Kuss des Tigers - Eine unsterbliche Liebe - Colleen Houck - E-Book

Kuss des Tigers - Eine unsterbliche Liebe E-Book

Colleen Houck

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Beschreibung

Eine Liebe für die Ewigkeit

Nie im Leben hätte die achtzehnjährige Kelsey Hayes gedacht, dass sie einmal nach Indien reisen würde. Und schon gar nicht mit einem Tiger als Reisegefährten! Doch ihr Ferienjob im Zirkus Maurizio verändert ihr Leben ein für alle Mal, denn dort begegnet sie Ren, dem majestätischen weißen Tiger. Sofort spürt Kelsey, dass zwischen ihr und dem Tiger eine ganz besondere Verbindung besteht.

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COLLEEN HOUCK

Kuss desTigers

Titel

COLLEEN HOUCK

Kuss desTigers

EINE UNSTERBLICHE LIEBE

Roman

Aus dem Amerikanischen von Beate Brammertz

Impressum

Die Originalausgabe erscheint unter dem TitelTiger’s Cursebei Splinter, an imprint of Sterling Publishing Co., Inc., New YorkZitatnachweis:William Blake: »Lieder der Unschuld und Erfahrung«. Hrsg. Werner Hofmann. Deutsch v. W. Wilhelm. insel Taschenbuch 116, Frankfurt am Main, 1975 William Shakespeare: »Sämtliche Werke«. Ins Deutsche übertragen von August Wilhelm Schlegel, Dorothea und Ludwig Tieck, Wolf Graf Baudissin, Ferdinand Freiligrath, Friedrich Bodenstedt, Gottlob Regis, Karl Simrock. Phaidon – Akademische Verlagsanstalt, Athenaion/Essen Kalidasa: »Sakuntala. Drama in sieben Akten«. Einführung, Übersetzung aus dem Sanskrit und Prakrit und Anmerkungen von Albertine Trutmann. Ammann Verlag, Zürich, 1999

Copyright © 2011 by Colleen HouckCopyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe byWilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHRedaktion: Susann RehleinSatz: C. Schaber Datentechnik, WelsISBN 978-3-641-07052-6www.heyne-fliegt.de

Widmung

Für die Lindas in meinem Leben.Die eine brachte mich zum Schreiben,die andere schenkte mir die Zeit dafür.Beide sind Schwestern für mich.

Motto

Der Tiger

von William Blake

Tiger, Tiger, grelle Prachtin den Dickichten der Nacht,wes unsterblich Aug und Handwohl dein furchtbar Gleichmaß band?

Welcher Abgrund, welche Fernebarg die Glut der Augensterne?Welche Flügel mag er schwingen?Welche Hand das Feuer zwingen?

Welche Armkraft konnte dehnen,knüpfen deines Herzens Sehnen,und als endlich schlug dein Herz,welche Hand der Füße Erz?

Welcher Amboß, welcher Hammerschmiedete des Hirnes Kammer?Welcher Griff und Zwang genügte,dass er solche Schrecken fügte?

Als die Sterne sich erschreckten,weinend ihre Waffen streckten,freute da des Werks er sich?Schuf, der’s Lamm erschuf, auch dich?

Tiger, Tiger, grelle Prachtin den Dickichten der Nacht,wes unsterblich Aug und Handfurchtlos dieses Gleichmaß band?

Prolog

Prolog

Der Gefangene stand mit gefesselten Händen da, müde, zerschunden und schmutzig, doch gemäß seiner Herkunft mit hoch erhobenem Haupt. Sein Peiniger Lokesh blickte, die Augen zu verächtlichen, triumphierenden Schlitzen verengt, von einem reich verzierten, vergoldeten Thron auf ihn herab. Hohe weiße Pfeiler flankierten wie Wachposten den Raum. Nicht der kleinste Hauch einer Dschungelbrise glitt durch die dünnen Vorhänge. Alles, was der Gefangene vernahm, war das rhythmische Klackern von Lokeshs juwelenbesetzten Ringen gegen den goldenen Thron.

Der Gefangene war der Prinz eines indischen Königreiches namens Mujulaain. Streng genommen lautete sein Titel Prinz und Höchster Protektor des Mujulaainischen Königreiches, doch er selbst sah sich einfach als Sohn seines Vaters.

Dass es Lokesh, dem Raja eines kleinen benachbarten Königreiches namens Bhreenam, gelungen war, den Prinzen zu entführen, war weitaus weniger schockierend als der Umstand, dass Yesubai, die Tochter des Raja und Verlobte des Gefangenen, neben Lokesh saß und neben ihr Kishan, der jüngere Bruder des Prinzen. Der Gefangene maß alle drei mit prüfendem Blick, doch lediglich Lokesh wich ihm nicht aus. Unter dem Hemd des Prinzen lag kühl auf seiner Haut das Steinamulett, während heiße Wut durch seinen Körper peitschte.

Um Gleichmut ringend sagte er: »Weshalb behandelst du – mein zukünftiger Vater – mich derart … ungastlich?«

Lokesh verzog das Gesicht zu einem falschen Lächeln. »Mein lieber Prinz, du besitzt etwas, das ich begehre.«

»Nichts, was du begehrst, kann dies hier rechtfertigen. Wären unsere Königreiche nicht ohnehin bald vereint gewesen, und hätte nicht alles, was ich besitze, auch dir zur Verfügung gestanden? Warum hast du das getan?«

Lokesh rieb sich das Kinn, seine Augen funkelten böse. »Pläne ändern sich. Allem Anschein nach möchte dein Bruder meine Tochter zur Frau nehmen. Er versprach mir einen gewissen Lohn, sollte ich ihm helfen, sein Ziel zu erreichen.«

Der Prinz wandte sich Yesubai zu, die mit flammend roten Wangen eine sittsame, unterwürfige Haltung einnahm, den Kopf gesenkt. Seine arrangierte Hochzeit mit Yesubai hätte eine Ära des Friedens zwischen den beiden Königreichen einläuten sollen. Er war die vergangenen vier Monate fort gewesen, um am anderen Ende des Königreiches militärische Operationen zu überwachen, und hatte seinem Bruder aufgetragen, einstweilen die Geschicke des Königreiches zu lenken.

