knast abgesessen hatte.

Die Strafe verdankte ich einem alten Bekannten, meinem Freunde Jimmy Jackson, den ich vor Hal Dawsons Lasterkeller in der achtundsiebzigsten Straße in seine chemischen Bestandteile zerlegen wollte. Und da mich das Überfallkommando an dieser nützlichen Tätigkeit zu hindern versuchte, geriet ich so in Wut, dass ich die Cops ebenfalls der Reihe nach krankenhausreif schlug.

Der Schnellrichter hatte kein Verständnis für meine wohlgemeinten Versuche, einem Gangster, der gefährlicher als eine Viper in der Mojavewüste war, das Lebenslicht auszublasen. Er meinte, dass dafür nur die öffentlichen Gerichte zuständig seien, und dass ich die Polizei mit Gewalt daran gehindert habe, ihre Pflicht zu tun.

Er entzog mir die Lizenz als Privatdetektiv, verbot mir das Tragen eines Revolvers und schickte mich sechs Monate zur Erholung nach Sing-Sing.

Das Stinktier Jimmy Jackson ließ er laufen, obwohl der Bursche schon mindestens zehn Morde auf dem Gewissen hatte.

Daran dachte ich gerade, als die Puppe Visavis weitere Versuche unternahm, meine männlichen Instinkte zu wecken. Sie bückte sich nach einem ihrer kostbaren Handschuhe aus Elchleder, den sie absichtlich hatte fallen lassen. Und dabei bot sie mir recht ungeniert noch weitere Einblicke in ihre privateste und intimste Sphäre.

Im Allgemeinen komme ich ziemlich langsam auf Touren. Angesichts ihres sündhaft freigiebigen Dekolletees und der Tatsache, dass ich von schönen Mädchen in den vergangenen sechs Monaten nur hatte träumen dürfen, spürte ich jetzt aber doch, dass mein Blutdruck erheblich anstieg, und dass sich die Schläge meines Pulses auf mindestens hundertsechzig vermehrten.

Hätte ich in meiner rechten Hand nicht die Zigarre gehalten, wäre es mir unmöglich gewesen, noch für mich einzustehen. Aber die Zigarre, deren bläulicher Rauch sich duftend kräuselte, erwies sich als Strohhalm meiner Tugend. Ich wollte mich daran solange festhalten wie nur irgend möglich; denn kriegte ich die raffinierte Paradiesschlange erst mal zu packen, kam sie nicht mehr dazu, noch um Hilfe zu rufen, oder mich zu erpressen.

„Man könnte meinen, Sie sind ein Stück Holz“, sagte sie, nachdem sie sich mit zauberhaft

geröteten Wangen wieder aufgerichtet hatte. Mindestens drei Minuten hatte sie dazu gebraucht. Anscheinend ging sie von der Überlegung aus, dass ein Kerl in meinem Alter leicht entflammbar sei, wenn ihm die kleinen Unterschiede, die zwischen einem Mädchen und einem Jungen bestanden, greifbar nahe vor Augen geführt würden. Im Grunde genommen spekulierte sie richtig. Jeder andere an meiner Stelle, hätte sich gesagt, dass ein hauchdünnes Gewebe kein Hindernis sei, die Konfektionsnummer ihres Büstenhalters zu ermitteln. Sie trug nämlich keinen, und das hätte solche Absichten gerechtfertigt. Was soll man einer Mieze sonst zum Geburtstag schenken?

Um mich abzulenken, betrachtete ich einige Augenblicke lang meine Zigarre. Ich sah, wie sich bereits eine schneeweiße Asche bildete und nahm mir vor, sie solange vor dem Abfallen zu bewahren, bis wir in Pittsburgh angekommen seien, wo der Express zum ersten Male hielt.

Anschließend gab ich ihr eine passende Antwort.

„Wenn ich für ein Paar Nylonstrümpfe schon tausend Dollar zahlen soll, mein Täubchen, muss ich mit dem zehnfachen Preis rechnen, falls ich gern mal etwas in die Hand nehmen möchte, was mir nicht gehört.“

„Wie scharfsinnig!“, lachte sie perlend auf. „Das ist wirklich meine Taxe.“

„Du bist ein gemeines, verworfenes Frauenzimmer, wenn du auch nicht danach aussiehst!“, fuhr ich sie an. „Aber das eine sage ich dir, mein Püppchen, lass es nicht zum Äußersten kommen. Du, kannst dich nach Belieben vor mir aus- und anziehen. Meinetwegen kannst du auch deinen Bikini zum Abteilfenster hinauswerfen und mir den Befehl geben, dass ich ihn dir wie ein apportierender Köter noch während der Fahrt wieder hereinholen soll. Geschwindigkeit ist keine Hexerei. In dem Augenblick aber, in dem ich dich küsse, vergisst du auf die zehntausend Dollar und auf alle die Plattfußindianer, die dir einmal etwas von Liebe vorgeflunkert haben.“

„Sie machen mich direkt neugierig“, spottete sie weiter.

„Warten wir ab“, sagte ich und lehnte mich mit genießerischem Behagen in die Rückpolster.

Für jeden passionierten Zigarrenraucher war der Anblick der weißen Asche, die jetzt schon eine respektable Länge aufwies, ein höchst erfreulicher.

Sie sah nach ihrer Armbanduhr.

„Bis Pittsburgh sind noch zwei Stunden“, konstatierte sie.

Sie drängte zur Tat. Ich brauchte nur meine Zigarre aus der Hand zu legen, mich neben sie zu setzen und wie ein schüchterner Jüngling nach ihrem runden Knie zu greifen. Dann war‘s passiert. Dann bäumte sie sich plötzlich auf, als hätte sie seit einer Stunde auf einem Termitenhaufen gesessen. Mit wilden Schreien und Hilferufen würde sie unsere Zugnachbarn alarmieren, sich das Kleid von der Schulter fetzen und tausend Eide darauf schwören, dass ich sie in gemeinster Weise belästigt hätte.

Im Nebenabteil saßen der Senator Riffles und Mistress Dunby. Sie unterhielten sich, soweit ich es hatte beobachten können, schon eine Stunde lang über das abscheuliche Verbrechen der Vielweiberei bei den Mormonen. Vielleicht hatten sie bald Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, dass die Unsittlichkeit nicht nur in Utah grassierte, sondern eine über die ganze Welt verbreitete Epidemie war. Gott sei Dank, sonst wäre die Welt nämlich längst ausgestorben, und sie wäre so öd und leer wie vor der Erschaffung von Adam und Eva.

