Küsse lügen nie - Poppy J. Anderson - E-Book
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Küsse lügen nie E-Book

Poppy J. Anderson

4,6

Beschreibung

Al Rory ist ein gefeierter Footballspieler, erfolgreich, gut aussehend und ... schwul. Jedenfalls glaubt das Caroline Carter, die Schwester seines Teamkameraden. Die rebellische Bildhauerin mit der großen Klappe steckt zurzeit in einer finanziellen Bredouille und verliert einen Job nach dem anderen. Aber das hält sie nicht davon ab, den zurückhaltenden Al verkuppeln zu wollen, der nicht einmal ansatzweise ahnt, dass die hübsche Caroline ihn für schwul hält. Während Caroline der Meinung ist, dass Al seine Homosexualität nur deshalb geheim hält, weil er als Footballspieler im Rampenlicht der Sportwelt steht, und dass er sich outen sollte, hat Al tatsächlich ganz andere Gründe, weshalb er mit seinen Eroberungen nicht hausieren geht. Als er ihr in einer prekären Situation zu Hilfe kommt und ihr anbietet, bei ihm zu wohnen, nimmt das Chaos seinen Lauf.

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Beliebtheit




Küsse lügen nie

Poppy J. Anderson

Inhalt

Über das Buch

Alle Buchreihen der Autorin

Vorwort

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Epilog

Nachwort

Über das Buch

Al Rory ist ein gefeierter Footballspieler, erfolgreich, gut aussehend und ... schwul. Jedenfalls glaubt das Caroline Carter, die Schwester seines Teamkameraden. Die rebellische Bildhauerin mit der großen Klappe steckt zurzeit in einer finanziellen Bredouille und verliert einen Job nach dem anderen. Aber das hält sie nicht davon ab, den zurückhaltenden Al verkuppeln zu wollen, der nicht einmal ansatzweise ahnt, dass die hübsche Caroline ihn für schwul hält. Während Caroline der Meinung ist, dass Al seine Homosexualität nur deshalb geheim hält, weil er als Footballspieler im Rampenlicht der Sportwelt steht, und dass er sich outen sollte, hat Al tatsächlich ganz andere Gründe, weshalb er mit seinen Eroberungen nicht hausieren geht. Als er ihr in einer prekären Situation zu Hilfe kommt und ihr anbietet, bei ihm zu wohnen, nimmt das Chaos seinen Lauf.

Alle Buchreihen der Autorin

Die New York Titans ReiheDie Fitzpatrick ReiheDie Hailsboro ReiheDie Ashcroft SagaDie Taste of Love Reihe

1. Auflage Oktober 2018

Copyright © 2018 by Poppy J. Anderson

Covergestaltung: Catrin Sommer rausch-gold.com

Unter Verwendung von © rohappy - fotolia.de

Korrektorat: SW Korrekturen e.U.

www.poppyjanderson.de

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

Poppy J. Anderson

c/o copywrite Literaturagentur GmbH & Co. KG

Woogstraße 43

60431 Frankfurt/Main

Vorwort

Dieses Buch war eine wirklich schwere Geburt, denn unser wunderbarer Protagonist Al wirkt auf den ersten Blick wie ein sehr untypischer Liebesromanheld. Anders als die erfahrenen Millionäre und knallharten Badboys weiß Al nicht, wie er mit Frauen umgehen soll und besticht vor allem durch Zurückhaltung und Schüchternheit.

Daher dauerte es etwas länger, um seine Geschichte zu schreiben und herauszufinden, was er der Welt eigentlich mitteilen will.

Ich glaube, dass Al stellvertretend für viele Männer (und auch Frauen) steht, die mehr Zeit als andere brauchen, um zu sich selbst zu finden und erwachsen zu werden. Und das ist völlig okay.

Nehmt euch diese Zeit!

Eure Poppy

P.S. Nein, es ist kein grammatikalischer Fehler, dass das „s“ des Genitivs an den Namen „Al“ mit einem Apostroph gehängt wird. Zur besseren Lesart habe ich mich dafür entschieden, damit man zwischen dem Namen und einer Konjunktion am Satzanfang unterscheiden kann.

Prolog

Eigentlich brauchte Al nicht lange, um von der Schule nach Hause zu kommen. Er musste nicht einmal den Schulbus nehmen, sondern konnte mit dem Fahrrad fahren oder sogar zu Fuß laufen. Zu Fuß waren es gerade einmal zehn Minuten. Heute allerdings war er schon seit über einer halben Stunde unterwegs und lief einen Umweg nach dem nächsten, weil er nicht nach Hause gehen wollte. Ausgerechnet heute trödelte Al herum und schob sein Fahrrad, anstatt darauf zu fahren. Am Morgen hatte er beschlossen, in die Schule zu fahren, weil er nach dem Unterricht so schnell wie möglich nach Hause kommen wollte. Aber jetzt hatte er die Hosen voll und wollte noch nicht nach Hause gehen. Tatsächlich überlegte er, ob er einen kurzen Abstecher zu Patsy’s machen sollte, weil die Tierhandlung seit ein paar Tagen kleine Welpen anbot, mit denen Al liebend gerne gespielt hätte. Wenn er jedoch noch länger brauchte, um nach Hause zu kommen, würde seine Mom die Polizei anrufen oder ein Suchkommando losschicken. Sie wusste auf die Minute genau, wann Schulschluss war, und würde sich bald Sorgen machen. Wie er es drehte und wendete – entweder bekam er Ärger, weil er viel zu spät nach Hause kam, oder er bekam Ärger, weil Mike Flaherty es mal wieder auf ihn abgesehen hatte.

Dass er es auf Al abgesehen hatte, sah man an seinem blauen Auge, der blutigen Nase und den aufgeschürften Knien.

Es war offensichtlich, dass er sich geprügelt hatte – außerdem gab es da noch den schriftlichen Kommentar von seiner Lehrerin Miss Hesterfield, den seine Mom unterschreiben musste, bevor Al ihn morgen abgeben sollte. Seine Mom würde sofort wissen, was passiert war.

Und sein Dad würde es auch wissen.

Ihm wurde ein kleines bisschen schlecht, und er schluckte schwer, während er einen kleinen Kieselstein beiseitetrat.

Ausgerechnet heute musste Al mit einem zerrissenen T-Shirt und Blutergüssen im Gesicht nach Hause kommen. Ausgerechnet an dem Tag, an dem sich sein Dad für einen Besuch angekündigt hatte, musste er mit einer Notiz nach Hause kommen, auf der stand, dass er sich mit vier seiner Mitschüler geprügelt hatte. Sein Dad wäre bestimmt sauer. Einen schönen Nachmittag mit seinem Dad, den Al seit der Scheidung seiner Eltern vor fast zwei Jahren nur noch selten zu Gesicht bekam, konnte er sicherlich vergessen. Statt mit ihm Spaß zu haben und Zeit mit ihm zu verbringen, gäbe es mit großer Wahrscheinlichkeit eine fette Standpauke.

