Beschreibung

Stephanie Plum ist nicht zum Babysitter geboren. Aber was tun, wenn eine Klientin gekidnappt wird, der sie versprochen hat, sich um ihren kleinen Sohn zu kümmern? Der »kleine« Mario ist allerdings ein ausgewachsener Teenager, der sich am liebsten schwarz kleidet und Spraydosen schwingt. Grandma Mazur ist völlig von ihm begeistert, aber da ist sie die Einzige. Höchste Zeit, Marios Mutter Loretta ausfindig zu machen, deren Bruder an der ganzen Misere schuld ist. Seit er aus dem Gefängnis entlassen wurde, sind einige Leute hinter ihm her – genauer gesagt: hinter der Beute, die er nach einem Banküberfall angeblich in Morellis Haus versteckt hat. Stephanie hätte mit dem nun folgenden Chaos schon genug zu tun, muss aber auch noch eine Popdiva beschützen, sich um einen Stalker mit Visionen kümmern, um einen Affen, der Amok läuft, und um ihre Kollegin Lula, die ihre Hochzeitspläne ohne den Bräutigam gemacht hat ...

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Seitenzahl: 364

oder

Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Copyright
Woohoo! Dem Evanovich-Gespann: Alex, Peter und SuperJen
1
In meiner Küche gibt es immer einen Vorrat an Crackern und Käse, an Brathühnchen und frischen Landeiern, und immer stehen Kaffeebohnen zum Mahlen bereit. So weit der fromme Wunsch. Die Wirklichkeit sieht anders aus. In der Teddybärchen-Plätzchendose bewahre ich meine Smith & Wesson auf, im Mikrowellenherd meine Oreo-Kekse, im Regal über dem Küchentresen stehen ein Glas Erdnussbutter und das Hamsterfutter, im Kühlschrank Bier und Oliven. Für den Notfall habe ich sonst immer noch eine Geburtstagstorte in der Tiefkühltruhe, aber auch von der ist nichts mehr da.
Ich wäre liebend gerne eine richtige Haushaltsfee. Ehrlich! Doch von der Geburtstagstorte würde so oder so nie etwas übrig bleiben. Ich meine, zum Essen kauft man sie schließlich! Nur: Was weg ist, ist weg, und ohne Kuchen-Notration steht man manchmal ganz blöd da. Das Gleiche gilt für die Cracker, den Käse, die Eier und die Brathühnchen, die von meiner Mutter waren. Kaffeebohnen im Regal, das ist auch schon eine Ewigkeit her. Ich besitze ja nicht einmal eine Kaffeemühle. Natürlich könnte ich zwei Geburtstagstorten auf einmal kaufen, aber ich befürchte, dass ich sie dann auch beide auf einmal essen würde.
Ich heiße Stephanie Plum, und zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass auch Brot und Milch auf meinem Einkaufszettel stehen und dass ich keine ansteckenden Krankheiten habe. Ich bin ziemlich genau 1,70 Meter groß. Mein Haar ist brünett, schulterlang und gelockt. Meine Augen sind blau. Meine Zähne regelmäßig. Meine Maniküre war vor drei Tagen noch einigermaßen top, und meine Figur ist o.k. Ich arbeite als Kautionsdetektivin für meinen Vetter Vinnie, und als ich heute in Loretta Rizzis Küche stand, stellte ich fest: Erstens hat mich Loretta beim Wettbewerb um die renovierungsbedürftigste Küche um Längen geschlagen. Und zweitens bin ich gegen sie im Club der tickenden Zeitbomben eine Karteileiche.
Es war acht Uhr morgens. Loretta trug ein knöchellanges rosa Nachthemd und hielt sich eine Pistole an die Schläfe.
»Ich erschieße mich«, drohte sie. »Dir kann das ja wurscht sein, du kriegst dein Geld so oder so, ob ich tot bin oder lebendig.«
»Theoretisch ja«, sagte ich. »Aber bei Toten gibt es immer Stress. Allein der ganze Papierkram!«
Viele Leute, für die Vinnie die Kaution stellt, kommen aus Chambersburg, dem Viertel in Trenton, New Jersey, in dem ich wohne. Loretta Rizzi gehörte auch dazu. Mit Loretta bin ich zusammen zur Schule gegangen. Sie ist ein Jahr älter als ich, aber sie verließ die Highschool vor der letzten Klasse, weil sie schwanger war. Jetzt sollte ihr der Prozess wegen bewaffneten Raubüberfalls gemacht werden, und sie war drauf und dran, sich das Gehirn aus dem Schädel zu pusten.
Vinnie hatte eine Kaution für sie hinterlegt, aber Loretta war anschließend nicht zu ihrem Termin vor Gericht erschienen, deswegen wurde ich losgeschickt, um sie ins Gericht zu schleifen. Zum Glück erwischte ich sie gerade in einem unpassenden Moment und verhinderte so ihren Selbstmord.
»Ich wollte nur was zu trinken«, sagte Loretta.
»Na gut, die meisten Leute gehen dafür in eine Kneipe. Du hast gleich einen Spirituosenladen überfallen.«
»Ich hatte kein Geld, es war heiß, und ich brauchte unbedingt einen Tom Collins.« Eine Träne rollte ihr über die Wange. »In letzter Zeit habe ich immer so einen Durst.«
Loretta ist einen halben Kopf kleiner als ich. Sie hat schwarze Locken und eine kräftige Figur. Ihre Muckis holt sie sich beim Servierbrettstemmen auf Feuerwehrfesten. Seit der Schule hat sie sich kaum verändert. Ein paar Krähenfüße um die Augen, ein strengerer Zug um den Mund, das ist auch schon alles. Sie ist italienischer Abstammung und mit halb Burg verwandt, einschließlich Joe Morelli, meiner offenen Zweierbeziehung.
»Es ist deine erste Straftat, und du hast niemanden getötet. Wahrscheinlich kommst du vor Gericht mit einem blauen Auge davon«, beruhigte ich Loretta.
»Ich hatte meine Tage«, sagte sie. »Ich konnte nicht mehr klar denken.«
Loretta wohnt zur Miete in einem Reihenhaus am Rand von Burg. Zwei Schlafzimmer, ein Bad, eine blank geputzte Puppenstubenküche und ein Wohnzimmer, vollgestellt mit Möbeln vom Sperrmüll. Gar nicht so einfach, als alleinstehende Mutter ohne Schulabschluss über die Runden zu kommen.
