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Ich schreibe seit Jahren Kurzgeschichten - vor allem Krimis - die bisher nur auf meiner Homepage ungelesen schlummerten. In diesem Buch möchte ich sie endlich der Öffentlichkeit vorstellen. Die meisten Geschichten sind Krimis, meine Leidenschaft.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Margit Schaafberg
Kurze Krimis und mehr
Aus 15 Jahren Schreiberei
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Alte Schulden
An der Biegung
Auf der Flucht
Bis zum letzten Atemzug
Chef of the year
Das Festessen
Das Liebeswochenende
Das schwarze Kästchen
Der alphabetische Komplex
Der dritte Jahrestag
Der Hauptgewinn
Der Heimkehrer
Die da oben
Ein neues Zuhause
Erwins alternative Weihnachten
Fern der Heimat
Gefangen
Im Rausch der Nacht
Im Ruhestand
Inter-nett
Irgendwo in Dänemark
Irgendwo zwischen Himmel und Hölle
Kindheitstrauma
Kurz vor Feierabend
Majestätsbeleidigung
Mein Pusselchen
Mit Schirm, Charme und Seniorenkarte
Mord im Kleiderschrank
Nachts im Park
Nächtliches Gewitter
Nur geträumt
Onkel Alfons kehrt zurück
Schlaflos
Stimmen
Sturmflut
Unbekannte Welt
Und dann ins Wochenende
Vollmondmörder
Wenn du nur fest genug daran glaubst
Wenn Wünsche in Erfüllung gehen
Wer bist du?
Wiedereinstieg in den Beruf
Zum Thema Arbeitsmoral
Déjà vu
Hugo geht den Abfluss runter
Die Diebe
Das Geheimnis von Zimmer 619
Impressum neobooks
"Na Alter, wie läuft's denn so?"Berger hob die Augen von seinem Bierglas, in das er seit einer halben Stunde trübselig gestarrt hatte. Der Mann neben ihm an der Theke kam ihm vage bekannt vor."Kennst du den alten Smilie nicht mehr?", der andere versetzte ihm einen Schlag auf die Schulter. "Ist schon ein paar Jährchen her, was? Hätt'ste wohl nicht gedacht, dass du mich noch mal wiedersiehst."Smilie lachte. "Jetzt mach dir mal nicht gleich ins Hemd, ich bin dir nicht böse, nur weil du mich damals verpfiffen hast. Komm, ich lad dich auf 'nen Schnaps ein, siehst so aus, als könnt'ste einen vertragen." Berger sah misstrauisch zu, wie Smilie gleich eine Lokalrunde schmiss. Verdammt, wie hatten sie ihn so schnell wieder rauslassen können?"Denkst du noch manchmal an die guten, alten Zeiten? Man, zwölf Jahre ist das jetzt her mit dem Raub. Viel scheinst du ja nicht mehr übrig zu haben von der Beute. Hat sich wohl doch nicht ausgezahlt, was?" Smilie prostete ihm zu."Du hast aber auch Sachen gemacht damals, legst zwei Wachmänner um und schiebst das dann deinem Kumpel Smilie in die Schuhe, man, man, man. Wenn ich nicht so ein friedfertiger Mensch wäre, würd ich dir das ja jetzt heimzahlen. Aber wie gesagt, das ist Schnee von vorgestern. Außerdem riskier ich wegen dir doch nicht meine gute Führung. Ich krieg jetzt schon seit drei Monaten Hafturlaub, wenn ich weiter brav bin, komme ich im September raus." Berger begann sich zu entspannen. Offenbar führte Smilie wirklich nichts im Schilde. Wenn er nur wüsste, wie der alte Ganove im Knast an die Kohle gekommen war."Was treibst du denn sonst so? Wie ich sehe, bist du immer noch jeden Samstag auf der Rennbahn. Hast wohl heute kein Glück gehabt, was, Alter? Wie viel schuldest du deinem Buchmacher denn diesmal? Ach lass stecken, so genau will ich das gar nicht wissen. Wie es aussieht, ist wohl bald ein neues Ding fällig, was?"Berger zuckte die Achseln. Das Zusammentreffen heute war eigentlich eine Fügung des Schicksals. Bei dem Ding, das er vorhatte, konnte er Smilie gut gebrauche, für einen allein würde es schwierig werden."Hast du heute noch