Kruso - Lutz Seiler - E-Book + Hörbuch

Kruso E-Book

Lutz Seiler

3,8
11,99 €

Beschreibung

Als seine Freundin verunglückt und er in ein tiefes Loch zu stürzen droht, beschließt Edgar Bendler, nach Hiddensee zu fliehen – auf jene legendenumwobene Insel, die schon vielen Gestrandeten als Zuflucht diente. Er wird Abwäscher im Klausner, einer Kneipe hoch über dem Meer, und lernt Alexander Krusowitsch kennen – Kruso. Eine schwierige, zärtliche Freundschaft beginnt. Von Kruso, dem Meister und Inselpaten, wird Ed eingeweiht in die Rituale der Saisonarbeiter und die Gesetze ihrer Nächte. Nach und nach erschließen sich ihm die Geheimnisse der Insel und des Klausners. Als Ed schon glaubt, wieder einen Platz im Leben gefunden zu haben, erschüttert der Herbst 89 das fragile Gefüge der Inselbewohner. Am Ende steht ein Kampf auf Leben und Tod – und ein Versprechen. Inselabenteuer und Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft – Lutz Seilers preisgekrönter Roman schlägt einen Bogen vom Sommer 89 bis in die Gegenwart. Die einzigartige Recherche, die diesem Buch zugrunde liegt, folgt den Spuren jener Menschen, die bei ihrer Flucht über die Ostsee verschollen sind, und führt uns dabei bis nach Kopenhagen, in die Katakomben der dänischen Staatspolizei.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 660




Als das Unglück geschieht, flieht Edgar Bendler aus seinem Leben. Er wird Abwäscher auf Hiddensee, jener legendenumwogten Insel, die, wie es heißt, schon außerhalb der Zeit und »jenseits der Nachrichten« liegt. Im Abwasch des Klausners, einer Kneipe hoch über dem Meer, lernt Ed Alexander Krusowitsch kennen – Kruso. Eine schwierige, zärtliche Freundschaft beginnt. Von Kruso, dem Meister und Inselpaten, wird Ed eingeweiht in die Rituale der Saisonarbeiter und die Gesetze ihrer Nächte, in denen Ed seine sexuelle Initiation erlebt. Geheimer Motor dieser Gemeinschaft ist Krusos Utopie, die verspricht, jeden Schiffbrüchigen des Landes (und des Lebens) in drei Nächten zu den Wurzeln der Freiheit zu führen. Doch der Herbst 89 erschüttert die Insel. Am Ende steht ein Kampf auf Leben und Tod – und ein Versprechen.

 Inselabenteuer und Geschichte einer außergewöhnlichen Freundschaft: Lutz Seilers erster, lang erwarteter Roman schlägt einen Bogen vom Sommer 89 bis in die Gegenwart. Die einzigartige Recherche, die diesem Buch zugrunde liegt, folgt den Spuren jener Menschen, die bei ihrer Flucht über die Ostsee verschollen sind, und führt uns dabei bis nach Kopenhagen, in die Katakomben der dänischen Staatspolizei.

Lutz Seiler, geboren 1963 in Gera/Thüringen, lebt in Wilhelmshorst und Stockholm. Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis, dem Bremer Literaturpreis und dem Fontane-Preis.

Im Suhrkamp Verlag erschienen zuletzt die Bände:

im felderlatein. Gedichte, 2010

Die Zeitwaage. Erzählungen, 2009

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2014

Der vorliegende Text folgt der Ausgabe: Erste Auflage 2014

© Suhrkamp Verlag Berlin 2014

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Satz: Satz-Offizin Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner

»Um jedoch auf meinen neuen Gefährten zurückzukommen,

so gefiel mir dieser außerordentlich.«

Kleiner Mond

Seit er aufgebrochen war, befand sich Ed in einem Zustand übertriebener Wachsamkeit, der es ihm verboten hatte, im Zug zu schlafen. Vor dem Ostbahnhof, der im neuen Fahrplan Hauptbahnhof hieß, gab es zwei Laternen, eine am Postgebäude schräg gegenüber und eine über dem Haupteingang, wo ein Lieferwagen parkte, mit laufendem Motor. Die Leere dieser Nacht widersprach seinen Vorstellungen von Berlin, aber was wusste er schon von Berlin. Bald kehrte er in die Schalterhalle zurück und verkroch sich auf einer der breiten Fensterbänke. In der Halle war es so still, dass er von seinem Platz aus das Knattern hören konnte, mit dem der Lieferwagen draußen abfuhr.

Er träumte von einer Wüste. Am Horizont ein Kamel, das näher kam. Es schwebte in der Luft und wurde dabei von vier oder fünf Beduinen gehalten, was ihnen einige Mühe zu bereiten schien. Die Beduinen trugen Sonnenbrillen, sie beachteten ihn nicht. Als Ed die Augen aufschlug, sah er das cremeglänzende Gesicht eines Mannes, so nah, dass er es zuerst nicht überblicken konnte. Der Mann war alt und sein Mund gespitzt, als wollte er pfeifen – oder als hätte er gerade geküsst. Augenblicklich zuckte Ed zurück, und der Küsser hob die Arme.

»Oh, Verzeihung, Verzeihung, tut mir sehr leid, ich möchte – wirklich nicht stören, junger Mann.«

Ed rieb sich die Stirn, die sich feucht anfühlte, und raffte seine Sachen zusammen. Der Alte roch nach Florena-Creme, sein braunes Haar war in einem steifen glänzenden Bogen nach hinten gelegt.

»Es ist nur so«, begann seine flötende Rede, »dass ich gerade mitten in einem Umzug bin, einem großen Umzug, und jetzt haben wir schon Nacht, Mitternacht, viel zu spät, dummerweise, und von meinen Möbeln steht noch ein Schrank, ein wirklich guter, wirklich großer Schrank, draußen auf der Straße …«

Während Ed sich erhob, zeigte der Mann auf den Ausgang des Bahnhofs. »Es ist ganz in der Nähe, gar nicht weit, wo ich wohne, keine Angst, nur vier, fünf Minuten von hier, bitte, danke, junger Mann.«

Für einen Moment hatte er das Anliegen des Alten ernst genommen. Seine Hand zupfte an Eds überlangem Pulloverarm, als wollte er ihn führen. »Ach kommen Sie, bitte!« Dabei begann er die Wolle langsam nach oben zu riffeln, unmerklich, mit Bewegungen, die allein im Radius seiner talgweichen Fingerspitzen angesiedelt waren, und schließlich spürte Ed ein sanftes, elliptisches Reiben am Puls. »Du willst doch mit …«

Fast hätte Ed den Alten umgestoßen, beiseitegerammt, jedenfalls war er viel zu heftig gewesen.

»Man wird doch noch fragen dürfen!«, kreischte der Küsser, aber nicht laut, eher zischelnd, fast stumm. Auch sein Taumeln wirkte gespielt, wie ein kleiner, einstudierter Tanz. Sein Haar war ihm in den Nacken gerutscht, und im ersten Moment begriff Ed nicht, wie das geschehen konnte, und erschrak über den Anblick des plötzlich kahlen Schädels, der wie ein kleiner, unbekannter Mond im Halbdunkel der Schalterhalle schwebte.

»Tut mir leid, ich – habe jetzt keine Zeit«, Ed wiederholte »keine Zeit«. Während er hastig die Halle durchquerte, entdeckte er in jeder Ecke verhuschte Gestalten, die mit winzigen Signalen auf sich aufmerksam zu machen versuchten und gleichzeitig bemüht schienen, ihre Anwesenheit zu vertuschen. Einer hob einen braunen Dederonbeutel in die Luft, zeigte darauf und nickte ihm zu. Der Ausdruck seines Gesichts, so warmherzig wie der eines Weihnachtsmanns vor der Bescherung.

In der Mitropa roch es nach verbranntem Fett. Ein feines singendes Geräusch kam von den Neonröhren in der Vitrine, die leer war, bis auf wenige Tassen mit Soljanka auf einer Wärmeplatte. Wie Klippen standen aus der von einer blassgrauen Membran überzogenen Suppe ein paar ölige Wurst- und Gurkenbrocken hervor, die sich in der unablässig nachströmenden Hitze ein wenig auf und ab bewegten und an die Arbeit innerer Organe erinnerten – oder den Pulsschlag des Lebens, dachte Ed, kurz bevor es zu Ende geht. Unwillkürlich fasste er sich an die Stirn: Vielleicht war er doch gesprungen und das alles seine letzte Sekunde.

Transportpolizei betrat den Gastraum. Die kurzen, halbrunden Schirme ihrer Mützen glänzten, dazu das Kornblumenblau ihrer Uniformen. Sie hatten einen Hund dabei, der den Kopf gesenkt hielt, als schäme er sich seiner Rolle. »Fahrschein bitte, Ausweis bitte.« Wer keine Weiterfahrt vorweisen konnte, musste augenblicklich das Restaurant verlassen. Füßescharren, Stühlerücken, ein paar duldsame Trinker torkelten hinaus, wortlos und als wäre es nur ihre Pflicht gewesen, diese letzte Aufforderung abzuwarten. Bis zwei Uhr hatte die Mitropa des Bahnhofs fast alle Gäste eingebüßt.

Es gehörte zu den Dingen, von denen Ed wusste, dass sie nicht in Frage kamen, aber jetzt stand er auf und griff sich eines der halbvollen Gläser. Noch im Stehen trank er es aus, in einem einzigen Zug. Zufrieden kehrte er an seinen Tisch zurück. Es ist der erste Schritt, dachte Ed, das Unterwegssein tut mir gut. Er schmiegte den Kopf in seine Arme, in den stockigen Geruch des alten Leders, und schlief augenblicklich ein. Noch immer bemühten sich die Beduinen um das Kamel; aber sie zerrten es nicht in die gleiche Richtung, sondern nach allen Seiten, sie schienen sich überhaupt nicht einig zu sein.