Die Hintertür sprang auf, und meine Assistentin Lula steckte den Kopf durch den Spalt. »Was ist los? Ich habe keinen Bock mehr, draußen im Auto zu warten. Hast du nicht gesagt, du willst die Frau nur schnell eben festnehmen, und danach gäbe es Frühstück?«
Lula ist eine ehemalige Prostituierte, jetzt macht sie bei uns die Büroablage und ist außerdem meine Chauffeurin. Lula ist schwarz, trägt XXL und quetscht sich gerne in hautenge Klamotten. Ihr Lieblingsteil sind Leggings aus Elastan mit Tigerfellmuster. Die Natur hat Lula reich beschenkt.
»Loretta hat gerade eine Morgenkrise«, sagte ich.
Lula musterte Loretta. »Das sehe ich selbst. Sie hat ja noch ihr Nachthemd an.«
»Fällt dir sonst noch was auf?«, fragte ich Lula.
»Meinst du ihren Smith &Wesson-Lockenwickler?«
»Ich will nicht ins Gefängnis«, jammerte Loretta.
»So schlimm ist das gar nicht«, tröstete Lula sie. »Wenn du ins Zuchthaus kommst, hast du sogar zahnärztliche Versorgung gratis.«
»Ich bin eine Schande für diese Welt«, sagte Loretta. Lula verlagerte ihr Gewicht von einem Manolo-Superhighheel auf den anderen. »Wenn du abdrückst, wird aus der Schande ein Schandfleck. Und wer soll die Schweinerei in deiner Küche wieder wegmachen? Außerdem hast du dann ein Loch im Kopf, und deine Mutter kann dich nicht im offenen Sarg aufbahren.«
»Ich habe eine Lebensversicherung abgeschlossen«, sagte Loretta. »Wenn ich mich umbringe, kriegt mein Sohn Mario das Geld. Das reicht aus, bis er selbst Arbeit gefunden hat. Aber wenn ich ins Gefängnis komme, steht er alleine da und ohne Geld.«
»Lebensversicherungen zahlen nicht bei Selbstmord«, sagte Lula.
»Oh Scheiße! Ist das wahr?«, wollte Loretta von mir wissen.
»Ja. Aber ich verstehe sowieso nicht, warum du dir Sorgen machst. Du hast so eine große Familie, da wird sich schon jemand finden, der sich um Mario kümmert.«
»Alles nicht so einfach. Meine Mutter ist in der Reha-Klinik, nach dem Schlaganfall. Die kann ihn nicht zu sich holen. Und mein Bruder Dom kann ihn auch nicht aufnehmen. Der ist vor drei Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden, auf Bewährung.«
»Was ist mit deiner Schwester?«
»Die hat ihre eigenen Kinder am Hals. Ihr Mann ist ein Stück Scheiße, er hat sie wegen einer vorpubertären Erotiktänzerin verlassen.«
»Irgendein Babysitter wird sich doch finden«, sagte Lula.
»Alle haben genug mit sich selbst zu tun. Und ich will ja Mario auch nicht einfach irgendwem überlassen. Er ist sehr sensibel … und künstlerisch veranlagt.«
Ich zählte die Jahre zurück, ihr Sohn war wahrscheinlich gerade Teenager geworden. Loretta hatte nie geheiratet, und wenn ich mich recht erinnere, hat sie den Vater auch nie verraten.
»Du könntest ihn doch zu dir nehmen«, sagte Loretta zu mir.
»Was? Ich? Nein. Niemals. Auf keinen Fall. Kommt nicht in Frage.«
»Nur so lange, bis ich auf Kaution wieder raus bin.« »Wenn du jetzt gleich mitkommst zum Gericht, kann Vinnie deine Kaution sofort bezahlen.«
»Ja, gut, aber wenn irgendwas schiefgeht, muss jemand Mario von der Schule abholen.«
»Was sollte denn schiefgehen?« »Was weiß ich. Eine Mutter macht sich eben immer Sorgen. Versprich mir, dass du ihn abholst, wenn ich bis dahin noch nicht wieder entlassen sein sollte. Er kommt um halb drei aus der Schule.«
»Keine Angst, sie macht das schon«, sagte Lula zu Loretta. »Und jetzt legen Sie brav die Waffe beiseite und ziehen sich was an, damit wir das hier hinter uns bringen können. Ich brauche unbedingt einen Kaffee. Und so ein schönes, fetttriefendes Speck-Eier-Frühstückssandwich. Ich muss ordentlich meine Arterien verstopfen, weil sonst zirkuliert mein Blut zu schnell, und davon wird mir schwindlig.«
Lula rekelte sich auf dem Kunstledersofa, das an die Wand des Kautionsbüros gequetscht war, und Connie Rosolli, Vinnies Büroleiterin, saß wie immer an ihrem Schreibtisch. Connie und ihr Schreibtisch waren strategisch so platziert, dass sie eine Sperre zu Vinnies abgeschlossenem Privatgemach bildeten. Sie sollten Zuhälter, Zocker und sonstige zwielichtige Gestalten, die was von Vinnie wollten, daran hindern, gleich bis in sein Büro durchzumarschieren und ihn zu erwürgen.
»Sie ist noch nicht wieder auf freiem Fuß?«, fragte ich Connie. »Was soll das heißen?« Meine Stimme schraubte sich eine Oktave höher, wie man es sonst nur von Minnie Mouse kennt.