Furchtlos machte der Gefangene ein paar Schritte nach vorn, heftete seinen Blick fest auf Lokesh und rief aus: »Du hast uns alle zum Narren gehalten. Du gleichst einer Kobra, die sich in ihrem Korb eingerollt hat und den richtigen Moment abwartet, um anzugreifen.«

Er ließ den Blick schweifen, um auch seinen Bruder und seine Verlobte anzusehen. »Versteht ihr nicht? Euer Handeln hat die Viper freigelassen, und wir wurden gebissen. Ihr Gift fließt nun durch unser Blut und wird uns und die Unseren vernichten.«

Lokesh lachte verächtlich und sagte: »Wenn du dich bereit erklären solltest, mir deinen Teil des Damon-Amuletts zu überlassen, könnte ich mich womöglich durchringen, dich am Leben zu lassen.«

»Mich am Leben lassen? Und ich hielt das hier für einen Tauschhandel um meine Braut.«

»Ich fürchte, deine Rechte als zukünftiger Gatte sind dir abspenstig gemacht worden. Vielleicht habe ich mich auch nicht klar genug ausgedrückt. Dein Bruder wird Yesubai bekommen.«

Der Gefangene stieß zwischen den Zähnen hervor: »Die Armee meines Vaters wird dich vernichten, solltest du mich töten.«

Lokesh lachte. »Ich bin sicher, er wird Kishans neuer Familie nichts antun. Wir werden deinem gütigen Vater einfach weismachen, du wärest das Opfer eines bedauerlichen Unfalls geworden.« Er strich sich über den kurzen Bart, der schon von einzelnen grauen Fäden durchzogen war, und erklärte: »Dir ist hoffentlich bewusst, dass ich selbst dann, wenn ich dich am Leben lasse, über beide Königreiche herrschen werde. Solltest du dich widersetzen, werde ich mir deinen Teil des Amuletts mit Gewalt nehmen.«

In diesem Moment beugte sich Kishan zu Lokesh hinüber und sagte leise, aber nicht ohne Schärfe: »Wir haben eine Abmachung, vergiss das nicht. Ich habe meinen Bruder nur zu dir gebracht, weil du mir dein Wort gabst, dass du ihm kein Haar krümmst! Du solltest das Amulett haben. Das ist alles.«

Lokeshs Hand schoss vor und umschloss Kishans Handgelenk. »Du müsstest mittlerweile wissen, dass ich mir nehme, was ich will. Solltest du die Sicht deines Bruders meiner vorziehen und dich neben ihn stellen wollen, kann ich dir gerne behilflich sein.«

Kishan rutschte auf seinem Stuhl hin und her, schwieg jedoch.

»Nein?«, fuhr Lokesh fort. »Nun gut, hiermit berichtige ich die von uns getroffene Abmachung. Dein Bruder wird getötet, sollte er meinen Wünschen nicht nachkommen, und du wirst meine Tochter erst heiraten, sobald du mir deinen Teil des Amuletts ebenfalls überreicht hast. Unsere geheime Absprache kann jederzeit von mir für nichtig erklärt werden, dann gebe ich Yesubai eben einem anderen Mann zur Frau – einem Mann meiner Wahl. Vielleicht wäre ein alter Sultan ohnehin geeigneter, ihr feuriges Blut zu zügeln. Wenn du in Yesubais Nähe bleiben möchtest, wirst du Gehorsam lernen müssen.«

Lokesh, der immer noch Kishans Handgelenk umklammert hielt, drückte zu, bis ein lautes Knacken zu hören war. Kishan verzog keine Miene.

Dann bewegte Kishan vorsichtig seine Finger und das Handgelenk, während er sich zurücklehnte, mit der anderen Hand das gravierte Amulett berührte, das unter seinem Hemd verborgen war, und Augenkontakt mit seinem Bruder suchte. Eine unausgesprochene Botschaft lag in seinem Blick.

Die ganze Zeit ihrer Unterredung über hatte Lokeshs schwarz glühender Blick auf dem Gefangenen gelegen. Und als hätte er nun genug gesehen, sprang Lokesh auf und war mit wenigen Sätzen bei seinem Opfer. »Sei’s drum!« Er zog eine glitzernde Klinge mit juwelenbesetztem Heft aus seinem Gewand und schlitzte den Ärmel von dessen nun schmutzigem, einst jedoch weißem Jodhpur-Mantel auf. Die Stricke scheuerten an den Handgelenken des Prinzen, und er stöhnte vor Schmerz auf, als ihm Lokesh mit dem Messer den Arm der Länge nach aufritzte. Der Schnitt war so tief, dass Blut herausschoss und auf den gefliesten Boden tropfte.

Lokesh zerrte sich einen hölzernen Talisman über den Kopf und hielt ihn unter den Arm des Gefangenen. Blut rann auf das Amulett und das darin eingravierte Symbol glühte feurig rot, bevor es in einem unnatürlich weißen Licht zu pulsieren begann.

Tastenden Fingern gleich kroch das Licht auf den Prinzen zu, griff in seine Brust und krallte sich einen Weg durch seinen Körper. Obschon ein unerschrockener Krieger, hatte der Gefangene solcher Art Schmerz noch nie erlitten. Er schrie auf, als sein Körper plötzlich von einer sengenden Hitze entzündet wurde, und fiel zu Boden.

Er streckte die gefesselten Arme aus, wollte sich wehren, doch er erzeugte lediglich ein schwaches Kratzen auf den kalten weißen Kacheln. Ehe sein Blick erlosch, sah der Prinz, wie sich beide, Yesubai und sein Bruder, auf Lokesh warfen, der sie jedoch mühelos zur Seite stieß. Yesubai stürzte und schlug mit dem Kopf hart auf der Balustrade auf. Der Prinz fühlte, dass sein Bruder überwältigt wurde vom Kummer über Yesubais Tod, er fühlte, dass sein Bruder wieder in seiner Nähe war. Dann fühlte er nichts als den Schmerz.

1 · Kelsey

1

Kelsey

Ich stand am Abgrund. Streng genommen stand ich nur in der Schlange vor dem Schalter für Aushilfsjobs in Oregon, aber es fühlte sich wie ein Abgrund an. Kindheit, Highschool und die Illusion, dass das Leben es gut mit mir meinte, lagen weit hinter mir. Vor mir lag bedrohlich die Zukunft: College, jede Menge öder Sommerjobs, um etwas zu den Gebühren für das Studium beizutragen, und insgesamt die Aussicht auf ein einsames Erwachsenendasein.