Der erhobene Dederonbeutel – Ed hatte nicht verstanden, was er bedeuten sollte, aber schließlich war es auch das erste Mal, dass er eine Nacht im Bahnhof verbrachte. Obwohl er inzwischen beinah sicher sein konnte, dass der Schrank nicht wirklich existierte, sah Ed das Möbelstück des Alten mitten auf der Straße, und jetzt tat es ihm leid – nicht eigentlich der Mann, nur das, was von nun an damit zusammenhängen würde: der Florena-Geruch und ein kleiner Mond ohne Haare. Er sah, wie der Alte zurücktappte zu seinem Schrank, ihn aufschloss und hineinkroch, um zu schlafen, und für einen Augenblick empfand Ed die Bewegung, mit der er sich einrollte und abwandte von der Welt, so stark, dass er sich gern zu ihm gelegt hätte.

»Ihren Fahrschein bitte.«

Sie kontrollierten ihn zum zweiten Mal. Vielleicht wegen der Länge seines Haars, oder es lag an seiner Kleidung, an der schweren Lederjacke, die Ed von seinem Onkel geerbt hatte, eine Motorradjacke aus den fünfziger Jahren, ein eindrucksvolles Stück mit riesigem Kragen, weichem Futter und großen Lederknöpfen, unter Kennern als Thälmannjacke gehandelt (die Bezeichnung wurde nicht abwertend gebraucht, im Gegenteil, eher in einem mythologischen Sinn), vielleicht, weil der Arbeiterführer in allen historischen Filmaufnahmen mit einer sehr ähnlichen Jacke zu sehen war. Ed erinnerte sich: Die seltsam vor sich hin ruckenden Menschenmassen, Thälmann auf dem Podium, sein ruckender Oberkörper, vor und zurück, die ruckende Faust in der Luft, jedes Mal übermannte es ihn, wenn er diese alten Aufnahmen sah, er konnte nichts dagegen tun, irgendwann liefen die Tränen …

Umständlich zog er das kleine, schon knittrige Stück Papier hervor. Unter der Überschrift DEUTSCHE REICHSBAHN waren in verschiedenen, dünn umrandeten Kästchen Ziel, Tag, Preis und die Anzahl der Kilometer abgedruckt. Sein Zug fuhr 3.28 Uhr.

»Was wollen Sie an der Ostsee?«

»Einen Freund besuchen«, wiederholte Ed. »Ferien machen«, fügte er hinzu, weil der Transportpolizist diesmal nichts erwiderte. Immerhin, er hatte mit fester Stimme gesprochen (Thälmannstimme), obwohl ihm sein »Ferienmachen« noch im selben Moment vollkommen unzulänglich und unglaubwürdig vorkam, geradezu plump.

»Ferien, Ferien«, wiederholte der Transportpolizist.

Es war eine Art Diktierstimme, mit der er gesprochen hatte, und sofort begann das graue, kastenförmige Sprechfunkgerät, das mit einem Lederband auf seiner linken Brust befestigt war, leise zu knistern.

»Ferien, Ferien.«

Offensichtlich genügte dieses eine Wort; es enthielt alles, was man von ihm wissen musste. Alles über seine Schwäche und Verlogenheit. Alles über G., seine Angst und sein Unglück, alles über seine zwanzig hölzernen Gedichte aus dreizehn Schreibanfängen in hundert Jahren und alles über die tatsächlichen Gründe dieser Reise, wie sie Ed bisher selbst kaum begriffen hatte. Er sah die Zentrale, das Büro der Transportpolizei, irgendwo weit oben, über der stählernen Konstruktion dieser Juninacht, eine kornblumenblaue Kapsel, verglast und sauber mit Linoleum ausgelegt, die den unendlichen Raum seines schlechten Gewissens durchquerte.

Trakl

Nur drei Wochen waren vergangen, seit Dr. Z. ihn gefragt hatte, ob er nicht willens wäre (er gebrauchte diese Formulierung), seine Abschlussarbeit über den expressionistischen Dichter Georg Trakl zu schreiben. »Vielleicht kann sich später sogar mehr daraus ergeben«, hatte Z. hinzugefügt, stolz auf die Attraktivität seines Angebots, an das offensichtlich keine weitere Bedingung geknüpft werden sollte. Auch gab es keinerlei Beiklang in seiner Stimme, keine Geste des Mitleids, wie sie Ed mehr als einmal sprachlos gemacht hatte. Für Dr. Z. war Ed in erster Linie jener Student, der jeden der behandelten Texte auswendig hersagen konnte. Auch wenn er sich dafür in die entlegenste Ecke des Seminarraums verkroch und sein dunkles, schulterlanges Haar vors Gesicht hängen ließ, so redete er doch, irgendwann, hastig, lange und in sauber ausformulierten Sätzen.

Zwei Nächte schlief Ed kaum, um alles über Trakl zu lesen, was in der Institutsbibliothek vorrätig war. Die Trakl-Literatur befand sich im letzten einer Reihe schmaler Durchgangszimmer, wo man in der Regel allein und ungestört blieb. Ein kleiner Arbeitstisch stand unter dem Fenster, mit Ausblick auf den winzigen Garten und die unförmige, von Spinnweben überzogene Laube im Hinterhof, in die sich der Hausmeister des Instituts tagsüber zurückzog. Wahrscheinlich wohnte er auch dort, über den Mann kursierten die verschiedensten Gerüchte.

Die Bücher standen sehr weit oben, fast unter der Decke, man musste die Leiter benutzen. Ohne die Leiter erst Richtung T und Tr zu verschieben, war Ed hinaufgestiegen. Umständlich lehnte er sich zur Seite und zog Buch für Buch aus dem Regal. Die Leiter wurde unruhig, mahnend tackerten ihre stählernen Haken gegen die Schiene, wo sie eingehängt war, was Ed jedoch nicht vorsichtiger machte, im Gegenteil. Er beugte seinen Oberkörper noch ein Stück weiter Richtung Trakl und dann noch ein Stück und noch ein wenig. In diesem Moment hatte er es gespürt, das erste Mal.

Am Abend, wenn er am Schreibtisch saß, sprach er die Gedichte halblaut vor sich hin. Jeder Wortklang verknüpfte sich mit dem Bild einer großen kühlen Landschaft, die Ed vollständig gefangennahm; weiß, braun, blau, ein einziges Geheimnis. Schreiben und Leben des Georg Trakl – Pharmaziestudent, Heeresapotheker, Morphinist und Opiumesser. Neben Ed, in seinem Sessel, den er mit einem Laken bedeckt hielt, lag Matthew und schlief. Ab und zu drehte die Katze ein Ohr in seine Richtung, manchmal zuckte das Ohr, heftig und mehrmals hintereinander, als stünde der alte Sessel unter Strom.

Matthew – der Name stammte von G. Sie hatte das Tier gefunden, in einem Lichtschacht im Hof, winzig, schreiend, ein Flausch, kaum größer als ein Tennisball. Sie hatte zwei oder drei Stunden vor dem Schacht gehockt und es schließlich herausgelockt und nach oben getragen. Bis heute wusste er nicht, wie G. auf diesen Namen gekommen war, und er würde es niemals erfahren, es sei denn, die Katze würde es ihm sagen, irgendwann einmal.

Allen Hilfsangeboten hatte Ed sich entzogen. Er besuchte Seminare und legte Prüfungen ab, für die ihn Sektionsdirektor Professor H. gern freigestellt hätte: Die verständnisvolle Neigung seines großen Schädels, das gütig gewellte Haar, weiß und glänzend, und die Hand an seinem Arm, als er Ed im Treppenhaus des Instituts beiseitenahm, vor allem aber: seine samtene Stimme, der sich Ed gern hingegeben hätte … Aber Wissen war nicht sein Problem. Und Prüfungen ebenfalls nicht.

Alles, was Ed las in dieser Zeit, prägte sich ein, wie von selbst und buchstäblich, Wort für Wort, jedes Gedicht und jeder Kommentar, alles, was ihm vor Augen kam, während er allein zu Hause saß oder an seinem Tisch im letzten Raum der Bibliothek und auf die Hütte des Hausmeisters starrte. Sein Dasein ohne G. – fast war es eine Art Hypnose. Wenn er daraus auftauchte, nach einer bestimmten Zeit, summte das, was er gelesen hatte, in seinem Schädel. Das Studieren war eine Droge, die ihn ruhigstellte. Er las, er schrieb, er zitierte und rezitierte, und irgendwann ließen die Mitleidsbekundungen nach, die Hilfsangebote verstummten, die besorgten Blicke blieben aus. Dabei hatte Ed nie mit jemandem darüber gesprochen, weder über G. noch über seine Situation. Nur wenn er zu Hause war, redete er, unentwegt plapperte er etwas vor sich hin, und natürlich sprach er mit Matthew.

Nach seinen ersten Tagen mit Trakl hatte Ed nur noch Lehrveranstaltungen von Dr. Z. besucht. Lyrik des Barock, der Romantik, des Expressionismus. Laut Studienplan war das nicht erlaubt. Es gab Anwesenheitslisten und Eintragungen ins Studienbuch. Eine Tatsache, der sich auch Dr. Z. auf Dauer nicht würde verschließen können. Auf gewisse Weise schien Ed noch immer geschützt. Selten geschah es, dass ein Kommilitone den Versuch unternahm, statt seiner das Wort zu ergreifen. Lieber hörte man ihm zu, eingeschüchtert und fasziniert zugleich, als wäre Ed ein exotisches Wesen aus dem Zoo des menschlichen Unglücks, umgeben von einem Wassergraben furchtsamer Achtung.