»Sie hat kein Geld, um die Kaution abzusichern. Und auch keine anderen Vermögenswerte.«
»Das gibt es doch gar nicht. Jeder Mensch hat Vermögenswerte. Was ist mit ihrer Mutter? Ihrem Bruder? Sie hat im Umkreis von zehn Kilometern Hunderte Vettern und Kusinen.«
»Sie ist schon dabei herumzufragen. Aber im Moment hat sie nichts zu bieten. Nada. Also wartet Vinnie erst noch mal ab.«
»Es ist fast halb zwei«, stellte Lula fest. »Du musst dich langsam auf die Socken machen, Lorettas Jungen abholen, wie du versprochen hast.«
Connie wandte den Kopf in meine Richtung und schob ihre Augenlider hoch bis zum Haaransatz. »Hast du ihr wirklich versprochen, dich um Mario zu kümmern?«
»Ich habe ihr gesagt, ich würde ihn abholen, falls sie nicht rechtzeitig wieder freikommt. Woher sollte ich wissen, dass es Probleme mit der Kaution geben könnte?«
»Oh Mann«, sagte Connie. »Versuch nur dein Glück mit dem Jungen.«
»Was ist denn mit ihm? Loretta sagte, er sei sensibel und künstlerisch veranlagt.«
»Ob er sensibel ist, weiß ich nicht, seine Kunst jedenfalls beschränkt sich auf Graffiti. Er hat halb Trenton verunstaltet. Er darf schon nicht mal mehr im Schulbus mitfahren, deswegen muss Loretta ihn selbst von der Schule abholen.«
Ich hängte mir meine Tasche um die Schulter. »Ich soll ihn nur nach Hause fahren, mehr haben wir nicht vereinbart.«
»Irgendwas ist da im Unklaren geblieben«, sagte Lula. »Ich meine, du hättest ihr versprochen, dich auch um ihn zu kümmern. In einem leeren Haus darfst du ihn sowieso nicht absetzen. Sonst hast du noch den Kinderschutzbund am Hals.«
»So ein Mist. Was soll ich denn bloß mit ihm machen?« Lula und Connie zuckten die Achseln und machten eine unschuldige Miene. Woher sollen wir das wissen?
»Vielleicht kann ich ja Lorettas Kautionsvereinbarung unterschreiben«, schlug ich Connie vor.
»Damit kommst du bestimmt nicht durch«, sagte Connie. »Du bist die Einzige, die ich kenne, die noch weniger Vermögenswerte hat als Loretta.«
»Schönen Dank auch!« Verärgert rauschte ich aus dem Büro und stemmte mich in meine neueste Scheißkarre, ein Nissan Sentra, früher mal silbermetallic, heute eine einzige Rostbeule. Räder groß wie Donuts, auf der Motorhaube ein Airbrush-Tiger, im Heckfenster Tony Stewart als Wackelkopfpuppe. Ich mag Tony Stewart sehr, aber im Rückspiegel ständig seine Birne schlackern zu sehen bringt es auch nicht gerade. Leider war die Figur mit Zweikomponentenkleber auf der Ablage befestigt, und wenn ich sie aus meinem Leben verstoßen wollte, hätte ich das Auto gleich mit abwracken müssen.
Loretta hatte mir ein Foto von Mario mitgegeben und mir erklärt, wie ich zur Schule komme. Ich gondelte los. Mario war leicht zu erkennen. Er sah aus wie Morelli, als Morelli so alt war wie er. Schwarze Locken, schmächtige Gestalt. Ähnlichkeiten auch im Gesicht, obwohl Morelli immer schon eine Filmstarschönheit war, aber da reichte Mario nicht ganz heran. Vielleicht war ich auch nur abgelenkt durch die vielen Piercings, Silberringe in Augenbrauen, Ohren und Nase. Er trug schwarzweiße Converse-Sneakers, Stovepipe-Jeans mit Kettengürtel, schwarzes T-Shirt mit japanischen Schriftzeichen, schwarze Denim-Jacke.
Morelli war ein Frühreifer gewesen, schnell erwachsen geworden, auf die harte Tour. Sein Vater war ein mieser Trinker, und Morelli hatte schon als kleiner Junge gelernt, seine Fäuste zu gebrauchen. So boxte er sich durchs Leben. Manchmal gebrauchte er seine Hände auch dazu, um Mädchen zu verführen und sie auszuziehen. Als Morelli und ich zum ersten Mal Doktor spielten, war ich fünf, er sieben. In Abständen wiederholten wir das Spiel, und seit einiger Zeit sind wir anscheinend ein Paar. Heute ist er Polizist, und trotz aller Widrigkeiten hat er die Wut, mit der er aufgewachsen ist, größtenteils abgelegt. Er hat ein hübsches Hüttchen von seiner Tante Rose geerbt und ist so häuslich geworden, dass er sich einen Hund und einen Rührstab angeschafft hat. Für einen Schnellkochtopf, für zwanghaftes Klodeckelschließen und Topfpflanzen in der Küche reicht die Häuslichkeit jedoch noch nicht.
Mario sah eher aus wie ein Spätzünder. Er war klein für sein Alter, und der Computerfreak stand ihm voll ins Gesicht geschrieben.
Ich stieg aus meinem Nissan und ging zu den Kids. »Mario Rizzi?«
»Was geht Sie das an?«
»Viel«, sagte ich. »Deine Mutter kann dich heute nicht abholen. Ich habe ihr versprochen, dich nach Hause zu bringen.«
Das löste pubertäres Gelächter unter Marios idiotischen Freunden und einige blödsinnige Bemerkungen aus.
»Ich heiße Zook«, stellte Mario klar. »Auf Mario höre ich nicht.«
Ich verdrehte die Augen, packte Zook hinten am Griff seines Rucksacks und zerrte ihn zum Auto.
»Was ist denn das für ein Schrotthaufen?«, sagte er. Er ließ die Arme baumeln und musterte den Nissan.
»Was dagegen?«
Er zuckte die Achseln und wuchtete die Tür auf. »Ich meine ja nur.«
Ich fuhr die kurze Strecke bis zum Kautionsbüro und hielt direkt davor am Straßenrand.
»Was geht hier ab?«, fragte er.
»Deine Mutter sitzt wieder in der Arrestzelle, weil sie zu ihrem Prozess nicht vor Gericht erschienen ist. Sie hat keine Sicherheiten für die Kaution, und ich darf dich nicht zu Hause absetzen, weil da kein Mensch ist. Deswegen liefere ich dich vorübergehend hier im Kautionsbüro ab, bis ich was Geeigneteres für dich gefunden habe.«
»Nein, ich will nicht.«
»Nein? Was soll das heißen? Nein ist keine Alternative.«
»Ich steige nicht aus dem Auto aus.«
»Hör zu. Ich bin Kautionsdetektivin. Ich könnte dich fertigmachen oder auch gleich abknallen, wenn du nicht aussteigst.«
»Glaube ich nicht. Ich bin noch minderjährig. Das Jugendamt stünde sofort bei Ihnen auf der Matte. Übrigens, Ihr Auge zuckt.«
Ich kramte das Handy aus meiner Umhängetasche und rief Morelli an. »Hilfe!«, sagte ich.
