Kurs auf Neues im Beruf - Doris Hartmann - E-Book

Kurs auf Neues im Beruf E-Book

Doris Hartmann

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12,99 €

Beschreibung

Es gibt keine sicheren, vorhersehbaren Berufswege mehr. Ständige Veränderung in der Arbeitswelt fordert von den Menschen, ihren beruflichen Kurs permanent zu reflektieren und immer wieder neu auszurichten. Dazu gibt die langjährige Beraterin für berufliche Entwicklung wertvolle Hilfe: Menschen, die sich neu orientieren wollen oder müssen, erhalten einen Kompass für das realistische Ausloten ihrer beruflichen Chancen und den klugen Einsatz ihrer individuellen Fähigkeiten.

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Seitenzahl: 281

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Doris Hartmannmit Christine Tsolodimos

Kurs auf Neues im Beruf

Wann wir Veränderungen brauchenund wie sie gelingen

Impressum

© KREUZ VERLAG

in der Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2013

Alle Rechte vorbehalten

www.kreuz-verlag.de

Umschlaggestaltung: Verlag Herder

Umschlagmotiv: fotolia.com, © Luiz, © Picture Partners

ISBN (E-Book) 978-3-451-80010-8

ISBN (Buch) 978-3-451-61198-8

Mein Dank gilt Christine Tsolodimos.

Mit ihrem Blick fürs Ganze und fürs Detail sowie

mit ihrem Einfühlungsvermögen hat sie unsere

intensiven Gespräche und meine verstreuten Notizen

in die vorliegende Form gebracht.

Inhalt

VORWEG Warum gerade jetzt?»Das passt jetzt aber gar nicht« * Zukunft ist weiblich * Sind Sie bereit?

I Zeit für eine Veränderung?Was wir von den Blues Brothers lernen können * Die magische Sieben * Vom Glück im Unglück

II Welches Lebenskonzept ist das richtige?Was wir von Odysseus lernen können * Feindbild gesucht * Die Roadmap des (Berufs-)Lebens

III Wo sind unsere Träume geblieben?Was wir von Meryl Streep lernen können * Her mit den Luftschlössern! * Lob der Schlupflöcher und Kompromisse

IV Beim Alten bleiben oder Neues wagen?Was wir aus Misserfolgen lernen können * Von Gewohnheitstieren und Abenteurern * Raus aus der Sackgasse!

V Wie viel ist genug?Was wir in der Schule nicht fürs Leben lernen * Warum viel manchmal wenig hilft * Wie wir uns manipulieren lassen

VI Auf Umwegen zum ZielWas wir von einer ehemaligen Außenministerin lernen können * Patchwork bleibt Trend * Auf Zimmersuche

VII Bleiben oder gehen?Was wir von Bilanzbuchhaltern lernen können * Klar zum Ankern? * … und raus bist du!

VIII Allein stark, gemeinsam stärker?Was wir von Leuten, die überall Leute kennen, lernen können * Bier und Pralinen * Machen Sie sich Freunde

IX Stimmt die Balance?Was wir von Katzen lernen können * Wie wir uns für dumm verkaufen lassen * Warum Arbeit nicht der Sinn des Lebens sein sollte

X Was treibt Sie an?Was wir aus unseren Eigenheiten lernen können * Musik braucht Dissonanzen * Das Steuer in der Hand behalten

XI Alles zu seiner Zeit?Was wir von Michail Gorbatschow lernen können * Eule bleibt Eule * »Diese Nummer ist vorübergehend nicht erreichbar …«

ZUM SCHLUSS Es kommt immer anders …Was wir von Immanuel Kant lernen können * Papier schiffchen auf großer Fahrt * Erfolg muss erfolgen

Anmerkungen

REGISTER Personen und Begriffe

Ich suche nicht – ich finde.

Suchen, das ist Ausgehen von alten Beständen

und das Finden-Wollen von bereits Bekanntem.

Finden, das ist das völlig Neue.

Pablo Picasso (1881–1973)

VORWEG  Warum gerade jetzt?

»Das passt jetzt aber gar nicht« * Zukunft ist weiblich * Sind Sie bereit?

»Es wird sich etwas ändern.« – »Ich will etwas Neues.« – »Ich bin hier nicht am richtigen Platz.« – »Soll das jetzt alles gewesen sein?«: Möglicherweise haben Sie dieses Buch zur Hand genommen, weil Ihnen in letzter Zeit solche oder ähnliche Gedanken durch den Kopf gehen. Sie sind Mann oder Frau beliebigen Alters, am Anfang, in der Mitte oder im letzten Drittel Ihres beruflichen Lebensweges. »Warum muss ausgerechnet jetzt wieder so eine Unruhe in mein Leben kommen?«, fragen Sie sich vielleicht.

Die Antwort: weil es keine Ruhe mehr gibt im Arbeitsleben. Weil überall alles im Fluss ist. Ich habe ein Alter erreicht, in dem Menschen bereits von »früher« sprechen. Früher war nicht alles besser, aber vieles anders als heute. Ein beruflicher Werdegang folgte klaren Regeln. Von »Lehrjahre sind keine Herrenjahre« bis »Ohne Fleiß kein Preis«. Wer aufsteigen wollte, wartete, bis er »dran« war. (Die männliche Form ist hier bewusst gewählt. Frauen waren in den meisten Branchen grundsätzlich nicht »dran« für eine Beförderung.) Auf diese Regeln, so fragwürdig sie vielfach auch waren, konnten Menschen sich verlassen. Mit der Flexibilisierung und Globalisierung der Arbeitswelt ändert sich das.

