Krimi Dreierband 3072 - 3 Thriller in einem Band! - Frank Rehfeld - kostenlos E-Book

Krimi Dreierband 3072 - 3 Thriller in einem Band! E-Book

Frank Rehfeld

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Beschreibung

Dieses Buch enthält die Romane: (399XE) Heiße Fracht für Peru von Frank Rehfeld Himmelfahrtskommando von Frank Rehfeld Der Stoff, au dem der Tod ist von FrankRehfeld Zwei Trucker transportieren eine geheime Fracht. Wie sich herausstellt, handelt es sich um einen gefährlichen Kampfstoff, an dem auch andere interessiert sind. Schnell werden sie zu Verfolgten.

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Frank Rehfeld

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Inhaltsverzeichnis

Krimi Dreierband 3072 - 3 Thriller in einem Band!

Copyright

Heiße Fracht für Peru

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Himmelfahrtskommando

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Der Stoff, aus dem der Tod ist

Krimi Dreierband 3072 - 3 Thriller in einem Band!

von Frank Rehfeld

Dieses Buch enthält die Romane:

Heiße Fracht für Peru von Frank Rehfeld

Himmelfahrtskommando von Frank Rehfeld

Der Stoff, au dem der Tod ist von FrankRehfeld

Zwei Trucker transportieren eine geheime Fracht. Wie sich herausstellt, handelt es sich um einen gefährlichen Kampfstoff, an dem auch andere interessiert sind. Schnell werden sie zu Verfolgten.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

COVER TONY MASERO

© dieser Ausgabe 2022 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Heiße Fracht für Peru

von Frank Rehfeld

Teil 1

1

Cancorra, Paraguay.

Mit der Dämmerung hatte sich abendliche Stille über den kleinen Ort etwa sechzig Meilen nordwestlich der Hauptstadt Asuncion gelegt. Die wenigen Menschen, die sich noch auf den staubigen, schlecht ausgebauten Straßen befanden, warfen dem vorbeifahrenden Geländewagen mit den beiden Amerikanern darin desinteressierte Blicke zu.

„Endlich“, stieß Mickey Thompson auf dem Beifahrersitz hervor, als am Ende der Straße vor ihnen die Kirche des Ortes auftauchte.

Aldo Spinello parkte den Wagen. Bevor er ausstieg, tastete er nach dem Revolver am Rücken, der, durch die dünne Leinenjacke verdeckt, in seinem Hosenbund steckte.

„Also los“, sagte er entschlossen. „Gehen wir.“

Gemeinsam betraten die beiden Männer die Kirche. Im Inneren des Gotteshauses empfing sie angenehme Kühle, eine Wohltat nach der tropischen Hitze.

Die Männer verzichteten darauf, das Kreuzzeichen zu schlagen. Keiner von ihnen war gläubig, und es war auch nicht Ehrfurcht vor Gott, die sie hergeführt hatte. Der einzige Gott, den sie akzeptierten, ließ sich auf Bankkonten einzahlen und im Portemonnaie herumtragen.

Zwei alte Frauen saßen ins Gebet vertieft auf den schlichten Holzbänken, sonst hielt sich niemand in der Kirche auf.

„Kein Priester hier“, stellte Thompson fest. „Also werden wir ihm wohl einen Privatbesuch abstatten müssen.“

Spinello nickte. Im Gegensatz zu Thompson, der ihn um fast einen Kopf überragte und mit seinen blonden Haaren, breiten Schultern und der bronzenen Sonnenbräune wie eine wandelnde Reklametafel für seine Heimat Kalifornien aussah, stammten Spinellos Vorfahren aus Italien, von wo sie zu Beginn des Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten eingewandert waren. Er hatte schulterlanges schwarzes Haar, das er im Nacken zu einem Pferdeschwanz gebunden trug.

„Hoffentlich kann er uns etwas sagen.“ Er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. „Ich drehe durch, wenn wir ganz umsonst hergekommen sind.“

„Ist ja nicht unser Geld“, entgegnete Thompson gleichmütig. „Solange Ryland zahlt, fahre ich notfalls noch nach Feuerland runter.“

„Mich interessiert nicht das normale Honorar. Das hätten wir in den Staaten einfacher verdienen können. Ich bin auf die Prämie scharf“, widersprach Spinello. „Und die gibt es nun mal nur, wenn wir Erfolg haben. Soweit es mich betrifft, kann ich keinen gottverdammten Dschungel mehr sehen.“

„Aber, aber“, tadelte Thompson mit einem ironischen Grinsen. „Denk daran, wo wir hier sind. Fluchen hilft uns auch nicht weiter. Wir quetschen noch diesen Pfaffen aus, der ist die letzte Spur. Morgen sitzen wir so oder so im vollklimatisierten Flugzeug zurück nach Texas.“

„Und da werden wir hoffentlich die dreißigtausend Bucks Prämie von dem Trucker-King bekommen“, brummte Aldo Spinello. „Das normale Honorar reicht ja nicht mal als Schmerzensgeld für die ganzen Moskitostiche.“

Die beiden Männer verließen die Kirche wieder und traten auf das seitlich angebaute kleine Haus zu. Spinello betätigte den Türklopfer. Es dauerte nicht lange, bis ein älterer Mann die Tür öffnete, der an seinem schwarzen Talar unschwer als Priester zu erkennen war.

„Sie wünschen?“, erkundigte er sich auf spanisch.

„Es handelt sich um eine wichtige Auskunft“, erwiderte Spinello in der gleichen Sprache. Er sprach zwar nicht perfekt Spanisch, aber es reichte, um sich zu verständigen. „Können wir einen Moment hereinkommen?“

Der Priester musterte sie mit unverkennbarem Misstrauen. Vermutlich verirrten sich nicht besonders oft Ausländer hierher. Fremdenverkehr gab es in Paraguay kaum, dafür hatte das Land zu wenig zu bieten, und bis 1989 hatte auch die Diktatur General Stroessner einem Tourismus im Weg gestanden. Es gab auch so gut wie keine Industrie, die fremde Investoren ins Land gelockt hätte, nur Regenwald und Landwirtschaft.

„Um was für eine Auskunft handelt es sich?“

„Es geht um einen Mann namens Randolph Corrigan“, erklärte Spinello. „Unseren Informationen zufolge hat er mehrere Jahre hier in Cancorra …“

Weiter kam er nicht. Das Gesicht des Priesters verfinsterte sich schlagartig, als er den Namen des Gesuchten hörte.

„Ich kann Ihnen nicht helfen“, sagte er. „Gehen Sie!“

„Wenn es um Geld geht – für Ihre Hilfe wären wir durchaus zu einer Spende für Ihre Gemeinde bereit.“

„Sparen Sie sich Ihr schmutziges Geld und verschwinden Sie!“

Er versuchte die Tür zu schließen, doch so leicht ließ sich Spinello nicht abwimmeln. Rasch stellte er einen Fuß zwischen Tür und Angel.

„Sie kennen Corrigan also. Hören Sie, Padre, wir sind Privatdetektive und engagiert worden, ihn zu finden.“

„Ich sagte doch schon, ich kann Ihnen …“

„Er ist inzwischen tot, vor fünf Jahren gestorben, das haben wir bereits in Asuncion herausgefunden“, fiel Mickey Thompson ihm ins Wort. „Aber wir haben erfahren, dass er vermutlich verheiratet war. Und darüber benötigen wir Informationen.“

„Nehmen Sie den Fuß aus der Tür!“, zischte der Priester scharf. „Ich warne Sie, ich rufe die Policia, wenn Sie nicht sofort gehen!“

Blitzschnell zog Spinello den Revolver und presste ihn dem Priester so gegen den Bauch, dass kein Außenstehender es sehen konnte.