Das war auch der Grund, weshalb Al durch die Straßen der Nachbarschaft schlurfte und sich Zeit ließ, um nach Hause zu kommen. Er dachte angestrengt darüber nach, was er seinem Vater erzählen sollte, damit dieser nicht vor Wut schäumte – denn Al wusste, dass mit seinem Dad nicht gut Kirschen essen war, wenn der wütend war. Die Wutausbrüche waren der Grund gewesen, weshalb seine Mom sich von seinem Dad getrennt hatte. Und die anderen Frauen. Ja, die waren auch ein Grund gewesen.

Er senkte den Kopf und rümpfte die Nase, während ihm die Sonne im Nacken brannte.

Al war nicht blöd. Und dass er erst zehn Jahre alt war, bedeutete nicht, dass er nicht wusste, warum seine Mom nachts geweint hatte, wenn sie geglaubt hatte, dass er schlief. Es waren viele Nächte gewesen, in denen sein Dad spät nach Hause kam oder in denen er gar nicht erst zu Hause war. Als Footballspieler bei den Dallas Cowboys hatte er immer viel zu tun, war oft unterwegs und hatte nur wenig Zeit für seine Familie. Wenn er für sie keine Zeit hatte, obwohl er kein Spiel hatte, dann war es das Training. Und wenn es nicht das Training war, dann war es ein Werbespotdreh. Wenn es kein Werbespotdreh war, dann war es eine Autogrammstunde. Und wenn es keine Autogrammstunde war, dann war es irgendeine Frau. Darum war es in den Streits seiner Eltern ständig gegangen – sein Job und die anderen Frauen.

Die lautstarken Streitereien bei ihnen zu Hause, wenn sein Dad mal wieder über Nacht weggeblieben war oder wenn irgendwo ein Foto seines Dads mit einer hübschen Frau aufgetaucht war, hatte Al nie überhören können. Auch hatte er nie überhören können, wenn sein Dad vor Wut irgendwelche Möbelstücke durch die Gegend geworfen hatte. Irgendwann war es so schlimm gewesen, dass seine Mom mit Al ausgezogen war und die Scheidung eingereicht hatte. Seither war es zu Hause viel ruhiger und friedlicher geworden. Niemand schrie mehr, nichts flog mehr durch die Luft und seine Mom weinte nachts nicht mehr.

Trotzdem vermisste Al seinen Dad.

Meistens vergingen Wochen, oft sogar Monate, bis er seinen Dad sah, weil sein Vater beinahe jede Verabredung absagte. Er war weder zu Al’s Judoturnier noch zu seinem Schwimmwettbewerb und auch nicht zum Schulkonzert gekommen, bei dem Al Flöte gespielt hatte. Und als Al den zweiten Platz beim Buchstabierwettbewerb des gesamten Countys geholt hatte, war sein Dad auch nicht dabei gewesen. Sogar an seinem letzten Geburtstag hatte er sich nicht blicken lassen, sondern nur angerufen und ihm ein Geschenk geschickt – einen Football. Anstatt mit ihm seinen Geburtstag zu feiern, war er mit seiner neuen Freundin in Mexiko gewesen, wie Al erfahren hatte, als er seine Mom und deren beste Freundin belauscht hatte. An jenem Abend hatte Al nicht gewusst, was schlimmer gewesen war – dass seinem Dad ein Urlaub wichtiger war als er oder dass er ihm einen Football schenkte, obwohl Al kein Football spielte und sich einen Ölkreidekasten gewünscht hatte.

Auch die heutige Verabredung hatte er zweimal abgesagt, bevor er letzte Woche angerufen und versprochen hatte, dass er heute zu Besuch käme.

Die leise Hoffnung, dass sein Dad auch dieses Treffen abgesagt haben könnte und ihn nicht in diesem Zustand zu Gesicht bekam, schwand, als Al den schwarzen Pick-up in der Einfahrt sah. Betrübt schob er sein Fahrrad durch das Gartentor und lehnte es anschließend gegen die Verandabrüstung. Ganz automatisch straffte er die Schultern und stieg die drei Stufen zur Haustür hinauf, die er beinahe zögerlich öffnete.

„Al, da bist du ja! Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“ Kaum hatte er den Hausflur betreten, eilte seine Mom auf ihn zu. Gleich hinter ihr erspähte Al seinen Dad, der mit vor der Brust verschränkten Armen im Türrahmen stand und kein sonderlich fröhliches Gesicht machte. Genauso hatte er vor ein paar Monaten ausgesehen, als er bei einem Footballspiel am Spielfeldrand stand und zusah, wie sein Team verlor. Al hatte es im Fernsehen verfolgt und den Kommentatoren gelauscht, die davon sprachen, dass Al Rory ein aufbrausender Quarterback war, der die Niederlage kurz vor den Play-offs sicherlich nicht gut wegstecken würde. Anschließend hatte Al beobachten können, wie sein Dad vor lauter Wut gegen eine Getränkebox getreten hatte.

Er schluckte schwer und ließ seinen Rucksack zu Boden sinken, während seine Mom aufgeregt um ihn herumsprang, sobald sie sah, in welchem Zustand er war. Die Fragen, was passiert sei und ob es ihm gut ginge, ignorierte er und wartete darauf, dass sein Dad irgendetwas sagte. Der ließ sich jedoch Zeit und stieß sich erst nach einer gefühlten Ewigkeit vom Türrahmen ab, bevor er langsam auf ihn zukam. Während seine Mom besorgt um ihn war und die Blessuren in seinem Gesicht untersuchte, verfinsterte sich die Miene seines Dads. Eigentlich hatte sich Al das Wiedersehen mit seinem Dad ganz anders vorgestellt.

„Glenda, verhätschle den Jungen nicht so.“

Wie es schien, knirschte Al’s Mom mit den Zähnen und entgegnete ruppig, während sie eine Hand auf Al’s Schulter legte: „Seine Nase hat geblutet und sein linkes Auge schwillt an, Albert! Vielleicht sollten wir mit ihm zum Arzt fahren ...“

„Zum Arzt?“ Mit einem abfälligen Schnauben schüttelte sein Dad den Kopf. „Ihm fehlt nichts. Ich kenne Footballspieler, die sogar mit einer ausgekugelten Schulter auf dem Spielfeld stehen!“

„Er ist aber kein Footballspieler, sondern ein zehnjähriger Junge“, zischte Al’s Mom wütend zurück und drückte dabei Al’s Schulter. Vielleicht sollte die Geste beschützend oder aufmunternd wirken – Al war sie vor seinem Dad jedoch peinlich. Eigentlich mochte er es, wenn seine Mom ihn an sich zog, ihm über den Kopf streichelte und ihn tröstete, aber sobald sein Dad dabei war, kam sich Al wie ein kleiner Junge vor. Er hatte schon oft hören müssen, wie sich sein Dad darüber beschwerte, dass seine Mom aus ihm ein Weichei machte. Al wollte aber kein Weichei sein. Ja, er liebte seine Mom. Gleichzeitig wünschte er sich, dass sein Dad stolz auf ihn war.