»Meine Sicherheit ist die Unsicherheit«, antwortete mir vor 30 Jahren ein Mitstudent der Soziologie auf die Frage, was er beruflich vorhabe. Eine dauerhafte, sichere Perspektive werde es für ihn wohl nicht geben, sagte er nüchtern. Ich war einerseits skeptisch, andererseits voll Bewunderung für so viel Risikobereitschaft. Später erkannte ich: Mein Studienkollege war mit seiner realistischen Einschätzung der Situation auf dem Arbeitsmarkt seiner Zeit weit voraus.

Nichts als sicher zu nehmen, das eigene Denken und Handeln im Beruf ständig zu hinterfragen und jederzeit zur Neuorientierung bereit zu sein, das wird heute von jedem erwartet. Change-Management ist gefordert, in allen Lebensbereichen und vor allem in Unternehmen.

Was ist der richtige Weg, ein berufliches Ziel zu erreichen, sich in einem Unternehmen zu etablieren, durchzusetzen, eventuell eine Führungsposition zu erreichen? Darauf gibt es keine allgemein gültigen Antworten mehr – und darum ist es für den Einzelnen schwieriger, Chancen zu erkennen und im richtigen Moment zuzugreifen. Nur wenige Organisationen und Unternehmen sind noch traditionell geprägt. Sie sind vor allem im öffentlichen Dienst und in den Branchen zu finden, deren Stellung am Markt bisher unangefochten ist. Dort gibt es sie noch, die starren Hierarchien und die klaren Regeln, denen jeder Werdegang, jeder Aufstieg zu folgen hat. Sie haben neben vielen Nachteilen den Vorteil, dass bereits die Auszubildenden in jedem Moment genau wissen: Da geht’s lang.

In den meisten Betrieben aber gilt: Niemand wird mehr befördert, weil er nach einer bestimmten Anzahl von Dienstjahren jetzt »dran« ist. Karrieren müssen durch Können und Leistung erarbeitet werden. Selbstbewusstes Auftreten und ein Netzwerk von »buddies«, die beim Aufstieg helfen, genügen nicht mehr. Das kommt denen zugute, die zwar fachlich begabt und fähig sind, aber nicht von sich aus »hier« rufen würden, wenn eine interessante Position vergeben wird. Und in dieser Gruppe finden sich besonders viele Frauen. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass die Anzahl der Frauen in den Top-Etagen der Wirtschaft und in den Machtzentren der Politik weiter, wenn auch langsam, wachsen wird.

»Ist dieser Beruf, diese Tätigkeit, dieses Unternehmen der richtige Ort für mich?« Es gibt nur einen Menschen auf der Welt, der Ihnen auf diese Frage die richtige Antwort geben kann: Sie selbst. Den Ort zu finden, an dem Sie Ihre beruflichen Träume leben können, oder die Veränderungen vorzunehmen, die notwendig sind, damit Sie sich in Ihrem Beruf, an Ihrem Arbeitsplatz zu Hause fühlen können – auch darum geht es in diesem Buch. In meinem ersten Buch »Frauen, die wissen, was sie wollen, sind nicht zu schlagen«1 ging es mir darum, Frauen den Rücken zu stärken und ihnen hilfreiches Handwerkszeug für Berufsleben und Karriere mitzugeben. In diesem Buch sind ausdrücklich Frauen und Männer angesprochen. Denn noch etwas hat sich geändert: Es sind im Wesentlichen dieselben Fragen, die Frauen und Männer im Beruf beschäftigen: Welchen Stellenwert soll der Beruf im Leben haben? Wie wichtig ist mir meine Selbstverwirklichung? Ist mein Einkommen sicher genug, um eine Familie zu ernähren? Wie kann ich gleichzeitig für mein Alter vorsorgen? Wie finde ich die Balance zwischen Familien- und Berufsleben? Wie stelle ich für meine Kinder das Maximum an Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit her, das sie für ihr Aufwachsen brauchen – wenn das Arbeitsleben ein Höchstmaß an Flexibilität und ständige Bereitschaft zur Veränderung verlangt? Berufstätige müssen heute jederzeit mit dem Unerwarteten rechnen: Unternehmensverkäufe, Umstrukturierungen, das »Verschieben« ganzer Abteilungen – das sind seelische Zerreißproben für jeden Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht und erlerntem Beruf. Menschen, die sich selbst gut kennen, die wissen, in welcher Umgebung sie ihre Stärken entfalten können, die gelernt haben, sich selbst zu steuern, sind in Zeiten des Umbruchs und Neuanfangs im Vorteil. Dieses Buch soll helfen, sich zu rüsten – nicht mit allgemein verbindlichen Tipps oder gar Rezepten, denn die gibt es nicht. Sie brauchen keine Aufgaben zu lösen, und es gibt keine psychologischen Tests. Gelegentlich werden Sie jedoch eine »Checkliste« finden. Sie enthält jeweils mehrere Aussagen oder Fragen zu einem Thema wie zum Beispiel Arbeitszufriedenheit oder Veränderungsbereitschaft. Vielleicht können Sie spontan gar nicht sagen, welche Aussagen auf Sie zutreffen oder welche Fragen Sie mit Ja beantworten würden, sondern Sie möchten zuerst darüber nachdenken.