was vor?""Nö, ich wollt meinem Alten noch ein paar Blumen auf den Friedhof bringen und so, das macht sich ganz gut, von wegen positive Resozialisierungsprognose, aber wenn du einen besseren Vorschlag hast, bis morgen hab ich frei."Kurzentschlossen stand Berger auf. "Komm mit, ich hab da eine Idee, aber die ist nicht für fremde Ohren bestimmt." Mit den Worten "Stimmt so!" warf Smilie einen hundert Euro Schein auf die Theke, und sie verließen den Rennplatz. In Bergers altem Fiesta fuhren sie zu einer einsam gelegenen Villa am Stadtrand. Smilie plapperte während der ganzen Fahrt über seine Pläne für nach der Haftentlassung. Berger grinste, daraus würde nichts werden, dafür würde er schon sorgen."Siehst du den Schuppen? Da ist für ein paar Tage keiner zu Hause. Ist ein Klacks, die Alarmanlage hab ich schon ausbaldowert, uraltes System, das knackst du mit links. Der Kerl, der da wohnt, sammelt Münzen, und seine Alte hat 'nen Haufen Schmuck. Einfach zu transportieren und schnell in Bargeld umzuwandeln. Was meinst du, willst du dir ein paar Scheinchen für den Neuanfang dazuverdienen?" Smilie machte ein entrüstetes Gesicht. "Wofür hältst du mich? Ich bin ein ehrlicher Mensch geworden, ich dreh keine krummen Dinger mehr.""Ach, und woher hast du die Scheinchen, mit denen du die ganze Zeit um dich wirfst? Mach mir doch nichts vor, du hast die Ausgänge doch gut genutzt."Smilie grinste. "Naja, ganz so ehrlich war ich auch wieder nicht. Warum machst du das denn nicht alleine?" "Du weißt doch, mit Alarmanlagen habe ich es nicht so, aber für dich ist das echt ein Kinderspiel."Sie fuhren in ein nahegelegenes Waldstück, um dort auf den Einbruch der Dunkelheit zu warten. Im Kofferraum hatte Berger sein Einbruchswerkzeug.Endlich war es Zeit, sich auf den Weg zu machen. Den Fiesta parkten sie zwei Straßen weiter und gingen dann durch die menschenleeren Straßen des Villenviertels. Alles war still, nicht einmal ein Wachhund schlug an. Berger wurde nervös, das war kein gutes Vorzeichen. Wenn anfangs alles glatt ging, kam meist schnell das dicke Ende. Aber was sollte hier schon schief gehen? Er hatte die Sache lange genug geplant, es gab kein Risiko.Sie stiegen über den hinteren Gartenzaun und schlichen zum Haus. Berger zeigte auf die Hintertür."Die Sicherung für die Alarmanlage ist im ganz normalen Sicherungskasten. Du brauchst sie einfach nur rausnehmen, wie doof kann man eigentlich sein?"Wortlos machte sich Smilie daran, das Schloss des Sicherungskasten zu knacken, aber zu Bergers Überraschung schien das schwerer zu sein, als es aussah."Komm, lass mich mal" Berger fummelte mit dem Dietrich herum, bis der Kasten aufging. Smilie sah ihm unbeeindruckt zu."Bist wohl ein bisschen aus der Übung gekommen, Alter, was?"Die Sicherungen waren natürlich nicht markiert, aber sie mussten ja einfach nur alle rausdrehen, Strom würden sie da drin nicht brauchen. Das Schloss der Hintertür konnte Berger problemlos knacken. Wenige Minuten später standen sie in der Küche. Berger zog seine Taschenlampe heraus, aber sie funktionierte nicht."Verfluchter Mist, ich hab doch heute früh noch neue Batterien eingelegt.""Tja, da haben sie dir wohl faule angedreht. Na komm, es ist Vollmond, in den oberen Zimmern werden wir schon genug sehen."Smilie schob Berger durch den dunklen Raum, bis dieser gegen eine Türklinke stieß. "Nun mach schon, worauf wartest du noch."Berger drückte die Klinke hinunter und trat in einen dunklen Flur. Vorsichtig tastete er sich an der Wand entlang. Irgendwo musste