Die Schlange kroch zermürbend langsam vorwärts. Als ich endlich an der Reihe war, trat ich an den Schreibtisch einer gelangweilten, müden Stellenvermittlerin, die gerade am Telefon hing. Die Frau winkte mich heran und gab mir zu verstehen, dass ich mich setzen sollte. Nachdem sie aufgelegt hatte, reichte ich ihr die ausgefüllten Formulare, und sie begann mechanisch mit dem Vorstellungsgespräch.

»Der Name, bitte.«

»Kelsey. Kelsey Hayes.«

»Alter?«

»Siebzehn, fast achtzehn. Ich hab bald Geburtstag.«

Sie stempelte die Formulare ab. »Sind Sie Highschool-Absolventin?«

»Ja. Ich habe meinen Schulabschluss vor ein paar Wochen gemacht. Ich will diesen Herbst an die Chemeketa.«

»Namen der Eltern?«

»Madison und Joshua Hayes, aber mein Vormund sind Sarah und Michael Neilson.«

»Vormund?«

Na schön, dann auf ein Neues. Mein Leben erklären zu müssen, wurde irgendwie nicht einfacher.

»Ja. Meine Eltern sind … verstorben. Sie sind bei einem Autounfall umgekommen, als ich in der neunten Klasse war.«

Sie beugte sich über die Unterlagen und machte sich eine ganze Reihe von Notizen. Ich verzog das Gesicht und fragte mich, was sie wohl schrieb, das so lange dauern konnte.

»Miss Hayes, mögen Sie Tiere?«

»Natürlich. Hm. Ich hab schon jede Menge Tiere gestreichelt …« Gibt es jemanden, der bescheuerter ist als ich? Tolle Art, um nicht eingestellt zu werden. Ich räusperte mich. »Ich meine, natürlich liebe ich Tiere.«

Für die Frau schien meine Antwort keinerlei Bedeutung zu haben, sie reichte mir einen Zettel mit einem Jobangebot.

Der Job war beim Zirkus Maurizio, einem kleinen, familiengeführten Zirkus auf dem Rummelplatz. Ich erinnerte mich, einen Gutschein beim Gemüsehändler bekommen zu haben, kurz hatte ich sogar überlegt, die Kinder meiner Pflegeltern dorthin mitzunehmen, die sechsjährige Rebecca und den vierjährigen Samuel, damit Sarah und Mike mal ein wenig Zeit für sich hatten. Doch dann hatte ich den Gutschein verloren und die Sache vergessen.

»Was ist nun, wollen Sie den Job oder nicht?«, fragte die Frau ungeduldig.

»Ein Tiger, hm? Klingt interessant! Gibt es dort auch Elefanten? Denn beim Aufkehren von Elefantenmist hört bei mir der Spaß auf.« Ich kicherte, doch die Frau ließ sich nicht einmal zu einem Lächeln herab. Da ich keine Alternative hatte, nahm ich den Job an. Die Frau gab mir ein Kärtchen mit der Adresse und erklärte, ich solle mich am nächsten Morgen um sechs dort einfinden.

Ich rümpfte die Nase. »Die brauchen mich dort um sechs Uhr morgens?«

Die Angestellte warf mir einen genervten Blick zu und rief »Der Nächste!« in Richtung der Schlange, die sich träge hinter mir rührte.

In was bin ich da nur hineingeschlittert? Ich stieg in Sarahs Hybridwagen und fuhr nach Hause. Es könnte schlimmer sein. Ich, ein lächerliches Häubchen auf dem Kopf, könnte morgen in einer stinkenden Bude Burger braten. Ein Zirkus dagegen macht bestimmt Spaß. Ich hoffe nur, es gibt dort keine Elefanten.

Bei Sarah und Mike zu leben, war im Grunde in Ordnung. Sie gestanden mir viel mehr Freiheiten zu als die meisten Eltern ihren Kindern, und ich denke, dass wir einen gesunden Respekt voreinander hatten – nun ja, soweit Erwachsene eine Siebzehnjährige überhaupt respektieren können. Ich passte gelegentlich auf ihre Kinder auf und geriet nie in Schwierigkeiten. Es war nicht dasselbe, als würde ich bei meinen Eltern wohnen, aber wir waren dennoch eine Art Familie.

Ich parkte das Auto vorsichtig in der Garage und ging ins Haus, wo Sarah eine Rührschüssel mit einem Holzlöffel traktierte. Ich warf meine Tasche auf einen Stuhl und holte mir ein Glas Wasser.

»Wie ich sehe, versuchst du dich mal wieder an veganen Keksen. Was ist der Anlass?«, wollte ich wissen.

Sarah rammte den Holzlöffel mehrmals brutal in den zähen Teig. »Sammy ist an der Reihe, etwas Süßes für seine Freunde mitzubringen.«

Ich verbiss mir ein Kichern und hustete stattdessen.

Sie verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. »Kelsey Hayes, nur weil deine Mutter die beste Kuchenbäckerin der Welt war, heißt das nicht, dass ich keine anständigen Kekse zustande bringe.«

»Ich zweifle nicht an deinen Fähigkeiten, es sind deine Zutaten, die mir suspekt sind«, sagte ich und hob ein Glas hoch. »Haselnussmus, Leinsamen, Proteinpulver und Agavendicksaft. Ich bin überrascht, dass du kein Recyclingpapier in dieses Zeug mischst. Wo ist die Schokolade?«

»Manchmal benutze ich Carubin.«

»Carubin ist keine Schokolade. Es schmeckt wie braune Kreide. Wenn du wirklich backen willst, solltest du …«

»Ich weiß, ich weiß. Schokocookies oder extra schokoladige Erdnussbuttercookies machen. Aber die sind wirklich schlecht für dich, Kelsey«, sagte sie mit einem Seufzen.