Genau das will ich mit meinem Buch erreichen. Es soll ein Lesebuch sein, das Sie einlädt, genauer hinzuschauen und sich mit dem einen oder anderen Thema gründlicher als bisher auseinanderzusetzen. Vor allem aber möchte ich Sie in die Lage versetzen, auf der Reise durch Ihr Berufsleben das Steuer möglichst in der Hand zu behalten – auch und gerade in unruhigen Zeiten.

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

Wolf Biermann (* 1936)

I Zeit für eine Veränderung?

Was wir von den Blues Brothers lernen können * Die magische Sieben * Vom Glück im Unglück

Wenn ein bestimmtes Wort, ein bestimmter Satz in bestimmten Situationen immer wieder fällt, dann nennt man das im Kino einen Running Gag. Ein Running Gag soll vor allem das Publikum zum Lachen bringen, aber auch den Film im Gedächtnis verankern. »Wir sind im Namen des Herrn unterwegs«: Wer »Blues Brothers«2 gesehen hat, denkt bei diesem Satz unweigerlich an den Film zurück.

Running Gags gibt es auch im echten Leben. Ein Klassiker beginnt mit den Worten »Wenn ich erst …«. Auf den Beruf bezogen, kann der Running Gag zum Beispiel lauten: »Wenn ich erst …

… die Ausbildung fertig habe …«

… im ersten festen Job bin …«

… die Beförderung bekommen habe …«

… nach der Elternzeit wieder fest im Sattel sitze …«

… bei Firma X eingestiegen bin …«

Und dann? »… dann ist alles gut! Dann habe ich es geschafft!«

Vielleicht sind Sie gerade an so einer Stelle. Ein Ziel erreicht, ein Punkt auf der To-do-Liste des Lebens ab gehakt. Dann lesen Sie dieses Buch vielleicht vor allem, um sich einzustimmen auf etwas, was jederzeit kommen kann.

Leben ist Veränderung. Es gibt Menschen, die es kaum aushalten, wenn einmal eine Weile nichts passiert. Und die bei jedem Stillstand gleich wieder Bewegung in ihren Alltag bringen. Andere fühlen sich wohl bei der Vorstellung, »angekommen« zu sein. Die meisten sind ambivalent: Sie mögen Veränderung und haben gleichzeitig Angst davor. Deshalb können sie in der Nacht vor dem ersten Arbeitstag im neuen Job kaum schlafen. Und selbst wenn sie an ihrem Arbeitsplatz lieber heute als morgen alles hinwerfen würden, macht ihnen die Vorstellung Angst, ihn zu verlieren. Ein Szenario, das jeder fürchtet: Unternehmen verkauft und/oder Abteilung aufgelöst, Arbeitsplatz weg. Und schon ist sie da, die Wendezeit.

Andere erleben eine private Erschütterung, einen Schicksalsschlag: Trennung, Scheidung, ein Pflegefall in der Familie oder gar der Tod eines nahe stehenden Menschen. Und plötzlich steht auf dem Prüfstand, auch im Beruf: Wozu noch Kompromisse eingehen, warum an einem Arbeitsplatz bleiben, der einem nichts mehr bedeutet – wenn von einem Tag auf den anderen alles zu Ende sein kann?, fragen sich Menschen nach solchen Erfahrungen.

Wann haben Sie zuletzt eine Wendezeit erlebt? Und wie hat sie angefangen? Möglicherweise können Sie das im Nachhinein gar nicht mehr sagen. Das wäre durchaus typisch. Viele Wendezeiten haben etwas gemeinsam mit den regelmäßig wiederkehrenden Erkältungs- und Grippezeiten oder auch mit den Wechseljahren der Frauen. Es beginnt mit Symptomen, die schwer einzuordnen sind: starker Schnupfen, fiebrige Erkältung oder Grippe? Überheizte Räume – oder war das womöglich die erste Hitzewallung?

Angenommen, an Ihrem Arbeitsplatz ist es üblich, den Mitarbeitern Projekte zuzuteilen, etwa das Abwickeln eines Auftrags oder das Organisieren einer Veranstaltung. Neue Projekte werden vorrangig an die Mitarbeiter vergeben, die sich von sich aus bereit erklären. Bisher waren Sie meist unter den Ersten, die den Finger hoben – möglicherweise auch, um sich so die für Sie interessantesten Aufgaben zu sichern. Plötzlich ertappen Sie sich aber bei Gedanken wie: »Immer wieder dasselbe.« – »Das lade ich mir jetzt nicht auch noch auf.« – »Soll sich doch mal ein anderer anstrengen.« Das kann viele Gründe haben. Vielleicht haben Sie sich in letzter Zeit überfordert und spüren, dass Sie kurz vor dem Ausbrennen sind. Oder Sie haben keine Lust mehr, für diejenigen mitzuarbeiten, die sich bisher gern drücken. Ihre plötzliche Unlust kann aber auch ein Signal dafür sein, dass Sie eine Veränderung brauchen.

Solche Wendezeiten haben manchmal mit Veränderungen im Unternehmen zu tun: ein neuer Abteilungsleiter oder womöglich gleich eine neue Geschäftsleitung, etwa nach dem Verkauf des Betriebes oder einer Fusion. In solchen Situationen ist für die Beschäftigten plötzlich nichts mehr sicher. Selbst wenn der Arbeitsplatz erhalten bleibt, kann es sein, dass die angestammte Abteilung aufgelöst wird oder eine sicher geglaubte Beförderung ausbleibt – weil die neuen Chefs ihre eigenen Vertrauten mitbringen.