doch die Treppe sein. Sein Fuß stieß gegen etwas weiches, und im selben Moment traf ihn ein Schuss in die Brust. Das Licht wurde angeschaltet, und Berger sah lächelnd zu der Blondine auf, die mit dem Revolver in der Hand die Treppe herunterkam."Gut gemacht, kleines. Die sind beide hin."Einen Moment lang betrachteten sie die beiden Toten am Boden, den Hausherrn im Morgenrock und den Einbrecher."Denk daran, was wir besprochen haben. Dein Mann hat den Kerl auf frischer Tat ertappt und wollte ihn Dingfest machen. Es kam zu einem Kampf, und Berger hat deinen Mann mit der Vase erschlagen." Smilie drückte Berger das Tatwerkzeug in die Hand."Du hörtest den Kampf, nahmst den Revolver aus dem Nachttisch deines Mannes, und hast seinen Mörder erschossen."Die Blonde nickte. "Der Plan war echt klasse, Smilie. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, dass du dahinter steckst." "Und wenn ich in sechs Monaten aus dem Knast komme, fangen wir zusammen ein neues Leben an, mit den Moneten deines Alten. Ich muss los, ich hab meiner Mutter gesagt, dass ich bis Mitternacht zu Hause bin. Sonst sorgt sie sich noch, und jagt mir die Bullen auf den Hals."Mit einem letzten Lächeln verschwand Smilie
Lutz wartete. Er stand hinter einem Baum am Werdersee und behielt den Weg im Auge. Jeden Moment musste sie kommen. Sie war so süß, gerade mal dreizehn.
Seit Wochen hatte er sie beobachtet, wann immer er eine Gelegenheit dazu hatte. Sie war ganz anders, als die anderen Mädchen in ihrem Alter, viel reifer, erwachsener. Wenn sie mit ihren Freundinnen auf dem Schulhof zusammen stand, wenn sie in ihrem Zimmer herumtanzte, wenn sie mit wehendem Pferdeschwanz auf dem Fahrrad zur Schule eilte. Wie immer zu spät, genau wie heute. Wo blieb sie nur?
Morgen begannen die Sommerferien, und dann würde er sich sechs Wochen gedulden müssen, bis er eine neue Chance bekam.
Er tastete in der Tasche seiner Jeansjacke herum. Ja, es war noch da, glatt und kühl lag es in seiner Hand, ein gutes Gefühl. Wenn sie es sah, würde sie alles für ihn tun, das wusste er. Dann würde sie ihm gehören, und niemand würde mehr über ihn lachen. Endlich würden sie ihn ernst nehmen, sie und ihre Freundinnen.
Hoffentlich war ihr nichts passiert. Heute war sie wirklich spät dran, manchmal war es doch gut, dass sich niemand für ihn interessierte, es würde gar nicht auffallen, wenn er nicht pünktlich kam. Er sah sich um, weit und breit kein Mensch. In der Ferne sah er die Flutlichtanlage des Weserstadions. Ob sie am Nachmittag wohl wieder im Stadionbad sein würde? Der Tag versprach heiß zu werden.
Nur einen Moment hatte er den Weg aus den Augen gelassen, nun sah er, wie sich jemand näherte, doch die Person war zu Fuß. Schon wollte er sich enttäuscht abwenden, als er sie erkannte. Sie schob ihr Rad neben sich her. Ein Plattfuß?
Langsam kam sie heran. Er konnte sehen, wie ihre Brüste unter dem Oberteil wippten. Offenbar murmelte sie etwas vor sich hin, ihre Lippen bewegten sich. Sie sah zum Anbeißen aus, in ihren Shorts und dem ärmellosen T-Shirt. Er begehrte sie, mehr als er je zuvor etwas begehrt hatte.
Jetzt war sie an ihm vorbei. Endlich erwachte er aus seiner Erstarrung. Die Büsche am Wegesrand standen hier dicht. Vorsichtig ging er ihr nach. Er musste nur noch den richtigen Moment abpassen.
Ein trockener Ast knackte unter seinem Fuß und er stieß einen leisen Fluch aus. Ob sie ihn gehört hatte? Sie blieb stehen und sah sich um. Ihr Gesichtsausdruck war nicht ängstlich, eher überrascht. Was sollte er nun tun?