Nach vier Jahren im selben Studiengang hatten alle die passenden Bilder im Kopf: G. und Ed an jedem Morgen Hand in Hand auf dem Parkplatz vor dem Institut; G. und Ed und die lange, zärtliche, nicht nachlassende Umarmung, während der Vorlesungssaal sich langsam füllte; G. und Ed und ihre Szenen am Abend im Café Corso (zuerst ging es um etwas, dann um alles) und dann, spätnachts, die überschwänglichen Versöhnungen, draußen auf der Straße, an der Straßenbahnhaltestelle. Aber erst, nachdem die letzte Bahn abgefahren war und sie nach Hause laufen mussten, drei Stationen bis zum Rannischen Platz und von dort noch einmal ein Stück zu Fuß bis vor ihre Tür. Während die Tram ihre letzten Kurven machte auf ihrer letzten Fahrt durch die Stadt und das höllische Jaulen und Kreischen des stählernen Fahrwerks die Nacht über Halle erfüllte wie ein Vorbote des Jüngsten Gerichts.

Ed, so hatte G. ihn genannt, manchmal auch Edsch oder Ede.

Ab und zu (immer öfter) stieg Ed auf die Leiter, um es zu spüren. Er nannte es den Stoff der Piloten. Zuerst das zittrige Schlagen der Haken. Dann das betörende Strömen, ein Schauder, der ihm ins Mark fuhr, in die Lenden – die Anspannung ließ nach. Er schloss die Augen und atmete tief. Er war ein Pilot in seiner Kapsel, er hing in der Luft, am seidenen Faden.

Vor der Hütte des Hausmeisters blühte seit Tagen der Flieder. Ein Holundergebüsch quoll direkt unter der Türschwelle hervor. Die Spinnweben im Türrahmen waren zerrissen, und ihre Enden schaukelten im Wind. Der Mann ist zu Hause, dachte Ed. Manchmal sah er ihn durch seinen verwilderten Garten schleichen oder bewegungslos dastehen, als lausche er auf irgendetwas. Wenn er seine Hütte betrat, tat er das sehr vorsichtig, mit ausgebreiteten Armen. Trotzdem klirrte es schon beim ersten Schritt, ein Meer von Flaschen bedeckte den Boden.

Eines der Gerüchte besagte, der Hausmeister sei habilitiert und ehemals im Ausland tätig gewesen, sogar »im NSW«, wie es hieß. Jetzt gehörte er zur Kaste der Ausgestoßenen, die ihr eigenes Leben lebten, der Garten und die Hütte waren Teil einer anderen Welt. Ed versuchte sich vorzustellen, was der Mann zum Frühstück aß. Er fand kein Bild, aber dann sah er einen kleinen Camembert (»Rügener Badejunge«), den der Hausmeister auf einem abgenutzten Schneidebrett in kleine mundgerechte Viertel schnitt. Er spickte die Käseecken auf die Spitze seines Messers und schob sie sich in den Mund, Stück für Stück. Für andere schwer vorstellbar, dass einsame Menschen überhaupt etwas essen, dachte Ed. Für ihn hingegen war der Hausmeister der einzige wirkliche Mensch in dieser Zeit, einsam und verlassen wie er selbst. Für einen verwirrenden Augenblick schien unklar, ob Ed sich lieber in die Obhut des Hausmeisters und seiner Hütte begeben hätte als unter die Fittiche Dr. Z. ‌s.

Um 19 Uhr schloss die Institutsbibliothek. Gleich nach seiner Heimkehr fütterte er Matthew. Er gab ihm Brot, ein in Scheiben geschnittenes Würstchen und etwas Milch. Früher war das G.s Aufgabe gewesen. So zuverlässig Ed für Matthew sorgte, hatte er doch noch immer nicht verstanden, dass Katzen keine Milch, aber Wasser benötigten zum Überleben. Deshalb wunderte es ihn, wenn das Tier im Hydrotopf mit der Zitronenpflanze scharrte, sobald er das Zimmer verließ. Wie angewurzelt stand er in der Küche und hörte das Geräusch. Das Klacken, mit dem die Kieselsteinchen aus dem Topf auf den Schrank und von dort auf die Dielen regneten. Er konnte nichts anderes tun, als zu lauschen. Er konnte nicht glauben, dass diese Dinge zu seinem Leben gehörten – dass er es war, dem all das geschah.

Matthew

Dann, am Vorabend seines vierundzwanzigsten Geburtstags, war Matthew verschwunden. Die halbe Nacht hatte Ed gelesen, für das Brockes-Seminar von Dr. Z.: »Indem ich nun bald hin, bald her / Im Schatten dieses Baumes gehe …« Irgendwann war er eingeschlafen an seinem Tisch. Am Morgen ging er ins Institut, über den Rannischen Platz bis zum Markt und Richtung Universität, die Barfüßerstraße entlang. In der engen, dunklen Straße lag der Merseburger Hof, wo Ed vor Beginn seiner Lehrveranstaltungen einkehrte, um Kaffee zu trinken. Der fettverschmierte Text auf der Rückseite der Speisekarte (vielleicht der Auszug aus einer älteren Chronik) verriet, dass die Barfüßerstraße früher »Bei den Brüdern« geheißen hatte, dann »Bei den geringeren Brüdern« und dann »Bei den Barfüßern« – ein seltsamer Abstieg, der Ed dazu brachte, sich mit der Straße solidarisch zu fühlen.

Am Nachmittag fehlte Matthew noch immer, und er begann, ihn zu rufen. Erst unten im Hof, dann aus dem Fenster, aber der kleine, vorwurfsvolle Schrei, mit dem das Tier gewöhnlich Antwort gab, blieb aus.

»Matthew!«

Der Geruch des Hofes: Es war, als würde man einen alten, schon stockfleckigen Kummer inhalieren. Ein Kummer aus Moder und Kohle, der gegenüber, in der eingestürzten Schuppenzeile, wohnte und unablässig abgesondert wurde von den darin verschütteten, für immer begrabenen Dingen. Im Haus wohnten vorwiegend Bunesen, Chemiearbeiter aus dem Bunawerk, das Richtung Süden vor der Stadt lag. Bunesen – Ed erinnerte sich, dass die Arbeiter selbst mit diesem Wort voneinander sprachen; sie verwendeten es selbstverständlich und nicht ohne Stolz, wie man die Zugehörigkeit zu einem Volk unterstreicht, dessen Geschichte bekannt ist, ein Stamm, in den man hineingeboren wurde und von dem man sicher sein kann, dass es ihn noch lange, lange geben wird.

»Matthew!«

Eine Weile stand Ed am geöffneten Fenster und lauschte den Ratten. Er dachte ›Geburtstag, mein Geburtstag‹ und begann erneut zu rufen: »Matthew!« Um unsichtbar zu bleiben, hatte er das Licht gelöscht. Gegenüber, auf dem Berg über der Böschung, lag der flache, langgestreckte Ziegelbau des Pflegeheims. Seit er rief, waren die Fenster der Baracke bevölkert. Er sah die verwaschenen Farben von Hemden und Strickjacken und die grauen, im Neonlicht glänzenden Schädel – die Alten interessierte alles im Hof, besonders nachts. Oft dauerte es einige Sekunden, ehe sie ihre Deckenlampen wieder ausgeschaltet hatten. Ed beobachtete das lila Nachglühen des Neons und stellte sich vor, wie sie dort in der Finsternis standen, dicht beieinander, und wie die hinten in den Nacken ihrer Vorderleute bliesen mit ihrem schlechten, fauligen Atem. Vielleicht hatte einer von ihnen Matthew gesehen? Und jetzt diskutierten sie leise (erst leise, dann heftiger, dann wieder gedämpft, um die Aufsicht nicht zu alarmieren), ob und wie sie ihren Kassiber zustellen sollten.

Zwei Tage später rief er noch immer. Am Anfang war ihm das laute Rufen unangenehm gewesen, jetzt konnte er nicht mehr aufhören damit. Jede Stunde rief er eine Weile in den Hof, mechanisch, fast bewusstlos, mit einem an der Nachtluft erkalteten Gesicht, einer Maske, die ihm bis unter die Haarspitzen wuchs. Das Mitgefühl im Haus war aufgebraucht. Fenster wurden aufgerissen und zugeschlagen, es wurde geflucht, auf Hallisch oder Bunesisch. Man klingelte bei ihm oder schlug gegen die Tür.