Manchen kommt nach einigen Jahren im Berufsleben die Erkenntnis: »Ich durfte ja noch nie zeigen, was in mir steckt, wie gut ich wirklich bin.« Dafür gibt es viele mögliche Ur sachen. Wer zum Beispiel in einer Zeit hoher Jugendarbeitslosigkeit in die Ausbildung gegangen ist, hat möglicherweise seinen Beruf ausschließlich deshalb erlernt, weil dort gerade noch eine Lehrstelle frei war. Viele Frauen müssen irgendwann den Preis dafür zahlen, dass sie ihren beruflichen Werdegang überwiegend nach den Bedürfnissen einer (zu dem Zeitpunkt vielleicht noch gar nicht existierenden) Familie ausgerichtet haben. Sind ihre Kinder »aus dem Gröbsten heraus« und sie wollen durchstarten, bekommen sie das zu spüren: »Trauen Sie sich das auch wirklich zu?« oder: »Ach – so lange sind Sie jetzt schon raus?«

Falls Sie jetzt in Gedanken sagen: »Nichts von dem trifft auf mich zu, ich bin einfach so irgendwie nicht mehr zufrieden« – dann wäre auch das typisch. Ich könnte Sie jetzt noch fragen, wann Sie denn zuletzt eine Wendezeit erlebt haben. Vor etwa sieben Jahren vielleicht? Das wäre ebenfalls nicht ungewöhnlich. Von den Biografieforschern, die sich mit Lebensrhythmen befassen, sagen einige, dass ein Mensch etwa alle sieben Jahre an einem Wendepunkt steht, und nach meiner Erfahrung trifft das häufig zu. Sehr viele Menschen erreichen so einen Wendepunkt im Berufsleben im Alter zwischen etwa 39 und 45 Jahren. Dann haben sie ihre Lehrjahre hinter sich, sie kennen das Arbeitsleben, sie wissen, wo sie stehen. Und sie haben in ihren täglichen Aufgaben so viel Routine entwickelt, dass Freiraum entsteht für Neues. Und dann sollte auch bald etwas passieren: neue Aufgaben, eine Weiterbildung, eine Beförderung.

Wenn nichts von dem geschieht, entsteht ein Gefühl vom Stillstand. Bei vielen äußert sich das in Fragen und Gedanken wie: »Soll das jetzt so weitergehen bis zur Rente?« oder in dem klassischen Satz: »Das kann doch nicht alles gewesen sein.« In so einer Situation besinnen sich manche auf Wünsche und Ziele – auch außerhalb des Berufs –, die sie eine Zeit lang aus den Augen verloren hatten. Und es gibt ja Wünsche, deren Erfüllung sich nicht bis ins Unendliche aufschieben lässt – etwa der Wunsch nach einem Kind. In einer Phase der Unzufriedenheit im Beruf wird manchen das schlagartig bewusst.

Ich habe das bei einigen meiner Klientinnen erlebt. Immer wieder hatten sie ihren Kinderwunsch zurückgestellt, »weil es gerade nicht passt«. Weil noch ein Ziel zu erreichen war, weil sie »ausgerechnet jetzt« ihre Abteilung oder den Chef nicht im Stich lassen wollten. Manche hatte sich im Alter von Mitte oder Ende 30 schon fast damit abgefunden, kinderlos zu bleiben. Als dann eine Position, auf die sie selbst lange hingearbeitet hatte, an eine andere, womöglich weniger geeignete Person vergeben wurde und sie selbst mit einer fadenscheinigen Ausrede abgespeist wurde: »Wir schätzen ja Ihren Einsatz, aber an dieser Stelle brauchen wir jetzt mal neue Impulse …«, da waren sie plötzlich da, die Fragen: »Wann, wenn nicht jetzt?« und: »Worauf warte ich noch?« Auf einen günstigeren Zeitpunkt? Davon werden nicht mehr viele kommen für eine Frau von Ende 30, wenn es um eine Schwangerschaft geht. Auf den Dank des Chefs oder der Firma für den Fall, dass sie freiwillig oder unfreiwillig auf ein Kind verzichtet, also auch nicht »ausfällt« für Mutterschutz- und Elternzeit? Der kommt nie – und falls doch, wäre er das Opfer nicht wert.

Ich erinnere mich an zahlreiche Gespräche über diese Fragen mit Klientinnen um die 40, die bisher einen großen Teil ihrer Entscheidungen – auch in so grundlegenden Bereichen wie Partnerschaft und Familiengründung – vom Beruf, von einem bestimmten Arbeitgeber oder sogar vom Wohlwollen einer einzelnen Führungskraft abhängig gemacht hatten. In einigen Fällen war das Nächste, was ich dann von der Klientin hörte, die Nachricht, sie erwarte ein Kind.

Was ist Unwohlsein, wo beginnt die Unzufriedenheit, wann geht es bereits um Leidenschaft – und wann gibt es keine Alternative mehr zum radikalen Schnitt? Die Frage ist leicht zu beantworten, wenn Veränderungen erzwungen werden. Der Betrieb schließt, die Abteilung wird aufgelöst. Oder der Chef, die Chefin ruft zum Gespräch: »Wir möchten uns von Ihnen trennen …« Wenn es sich so verhält, gibt es nur eine mögliche Antwort. Ja, es ist Zeit für einen radikalen Schnitt – und zwar jetzt. Wir müssen etwas ändern, weil andere es erzwingen. Wir haben keine Wahl. Auf den ersten Blick die denkbar schlechteste Ausgangsposition für den Start in ein neues Leben. Auf den zweiten Blick oder sonst spätestens in der Rückschau der Beginn einer Lebenskrise, die sich auch als einmalige Chance, als Glücksfall erweisen kann.