"Ist da jemand?"
Er hielt den Atem an.
"Man, ich finde das nicht witzig, komm raus und sag endlich, was du von mir willst."
Sie starrte genau auf die Büsche, hinter denen er sich verbarg.
"Glaubst du, ich hätte nicht gemerkt, dass du dich schon seit Wochen jeden Morgen hier versteckst?"
Alles war aus. Sie hatte ihn zum Narren gehalten, hatte es längst gewusst.
"Komm schon, ich beiße nicht. Also, wenn du mich echt anmachen willst, kannst du mir meine Kette wieder anbringen, damit ich endlich weiterfahren kann."
Mit rotem Kopf kämpfte er sich aus den Büschen heraus und ging mit hängenden Schultern auf sie zu. Sie grinste.
"Jetzt kommen wir wieder beide zu spät. Der Möller wird ganz schön toben."
Er fummelte an der Fahrradkette herum, um seine Verlegenheit zu verbergen.
"Bist du stumm? Was willst du eigentlich von mir?"
Alles schien wieder in Ordnung zu sein. Er griff in die Jackentasche.
"Das hast du neulich im Schwimmbad liegen lassen."
"Mensch, mein Handy, und ich dachte schon, das muss ich jetzt ersetzen. Meine Mutter hat schön getobt, weil ich es verloren hatte!"
Verlegen sah er auf seine Hände, die von der Kettenschmiere schwarz waren.
"Du bist echt Klasse!"
Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und fuhr los.
"Bis gleich dann, ich sag dem Möller, dass du ein bisschen später kommst."
Er nickte, sagen konnte er nichts, denn er hatte einen Kloß im Hals. Es war gar nicht so einfach, wenn man gerade erst dreizehn war und sich zum ersten Mal verliebt hatte. Sie verschwand hinter der nächsten Ecke, und endlich fand er seine Stimme wieder.
"Willst du mit mir gehen?", rief er ihr noch nach, aber anscheinend war sie schon zu weit weg, denn es kam keine Antwort.
Sie sind hinter mir her (für meinen Papi zum sechzigsten)Voller Panik sitze ich im Dunkeln und warte. Ich weiß, es hat nicht viel Sinn. Früher oder später werden sie mich aufspüren. Was soll ich nur tun?Gestern noch war mein Leben unkompliziert und lebenswert. Ich fühlte mich sicher. Hätte man mir gesagt, man könne mich hier in meinen vier Wänden überfallen, hätte ich den Verdacht weit von mir gewiesen. My home is my castle, da kommt keiner rein, den ich hier nicht haben will.Seit Jahren lebe ich alleine. Gäste habe ich selten. Dieses Haus ist der ruhige Punkt in meinem Leben, an den ich mich zurückziehe, wenn der Alltag mal wieder über mich hereinzubrechen droht. Wie man sich irren kann!Ich greife nach der Flasche Bommerlunder neben mir. Das Zeug ist warm geworden, kein Wunder, ich habe es vor drei Stunden aus dem Gefrierfach genommen. So schmeckt mir mein Leib-und-Magen-Getränk nicht, aber ich muss mir einfach Mut antrinken. Aufzustehen und zum Barschrank zu gehen wage ich nicht.Weiter starre ich in die Dunkelheit, lausche auf unbekannte Geräusche. Und tatsächlich, ich höre ein Kratzen an der Wohnungstür, dann klingelt es.Was nun? Werden sie auf den Trick hereinfallen? Werden sie glauben, dass sie zu spät kommen? Dass ich schon längst geflohen bin? Verdammt, wenn ich ihnen doch nur rechtzeitig auf die Schliche gekommen wäre. Hätte ich geahnt, dass sie alles wissen. Dann hätte ich mich schon vor Tagen abgesetzt.Aber ich wollte keine große Sache daraus machen, wollte so tun, als wäre alles wie immer. Was soll ich heute auf Mallorca oder auf Hawaii oder in Timbuktu. Alles was ich will ist meine Ruhe, und die finde ich am besten hier.Wieder klingelt es. Diese Idioten sind hartnäckiger als ich gehofft hatte. Ich kenne den, der da schellt. Keiner sonst würde den Finger so lange auf dem Knopf