»Matthew! Würstchen, feine Milch!«

»Steck dir dein Würstchen sonst wohin, du Penner, dann können wir vielleicht schlafen!«

Der Juniabend war kühl, aber jetzt ließ Ed das Fenster offen. Ohne dass er es eigentlich bemerkte, hatte er sich erst ganz leicht und dann immer weiter vorgebeugt über den niedrigen, aus Sicherheitsgründen mit einer Eisenstange aufgestockten Fenstersims. Wie ein Turngerät umklammerte er mit beiden Händen die rostige Stange und entließ seinen Oberkörper langsam in den Hof:

»Matthew!«

Seine Stimme gewann an Volumen, ihr Klang wurde reiner und stärker, ein dunkles, sauber hallendes U:

»Matth-- ew!«

Drinnen, irgendwo weit hinter ihm, tänzelten seine Fußspitzen über das Linoleum, und rund um die letzten Fortsätze seiner Wirbelsäule begann der Stoff der Piloten zu strömen, in einem ganz unbekannten, unvergleichlichen Maß. Eine angenehme Steife setzte ein, nein, es war viel mehr, eine Wollust, die ihn zum Erstarren brachte, vom Scheitel bis zur Sohle –

»Matth----ew!«

Sein Körper schwamm oder schwebte. Er genoss die warme, samtweiche Färbung des Echos am Grund, alles Fremde darin war verschwunden. Noch einmal, vorsichtig, holte er Luft und setzte zum Rufen an, und ohne weiteres traf er den Ton, der den Hof und die Finsternis und die umliegende Welt von Halle an der Saale zu einer einzigen, weichen, schwingenden Einheit verband, in die einzutauchen er geneigt und nun endlich auch vollkommen bereit war – –

»Matthew!«

Wie getroffen schlug Ed ins Zimmer zurück. Zwei Schritte schaffte er noch, dann knickte er ein und ging zu Boden. Es war Matthew gewesen, Matthews Schrei. Ein empörtes, beleidigtes Kreischen oder Quietschen, das Geräusch eines ungeölten Scharniers, einer Tür zwischen Diesseits und Jenseits, die mit einem Knall zugeschlagen war und ihn zurückgeschleudert hatte aus dem Sturz – erstes, zweites, drittes Stockwerk. Ihm war schwarz vor Augen; er musste Luft einsaugen und wieder ausblasen, unauffällig, als atme er nicht wirklich, als atme er eigentlich nicht mehr.

Nach einer Weile gelang es ihm, die Hände vom Gesicht zu nehmen. Sein Blick fiel auf das offene Fenster.

Die Katze war sehr still.

Sie war gar nicht da.

Während er einschlief, beugte sich G. über ihn. Sie war ganz nah und deutete mit dem Finger auf ihren halb offenen Mund. Dabei zog sie ihre Lippen in die Breite und presste die Spitze ihrer kleinen, glänzenden Zunge hinter die Vorderzähne, die bei ihr leicht schräg zueinander standen, wie der Schieber eines Schneepflugs: »Matthew, sagen Sie mal Ma-tthhew«.

Er versuchte auszuweichen und fragte, ob alle Englisch-Lehrerinnen diesen kleinen Schneepflug im Mund hätten, in den die Zunge sich so gut einschmiegen ließe.

G. schüttelte den Kopf und schob ihren Zeigefinger in seinen Mund.

»Edgar Bendler, ist das Ihr Name? Edgar Bendler, vierundzwanzig Jahre? Was fehlt Ihnen denn, Ed? Sie meinen, Ihre Behinderung sei angeboren? Dann sagen Sie mal thanks.«

»Thanks.«

»Sagen Sie mal both of us.«

»Both of us.«

Der Finger in seinem Mund bewegte sich jetzt und erklärte ihm alles. Alles, was ihm fehlte.

»Und jetzt noch einmal both of us, und dann solange Sie können, bitte.«

»Both, both …«

Steif wie eine kleine schwarze Sphinx setzte sich Matthew neben das Bett, um eine Weile dabei zuzusehen, wie er langsam, sehr langsam, in G. eindrang, so, wie es ihr am besten gefiel, millimeterweise.

Wolfstraße

Genau genommen war sein Aufenthalt in der Wolfstraße 18 nicht ganz legal. In dem vom täglichen Auswurf der beiden großen Chemiewerke ergrauten Backsteinbau wohnte er nur zur Untermiete bei einer Untermieterin, war also eine Art Unteruntermieter. Mit Sicherheit existierten auch noch weitere Untervermietungen in der wenigstens hundertjährigen Mietgeschichte dieser Wohnung, lose zusammengehalten durch selbstgemachte, oft nur handgeschriebene Verträge, Inventarlisten oder Absprachen über Kellerbenutzung und verbindliche Vereinbarungen die Benutzung der Toilette betreffend, an die sich kein Mensch mehr erinnern konnte. Fern der Wohnungsämter und ihrer Prozeduren der zentralen Vergabe wuchsen über die Jahre ganze Stammbäume von Untermietverhältnissen heran, aber schon nach zwei Mietgenerationen begann man, die Vorbewohner aus dem Blick zu verlieren. Bald wusste man nur noch ihre Namen, sie sammelten sich auf Briefkästen und Türen, ähnlich den verblassten und zerschrammten Wappen ferngelegener Städte auf einem weitgereisten Stück Gepäck. Ja, so ist es, dachte Ed, man reist nur so in Wohnungen durch die Welt, als alterndes Gepäck.

Den ganzen Tag war er halb bewusstlos durch die Stadt geirrt. Der Schreck dröhnte noch in seinem Schädel, und er schämte sich, was auf irgendeine Weise mit der Frage zusammenhing, ob er gesprungen war oder nicht.

Noch immer stand er vor seiner Tür, auf deren grau überstrichenem Holz sich eine kleine Herde von Plastik- und Messingschildchen aneinanderdrängte. Er dachte an den Wanderstock seines Großvaters, der vom Griff bis zur Spitze mit den silbernen oder goldglänzenden Abzeichen fremder Orte bestückt gewesen war. Später hatte ihm der Stock als Krücke gedient. Als Kind, noch vor der Einschulung, zur Zeit der größten Entdeckungsreisen also, war es für Ed ein reiner Genuss gewesen, mit dem Finger über die kleinen, glänzenden Metallplättchen zu gleiten, von der Spitze des Stockes bis zum Griff und zurück, immer wieder, hin und her. Dabei spürte er die Kühle der Wappen, und während er die fremden Orte streichelte, buchstabierte er sie, so gut er es eben vermochte, und sein Großvater korrigierte ihn:

»A-a-schch-chn. Aschn!«

»M-mm-me-met-tss, Mee-tss.«

»Ss-ss-sst-ssstuuu, sstuutt, sstutt ‌…«

»K-K-Kooop-en-Koopeen-…«

Aachen oder Kopenhagen lauteten die Worte für Orte, die in einer Art Jenseits, jedenfalls in seltsamer Ferne zu liegen schienen und deren Existenz mindestens fraglich war; eigenartigerweise bezweifelte Ed das noch immer, trotz besseren Wissens. Am Ende hatten die Abzeichen die vertraute Gestalt seines Großvaters fremd gemacht und den Alten selbst in eine gewisse Ferne gerückt, in eine Vorzeit, deren Verbindung zur Gegenwart nicht mehr hergestellt werden konnte. Ähnlich verhielt es sich mit Stengel, Kolpacki, Augenlos und Rust – so lauteten die Namen, die noch lesbar waren auf Edgars Tür. Auf einem Zettel über dem Türknauf stand sein eigener Name. Der Name darunter war sauber ausradiert, für ihn aber sichtbar geblieben, auch bei vollständiger Finsternis, auch ohne Papier und ohne Tür. Er hatte damals mit Bleistift geschrieben und das Papier, das sich inzwischen wellte und an den Rändern zu vergilben begann, sorgfältig aufgeklebt.

»Meine weitgereiste Tür«, flüsterte Ed und drehte den Schlüssel im Schloss.

Einerseits herrschte die Allmacht der Ämter und das scharfe Instrument der Zentralen Wohnraumlenkung, andererseits wusste niemand im Haus, wohin Stengel, Kolpacki, Augenlos und Rust gegangen sein konnten oder ob sie überhaupt noch existierten – was Ed für ein gutes Omen zu halten begann.

Er öffnete den Küchenschrank und sah seine kümmerlichen Vorräte durch. Das meiste warf er in den Müll. Einer Eingebung folgend, schraubte er die Ofenklappe auf. Er griff nach dem Hefter mit den Seminaraufzeichnungen der letzten Wochen, steckte ihn ins Ofenloch und zündete ihn an. Er brannte gut. Er nahm einen anderen Hefter und einen weiteren, ohne besondere Auswahl. Schnell wurde es warm im Zimmer, die Schamottesteine knackten. Er zog die grau marmorierte Mappe mit seinen Schreibanfängen aus dem Regal und legte sie aufs Ofenblech. Nach einer Weile stellte er sie zurück und öffnete das Fenster. Es war ein Versuch.

Den ganzen Tag verbrachte er damit, seine Wohnung aufzuräumen, Bücher, Hefter und Blätter zu sortieren und alles in irgendeine Ordnung zu bringen, als ginge es um seinen Nachlass. Sicher, er bemerkte auch, dass er an bestimmten Dingen hing, »aber nur, weil du wegwillst«, flüsterte Ed. Es tat gut, ab und zu den Zweig eines leise gesprochenen Halbsatzes in die Glut zu schieben, damit die schwache Feuerstelle seiner Anwesenheit nicht ganz erlosch.

Matthew fehlte.

Matthew.

Am nächsten Morgen nahm er den Aschekasten aus dem Ofen und brachte ihn zum Kübel, bedeckt mit einem Lappen, damit die feine, schwarzblättrige Asche nicht heruntergeweht werden konnte – so hatte es ihm sein Vater beigebracht. Seit seinem zehnten Geburtstag war Ed ein Schlüsselkind gewesen und also verantwortlich für das Heizen ihres Kachelofens, wenn er allein am frühen Nachmittag von der Schule nach Hause kam. Neben der Kellerordnung und dem Abtrocknen des Geschirrs zählte der Ofen zu seinen »kleinen Pflichten« – ein Wort seiner Mutter. Für fast alles, was ihn betraf, gebrauchte sie Formen der Verkleinerung: »Kleine Pflichten«, »kleine Hobbys«, »du und deine kleine Freundin«. Solche Dinge spukten in Eds Kopf (und er spürte die Hitze der Verwirrung auf seiner Stirn), als er entschied, wirklich niemandem Bescheid zu geben. Edgar Bendler hatte beschlossen, zu verschwinden, ein Satz wie aus einem Roman.