„Das glaube ich nicht“, stieß er leise hervor. „Ich wende ungern Gewalt an, Padre, aber wir sind nicht Hunderte von Meilen bis in dieses Dreckskaff gefahren, nur um jetzt unverrichteter Dinge wieder umzukehren, weil Sie keine Lust haben, den Mund aufzumachen.“

„Sie … Sie verstehen das nicht“, stammelte der Priester. „Ich kann Ihnen nichts über Corrigan erzählen. Es … es ist gefährlich in diesen alten Geschichten herumzustochern.“

„Welche alten Geschichten? Zum Teufel, wir wollen nur herausfinden, ob es noch lebende Verwandte von Corrigan gibt, das ist alles.“ Thompson legte seinem Partner die Hand auf den Arm. Nervös schaute er sich um. Niemand schien von dem Vorfall Kenntnis zu nehmen, aber man konnte nie wissen.

„Wir sollten besser nach drinnen gehen“, meinte er. „Hier kann man uns zu leicht beobachten.“

„Du hast recht. Also los!“ Spinello versetzte dem Priester einen Stoß. Sie folgten ihm ins Innere. Thompson schloss hinter ihnen die Tür.

Das kleine Häuschen war karg eingerichtet, die wenigen Möbel sahen aus, als hätte man sie direkt von der Müllkippe geholt. Eine Tür führte in ein Schlafzimmer, eine weitere in die Sakristei der Kirche. Beide Räume waren leer, wie Mickey Thompson kontrollierte, um vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein.

Spinello drückte den Priester in einen Sessel.

„Also gut, Padre, zum letzten Mal auf friedlichem Wege. Was war mit Corrigan? War er wirklich verheiratet, hatte er vielleicht sogar Kinder? Falls es Verwandte gibt, brauchen Sie nicht zu befürchten, dass wir ihnen irgend etwas antun wollen. Ganz im Gegenteil. Es geht um eine Erbschaft, sogar eine ziemlich große Erbschaft.“

„Sie werden es nicht wagen, auf mich zu schießen. Und Sie werden es bereuen, wenn Sie in anderer Form Hand an mich legen“, drohte der Priester. In seinen Augen war keine Angst zu erkennen. „Ich bin ein Mann der Kirche, und Sie sündigen gegen den Herrn.“

„Jetzt habe ich aber furchtbare Angst“, höhnte Spinello. Er hob die Hand, um dem Priester eine Ohrfeige zu verpassen, ließ sie dann aber wieder sinken. „Sieh dich mal ein bisschen um“, wandte er sich an seinen Partner. „Wenn der Kerl hier gelebt und geheiratet hat, muss es Aufzeichnungen geben.“

Thompson öffnete die wenigen Schränke und durchsuchte sie. Außer ein paar persönlichen Habseligkeiten war nichts zu entdecken.

„Schau in der Sakristei nach!“, befahl Spinello.

„Sie versündigen sich!“, beschwor der Priester ihn noch einmal. „Warum lassen Sie die Vergangenheit nicht einfach ruhen, anstatt …“

„Ich weiß nicht, was dieses Gefasel soll“, blaffte Spinello. „Mich interessiert nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart. „Sie brauchen uns nur zu sagen, ob es noch lebende Verwandte von Corrigan gibt, und Sie haben Ihre Ruhe.“

„Hier ist etwas, das interessant sein könnte!“, rief Thompson aus dem Nebenzimmer. „Scheint so etwas wie ein Gemeindebuch zu sein.“

„Dann sehen wir uns das doch mal an.“ Spinello packte den Priester und zerrte ihn mit sich in die Sakristei.

Thompson hatte einen Schrank aufgebrochen. Neben einigen Gegenständen, die für die heilige Messe gebraucht wurden, befand sich darin auch ein dickes, in Leder gebundenes Buch. Über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren waren darin detailliert alle Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle handschriftlich festgehalten.

„Na also, wer sagt’s denn.“ Spinello stieß einen leisen Pfiff aus. „Das ist ja genau, was wir brauchen.“ Er blätterte in dem Buch und überflog die Einträge. „Verdammt, ist das eine Klaue. Die kann ja kein Schwein lesen.“

Er schrak hoch, als plötzlich die Tür, die die Sakristei mit der Kirche verband, kraftvoll aufgestoßen wurde. Zwei uniformierte Polizisten erschienen mit gezogenen Waffen auf der Schwelle.

Blitzschnell riss Aldo Spinello den Revolver hoch und gab zwei Schüsse ab. Seine Kugeln verfehlten die Polizisten, zwangen sie aber in Deckung.

„Raus hier!“, brüllte er. Er packte das Buch und presste es mit dem freien Arm an sich. Während er seinem Partner zurück in die Wohnung des Priesters folgte, gab er noch einmal zwei Schüsse ab.

Aber auch die Polizisten blieben nicht untätig. Eine Kugel verfehlte Spinello nur knapp, eine weitere traf das Buch, das er schützend an seine Brust gepresst hielt. Das im Laufe der Jahrzehnte fast steinhart gewordene Leder hielt die Kugel auf und rettete ihm das Leben.

Dann hatte er das Gebäude verlassen. Glücklicherweise waren die beiden Polizisten dumm genug gewesen, allein zu kommen, statt einen weiteren Mann außerhalb der Kirche zu postieren.

Die beiden Männer hetzten auf den Wagen zu. Ein Stück von dem Fahrzeug entfernt parkte ein Polizeijeep.

Geistesgegenwärtig zerschoss Spinello einen der Reifen, um eine Verfolgung zu verhindern.

Hinter ihnen knallten Schüsse. Mitten im Lauf warf Mickey Thompson plötzlich die Arme nach vorne, schrie auf und stürzte zu Boden. Zwischen seinen Schulterblättern klaffte ein blutendes Loch.

Spinello konnte sich nicht um seinen Partner kümmern; vermutlich kam ohnehin jede Hilfe zu spät. Er warf das Buch auf den Rücksitz des offenen Geländewagens und schwang sich hinter das Lenkrad.

Der Motor sprang sofort an, kaum dass er den Zündschlüssel gedreht hatte. Spinello gab Gas. Die Räder des Geländewagens drehten einen Moment durch und schleuderten eine Wolke aus Sand, Staub und kleinen Steinchen in die Luft, dann schoss der Wagen mit einem Satz nach vorne.

Immer noch fielen Schüsse. Eine Kugel prallte mit dumpfem Knall vom Heck des Wagens ab, eine andere zerschmetterte dicht neben Aldo Spinello den Außenspiegel. Dann mussten die Polizisten nachladen.

Spinello zwang den Wagen in eine enge Kurve. Das Fahrzeug drohte auszubrechen, schleuderte dann aber in die Seitenstraße.

Weg hier, nur weg!, hämmerte es in Spinellos Kopf.

2

„Ich hasse dieses verdammte Mexiko“, brummte Bob missmutig.

„Freu dich lieber, dass wir die Pumpe doch noch bekommen haben“, entgegnete Jim Sherman. „Wenn uns das in Guatemala oder Honduras passiert wäre, hätte es wahrscheinlich übler ausgesehen.“

„Na schön, ich hasse nicht nur Mexiko, sondern jedes verdammte Land, das südlich von Texas liegt.“

Jim verdrehte die Augen. Er sah einen Wagen herankommen und streckte den Daumen hoch, aber der Wagen fuhr an ihnen vorbei, ohne anzuhalten.