lassen. Dann ist endlich Ruhe.Schon will ich aufatmen, da sehe ich, wie der Schein einer Taschenlampe durch die Glasscheibe der Haustür fällt. Aber das wird sie nicht aufhalten. Ich kenne sie. Schon höre ich Schritte auf dem Kiesweg, der um mein Haus führt. Pause. Das Küchenfenster. Pause. Das Gäste-WC.Jeden Moment müssen sie vor dem Wohnzimmerfenster stehen. Ich sitze genau darunter, drücke mich noch dichter an die Wand. Der Lichtschein fällt auf den Teppich vor mir, wandert über Bilder und Möbel. Ich höre ihre Stimmen. Offensichtlich sind sie bester Stimmung.Endlich wird es ruhig. Sie müssen um die Hausecke gegangen sein. Dort steht die alte Kastanie, deren Zweige bis zu meinem Schlafzimmerfenster - heiliger Bimbam, es muss noch offen stehen. Ein Fenster einzuschlagen ist eine Sache, aber einer solchen Einladung werden sie kaum wiederstehen können. Alles was mir jetzt noch bleibt ist zu rennen, so schnell ich nur kann.Im Bruchteil einer Sekunde springe ich aus meiner unbequemen Haltung auf. Zum Glück habe ich meine Lederjacke nicht ausgezogen, so habe ich das nötigste bei mir, Ausweis, Kreditkarten, Autoschlüssel. Vorsichtshalber taste ich noch einmal die Taschen ab. Nein, alles ist am gewohnten Platz. Ich öffne das Fenster, und ziehe mich mühselig hoch. Ich hätte besser auf meinen Körper achten sollen. Als ich zu Boden springe, knirscht der Kies gefährlich unter meinen Füßen. Hoffentlich haben sie das nicht gehört. Einen Moment stehe ich da und lausche. Aber nein, alles was ich höre ist fernes Gelächter. Sie können es gar nicht erwarten, über mich herzufallen.Ich schleiche über den Rasen zur Garage. Zum Glück habe ich das Tor gut geschmiert, es öffnet sich geräuschlos. Der BMW vermittelt mir ein neues Gefühl von Sicherheit. Die festen Wände meiner Behausung konnten sie nicht aufhalten, aber die PS unter der Motorhaube werden mich in Sicherheit bringen. Mein bestes Stück springt zuverlässig an, so schnell es der Rückwärtsgang zulässt stoße ich hinaus in die Auffahrt. Im Licht der Scheinwerfer sehe ich einen ersten Schatten um die Hausecke biegen.Die Autobahn ist nah, es werden schon keine Streifenwagen unterwegs sein. Ich trete das Gaspedal bis zum Anschlag durch und rase mit Tempo neunzig durch die einsamen Straßen der Stadtrandsiedlung. Immer wieder werfe ich einen Blick in den Rückspiegel. Noch sind keine Scheinwerfer hinter mir zu sehen. Aber wie lange werden sie brauchen, um in ihre eigenen Fahrzeuge zu springen und hinter mir her zurasen? Auf der A7 schöpfe ich Hoffnung. Das Auto ist brandneu. Laut Händler macht er 220 spitze. In diesem Moment bin ich gewillt auszuprobieren, ob es halten kann was es verspricht. Doch wohin soll ich fliehen? Am Flughafen werden sie mich als erstes suchen. Was mir bleibt ist die Straße. Mit wie vielen Wagen werden sie gekommen sein? Zwei? Drei? Einer wird direkt nach Fuhlsbüttel fahren, einer Richtung Dänemark. Aber was macht der dritte? Hannover. Sie werden glauben, dass ich in diese Richtung fahre. Ich grinse. Die werde ich austricksen. An der nächsten Ausfahrt verlasse ich die Autobahn, mache mir nicht einmal die Mühe nachzusehen, wo es hier langgeht. Gemächlich zuckele ich über die Dörfer. Ich habe sie abgehängt.Schließlich komme ich zu einem Gasthof. Es ist spät, aber auf mein Klingeln wird geöffnet. Man gibt mir ein Einzelzimmer für zwei Nächte. Erleichtert streife ich Schuhe und Jacke ab und falle todmüde ins Bett. Am Morgen werde ich spät wach. Ich dusche ausgiebig und schlüpfe dann wieder in meine zerknitterten