»Was ist denn jetzt schon wieder?«
»Kannst du dich noch an Mario erinnern, den Jungen von deiner Kusine Loretta?«
»So ungefähr.«
»Er sitzt neben mir im Auto, und er weigert sich auszusteigen.«
»Der Besitzer ist immer im Recht.«
Zook lümmelte sich auf dem Beifahrersitz und beobachtete mich aus den Augenwinkeln, Arme vor der Brust verschränkt, verstockt. Ich stöhnte und erzählte Morelli, was ich mit Loretta abgemacht hatte.
»Ich habe um vier Uhr Feierabend«, sagte Morelli. »Wenn Loretta dann noch nicht gegen Kaution wieder auf freiem Fuß ist, nehme ich dir den Jungen ab. Bis dahin musst du allein mit ihm zurechtkommen, Pilzköpfchen.«
Ich legte auf und rief Lula an.
»Yeah?«
»Ich bin draußen im Auto, und neben mir sitzt Lorettas Sohn.«
Lulas Gesicht erschien im Ladenfenster des Kautionsbüros. »Ich kann euch beide sehen. Was ist los?«
»Er will nicht aussteigen«, sagte ich. »Vielleicht kannst du ihn ja dazu überreden.«
»Klar doch«, sagte Lula. »Überreden ist meine Stärke.«
Die Tür zum Kautionsbüro öffnete sich, Lula hob ihren Hintern über die Straße auf mein Auto zu und riss die Beifahrertür auf.
»Was ist los?«, fragte sie Mario.
Zook antwortete nicht, schmollte weiter vor sich hin.
»Ich soll dich aus dem Wagen holen und ins Büro eskortieren«, sagte Lula und beugte sich vor. Mit ihrer künstlichen roten Haarpracht und den medizinballgroßen, schokoladenfarbenen Brüsten, die den zebragestreiften Pullover beinahe zum Bersten brachten, füllte sie den gesamten Türrahmen aus.
Zook heftete seinen Blick auf Lulas Goldzahn mit dem Brillantsplitter, dann versank er in den Untiefen ihres Ausschnitts, wobei ihm beinahe die Augen aus dem Kopf fielen. »Oh Mann!«, ließ er sich mit einigermaßen quakender Stimme vernehmen, schrumpfte auf seinem Sitz förmlich zusammen und fummelte schon am Schloss des Sicherheitsgurts herum.
»Ich habe so meine Methode bei Männern«, sagte Lula zu mir.
»Er ist kein Mann«, sagte ich zu ihr. »Das ist noch ein Kind.«
»Bin wohl schon ein Mann«, sagte er. »Soll ich es Ihnen beweisen?«
»Nein«, sagten Lula und ich im Chor.
»Was schneit denn da herein?«, sagte Connie, als wir zu dritt im Büro einliefen.
»Darf ich euch Mario für eine Stunde überlassen? Ich springe nur mal eben rüber zu Rangeman.«
»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich Zook heiße! Und wer oder was ist Rangeman?«
»Ich arbeite für einen Mann namens Ranger, und die Security-Firma, die ihm gehört, nennt sich Rangeman.«
»Bist du der Zook, der überall in der Stadt seinen Namen hinschmiert?«, fragte Lula ihn. »Was ist das überhaupt für ein Name?«
»Mein Deckname bei Minionfire.«
»Hä? Was ist denn Minionfire?«
»Wollen Sie mich verarschen? Sie kennen Minionfire nicht? Minionfire ist das beliebteste, stärkste, krasseste, absolut geilste und sauschwierigste Computerspiel der Welt. Erzählen Sie mir nicht, Sie hätten noch nie von der Nation of Minionfire gehört!«
»Nation? In meinem Viertel gibt es verschiedene Nationalitäten, und es gibt Gangs und Kirchen, die sich Nation of Bloods, Crips oder Nation of Islam nennen. Baptisten gibt es auch noch ein paar, aber die haben kaum was zu melden.«
Zook holte einen Laptop aus seinem Rucksack. »Ich kann mich hier doch einklinken, oder?«
»Hast du keine Hausaufgaben auf?«, fragte Connie ihn.
»Meine Hausaufgaben habe ich schon gemacht. Ich hatte nämlich Schularrest statt Mittagspause. Ich muss unbedingt Moondog abchecken. Moondog ist ein Griefer, und er sammelt die Waldelfen um sich.«
Damit hatte er Lulas Aufmerksamkeit. »Sind das die netten Kobolde, die dem Weihnachtsmann helfen?«
»Waldelfen sind böse, und sie können nur von einem Blybold Wizzard im dritten Level gestoppt werden, so einer wie Zook.«
»Wie ein Blybold Wizzard siehst du nicht gerade aus«, stellte Lula fest. »Dafür hast du dir zu viele Löcher ins Gesicht gestochen. Pass auf, dass nicht irgendwann deine Innereien rauskommen.«
Unwillkürlich fasste sich Zook ans Ohr mit den sechs Piercings. »Frauen stehen auf so was.«
»Yeah«, sagte Lula. »Wahrscheinlich sind sie alle nur scharf auf deine Ohrringe.«
»Dürfte ich vielleicht noch mal auf mein akutes Problem zu sprechen kommen?«, unterbrach ich. »Ich muss Mario irgendwo unterbringen, oder Zook, egal wie er nun heißt. Ranger will mich sprechen, er hat einen Job für mich.«
»Was kann das schon für ein Job sein«, stöhnte Lula.
»Ein richtiger Job«, sagte ich.
»Klar«, sagte Lula. »Habe ich mir schon gedacht. Was denn für einen Job?«
»Das weiß ich nicht.«
»Ach, so einer?«, sagte Lula.
Carlos Manoso ist in meinem Alter, aber mir an Lebenserfahrung um Jahrzehnte voraus. Er ist Amerikaner kubanischer Abstammung und hat Familie in Newark und Miami. Er hat einen dunklen Teint, dunkle Augen, sein Haar ist dunkelbraun und zurzeit zu kurz für einen Pferdeschwanz, den er sonst trägt, aber lang genug, um ihm in die Stirn zu fallen, wenn er schläft oder anderweitig im Bett beschäftigt ist. Ranger ist gut bestückt, mit Muskeln an den richtigen Stellen, und er hat ein Killerlächeln, das man nur selten zu sehen bekommt. Sein Rufname ist Ranger, ein Überbleibsel aus seiner Zeit bei den Special Forces der Army.