Jetzt stand er hier und war hin- und hergerissen. Einerseits wollte er seiner Mom erzählen, was passiert war, und wollte, dass sie ihn tröstete. Andererseits wollte er nicht, dass sein Dad ihn für eine Heulsuse hielt. Und er wollte, dass sein Dad Zeit mit ihm verbrachte.

„Er ist ein zehnjähriger Junge, Glenda! Jungs in dem Alter prügeln sich ab und zu, wenn sie nicht gerade Memmen sind.“

Memme hörte sich genauso schlimm an wie Weichei. Ganz automatisch richtete sich Al auf, um seinem Dad zu beweisen, dass er weder das eine noch das andere war.

Seine Mom machte alles nur schlimmer, als sie zurückschoss: „Ein paar Jungs in der Schule haben es auf Al abgesehen und schikanieren ihn ständig, dabei will er nur seine Ruhe vor ihnen haben. Das wüsstest du, wenn du dir ab und zu die Mühe machen würdest, mit zu den Elternabenden zu kommen.“

Ganz automatisch versteifte sich Al, als er den bohrenden Blick seines Dads auf sich spürte, der ihm sagte, dass er ihn tatsächlich für ein Weichei und eine Memme hielt. Warum hatte es seine Mom auch so klingen lassen, als wäre er ein hilfloser, kleiner Junge?

„Du lässt dich schikanieren?“, grollte sein Dad. „Und du lässt dich von ihnen herumschubsen und verprügeln?“

Wieder war es Al’s Mom, die antwortete: „Es sind immerhin vier Jungs ...“

„Na und?“ Sein Dad schob sein Kinn nach vorn und fixierte ihn. „Du bist mein Sohn – und der lässt sich nicht schikanieren, herumschubsen oder verprügeln. Morgen gehst du in die Schule, schnappst dir den Anführer dieser Hosenscheißer und verpasst ihm eine Abreibung, die er nicht so schnell vergisst ...“

Seine Mom schnappte erschrocken nach Luft. „Albert!“

Mit einer herrischen Geste hieß er sie, zu schweigen. „Mein Sohn ist kein Schlappschwanz, der sich herumschubsen lässt! Wenn du ihn Football spielen lassen würdest, dann wüsste er längst, was zu tun wäre, wenn irgendjemand auf die Idee käme, ihn zu schikanieren. Er muss lernen, wie er sich Respekt verschafft!“

Der Griff um seine Schulter wurde fester, als seine Mom ihn an sich zog und gleichzeitig widersprach. „Aber nicht durch Prügel! Al soll seine Differenzen friedlich lösen. Am besten rufe ich die Eltern der anderen Jungs an, damit wir über die Angelegenheit reden können.“

„Willst du ihnen einen Stuhlkreis vorschlagen?“, höhnte sein Dad. „Damit machst du es nur schlimmer! Al ist ein kräftiger Junge, der sicherlich austeilen kann, wenn du ihn nur mal lassen würdest. Wenn er morgen ...“

„Du willst doch nicht wirklich vorschlagen, dass Al morgen in die Schule gehen und sich mit einem der anderen Jungs prügeln soll!“ Die Stimme seiner Mom überschlug sich vor lauter Empörung.

„Warum nicht? Sollen sie ruhig ihre eigene Medizin zu schmecken bekommen. Und anschließend ist Ruhe und niemand schikaniert ihn mehr.“

Beklommen stand Al zwischen seinen Eltern, die sich heftig darüber stritten, was er tun sollte, damit er nicht länger von den anderen Jungs schikaniert wurde. Währenddessen wurde das flaue Gefühl in seinem Magen immer größer und größer. Er hatte ihnen nämlich noch nicht alles erzählt.

Nervös und ängstlich zugleich öffnete er daher den Reißverschluss seines Rucksacks und zog den Brief seiner Lehrerin heraus, bevor er seine Eltern unterbrach, deren Stimmen immer lauter und lauter wurden.

„Mom? Miss Hesterfield hat dir einen Brief geschrieben“, stotterte er und hielt seiner Mom den Brief hin, während er von einem Bein auf das andere stieg. „Und ich glaube, sie will morgen mit dir reden.“

Seine Mom nahm den Brief entgegen, las die Zeilen seiner Lehrerin, blickte erschrocken auf und händigte seinem Dad schweigend den Brief aus, den er ebenfalls las. Gleichzeitig konnte Al seinen eigenen Herzschlag in seinen Ohren dröhnen hören.

„Stimmt es, was deine Lehrerin schreibt?“, wollte sein Dad von ihm wissen und blickte mit unbeweglicher Miene auf.

Natürlich hätte Al sagen können, dass er nicht mit der Prügelei angefangen hatte, dass er sich nur verteidigen wollte und dass Mike mit seinen drei Freunden gleichzeitig auf ihn losgegangen war, aber er nickte lediglich und flüsterte: „Ja, Sir.“

Das Schweigen im Hausflur dehnte sich aus, bis seine Mom fassungslos nachhakte: „Al, hast du wirklich einem der Jungen die Zahnspange ausgeschlagen und einem anderen die Nase gebrochen?“

Der Drang, sich zu verteidigen, wurde immer größer, weshalb er nach Luft schnappte. „Ja, aber ...“

Seine Mom schüttelte enttäuscht den Kopf. „Du weißt, dass du dich nicht prügeln sollst! Wir haben doch darüber geredet, dass Gewalt keine Lösung ist, Liebling. Du ...“

„Papperlapapp!“ Sein Dad unterbrach seine Mom und warf den Brief der Lehrerin nachlässig auf den kleinen Sekretär, der neben der Treppe nach oben stand. „Vier gegen einen ist verdammt unfair. Ich bin stolz auf dich, mein Sohn. Wenn dich jemand angreift, hast du das verfluchte Recht, dich zu wehren.“ Er zog Al von seiner Mom weg und legte ihm einen Arm über die Schulter. Sofort begann Al’s Herz vor Aufregung zu rasen – aber dieses Mal war es keine ängstliche Aufregung, dass er Ärger bekommen könnte, sondern pure Freude darüber, dass sein Dad stolz auf ihn war. Und dass er endlich hier war. „Du bist kein kleiner Junge mehr, sondern wirst bald ein Mann. Es wird Zeit, dass ich dir ein paar Tricks beibringe, die du benutzen kannst, wenn du dich das nächste Mal wehren musst. Und es wird Zeit, dass du der Familientradition folgst und Football spielst. Ich rede mal mit dem Coach deiner Schule.“

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, protestierte Al’s Mom gegen diesen Vorschlag. Und um ehrlich zu sein, war Al gar nicht so versessen darauf, Football zu spielen. Aber er wollte so gerne Zeit mit seinem Dad verbringen und noch einmal von ihm hören, dass er stolz auf ihn war, sodass er nickte, als sein Dad ihn ansah.

1

Er hatte nicht gewusst, dass sie ein buntes Schmetterlingstattoo knapp über ihrem Steißbein besaß.