„Falls Sie beim Fahren des Zuges nicht gut schreiben können“, setzte sie kühl lächelnd nach einer Weile hinzu, „hätten Sie die Möglichkeit, den Scheck von zehntausend Dollar in Pittsburgh während des Haltens auszufüllen. Aber vorher müssten Sie mir schon immer eine Schuldanerkenntnis ausstellen. Ein etwas unleserlicher Schuldschein ist besser als gar keiner.“

Sie war also nach wie vor darauf erpicht, mich zu schröpfen. Auf den Gedanken, dass ich bereits imstande war, ein ganz tadelloses Beweismittel dafür zu erbringen, dass ich sie auch nicht mit einer Fingerspitze angetippt hatte, solange sie mir gegenübersaß, kam sie nicht. Und dass ich schon von Berufs wegen nicht so ohne Weiteres auf ihren billigen Trick hereinfallen würde, ahnte sie anscheinend ebenfalls nicht.

„Hör zu, Kleines“, versuchte ich, sie noch einmal zur Vernunft zu bringen. „Die Sache geht schief für dich aus. Ich weiß nicht, ob ich wirklich so dämlich aussehe, wie du mich einschätzt. Es kann sein. Aber nicht jeder, der schielt, ist deswegen gleich ein Idiot. Spare dir deine Mühe. Soviel ich weiß, fährst du ebenfalls nach Chicago. Das hörte ich, als ich hinter dir am Fahrkarten-Schalter stand. Du siehst an und für sich ganz passabel aus. Ich habe sechs Monate gefastet und wäre deshalb nicht abgeneigt, mit dir eine Nacht lang Adam und Eva im Paradies zu spielen. Ich wette zehn Rotchinesen gegen einen Rhesusaffen, dass dir das nicht leid tun wird. Aber lass den Unsinn, den du dir unter deinem reizenden Skalp ausgebrütet hast.“

„Ich denke ja nicht dran!“, rief sie belustigt aus. „Seit zwei Jahren lebe ich von nichts anderem als von solchen Tricks. Sie ziehen immer. Man darf sie nur nicht auf ein und derselben Bahnstrecke ausprobieren und muss sich auch den Gelegenheiten anpassen.“

„Well“, entgegnete ich heiser. „Bis Pittsburgh ist die Gelegenheit am günstigsten; denn es könnte ja sein, dass dort jemand in unser Abteil zusteigt. Außerdem bin ich der Meinung, dass schon deine Mutter und Großmutter auf solche perversen Ideen verfallen sind, um sich mühelos zu sichern.“

Ich besah mir meine Zigarre, die ich jetzt halb aufgeraucht hatte. Danach wurde es Zeit, dass die von ihr beabsichtigte Komödie in Szene gesetzt wurde, sonst war ich der Angeschmierte.

„Also gut, fangen wir an“, entgegnete sie und warf ihr kleines Handtäschchen vor sich auf den Boden. Es gehörte anscheinend zu den Requisiten der von ihr fingierten Sittlichkeitsdelikte, denn es sprang vorschriftsmäßig auf und verstreute seinen Inhalt über den Fußboden des ganzen Abteils. Da lagen also ihr Lippenstift, mehrere Parfümfläschchen, ein Kugelschreiber, ein seidenes Taschentuch zum Schnäuzen ihres kleinen, hochmütigen Zinkens – für meine Nase wäre es unbrauchbar gewesen – ein Schlüsselbund, an dem sich auch ein Starterschlüssel befand, ein paar Kinderfotos, mit denen sie anscheinend renommieren wollte, eine Packung Papiertaschentücher, falls sie einmal Nasenbluten bekam, ein goldenes Zigarettenetui und ein ebenso kostbares Feuerzeug und noch einige Dinge, die zur Verschönerung weiblicher Fassaden unbedingt vonnöten waren.

„Hm“, sagte ich und nickte anerkennend. „Das sieht wirklich nach Überfall aus. Schon jetzt.“

Sie lächelte siegesgewiss.

„Man muss nur alles gut vorbereiten“, sagte sie. „Dann klappt‘s auch, junger Mann. Die Kinder auf den Fotos sind natürlich nicht meine Kinder.“

„Oh“, tat ich erstaunt, „was du nicht sagst, mein kleiner Goldengel.“

„Aber nachher, wenn der Schaffner kommt“, klärte sie mich weiter auf, „da werde ich beschwören, dass ich bereits ein verheiratetes, tugendhaftes Hausmütterchen bin. Und den Detektiv wird Empörung und Rührung ankommen, wenn ich ihm erzähle, dass mir der Mama so reizender, süßer Babys, so etwas passieren musste.“

„Aha!“, meinte ich. „Das Geschäft mit Tränendrüsen ist demnach noch immer das Beste, im Roman, wie auch im Leben. Well, ich bin um eine große Erfahrung reicher geworden. Wenn ich nun aber den Zeugen des Theaters, das du den anderen Vorspielen willst, reinen Wein einschenke, was dann?“

„Niemand wird Ihnen glauben“, sagte sie.

„Du rechnest ernsthaft damit, dass ich nur die Wahl habe zu zahlen, oder gelyncht zu werden?“

Sie nickte.

„Well“, sagte ich, „für so eine Schnepfe wie du zu sterben, muss ein süßer Tod sein.“

Sie sollte sich vor mir in Acht nehmen. Ich habe das Gemüt eines Schäferhundes, bin verdammt anhänglich und zärtlich, wenn es sich lohnt, aber gelegentlich packe ich auch zu.

Ich war also auf alles gefasst und fragte mich nur, aus welchem Grunde sie mich für einen Vollidioten hielt. Sehr wahrscheinlich überschätzte sie auch meinen Reichtum, der sich ihren Augen bot. Ich trug einen tadellosen Schneideranzug, der mir wieder passte, nachdem ich in Sing-Sing meine überflüssigen Speckschichten beim Football-Training mit der Zuchthauself los geworden war. Dazu hatte ich eine knallige Krawatte umgebunden, auf deren Vorder- und Rückseite man splitternackte Pinup-Girls bewundern konnte. Ich trug die neuesten und modernsten Ringelsocken, einen dreikarätigen Diamantring, der sich zum Schneiden von Fensterglas hervorragend eignete und mir damit einen Industriediamanten ersetzte und eine schwer goldene Armbanduhr, die mir mein Vater selig als Andenken hinterlassen hatte.