Vor Jahren hatte ich gelegentlich mit einer Journalistin zu tun, die als »Pauschalistin« für eine Zeitschriftenredaktion tätig war. Sie bekam monatlich ein festes Honorar, das sie »abarbeitete«, durch das Schreiben eigener Beiträge und durch Urlaubsvertretungen in der Redaktion. In ihrer Freizeit schrieb sie Kurzgeschichten und arbeitete an einem Kriminalroman. Schon längst wollte sie ihre literarischen Manuskripte einem Verlag anbieten, schob es aber immer wieder auf: »Wenn ich erst die Zeit dazu habe, werde ich mich darum kümmern.«

Eines Tages bat die stellvertretende Chefredakteurin sie überraschend zu einem Gespräch: »Du weißt, die Zeiten sind schlecht, und wir müssen sparen …« Der Honorarvertrag war gekündigt, zum nächsten Quartal. Damit war ihre wichtigste Einnahmequelle dahin; von gelegentlichen Aufträgen der Redaktion würde sie nicht leben können.

Geschockt rief die Journalistin eine befreundete Kollegin an. Sie war voller Mitgefühl – und sagte dann energisch: »Dann schreibst du jetzt endlich deinen Krimi – und in ein paar Jahren bist du froh darüber, dass es so gekommen ist!« Andere Freundinnen reagierten ähnlich und rieten ebenfalls, sich jetzt auf das Schreiben zu konzentrieren: wann, wenn nicht jetzt? Sie lebte allein, hatte nur für sich selbst aufzukommen und sie hatte etwas Geld angespart. Davon konnte sie einige Monate Auszeit finanzieren und in dieser Zeit ihr Buch zu Ende schreiben. Das hat die Journalistin getan und das fertige Manuskript mehreren Verlagen angeboten. Gleich zwei hatten Interesse, und sie konnte wählen.

Eine so märchenhafte Wendung zum Guten ist natürlich selten. Ich weiß aber von vielen Frauen, denen sich nach einer Kündigung berufliche Perspektiven eröffnet haben, die sie vorher nicht hatten. Manche sagt: Ich bin heute glücklicher als vorher. Und alle machen die Erfahrung, dass auch im Beruf kein Happy End für immer gilt. Für die Romanautorin zum Beispiel war das Schreiben 20 Bücher und 200 Lesereisen nach ihrem Überraschungserfolg zur Normalität geworden. Es hat, wie jeder Beruf, Höhen und Tiefen. An manchen Tagen fließen die Sätze nur so aus ihr heraus, an anderen würde sie das Geschriebene am liebsten gleich wieder löschen. Und es kommt vor, dass sie sagt: »Ich bin wie ausgebrannt, vielleicht sollte ich mal was anderes machen.«

Berufliche Neuanfänge kosten Geld, deshalb zögern viele – zu Recht –, den Schritt zu wagen. Eine meiner Klientinnen begann von einem Tag zum anderen ein neues Leben, als ihr Vater, Miteigentümer eines Unternehmens und ein wohlhabender Mann, überraschend starb. Sie ist sein einziges Kind und hat ein ungeahnt großes Vermögen geerbt. Die 39-jährige Verwaltungsangestellte hat sich noch nie Gedanken darüber gemacht, wie ihr Leben ohne Erwerbstätigkeit aussehen könnte. Nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters hatte sie zunächst all das zu tun, was er sich für seinen Ruhestand vorgenommen hatte: seine Firmenanteile verkaufen, das gesamte Barvermögen neu ordnen. Sie kündigte ihre Stelle, um alles regeln zu können – und als die Arbeit getan war, fiel sie in ein tiefes Loch.

Warum kann diese Frau nicht einfach das Leben genießen, auf Reisen gehen, Hobbys entdecken und pflegen? Weil wir uns heute alle, Männer wie Frauen, über unseren Beruf definieren. »Und was machst du?«, heißt es, wenn Unbekannte auf einer Party oder in der Pause eines Konzerts zusammentreffen, oder, im förmlichen Smalltalk: »Und was tun Sie, wenn Sie nicht gerade Mahlers Fünfte hören?«

»Ich bin Betriebswirtin in einem Handelsunternehmen.«

»Ich bin Sachbearbeiter bei einer Krankenversicherung.«

»Ich bin mit den Kindern zu Hause. Aber wenn die Kleine erst in den Kindergarten kommt, fange ich in Teilzeit wieder an als …«

»Im Moment bin ich leider arbeitslos, aber ich habe demnächst mehrere Vorstellungsgespräche …«

Die 39-jährige Erbin schweigt in solchen Runden. Was soll sie auch sagen? »Ich tue gar nichts, ich lebe von meinem Erbe«? Und wem soll sie anvertrauen, dass sie zwar frei von materiellen Sorgen, aber dennoch seelisch in der Krise ist? Wem kann sie überhaupt von ihrer Situation erzählen? Muss sie nicht auch damit rechnen, dass Menschen vor allem wegen ihres Reichtums ihre Nähe suchen? Eines ist sicher: Sie muss ihr Leben neu ordnen. Sie durchlebt eine Wendezeit, und der Ausgang ist noch ungewiss.