Und er hatte auch nicht gewusst, dass sie diese Bewegungen draufhatte – Bewegungen, die ihn und jeden anderen Zuschauer im Raum dazu bringen sollten, ihr Dollarscheine in den winzigen Stringtanga zu stecken. Seine Kehle wurde trocken, während sie weiterhin an der Stange tanzte und mit einer eleganten Drehung verhinderte, dass er das Tattoo weiter betrachten konnte. Verdammt! Nur allzu gerne hätte er einen genaueren Blick darauf geworfen. Irgendetwas sagte ihm, dass der Anblick des tanzenden Schmetterlings auf ebenmäßiger Frauenhaut ihn ziemlich lange verfolgen würde. Und dann diese geschickte Drehung um die Stange ...

Er würde lügen, wenn er von sich behauptete, in den vergangenen Monaten nicht das eine oder andere Mal darüber nachgedacht zu haben, wie es wäre, sich nackt mit ihr auf einem Bett zu winden. Einmal hatte es sogar diesen Traum gegeben, in dem er sich vorgestellt hatte, sie unter sich zu haben und sie auf alle ihm bekannten Arten zu nehmen. In jenem Traum hatte sie ihre langen, schlanken Beine um seine Hüften geschlungen, ihren Körper gegen seinen gepresst und hatte ihre Fingernägel in seinen Rücken gegraben, während sie ihm zuraunte, dass sie niemals zuvor besseren Sex als mit ihm gehabt hatte. Und als sie seinen Namen gestöhnt hatte, war er aufgewacht.

Mit einem schmerzhaften Ständer.

Das Verstörende an jenem Traum war nicht etwa die Tatsache gewesen, dass sie die Schwester seines Teamkollegen war und er erst ein paar Worte mit ihr gewechselt hatte, sondern dass eine andere Frau erst kurz zuvor sein Bett verlassen hatte. Er kannte viele schöne Frauen und schlief mit einer nicht unerheblichen Zahl von ihnen, aber Sexträume mit einer bestimmten Frau hatte er nicht. Gut ... es hatte diesen einen Traum gegeben, in dem Beyoncé ihn regelrecht ins Koma gevögelt hatte, aber damals war er aufgrund einer Leistenverletzung zu vierwöchiger Abstinenz verdonnert worden und nicht mehr Herr seiner Sinne gewesen.

Den Traum, den er mit der Frau, die sich gerade ein paar Dollarnoten unter das Hüftbündchen ihres Stringtangas schieben ließ, gehabt hatte, konnte er sich bis heute nicht erklären. Vielleicht hatte es etwas damit zu tun gehabt, dass sie auf der Geburtstagsparty ihres Bruders dieses winzige Kleid mit dem wahnsinnigen Ausschnitt getragen und aus voller Kehle gelacht hatte, was er ziemlich sexy gefunden hatte. Vielleicht hatte es auch etwas mit dem braven Schulmädchenoutfit zu tun, in dem sie sich kurz darauf bei einem offiziellen Pressetermin mit ihrem Bruder und ihrem Dad gezeigt hatte, während sie werbewirksam Essen an Obdachlose verteilten.

Albert Daniel Rory junior, kurz Al genannt, beobachtete die Tänzerin mit der pinken Kurzhaarperücke und überlegte, ob ihm sein Verstand einen Streich spielte und er sich nur einbildete, die Frau auf der Bühne zu kennen. Es konnte ganz unmöglich sein, dass es Caroline Patricia Carter war, die hier in einem mehr oder weniger heruntergekommenen Stripclub in Brooklyn eine heiße Show vor männlichem Publikum ablieferte und nur hauchdünne Unterwäsche trug. Sie war immerhin die Tochter eines republikanischen Senators und Schwester eines Footballspielers aus der NFL, der im Nebenraum saß und anlässlich seines Junggesellenabschieds einen Lapdance von seinen Teamkollegen spendiert bekam.

Scheiße, der Abend konnte nur in einem Desaster enden!

Während sie sich mit einer geschmeidigen Bewegung um die eigene Achse drehte und ein Bein um die Stange schlang, bevor sie sich an dieser festhielt und für ein paar Sekunden in der Luft schwebte, wurde ihm vor lauter Erregung ganz schwindelig. Und das war ihm nicht mehr passiert, seit er mit zwölf Jahren ein Pornoheft seines Dads in die Finger bekommen hatte. Aber angesichts des prallen Hinterns, der sich im Takt von Pour some sugar on me bewegte, und ihrer Brüste, die sich gegen den glitzernden BH pressten, konnte Al gar nicht anders, als erregt zu werden. Er war schließlich hergekommen, um den Anblick schöner Frauen in verschiedenen Stadien der Bekleidung zu genießen. Dass er dabei ausgerechnet die Frau halb nackt zu Gesicht bekam, die bei ihrem letzten Aufeinandertreffen sein halbes Team gefragt hatte, ob sie für sie Nacktmodell spielen wollten, war eine sehr kuriose Wendung.

Wie hypnotisiert verfolgte er das Geschehen auf der Bühne und bemühte sich gleichzeitig, einen klaren Kopf zu bekommen.

Er kannte Caroline nicht besonders gut und hatte vielleicht fünf Sätze mit ihr gewechselt, von denen sich zwei darum gedreht hatten, ihr ein Bier aus dem Kühlschrank zu reichen, während die drei anderen eine Absage beinhalteten, als sie ein Modell für ihre Arbeit als Bildhauerin suchte. Von daher war es wahrscheinlich, dass er die Stripperin auf der Bühne mit ihr verwechselte. Wie gesagt: Caroline Carter war Bildhauerin und Politikertochter eines ambitionierten Dads, der auch noch saumäßig reich war. Solche Frauen tanzten nicht an Stangen und zogen sich dabei aus. Sie mochte etwas durchgeknallt sein, wofür ihr Auftritt bei der Theaterpremiere ihrer Schwägerin sprach, als sie ein T-Shirt mit Trump und Putin als homosexuelles Liebespaar in Lederklamotten getragen hatte, aber deshalb würde sie sicherlich nicht als Stripperin arbeiten. Wenn herauskäme, dass ausgerechnet die Tochter eines konservativen Senators in einem Stripclub arbeitete, gäbe es einen handfesten Skandal. Das wusste sogar Al, der sich für Politik nicht die Bohne interessierte. Mit Skandalen kannte er sich jedoch ziemlich gut aus.

Deshalb war es unmöglich, dass die Stripperin Caroline Carter war, auch wenn die Ähnlichkeit verblüffend war.

Sogar wahnsinnig verblüffend.

Von ganz allein trat Al ein paar Schritte näher an die Bühne heran und ließ seine Augen von den Füßen, die in hohen Stilettos steckten, nach oben wandern. Er hatte im Laufe seiner Karriere ziemlich viele Stripclubs von innen gesehen, und dank eines Gastspiels in London war er mit seinem Team in einem Club gelandet, in dem die Stripperinnen komplett blankgezogen hatten, aber Beine wie diese bekam man nicht alle Tage zu sehen. Lang, schlank, geschmeidig und an den richtigen Stellen kräftig. Aber nicht dürr und knöcherig – nicht die Art von Beinen, die man an Laufstegmodels sah. Nein, an der Stripperin war nichts dürr oder knöcherig. Sie war schlank und gleichzeitig kurvig, besaß einen prallen Hintern, runde Hüften und eine schmale Taille. Ihr Bauch war flach und ihre Brüste hatten eine ansehnliche Größe. Alles an ihr war straff und fest. Und dann diese Beine ...