„Außerdem liegt es nicht nur am Land“, stellte er fest. „Du solltest lieber Curtis hassen. Wenn der Mistkerl nicht die Alamo-Trucking leiten würde, hätten wir da nach der Pumpe fragen können.“

Bob schnaubte.

„Dass ich diesen Hundesohn hasse, brauche ich doch wohl nicht extra zu erwähnen.“

Sie befanden sich mit einer Fracht Frischfleisch für eine Firma in Corpus Christi, Texas, auf dem Rückweg von Tegucigalpa, der Hauptstadt von Honduras. Die Fahrt war reibungslos verlaufen, bis es auf dem Highway 101 zwischen Santander Aldoinez und San Fernando plötzlich Schwierigkeiten mit dem Motor gegeben hatte. Dieser Vorfall war vor allem deshalb völlig überraschend gekommen, weil sie erst vor wenigen Monaten von Pat O’Neill einen nagelneuen Motor in den „Thunder“ hatten einbauen lassen und für die nächste Zeit keine Schwierigkeiten in dieser Hinsicht erwarteten.

Eine rasche Untersuchung hatte ergeben, dass die Einspritzpumpe defekt war. Ein Autofahrer hatte sie zu einer Werkstatt nach San Fernando mitgenommen, doch hatte man dort keine Pumpe mehr vorrätig gehabt.

Eine RTC-Niederlassung gab es zu ihrem Bedauern in der Nähe nicht, nur eine der Alamo-Trucking. Noch vor einiger Zeit wäre es kein Problem gewesen, dort um Hilfe zu bitten. Trucker halfen sich untereinander gewöhnlich nach Kräften, selbst wenn es sich um konkurrierende Unternehmen handelte.

Zumindest war das früher so gewesen, aber die Umstände waren längst schon nicht mehr normal. Seit Nolan Curtis nach dem Rausschmiss aus der RTC durch seine Beziehung zu Monica Corrigan, der Erbin von Alamo-Trucking, als Geschäftsführer bei dieser Firma Fuß gefasst hatte, lief das anders. Nun war Monica Corrigan tot, ermordet von einem wahnsinnigen Attentäter. Eine Weile war Curtis selbst unter Verdacht geraten, doch hatte sich mittlerweile seine Unschuld herausgestellt. Da bislang kein Erbe für Monicas Firmenanteile gefunden werden konnte, konnte Curtis in der Firma praktisch schalten und walten, wie es ihm gefiel, und er hatte seine eigene Philosophie zur gültigen Direktive für das gesamte Unternehmen und alle Mitarbeiter gemacht. Für Curtis gab es keinen fairen Wettstreit um Marktanteile, für ihn galt jeder noch so kleine Konkurrent als Feind, den man mit allen Kräften bekämpfen musste.

Für seinen ehemaligen Schwager Jim Sherman galt das sogar noch in besonderem Maße. Ihm und Bob würde man in einer Alamo-Niederlassung nicht einmal die Uhrzeit verraten, geschweige denn ihnen sonst in irgendeiner Form behilflich sein.

Also war ihnen nichts weiter übriggeblieben, als ihre Odyssee auf einer Nebenstraße nach Carboneras fortzusetzen, wo sie die Pumpe schließlich erhalten hatten. Nun mussten sie nur noch zum Highway 101 und zum „Thunder“ zurückkehren. Da die Strecke jedoch nicht besonders stark

befahren war, standen sie nun schon seit über einer halben Stunde am Straßenrand, was bei der sengenden Sonnenglut alles andere als ein Vergnügen war.

Jim konnte die schlechte Laune seines schwarzen Partners gut nachvollziehen. Seine eigene Stimmung war nicht viel besser.

Aus dem Hitzeflimmern über dem Highway tauchte hinter der Kuppe eines Hügels die Schnauze eines blauen Peterbilt auf und näherte sich ihnen.

„Lass mich mal machen“, verlangte Bob, stellte sich vor Jim an den Straßenrand und hob den Daumen. Der Peterbilt verlor an Tempo und kam ein Stück hinter ihm zum Stehen.

„Siehst du? So macht man das“, erklärte Bob grinsend, während sie auf den Truck zueilten.

„Großes Kunststück bei einem Truck“, gab Jim zurück und schnitt eine Grimasse. „Die anderen waren nur Personenwagen, und die Fahrer sind wahrscheinlich alle von deinem Anblick vergrault worden.“

„Keine rassistischen Anspielungen, wenn ich bitten darf.“

„Was heißt da Rassismus? Dein Gesicht würde auch abschreckend genug wirken, wenn es strahlend weiß wäre.“

Er öffnete die Tür des Peterbilt und schwang sich auf den Shotgun-Sitz. Bob folgte ihm. Der Bock war groß genug für sie beide, auch wenn sie eng zusammenrutschen mussten.

„Jim, Bob“, begrüßte der Fahrer sie und gab wieder Gas. „Was macht ihr denn hier zu Fuß in der Einöde?“

Es handelte sich um David Jennings, einen etwas übergewichtigen Mittvierziger mit kurzgeschnittenen blonden Haaren. Die drei Trucker kannten sich von flüchtigen Begegnungen in diversen Truck Stops her, Jim erzählte David, was ihnen passiert war.

„Da habt ihr Glück im Unglück“, kommentierte Jennings. „Ich fahre genau die Strecke und kann euch direkt an eurem Thunder absetzen.“

„Ideal. Vielleicht ist unsere Pechsträhne damit nun vorbei.“

„Beschwör es lieber nicht zu laut“, warnte Bob. „Immer wenn wir diesem Thys in die Hände fallen, fängt es lausig für uns an, und dann wird es allmählich echt unangenehm. Man soll das Abenteuer nicht vor dem Ende loben.“

„Wie sieht es denn bei euch so aus?“, wollte David Jennings wissen. „Man hört ja in letzter Zeit so allerhand aus San Antonio.“

Jim winkte ab.

„Grauenhaft. Seit Nolan Curtis bei der Alamo ganz allein das Sagen hat, geht es im Geschäft immer ruhiger zu. Er hat King Ryland und damit der RTC fast schon einen offenen Krieg erklärt. Es war vorher schon unangenehm genug, aber seit Monica Corrigans Tod gibt es überhaupt niemanden mehr, der ihm ein bisschen auf die Finger schaut und ihm wenigstens gelegentlich mal seine Grenzen aufzeigt.“

„Gibt es denn keinen Verwandten mehr, der Monicas Firmenanteile erbt? Das kann ich mir kaum vorstellen.“

„Ist aber so. Monicas Vater, der alte Jefferson Corrigan, hatte noch einen Cousin, aber der ist schon vor gut dreißig Jahren nach Südamerika ausgewandert. Sowohl Curtis wie auch der King lassen aus gegensätzlichen Gründen verbissen nach ihm suchen. Er ist der einzige, der Curtis die Herrschaft über die Alamo streitig machen könnte, aber bislang fehlt jede Spur von ihm.