Er ging auf die Knie und fegte rund um den Ofen. Er wischte den Boden, sein stumpfes Rotbraun glänzte. Die heruntergetretenen Kanten der Schwellen und die blanken, abgeschabten Stellen wurden schwarz dabei. Die schwarzen Stellen hatten Fragen. Warum nicht gesprungen? Was hier noch verloren? Hhmm? Hhmm? Ed versuchte, nirgendwo anzustoßen, und setzte den Eimer vorsichtig ab. Er fühlte sich bereits als Eindringling, fremd in einem alten, ehemals eigenen Leben, wie ein Mann ohne Land. Er hörte Schritte vor der Tür, er hielt den Atem an. Er schlich in die Küche, nahm das Megalack aus dem Schrank und trank. Es war eine Art flüssiger Kalk, der seine Schleimhäute tünchte; seit seiner frühen Jugend hatte er einfach zu viel Säure im Magen.

Erst am späten Nachmittag konnte er damit beginnen, seine Tasche zu packen. Er wählte ein paar Bücher aus, dazu sein übergroßes braunes Notizbuch, das er sporadisch als eine Art Tagebuch benutzt hatte. Es war sperrig, unpraktisch, aber ein Geschenk von G. Matthews Decke und seine stinkende Schüssel trug er nach unten in den Hof. Ein zerbrochenes Fenster, ein Moment des Zögerns, dann schleuderte er alles zusammen ins Dunkel des Kummerschuppens.

In einem Schuhkarton mit Postkarten und Stadtplänen fand er eine ältere Landkarte der Ostseeküste. Jemand hatte die Namen einiger Orte mit Lineal unterstrichen und die Küste mit blauer Tinte nachgezeichnet. »Wäre schon möglich, durchaus möglich, Ed, dass du das warst«, murmelte Ed. Tatsächlich hätte er nicht sagen können, wie die Karte in seine Sammlung geraten war, vielleicht aus dem Fundus seines Vaters.

Zum Abschied wollte er sich eine Musik auflegen, leise, sehr leise Musik. Eine Weile stand er wie bewusstlos vor dem Herd, ehe er begriff, dass die Schallplatte auf der Kochfläche nicht abgespielt werden konnte. Dass die Kochfläche kein Plattenteller war.

Zuletzt, bevor Ed seine Wohnung in der Wolfstraße verließ, schraubte er die Sicherungen aus dem Elektrokasten und stellte sie in einer Reihe auf den Zähler: eine kostbare automatische Sicherung mit Druckknopf und zwei ältere, schon angegraute Keramik-Sicherungen. Ein paar Sekunden konzentrierte er sich auf das blanke Zählrad. Wegen der feinen, hypnotisierenden Riffelung des Rädchens wusste man nie genau, ob es tatsächlich stillstand. Ed erinnerte sich daran, wie er mit dreizehn oder vierzehn Jahren das erste Mal von seiner Mutter ins Treppenhaus hinausgeschickt worden war, um allein eine Sicherung zu wechseln. Die Geräusche des Hauses und ihr dumpfer Hall, die Stimmen aus der Nachbarwohnung, ein Husten von oben, das Schlagen von Geschirr – diese Welt war Äonen entfernt, als er die alte Sicherung beiseitelegte und seine Angst die Form einer unbändigen Versuchung annahm. Er sah, wie er langsam, aber unaufhaltsam seinen Zeigefinger ausstreckte und ihn in die leere, glänzende Fassung steckte. Es war das erste Mal gewesen, dass er es so klar und deutlich wahrgenommen hatte: Unter der Oberfläche, gewissermaßen hinter dem Leben, herrschte eine immerwährende Verlockung, ein Angebot ohnegleichen. Es brauchte den festen Entschluss, sich abzuwenden, und nichts anderes war es, was Ed tat an diesem Tag.

Er schob den Schlüssel unter die Matte, das Blech seiner Briefkastentür war nur eingeklemmt; im Ernstfall würde Verlass auf die Bunesen sein.

Hotel am Bahnhof

Noch vor dem Aussteigen roch er das Meer. Aus seiner Kindheit (Erinnerungen an ihre einzige Ostseereise) kannte er das Hotel am Bahnhof. Es lag dem Bahnhof direkt gegenüber, eine große, schöne Verlockung mit zu Rundtürmen ausgebauten Erkern und Wetterfahnen, in denen die Jahreszahlen bröckelten.

Er ließ ein paar Autos vorbei und zögerte. Es ist nicht klug, besonders was das Geld betrifft, so lautete der Einwand. Andererseits ergab es keinen Sinn, erst am Nachmittag auf der Insel zu landen, denn dann bliebe wahrscheinlich nicht genug Zeit, irgendwo unterzukommen – falls ihm das überhaupt gelingen sollte. Etwa hundertfünfzig Mark trug er bei sich, wenn er gut wirtschaftete, konnte er damit drei, vielleicht sogar vier Wochen überbrücken. Neunzig Mark hatte er für Mietüberweisungen auf seinem Konto zurückgelassen, genug bis September. Wenn er Glück hatte, würde niemand Anstoß nehmen an seinem Verschwinden. Er konnte krank geworden sein. In drei Wochen begannen die Semesterferien. Seinen Eltern hatte er eine Karte geschrieben. Für sie befand er sich in Polen, in Katowice, im sogenannten Internationalen Studentensommer, genau wie im vorigen Jahr.

Die Rezeption war ungewöhnlich hoch gebaut und wie leergefegt, keine Papiere, keine Schlüssel. Andererseits: Was wusste Ed schon von Hotels. Erst im letzten Moment tauchten die Köpfe dreier Frauen auf, versetzt wie die Kolben eines Viertaktmotors, bei dem die vierte Kerze nicht gezündet hatte. Unmöglich, genauer auszumachen, aus welcher Tiefe die Rezeptionistinnen plötzlich heraufgekommen waren; vielleicht stand das hohe Bord in Verbindung mit einem Hinterzimmer, oder die Frauen hatten sich über die Jahre einfach daran gewöhnt, so lange wie möglich in Deckung zu bleiben, still für sich, hinter ihrer dunkel furnierten Barriere.

»Guten Tag, ich …«

Seine Stimme klang matt. Allein im Abteil, war es ihm wieder nicht gelungen zu schlafen. Eine Militärstreife, wahrscheinlich eine Art vorgelagerter Grenzschutz, hatte seine Ostseekarte eingezogen. Der Zug hatte lange in Anklam gehalten, dort mussten sie zugestiegen sein. Er bereute, dass ihm nichts Klügeres eingefallen war, als zu behaupten, dies sei eigentlich nicht seine eigene Karte … Demzufolge er auch nicht wissen könne, warum bestimmte Orte unterstrichen und bestimmte Küstenlinien nachgezeichnet … Plötzlich hatte seine Stimme versagt, stattdessen das Summen in seinem Schädel, Brockes, Eichendorff und immer wieder Trakl, der am unerbittlichsten tönte mit seinen Versen aus Laub und Braun, weshalb Ed sich an den Kopf fassen musste. Die plötzliche Gebärde: Im Reflex hob einer der Soldaten sein Maschinengewehr.

Am Ende konnte Ed wohl von Glück sagen, dass sie ihn sitzen gelassen hatten. »Komischer Vogel«, raunte der Kalaschnikow-Soldat draußen im Gang. Ed stand der Schweiß auf der Stirn, Felder zogen vorüber, schwarzes Gras, den Bahndamm entlang.

»Haben Sie reserviert?«

Zum ersten Mal in seinem Leben nahm er ein Zimmer. Das Wunder war, dass es funktionierte. Ed erhielt ein längeres Formular aus stumpfem Papier, sein Personalausweis wurde verlangt. Während er mit Mühe seinen Ellbogen über das hohe Bord schob und mit steifem Handgelenk das Formular ausfüllte, blätterten die Rezeptionistinnen abwechselnd in dem Ausweisheftchen herum. Für einen unsinnigen Moment befürchtete Ed, dass sein heimlicher Aufbruch sich unterwegs automatisch eingetragen haben könnte, ganz hinten, auf einer der leeren Seiten, unter Visa und Reisen. Unerlaubt entfernt – schon während seiner Zeit beim Militär hatte es diesen kleinen, verhängnisvollen Stempel gegeben, der die verschiedensten Strafen nach sich zog.

»Entschuldigung, ich mache das zum ersten Mal«, sagte Ed.

»Was?«, fragte die Concierge.

Ed hob den Kopf und versuchte ein Lächeln, aber der Brückenschlag funktionierte nicht. Er bekam einen Schlüssel, an den mit kurzem Strick ein lackierter Holzwürfel gebunden war. Er schloss die Faust um den Würfel und wusste die Nummer seines Zimmers. Die Zahl war sauber eingebrannt. Augenblicklich sah er den Hausmeister des Hotels in seiner Werkstatt im Keller; er hockte dort vor einer endlosen Reihe mühsam auf Größe gesägter und geschmirgelter Klötzchen, auf die er das glühende Eisen seines Lötkolbens setzte – Zahl für Zahl, Zimmer für Zimmer. Auch Ed war einmal ein Arbeiter gewesen, und noch immer schien ein Teil seiner selbst in den Werkstätten zu Haus, in den Höhlen der werktätigen Klasse, jenen Nebenräumen der Welt, in denen die Dinge ihren klaren, greifbaren Umriss behauptet hatten.