Al stand auf Beine.

Er liebte es, wenn sich Frauenbeine um seine Hüften schlangen und fest und stark genug waren, um ihn eng an einen Frauenkörper zu ziehen. Und er stand auf Frauen, die nicht spindeldürr waren, sondern ein bisschen ... nun ja ... praller waren. Er war selbst kein Winzling. Als Center in der NFL musste er groß, kräftig und stark sein, auch wenn er mit seinen eins neunzig und einhundertfünfundzwanzig Kilogramm eher ein Fliegengewicht unter den Spielern war, die auf der gleichen Position spielten. Sein Körperfettanteil war verschwindend gering, weil er auf pure Muskelkraft und weniger auf Fettgewebe setzte. Pure Muskelkraft bedeutete nicht nur, dass er massiv gebaut war, sondern auch, dass er mit dürren Frauen, die nur aus Haut und Knochen bestanden, nichts anfangen konnte. Wenn er eine Frau anfasste, wollte er nicht befürchten, dass er sie beim Sex umbrachte.

Apropos Sex ...

Ihm wurde heiß, als die Tänzerin sich an der Stange festhielt, die Beine nach oben katapultierte und zu einer Schere öffnete, während sie kopfüber in der Luft hing, bevor sie sich langsam um die Stange drehte.

Der Anblick brachte ihn beinahe um und war sicherlich für das brennende Loch in seinem Magen verantwortlich. Eigentlich war er von einem lustigen und unaufgeregten Abend ausgegangen, bei dem es darum ging, seinen Teamkameraden zu feiern, der bald heiraten sollte, aber jetzt überlegte Al, welche Frau in seiner Telefonliste heute Abend verfügbar wäre, um sich von ihm flachlegen zu lassen. Plötzlich hatte er das Bedürfnis, seinen Freund Blake umzubringen, weil der ausgerechnet diesen Stripclub vorgeschlagen hatte.

Ehrlicherweise konnte man Blake nicht mehr allzu viel Glauben schenken, wenn es um Stripclubs ging. Zwar benahm sich der Runningback gerne wie ein Aufreißer und hatte eine große Klappe, wenn es um Frauen ging, aber jeder wusste, dass er nicht einmal im Traum daran dachte, seiner Freundin untreu zu werden. Und obwohl seine Freundin Madison nicht einmal etwas dagegen hatte, dass sich Blake mit seinen Freunden und Kollegen in Stripclubs herumtrieb, legte der immer weniger Wert darauf, anderen Frauen dabei zuzusehen, wie sie sich für Geld auszogen. Anscheinend verbrachte er seine Zeit lieber in trauter Zweisamkeit mit Madison in der gemeinsamen Wohnung. Al ging davon aus, dass der heutige Junggesellenabschied nicht der letzte sein würde. Ob Blake es wusste oder nicht, aber in nicht allzu ferner Zukunft würde er sich höchstwahrscheinlich vor einem Traualtar wiederfinden.

Die meisten seiner Teamkollegen waren längst in festen Händen, verheiratet und setzten nach und nach Kinder in die Welt. Al’s bester Freund Eddie hatte erst vor wenigen Monaten zusammen mit seiner Frau Ava ein Baby adoptiert, bei seinem amtierenden Quarterback Kelly Slade und dessen Frau war es in ein paar Monaten so weit und der aktuelle Bräutigam interessierte sich auffällig ausdauernd für die Babythemen um sich herum. Es würde Al nicht wundern, wenn Graham bereits Pläne schmiedete, seine baldige Frau in Kürze zu schwängern.

Er selbst hatte nichts gegen die kleinen Schreihälse seiner Teamkollegen und Freunde, aber im Gegensatz zu anderen Männern in seinem Alter war er nicht von dem Wunsch durchdrungen, Nachwuchs zu zeugen und seine Gene weiterzugeben.

Alles, bloß das nicht!

Manche Männer waren für Beziehungen und für Kinder geschaffen. Er war es nicht. Und obwohl er aus einer wirklich verkorksten Familie kam, hatte er nie das Bedürfnis verspürt, das nachzuholen, was er in seiner Kindheit verpasst hatte. Es war sehr viel wahrscheinlicher, dass er die gleichen Fehler wie seine Eltern machen würde, wenn er in einer ähnlichen Situation wäre.

Nein, er musste nicht den Scheiß wiederholen, den er als Kind und Teenager erlebt hatte, und er wollte weder eine Frau noch Kinder mit hineinziehen. Und wie sein Dad wollte er unter keinen Umständen enden. Also ließ er die Finger von Beziehungen, konzentrierte sich lieber auf seine Karriere und traf sich mit Frauen, die keine Ablenkung waren – Frauen, die nicht erwarteten, dass er nach dem Sex anrief oder sie seinen Freunden vorstellte. Al wollte keine Beziehung, sondern Sex. Und er wollte in Stripclubs gehen können, ohne anschließend von der Presse zerrissen zu werden, weil sie ihn mit seinem Dad verglichen. Ohne eine Frau an seiner Seite war sein Leben herrlich unkompliziert.

Das bedeutete jedoch nicht, dass Frauen ihn kaltließen.

Das beste Beispiel war die Frau mit der pinken Perücke, die für seine ruhelose Erregung verantwortlich war und die gerade die Stimmung anheizte, indem sie dem Publikum einen Blick über die Schulter zuwarf und sich dabei selbst einen Klaps auf den Po gab.

Himmel!

Al hatte schon einige hemmungslose Nummern erlebt und Dinge tun dürfen, von denen der amerikanische Durchschnittsmann nur träumen konnte, aber jetzt gerade fand er nichts so scharf wie die Kleine auf der Bühne. Komischerweise war der Augenkontakt, den er zufällig mit ihr herstellte, eher ernüchternd, denn Al schien sich nicht getäuscht zu haben. Er kannte sie tatsächlich. Und auch sie musste ihn erkannt haben, denn ihre hellgrauen Augen weiteten sich abrupt und sie stockte für einen kurzen Moment.

Scheiße – die Stripperin in der glitzernden Unterwäsche war tatsächlich Caroline. Die Panik, die in ihrem Blick aufflackerte, verriet sie.

„Verdammt! Die Kleine ist viel schärfer als ihre Kollegin, die Carter gerade einen Lapdance gibt!“ Blake O’Neills ausgelassene Stimme drang an sein Ohr, kurz bevor eine schwere Hand auf seiner Schulter landete. „Ich denke, der glückliche Bräutigam hätte nichts dagegen, wenn er noch einen Lapdance spendiert bekommt. Aber dieses Mal von der da!“

Die da schien nicht zu wissen, was sie tun sollte, und ließ sie beide nicht aus dem Blick, was Blake jedoch nicht bemerkte. Glücklicherweise hatte der schon ordentlich vorgeglüht und bekam daher nicht mit, wie unschlüssig Caroline mit einem Mal war. Und wie fahrig. Es hätte Al nicht gewundert, wenn sie von der Bühne gestolpert wäre.