„Und wie geht’s weiter?“, fragte ich, als sie zögerte, sich das Kleid von der Schulter zu reißen.

„Falls Sie sich eines Besseren besonnen haben, könnte sich das andere erübrigen“, entgegnete sie. „Glauben Sie aber nicht, dass ich mit mir handeln lasse. Zehntausend im Scheck oder in bar. Zahlen Sie, ist alles gut. Dann verlasse ich in Pittsburgh das Abteil, oder vielmehr überhaupt den Zug, lege bei der nächsten Bank Ihren Scheck vor, und kreuze niemals mehr Ihre Wege.“

„Das würde mir bitter leid tun“, sagte ich und wagte es kaum noch, einen Zug aus meiner Zigarre zu nehmen, da sich der Zeitpunkt näherte, an dem die herrliche, schneeig glitzernde Asche zu Boden fallen musste. Nichts hätte ich mehr bedauert als das; denn ihr Anblick erfreute mich jetzt bei Weitem mehr als der meines verworfenen Visavis, das sich anschickte, mich mit dem dümmsten Trick, den es seit Jahren gab, zur Schnecke zu machen.

„Ein einziges Mal möchte ich dich nämlich wiedersehen“, setzte ich hinzu, als ich das Knistern von Seide vernahm und beobachtete, wie aus dem bunten Stoff eine herrlich modellierte Schulter hervorquoll.

Sie tat alles mit Bedacht und Überlegung. In ihrem Koffer befanden sich bestimmt genügend Sicherheitsnadeln, mit denen sie das zerrissene Kleid wieder zusammenstecken konnte.

Langsam, ganz langsam, mit einem Ausdruck von Genusssucht schlitzte sie mit einem Finger die Seide weiter auf und zwar – ich musste unwillkürlich plinkern, weil ich glaubte, nicht recht zu sehen – bis zur Gürtellinie.

Das war sehr unanständig von ihr. Wurde man nämlich auf den Vorfall in dem dahinrasenden Express aufmerksam und konnte man sich nun bald selbst davon überzeugen, dass ich mit geradezu teuflischer Gier nach ihr gelangt hatte, musste ich damit rechnen, mit einem Spazierstock, einem Schraubenschlüssel oder ähnlichen Zufallsmordinstrumenten von empörten Mitreisenden erschlagen zu werden. Zuvor aber wollte sie mir zweifellos etwas zu sehen geben, was wirklich sehenswert war; denn sie trug keine Unterkleidung.

„Noch ist es nicht zu spät“, warnte sie mich zum letzten Male, und warf sich in die Brust wie Marilyn Monroe im Film – ohne Alles.

„Du wirst staunen, Baby“, sagte ich, mit fiebrig glänzenden Blicken in ihre faszinierende Schönheit vertieft, „aber alles, was ich noch besitze, ist ein Taschenmesser, mit dem ich gelegentlich rotbäckige Äpfel schäle. Ich komme nämlich soeben aus Sing-Sing. Das ist kein Bankhaus wie Pierpoint Morgan, wo man sein Geld deponieren kann, sondern ein reizendes Wochenendheim für Diebe und Mörder. So etwas wie das, was du mir zeigst, darf man dort nur als Foto unter der Matratze verstecken und sich heimlich betrachten, wenn der verfluchte Cop mal etwas anderes zu tun hat, als dauernd durchs Guckloch zu linsen. Vielleicht hätte ich dir das früher sagen sollen, Baby. Du hast dich umsonst bemüht, meine kleine Kirschblüte. Immerhin, ich gestehe, dass du mir seit sechs Monaten den ersten erfreulichen Anblick bietest. Und wenn du mit ’nem Zehner zufrieden bist, den ich mir beim Tütenkleben ehrlich verdient habe, wirst du ewig an mich denken.“

Sie zuckte zusammen, als hätte ich ihr einen nassen Lappen um die Ohren geschlagen. Oder tat sie nur so?

„Ist das wahr?“, fragte sie und musterte mich mit einem Ausdruck von Wut, wie ich ihn noch niemals in dem Gesicht einer Frau gesehen hatte.

„Bei der Asche meiner Zigarre“, schwor ich ihr. „Die paar Piepen, die ich bei mir trage, sind nicht der Rede wert.“

Im gleichen Augenblick warf sie sich auf die Polsterbank, strampelte wie eine Verrückte mit den Beinen in der Luft umher, verlor dabei ihre Schuhe und verdrehte bei jedem Hilferuf, den sie ausstieß, ihre Augen in alle vier Himmelsrichtungen.

Als der Abteilschaffner eintrat, gefolgt von einem Rattenschwanz ewig Neugieriger, bot sich etwa folgendes Bild:

Sie lag auf dem Rücken und wimmerte steinerweichend. Ihre Frisur war zerwühlt, als wäre sie soeben das Opfer einer Kompanie Sibiriaks geworden, die ihr sämtliche Haare hatten ausreißen wollen. Ihr Atem, ging stoßweise und röchelnd und im Übrigen nahm sie die Stellung einer frisch geborgenen Wasserleiche ein, die die Knie bis ans Kinn hochgezogen hat.

Zum selben Zeitpunkt saß ich ihr gegenüber auf meinem Platz und hatte mich noch nicht einen Zentimeter von der Stelle gerührt.

Mistress Dunby aus Kansas schlug empört die Hände über dem Kopf zusammen und verhüllte

dann, nachdem sie sich alles genau angesehen hatte, schamhaft die Augen.

Der Schaffner wischte sich erst ein paar Mal mit dem flachen Handrücken über die Stirn, ehe er es wagte, näher zu treten. Und aus dem Hintergrund drängte sich ein Mann hervor, der anscheinend in das unsaubere Spiel eingeweiht war. Er hielt mir sofort einen Revolver auf den Nabel und befahl mir, mich ganz still zu verhalten, bis das unerhörte Vorkommnis restlos geklärt sei. Er wäre Detektiv.

Natürlich glaubte man es ihm.