Nahezu jedes größere Ereignis im Leben kann Anlass sein für eine Wendezeit. Manche orientieren sich neu, nachdem sie zum ersten Mal Mutter oder Vater geworden sind. Und das nicht nur, weil das Kind Anwesenheit und Fürsorge fordert. Sondern auch, weil sich die Reihenfolge dessen, was ihnen wichtig ist, verändert hat. Werte wie »Erfüllung im Beruf« oder auch »Karriere« rücken vielleicht eine Zeit lang in den Hintergrund zugunsten von »Zeit für die Familie«.

Können wir uns auf Wendezeiten vorbereiten? Bedingt. Wer sich selbst gut kennt, wird aus der Situation, in einer Phase des Übergangs zu leben, für sich das Beste machen. Je nachdem, was der Auslöser war, wird er es vielleicht sogar genießen, dass plötzlich wieder ganz viele Wege offenstehen. Wenn Veränderungen anstehen, wenn uns Entscheidungen abverlangt werden, dann hilft es, die Antwort auf die Frage zu kennen: »Was verleiht mir Flügel?« Oder, umgekehrt: »Was lähmt mich?«

Wenn eine zur Anführerin geboren ist, ist sie als einfache Sachbearbeiterin fehl am Platz – auch wenn sie sich mit der Situation gut arrangiert hat. Eine Frau, die sich dessen bewusst ist, wird sofort zugreifen, wenn ihr unverhofft eine Beförderung angeboten wird. Und das auch dann, wenn sie im Privaten einiges umorganisieren müsste, um die neue Position ausfüllen zu können. Und das wäre in diesem Fall genau die richtige Entscheidung.

Es gibt aber auch Menschen, die sich in der zweiten Reihe, innerhalb eines Teams oder auch ganz allein wohler fühlen und dann auch ihre Stärken ausspielen können. Über den Bruder einer Freundin wird in seiner Familie folgende Geschichte erzählt: Als er noch ein Kind war, fragte ihn sein Vater: »Was würdest du tun, wenn du König wärest?« Spontan antwortete der Kleine: »Abdanken!« Er ist Chemiker geworden und arbeitet heute für einen Konzern. Dort hätte er eine hohe Position erreichen können, hat sich aber nie darum bemüht und Angebote sogar abgelehnt. Er weiß: Seine Stärke ist das stille Forschen im Labor. Deshalb lässt er nur die Veränderungen zu, die ihn in seiner Forschung voranbringen. Er bleibt sich treu, auch in Wendezeiten.

GELESEN  Langeweile

Wenn ich eine Weile ohne Lust und ohne Schmerz war und die laue fade Erträglichkeit sogenannter guter Tage geatmet habe, dann wird mir in meiner kindischen Seele so windig weh und elend, dass ich die verrostete Dankbarkeitsleier dem schläfrigen Zufriedenheitsgott ins zufriedene Gesicht schmeiße und lieber einen recht teuflischen Schmerz in mir brennen fühle als diese bekömmliche Zimmertemperatur.

Aus dem Roman »Der Steppenwolf«von Hermann Hesse (1877–1962)

GEHÖRT  Begeisterung

»Eure Arbeit wird einen großen Teil eures Lebens bestimmen. Und ihr könnt nur dann vollkommen zufrieden sein, wenn ihr eure Arbeit toll findet – ihr werdet sie aber nur dann toll finden, wenn ihr sie liebt. Falls ihr diese Arbeit noch nicht gefunden habt, sucht weiter!«

»Apple«-Gründer Steve Jobs (1955–2011) in einer Rede vor Studenten der Stanford-Universität im Jahr 2005

GUT ZU WISSEN

Was Menschen brauchen, um bei der Arbeit zufrieden zu sein:

angemessene Bezahlung, angenehme Kolleginnen und Kollegen, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben, eine abwechslungsreiche Tätigkeit, Respekt und Anerkennung durch Vorgesetzte, Weiterbildungs- und Entwicklungsmöglichkeiten im Betrieb, flexible Arbeitszeiten.

Forsa-Umfrage, 2012

Trau keinem über 30.

Parole der Studentenbewegung der 1960er und -70er Jahre

II Welches Lebenskonzept ist das richtige?

Was wir von Odysseus lernen können * Feindbild gesucht * Die Roadmap des (Berufs-)Lebens

Erinnern Sie sich noch an die Zeit vor der Erfindung und massenhaften Verbreitung von Navigationsgeräten? Damals hatte man auf Reisen Karten und Stadtpläne bei sich und wer im Zentrum einer fremden Stadt das Rathaus suchte oder sich auf einem Wanderweg orientieren wollte, hielt Ausschau nach einer der typischen Tafeln oder beleuchteten Kästen mit einer Umgebungskarte. Diese Karten gibt es noch; wenn Ihnen demnächst eine begegnet, stellen sie sich davor. Ich bin sicher, Sie suchen unwillkürlich nach dem dicken roten Punkt mit den Worten »Ihr Standort«. Ohne diesen Punkt oder einen anderen, an dem Sie sich orientieren können – etwa das eingezeichnete Rathaus –, ist die Karte wertlos für Sie.