Während sie nicht zu wissen schien, was sie tun sollte, wusste Al, dass sie unter keinen Umständen ins Separee gehen sollte, wo eine Horde Footballspieler dabei war, ausgerechnet ihren Bruder anzufeuern, der gerade einen Lapdance bekam. Auch wenn Graham ebenfalls angetrunken war, würde er mit großer Sicherheit bemerken, dass die Tänzerin in der Glitzerunterwäsche niemand Geringeres als seine eigene Schwester war.

Während die letzten Takte des Liedes erklangen und Caroline ein paar Dollarscheine von der Bühne aufsammelte, trompetete Blake gut gelaunt los: „Ich mache mal eben die Kleine für Graham klar. Der wird begeistert sein!“

Al schnitt eine Grimasse und beobachtete, wie Caroline ihr Gesicht vor ihnen zu verbergen versuchte.

Der Zug war längst abgefahren, denn er hatte sie bereits erkannt. Blake noch nicht, was ganz gut war, denn wenn er wüsste, wer die Tänzerin mit der pinken Perücke war, wüsste morgen der gesamte Verein Bescheid, welcher Nebentätigkeit die Schwester des besten Wide Receivers der Titans nachging. Leider konnte Blake seine große Klappe nur selten halten.

Offensichtlich war Al heute in der Stimmung, den guten Samariter zu spielen und Carolines Geheimnis zu bewahren, weil er Blake gespielt gutmütig gegen den Oberarm boxte und dabei brummte: „Ich mach das schon. Geh du wieder zurück. Ich komme gleich nach.“

Als sein Kumpel kicherte, biss Al die Zähne zusammen, schließlich ahnte er, was jetzt kam.

„Bist du sicher, dass du das hinkriegst?“

„Ja, ich bin mir sicher.“

Blake legte den Kopf schief. Auch wenn er den Verständnisvollen spielte, erkannte Al am schadenfrohen Glitzern, dass sein Kumpel ihn gerade aufs Korn nahm. „Kein Problem, Al. Ich weiß doch, dass es dir schwerfällt, mit Frauen zu reden.“

„Hau schon ab!“

„Hey!“ Blake hob verteidigend beide Hände in die Höhe, doch das Grinsen in seinem Gesicht sprach für sich. „Nichts, wofür du dich schämen müsstest, Al. Frauen finden dein kleines Problemchen sogar ganz niedlich – wie einen hilflosen Welpen.“

Al schnaubte und ballte die Hände zu Fäusten. „Du hast fünf Sekunden, bevor du ein toter Mann bist, O’Neill.“

Das schien Blake nicht einzuschüchtern, weil er ihm gönnerhaft auf die Schulter klopfte. „Ich habe läuten hören, dass Teddy einen Vereinspsychologen einstellen will. Mit dem könntest du mal ...“

Al begann mit finsterer Stimme zu zählen: „Fünf, vier ...“

„Schon gut, schon gut.“ Sein Freund verdrehte die Augen. „Seit wann bist du so empfindlich, was dasbetrifft?“

„Haust du jetzt ab oder willst du mit mir vor die Tür gehen?“

Während Blake von dannen zog, musste Al den Drang niederkämpfen, seinem Mannschaftskollegen in den Hintern zu treten.

Er hasste es, wie ein Sonderling dargestellt zu werden – insbesondere von seinen Mannschaftskollegen, mit denen er teilweise seit Jahren zusammen auf dem Spielfeld stand. Wenn man im Football auf der Position des Centers spielte, war man irgendwie ein Sonderling. Damit kam er klar. Aber er kam nicht damit klar, als Sonderling abgestempelt zu werden, weil er im Gegensatz zu anderen Männern nicht mit seinen Eroberungen hausieren ging.

Al war jung, aktiv und mochte Sex. Nur mochte er – aus naheliegenden Gründen – nicht über Sex reden. Und er hielt sich in Gegenwart seiner Kumpels zurück, wenn die Rede von Frauen war. Seiner Meinung nach war das, was im Schlafzimmer passierte, Privatsache und ging niemanden etwas an. In den letzten Jahren hatte er es geschafft, nicht mehr ständig in pubertierendes Kichern auszubrechen, sobald in Hörweite von Frauen über Sex gesprochen wurde. Trotzdem fiel es ihm schwer, mit dem anderen Geschlecht eine einigermaßen entspannte Unterhaltung zu führen, womit ein paar seiner Kumpel ihn noch immer aufzogen. Und das störte ihn massiv. Er war kein Freak.

Sie hatten schließlich keine Ahnung, was es hieß, mit einem Dad wie seinem aufzuwachsen.

Bevor er darüber nachdenken konnte, wie sein alter Herr es geschafft hatte, seine Teenagerjahre zu versauen, schob Al alle unerfreulichen Gedanken beiseite und sah sich nach Caroline um. Die pinke Perücke glänzte im Licht der gedämmten Scheinwerfer auf und zog seinen Blick magisch an.

Er straffte die Schultern und setzte sich in Bewegung, während sie von der Bühne stieg und es anscheinend eilig hatte, hinter einem der Vorhänge zu verschwinden. Es war vermutlich sein Glück, dass ein älterer Kerl mit Halbglatze und Cowboystiefeln sie begrüßte und auf einen Drink einzuladen schien, den sie jedoch ablehnte. Anders war ihr hektisches Kopfschütteln nicht zu erklären.

„Hey.“ Gerade als sie durch einen der Vorhänge schlüpfen wollte, ergriff Al ihr Handgelenk und hielt sie davon ab, eilig das Weite zu suchen. Seine Stimme vibrierte ein wenig, als er sie aufforderte: „Warte mal eben.“

Mit einem angekleistert wirkenden Lächeln drehte sie sich zu ihm um – die hellgrauen Augen dick geschminkt und gleichzeitig voller Sorge. „Entschuldigen Sie, Sir, aber ich habe nun Pause. Sie müssen sich an meine Kolleginnen wenden, wenn Sie einen privaten Tanz wünschen.“

Angesichts der wohl artikulierten Worte und der akzentfreien Aussprache verschwand auch der letzte Zweifel darüber, wer ihm gerade gegenüberstand. Die gleiche Stimme hatte ihm auf der Party ihres Bruders einen ungefähr dreiminütigen Vortrag über die Bedeutung der Bildhauerei gehalten, bevor sie ihn ohne Einleitung darum gebeten hatte, ihr Modell zu stehen. Nackt. Al war damals rot geworden und hatte peinlicherweise ein Nein gestammelt, anstatt der coole, abgeklärte Footballspieler zu sein, der von Frauen ständig darum gebeten wurde, seine Klamotten loszuwerden.