»Zweiter Stock, die Treppe links, junger Mann.«

Über einer messingbeschlagenen Tür neben der Treppe schimmerte das Wort Moccastube. Auf dem ersten Absatz sah Ed sich noch einmal um; zwei der drei Frauenköpfe waren wieder verschwunden, die dritte Frau telefonierte und verfolgte ihn dabei mit ihrem Blick.

Als er erwachte, war es schon nach sechzehn Uhr. Am Fußende des Doppelbettes stand ein Wäscheschrank. In der Ecke ein Fernseher auf einem verchromten Untergestell. Über der Toilette hing ein gusseiserner, mit Kondenswasser beschlagener Spülkasten, der aus einer viel früheren Zeit stammen musste. Der Hebel für die Spülung imitierte zwei springende Delphine. Während die Tiere gemächlich in ihre Ausgangsstellung zurückkehrten, ergoss sich ein endloser Schwall. Ed genoss das Geräusch und fühlte sich befreundet mit den Delphinen.

Dass man ein Hotel betreten, ein Zimmer verlangen und erhalten konnte (einigermaßen umstandslos), musste zu den wenigen Wundern gezählt werden, die überlebt hatten – »trotz al-le-dem und alle-dem«, gurgelte Ed in den Wasserstrahl der Dusche. Mit der Zeit vergaß man einfach, dass diese Dinge noch existierten, im Grunde glaubte man nicht mehr daran, ja, man vergaß, wozu das Leben überhaupt gut sein konnte. So oder so ähnlich dachte Ed. Er wollte onanieren, aber dann fehlte ihm die Konzentration.

Rechts vom Hotel lag ein See mit einer Fontäne, die sich regelmäßig in den Himmel hob, dann wieder in sich zusammenbrach und für Sekunden verschwunden blieb. Ein Pärchen in einem Tretboot glitt langsam an das Wasserspiel heran. Plötzlich, beim Überqueren der Straße zum See, überkam Ed ein gutes Gefühl. Das alles ist der Beginn von etwas. Jemand, der schon einiges hinter sich hat, zeigt sich in der Lage … Hier endete sein Satz. Ihm wurde klar, dass es ein verspäteter Aufbruch war. Er fühlte den Schmerz. Als erwachte er erst jetzt aus seiner Betäubung, millimeterweise.

Eine gepflasterte Straße, die nach links abbog, hieß An den Bleichen. Er kam an ein paar heruntergekommenen Villen vorbei, mit Wintergärten, Höfen und Garagen darin. Er trat vor eines der Klingelschilder, um einen Blick auf die bisherige Reiseroute des Hauses zu werfen. Das kleine tapfere Licht im Inneren des Klingelbretts hielt auch einige der unteren, schon länger, vielleicht seit Jahren überklebten Namen lesbar. Im Weitergehen versuchte Ed, ihren Rhythmus aufzunehmen: Schiele, Dahme, Glambeck, Krieger … Aus seinem Gemurmel wurde ein Steg über den See, und seine Schritte auf dem Holz ergaben eine Art Metronom. »Die-schon-mal-ge-stor-ben-sind …«, flüsterte Ed und fasste sich unwillkürlich ins Gesicht, … sehen alles mit anderen Augen? Die alte Stadtmauer tauchte auf, ein Torbogen und ein Café namens Torschließerhaus.

Er durchquerte die Altstadt bis zum Hafen und kontrollierte die Abfahrtszeiten der Fähre. Im Kiosk der »Weißen Flotte« erwarb er eine Überfahrt für den nächsten Tag. Der Anblick der Schiffe stimmte ihn euphorisch. Die Stufen bis zum Kai, ein hellgrauer Beton, und dann: das Meer.

Um billig zu essen, kehrte Ed in den Bahnhof zurück. Er fühlte sich ausgeruht und erwog seine Chancen. Versteck im See, geheime See, Hiddensee … Er kannte die Geschichten. Ein unablässiges Raunen umspülte das Eiland.

Ed kaute bedächtig und trank seinen Kaffee in winzigen Schlucken. Zuerst würde es nicht leicht sein, auf eines der Schiffe zu kommen. Dann fast unmöglich, ein Quartier zu finden, aber ein anderes Ziel war nicht denkbar innerhalb der Grenzen. Sicher, er hatte Experten gehört, die behaupteten, dass Hiddensee im Grunde schon außerhalb läge, exterritorial, eine Insel der Seligen, der Träumer und Traumtänzer, der Gescheiterten und Ausgestoßenen. Andere nannten sie das Capri des Nordens, auf Jahrzehnte ausgebucht.

In Halle hatte Ed einen Historiker kennengelernt, der den Winter über in den Offenbach-Stuben bediente, einem Weinrestaurant, wo er mit G. einige Male an der Bar gewesen war. In jedem Frühjahr, zu Saisonbeginn, kehrte der Historiker (so nannte man ihn noch) auf die Insel zurück. »Endlich, endlich!«, wie er seinen Gästen gern zurief, die nachsichtig nickten, wenn er anhob zu einer seiner Elogen, für die er das Publikum der Offenbach-Stuben gewöhnlich mit »Ihr Lieben!« ansprach. »Die Insel, ihr Lieben, hat alles, was ich brauche, immer gesucht habe, bereits wenn sie auftaucht am Horizont, vom Dampfer aus gesehen, ihre schmale zerbrechliche Gestalt, ihr feiner Umriss, im Rücken noch der letzte graue Hahnenkamm des Festlands, Stralsund mit seinen Türmen, das ganze Hinterland mit seinem Dreck, ihr wisst, ihr Lieben, was ich meine, ihr Lieben, die Insel taucht auf und augenblicklich vergesst ihr das alles, denn jetzt liegt sie vor euch, und etwas Neues fängt an, ja, schon da, auf dem Dampfer!«, schwärmte der Mann, ein grauhaariger Mittvierziger, aus dem Universitätsdienst ausgeschieden, freiwillig, wie es hieß, und dafür umso tiefer in Träume versunken; wie viele Denker des Landes trug er eine Art Marx-Bart. »Die Freiheit, ihr Lieben, besteht im Kern darin, im Rahmen der existierenden Gesetze eigene Gesetze zu erfinden, Objekt und Subjekt der Gesetzgebung zugleich zu sein, das ist ein Hauptzug des Lebens dort oben, im Norden.« So fasste es der Historiker der Offenbach-Stuben zusammen, eine Trommel voller Schoppen vor der Brust.

Die für Ed wichtigste Nachricht besagte, dass auch während der Saison plötzlich Stellen frei werden konnten. Von einem Tag auf den anderen wurden Kellner gesucht, Abwäscher, Küchengehilfen. Es gab Saisonkräfte, die über Nacht verschwanden, aus den verschiedensten Gründen. In der Regel verstummten die Erzähler an diesem Punkt, um einen Blick auf ihr Gegenüber zu werfen, und dann, je nach Lage der Dinge, in eine der möglichen oder unmöglichen Richtungen fortzufahren: »Natürlich gibt es immer wieder Leute, die aufgeben, zurückgehen aufs Festland, die einfach nicht geschaffen sind dafür.« Oder: »Du weißt, eine Ausreise wird plötzlich genehmigt, mitten im Sommer …« Oder: »Sicher, es ist kaum zu glauben, fünfzig Kilometer, aber gute Schwimmer hat es schon immer gegeben …« Am Ende aller Reden schien Hiddensee ein schmales Stück Land von mythischem Glanz, der letzte, der einzige Ort, eine Insel, die immer weiter hinaustrieb, außer Sichtweite geriet – man musste sich beeilen, wenn man noch mitgenommen werden wollte.

Nach dem Essen kehrte Ed ins Hotel zurück. Jemand hatte sich an seinen Sachen zu schaffen gemacht, doch nichts fehlte. Er trat ans Fenster und sah zum Bahnhof hinüber. Im Bett begann er nach Matthew zu rufen – ein Rückfall. Aber er rief nur sehr leise und nur, um noch einmal seine Stimme zu hören vor dem Schlafen. Nein, er war nicht gesprungen.

Die Insel

Meist kam die Absage sofort. Irgendjemand, der im Vorbeigehen rief: »Alles voll!«, ein paar Köpfe, die sich hoben, wenn Ed sich halblaut bedankte und möglichst rasch wieder entfernte, die Faust geballt um den verschwitzten Riemen seiner Kunstledertasche.

Er war im Norden an Land gegangen und Richtung Süden gewandert, etwa sechs Kilometer, die er dann noch einmal in umgekehrter Richtung zurücklegte. Die Insel war stellenweise so schmal, dass man zu beiden Seiten das Wasser sehen konnte. Links das Meer aus Silber, rechts der Bodden, ein dunkelblaues Glas, fast schwarz. Die Wolken schienen tiefer zu ziehen als gewöhnlich, und für eine Weile hing Ed ihren sonderbar langgestreckten Formen nach. Während der Horizont noch wuchs, schrumpfte der Abstand zum Himmel, eine Dimension verschob die andere. Am Ende des Tages, als er die Hoffnung bereits zu verlieren begann, machte ihm die Frage so gut wie nichts mehr aus: »Hätten Sie vielleicht eine Arbeit für mich? Aber ich bräuchte auch ein Zimmer.«

In einer Gastwirtschaft namens »Norderende« bot man ihm 1,40 Mark die Stunde, für alle möglichen Tätigkeiten, wie es hieß, »aber ohne Quartier«. Etwas abseits standen ein paar ausrangierte Strandkörbe. Ed mochte das ausgeblichene Blau ihrer Markisen, es war die Farbe von Nichtstun, Juli, Sonne im Gesicht. Während der übelgelaunte Wirt ein paar Worte mit ihm wechselte (Eds erstes Gespräch auf der Insel), huschten zwei seiner Angestellten vorüber, mit gesenktem Kopf, als hätten sie den Verlust ihrer Anstellung zu befürchten. Einen Moment verharrte Ed noch zwischen den Abfalltonnen und Getränkekisten. Ohne es zu bemerken, hatte er die Demutshaltung eines Bettlers angenommen.