Kleider. Nun ist also der gefürchtete Tag gekommen. Der Gasthof ist nicht gerade das Versteck meiner Träume, aber unter diesen Umständen darf man nicht wählerisch sein.Den Tag verbringe ich in meinem Zimmer mit einem Krimi, den ich mir von den Wirtsleuten geliehen habe. Erst am Abend gehe ich hinunter in die Gaststube. Dort geht es bereits hoch her. Ich setze mich an einen Tisch in der Ecke und bestelle mir mein Abendessen. Während ich warte, beobachte ich die fröhlichen Menschen um mich herum.Viele der Männer und Frauen sind bereits gehörig angeheitert. Offenbar kennt hier jeder jeden. Immer wieder wandern neugierige Blicke zu mir, dem Fremden. Schließlich kommt einer der Männer herüber. "Was sitzt du denn hier so trübselig rum? Komm doch zu uns rüber."Ein bisschen ziere ich mich noch, aber warum eigentlich nicht. Sie wissen ja nicht Bescheid. Hier bin ich auch heute nur einer unter vielen. So greife ich nach Bier- und Bommiglas und folge meinem neuen Freund.Was folgt ist ein ausgelassener Abend. Schon bald bin ich mit allen per du. Keiner fragt hier, wer ich bin und woher ich komme. Zum ersten Mal seit Tagen fühle ich mich wieder wohl in meiner Haut. "Mensch Johann", sagt einer, "Nächste Woche ist Schützenfest, da geht hier erst richtig die Post ab. Kommst du wieder?" Ich möchte ja. Aber werde ich auch dann noch den Mut haben, aus dem Alltag auszubrechen? "Ich bin ja nicht freiwillig hierhergekommen. Genau genommen bin ich auf der Flucht.""Echt? Vor den Bullen?""Nein." Ich seufze. "Vor meinen Freunden. Gestern bin ich dahinter gekommen, dass sie eine Überraschungsparty zu meinem sechzigsten Geburtstag geplant hatten.""Und dann haust du einfach ab?"Hätte ich doch nur den Mund gehalten, denn schon springt er auf einen Stuhl und verkündet dem ganzen Saal: "Leute, der Johann hier, der hat heute Geburtstag." Verlegen blicke ich zu Boden, als sich alle um mich versammeln und mehr laut als schön "Happy birthday to you" anstimmen. Also bin ich diesem Albtraum doch nicht entkommen. Doch als ich später die zweite Lokalrunde schmeiße merke ich, dass so eine Party gar nicht so schlimm sein muss, wie ich sie mir vorgestellt habe.
Piep - piep piep. Der Ton ist immer derselbe. Seit einer Ewigkeit. Wie lange weiß ich nicht, ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Wenn ich aufwache, ist es manchmal dunkel und manchmal hell. Aber heißt das, dass es Tag ist oder Nacht? Mit mir redet ja niemand.
Manchmal kommt eine Schwester herein und überprüft die Werte oder wechselt einen Infusionsbeutel. Und manchmal kommen Ärzte, die so leise miteinander reden, dass ich sie nicht verstehen kann.
Am Anfang kam auch Marie. Marie, meine Geliebte Marie. Sie trug ein schwarzes Kleid und einen Hut mit einem Schleier. Wie zu einer Beerdigung. Und sie weinte und wischte sich dekorativ ihre veilchenblauen Augen mit einem Spitzentaschentuch.
"Johann", hauchte sie. "Oh Johann! Was soll ich nur ohne dich tun?"
Sie nahm meine Hand und legte sie an ihre Wange. Spüren konnte ich es nicht, ich fühle gar nichts mehr. Aber sehen konnte ich es. Wie gerne hätte dir ihr ein Zeichen gegeben, oh meine Marie.
Dann kam sie seltener. Ich weiß es, weil es zwischen ihren Besuchen immer öfter hell und dunkel wurde. Sie trug auch wieder andere Kleider. Das Rote, das ich ihr zwei Tage vor dem Unfall gekauft hatte und das mir so gefällt. Oder das Grüne mit dem Spitzenkragen, das sie an meinem letzten Geburtstag trug. Sie sah darin umwerfend aus, wie immer. Wenn ich es ihr nur hätte sagen können.