Als ich in Vincent Plums Kautionsbüro anfing, arbeitete Ranger dort hauptsächlich als Kautionsdetektiv und war so etwas wie mein Lehrer und Mentor. Heute ist er Mitbesitzer einer Security-Firma mit Niederlassungen in Boston, Atlanta und Miami. Ranger trägt nur Schwarz, er riecht wie das Bulgari-Green-Duschgel, er lebt sehr zurückgezogen, und er ernährt sich gesund. Fast könnte man sagen, es ist nicht die reinste Freude mit ihm zusammen, aber er kann zu großer Form auflaufen. Und bei den seltenen Gelegenheiten, die wir beide intim miteinander verkehrt haben … WOW.
Rangeman Security hat seinen Sitz in einer Seitenstraße im Stadtzentrum von Trenton, in einem unscheinbaren siebenstöckigen Backsteinbau. Der Firmenname steht nur auf einem kleinen Schild über der Haustürklingel. Der oberste Stock ist Rangers Privatwohnung, zwei weitere Stockwerke sind für die Unterbringung von Mitarbeitern reserviert, auf einem Stockwerk wohnen der Hausmeister und seine Frau Ella. Im vierten Stock ist das Kontrollzentrum untergebracht, und in den beiden übrigen Etagen befinden sich Besprechungszimmer, weitere Büros sowie der Empfang. Darüber hinaus gibt es noch zwei Kellergeschosse. Eine Privatführung durch alle Räumlichkeiten war mir nie vergönnt, aber ich vermute, dass sich da unten Kerker und Verliese und Folterinstrumente befinden, und irgendwo schuftet da auch Rangers Privatschneider in seinem Atelier.
Ich erschlich mir mit einem Funkschlüssel Zugang zur Tiefgarage und stellte meinen Nissan neben Rangers schwarzen Porsche Turbo. Ich nahm den Aufzug in den vierten Stock, winkte den Männern vor den Überwachungsbildschirmen zu und ging weiter Richtung Rangers Büro. Die Tür stand offen, Ranger saß an seinem Schreibtisch und sprach in ein Headset. Sein Blick wanderte zu mir, er brachte das Telefongespräch zu Ende und setzte das Headset ab.
»Babe«, sagte er.
Babe - aus Rangers Mund konnte das alles Mögliche bedeuten. Was Gutes, was Schlechtes, manchmal klang es belustigt, manchmal wie ein Lockruf. Heute war es ein einfaches Hallo.
Ich setzte mich ihm gegenüber auf einen Stuhl. »Was gibt es?«
»Ich brauche weibliche Begleitung«, sagte Ranger.
»Ist das gleichbedeutend mit Sex?«
»Nein. Es ist rein beruflich. Aber ein bisschen Sex könnte ich als Zugabe oben drauflegen, falls du Interesse hättest.«
Er erntete ein Lächeln von mir. Ich hatte kein Interesse, aus verschiedenen Gründen, wobei Joe Morelli der ausschlaggebende war. Trotzdem, es war ganz beruhigend zu wissen, dass das Angebot auf dem Tisch lag. »Und was ist der berufliche Aspekt?«
»Man hat mich gebeten, den Personenschutz für Brenda zu übernehmen.«
»Für Brenda? Der Sängerin?«
»Ja. Sie ist für drei Tage in der Stadt. Konzert, Presse, Medien und eine Benefizveranstaltung. Ich soll dafür sorgen, dass sie trocken bleibt, keine Drogen nimmt und alles ohne Schaden übersteht. Wenn ich einen meiner Männer auf sie ansetze, frisst sie den bei lebendigem Leib auf und kotzt ihn vor den Journalisten wieder aus. Also übernehme ich den Personenschutz selbst, brauche allerdings Unterstützung.«
»Warum nimmst du nicht Tank?«
Tank ist der zweite Mann nach Ranger. Ranger vertraut ihm voll und ganz, und Tank hält ihm dafür den Rücken frei. Tank heißt Tank, weil er so aussieht wie ein Panzer, zwei Zentner Muskeln verteilt auf zwei Meter Körper, ohne Hals. Außerdem ist Tank zurzeit Lulas Freund.
»Der Manager von Brenda hat mich gebeten, dass sich die Security während der öffentlichen Auftritte im Hintergrund hält. Das geht bei Tank schlecht, Tank ist so gut wie nicht zu übersehen«, sagte Ranger. »Tank und Hal stehen abwechselnd Wache vor Brendas Hotel. Wenn sie aus dem Haus geht und sich draußen frei bewegt, übernehmen wir die Aufsicht. Sie kann uns als Reisebegleitung ausgeben, und du darfst sogar auf die Damentoilette mit ihr und aufpassen, dass sie sich keine Pilzchen einpfeift.«
»Hat sie keinen eigenen Bodyguard?«
»Der ist gestern Abend ausgerutscht und hat sich den Knöchel gebrochen, als er aus dem Flugzeug stieg. Sie haben ihn gleich zurück nach Kalifornien geschickt.«
»Es wundert mich, dass du so einen Auftrag annimmst.«
»Ich tue es Lew Pepper, dem Konzertagenten, zuliebe.« Ranger schob mir ein Blatt Papier hin. »Das ist der Terminplan für Brendas öffentliche Auftritte. Wir müssen jeweils eine halbe Stunde vorher in ihrem Hotel sein und auf Abruf bereitstehen. Sobald sie das Zimmer verlässt, sind wir da.«
Ich kaute auf der Unterlippe und sah mir den Plan genauer an. Morelli wäre nicht gerade erfreut, wenn ich so viel Zeit mit Ranger verbringen würde. Und Brenda erst, Brenda war eine wandelnde Katastrophe. Brenda hieß einfach nur Brenda, sie hatte keinen weiteren Namen, genau wie Cher oder Madonna, die kommen auch ohne Nachnamen aus. Brenda war einundsechzig Jahre alt, achtmal verheiratet und beinhart, und es ging das Gerücht, sie sei gemein wie eine Schlange. An ihre letzte CD konnte ich mich nicht mehr erinnern, aber sie hatte irgendwo einen Act in einem Nachtclub. Babysitter für Brenda, das würde ein Albtraum.