Bis dahin war es mir nicht schwer gefallen, meine Ruhe zu bewahren, doch als ich sah, dass der Revolver des vermeintlichen Detektivs geladen war, kam ich in Versuchung, ihm einen Tritt vors Schienenbein zu geben, aufzuspringen und ihn anschließend zu Hackfleisch zu zerkleinern.

Zunächst bemühte man sich um sie und versuchte, sie zu beruhigen. Man half ihr wieder auf die bezaubernd runde Sitzfläche und lehnte sie in die Ecke des Polsters. Sie ließ alles mit sich geschehen wie eine Gliederpuppe, deren Gelenke man beliebig bewegen konnte.

Jetzt wagte sich auch Mistress Dunby, eine ganz miese Fregatte von vielleicht fünfzig Jahren, wieder heran. Sie musterte mich mit einem Blick, als wäre ich ein Pferdeköttel, griff in ihr Handtäschchen und flickte mit sicheren Stichen das zerschlissene Seidenfähnchen meiner zerzausten Reisegefährtin zusammen.

„Nun erzählen Sie mal, liebes Kind, was hier geschehen ist“, sprach sie mit flötender Stimme

und triefendem Mitgefühl auf meine Erpresserin ein.

„Da gibt’s doch nicht viel zu erzählen“, sagte der Detektiv und verstärkte den Druck seines Revolvers auf meinen Unterleib. „Was hier los war, sieht jedes Kind, Miss. Der Kerl hier ist ein Schwein. Und er hat sich über die arme, junge Frau gestürzt. Sehen Sie nicht, dass er auch versucht hat, ihr die Handtasche zu entreißen? Na, und das zerrissene Kleid? Es fragt sich nur, ob er bereits zum Ziele kam, oder ob wir noch rechtzeitig eingreifen konnten, um das Schlimmste zu verhüten. Und das werden wir gleich herauskriegen, Miss.“

Mistress Dunby taumelte erschrocken zurück.

„Glauben Sie im Ernst, dass es sich um einen vollendeten Notzuchtversuch handeln könnte?“, fragte sie entsetzt.

„So sah‘s jedenfalls aus“, machte der Knilch die Sache noch dramatischer, als sie bereits war.

„Stopp!“, brüllte ich dazwischen, zumal jetzt auch der Schaffner anfing, etwas von versuchter Bestechung zu erzählen, weil ich ihm ein Trinkgeld von zehn Dollar in die Hand gedrückt hatte, damit ich mit dieser Mieze allein sein könnte.

„Zu dem, was Sie vermuten, meine Damen und Herren“, fuhr ich nachdrücklich fort, „gehören bekanntlich zwei. Einer der angreift und eine, die unterliegt, nicht wahr?“

Gelegentlich konnte ich mich auch noch saftiger ausdrücken. Aber ich nahm Rücksicht auf Mistress Dunby, die alle Anzeichen einer nahen Ohnmacht zu erkennen gab. Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass die Dinge noch etwas genauer erörtert werden würden. Dass es zweierlei Menschen gibt, hatte sie offenbar erst durch den neuesten Kinseybericht erfahren.

„Na klar!“, grölte der Detektiv. „Oder willst du etwa behaupten, dass sie sich das Kleid selbst vom Leibe gerissen hat, du Schwein?“

Für seine Liebenswürdigkeit wollte ich mich gelegentlich passend revanchieren.

„Nehmen wir an, es war so“, sagte ich. „Glauben Sie nicht auch, meine Damen und Herren, dass sich die junge Dame gegen meine Handgreiflichkeiten heftig zur Wehr gesetzt hätte?“

„Davon bin ich fest überzeugt“, meinte der Schaffner.

„Well“, grinste ich zufrieden und zeigte auf die Asche meiner Zigarre, die jetzt fast bis zum Mundstück herunter reichte. „In diesem Falle wäre es mir nicht möglich gewesen, meine Zigarre mit so unbeschädigter Asche aufzurauchen. Wie Sie sehen, habe ich mich in der letzten halben Stunde so gut wie überhaupt nicht bewegt.“

Jetzt wurde sogar der Detektiv hellhörig, nahm seinen Revolver von meinem Bauch und steckte ihn in die Tasche.

Und der Schaffner grinste über das ganze Gesicht. Ein Aufatmen ging durch die ganze Reihe der Zaungäste, die sich vor der Tür unseres Abteils staute.

Nur Mistress Dunby, die von Zigarren nichts verstand, zog ihre Stirn erneut in Falten.

„Aber man kann doch mit der Zigarre in der einen Band so etwas auch noch tun“, sagte sie. „Denn man hat ja die Linke noch frei.“

„Sie sind sehr scharfsinnig, Miss“, entgegnete ich. „Aber zum Küssen nimmt man am besten den Hut ab, nicht wahr? Und zu dem, was Sie mir unterstellen, getan zu haben, legt man vorsichtigerweise die Zigarre aus der Hand, sonst kann es leicht sein, dass man sich die Finger versengt, oder dass das ganze Kleid der Dame in Flammen aufgeht, überhaupt dann, wenn sie durchaus nicht so will, wie man selbst gern möchte, nicht wahr? Hätte ich aber die Zigarre aus der Hand gelassen, weil ich mir dieses Frauenzimmer, das Sie durchaus zur geschändeten Heiligen erklären wollen, zu greifen gedachte, wäre auch meine Asche abgefallen, wie mir jeder Raucher bestätigen muss. Außerdem befindet sich der Aschenbecher drüben am Fenster.“

„Das ist alles Lüge!“, schrie meine Reisegefährtin wieder auf und brachte damit erneut die Gemüter in Verwirrung.

„Verdammt!“, fuhr ich dazwischen. „Meine Zigarre lügt nicht, und noch weniger ist an der Asche zu deuteln und zu drehen. Hier, ich brauche sie nur ein wenig anzutippen … Da sehen Sie? Da liegt sie am Boden. Schade um die Asche!“

Noch niemals war mir ein Indizienbeweis für die eigene Unschuld so gut gelungen wie in dem Augenblick, als meine Zigarrenasche am Boden zerstäubte. Es war ein überzeugender Anblick, und ehe wir es uns versahen, war das Abteil wieder leer.