Als er weiterzog, rief ihm einer der Angestellten etwas nach, durch die fast geschlossene Tür des Lagerschuppens, so dass Ed den Mann nicht genauer erkennen konnte. Alles, was er verstand, war das Wort »Klausner«, und dann »Crusoe, Crusoe – –«, als würde Ed eine geheime Botschaft übermittelt. Wahrscheinlicher war, dass der Mann ihn verspotten wollte mit der alten Geschichte vom Schiffbruch.

Es dämmerte bereits, und in den Häusern gingen die Lichter an. Das Gewicht seines Gepäcks zwang Ed, beständig etwas schief zu gehen. Der Trageriemen war viel zu schmal und schnitt in die Schulter, das Kunstleder war brüchig geworden. Ed überlegte, ob es günstiger gewesen wäre, wenn er die Tasche abgestellt, besser noch, versteckt hätte in einem der Sanddornbüsche am Weg. Die Frage nach Arbeit hatte er mit Sicherheit falsch formuliert, falsch und dumm, als gehöre er nicht zur selben Gesellschaft. Hier hatte man die Arbeit, niemand musste darum bitten, und schon gar nicht auf diese Weise, von Haus zu Haus, mit einer verlotterten Tasche über der Schulter. Die Arbeit war wie ein Ausweis, man musste sie vorzeigen können; keine Arbeit zu haben widersprach dem Gesetz und war strafbar. Ed ahnte, dass die Frage, so wie er sie gestellt hatte, gar nicht erhört werden konnte, im Gegenteil, sie glich einer Provokation. Und während er so vor sich hin trottete mit seiner viel zu schweren Tasche, formulierte er neu:

Benötigen Sie vielleicht noch etwas Hilfe in dieser Saison?

Es kam auf die richtigen Worte an.

Auf dem Weg durch Kloster, das nördlichste Dorf der Insel, begegneten ihm ein paar Urlauber. Kurzerhand bat er sie um Unterkunft. Sie lachten, als hätte er einen großartigen Scherz gemacht, und wünschten ihm »noch alles Glück der Welt«. Er kam an einer Reihe schöner älterer Holzhäuser vorüber. Ein Mann im Alter seines Vaters beschimpfte ihn vom Balkon aus, dabei stieß er seine Bierflasche mehrmals ruckartig in die Luft. Offensichtlich war er betrunken genug, um einen Dahergelaufenen ohne weiteres zu erkennen.

»Bräuchten Sie noch Unterstützung in Ihrer Küche? Ich hätte gerade etwas Zeit.«

Vom Kellner der Offenbach-Stuben (überall hielt er Ausschau nach dem Marx-Bart) wusste Ed, dass es gefährlich sein konnte, am Strand zu schlafen. Es hatte mit den Grenzpatrouillen zu tun. Sie würden ihn finden, sie würden ihm mitten im Traum ins Gesicht leuchten mit ihren Stabtaschenlampen und ihn nach seinem Fluchtplan befragen. Ohne Passierschein oder Quartier war der Aufenthalt im Grenzgebiet verboten. Die Kontrolleure auf dem Dampfer hatten sich nicht besonders dafür interessiert, Benutzer der frühen Fähre hielt man für Tagestouristen. Wichtig war, dass man bei Nachfrage irgendetwas erzählen konnte, irgendeinen Namen, irgendeine Adresse. Der Naturalist Gerhart Hauptmann hatte behauptet, auf der Insel hießen alle Menschen Schluck und Jau, eigentlich gäbe es nur diese beiden Familien: Schluck und Jau. Ed misstraute diesen Namen, Schluck oder Jau, das klang unglaubwürdig, erfunden. Ja, in der Literatur war es möglich, aber nicht im Leben. Im Stralsunder Hafen hatte er im Telefonbuch nachgeschlagen und den Namen Weidner gewählt und ihn auf einen Zettel gekritzelt, den er eng zusammengefaltet bei sich trug: Familie Weidner, Kloster Nr. 42.

»Bräuchten Sie zufällig noch Hilfe in Ihrer Betriebsgaststätte?«

Ein Satz wie aus Holz.

Und wahrscheinlich sah man ihm an, dass er nur unterkriechen, nur verschwinden wollte, dass er im Grunde gescheitert war, aufgelaufen, ein Wrack, erst vierundzwanzig Jahre alt und schon ein Wrack.

Der Strand kam nicht in Frage und auch die Reste des Küstenbunkers nicht. Seine Ängste waren kindlich: Jemand könnte ihm im Schlaf auf den Kopf treten, versehentlich. Das Wasser könnte plötzlich ansteigen und ihn ertränken. Es könnte Ratten geben im Bunker.

Mit Einbruch der Dunkelheit erreichte Ed das nördliche Ende der Insel. Alle drei Dörfer hatte er zweifach durchwandert: Neuendorf, Vitte und Kloster. Auf einer Tafel, die er im Hafen fand (seltsam, dort wieder anzukommen, wo er am Vormittag an Land gegangen war, schon vor Jahren, wie ihm schien), hieß die Gegend hinter dem Ort Bessiner Haken, ein Vogelschutzgebiet.

Eine Nacht unter freiem Himmel gehörte jetzt zu seinem Leben, davon war Ed überzeugt, und es war richtig, dass es so begann, trotz seiner Ängste. Am Ortsausgang stand ein verwitterter Wegweiser mit der Aufschrift »Strahleninstitut«. Auf einem Hügel in der Ferne, hinter Pappeln, war der Umriss eines größeren Gebäudes zu erkennen. Er kam an einer großen Scheune und an Zäunen vorbei, die mit Altöl gestrichen waren. Das Schilf am Weg rauschte, es überragte ihn, so dass er das Wasser aus dem Blick verlor; die Abendschreie irgendwelcher Gänse tönten durch die Luft. Das letzte Haus, ein mit Moos überwachsenes Reetdach. Der Gemüsegarten erinnerte Ed an den Garten seiner Großmutter: Kartoffeln, Kohlrabi und Astern. Der Panzerplattenweg, nachlässig verlegt, verlor sich in einer sumpfigen Wiese.

Der erste Hochstand glich eher einer Kabine, einem Baumhaus, ein überaus gutes Versteck, leider war es verriegelt. Der zweite, kleinere Hochsitz stand offen und schwankte, so dass Ed sich fragen musste, ob er überhaupt noch in Benutzung war. Mit Mühe hievte er seine Tasche nach oben. Er versuchte, alles möglichst leise zu verrichten. Er las etwas Holz auf, um den Eingang zum Turm am Ende der Leiter provisorisch zu verbarrikadieren. Als er mit ein paar morschen Ästen oben anlangte, streifte ihn ein Licht. Wie getroffen warf Ed sich zu Boden und prallte mit der Stirn gegen die Sitzbank. Regungslos blieb er liegen. Er atmete schwer, er roch das Holz, seine Stirn brannte. Die kleine Grundfläche des Hochstands erlaubte es nicht, die Füße auszustrecken. Er dachte an Klondike-Fieber, an den Mann in der Wüste aus Schnee, dem es in letzter Sekunde gelungen war, ein Feuer zu entzünden, mit seinem letzten Streichholz, aber dann … Nach einer Weile kehrte das Licht zurück. Langsam erhob sich Ed und begrüßte den Leuchtturm wie einen alten Freund, den er nur vorübergehend aus den Augen verloren hatte.

»Und, brauchst du vielleicht noch jemanden?«

Das Leuchtfeuer fächerte sich ruckweise auf und schob sich wieder ineinander – wahrscheinlich war das ein Nein. Seltsam, wie der prismatische Finger aus Licht abschnittsweise vorschnellen konnte, um im nächsten Moment innezuhalten, als wäre er auf etwas gestoßen, das wichtiger war, als sich endlos weiter im Kreis zu drehen.

»Ich meine nur so, als Hilfe, für diese Saison?«, murmelte Ed.

Seinen Plan, noch einmal in den Ort zu gehen, um in einer der Kneipen etwas zu essen, hatte er aufgegeben. Er war auch noch gar nicht am Strand gewesen. Aber allein die Tatsache, hier zu sein, auf der Insel … Eine Weile lauschte er noch ins Dunkel des Dschungels ringsum, dann streifte er Pullover und Jacke über. Den Rest seiner Sachen breitete er, so gut es ging, auf dem Bretterboden des Hochstands aus. Es war kalt in dieser Nacht.

Zum Klausner

13. Juni. Eds Hochstand war noch in Dunkelheit getaucht, als ein ohrenbetäubender Lärm anhob. Die Vögel des Vogelschutzgebiets erwachten und forderten den Tag, ein Getöse voller Unwillen und langwieriger, sich endlos wiederholender Beschwerden. Noch vor Sonnenaufgang verließ Ed sein Quartier und trabte landeinwärts, sein Gesicht war von Insekten zerstochen, die Stirn brannte.

Seine erste Aufgabe würde es sein, die Gegend zu erkunden, vor allem ein besseres Versteck aufzuspüren oder wenigstens einen Ort, wo er tagsüber seine Tasche und seine Sachen (die schwere Thälmannjacke, den Pullover) sicher unterbringen konnte. Bis auf die Märchen und Mythen des Festlands wusste Ed nicht viel über die Insel, weder über ihre Geographie noch über die Zyklen von Überwachung und Kontrolle durch die Grenzkompanie. Zunächst schien alles sehr übersichtlich: Wiesen, Heide und eine einzige Straße, halbwegs befestigt mit Platten aus Beton, keine Landschaft für Verstecke. Verlockend dagegen der Wald und das Hochland im Norden.