„Sir?“ Er verzog den Mund und schaffte es irgendwie, ihr nicht in den Ausschnitt zu schauen, auch wenn es schwierig war, immerhin stand sie nur wenige Zentimeter von ihm entfernt, duftete fantastisch und war äußerst knapp bekleidet. Er fixierte ihren Blick und räusperte sich, während er sich darauf konzentrierte, wenigstens dieses Mal wie ein cooler, abgeklärter Footballspieler zu wirken. „Als wir uns beim letzten Mal getroffen haben, nanntest du mich Süßer, wolltest wissen, ob ich als Nacktmodell zur Verfügung stünde, und hast verlangt, dass ich dir ein Bier aus dem Kühlschrank hole. Du kennst mich – Al Rory.“

Obwohl es in ihren Augen aufblitzte, lächelte sie ihn weiterhin an. Im Hintergrund nahm Al lautes Gejohle wahr, als der Ansager die nächste Tänzerin namens Lola ankündigte und irgendeinen Song von Aerosmith auflegte.

„Da müssen Sie mich verwechseln, Sir.“

„Ganz sicher nicht.“ Er setzte kurz ab und senkte die Stimme. „Caroline.“

Augenblicklich zuckte sie zusammen.

Al räusperte sich ein weiteres Mal, bevor er ihr zuraunte: „Falls du nicht möchtest, dass dein Bruder erfährt, was du hier tust, solltest du dir heute lieber freinehmen. Graham sitzt nämlich mit der Hälfte unseres Teams im Nebenraum und feiert seinen Junggesellenabschied.“

Er konnte genau hören, wie sie zischend Luft holte. Dann nickte sie und murmelte: „Danke.“

Sobald er ihr Handgelenk losließ, verschwand sie hinter dem Vorhang, und er hatte einen Kloß im Hals. Gleichzeitig war er erleichtert, sich nicht wie ein stotternder Idiot vor ihr blamiert zu haben.

Leider sah Al sich nun mit der unangenehmen Aufgabe konfrontiert, Blake zu erklären, warum eine andere Stripperin Graham einen Lapdance geben würde, aber nicht die Tänzerin mit den großartigen Beinen.

2

„Was soll das heißen ... Du nimmst dir heute frei? Das hier ist dein erster Tag! Du kannst dir nicht freinehmen! Hast du nicht gesehen, wie voll die Bude ist?“

Caroline Patricia Carter verschränkte die Arme vor der Brust und ignorierte die Tatsache, dass sie vor dem Besitzer des Bootylicious die geschmacklose Glitzerunterwäsche trug, in der sie bereits vor wenigen Minuten aufgetreten war. Wenn es für sie kein Problem war, vor wildfremden Männern an einer Stange zu tanzen, dann machte es ihr auch nichts aus, Stanley gegenüberzutreten und dabei diese nuttige Unterwäsche zu tragen, um die sogar Dragqueens einen großen Bogen gemacht hätten. Von ihren Schuhen wollte sie erst gar nicht anfangen! Die waren noch sehr viel scheußlicher und noch sehr viel nuttiger. Caroline konnte es kaum erwarten, die Dinger endlich gegen ihre bequemen Turnschuhe zu tauschen, die in der Umkleide gleich hinter ihr warteten – zusammen mit ihren Jogginghosen und einem Sweatshirt.

Eigentlich wartete sie nur noch darauf, dass Stanley ihr aus dem Weg ging, damit sie sich umziehen und so schnell wie möglich das Weite suchen konnte.

Anscheinend hatte ihr Boss jedoch nicht die Absicht, ihr aus dem Weg zu gehen.

Dafür sprachen seine wild gestikulierenden Hände und sein Gesicht, das von Sekunde zu Sekunde roter wurde.

Innerlich stöhnte Caroline auf, denn sie kannte die Anzeichen eines Wutanfalles. Ihr Dad hatte erst vor ein paar Tagen ganz ähnlich ausgesehen, als sie sich geweigert hatte, mit ihm über einen Job in seinem Wahlkampfteam zu sprechen. Er war förmlich an die Decke gegangen, und Caroline befürchtete, dass es bei Stanley nicht mehr allzu lange dauern würde, bis er ebenfalls explodierte, auch wenn der Mann vor ihr, der über einen halben Kopf kleiner war als sie, nicht die gleiche Autorität wie ihr Vater besaß.

Sie seufzte leise und setzte eine bedauernde Miene auf. Obwohl sie nicht glaubte, dass sie nach diesem Abend den Job als Stripperin weiterhin machen wollte, hatte sie nicht die Absicht, heute ein großes Drama heraufzubeschwören. „Hör mal, Stanley, es tut mir leid, aber ich muss wirklich gehen.“

Er schnappte wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft. „Gehen?! Du bist doch gerade erst gekommen und hast nur einen einzigen Tanz hinter dir!“

Seine Stimme war ziemlich schrill und trotz des schweren Basses sowie der johlenden Männer im Hintergrund ziemlich gut zu hören. Vielleicht hätte sie ihm sagen sollen, dass man vom Besitzer eines Stripclubs eine tiefere Stimme erwartete. Bei der Gelegenheit hätte sie mit ihm auch über seinen fragwürdigen Kleidungsstil sprechen sollen.

Mit den viel zu weit nach oben gezogenen Hosen und dem grauenvoll gemusterten Hemd sah er wie der schwule Moderator einer Kreuzfahrt für Senioren aus. Nun ... Das war vermutlich nicht ganz richtig, schließlich besaßen Schwule für gewöhnlich einen ausgezeichneten Modegeschmack, was man von Stanley nicht behaupten konnte. Oder wie waren die Michael-Jackson-Gedächtnissocken in den Lederslippern sonst zu erklären?

Wenn der King of Pop Stanleys Outfit jemals zu Gesicht bekäme, würde er sich vermutlich im Grabe umdrehen. Oder aber er würde sich von seinem Affen Bubbles die Augen auffressen lassen – immerhin glaubte eine nicht unerhebliche Menge an Fans, dass ihr großes Vorbild mit seinem geliebten Schimpansen auf einer einsamen Insel lebte und gar nicht gestorben war. Wie auch immer. Caroline wusste nicht, ob Michael Jackson noch lebte oder nicht. Was sie hingegen wusste, war, dass der King of Pop sicherlich niemals gewollt hatte, dass ein Stripclubbesitzer sein Markenzeichen derart missbrauchte.

Bei dieser grauenvollen Kombination war es geradezu ein Wunder, dass sich Caroline darauf konzentrieren konnte, was Stanley sagte.

„So geht das nicht! Ich brauche dich heute hier. Was zum Teufel ist denn so wichtig, dass du plötzlich abhauen musst?“

Caroline verzog den Mund.

Was so wichtig war, wollte er wissen?