»Aber sie schmecken so gut.«

Ich beobachtete, wie Sarah Teig von ihrem Zeigefinger ableckte, und fuhr fort: »Übrigens, ich habe einen Job. Ich werde in einem Zirkus saubermachen und die Tiere füttern. Auf dem Rummelplatz.«

»Wie schön für dich! Das hört sich nach einer tollen Erfahrung an«, rief Sarah heiter aus. »Was für Tiere?«

»Äh, vor allem Hunde. Und es gibt wohl einen Tiger. Aber wahrscheinlich werde ich nichts Gefährliches tun müssen. Ich bin sicher, dass sie ausgebildete Leute für diese Art Arbeit haben. Allerdings werde ich richtig früh anfangen und die nächsten zwei Wochen dort übernachten müssen.«

»Hm.« Sarah zögerte. »Nun, wir sind bloß einen Telefonanruf entfernt, falls du uns brauchst. Könntest du bitte den Rosenkohlauflauf à la recycelte Zeitungen aus dem Backofen holen?«

Ich stellte den stinkenden Auflauf in die Mitte des Tischs, während sie ihr Backblech mit den Cookies in den Ofen schob und die Kinder zum Abendessen rief. Mike kam gerade nach Hause, legte die Aktentasche zur Seite und küsste seine Frau auf die Wange.

»Was ist das für ein … Geruch?«, fragte er misstrauisch.

»Rosenkohlauflauf«, antwortete ich.

»Und ich habe Cookies für Sammys Spielgruppe gebacken«, erklärte Sarah stolz. »Den besten hebe ich für dich auf.«

Mike warf mir einen vielsagenden Blick zu, woraufhin ihm Sarah mit dem Geschirrtuch einen Klaps auf die Hüfte gab.

»Ich verstehe, ich verstehe … Wenn das so ist, schlage ich vor, dass Kelsey und du heute abräumt.«

»Ach, Liebling. Sei nicht sauer.« Er gab Sarah noch einen Kuss und umarmte sie – in der Hoffnung, sich vor der Arbeit drücken zu können.

Das war mein Stichwort, um zu verschwinden. Als ich aus der Küche schlüpfte, hörte ich Sarah kichern.

Eines Tages hätte ich auch gerne einen Mann, der genau auf diese Art versucht, dem Abräumdienst zu entgehen.

Anscheinend war Mike ein geschickter Verhandlungsführer, denn er bekam den Die-Kinder-ins-Bett-Bring-Dienst, während ich allein abwaschen musste. Es machte mir nichts aus, und sobald ich fertig war, beschloss ich, dass es auch für mich an der Zeit war, schlafen zu gehen. Sechs Uhr war echt nicht mehr lange hin.

Leise ging ich die Treppe zu meinem Zimmer hoch. Es war klein und gemütlich, mit einem schnörkellosen Bett, einer Spiegelkommode, einem Schreibtisch für meinen Computer und die Hausaufgaben, einem Wandschrank, einem Körbchen mit Haarbändern in verschiedenen Farben und der kleinen Steppdecke von meiner Großmutter.

Meine Großmutter hatte die Steppdecke gemacht, als ich klein war, doch ich wusste noch haargenau, wie sie sie zusammengenäht hatte, stets denselben metallenen Fingerhut am Finger. Ich fuhr einen Schmetterling auf der abgenutzten, an den Ecken zerfransten Decke nach und erinnerte mich, wie ich eines Abends den Fingerhut aus ihrem Nähetui stibitzt hatte, nur um ihr nahe zu sein. Obwohl ich im Grunde erwachsen war, schlief ich immer noch jede Nacht unter der Steppdecke.

Ich zog meinen Pyjama an, machte den Zopf auf und bürstete mir das Haar, wie meine Mom das immer getan hatte, während wir uns unterhalten hatten.

Nachdem ich unter meine Decke geschlüpft war, stellte ich den Wecker auf, igitt, vier Uhr dreißig und fragte mich verwundert, was um Himmels willen ich derart früh mit einem Tiger anstellen sollte. Mein Magen rumorte.

Ich blickte zu meinem Nachttisch und den beiden Fotos, die darauf standen. Ein Bild zeigte uns drei: Mom, Dad und mich auf einer Silvesterfeier. Ich war zwölf. Mein langes braunes Haar war gelockt, doch auf dem Foto hing es glatt herunter, weil ich es damals in einer großangelegten Aktion, bei der viel Haarspray zum Einsatz gekommen war, geglättet hatte. Auf der Aufnahme trug ich eine glitzernde Zahnspange. Heute war ich dankbar für meine geraden, weißen Zähne, doch damals hatte ich die Zahnspange von ganzem Herzen gehasst.

Ich berührte das Glas, strich mit dem Daumen über das Abbild meines blassen Gesichts. Ich hatte mir immer sehnlichst gewünscht, schlank, sonnengebräunt, blond und blauäugig zu sein, doch ich hatte die gleichen braunen Augen wie mein Vater und die Pausbacken meiner Mutter.

Das andere war ein Hochzeitsfoto meiner Eltern. Im Hintergrund war ein wunderschöner Springbrunnen zu sehen, und sie waren jung, glücklich und lächelten einander zu. Ich wollte dasselbe für mich eines Tages. Ich wollte, dass mich jemand auf diese Art ansah.

Dann rollte ich mich auf den Bauch, stopfte mir das Kissen unter die Wange und glitt, an die Kekse meiner Mutter denkend, in den Schlaf.

In dieser Nacht träumte ich, durch den Dschungel gejagt zu werden, und als ich mich nach meinem Verfolger umdrehte, sah ich, dass es ein riesiger Tiger war. Seltsamerweise hatte ich keine Angst. Ich wandte mich lediglich um und lief schneller. Sanfte, weiche Pfoten folgten mir, sein Herz schlug im Gleichklang mit meinem Herzen.

2 · Der Zirkus

2

Der Zirkus

Mein Wecker riss mich aus dem Tiefschlaf. Heute würde es warm werden, aber nicht heiß. In Oregon wurde es fast nie heiß. Ein Gouverneur muss vor langer, langer Zeit ein Gesetz erlassen haben, das besagte, in Oregon hätten stets gemäßigte Temperaturen zu herrschen.

Es dämmerte. Die Sonne war noch nicht über die Berge gekrochen, doch der Himmel war bereits hell und verwandelte die Wolken am östlichen Horizont in rosafarbene Zuckerwatte. Vergangene Nacht musste es ein wenig geregnet haben, denn ein köstlicher Geruch lag in der Luft – nach feuchtem Gras und Kiefernholz.

Ich hüpfte aus dem Bett, drehte die Dusche an und ließ das heiße Wasser meinen Rücken bearbeiten, damit mein schläfriger Körper aufwachte.