Wer seinen Standort nicht kennt, verliert die Orientierung. Das gilt in jeder Situation, ganz besonders aber, wenn Veränderungen anstehen. Wer nicht weiß, wo er ist, braucht gar nicht erst loszugehen: Er wird sich verlaufen. Und er wird sein Ziel entweder gar nicht oder auf Umwegen erreichen. Womöglich geht es ihm wie Odysseus aus dem Epos des antiken Dichters Homer: Für den Rückweg von Troja in Kleinasien auf seine Heimatinsel Ithaka hat er 20 Jahre gebraucht. Mal fuhr er in die Irre, mal ließ er sich aufhalten. Seine Heimat erreichte er eher zufällig, als letzter Überlebender eines Schiffbruchs. Andererseits: Wäre Odysseus auf direktem Weg, ohne Aufenthalt, zurückgesegelt – was hätte der Dichter zu berichten gehabt?

Immer wieder müssen wir entscheiden, welcher Weg für uns der bessere ist, die kürzeste Verbindung oder ein Pfad durch unwegsames Gelände. Doch diese Entscheidung kann nur treffen, wer auf seiner Landkarte zwei Punkte kennt, seinen Standort und das Ziel. Beim Suchen des Standorts hilft es zu wissen, woher man kommt. Wer auf der Karte den zuletzt passierten Ort gefunden hat, weiß: Irgendwo in der Nähe stehe ich.

Manchmal müssen wir zurückblicken, um nach vorn schauen zu können. Die Chancen, dass eine berufliche Veränderung gelingt, sind größer, wenn jemand seinen bisherigen Weg gut kennt. Ein Buch wie dieses kann dabei nur bedingt helfen, denn es gibt so viele Wege durch das Arbeitsleben, wie es Menschen gibt. Selbst wenn zwei dieselbe Ausbildung und denselben Beruf haben, werden ihre beruflichen Werdegänge nicht identisch sein. Andererseits gibt es im Leben Gesetzmäßigkeiten, die mehr oder weniger für alle gelten. Bei bestimmten Lebensereignissen und Erfahrungen können Sie sicher sein, dass Sie damit nicht allein sind. Was Sie gerade erleben, erleben in vergleichbarer Form auch viele andere Menschen Ihrer Altersgruppe.

Wer in den 1960er Jahren oder früher geboren wurde, hat zudem die Lebensregeln der Älteren als »Wegweiser« und Orientierungshilfe mitbekommen. In der Rückschau erscheinen einige dieser Regeln durchaus sinnvoll. Ich erinnere mich zum Beispiel an das ungeschriebene Gesetz, sich vor dem 21. Lebensjahr nicht fest zu binden. Ökonomisch auf eigenen Füßen zu stehen galt als Voraussetzung, einen eigenen Hausstand zu gründen. Oder: Ein Erbe wird erst angetreten, wenn man seinen Lebensunterhalt selber verdienen kann – auch das ist, meine ich, ein guter Rat.

Für die Männer gab es zudem Aufgaben und Ziele: einen Baum pflanzen, ein Haus bauen, einen Sohn zeugen. Damit war das Programm definiert, und wer alles geschafft hatte, konnte beruhigt dem Lebensabend entgegensehen. Dagegen hatten sich die Frauen dem Lebensweg der Männer anzupassen und die jeweils ihrem Alter und Status – etwa als Ehefrau und Mutter – entsprechende Rolle in Familie und Gesellschaft auszufüllen.

Die 68er-Bewegung hat viele der alten Regeln – zu Recht – für untauglich erklärt und damit Frauen wie Männer von einem starren Korsett befreit. Allerdings wurde nichts Neues an die Stelle des Alten gesetzt, sodass ein Vakuum zurückblieb. Da ich selbst zu den »68ern« zähle, weiß ich aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, sich von etwas befreit zu haben, aber noch nicht zu wissen, wofür man sich befreit hat. Freiheit – und damit meine ich hier die Wahlfreiheit hinsichtlich des eigenen Lebensentwurfs – verlangt uns viel ab: Wir müssen wissen, was wir wollen, wir müssen Entscheidungen treffen, deren Folgen nicht präzise vorauszusehen sind, und wir müssen bereit sein, die Verantwortung dafür zu tragen.

Vor allem das Selbstverständnis der Frauen hat sich durch die 68er-Bewegung innerhalb kurzer Zeit radikal verändert. Meine Biografie ist beispielhaft für diesen Wandel: Weil meine Mutter der Meinung war, man könne keinem Mann eine Frau ohne umfassende Kompetenz im Fach Hauswirtschaft zumuten, war mein Berufsweg festgelegt – trotz meiner schlechten Noten in diesem Fach wurde ich Lehrerin für Hauswirtschaft und erhielt in den 1960ern dafür viel Beifall. Kein Beruf – so die weit verbreitete Ansicht – war besser geeignet, die Kompetenz für Haushalt und Familie miteinander zu verbinden. Als optimal galt, wenn eine Frau außerdem »dazuverdienen« konnte, ohne die ihr durch die Rolle der Hausfrau und Mutter vorgegebenen Pflichten zu vernachlässigen. Ein Arbeitseinkommen, das die wirtschaftliche Unabhängigkeit sicherte, galt als nicht erstrebenswert für Frauen – und in den meisten »Frauenberufen« waren die Löhne und Gehälter dafür auch zu gering.