„Wahrscheinlich bleibt keine Branche von Leuten wie Curtis verschont“, meinte Jennings. „Aber so wenig ich solche Typen mag, muss man sein Geschick doch schon fast bewundern. Mehr als einmal ist er nun schon so abgestürzt, dass niemand geglaubt hätte, er würde sich je wieder aufrappeln können, aber der Kerl landet jedes Mal wieder auf seinen Füßen und scheint jede Niederlage nachträglich noch in einen Sieg umwandeln zu können.“

„Wie eine Katze“, stimmte Jim säuerlich zu. „Aber selbst die hat nur neun Leben. Ich bin mal gespannt, auf wie viele es Curtis bringt.“

„Sprechen wir lieber über etwas anderes“, schlug Bob vor. „Ich fange schon an zu schäumen, wenn ich nur an Curtis denke. Wie ist es denn dir in letzter Zeit ergangen?“

„Es geht so“, berichtete Jennings. „Man schlägt sich eben durch. Vor ein paar Monaten musste ich einige größere Reparaturen vornehmen lassen, und jetzt drücken die Kredite der Bank. Ich muss jedem Auftrag nachjagen und bin fast durchgehend nur auf Achse. Zum Ausspannen komme ich so gut wie gar nicht mehr. Aber das kennt ihr ja wahrscheinlich auch.“

Jim und Bob nickten zustimmend. Sie waren selbst freie Trucker und wussten nur zu genau, dass dieser Beruf einen ständigen Tanz auf dem Kraterrand eines Vulkans bedeutete. Es war ein knochenharter Job für ganze Männer, und man konnte dabei nicht einmal besonders reich werden, es sei denn, man ließ sich auf krumme Dinger ein und wurde nicht geschnappt.

Ein Absturz in den Bankrott hingegen war jederzeit möglich. Schon so manchen Trucker hatte dieses Schicksal ereilt. Nötige teure Reparaturen am Truck, Krankheit oder allgemein eine schlechte Auftragslage bei hoher Verschuldung und entsprechenden Zinsen waren nur einige der möglichen Ursachen dafür.

Sie erzählten sich gegenseitig von einigen Begebenheiten, die sich in letzter Zeit zugetragen hatten, bis sie den am Straßenrand parkenden „Thunder“ erreichten. David Jennings stoppte seinen Peterbilt hinter dem feuerroten Kenworth W 900 Conventional mit den beiderseits der Motorhaube aufgemalten Blitzen, denen der Truck seinen Namen verdankte.

„Dann mal viel Spaß bei der Reparatur und gute Weiterfahrt“, wünschte Jennings.

„Dir auch“, entgegnete Jim beim Aussteigen. „Und vielen Dank fürs Mitnehmen.“

„Nicht der Rede wert. War doch eine Selbstverständlichkeit.“

„Trotzdem. Ich hoffe, wir treffen uns demnächst mal wieder. Dann lassen wir für deine Hilfe ein paar Bierchen springen.“

„Auf das Angebot komme ich gerne zurück.“

Jim schloss die Tür. Jennings fuhr wieder an und zog zum Abschied an der Reißleine des Texashorns. Jim ging zu Bob, der bereits die Motorhaube des „Thunder“ hochgestemmt hatte. Es dauerte nicht lange, bis sie die beiden Einspritzpumpen gegeneinander ausgetauscht hatten.

Bei einem Probestart dröhnten die 450 PS des Caterpillar-Motors gehorsam auf, so dass die beiden Trucker ihre Fahrt fortsetzen konnten.

„Eines kann ich dir sagen“, meinte Bob, als sie schließlich bei Matamoros die Grenze nach Texas überquerten. „Ich habe von diesen verdammten Ländern südlich von Texas vorläufig die Nase gründlich voll. In der nächsten Zeit nehmen wir nur noch Aufträge innerhalb der Staaten an. Nach da unten kriegen mich so schnell keine zehn Pferde mehr.“

Jim widersprach nicht.

3

Trotz der langen Zeit, die sie diesen Job nun schon erledigte, verspürte Laura Lee immer noch Nervosität, wenn sie sich mit ihrem Freightliner der peruanischen Grenze näherte. Diese Fahrten waren für sie fast schon zur Routine geworden, aber sie war im Grunde sogar ein bisschen froh über die Furcht, die sie immer noch empfand. So wurde sie ständig an die tödliche Gefahr erinnert, mit der die Aufträge auch jetzt noch verbunden waren. Das verhinderte, dass sie übermütig wurde und sich selbst überschätzte.

Während der ersten Male hatte sie geglaubt, fast vor Angst sterben zu müssen. So schlimm war es inzwischen nicht mehr, aber sie spürte, wie mit jeder Meile, die sie sich auf einer kleinen Nebenstraße der Grenze zwischen Ecuador und Peru näherte, mehr Adrenalin in ihren Blutkreislauf gepumpt wurde.

Seit über fünf Jahren fuhr sie nun schon einmal im Monat diese Tour. Im Auftrag eines Konzerns aus Phoenix, Arizona, lieferte sie Ersatzteile für landwirtschaftliche Fahrzeuge an eine Firma in Iquitos.

Ursprünglich hatte sie als Sekretärin gearbeitet, bis sie Ray Lee kennengelernt und schließlich geheiratet hatte. Er war freier Trucker gewesen. Um nicht so lange von ihm getrennt zu sein, wenn er on the road unterwegs war, und um ihm bei seinen Touren zu helfen, hatte sie ebenfalls den Truck-Führerschein gemacht und ihn fortan begleitet.

Sie waren beide heilfroh gewesen, als sie den Auftrag für die Fahrten nach Peru an Land gezogen hatten. Die Touren wurden relativ gut bezahlt, und da sie regelmäßig stattfanden, stellten sie eine geregelte Einnahmequelle dar.

Das Glück hatte jedoch nur knapp zwei Jahre gewährt, dann hatte sich Ray eine tückische Tropenkrankheit eingefangen. Die Behandlung war langwierig und teuer. Um die Kosten überhaupt aufbringen zu können, war Laura gezwungen gewesen, sich bis über beide Ohren zu verschulden. Genutzt hatte es nichts. Nach fast einem Jahr war Ray der Krankheit trotz bester medizinischer Versorgung schließlich doch erlegen.

Da Ray nicht einmal über eine Lebensversicherung verfügt hatte, war Laura allein mit einem Riesenberg an Schulden zurückgeblieben. Sie hatte überlegt, den Truck zu verkaufen und wieder in ihren alten Beruf zurückzukehren, aber nach den Jahren als Truckerin wäre sie hinter einem Schreibtisch nicht mehr glücklich geworden. Lieber hatte sie die Zähne zusammengepresst und war noch mehr Touren als zuvor gefahren. Um wenigstens die Zinsen für ihre Kredite abzahlen zu können, hatte sie buchstäblich jeden Tag bis zum Umfallen geschuftet, war so lange gefahren, bis sie fast hinter dem Steuer einschlief und sich nur noch mit Tabletten wachhalten konnte.

Auf Dauer war das natürlich kein Zustand gewesen. Als man ihr dann das Angebot unterbreitet hatte, ihre Fahrten nach Peru mit einem kleinen Nebengeschäft zu verbinden, war ihr schon fast nichts anderes mehr übriggeblieben, als trotz der hohen Gefahr einzuwilligen.

Die mit Schlaglöchern übersäte Straße, die selbst bei viel Nachsicht und gutem Willen jeder nordamerikanischen Vorstellung von einem auch nur halbwegs anständigen Highway Hohn sprach, beschrieb eine Kurve, und dahinter tauchte der erste Grenzkontrollpunkt auf. Die meisten Grenzposten kannten sie aufgrund der regelmäßigen Fahrten. So wurde sie bei der Ausreise aus Ecuador erst gar nicht angehalten, sondern von einem Zöllner durchgewinkt. Laura winkte lächelnd zurück. Hier hatte sie noch nie Schwierigkeiten bekommen. Das Problem stellte nur die Einreise nach Peru dar.