Was genau trägt man beim Zirkus? Da ich nicht wusste, was angemessene Arbeitskleidung war, zog ich ein kurzärmliges T-Shirt und robuste Jeans an. Dann schlüpfte ich in Tennisschuhe, föhnte mir das Haar und flocht es rasch zu einem französischen Zopf, den ich mit einem blauen Haarband zusammenhielt. Als Nächstes trug ich etwas Lipgloss auf und voilà, meine Zirkusvorbereitung war abgeschlossen.

Zeit zu packen. Ich nahm an, dass ich nicht viel mitnehmen musste, bloß ein paar Dinge zum Wohlfühlen, denn immerhin blieb ich nur zwei Wochen beim Zirkus und konnte jederzeit einen Abstecher nach Hause machen. Ich wühlte in meinem Wandschrank und wählte drei Outfits aus, dann zog ich die Schubladen meiner Kommode auf, schnappte mir eine Handvoll der peinlich genau zusammengelegten Socken und stopfte alles in meinen treuen Schulrucksack. Schließlich suchte ich noch Kugelschreiber und Bleistifte zusammen, ein paar Bücher, mein Tagebuch, Toilettenartikel, meinen Geldbeutel und das Foto meiner Familie. Ich rollte meine Steppdecke zu einer dünnen Wurst auf, quetschte sie ganz oben hinein und zerrte an dem Reißverschluss, bis er sich schließen ließ.

Nachdem ich mir den Rucksack über die Schultern geworfen hatte, ging ich nach unten. Sarah und Mike waren bereits wach und saßen beim Frühstück. Sie wachten jeden Morgen wahnwitzig früh auf, um joggen zu gehen. Das war einfach verrückt und um halb sechs waren sie mit ihrem Sportpensum bereits fertig.

Ich murmelte: »Guten Morgen, ihr beiden.«

»Dir auch einen guten Morgen«, sagte Mike. »Na, bist du bereit für den neuen Job?«

»Ja. Ich werde Karten verkaufen und zwei Wochen mit einem Tiger abhängen. Toll, nicht?«

Er kicherte. »Ja, klingt richtig toll. Zumindest interessanter als Bauamt. Soll ich dich mitnehmen? Ich komme auf dem Weg in die Stadt direkt am Rummelplatz vorbei.«

Ich lächelte ihn an. »Danke, Mike. Das wäre super.«

Nachdem ich versprochen hatte, Sarah alle paar Tage anzurufen, schnappte ich mir einen Müsliriegel, zwang mir noch rasch ein halbes Glas Sojamilch hinunter – wobei ich meinen Würgereflex kaum unterdrücken konnte –, und los ging’s.

Am Rummelplatz kündigte ein großes blaues Schild neben dem Straßenrand die bevorstehenden Attraktionen an:

Dann mal los! Mit einem Seufzer marschierte ich über den Kiesweg zum Hauptgebäude, das aussah wie ein Militärbunker. Die Farbe war aufgeplatzt und zum Teil abgeblättert und die Fenster hätten geputzt gehört. Eine riesige amerikanische Flagge schnalzte im Wind, während die Kette, an der sie befestigt war, leise gegen die Fahnenstange klirrte.

Die Festwiese war eine sonderbare Ansammlung alter Gebäude, davor lag ein kleiner Parkplatz, lange Pritschenwagen parkten neben mehreren weißen Zelten, ein Trampelpfad wand sich zwischen alldem entlang und säumte den Platz. Zirkusposter hingen überall, an jedem Gebäude klebte zumindest ein großes Plakat. Einige zeigten Artisten. Andere Jongleure. Ich sah keine Elefanten und atmete erleichtert auf. Wenn es hier Elefanten gäbe, hätte ich sie wahrscheinlich längst gerochen.

Ein zerrissenes Poster flatterte in der schwachen Brise. Ich bekam den Rand zu fassen und strich es glatt. Auf dem Bild war ein weißer Tiger zu sehen. Aber hallo!Hoffentlich gibt es nur einen von deiner Sorte … Und hoffentlich sind dein Leibgericht nicht junge Mädchen.

Ich öffnete die Tür zum Hauptgebäude und trat ein. Der Mittelteil war zu einer Zirkusmanege umgebaut worden. Unzählige Reihen verblichener roter Stühle waren an der Wand gestapelt.

In einer Ecke plauderten ein paar Leute. Ein großer Mann, der aussah, als hätte er hier das Sagen, stand etwas abseits, schrieb auf ein Klemmbrett und überprüfte Kisten. Ich ging geradewegs über den schwarzen, federnden Boden auf ihn zu und stellte mich vor: »Hi, mein Name ist Kelsey, ich bin die Aushilfe für zwei Wochen.«

Er musterte mich eindringlich, während er auf irgendetwas herumkaute, und spuckte dann aus. »Geh wieder zurück, durch die Türen dort und dann nach links. Draußen parkt ein schwarz-silbernes Wohnmobil.«

»Danke!« Die Tabakspucke war widerlich, aber ich rang mir dennoch ein Lächeln ab. Ich fand das Wohnmobil und klopfte an die Tür.

»Einen Augenblick«, rief eine Männerstimme. Die Tür öffnete sich unerwartet schnell, und ich machte vor Überraschung einen Satz nach hinten. Ein Mann im Morgenmantel ragte riesenhaft vor mir auf und lachte herzhaft über meine Reaktion. Er ließ meinen Ein-Meter-siebzig-Körper regelrecht zwergenhaft erscheinen und hatte außerdem einen beachtlichen Schmerbauch. Lockiges schwarzes Haar bedeckte seinen Schädel, doch sein Haaransatz endete ein Stück weiter hinten, als er eigentlich sollte. Er bemerkte meinen Blick und schob sein Haarteil grinsend an den richtigen Platz. Ein dünner schwarzer Schnurrbart, dessen Enden zu fedrigen Spitzen gezwirbelt waren, stach über beide Seiten seiner Oberlippe hinaus. Außerdem hatte er ein winziges quadratisches Ziegenbärtchen am Kinn.

»Sei nicht eingeschüchtert von meine Aussehen«, sagte er eindringlich.