Die folgende Nacht kroch Ed in eine der hohen Einbuchtungen zu Füßen der Küste. Seine Höhle glich einem breiten frischen Riss; der Steilhang hatte sich für ihn geöffnet. Es gab keine Mücken, aber aus dem Lehm tropfte Wasser in seinen Nacken. Das Meer war schwarz und fast stumm, bis auf ein regelmäßig wiederkehrendes Siedegeräusch im Kies zwischen den Ufersteinen – als gieße jemand Wasser auf eine glühende Kochplatte. In seiner Höhle gab es eine Vielzahl von Geräuschen, die Ed nicht zuordnen konnte. Etwas raschelte über ihm, und es raschelte im Lehm. Und manchmal atmete es oder stöhnte leise. Aus den Auswendigbeständen summten ein paar Verse herüber, in denen es hieß, die kleine schlappe Ostseewelle ahme das Flüstern der Toten nach. Ed verdrossen diese Einflüsterungen; wenn er es ernst meinte mit seinem Aufbruch (und Neuanfang), würde er dagegen angehen müssen, weshalb er es noch einmal mit eigenen Gedanken versuchte.

Er schloss die Augen, und nach einer Weile sah er den Ostseewellenmann. Er war groß, gebeugt, es war der Hausmeister des Instituts. Er schöpfte Wasser aus dem Meer und goss es über seine Feuerstelle am Strand. Das Wasser verdampfte, Rauch stieg auf, und der Mann selbst wurde immer dünner und durchsichtiger dabei. Zuletzt blieb nur noch sein Gesicht. Es lächelte ihn an aus dem Sand und entblößte dabei sein fauliges Gebiss, eine Masse aus Miesmuscheln, Teer und Algen; es sprach: »Meine Anwesenheit ist verbraucht.«

Am Morgen waren seine Sachen durchnässt, und ein feines Delta hatte sich in den Strand gegraben. Das Quellwasser formte den Lehm zu glänzenden Schollen, auf denen man ausgezeichnet gehen konnte. An einigen Stellen staute es sich. Erst umständlich kniend (wie ein Tier mit erhobenem Hinterteil und vorgerecktem Schädel) und dann lang ausgestreckt, versuchte er zu trinken. Obwohl so kurz nach Sonnenaufgang kein Mensch am Strand sein würde, fühlte Ed sich beobachtet. Mit einer Hand schob er sein halblanges Haar in den Nacken, mit der anderen hielt er die Steine auf Abstand, die sich zwischen seine Rippen pressen wollten. »Die Natur ist kein Zuckerschlecken, jawoll«, murmelte Ed; er imitierte die Stimme seines Vaters und musste kichern dabei. Er hatte die zweite Nacht geschafft.

Das Quellwasser schmeckte nach Seife und roch vergoren. Er verfolgte das Delta zurück bis in die Spalte, die unmittelbar neben seinem Schlafplatz lag. Ein Tier starrte ihn an. Es war ein Fuchs. Er beschützte die Quelle und belauerte Ed, wahrscheinlich schon lange.

»Hast du mich erschreckt, kleiner Racker«, flüsterte Ed. Der Fuchs sagte nichts, er bewegte sich nicht. Sein Kopf lag auf den Vorderpfoten, wie bei einem Hund; sein Blick ging aufs Meer hinaus. Ein entwurzelter Sanddornbusch beschattete sein Fell, das sehr frisch und lebendig aussah.

»Einen schönen Platz hast du hier, alter Racker, schön verborgen. Keine Mücken, frisches Wasser … Bist jedenfalls ein ganz Gescheiter, oder?«

Ed breitete seine Sachen zum Trocknen auf den Steinen aus, aber dann fehlte ihm die Ruhe, und er sammelte sie wieder ein. Er hatte Hunger und einen Faulgeschmack auf der Zunge. Aus den Brötchen, die er in Kloster bei einem Bäcker namens Kasten gekauft hatte, war ein einziger Brei geworden. Er knetete ein paar Kugeln und drückte dabei eine spermaähnliche Flüssigkeit aus dem Teig. Er kaute langsam und schluckte. Die Energie des Aufbruchs war verbraucht, und er spürte ein Ziehen hinter den Augen. Es war eigentlich kein Schmerz, nur eine Erinnerung an abgekaute Fingernägel. Die entzündeten Nagelbetten und das faserige, ausgefranste Pflaster – G.s Fingernägel. Er überlegte, wie lange er auf diese Weise weitermachen konnte. Wie lange seine Kraft noch reichen würde. Wann er umkehren müsste.

»Hätte gar keinen Sinn, alter Racker.«

Die hohe ausgemergelte Küste – er hatte nie zuvor etwas Ähnliches gesehen. Es gab Abbrüche und Überhänge und eine Art Gletscherlandschaft, riesige mäandernde Zungen aus Lehm und Ton auf dem Weg ins Meer. Es gab bewachsene und kahle Abschnitte, rissig und zerfurcht, und es gab graue, lehmige Wände, aus denen sich ab und zu der Schädel eines Zyklopen neigte und verächtlich auf Ed hinunterblickte. Aber Ed sah kaum nach oben, ihm war nicht nach Zyklopen oder wofür auch immer man diese Felsblöcke halten musste. Mit gesenktem Kopf stiefelte er den steinigen Strand entlang und versuchte, das kleine Lagerfeuer seines Selbstgesprächs in Gang zu halten, mit Ermunterungen und guten Argumenten. Mit eigenen Worten.

Ein Stück weiter Richtung Norden gab das Küstengebüsch plötzlich eine Treppe frei. Die Betonklötze, mit denen man versucht hatte, ihre stählerne Konstruktion im Strand zu verankern, hingen in der Luft, etwa einen Meter über dem Boden. Als Ed sich auf die unterste Stufe schwang, erklang ein heller metallischer Ton. Wie das Stahlblech untergehender Schiffe leise zu singen beginnt, flüsterte Ed und hielt inne; das rostige Eisen wippte bedrohlich. Am Ende zählte Ed fast dreihundert Stufen (jede dritte verfault oder zerbrochen), verteilt über verschiedene Abschnitte und Absätze bis auf das fünfzig oder sechzig Meter hohe Kliff.

Durch die Kiefern schimmerte ein helles, an den Giebeln mit Holz verkleidetes Gebäude. Auf den ersten Blick erinnerte es an einen Mississippidampfer, einen gestrandeten Schaufelraddampfer, der versucht hatte, durch den Wald das offene Meer zu erreichen. Ringsum ankerten einige kleinere Blockhütten, die das Mutterschiff wie Rettungsboote umgaben.

Damit es sich nicht verflüchtigen konnte, behielt Ed das Bild fest im Blick: Vom Schiff her zog sich eine gepflasterte Terrasse mit Tischen und Biergartenstühlen fast bis an den Steilhang heran. Die äußeren Reihen der Tische waren überdacht und ähnelten Futterkrippen für die Tiere des Waldes. Auf der Schiefertafel neben dem Eingang stand mit schwungvoller Schrift etwas geschrieben, aber Ed war noch zu weit entfernt. Links vom Eingang, über einem Schiebefenster des hölzernen Vorbaus, der zum Radkasten des Dampfers gehörte, hing eine kleine, steife Fahne mit der Aufschrift EIS. Rechts davon, in der Mitte des Vorbaus, war ein handgefertigtes Schild aufgeschraubt: ZUM KLAUSNER.

Das »Z« war aufwendig verziert, und für einen Moment hatte Ed den Schildermaler vor Augen; er sah, wie man ihm den Auftrag erteilte, wie er den Namen des Schiffes und den Termin seiner Taufe notierte. Bis aufs Haar empfand Ed die Mühe, die dieser erste Buchstabe ihm bereitet haben musste, und augenblicklich überspülte ihn ein Gefühl tiefer Vergeblichkeit.

Um sicherzugehen, dass eine dritte Dimension existierte, umkreiste Ed langsam das Gebäude. Es war ein Schiff im Waldhausstil. Die Giebel hatten sich moosgrün verfärbt, und aus dem Sockel blühten Salpeterkrusten. Hinter dem ersten befand sich ein zweites, etwas moderneres Haus, dazwischen der Hof und dahinter der Wald. Grob gesehen, bestand die Anlage aus drei konzentrischen Kreisen. Im Innersten der Hof mit den beiden Hauptgebäuden und einer weiteren kleinen Terrasse, bevölkert von einer Horde schmiedeeiserner Kaffeehausstühle, weiß und rostfleckig. Im zweiten Kreis lagen die Blockhütten, dazu zwei Schuppen und ein Holzplatz mit Hackstock. Im Norden öffnete sich der Hof auf eine Lichtung, ein verwurzelter Wiesenhang, der leicht anstieg bis zum Waldrand, und ein Pfad, der zum Leuchtturm führen musste, seinem alten Freund. Mitten auf der Lichtung hatte man einen Spielplatz errichtet, mit Kletterpilz, Wippe, Sandkasten und einer Tischtennisplatte aus Beton. Für einen Moment staunte Ed darüber, dass es der landesweit übliche Spielplatz sogar bis an diesen märchenhaften Ort geschafft hatte, hoch über der Brandung. Den dritten, äußersten Kreis markierte eine kleine Palisade, genauer gesagt eine Art Wildzaun aus Totholz, sorgsam zwischen die vordersten Stämme des Waldes geflochten. Das ganze Gelände war dicht von Kiefern und Buchen umschlossen.