Laura atmete noch einmal tief durch und zündete sich eine Zigarette an, um ihre Nerven zu beruhigen. Ihre Hände zitterten leicht, und sie spürte, wie sich trotz der einwandfrei arbeitenden Klimaanlage Schweißtröpfchen auf ihrer Stirn bildeten. Mit einer Hand wischte sie sich über das Gesicht, während sie den Truck vor dem knapp hundert Yards entfernten peruanischen Kontrollpunkt ausrollen ließ und anhielt.

Einer der Zöllner stand breitbeinig mitten auf der Straße. Laura erkannte Pedro Almarez und atmete erleichtert auf. Mit dem jungen, dunkelhaarigen Peruaner kam sie gewöhnlich gut zurecht. Er war meist gut gelaunt, scherzte gerne und arbeitete sich ganz gewiss nicht zu Tode. Selbst wenn er ihre Ladung einmal kontrollierte, ging er dabei höchst oberflächlich vor. Meist aber begnügte er sich schon damit, nur einen flüchtigen Blick auf die Frachtpapiere zu werfen. Zu diesem Verhalten trug wohl auch bei, dass er anscheinend einen Narren an Laura gefressen hatte. Er ließ keine Gelegenheit aus, mit ihr zu flirten, und um sich seine Sympathie zu erhalten, ging sie bereitwillig auf das Spiel ein. Sie hatte das Gefühl, dass er sie überhaupt nur anhielt, um sich mit ihr unterhalten zu können.

Er trat auf die Tür zu. Laura kurbelte das Fenster hinunter, auch wenn dadurch sofort ein Schwall heißer, schwüler Tropenluft zu ihr herein quoll. Die Klimaanlage würde eine halbe Ewigkeit brauchen, wieder eine erträgliche Temperatur in der Fahrerkabine zu schaffen.

„Wie schön, Sie wieder mal zu sehen, Laura“, begrüßte Almarez sie mit einem strahlenden Lächeln. „Mit ihrem Kommen haben Sie mir gerade den ganzen Tag gerettet. Sie sehen heute wieder einmal zauberhaft aus.“

„Und Sie sind charmant wie immer“, entgegnete Laura geschmeichelt und erwiderte sein Lächeln. Sie war sich ihrer Wirkung auf Männer durchaus bewusst. Zwar hatte sie inzwischen die Dreißig überschritten, sah aber gut fünf Jahre jünger aus, wie man ihr oft genug bestätigte. Langes blondes Haar fiel ihr über die Schultern. Ihr Gesicht wurde von den lebenslustig funkelnden blauen Augen beherrscht.

Almarez übertrieb es nach ihrem Geschmack jedoch mit der ungeschickten, aufdringlichen Art seiner Komplimente. Vielleicht lag es an seinem südamerikanischen Temperament, aber das änderte nichts daran, dass seine Worte in ihren Ohren nur Gesülze waren. Lediglich aus taktischen Gründen tat sie so, als würden seine Komplimente ihr gefallen.

Laura unterhielt sich noch ein paar Minuten mit ihm, und ihre Nervosität verflog, obwohl die beiden mit Maschinenpistolen bewaffneten Polizisten neben dem kleinen Grenzhäuschen nicht gerade Vertrauen einflößend wirkten. Aber das war ein Anblick, an den sie sich schon lange gewöhnt hatte.

Schließlich ließ sich Pedro Almarez ihre Frachtpapiere geben und kontrollierte sie mit der bei ihm gewohnten Flüchtigkeit.

„Alles in Ordnung, wie üblich. Ich wünsche Ihnen noch eine gute Fahrt“, kommentierte er und wollte ihr die Papiere zurückgeben, als ein etwa fünfzigjähriger Uniformierter aus dem Häuschen trat. Er hatte ein grobporiges Gesicht mit schmalen, fast blutleeren Lippen.

Mit energischen Schritten kam er näher. Bei seinem Anblick keimte Lauras Nervosität sofort wieder auf. Sie hatte den Mann hier noch nie gesehen und spürte instinktiv, dass es Ärger geben würde.

„Was soll das?“, herrschte er Almarez an. „Sie kennen die Kontrollvorschriften. Halten Sie es nicht einmal für nötig, die Fracht zu überprüfen?“

„Aber Leutnant, das …“

„Schweigen Sie!“ Er nahm Almarez die Papiere aus der Hand und begutachtete sie wesentlich gründlicher. Dann wandte er sich Laura zu. Sein Blick war unangenehm stechend. „Steigen Sie aus und öffnen Sie den Auflieger.“

Ein heißer Schreck durchfuhr die junge Frau, loderte fast panikartig in ihr hoch. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, einfach Gas zu geben und die Sperre zu durchbrechen. Ein flüchtiger Blick zu den bewaffneten Posten hinüber überzeugte sie jedoch, wie sinnlos ein solcher Versuch wäre. Bis sich der Freightliner mit dem schweren Auflieger in Bewegung gesetzt hätte, wäre es ein leichtes für die Männer, ihr die Reifen zu zerschießen und sie so zum Stehen zu bringen. Dann wäre alles aus. Schon allein wegen des Widerstandes würde man sie festnehmen, aber die eigentliche Gefahr lauerte aus einer anderen Richtung.

Falls sie sich erst einmal auf diese Art verdächtig machen würde, würde man mit Sicherheit jedes einzelne Teil ihrer Fracht genauestens in Augenschein nehmen.

Und dann war es unausweichlich, dass man die für die Widerstandskämpfer des Leuchtenden Pfades bestimmten transportablen Granatwerfer und Maschinengewehre entdeckte, die zwischen den Ersatzteilen verborgen waren.

So hingegen hatte sie wenigstens noch eine kleine Chance, dass die Waffen den scharfen Blicken des Kontrolleurs entgingen.

Laura schaltete den Motor aus und zündete sich eine weitere Zigarette an. Dann stieß sie die Tür auf und stieg mit wackeligen Beinen aus der Fahrerkabine des Trucks.

4

„Nun, Mister Ryland, was sagen Sie?“, erkundigte sich Aldo Spinello.

„Ich muss erst einmal nachdenken, um das alles zu verarbeiten“, entgegnete Luke Ryland, der von den meisten achtungsvoll als „Trucker-King“ bezeichnet wurde. Der grauhaarige, sechzigjährige Mann mit dem markanten Gesicht lehnte sich in dem Sessel hinter seinem Schreibtisch zurück. In Gedanken ging er noch einmal die Geschichte durch, die Spinello ihm erzählt hatte, und ordnete die Fakten.

Vor gut zwei Monaten hatte er Spinello und Thompson engagiert, um Nachforschungen über den Verbleib von Jefferson Corrigans Cousin Randolph anzustellen. Die beiden Detektive besaßen keinen allzu guten Ruf, und er hatte anfangs gezögert, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Vorher hatte er bereits zwei angesehene Detektivagenturen mit der Suche beauftragt, die jedoch beide gescheitert waren.

In Ländern der dritten Welt kam man vielleicht wirklich nur mit nicht immer ganz sauberen Methoden weiter, und tatsächlich hatten Spinello und Thompson nach kurzer Zeit beachtliche Erfolge in Südamerika erzielt.