»Babe«, sagte Ranger, der meine Gedanken las. »Ich bitte dich nicht oft um einen Gefallen.«
Ich seufzte, faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in die Hosentasche. »Das Benefizkonzert ist ja schon heute Abend. Begrüßung um halb sechs. Wir treffen uns um fünf in der Hotellobby.«
Zook war in der Welt von Minionfire versunken, als ich im Kautionsbüro einlief. Connie saß am Computer, und Lula suchte ihre Sachen zusammen, weil sie Feierabend machen wollte.
»Ich muss nach Hause und mich schön machen«, sagte Lula. »Tank kommt heute Abend. Ist schon das dritte Mal diese Woche, dass wir uns sehen. Langsam wird es ernst. Würde mich nicht wundern, wenn er mir heute die Frage aller Fragen stellt.«
»Und was für eine Frage soll das sein?«, wollte Connie wissen.
»Die große Frage eben. Die H-Frage. Wenn er nicht so schüchtern wäre, hätte er die H-Frage bestimmt längst gestellt. Ich will ihm ein bisschen auf die Sprünge helfen. Ich mache ihn betrunken, dann ist er nett und entspannt. Auf dem Weg nach Hause fahre ich im Diamantenviertel vorbei und kaufe einen Verlobungsring. Das erspart ihm die ganze Sucherei. Männer hassen Shoppen.«
»Sind wir mit Lorettas Kaution weitergekommen?«, fragte ich Connie.
Connie schielte zu Zook, der über seinen Laptop gebeugt war, und sah dann wieder mich an. Nein, bis jetzt noch nicht, besagte diese stumme Kommunikation. Weil alle, die früher schon mal Kaution für Loretta gezahlt hatten, ihr Geld verloren hatten, war es gar nicht so einfach, jemanden zu finden, der sich noch mal breitschlagen ließ.
Lula hatte sich ihre Tasche bereits umgehängt und klimperte mit den Autoschlüsseln. »Was wollte Ranger eigentlich von dir?«
»Er macht für die kommenden drei Tage den Personenschutz für Brenda, und er braucht mich zur Unterstützung.«
Morelli wohnt auf halber Strecke zwischen meiner Wohnung am Stadtrand von Trenton und dem Haus meiner Eltern in Chambersburg, kurz Burg. Es ist ein bescheidenes zweistöckiges Reihenhaus in einer ruhigen Straße in einem alten Arbeiterviertel. Wohnzimmer, Speisezimmer, Küche und Bad im Erdgeschoss und oben noch mal drei kleine Schlafzimmer und ein Bad. Ich wüsste nicht, dass Morelli jemals in dem Speisezimmer gegessen hätte. Frühstücken tut er an dem kleinen Küchentisch, Mittagessen im Stehen an der Spüle und Abendessen im Wohnzimmer vorm Fernseher. Hinterm Haus befindet sich eine einfache Garage, die Zufahrt erfolgt über eine mit Schlaglöchern übersäte Gasse, aber Morelli stellt seinen SUV sowieso immer vorm Haus am Straßenrand ab. Der Garten selbst ist handtuchgroß und wird rein zweckmäßig genutzt. Nur Morellis Hund Bob hält sich manchmal dort auf.
Ich parkte vorm Haus und sah Zook an, der neben mir saß. »Du kennst Joe Morelli doch, oder?«
»Woher?«
»Ihr seid verwandt.«
»Das habe ich auch schon gehört.« Zook musterte das Haus. »Ich hätte gedacht, es wäre größer. Seit mein Onkel aus dem Gefängnis ist, redet er über nichts anderes. Das Haus. Er sagt, eigentlich würde es ihm zustehen, aber Morelli hätte es sich von ihm erschwindelt.«
»Kann ich mir kaum vorstellen bei Morelli«, sagte ich.
»Er soll der große, böse Bulle sein, Frauenaufreißer und so. Was hat so einer in diesem Verlies verloren?«
Anfangs hatte ich damit auch zu kämpfen gehabt.
Morelli stellte ich mir eher in einer coolen Eigentumswohnung vor, Riesenflachbildschirm, fette Stereoanlage, im Wohnzimmer ein Flipperautomat. In Wahrheit war Morelli auf einem ganz anderen Dampfer. Er zog ganz unvoreingenommen in Roses Haus ein, das Haus und Morelli machten gegenseitig Inventur, und sie passten sich an. Das Haus verlor seine Spießigkeit, und Morelli legte seinem ausschweifenden Leben die Zügel an.
Ich zog den Schlüssel aus dem Anlasser, stieg aus dem Auto und ging zur Haustür, Zook im Schlepptau.
»Das ist doch bescheuert«, sagte Zook, der hinter mir her trödelte. »Ich kann einfach nicht fassen, dass meine Mutter so eine blöde Spritbude überfallen hat.«
Was sollte ich dazu sagen? Ich wollte nicht dastehen, als würde ich bewaffneten Raubüberfall gutheißen, gleichzeitig wollte ich auch keine Untergangsstimmung verbreiten. »Manchmal machen gute Menschen dumme Sachen«, sagte ich. »Wenn du zu deiner Mutter hältst, dann wird alles wieder gut … irgendwann. Tritt zurück, wenn ich gleich die Tür aufmache, sonst rennt Morellis Hund dich um.«
Ich schloss die Tür auf, und zuerst ein Wusch, dann das Geräusch trappelnder Hundepfoten. Bob erschien mit flatternden Ohren, heraushängender Zunge, Sabber in alle Richtungen schleudernd. Er sauste an uns vorbei, sprang von der kleinen Veranda herunter, rannte zum nächsten Baum und hob sein Bein.
Zook riss die Augen auf. »Was ist denn das für ein Hund?«
»Das wissen wir auch nicht so genau. Hauptsächlich Golden Retriever. Er heißt Bob.«
Bob pinkelte eine gefühlte halbe Stunde lang und trottete dann zurück ins Haus. Ich schloss die Tür hinter ihm und sah auf die Uhr. Es war vier. Morellis Dienst war um vier Uhr zu Ende. Für die Fahrt nach Hause brauchte er eine halbe Stunde. Um fünf musste ich im Hotel sein, fertig umgezogen. Von meiner Wohnung zum Hotel dauerte es um die Tageszeit mit dem Auto eine halbe Stunde. Es würde also nicht hinhauen.