Vielleicht wäre er dann nie gekommen, der Tag, an dem sie Paul mitbrachte. Sie war lange nicht da gewesen und zuerst freute ich mich, dass sie sich endlich mit meinem Sohn aus erster Ehe versöhnt hatte. Und nicht genug damit, sie hatte ihn dazu gebracht, zu mir zu kommen, damit auch ich meinen Frieden mit ihm schließen konnte. Bestimmt war sie deshalb so lange nicht gekommen, weil sie all ihre Energie darauf verwandt hatte, ihn zu überzeugen.
Eine heiße Welle der Liebe durchströmte mich und ich versuchte, ihr mit einem Augenzwinkern ein Zeichen zu geben. Endlich gelang es mir, die Lider um einen Bruchteil zu senken, aber ihr schautet gerade nicht zu mir. Ihr standet am Fenster und hieltet euch eng umschlungen, um euch gegenseitig Kraft zu geben.
Ach Paul, du Guter! Nie hätte ich gedacht, dass du deine eigenen Gefühle so hintenan stellen könntest, um der Frau, die ich liebe, in dieser schweren Zeit beizustehen. So sehr wandtest du ihr all deine Aufmerksamkeit zu, dass du beim Gehen nur einen kurzen Blick auf mich warfst. Aber das ist in Ordnung so. Ich weiß jetzt, dass du mir vergeben hast.
Und die Geräte hinter mir machen weiter Geräusche. Das Piepen muss mein Herzschlag sein. Das Pfeifen kommt sicher vom Beatmungsgerät. Ich hasse diesen Schlauch in meinem Hals. Warum kann ich ausgerechnet ihn spüren, obwohl ich an allen anderen Stellen meines Körpers das Gefühl verloren zu haben scheine?
Ich höre ein Kratzen an der Tür und Stimmen auf dem Flur. Sie scheinen genau vor der Tür zu meinem Zimmer zu stehen. Verstehen kann ich nichts, aber sie sprechen laut genug, dass ich drei Personen zu unterscheiden glaube.
Die Tür quietscht, als sie aufgeht und jetzt höre ich laut und deutlich Pauls Stimme.
"Vielen Dank für Ihre Ehrlichkeit, Doktor Markus. Ich versuche ja schon seit Wochen, meiner Stiefmutter vorsichtig die Wahrheit beizubringen. Aber sie hofft immer noch."
"Wie gesagt, so leid es mir tut, Herr Kerner, es besteht kein Zweifel. Bei Ihrem Vater zeigt sich keine Hirnaktivität mehr. Die Verletzungen, die er bei dem Unfall erlitten hat, waren zu schwer. Nur die Maschinen erhalten ihn noch am Leben."
Ich höre Marie schluchzen. "Oh Johann, mein Johann! Aber wie könnt ihr von mir verlangen, dass ich diese Entscheidung treffe? Ich liebe ihn doch!"
Verzweifelt versuche ich, ihnen irgendein Zeichen zu geben. Was sagt der Arzt da? Wie kann er behaupten, ich hätte keine Hirnaktivität mehr? Ich lebe. Ich denke. Ich kriege alles mit. Wie kann ich es ihnen nur zeigen?
"Seien Sie jetzt tapfer, Frau Kerner. Sie dürfen jetzt nicht nur an sich denken. Ihr Mann hat doch eine Patientenverfügung aufgesetzt, die deutlich besagt, dass er nicht künstlich am Leben erhalten will, wenn keine Hoffnung mehr besteht. Sie müssen mir glauben, vier der besten Hirnspezialisten haben Ihren Mann untersucht und alle sind zu demselben Schluss gekommen, wie ich."
Vier Ärzte? Sollte ich sie verschlafen haben? Normalerweise bekomme ich doch mit, wenn Visite ist und die letzten Male war immer nur Doktor Markus bei mir. Immer.
"Aber muss es denn heute sein? Warum ausgerechnet heute?"