Zu Beginn der 1970er Jahre war es mit der gesellschaftlichen Anerkennung für meinen Beruf schlagartig vorbei. Als Hauswirtschaftslehrerin wäre ich eine typische Vertreterin der traditionellen Frauenrolle gewesen. Nur gut, dass ich inzwischen Soziologie studierte – dieses Fachgebiet war auch unter den »Bewegten« anerkannt. Ich durfte mich also zugehörig fühlen und mitreden – über die Frauen- und die Männerrolle und über das »richtige« Leben. Alles stand auf dem Prüfstand und wurde einer Bewährungsprobe durch praktizierte alternative Lebensformen, etwa in einer Kommune, unterzogen. Allerdings waren wir, die wir Veränderung forderten, in der Minderheit und mussten uns gegen die Beharrungskräfte der Älteren erst durchsetzen. Heute dagegen ist Veränderung allgegenwärtig – ein Zustand, der auch Angst machen kann. Sicher hat es auch damit zu tun, dass junge Menschen gerade jetzt die traditionellen Lebensformen neu entdecken – weil sie etwas (vielfach nur vermeintlich) Bewährtes festhalten wollen.

Zu einer Minderheit gehörte ich wieder Anfang der 1980er Jahre, als ich Beraterin und Trainerin in einer Unternehmensberatung wurde. Damals gab es in dieser bis dahin männerdominierten Branche nur eine Handvoll Frauen, und mir wurde schnell klar, dass meine Entwicklungschancen dort begrenzt waren. Kein Unternehmensvorstand hätte sich damals von einer Frau beraten lassen. (Dass ich dennoch »meine« Themen und Aufgaben gefunden habe, hat mit Faktoren zu tun, von denen noch die Rede sein wird.) Heute dagegen wird die Personalentwicklung in den Unternehmen weitgehend von Frauen betrieben. Ein Phänomen, das ich mit gemischten Gefühlen beobachte. Denn zu bestimmten Themen sind die Einflussmöglichkeiten von Frauen noch immer begrenzt und damit erhält die Personalentwicklung in den Unternehmen nicht so viel Bedeutung, wie es notwendig wäre.

An dieser Stelle eine Zwischenbemerkung: Nein, dies ist, wie anfangs bereits erwähnt, kein Frauenbuch. Und dennoch kommen Frauen darin etwas häufiger vor als Männer, geht es darin etwas häufiger um die Situation der Frauen. Der Grund ist, dass sich die Rolle der Frauen stärker als die der Männer verändert hat. Frauen haben innerhalb kurzer Zeit Wahlmöglichkeiten hinzugewonnen. Anders als früher wird ihnen zum Beispiel nicht mehr abverlangt, sich entweder für den Beruf oder für eine Familie zu entscheiden. Diese an sich uneingeschränkt positive Entwicklung schafft allerdings auch Stress. Denn wie man es macht als Frau, macht man es oft falsch.

Berufstätige, die in einer kinderlosen Ehe oder Lebenspartnerschaft leben, werden den wohlhabenden Doppelverdienern zugerechnet, die der gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht geworden sind – weil sie keine Rentenzahler in die Welt gesetzt haben. »Nur-Hausfrauen« wiederum gelten als nicht ausgelastet und geistig verkümmert. Frauen, die im Beruf arbeiten und Familie haben, ziehen sich leicht den Vorwurf zu, »halbe Sachen« zu machen.

Frauen haben also keine andere Wahl, als es sich selber recht zu machen. Das ist einfach gesagt, in Wirklichkeit aber ziemlich schwierig. Denn durch die heute übliche Empfehlung an junge Menschen – Frauen wie Männer – »Lebe, wie du es für richtig hältst« sind sie mit der Entscheidung, was, wann und wie im Leben stattfinden soll, allein gelassen. Meine Generation hatte es da einfacher, weil das »Feindbild« klar war. In meinem Fall war es meine Mutter, genauer gesagt, ihr Lebensentwurf. Eines stand für mich fest: Ich mache es später einmal ganz anders. Damit war zumindest eine Richtung vorgegeben.

Wer kein solches »Feindbild« hat, an dem er sich abarbeiten kann, hat es schwerer. Er muss die Richtung seines Lebensweges selbst bestimmen – und im Fall des Scheiterns die Verantwortung allein tragen. Ich dagegen hatte noch eine »Schuldige«, meine Mutter. Ein Leben ohne Schuldige ist erheblich schwieriger.

Jeder Mensch geht auf seinem eigenen Weg durch das Berufsleben. Es gibt aber Stationen und Wendepunkte, an denen alle früher oder später vorbeikommen. Jede Station markiert das Ende einer Phase des beruflichen Werdegangs. Meine Einteilung orientiert sich an Modellen des amerikanischen Wissenschaftlers Edgar Schein, der als Mitbegründer der Organisationspsychologie und -entwicklung gilt.

1. Begabungen entwickeln

Der Grundstein für die berufliche Entwicklung wird bereits in der Kindheit gelegt. »Wenn ich groß bin, werde ich Pilot/Polarforscherin/Tischler/Tierärztin«: Zwar sind solche Wünsche oft nur ein paar Wochen haltbar, sie können aber erste Hinweise geben auf Neigungen und Begabungen eines Menschen. Und auch wenn die meisten später einen ganz anderen Beruf ergreifen oder auch irgendwo »hineingeraten« – in jedem beruflichen Lebensweg sind Spuren der Kindheitsträume zu finden.

CHECKLISTE  Traumberufe

An welche Berufswünsche aus Ihrer Kindheit erinnern Sie sich?

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… und welche typischen Merkmale dieser Berufe finden sich in Ihrer heutigen Tätigkeit?

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Hier zeigt sich, wie viel von Ihren Kindheitsträumen Sie in Ihr Berufsleben mitgenommen haben. Bei den meisten ist es deutlich mehr, als sie spontan annehmen würden.

2. Einen Beruf finden und erlernen