Zook schaute sich in Morellis Arbeitszimmer um. »Kann ich hier drahtlos ins Netz?«
»Das weiß ich nicht. Morelli hat seinen Computer oben im Büro, aber ich habe auch schon gesehen, dass er hier unten gearbeitet hat.«
Zook zog seinen Laptop aus dem Rucksack. »Ich probiere es mal.«
»Ja, gut. Ich muss nämlich gleich los. Morelli müsste jede Minute hier sein. Ich verlass mich drauf, dass du brav hier sitzen bleibst und keinen Blödsinn machst.«
»Klar«, sagte Zook.
Ich rief Morelli auf seinem Handy an. »Wo bist du?«
»Ich biege gerade in die Hamilton.«
»Wir sind bei dir zu Hause. Leider habe ich um fünf Uhr einen Termin, und vorher muss ich noch zu mir in die Wohnung, mich umziehen. Ich muss Zook ein paar Minuten allein lassen.«
»Wer ist Zook?«
»Das wirst du schon sehen. Kleiner Tipp: Setz lieber dein Kojak-Blaulicht aufs Dach und gib Gas.«
2
Ich habe eine Zweizimmerwohnung mit Bad im ersten Stock eines dreigeschossigen Mietshauses; das Haus ist aus rotem Backstein, praktisch und funktionell. Der Hausflur ist eng, der Aufzug unzuverlässig. Der Haupteingang geht auf eine lebhafte Straße mit vielen kleinen Geschäften, an den Hinterausgang grenzt ein Mieterparkplatz. Von meinem Schlafzimmer und meinem Wohnzimmer aus blicke ich auf den Parkplatz, zum Glück, denn das ist die ruhigere Seite, außer montags und donnerstags, wenn um fünf Uhr die Mülltonnen geleert werden. Ich teile meine Wohnung mit einem Hamster, der Rex heißt.
Ich latschte auf die Bremse, brachte die Karre abrupt zum Stehen, schoss aus dem Auto, ließ den Aufzug links liegen, peste, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hoch und rammte den Wohnungsschlüssel ins Loch. Unterwegs zum Schlafzimmer rief ich Rex kurz Hallo zu, keine Zeit für einen Plausch.
Zehn Minuten später war ich wieder draußen, in schwarzen Heels und schwarzem Kostüm, weißes Tank-Top unter der Jacke. Das Make-up hatte ich aufgefrischt, die Frisur aufgelockert und die Smith&Wesson in meine Tasche gesteckt. Die Pistole war nicht geladen, und ich hatte keine Zeit mehr, um noch Munition aufzutreiben, aber wenigstens war meine Tasche jetzt schwer genug, um sie als Wurfgeschoss zu verwenden, für den Fall, dass ich sie jemandem vor den Kopf knallen musste.
Ich schloss mein Auto auf, da rief Morelli an.
»Ich bin gerade nach Hause gekommen. Der Junge trägt ein schwarzes Seidencape, er hört nur auf den Namen Zook, und er spricht von nichts anderem als Moondog, irgend so einem komischen Wesen.«
»Bestellt euch eine Pizza und nimm es, wie es kommt«, riet ich ihm.
Es war fünf Minuten nach, als ich in die Parkgarage des Hotels rollte. Bei jedem anderen wäre die Verspätung weiter kein Problem gewesen, bei Ranger nicht. Ranger hat viele gute Eigenschaften, Geduld gehört nicht dazu.
Ich rannte durch die Garage, bremste ab, als ich die Hotellobby erreichte, strich den Rock glatt und schritt auf Ranger zu. Er trug schwarze Schuhe, schwarzen Blazer, schwarzes Hemd und eine schwarze Krawatte. Auf der schwarzen Krawatte war ein schwarzer Streifen zu erkennen. Wenn das Gentleman’s Quarterly ein Heft über Auftragskiller gemacht hätte, Ranger wäre auf dem Titelblatt gelandet.
»Steht dir gut«, sagte ich.
»Ich passe mich nur der Rolle an«, konterte Ranger.
Ich folgte ihm in den zweiten Stock, wo sich die einzige Suite des Hotels befand. Vor der Tür stand Tank, Arme verschränkt, Füße in Rührt-euch-Stellung. Er hatte das übliche schwarze Rangeman-T-Shirt und Cargo-Pants an und um die Hüften eine Waffe geschnallt.
»Irgendwelche Probleme?«, erkundigte sich Ranger.
»Nein«, antwortete Tank. »Sie hat ihr Zimmer nicht verlassen, seit ich die Schicht übernommen habe.«
»Dann übernehmen wir jetzt«, sagte Ranger.
Ich sah Tank auf seinem Weg zum Aufzug hinterher und dachte an Lula, die gerade einen Verlobungsring erstand. Als Verlobte konnte ich mir Tank und Lula noch vorstellen, aber wie sie ein geregeltes Eheleben führen wollten, das überstieg meine Fantasie.
Ranger klopfte an Brendas Tür und wartete. Dann klopfte er ein zweites Mal.
»Vielleicht ist sie auf der Toilette«, sagte ich.
Ranger holte eine Pass Card aus seiner Tasche, schob sie in den Schlitz und öffnete die Tür. »Guck mal nach, wo sie steckt.«
Auf Zehenspitzen betrat ich den Eingangsbereich und spähte ins Wohnzimmer. »Hallo?«, rief ich.
Eine junge Frau huschte aus dem Schlafzimmer zur Tür. Sie war schlank, ihr Gesicht war verhärmt und hatte den gierigen, gehetzten Ausdruck eines Menschen, der gerade mit dem Rauchen aufgehört hatte. Ihre Frisur war ohne jeden Pfiff, das schwarze Haar schlicht hinter die Ohren gekämmt. Sie trug einen Rock, Strickpullover und Schuhe ohne Absatz. Sie machte keinen sonderlich glücklichen Eindruck. »Ja?«, sagte sie.
»Security«, sagte ich. »Wir sind gekommen, um Brenda zur Benefizgala zu eskortieren.«
»Sie macht sich gerade fertig.«
»Ehrlich«, rief Brenda aus dem Schlafzimmer. »Warum muss ich mir das antun?!«
Brenda war in Kentucky geboren und aufgewachsen. Sie hatte eine Stimme wie eine Country-Sängerin und nahm kein Blatt vor den Mund. Aus dem, was in den Klatschzeitungen zu lesen war, musste man schließen, dass sie mit ihren einundsechzig Jahren ein alternder Star auf dem absteigenden Ast war und dass ihr Abtritt nicht in Würde geschah.