Randolph Corrigan war 1960 nach Uruguay ausgewandert. Dort verlor sich seine Spur angeblich, aber Spinello und Thompson hatten sie wiedergefunden, hatten festgestellt, dass Corrigan nach seinem Aufenthalt in Uruguay einige Jahre in Brasilien gelebt und sich schließlich in Paraguay niedergelassen hatte. Dort sollte er sich bis zu seinem Tod im Jahre 1988 in eine relativ hohe Position im Geheimdienst des Diktators Alfredo Stroessner, der berüchtigten Policia de Operaciones Especializadas, hochgearbeitet haben.

„Können Sie mir etwas Genaueres über seine Funktion im Geheimdienst sagen?“, wandte sich Ryland an Spinello. „War er an Folterungen oder anderen Menschenrechtsverletzungen beteiligt?“

Der Italoamerikaner zuckte bedauernd mit den Schultern.

„Das ist anzunehmen, aber die neue Regierung in Paraguay unternimmt nicht besonders viel, um Menschenrechtsverletzungen während der Diktatur aufzuklären“, erwiderte er. „Da können Sie sich vorstellen, wie schwer es erst für einen Außenstehenden ist, entsprechende Ermittlungen anzustellen. Außerdem wäre es lediglich eine unnötige Gefahr gewesen, da es mit unserem Auftrag nur indirekt zu tun hatte. Warum interessieren Sie sich dafür?“

„Weil ich mich bei so unmenschlichen Taten frage, ob es überhaupt wünschenswert wäre, wenn eventuelle Angehörige eines solchen Mannes Einfluss bei der Alamo gewinnen“, erklärte der Trucker-King. „Gegen jemanden, der sich nicht einmal dafür zu schade ist, Menschen im Dienste eines Diktators wie Stroessner zu quälen und zu töten, ist ja selbst Nolan Curtis noch ein harmloser Waisenknabe.“

„Nun, was jetzt weiter geschieht, müssen Sie allein entscheiden. Ich habe meinen Auftrag erfüllt, und dafür verlange ich die Prämie, die Sie dafür in Aussicht gestellt haben.“

„Die Prämie war für den Fall verabredet, dass Sie Randolph Corrigan oder einen erbberechtigten Verwandten aufspüren“, stellte Ryland richtig. „Das ist nicht geschehen.“

„Aber ich habe Ihnen deutliche Hinweise darauf geliefert“, ereiferte sich Spinello und deutete auf das Buch, das aufgeschlagen auf dem Schreibtisch lag. „Mein Partner und ich haben monatelang jede noch so kleine Spur verfolgt, obwohl sich Nachforschungen in dieser Richtung als immer gefährlicher herausgestellt haben, wohl wegen der umstrittenen Position Corrigans. Mickey hat sein Leben verloren, nur damit wir dieses Buch beschaffen konnten, und was glauben Sie, wie schwierig und gefährlich es für mich noch war, es außer Landes zu schaffen? Ich wurde von der Polizei verfolgt und musste illegal über die Grenze nach Kolumbien fliehen, und dort wiederum musste ich am Flughafen die Zöllner bestechen, was auch nicht gerade billig war.“

Ryland musterte ihn einige Sekunden kühl.

„Seien Sie unbesorgt, Sie werden Ihre Prämie bekommen“, sagte er dann. „Auch wenn ich nicht besonders angetan von Ihren Methoden bin, wie ich nicht verschweigen möchte.“

„Wenn wir uns nur auf das Fragen und Bitten verlegt hätten, säßen wir wahrscheinlich immer noch in Uruguay und wüssten nicht einmal, dass Corrigan das Land schon vor Jahrzehnten verlassen hat. Wir waren uns von Anfang an einig, dass einige ungewöhnliche Methoden nötig sein würden.“

„Aber doch kein Diebstahl! Ich spreche von dem Buch.“ Ryland deutete auf den Band. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Es ist Eigentum der Kirche, und Sie haben es gestohlen. Wenn bekannt wird, dass Sie für mich gearbeitet haben, kann das ziemliche Schwierigkeiten für mich bedeuten.“

„Aber das Buch ist der Beweis dafür, dass Corrigan eine Familie und damit Angehörige hatte.“

„Er hatte eine Frau, die schon zwei Jahre nach der Hochzeit gestorben ist“, korrigierte Ryland. „Alles Weitere ist lediglich eine Vermutung.“

„Und die Fälschungen in dem Buch?“ Spinello beugte sich vor und deutete auf den entscheidenden Eintrag. Dieser stand ein Stück unter der Notiz über die kirchliche Heirat von Randolph Corrigan mit einer aus Cancorra stammenden Frau namens Marcella Calindo im Februar 1967. „Es ist doch ganz offensichtlich, dass da jemand etwas zu manipulieren versucht hat.“

Zum wiederholten Male musterte Ryland den betreffenden Absatz. Das meiste davon war unleserlich gemacht worden. Anscheinend hatte jemand versucht, die obersten Papierschichten mit einer Rasierklinge abzuschaben, aber stellenweise war die Tinte zu stark aufgesaugt worden, um sie völlig zu entfernen. So war noch der Name Corrigan zu lesen, nicht aber, um was es bei dem Eintrag ging.

„Die Wahrscheinlichkeit ist äußerst groß, dass es sich um die Taufe eines Kindes handelt“, fuhr Spinello fort. „In dem Buch sind fast nur Taufen, Sterbefälle und Eheschließungen vermerkt, sowie Kirchenein- und -austritte. Auch die Zeit kommt ziemlich genau hin, rund neun Monate nach der Hochzeit.“

„Ein Beweis ist es trotzdem nicht“, beharrte Ryland. „Aber ich gebe zu, dass eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht. Nur frage ich mich, warum jemand sich diese Mühe gemacht haben sollte, um den Eintrag zu löschen.“

Spinello zuckte die Achseln.

„Da bin ich auch überfragt, aber es passt gut zu dem seltsamen Verhalten des Priesters. Aus irgendeinem Grund weigerte er sich strikt, über Corrigan zu sprechen.“ Spinello zögerte einen Moment. „Es schien fast so, als hätte er vor irgend etwas ziemliche Angst, das mit Corrigan in einem Zusammenhang steht.“

Luke Ryland überlegte eine Weile.

„Also gut, dank Ihrer Hilfe weiß ich nun immerhin schon etwas mehr, insofern haben Sie sich die Prämie verdient. Meine Sekretärin wird Ihnen einen Scheck über die vereinbarte Summe geben. Zwar weiß ich immer noch nicht sicher, ob Corrigan einen Erben hat und wo dieser sich aufhält, doch ich habe wenigstens eine Spur.“

„Die wird aber jemand anders weiterverfolgen müssen. Nehmen Sie es mir nicht übel, Mister Ryland, aber ich werde den Teufel tun und noch einmal nach Paraguay gehen. Nicht für alles Geld der Welt. Ich habe nicht die geringste Lust, so wie Mickey zu enden.“

„Das kann ich verstehen. Der Tod Ihres Partners tut mir übrigens aufrichtig leid. Ich hätte diesen Auftrag niemals erteilt, wenn ich geahnt hätte, dass es zu einer solchen Tragödie kommen würde. Die Ermittlungen sind zwar wichtig, aber sie rechtfertigen nicht den Verlust eines Menschenlebens.“

„Mickey kannte das Risiko. In unserem Job muss man immer damit rechnen.“

„Trotzdem. Hatte Ihr Partner eine Familie?“

„Nein. Jedenfalls keine Frau und keine Kinder, wenn Sie das meinen.“ Spinello erhob sich. „Es ist wohl alles gesagt, was es zu sagen gibt. Einen schönen Tag noch, Mister Ryland.“

Er verließ das Büro.