Ich senkte den Blick und wurde prompt rot. »Ich bin nicht eingeschüchtert. Ich scheine Sie nur überrascht zu haben. Es tut mir leid, falls ich Sie geweckt habe.«

Er lachte. »Ich liebe Überraschungen. Das hält mich jung und gut aussehend.«

Ich kicherte, hielt jedoch rasch inne, als mir einfiel, dass dies wahrscheinlich mein neuer Chef war. Krähenfüße umrahmten seine glitzernden blauen Augen. Seine Haut war gebräunt, was sein strahlend weißes Lächeln noch unterstrich. Er schien die Art Mann zu sein, die ständig in sich hineinlachte.

Mit dröhnender, theatralischer Stimme, die einen starken italienischen Akzent aufwies, fragte er: »Und wer magst du sein, junge Dame?«

Ich lächelte nervös. »Hi. Mein Name ist Kelsey. Ich soll für zwei Wochen hier arbeiten.«

Er beugte sich vor, um meine Hand zu packen. Seine Finger umschlossen meine vollständig, und er schüttelte sie so überschwänglich, dass meine Zähne gegeneinanderklapperten. »Ach, fantastico! Wie wunderbar! Willkommen im Zirkus Maurizio! Wir sind ein wenig, wie sagt man, knapp an Personal, und brauchen etwas assistenza, während wir in deiner wunderbaren Stadt sind, ja? Splendido! Schön, dich hier zu haben! Lass uns gleich anfangen.«

Er rief ein süßes blondes Mädchen von ungefähr vierzehn Jahren heran, das gerade an uns vorbeiging. »Cathleen, bring die junge Dame zu Matt und sag ihm, dass ich wünsche, er möge mit ihr zusammenarbeiten. Er soll sie heute einarbeiten.« Er wandte sich wieder an mich. »Piacere! Es hat mich gefreut, dich kennengelernt zu haben. Ich hoffe, du genießt deine Arbeit hier bei uns!«

»Danke«, sagte ich. »Es hat mich ebenfalls gefreut, Sie kennengelernt zu haben.«

Er zwinkerte mir zu, dann drehte er sich um, bückte sich zurück in seinen Wohnwagen und schloss die Tür.

Lächelnd führte mich Cathleen um das Gebäude zu den Schlafquartieren des Zirkus. »Willkommen! Willkommen im gro… äh … nun ja, kleinen Zirkuszelt!«, sagte sie mit einer ironischen großen Geste. »Hier entlang. Du kannst in meinem Zelt schlafen, wenn du möchtest. Wir haben ein paar Extrabetten und unser Zelt ist hübsch, falls dich all die Kostüme nicht stören. Meine Mom, meine Tante und ich teilen uns ein Zelt. Wir reisen mit dem Zirkus. Meine Mom ist Akrobatin, ebenso wie meine Tante.«

Sie führte mich in ein geräumiges Zelt und zu einer leeren Schlafkoje, unter der ich meinen Rucksack verstaute. Was die Kostüme betraf, hatte Cathleen recht. Kleiderständer reihte sich an Kleiderständer. Spitze, Pailletten, Federn und Elastan, wo man hinschaute. Außerdem gab es einen erleuchteten Spiegeltisch und jeder Zentimeter der Ablage war in wilder Unordnung mit Schminke, Haarbürsten, Nadeln und Lockenwicklern übersät.

Draußen stießen wir auf Matt, der ungefähr vierzehn oder fünfzehn sein musste. Er hatte braunes Haar, einen unscheinbaren Kurzhaarschnitt, braune Augen und ein unbeschwertes Grinsen. Gerade versuchte er, ohne jede Unterstützung eine kleine Bude für den Kartenverkauf aufzubauen – und scheiterte kläglich.

»Hi, Matt«, sagte Cathleen, während wir die eine Seite des Bretterverschlags abstützten, um ihm zu helfen.

»Ähm … das hier ist Kelsey«, fuhr Cathleen fort. »Sie wird zwei Wochen bleiben. Du sollst sie einarbeiten.«

»Kein Problem«, erwiderte er, und gemeinsam brachten wir die Bude zum Stehen. »Bis später, Cath.«

»Bis später.« Lächelnd stolzierte sie davon.

»Also, Kelsey, dann bist du wohl heute meine rechte Hand? Nun, du wirst es lieben«, sagte er mit einem Grinsen. »Ich bin für den Karten- und Souvenirstand zuständig, außerdem sammle ich den Müll ein und fülle die Regale auf. Im Grunde bin ich hier Mädchen für alles. Mein Dad ist der Zirkusdompteur.«

»Das ist doch mal ein cooler Job«, entgegnete ich, »hört sich zumindest besser an als Müllmann.«

Matt lachte. »Okay, ich hab verstanden.«

Wir verbrachten die nächsten Stunden damit, Kisten zu schleppen, die Vorräte im Imbissstand aufzufüllen und alles für die Zuschauer vorzubereiten.

Uff, ich habe keine Kondition. Schon bald wollte mein Bizeps protestierend schlappmachen. »Es gibt nichts Besseres als harte Arbeit«, hat mein Dad immer gesagt, sobald Mom sich wieder mal ein neues Projekt wie das Anlegen eines Blumengartens in den Kopf gesetzt hatte. Er war unglaublich geduldig, und wenn ich mich über die Extraarbeit beschwerte, lächelte er nur und sagte: »Kells, wenn du jemanden liebst, ist es ein Geben und Nehmen. Später einmal wirst du das auch erfahren.«

Irgendwie bezweifelte ich, dass dies einer dieser Momente war.

Als wir mit allen Vorbereitungen fertig waren, schickte mich Matt zu Cathleen, damit ich ein Zirkuskostüm bekommen und mich umziehen konnte – leider erwies der Fummel sich als golden und glitzernd, unter normalen Umständen hätte ich ihn nicht mit der Kneifzange angefasst.

»Ich hoffe, der Job ist das hier auch wert«, murmelte ich und zwängte mich in das Funkelteil.

In meinem neuen Outfit schritt ich zur Verkaufsbude, wo Matt gerade die Preistafel angebracht hatte. Er wartete bereits mit der Kasse und einem Packen Eintrittskarten auf mich. Außerdem hatte er mir ein Lunchpaket mitgebracht.