Ich höre an Maries Stimme, dass sie in Tränen aufgelöst ist. Sie beugt sich über mein Bett und streicht mir über die Wange. Oh wie lange hat sie das schon nicht mehr getan? Wenn ich es nur spüren könnte, aber ich sehe ihren Finger unter meinem linken Auge entlang fahren. Wieder versuche ich, einen Muskel in meinem Lid zu bewegen, aber niemand scheint etwas zu bemerken.
"Sei vernünftig, Marie. Jetzt bin ich noch hier. Jetzt bin ich noch hier und kann dir mit den Formalitäten helfen. In zwei Wochen muss ich zurück. Das weißt du doch."
"Ja, dann ist es vielleicht wirklich das Beste. Ach Paul!"
"Ich lasse Sie dann noch ein wenig mit ihm alleine, damit sie Abschied nehmen und sich von ihm verabschieden können. Wenn Sie soweit sind, finden Sie mich im Dienstzimmer am Ende vom Flur."
Ich höre die Tür ins Schloss fallen.
"Was meinst du, wie lange müssen wir warten, bevor wir ihn holen?"
Maries Stimme klingt nervös. Keine Spur von Trauer schwingt mehr darin.
"Ruhig Blut. Wir dürfen keinen Verdacht erregen. Zumindest nach außen müssen wir den Anschein wahren. Auch wenn Dr. Markus auf unserer Seite ist und uns deckt, es war zu riskant, das ganze Krankenhauspersonal ins Boot zu holen. Einer von ihnen hätte mit Sicherheit nicht mitgespielt."
"Du hast ja Recht, Schatz. Ich wünschte nur, wir könnten endlich heiraten, jetzt wo das Baby jeden Moment kommen kann."
"Und ich wünschte, ich wir hätten das Geld des Alten schon geerbt, du weißt, die Gläubiger sitzen mir schon im Nacken. Lange kann ich sie nicht mehr hinhalten. Aber du willst doch nicht riskieren, dass wir zwei Hübschen im Knast landen?"
Die Schritte entfernen sich von meinem Bett. Ein Kind. Marie erwartet ein Kind - von ihm. Mir hat sie immer gesagt, sie wolle keine Kinder haben. Aber was rege ich mich ausgerechnet darüber auf? Alles war eine Lüge. Alles, was sie je gesagt und getan hat. Was soll ich nur tun?
Und die Maschine piept weiter. Sie zählt meine letzten Sekunden herunter. Die Beiden sind still und die Zeit vergeht. Ich weiß nicht, wieviel.
"Jetzt haben wir wohl lange genug gewartet. Drück dir noch ein paar Tränchen ab Schatz, ich bin gleich mit Doktor Markus wieder da."
Ich höre Maries Schritte, als sie drei Mal die Länge meines Zimmers abschreitet, hin und zurück, hin und zurück, hin und zurück. Dann geht die Tür wieder auf.
"Sie sind sich also einig?" Doktor Markus Stimme klingt geschäftlich. Wieviel mag Paul ihm für das falsche Gutachten geboten haben?
Nun erscheint das Gesicht des Arztes über meinem Bett. Noch einmal dreht er sich zu dem Punkt um, an dem ich Marie und Paul vermute, und nickt fast unmerklich mit dem Kopf. Dann beginnt er, an dem Schlauch zu ziehen, der aus meinem Hals ragt.
Und plötzlich, weiß ich ganz sicher, was zu tun ist. Und ebenso sicher weiß ich, dass ich es immer noch kann. In dem Moment, in dem die künstliche Beatmung aussetzt, schnappe ich nach Luft. Ich atme, ich atme einfach weiter.
Maries Schreie hallen durch das Zimmer. Ich höre Schritte Richtung Tür eilen. Es wird wohl Paul sein, der wieder einmal aus meinem Leben verschwindet. Wenigstens diese letzte Genugtuung habe ich noch, bevor mir die Kraft zum Weiteratmen ausgeht.
"Willkommen bei der Schlacht am Buffet, meine lieben Zuschauer. Es haben sich hier wieder sechs Hobbyköche versammelt, um ihr Können zu zeigen. Unser heutiges Thema ist die Partysuppe. Ihr habt wie immer nur 35 Minuten Zeit. Ab an den Herd."