Der Schaffner blieb allein zurück und fragte mich: „Erstatten Sie Anzeige, Sir?“

„Nein“, sagte ich. „Sie hat mich zwar erpressen wollen, aber das habe ich nicht ernst genommen. Im Übrigen möchte ich Sie bitten, mich mit diesem Frauenzimmer wieder allein zu lassen. Ich möchte die halbseidene Puppe nämlich mal fragen, wie sie heißt und wo sie geboren wurde. Sollte sie dabei wieder Gezeter und Geschrei machen, so mischen Sie sich am besten nicht ein. Und sagen Sie auch dem Detektiv, dass er sich tunlichst um etwas anderes kümmern soll als um mich. Sonst kann ich nämlich für sein Leben nicht einstehen. Wer mir einmal einen Revolver auf die Brust gesetzt hat, der tut es kein zweites Mal. Am besten wird es sein, wenn er mir aus dem Wege geht, sonst halte ich ihn solange aus dem Abteilfenster, bis der Zug in den Zentralbahnhof von Chicago einfährt. Und bis dahin mache ich Winke-winke mit ihm. Vielleicht ist er dann nasser als ein verheultes Taschentuch.“

„Okay, Sir!“, lachte der Schaffner. „Ich sehe, Sie wissen sich zu helfen. Übrigens, auf die Zigarre wäre ich niemals gekommen, Sir. Es war ein feiner Trick.“

Er hielt mich anscheinend für einen Zauberkünstler oder so etwas ähnliches.

„Well“, knurrte ich wie eine gereizte Dogge, „nun reicht’s mir. Hau ab, du Kaffer!“

Es war kurz vor Pittsburgh, als ich neben ihr Platz nahm. Ich musterte sie misstrauisch von der Seite, als ich sah, wie sie mir aufmunternd zulächelte.

„Du heißt also Ellen Kay, nicht wahr?“, fragte ich sie.

Sie nickte.

„Woher kennst du mich, Tabs?“

„Du hast vergessen, dein Kofferschild umzudrehen, mein kleiner Kanarienvogel“, erwiderte ich und griff ihr herzhaft um die Taille. „Aber woher kennst du mich, Baby?“

„Der Zuchthausdirektor Ward Price hat dich mir empfohlen“, sagte sie und spitzte schon immer den Mund, weil sie wusste, dass ich sie in einer der nächsten Sekunden küssen würde.

„In welcher Beziehung?“, fragte ich wieder. „Als Babysitter für deine kleinen Enkelchen, oder als Detektiv zur Bestattung deines Großvaters, der deiner Großmutter untreu geworden ist?“

„Du hast es beinahe erraten, Tabs“, sagte sie. „Ich bin nämlich Detektivin und brauche einen tüchtigen Gehilfen. Und da mir Ward Price von Sing-Sing sagte, du wärst nicht nur ein guter Revolvermann, sondern auch sonst ein ganz pfiffiger Junge, wollte ich deine Intelligenz heute einmal auf die Probe stellen.“

„Hm“, sagte ich, „so habe ich mir das beinahe vorgestellt; denn die Detektei Ellen Kay in Chicago ist mir länger bekannt, als du ahnst. Wir können über die Sache noch einmal reden, Baby. Dein Vorschlag ist nicht übel. Ich bin nämlich meine Lizenz los und brauchte dringend einen Job. Was zahlst du denn, Kleines?“

„Zweitausend monatlich“, erwiderte sie, ohne zu zögern, weil ich ihr anscheinend soviel wert zu sein schien.

„Das ist nicht übel“, sagte ich und zog sie etwas näher zu mir heran. „Ist das nun mit oder ohne Familienanschluss, Baby?“

„Natürlich ohne“, sagte sie.

„So natürlich ist das wieder nicht“, entgegnete ich. „Worum geht es übrigens? Liegt ein besonderer Fall vor?“

„Ja, Tabs, eine der verrücktesten Sachen, die es jemals gegeben hat.“

„Wie soll ich das verstehen, Baby?“

„Es handelt sich ganz einfach darum, dass in neuester Zeit normale, gesunde Menschen plötzlich verrückt werden, und Verrückte sich wie normale Menschen aufführen.“

„Das ist allerdings eine recht verkehrte Welt“, sagte ich. „Und wer popelt mit seinen schmutzigen Fingern in dieser Geschichte herum?“

„Jimmy Jackson und Harry Lome, Tabs!“

Au weia! Das war Natterngezücht. Wo die ihre Hände im Spiele hatten, da gab es Leichen. Überhaupt bei Harry Lome.

„Gemacht, mein Kleines“, sagte ich. „Aber momentan bin ich ziemlich blank, deshalb käme mir ein Vorschuss ganz gelegen.“

„Wie meinst du das, Tabs?“

„So“, sagte ich und drückte wie ein Verdurstender den Mund auf ihre bebenden Lippen, bis ihr der Atem ausging.

Erst als der Zug hielt, gab ich sie wieder frei. Doch gerade als der Schaffner und der Zugdetektiv an unserem Abteil vorbeigingen, vielleicht um zu sehen, ob wir beide noch am Leben waren, warf sie erneut ihre Arme um meinen Nacken.

Sie war sehr wahrscheinlich auf den Geschmack gekommen und kümmerte sich auch nicht um die Fahrgäste, die soeben zustiegen.

Erst in Chicago war mein Mund wieder allein. Offenbar kam ihr nicht einmal zu Bewusstsein, dass sie jetzt praktisch meine Chefin war, und dass sie sich wohl doch etwas Zurückhaltung hätte auferlegen müssen, wenn sie sich nichts vergeben wollte.

„Du bist wundervoll, Tabs!“, sagte sie am Ende unserer Fahrt.

„Okay!“, lächelte ich grimmig und langte mir ihren Koffer, der im Netz gelegen hatte und an dem ein deutlich lesbares Schild angebracht war:

„Ellen Kay, Detektei,

Chicago, Michigan Avenue.“

Von ihren detektivischen Fähigkeiten hielt ich seit dieser Zeit nicht viel. Aber küssen konnte sie beinahe wie Rita Hayworth. Und das war neben den zweitausend Dollar monatlichem Gehalt, das sie mir zugesagt hatte, wichtiger als alles andere.

II

Seit vierzehn Tagen war ich Ellen Kays rechte Hand. Sie besaß im vierzigsten Stockwerk des

Wolkenkratzers an der Ecke der Michigan Avenue und des Washington Boulevard ein feudales Büro. Etwa zweihundert Angestellte beschäftigte sie mit den nutzlosesten Arbeiten, die man sich vorstellen konnte. Und hier spielte ich den Bürovorsteher. Dazu eignete ich mich wie ein Kamel zum Teppichknüpfen.