»Showtime, Kelsey. Du solltest es schnell runterschlingen, denn zwei Busse voller Kinder aus dem Sommercamp sind hierher unterwegs.«

Und tatsächlich: Bevor ich aufgegessen hatte, stürzten die Sommercamp-Kinder in einem lärmenden, wilden Durcheinander aus kleinen Körpern auf mich zu. Es fühlte sich an, als würden winzige Büffel über mich hinwegtrampeln. Mein freundliches Kundendienstlächeln geriet wohl eher zur verängstigten Grimasse. Jeder Fluchtweg war mir abgeschnitten. Sie waren überall – und jeder buhlte lautstark um meine Aufmerksamkeit.

Die Erwachsenen kamen näher, und ich wollte hoffnungsvoll wissen: »Zahlen Sie zusammen oder getrennt?«

Einer der Betreuer erwiderte: »O nein. Wir haben beschlossen, jedes Kind seine eigene Karte zahlen zu lassen.«

»Das ist toll«, murmelte ich ergeben.

Ich fing mit dem Kartenverkauf an, und schon bald gesellte sich Cathleen zu mir, bis die Musik einsetzte und die Vorstellung begann. Ich wartete noch ungefähr zwanzig Minuten, doch niemand kam, also schloss ich die Geldkassette ab und suchte im Zirkuszelt nach Matt, der sich die Show ansah.

Der Mann, den ich am Morgen kennengelernt hatte, war der Zirkusdirektor. »Wie heißt er?«, flüsterte ich Matt zu.

»Agostino Maurizio«, antwortete er. »Ihm gehört der Zirkus und die Akrobaten sind allesamt Familienangehörige.«

Mr. Maurizio kündigte die Clowns, Akrobaten und Jongleure an, und ich ertappte mich, wie ich Gefallen an der Vorstellung fand. Doch es dauerte nicht lange, bis mir Matt den Ellbogen in die Seite stieß und Richtung Souvenirstand deutete. Schon bald würde die Pause folgen: Zeit für die Luftballons.

Gemeinsam bliesen wir Dutzende farbenfroher Ballons mit einer Heliumflasche auf. Die Kinder waren außer Rand und Band! Sie rannten zu jedem Stand und zählten ihre Münzen ab, damit sie ihr Erspartes bis zum letzten Penny ausgeben konnten. Rot schien ihre Lieblingsballonfarbe zu sein. Matt nahm das Geld entgegen, während ich die Luftballons aufpumpte. Ich hatte das nie zuvor getan, und mir zerplatzten einige, was die Kinder erschreckte, doch ich versuchte, das laute Knallen mit einem Witz zu untermalen, und rief jedes Mal »Hoppla!«, wenn es passierte. Schon bald stimmten sie laut grölend in mein »Hoppla!« ein.

Die Musik erscholl und die Kinder, ihre diversen Einkäufe fest an sich gepresst, eilten zurück auf ihre Plätze. Einige hatten Leuchtschwerter gekauft und fuchtelten wild damit herum.

Als wir uns wieder setzten, betrat Matts Vater die Manege, um seine Hundeshow aufzuführen. Dann kamen noch einmal die Clowns und spielten den Zuschauern Streiche. Einer schüttete einen Eimer Konfetti über den Kindern aus.

Na toll! Wahrscheinlich werde ich das alles auffegen müssen.

Schließlich kam Mr. Maurizio zurück. Dramatische Musik setzte ein, und die Zirkuslichter erloschen mit einem Schlag, als seien sie von einem Geist ausgeblasen worden. Ein Scheinwerfer fand den Zirkusdirektor in der Mitte der Manege. »Und jetzt … der Höhepunkt von unsere programma! Er wurde aus der rauen, wilden giungla, dem Dschungel Indiens, geholt und hierher nach Amerika gebracht. Er ist eine grimmige Jäger, ein cacciatore bianco, der seiner Beute in der Wildnis auflauert, geduldig wartet und den richtige Moment abpasst, und dann … stürzt er sich auf sie!«

Während er redete, brachten Männer einen großen Käfig herein, der die Form einer riesigen umgedrehten Schüssel hatte, mit einem Tunnel aus festem Maschendraht an einer Seite. Sie stellten ihn in der Mitte der Manege ab und ließen Schlösser in Metallringe einrasten, die in Zementblöcken verankert worden waren.

Mr. Maurizio fuhr fort, sein Publikum in Aufregung zu versetzen. Er brüllte regelrecht ins Mikrofon, und die Kinder sprangen allesamt von ihren Sitzen hoch. Ich lachte über Mr. Maurizios Theatralik. Er war ein guter Geschichtenerzähler. »Diese tigre ist moltopericolosa – eines der gefährlichsten Raubtiere auf der ganzen Welt! Seht unserem Dompteur genau zu, wie er seine Leben riskiert, um euch … D-H-I-R-E-N … zu präsentieren!« Er zeigte mit dem Kopf nach rechts und rannte aus dem Rund, als der Scheinwerfer zur Zeltklappe an der Rückseite schwenkte. Zwei Männer hatten einen altmodischen Tierwagen hereingefahren, der aussah wie die Art nostalgischer Wagen, die auf Schachteln mit Tierkeksen für Kinder abgebildet waren. Er hatte ein geschwungenes weißes Dach mit Goldverzierungen, große schwarze Räder, die am Rand weiß bemalt waren, sowie kunstvoll geschnitzte goldene Speichen. Schwarze Metallgitter wölbten sich zu beiden Seiten des Käfigs nach außen.

Eine Rampe, die von der Wagentür herabführte, wurde mit dem Tunnel aus Maschendrahtzaun verbunden, während Matts Dad den Käfig betrat und drei Hocker aufstellte. Er trug ein eindrucksvolles goldenes Kostüm und schwang eine kurze Peitsche.

»Lasst den Tiger frei!«, befahl er.

Die Türen öffneten sich und ein Mann am Wagen schubste das Tier heraus. Ich hielt den Atem an, als unter Trommelwirbel ein riesiger weißer Tiger erschien und majestätisch die Rampe zum Tunnel hinabschritt. Einen Augenblick später war er schon bei Matts Vater im großen Käfig. Die Peitsche knallte, und der Tiger war mit einem Satz auf dem Hocker. Ein weiterer Knall, und der Tiger stand auf den Hinterläufen und durchschnitt mit der Tatze die Luft. Das Publikum brach in stürmischen Applaus aus.