In Gedanken versunken blieb der Trucker-King zurück.

5

Als sie vom Trittbrett des Trucks zu Boden sprang, glaubte Laura Lee, die schwüle Tropenhitze würde sie wie eine unsichtbare Faust treffen, ihr die Luft aus den Lungen pressen und ihr alle Kraft rauben. Ihr wurde schwindelig. Die Beine knickten ihr für einen Moment ein, und sie musste sich an dem Freightliner abstützen, aber es lag nicht nur an dem Tropenklima, sondern auch an der Panik, die sie gepackt hatte.

Während sie an dem Gespann entlangging, hatte sie das Gefühl, ihre Knie bestünden nur noch aus Pudding und könnten das Gewicht ihres Körpers nicht mehr tragen. Ihr Puls raste wie verrückt. Sie hoffte, dass man ihr die Angst nicht allzu deutlich anmerkte. Die ganze Zeit über spürte sie den Blick des Kontrolleurs wie eine Messerklinge auf sich gerichtet.

Sie trug eine kurze, enge Hose und hatte die Bluse nur nachlässig vor dem Bauch verknotet. Dadurch war viel von ihrer makellosen, braungebrannten Haut zu sehen.

Nicht nur wegen der tropischen Hitze machte sich Laura so zurecht, sondern es war auch eine taktische Maßnahme. Wenn sie einmal kontrolliert wurde, lenkte ihre Aufmachung die Zöllner meist so ab, dass diese mehr auf sie als auf die Fracht achteten.

Bei dem Mann, mit dem sie es hier zu tun hatte, war das jedoch ganz offensichtlich nicht der Fall. Er schien ihre Reize gar nicht wahrzunehmen, jedenfalls war in seinem Gesicht nicht die leiseste Spur von Begehren zu lesen. Im Gegenteil, wenn überhaupt eine Gefühlsregung darin zu erkennen war, dann handelte es sich um Ablehnung. Laura fühlte sich von ihm so gemustert, wie jemand einen Moskito beobachten mochte, bevor er ihn erschlug.

Sie fragte sich, welche Rolle der Mann spielen mochte. Seine Uniform war anders als die von Almarez und den anderen Grenzpolizisten, er trug Orden und war als Leutnant bezeichnet worden. Vermutlich gehörte er dem Militär oder dem Geheimdienst an.

Aber was machte er dann hier? Kontrollierte er nur routinemäßig die Arbeit der Grenzposten, oder steckte etwas anderes dahinter? Und warum stand er ihr so feindselig gegenüber? Es war möglich, dass er eine grundsätzliche Abneigung US-Bürgern gegenüber hegte, oder er hatte gerade schlechte Erfahrungen mit einer Frau hinter sich und wollte sich nun an ihr abreagieren. Gründe waren viele denkbar, und alle reichten Laura zum Nachteil.

Peru war zwar vordergründig eine Demokratie, aber das hatte nicht viel zu bedeuten. Hunderte Menschen verschwanden jedes Jahr spurlos, wurden vom Militär, dem Geheimdienst oder mit inoffizieller Billigung der Regierung operierenden Todesschwadronen verschleppt und umgebracht.

Falls man sie beim Waffenschmuggel auf frischer Tat ertappte, drohte auch ihr die Todesstrafe. Immerhin befand sich das Regime unter Präsident Fu-Aldoori fast schon in einem offenen Bürgerkrieg mit der Guerillaorganisation Leuchtender Pfad.

Laura nahm an, dass man sie als amerikanische Staatsbürgerin nicht offiziell hinrichten würde, um die Beziehungen zur US-Regierung nicht zu belasten, aber zumindest würde man sie für Jahre, vielleicht für den Rest ihres Lebens, ins Gefängnis stecken, und das war ein kaum angenehmeres Schicksal. Peruanische Gefängnisse waren eine Katastrophe, Berichte über Misshandlung und Folter von Inhaftierten an der Tagesordnung.

Jetzt bedauerte es Laura, sich jemals auf diesen Schmuggel eingelassen zu haben. Sie wünschte sehnlich, alles rückgängig machen zu können, doch für diese Überlegungen war es nun zu spät.

Mit schweißnassen Händen öffnete sie den Auflieger. Der Kontrolleur kletterte hinein. Bis auf eine schmale Gasse in der Mitte war der Auflieger mit Containern und Kisten vollgestopft.

„Aufmachen!“, befahl der Leutnant barsch und deutete auf eine der Kisten. Es war eine von denen, in denen sich keine Waffen befanden, wie Laura erleichtert registrierte.

Sie klemmte sich die Zigarette in einen Mundwinkel, griff nach einer Brechstange und setzte den Hebel unter dem Deckel an. Knirschend lösten sich die Nägel aus dem Holz. Sie klappte den Deckel zurück.

Der Leutnant griff nach einigen der Motorteile und nahm sie heraus, um sehen zu können, was sich darunter befand. Während er den Inhalt der Kiste untersuchte, beugte Laura sich am Rand des Aufliegers zu Pedro Almarez hinunter.

„Wer ist das?“, raunte sie ihm leise zu. „Was hat das alles zu bedeuten?“

„Leutnant Martinez gehört zum Militär“, gab Pedro ebenso leise zurück. „Angeblich hat er Hinweise auf illegale Waffenlieferungen an die Rebellen, die ins Land geschmuggelt werden. Tut mir leid, dass Sie jetzt dadurch belästigt werden, aber er kennt Sie eben nicht so gut wie ich.“

Waffenlieferungen! Laura glaubte, ihr würde das Herz in die Hose rutschen.

„Na ja, ich habe ja nichts zu verbergen“, sagte sie etwas lauter, so dass auch der Leutnant sie hören konnte. Sie war über ihre eigene Kaltblütigkeit verblüfft. „Es kostet nur unnötig Zeit.“

Martinez deutete auf eine andere Kiste, dann auf zwei Container, die Laura für ihn öffnen musste. Keiner davon enthielt gefährliche Ware.

Beim Öffnen der Behälter beugte sie sich bewusst weit nach vorne, so dass ihre Bluse vorne auseinanderklaffte und dem Kontrolleur fast ungehinderte Aussicht auf ihre Brüste gewährte. Dieser Anblick ging auch an Martinez nicht spurlos vorüber. Sie sah, dass er mühsam schlucken musste. Er starrte sie unverhohlen an und wandte erst den Kopf ab, als sie seinen Blick erwiderte.

Das änderte jedoch nichts daran, dass er mit seinen Kontrollen in gleicher Gründlichkeit fortfuhr. Laura wurde mit jeder Minute verzweifelter. Sie musste sich zwingen, ihre Hände ruhig zu halten und nicht vor Nervosität von einem Bein auf das andere zu treten. Wenigstens fiel bei der Hitze nicht auf, wie stark sie schwitzte.

„Man sieht ja kaum etwas. Holen Sie eine Taschenlampe!“, blaffte der Leutnant Pedro an, der eilig verschwand. Er schaute sich kurz um und deutete dann auf einen besonders großen Container im Hintergrund des Aufliegers. „Jetzt den da“, verlangte er.

Lauras Herz machte einen schmerzhaften Sprung. Gerade in diesem Container befanden sich neben den deklarierten Ersatzteilen und Messerblättern für Mähmaschinen auch Teile der beiden auseinandergebauten Granatwerfer. Ihre Finger zitterten so stark, dass sie es kaum schaffte, die Verschlüsse zu öffnen.