»Es ist eine Benefizveranstaltung«, sagte die junge Frau. »Eine Geste des guten Willens. Wir wollen versuchen, Ihr Image aufzupolieren, nachdem Sie letzte Woche den Kameramann überfahren haben.«
»Das war ein Unfall.«
»Erst sind Sie über seinen Fuß gefahren, dann haben Sie den Wagen zurückgesetzt und haben den Mann umgefahren!«
»Ich war völlig verstört. Hören Sie endlich auf, ständig an mir rumzumeckern, verdammt noch mal. Für wen arbeiten Sie eigentlich? Ich will ein Glas Wein. Wo bleibt mein Wein? Ich habe extra darum gebeten, dass ein Flasche Sauvignon Blanc aus Neuseeland in den Weinkühler gestellt wird. Ich brauche meinen Sauvignon.«
Ich sah auf die Uhr. »Bist du auch dafür verantwortlich, dass sie rechtzeitig da ist?«, fragte ich Ranger.
»Ich bin dafür verantwortlich, dass sie lebend hinkommt.«
»Ich bin dafür verantwortlich, dass sie rechtzeitig da ist«, sagte die dunkelhaarige Frau. »Nancy Kolen, mein Name. Ich bin die Presseagentin für diese Tour. Ich arbeite für Brendas Plattenfirma.«
»Ich habe überhaupt nichts anzuziehen«, sagte Brenda. »Was soll ich bloß anziehen? Es ist schrecklich, aber warum bin ich immer nur umgeben von Amateuren? Ich möchte einen Stylisten. Ist das vielleicht zu viel verlangt? Wo ist mein Stylist? Erst kriege ich keinen Sauvignon, und jetzt fehlt auch noch der Stylist. Wie soll man unter diesen Bedingungen arbeiten?«
Nancy Kolen verschwand im Schlafzimmer, und zehn Minuten später kam Brenda herausgesegelt, Nancy im Kielwasser.
Brenda war schlank, aber muskulös, und ihre Haut war schlammig orange vom Spraytanning. Sie hatte große Brüste, rotbraunes Haar, an den Spitzen blond, und ihre Lippen sahen aus, als wären sie mit Druckluft aufgepumpt.
Sie trug ein ärmelloses rotes Schlauchkleid, das wie eine zweite Haut war, zehn Zentimeter hohe Pfennigabsätze und ein weißes Nerzjäckchen. Sie sah aus wie eine abgetakelte Nutte, die auf Weihnachtsmann-Kundschaft wartet.
Ranger stand hinter mir, drückte sich an mich, und ich spürte, wie er schmunzelte, als Brenda den Raum betrat. Ich stieß ihm mit den Ellbogen in die Seiten, und er gab mit dem Ausatmen ein kaum hörbares bellendes Lachen von sich.
»Was haben wir denn da Appetitliches«, sagte Brenda mit einem musternden Blick auf Ranger. »Ich könnte dich glatt fressen, mein Süßer. So scharf wie du bist.«
Das Lächeln in Rangers Gesicht blieb standhaft. Schwer zu sagen, ob es Ranger Spaß machte oder ob er einfach nur höflich war.
»Stephanie und ich stellen die Security«, sagte er.
»Hast du auch einen Namen?«
»Ranger.«
»Ranger wie der Long Ranger?«, fragte Brenda.
Für einen Moment herrschte Schweigen, und ich überlegte, ob ich Brenda auf ihren Irrtum aufmerksam machen sollte, aber in Wahrheit wussten wir natürlich genau, was sie meinte und worauf sie aus war. Ranger trat schließlich vor und öffnete die Zimmertür.
»Eher wie ein Army Ranger«, sagte er.
Brenda schlüpfte durch die Tür und nutzte die Nähe, um sich an Rangers Körper zu drücken. »Wie ich höre, sollen die Jungen von der Army große Schießeisen haben.«
Nancy und ich verdrehten die Augen, Ranger blieb angenehm gelassen.
Ich verließ als Letzte das Zimmer. »Ich habe dein Schießeisen schon mal gesehen«, flüsterte ich Ranger ins Ohr. »Soll ich ihr sagen, wie lang es ist?«
»Nicht nötig, aber wie wär’s, wenn wir uns später bei einem Glas Wein darüber unterhalten?«
Nancy übernahm die Führung und drückte den Aufzugknopf. Die Tür öffnete sich, wir traten ein, und Brenda rückte nahe an Ranger heran. »Was ist, Sahneschnittchen, kommst du heute Nacht zu mir?«, fragte sie ihn.
Erneutes Augenverdrehen bei Nancy und mir, noch mehr Freundlichkeiten von Ranger. Die Tür öffnete sich wieder, und wir bahnten uns einen Weg durch die Menschenmenge in der Hotellobby. Nancy ging voraus, Ranger und ich, die Brenda in die Klemme nahmen, hinter ihr her. Wir schlugen eine Schneise durch das Gedränge, bis zu dem Raum, der für die persönliche Begegnung mit dem Star reserviert war. Sobald wir drin waren, die Türen hinter uns geschlossen, entspannte sich die Atmosphäre. Hier hatten sich die Schirmherren der Benefizveranstaltung versammelt, und sie hatten für diese Privataudienz mit Brenda sehr viel Geld bezahlt. Brenda wurde ein Champagnerglas gereicht, sie kippte es hinunter und griff sich das nächste.
»So schlimm ist es ja gar nicht«, sagte ich zu Ranger. »Ich meine, es schießt keiner auf sie. Und völlig danebenbenommen hat sie sich bis jetzt auch nicht. Gut, im Aufzug hat sie dich begrapscht, aber das bist du wahrscheinlich gewohnt.«
»Yeah«, sagte Ranger. »Passiert mir andauernd.«
Eine etwas über vierzigjährige Frau kam auf Brenda zu.
»Was ist das?«, fragte die Frau und zeigte auf Brendas Jacke.
»Eine Jacke.«
»Was für eine Jacke?«
Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel »Fearless Fourteen« bei St. Martin’s Press, New York.
Manhattan Bücher erscheinen im Wilhelm Goldmann Verlag, München, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH
1. Auflage
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2008 by Evanovich, Inc. All rights reserved. Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2010 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Die Nutzung des Labels Manhattan erfolgt mit freundlicherGenehmigung des Hans-im-Glück-Verlags, München
eISBN : 978-3-641-04730-6
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