Sie mochte das schon am zweiten Tage meiner segensreichen Tätigkeit eingesehen haben; denn sie sagte: „Was du brauchst, Tabs, ist eine Lizenz als Detektiv und ein Revolver. Ich werde mit Captain Mike Jones sprechen. Sehr wahrscheinlich drückt er beide Augen zu und stellt dir ein paar neue Ausweise aus. Dann kaufst du dir bei Philip Morris einen Fünfundvierziger, setzt dich auf eine Bank im Jackson Park und liest dort die Chicago Tribune. Hier im Büro sieht es nicht gut aus, wenn du den ganzen Tag die Zeitung studierst. Ich möchte überhaupt wissen, was du in diesem Käseblatt suchst.“

Sie hatte anscheinend beobachtet, dass ich die Zeitung nicht wie normale Sterbliche von vorn nach hinten durchlas, sondern von hinten nach vorn. Außerdem war die Chicago Tribune kein Käseblatt, sondern eines der größten Journale der Welt.

„Mich interessieren vor allem die Heiratsanzeigen“, erwiderte ich. „In meinem Alter ist das nicht verwunderlich, mein kleiner Goldfasan. Du darfst nicht vergessen, dass ich mich allmählich den Dreißigern nähere. Und je älter man wird, desto mehr sehnt man sich nach einer geordneten Häuslichkeit, nach einer süßen Puppe und einem Dutzend Kindern. Wenn ich beispielsweise wüsste, dass du an rosigen Babypopos mehr Gefallen hättest als an Prager Schinken, wäre ich gar nicht abgeneigt, dir ein Säuglingsheim gratis einzurichten. Das würde mich eher befriedigen als das nutzlose Herumsitzen in deiner Detektei.“

Sie hatte eine Vorliebe für Prager Schinken, wie ich bereits bemerkt hatte. Um aber ihrer schlanken Linie keinen Abbruch zu tun, aß sie ihn alle acht Tage nur einmal. Und dann tat sie es mit einer Miene, als bete sie ihren Rosenkranz.

Es lag für sie jedoch ein anderer Grund vor, mich aus ihrem Büro wieder hinauszuekeln. Ich hatte mir Brita Collins zur Geheimsekretärin ausgesucht. Brita war die rassigste Brünette unter den hundertfünfzig Pinup-Girls in ihrem Büro, die den ganzen Tag über nichts anderes taten, als ihre Fingernägel zu polieren, ihre Strumpfnähte auf der Rückseite ihrer Marzipanbeinchen gerade zu ziehen und dann und wann eine Auskunft über irgend einen Krawattenfabrikanten aus Kansas in die riesigen Karteikästen zu sortieren.

Um ganz sicher zu gehen, hatte ich mir Britas Personalkarte vorlegen lassen. Daraus ging hervor, dass sie achtzehn Jahre alt war, dass sie vor zwei Jahren zur Miss College gewählt wurde und dass sie Taillenweite zweiundfünfzig hatte. Sie war jedenfalls das, was mir der Onkel Doktor gegen mein chronisch auftretendes Leiden von Melancholie verordnet hatte.

„Tabs“, hatte er mir geraten, „dein Fall ist an und für sich hoffnungslos. Das dauernde Hantieren mit dem Revolver hat dich trübsinnig gemacht. Du leidest an manischen Depressionen und bist im Prinzip anstaltsreif. Es gibt für dich nur eine Medizin. Und das ist ein kleiner Kanarienvogel, der dir den ganzen Tag etwas Lustiges vorsingt und den du gelegentlich mit ins Bett nehmen kannst.“

Well, er sprach manchmal etwas durch die Blume. Aber ich hatte ihn verstanden und war» nachdem ich mir Brita von hinten und vorn besehen hatte, zu der Überzeugung gekommen, dass sie zwar kein Kanarienvogel war, dass sie aber imstande sein müsste, mir die Grillen zu vertreiben.

Die Wahl, die ich getroffen hatte, war nicht schlecht. Brita war im Maschinenschreiben Anfängerin. Sie quälte die Underwood in einer Weise, dass mir die Tränen in die Augen traten. So hatte ich es nicht einmal als Knabe gewagt, mit Maikäfern umzugehen, denen ich mit Vorliebe die Beine ausgerissen hatte, um festzustellen, ob sie dann auch noch fliegen könnten.

Von Diktat konnte überhaupt keine Rede sein. Erstens einmal wurde ich von der reizvollen Fülle ihres Mieders stark abgelenkt, so dass ich kaum einen Satz zustande kriegte, und zweitens sah sie mir dauernd auf den Mund. Für eine Tippöse war das eine Angewohnheit, die jeden Bürovorsteher aus dem Konzept bringen musste.

„Warum hast du dir nicht Gaby Sommers zur Sekretärin genommen?“, fragte mich Ellen Kay, meine Chefin, mit gerunzelter Stirn, als sie beobachtete, wie oft ich Britas Kurven mit meinen Augen Maß nahm. „Die Collins ist doch eine Niete und wird sich niemals zu einer richtigen Sekretärin entwickeln.“

„Das verstehst du nicht, Baby“, sagte ich. „Ich brauche sie ja auch nicht zum Maschinenschreiben. Oder bist du eifersüchtig?“

„Gelegentlich ja“, gestand mir Ellen ein und musterte mich mit einem Blick, der mir nichts Gutes verhieß.

„Du wirst dich an meine Eigenheiten gewöhnen müssen, mein Liebling, wenn du Wert darauf legst, einen tüchtigen Bürovorsteher zu beschäftigen. Ein Jockey muss in allen Sätteln gerecht sein und darf auch niemals aus der Übung kommen.“

„Ich habe dich nicht als Jockey engagiert, sondern als Detektiv“, gab sie mir mit schon ziemlich eingefrorener Huld zu verstehen.

Es war das erste Missverständnis, das zwischen meiner Chefin und mir auftauchte. Aber sie hatte recht. Deshalb ging ich am nächsten Tage zum Polizeihauptquartier und beantragte einen Ausweis als Detektiv und einen Waffenschein.