Der Tiger sprang von Hocker zu Hocker, während Matts Vater sie immer weiter auseinanderschob. Beim letzten Sprung wagte ich nicht zu atmen. Ich war nicht sicher, ob es der Tiger zum anderen Hocker schaffen würde, doch Matts Vater spornte ihn an. Das Tier kauerte sich zusammen, maß bedächtig die Entfernung und machte dann einen mächtigen Satz.

Sein ganzer Körper schien für mehrere Sekunden schwerelos in der Luft zu liegen, die Beine weit nach vorne und hinten ausgestreckt. Es war ein herrliches Tier. Als der Tiger den Hocker mit den Vorderpfoten berührte, verlagerte er das Gewicht und landete anmutig auf den Hinterläufen. Dann drehte er sich auf dem kleinen Schemel, wobei er seinen riesigen Körper geschickt zu bewegen wusste, und saß nun seinem Dompteur Auge in Auge gegenüber.

Ich klatschte sehr lange, völlig überwältigt von dem eindrucksvollen Geschöpf.

Der Tiger brüllte auf Befehl, stand auf den Hinterläufen und durchschnitt mit den Pfoten die Luft. Matts Vater gab einen weiteren Befehl. Der Tiger sprang vom Hocker und lief im Kreis durch den Käfig. Der Dompteur beschrieb ebenfalls einen Kreis, die Augen fest auf das Tier gerichtet. Er zeigte mit der Peitsche auf den Schwanz des Tigers und trieb ihn zum Weiterlaufen an. Matts Vater gab einem jungen Mann ein Zeichen, der ihm daraufhin einen großen Reifen durch die Käfiggitter reichte. Der Tiger machte einen Satz durch den Reifen, drehte sich dann rasch um und sprang zurück, wieder und wieder.

Als letzte Zirkusnummer sollte der Dompteur den Kopf in das Maul des Tigers stecken. Atemlose Stille befiel das Publikum, und Matt versteifte sich. Der Tiger riss das Maul unvorstellbar weit auf. Ich sah seine scharfen Zähne und beugte mich beunruhigt vor. Vorsichtig schob Matts Vater den Kopf näher an den Tiger heran. Der Tiger blinzelte, hielt jedoch still, und seine mächtigen Kiefer klafften noch weiter auf. Schließlich steckte Matts Vater den Kopf in das Maul des Tieres, tief hinein in dessen Schlund. Nach einer kleinen Ewigkeit – das gesamte Publikum hielt den Atem an – zog er ihn behutsam wieder heraus. Nachdem sein Kopf völlig frei und der Dompteur zur Seite getreten war, brach das Publikum in ohrenbetäubenden Jubel aus, woraufhin er sich mehrmals verbeugte. Da erschienen mehrere Artisten und halfen, den Käfig abzubauen.

Mein Blick glitt unwillkürlich zu dem Tiger, der nun auf einem der Hocker saß. Seine Zunge bewegte sich hin und her. Er verzog das Gesicht, als würde er etwas Sonderbares riechen oder als müsste er würgen, wie eine Katze, die einen Haarball ausspuckt. Doch er schüttelte sich nur und saß regungslos da.

Matts Vater hob die Hände, und die Zuschauer spendeten lautstark Beifall. Die Peitsche knallte erneut, und der Tiger sprang hastig vom Hocker, rannte zurück durch den Tunnel, die Rampe hinauf und in seinen Käfig. Matts Vater eilte aus dem Rund und verschwand hinter dem Vorhang.

Mr. Maurizio rief mit dramatischer Stimme: »Der Große Dhiren! Mille grazie! Vielen Dank, dass ihr alle zum Zirkus Maurizio gekommen seid!«

Als der Tigerkäfig vor mir weggerollt wurde, überkam mich auf einmal der Drang, dem Tier tröstend über den Kopf zu streicheln. Ich war nicht sicher, ob Tiger Gefühle zeigen können, doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund glaubte ich, seine Stimmung zu erspüren. Es war Traurigkeit.

Genau in diesem Augenblick umhüllte mich eine sanfte Brise, die den Duft von Nachtjasmin und Sandelholz zu mir trug und den starken Geruch nach heißem Popcorn und Zuckerwatte überdeckte. Mein Herz schlug schneller, während mir Gänsehaut die Arme hinaufkroch. Doch so schnell, wie der liebliche Wohlgeruch gekommen war, verflog er auch wieder, und ich verspürte ein unerklärliches Loch in der Magengrube.

Die Lichter gingen an und die Kinder trampelten aus dem Zirkuszelt. Mein Verstand war immer noch ein wenig benebelt. Ich stand langsam auf, drehte mich um und starrte zu dem Vorhang, hinter dem der Tiger verschwunden war. Ein schwacher Hauch von Sandelholz und ein Gefühl der Verunsicherung klangen nach.

Ich muss irgendwie krankhaft überreizt sein. Die Vorstellung ist zu Ende, und es ist offiziell: Ich bin verrückt geworden.

3 · Der Tiger

3

Der Tiger

In einem kreischenden Durcheinander stürmten die Kinder aus dem Zelt. Auf dem Parkplatz sprang der Motor eines Busses an. Als er mit viel Lärm zum Leben erwachte, polternd, zischend und Rauch aus dem Auspuff pustend, stand Matt auf und reckte sich. »Bist du jetzt bereit für die richtige Arbeit?«

Ich stöhnte auf, spürte ich doch bereits jetzt den Beginn eines mächtigen Muskelkaters in den Armen. »Natürlich. Ich kann’s kaum erwarten.«

Er begann mit meiner Hilfe die Sitzplätze vom Abfall zu befreien. Als das getan war, reichte er mir einen Besen. »Wir müssen den ganzen Raum fegen, alles in die Kisten packen und sie dann wegräumen. Du fängst schon mal an, und ich bringe die Geldkassetten zu Mr. Maurizio.«

»Alles klar.«

Den Besen vor mir herschiebend, bewegte ich mich langsam über den Boden, wie ein Schwimmer, der seine Bahnen zog. Während ich sorgfältig den Müll aufkehrte, wanderten meine Gedanken zurück zu den Zirkusnummern, die ich gesehen hatte. Am besten hatten mir die Hunde gefallen, doch der Tiger hatte etwas Unwiderstehliches an sich. Immer wieder drängte sich die Raubkatze in mein Bewusstsein.

Ich frage mich, wie das Tier aus nächster Nähe ist. Und warum riecht es nach Sandelholz?

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