Obenauf in dem Container lagen die großen Messerblätter aus geschliffenem Edelstahl. Martinez griff danach, um sie hochzuheben. Gleich darauf riss er die Hand mit einem Fluch wieder zurück. Blut quoll aus einer Schnittwunde an seiner Handfläche.

„Verdammt, die Scheißdinger sind ja scharf wie Rasierklingen.“

Laura antwortete nicht, um seine schlechte Laune nicht noch zu verstärken. Außerdem fürchtete sie, ihre Stimme würde verraten, welche Angst sie ausstand.

Martinez presste ein Taschentuch auf die Wunde und hob noch einmal die Schnittblätter an, diesmal wesentlich behutsamer als beim ersten Mal. Er starrte auf das Gewirr von Metallteilen darunter, aber in dem Dämmerlicht im Inneren des Aufliegers konnte er vermutlich kaum etwas erkennen und hatte offensichtlich wenig Lust, die Teile genauer zu durchforsten. Nach ein paar Sekunden ließ er die Messerblätter wieder sinken.

„Scheint alles in Ordnung zu sein“, sagte er knapp. „Tut mir leid, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe, aber man kann nicht vorsichtig genug sein. Sie dürfen weiterfahren.“

Laura atmete auf. Ein Tonnengewicht schien ihr von der Seele zu fallen. So brenzlig war es für sie noch nie gewesen. Hastig verschloss sie die Container und Kisten wieder.

Almarez kam mit der verlangten Taschenlampe herbeigeeilt. Der Leutnant scheuchte ihn mit einer Handbewegung weg und kletterte aus dem Auflieger.

„Schon gut. Ich brauche das Ding nicht mehr.“ Das Taschentuch in seiner Handfläche war inzwischen fast durchgeblutet. Wahrscheinlich war die Verletzung der Hauptgrund, weshalb er seine Kontrolle abgebrochen hatte. „Die Lady darf passieren“, verkündete er und eilte dann mit schnellen Schritten zu dem Häuschen hinüber, um sich seine Hand verbinden zu lassen.

Laura Lee schickte vor Erleichterung ein Stoßgebet zum Himmel.

6

„Endlich wieder zu Hause“, seufzte Jim im Selbstgespräch, als er sein Haus betrat und die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Bob hatte er bereits in der Culebra Avenue aussteigen lassen, wo der Virginier ein Apartment besaß.

Jim ließ seine Reisetasche fallen und ging ins rustikal eingerichtete Wohnzimmer. Er schenkte sich an der Bar einen doppelten Whisky ein, dann ließ er sich in einen Sessel fallen, zog seinen Tabakbeutel aus der Hemdtasche und drehte sich eine Zigarette. Genüsslich nippte er an seinem Whisky, rauchte und blickte versonnen dem Rauch nach, der sich der Decke entgegen kräuselte.

Diese ersten Minuten nach seiner Heimkehr liebte er immer besonders. Oft genug waren Bob und er wochenlang unterwegs. Auch jetzt lag es schon über zwei Wochen zurück, seit er zuletzt zu Hause gewesen war. Vor ein paar Stunden noch hatten sie sich in Mexiko befunden, vorher in Honduras, davor in Arizona, in Kalifornien, in Oregon und zahlreichen anderen Staaten im Westen und Mittelwesten der USA.

So sehr Jim das Leben on the road auch liebte, so schön war es gleichzeitig, nach einer mehrwöchigen Tour wieder den Komfort eines richtigen Heims zu genießen. Jim brauchte einfach diese paar Minuten, in denen er ganz für sich allein entspannen konnte.

Manchmal bedauerte er es, nicht häufiger zu Hause zu sein. Immerhin war sein Anwesen hier in der Starcrest Avenue gut zehntausend Quadratyards groß, und er hatte die Villa selbst nach seinen Vorstellungen renoviert. Hielt er sich hingegen mal länger als ein paar Tage hier auf, wurde er unweigerlich kribbelig. Dann spürte er, wie es ihn wieder in die schief unendliche Weite der Highways hinauszog.

Erst als er seinen Whisky getrunken und die Zigarette im Aschenbecher ausgedrückt hatte, hörte er seinen Anrufbeantworter ab. Wie nicht anders zu erwarten, befanden sich unter anderem auch mehrere Nachrichten Carla Sues darauf, in denen sie ihn bat, sich nach seiner Rückkehr bei ihr zu melden.

Das hatte Zeit. Erst einmal ließ sich Jim ein Bad ein und stieg in die Wanne. Er blieb lange im heißen Wasser liegen und ließ sich auch ausgiebig von den heißen Wasserstrahlen der Handdusche massieren. Langsam spürte er, wie sich seine von der Fahrerei verspannte Muskulatur entkrampfte. Auch das war ein Luxus, auf den er unterwegs weitgehend verzichten musste. Meist schliefen Bob und er im Doghouse des „Thunder“. Wenn sie nicht gerade mal ausnahmsweise in einem Motel übernachteten, konnten sie höchstens an einem Truck Stop duschen, doch waren diese großen Gemeinschaftsduschen natürlich längst nicht so gemütlich wie das eigene Badezimmer.

Als Jim sich gerade die Haare föhnte, hörte er das Läuten der Türklingel.

„Carla Sue“, seufzte er. Er schlang sich ein Handtuch um die Hüften und öffnete. Seine Vermutung traf zu. Bei seiner Besucherin handelte es sich um die Tochter des Trucker-King. Im Laufe der Zeit hatte Carla Sue einen beinahe unheimlichen siebten Sinn dafür entwickelt, wann er zu Hause ankam.

„Hallo, Jim“, begrüßte sie ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich habe vor einer halben Stunde angerufen, und da der Automat diesmal ausgeschaltet war, konnte das nur bedeuten, dass du hier bist. Also bin ich direkt mal vorbeigekommen.“

„Nicht gerade ein perfektes Timing“, kommentierte Jim und blickte demonstrativ an sich herab. „Ich bin gerade erst aus der Wanne gestiegen.“

„Das ist ja wieder mal eine äußerst freundliche Begrüßung.“ Carla Sue zog einen Schmollmund. „Ein bisschen mehr Freude, mich wiederzusehen, hatte ich mir schon erhofft.“

Jim verdrehte die Augen. Er war fünf Jahre lang mit Carla Sue verheiratet gewesen. Die Ehe war lediglich daran gescheitert, dass er die meiste Zeit des Jahres unterwegs war, und sie hatten sich ohne Streit getrennt. Mittlerweile bereute Carla Sue die Scheidung längst, und sie ließ keine Gelegenheit aus, Jim zu einem zweiten Versuch zu drängen, doch da er genau wusste, dass sich an den grundsätzlichen Problemen seit damals nichts geändert hatte, war er dazu nicht bereit, obwohl er Carla Sue noch immer mochte. Sie waren gute Freunde, und wenn er in San Antonio war, trafen sie sich meistens. Manchmal schliefen sie auch noch miteinander, doch eine festere Beziehung war bei ihm nicht drin.

„Ich freue mich ja auch“, erwiderte er. „Aber ich habe einige ziemlich stressige Tage hinter mir. Eigentlich wollte ich mir einen gemütlichen Abend machen und hatte vor, mal in aller Ruhe ein paar Stunden auszuspannen, um mich zu erholen.“

„Das deckt sich ziemlich genau mit meinen Vorstellungen. Du hast doch bestimmt Hunger. Ich könnte etwas kochen. Wie wäre es mit einem romantischen Dinner bei Kerzenschein? Anschließend könnten wir dann vielleicht noch gemeinsam eine Flasche Wein trinken.“