Mike Jones war ein Kerl, der in die Welt passte. Er maß eins-fünfundneunzig, konnte mir also bequem in die Dachrinne spucken. In seiner Uniform als Captain der Chicagoer Polizei machte er eine anständige Figur. Sicherlich schlug er eine ebenso gute Kelle wie ich, wenn es darauf ankam. Nur in dem Büro, wo er den Manager spielte, wie ich in Ellens Detektei den Kanzlei-Vorsteher, war er fehl am Platze. Das sah ein Taubstummer auf den ersten Blick.

„Es liegt einiges gegen dich vor“, sagte er, nachdem er mich kritisch gemustert hatte.

Wir verstanden uns, glaube ich, sofort recht gut miteinander. Das ging auch daraus hervor, dass er mich duzte.

„Ja“, sagte ich. „Aber nur Kleinigkeiten, Mike.“

„Kleinigkeiten nennst du das?“, fragte er mich mit hochgezogenen Brauen. „Als Vierzehnjähriger hast du in der Halle des New Yorker Zentralbahnhofes mit Marihuana gehandelt.“

„Well“, sagte ich, „das tat ich nur, weil ich Geld verdienen wollte. Meine Mutter war krank.“

„Zu dieser Zeit war deine arme Mutter bereits eine Leiche“, unterbrach er mich und versuchte, eine strenge Miene aufzusetzen. Vielleicht tat er das der anderen Cops wegen, die die Ohren spitzten und dabei ihre Wurstbrote verzehrten, weil sie im Augenblick nichts anderes zu tun hatten.

Ich nickte.

„Sie war eine besonders schöne Leiche, Captain“, sagte ich. „Und nur deshalb verlegte ich mich auf den Rauschgifthandel. Ich weiß nicht, ob du das begreifen kannst, Mike.“

„Du hast dafür ein Jahr Jugendgefängnis gekriegt“, setzte er die Aufzählung meiner Schandtaten fort. „Damit ist also der Fall erledigt. In zwanzig Jahren wird diese Strafe sowieso aus dem Register gestrichen. Aber die anderen Sachen kann man kaum übersehen, Tabs. Zwei Jahre später hast du einem Storekeeper eine nagelneue Pfeife geklaut. Er hat das zur Anzeige gebracht. Leider.“

„Gelegentlich werde ich ihm dafür den Scheitel gerade ziehen“, knurrte ich. „Von einer nagelneuen Pfeife konnte nämlich keine Rede sein. Er hatte seinen Glühkolben aus der Fresse genommen und hinter der Käseglocke abgelegt, weil er eine Dame bedienen wollte. Und da kam ich auf den Gedanken, einmal ein paar Züge daraus zu machen. Er erwischte mich, als ich in seinem modrig stinkenden Keller saß und meine Umgebung so unter Qualm setzte, dass die Nachbarn die Feuerwehr alarmierten. Daraus konstruierte der Hund einen Diebstahl.“

„Schön“, sagte Captain Mike Jones und nickte anerkennend. „So habe ich es auch mal gemacht. Aber es war die Pfeife meines Vaters. Und zwischen Verwandten auf- und absteigender Linie gilt das nicht als Diebstahl. Aber hier steht noch etwas, was mir sehr zu denken gibt. Du hast sechs Polizisten vor etwas mehr als einem halben Jahr umgelegt.“

„Von umlegen kann wirklich nicht die Rede sein“, verteidigte ich mich. „Sie wollten mich daran hindern, Jimmy Jacksons Gehirn auf seinen Phosphorgehalt zu untersuchen. Der Halunke kann nämlich nachts besser sehen als am Tage. Chefsergeant Wilkins hatte für mein Vorhaben kein Verständnis. Er gab seinen Jungen ein Zeichen. Sie stürzten sich wie eine Meute heulender Wölfe auf mich und nahmen nicht die geringste Rücksicht darauf, dass ich konzessionierter Privatdetektiv war und nichts anderes im Sinn hatte, als dem Scharfrichter eine Arbeit zu ersparen. Daraufhin brach ich Wilkins das Nasenbein, dem anderen, der mich ansprang, knickte ich ein paar Rippen. Und so ging es die Reihe durch, bis das ganze Überfallkommando zum Abtransport ins nächste Entbindungsheim reif war. Sie kreißten und stöhnten nämlich wie zwanzig Schwangere, die Fünflinge zur Welt bringen wollten. Wenn ich zuguterletzt nicht über meine eigenen Beine gestolpert wäre, würde es Chefsergeant Wilkins niemals gelungen sein, mir den Revolverknauf über die Birne zu schlagen. Ich glaube, es ist auch die letzte Amtshandlung, die er vorgenommen hat. Als ich nämlich schon an Händen und Füßen gefesselt war, gab ich ihm bei der Abfassung des Protokolls noch einen schwedischen Kuss. Seit dieser Zeit leidet er an chronischem Kieferzucken. Das sieht so dumm aus, dass man sich entschlossen hat, ihn vorzeitig zu pensionieren. Oder kannst du dir einen Cop vorstellen, der auch bei den heitersten Vorgängen dauernd so tut, als klappere er vor Angst mit den Zähnen, Mike?“

„Du trällerst wie eine Lerche auf dem Kartoffelacker“, sagte Mike Jones. „Und du kannst einen neuen Detektivausweis nur kriegen, wenn du mir verrätst, was ein schwedischer Kuss ist.“

„Soll ich dir das nun vormachen?“, fragte ich.

„No“, brummte er. „Verfilme mir die Geschichte, Tabs. Das genügt. Ich glaube, dass ich keine 3-D-Brille nötig habe, um die Sache zu begreifen.“

„Ein schwedischer Kuss ist, wenn man ganz nahe an seinen Gegner herangeht, sich blitzschnell duckt und ihm dann mit dem Hinterkopf eines von unten herauf vor die Kinnlade knallt.“

„Dazu gehört also ein besonders harter Schädel, nicht wahr, Tabs?“

„Well“, sagte ich, „und den habe ich.“

„Ich glaube, es ist doch besser, ich schreibe dir einen Waffenschein aus, Tabs,“ fuhr er fort. „Du scheinst mit deiner Rübe unter den Organen der öffentlichen Ordnung mehr Unheil anzurichten, als es dir mit einem Revolver möglich wäre. Morgen kannst du ihn dir abholen. Und wenn du mal was auf dem Herzen hast, was du mir ganz persönlich vorsingen möchtest, dann kommst du am besten während der Mittagszeit in den Bellenden Hund in der dreiundsechzigsten Straße, wo ich regelmäßig meine Hotdogs verzehre.“

„Ich werde mir das merken, Captain“, sagte ich und entfernte mich.

Im Übrigen tat ich in den nächsten Tagen das, was mir Ellen Kay geraten hatte. Nachdem ich mir von ihr einen Vorschuss von dreitausend Dollar auf mein zukünftiges Gehalt hatte geben lassen und nachdem ich mir einen herrlichen Fünfundvierziger und zweihundert Schuss Munition gekauft hatte, setzte ich mich auf eine Bank im Jackson Park und studierte die Chicago Tribune.

Sie werden meinen, dass auch das keine zünftige Beschäftigung für einen Privatdetektiv war! Nun, immer mit der Ruhe und ‘ner guten Zigarre, meine Herrschaften. So schnell schießen die Texaner nicht, wie sie immer tun. Außerdem wird‘s bald so verrückt kommen, dass Sie selbst nicht mehr wissen, ob Sie katholisch oder evangelisch getauft wurden.

Wenn man wie ein Spürhund auf die Fährte von zwei so heimtückischen und gefährlichen Gangstern wie Jimmy Jackson und Harry Lome gesetzt wird, kann man nicht gleich losgehen wie ein Amokläufer auf den malaysischen Inseln. Vor allem muss man erst mal wissen, worum es geht. Und das konnte mir Ellen Kay anscheinend auch nicht genau sagen, obwohl sie das größte Detektivinstitut der Staaten hatte und außerdem noch eine chemische Fabrik besaß, die ihr jährlich einen Reingewinn von einer Million Dollar einbrachte. Sie war in jeder Beziehung also eine Goldpuppe. Nur küssen konnte meine Chefin nicht besonders. Gelegentlich wollte ich den Kursus, den ich ihr bereits im Express erteilt hatte, noch einmal wiederholen. Vielleicht lernte sie es doch noch. Ihr gegenüber schien aber Brita ein Naturtalent zu sein, was das Knutschen anbetraf. Auch das wollte ich, um es genau zu ermitteln, als einen der nächsten Programmpunkte auf meine Detektivtätigkeit setzen.

Vom ersten Tage an hatte ich seltsamerweise ein Faible für die Chicago Tribune. Es gab in diesem Sündenbabel Chicago viele gescheiterte Existenzen, die eine so umfangreiche Zeitung als Kopfkissen oder als Bettdecke benützten. Ich las sogar darin und studierte hauptsächlich die Gesellschaftsnachrichten.

Da hieß es beispielsweise kürzlich, dass der Multimillionär und Knackwurstfabrikant Dick Preston sein Testament gemacht habe. Das sah zunächst ganz harmlos aus, wie man mir bestätigen wird. Wer viel Geld hinterlässt, macht sich noch auf dem Sterbebett Kopfschmerzen darüber, wo er es lassen und wem er es vermachen soll. Ich selbst hätte vor meinem Tode bestimmt nicht solche Sorgen. Deshalb tat mir der alte Konservenkönig Dick Preston mächtig leid. Ein ganzes Leben lang hatte er Knackwürste fabriziert, sie fein säuberlich in Blechdosen verpackt und sie dann auch an die Koreakämpfer zum achtunddreißigsten Breitengrad geschickt. Dafür hatte er das Verdienstkreuz erster Klasse am Bande verliehen bekommen. Sehr wahrscheinlich waren ihm die Millionen, die er an den Kriegslieferungen verdient hatte, lieber als die Blechmarke, mit der man ihn ausgezeichnet hatte. Von dem Inhalt des Testamentes wurde nichts berichtet. Doch gerade, als ich auf der Bank im Jackson Park saß, las ich, dass Dick Prestons letzter Wille angezweifelt wurde, weil er bei seiner Abfassung nicht mehr normal gewesen sei.

Jeder andere Detektiv hätte die Story, die man daraus gemacht hatte, überlesen. Mir fiel sie auch nur dadurch auf, dass sie ein gewisser Ben Marlowe abgefasst hatte. Ben Marlowe kannte ich schon seit Langem. Bevor ich in Sing-Sing aus dem Blechnapf fressen musste, waren wir sogar einmal sehr befreundet miteinander. Wahrscheinlich hatte man ihn in New York wegen seiner Überdosierung an Intelligenz hinausgeworfen. Er roch eine Sensation nämlich fast immer zehn Kilometer gegen den Wind, hatte aber sehr oft das Pech, dass bei seinen Aufschneidereien die Fantasie mit ihm durchging. Deshalb stellte sich manchmal schon innerhalb weniger Stunden heraus, dass er zwar etwas gerochen hatte, dass es aber nur eine Blähung seines Gehirnes gewesen war, die er zu Papier gebracht hatte.

Sonst war Ben Marlowe goldrichtig, ein Reporter, wie er im Buche stand, und wie auch die Chicago Tribune keinen besseren bekommen konnte.

Well, und aus diesem Grunde vertiefte ich mich in seinen Artikel, den die Rotationsmaschinen in zwei Millionen Exemplaren vor einer Stunde ausgespien hatten.

„ Ist Mister Dick Preston nun wirklich geisteskrank, oder nicht?“, lautete die Überschrift über seiner Reportage. „Mister Preston erfreute sich bis vor wenigen Tagen noch allerbester Gesundheit. Doktor Stanford, der sein Hausarzt ist, konnte mir das bestätigen. Aus welchem Grunde ist also Mister Dick Preston plötzlich so verrückt geworden, dass er nicht einmal imstande war, für den Fall seines Ablebens ein vernünftiges Testament abzufassen? Das werden wir gelegentlich feststellen und unsere Leser dementsprechend unterrichten.

Wir Amerikaner haben seit zwei Jahrhunderten eine stattliche Reihe von Multimillionären zur Welt gebracht – typisch Ben Marlowe-Stil. Von diesen ausgezeichneten Männern, die zum Ruhme unseres Landes beitrugen, sind nur ganz wenige verrückt geworden, weil sie gar keinen Anlass dazu hatten. Wer wie Dick Preston die größten Konservenfabriken der Welt besitzt, wer zweihundert Millionen Dollar gescheffelt hat und auch noch zehn Wolkenkratzer sein Eigen nennt, der hat nicht den Wunsch, seinen Lebensabend in einer Irrenanstalt zu verdämmern.