Vermutlich hätte er sich mit ihrem Vater, einem republikanischen Senator, darüber unterhalten können, warum es so wichtig war, dass sie heute Abend nicht auf der Bühne stand, während ihr Bruder nur ein paar Meter entfernt seinen Junggesellenabschied feierte und ein ganzes Footballteam im Schlepptau hatte. Wenn Graham Zeuge wurde, wie sie an einer Stange tanzte und sich dabei Dollarscheine ins Höschen stecken ließ, würde ihr großer Bruder höchstwahrscheinlich den ganzen Laden auseinandernehmen. Caroline erinnerte sich gut daran, wie Graham Adam Wilder einen Kinnhaken verpasst hatte, als der es gewagt hatte, sie zu küssen und ihr dabei unters T-Shirt zu fassen. Damals war sie sechzehn gewesen und hatte nichts dagegen gehabt, dass Adam in ihrem Zimmer auf Tuchfühlung mit ihr hatte gehen wollen. Wenn Graham bereits damals auf einen harmlosen Kuss mit einem Kinnhaken reagiert hatte, was würde er wohl tun, wenn er sie hier auf der Bühne entdeckte? Sie kannte doch ihren Bruder!

Und so wie sie sein Team kannte, hätten diese Chaoten ein großes Vergnügen daran, Graham bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Footballspieler waren schließlich Hitzköpfe, die von Adrenalin und blinder Zerstörungswut getrieben waren. Immerhin verdienten sie ihr Geld, indem sie andere Leute niederwalzten. Sollten die New York Titans einen Stripclub auseinandernehmen, wäre die Presse nicht weit, was bedeutete, dass spätestens morgen das halbe Land wüsste, was die Tochter von Senator Carter tat, um ihre Miete bezahlen zu können. Mit einer strippenden Tochter wären die Hoffnungen ihres Dads verloren, irgendwann einmal einen Ministerposten in Washington zu besetzen.

Die politische Karriere ihres Dads interessierte sie nicht sonderlich, und eigentlich gingen ihre beiden Meinungen, was Politik betraf, weit auseinander, aber Caroline hatte keine große Lust, sich in den nächsten zwanzig Jahren bei jedem Familientreffen die Geschichte anzuhören, weshalb ihr Dad in Washington zur Persona non grata erklärt worden war.

Darauf konnte sie verzichten.

Und eigentlich hatte sie auch keine große Lust darauf, im Fadenkreuz der Presse zu stehen und ihr Gesicht auf irgendwelchen Schmierblättern zu sehen. Sie war zwar die Tochter einer öffentlichen Person, aber das hieß nicht, dass sie eine öffentliche Person sein wollte. Die Meldung, dass die Tochter eines höchst konservativen Senators, der gerne über die Gefahr des moralischen Verfalls der Gesellschaft sprach und sich selbst als tugendhaften Saubermann mit einer Bilderbuchfamilie präsentierte, halb nackt an einer Stange tanzte, würde wie eine Bombe einschlagen. Die politischen Gegner ihres Dads würden diese sensationelle Nachricht dafür missbrauchen, sie als Frau mit fragwürdigem Ruf darzustellen, nur um ihrem Vater zu schaden.

Bevor es sich Caroline versehen könnte, würde man ihr vermutlich unterstellen, nicht nur an einer Stange zu arbeiten, sondern auch in der Horizontalen. Auch wenn sie nicht prüde war und ziemlich wenig darauf gab, was Menschen über sie dachten, wollte sie nicht derart mit Schmutz beworfen werden. Zwar hatte es ihr nichts ausgemacht, heute Abend aufzutreten und vor ein paar angetrunkenen Männern akrobatische Tanzeinlagen vorzuführen, aber ihr wäre es auch lieber gewesen, ihre Brötchen auf andere Art zu verdienen. Jedoch war die Miete in ein paar Tagen fällig, und sie war sich ziemlich sicher, dass ihr Vermieter nur darauf wartete, sie endlich auf die Straße zu setzen. Wenn er sie los war, könnte er ihre Wohnung an jemand anderen vermieten und für das kleine Dachgeschossstudio in Williamsburg mehr Geld verlangen. Da Caroline den Mietvertrag einer Freundin hatte übernehmen können, in dem eine Mietpreisbindung festgemacht worden war, waren ihrem Vermieter die Hände gebunden – es sei denn, sie konnte nicht bezahlen. Und danach sah es nun einmal aus.

Normalerweise hätte sie ihren Dad gefragt und ihn gebeten, ihr das Geld zu geben. Leider war ihre Beziehung in letzter Zeit allerdings etwas angespannt, weshalb es nicht infrage kam, ihn in ihre Geldprobleme einzuweihen. Vermutlich würde er diese Sache bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Beweis dafür anführen, dass sie ihr Leben nicht im Griff hatte und endlich Verantwortung übernehmen sollte. Darum drehten sich ihre Auseinandersetzungen nämlich nur noch. Nicht einmal ihre Mom konnte mehr zwischen ihnen vermitteln. Caroline würde ihm in dieser Situation doch keine Munition gegen sie liefern, indem sie ihm gestand, dass sie pleite war und aus ihrer Wohnung zu fliegen drohte.

Sie wäre schön doof, wenn sie das tat!

Im Gegensatz zu Graham hatte Caroline immer das tun dürfen, worauf sie Lust gehabt hatte. Ihr Bruder war schon sehr früh in die politischen Ambitionen ihres Dads eingespannt worden, hatte mit ihm auf einer Wahlkampfbühne stehen und winken müssen und immer den guten Sohn gespielt. Während Grahams Lebenslauf sehr geradlinig und vorzeigbar war, war Carolines eher kurvig. Nach der Highschool hatte sie zweimal das College gewechselt, war dann an eine Kunsthochschule gegangen und hatte sich der Bildhauerei verschrieben, mit der sie jedoch noch keinen Cent verdient hatte. Stattdessen hatte es verschiedene Nebenjobs gegeben, mit denen sie sich über Wasser gehalten hatte. Und um ehrlich zu sein, hatte es öfter Zeiten gegeben, in denen Caroline gezwungen gewesen war, für ein paar Wochen oder sogar Monate zurück zu ihren Eltern zu ziehen, weil sie sich eine eigene Wohnung oder ein Zimmer in einer WG nicht leisten konnte. Sie war nicht sonderlich stolz gewesen, ihre Habseligkeiten in ein paar Müllsäcke zu packen und bei ihren Eltern auf der Türschwelle zu stehen, um wieder in ihrem alten Kinderzimmer zu schlafen, aber es war okay gewesen. Ihre Mom hatte nie einen Ton darüber verloren. Und ihr Dad war immer mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, als sich um sie Sorgen zu machen.

Ihre Geldprobleme und ihre Unbeständigkeit hatte er stets als jugendliche Findungsphase abgetan, die er öffentlich belächelt hatte, wenn man ihn nach seiner Tochter befragte.

Meine Tochter hat sich in ihrem jugendlichen Überschwang dazu entschlossen, Künstlerin zu werden. Früher oder später werden aus Kindern jedoch Erwachsene, die lernen, dass die Kunst nicht ihre Rechnungen bezahlt.

Wie oft hatte sie sich zähneknirschend diesen oder einen ähnlichen Spruch anhören müssen? Ihr Dad hatte ständig den gutmütigen, verständnisvollen Vater gemimt, der seiner quirligen Tochter den jugendlichen Übermut nachsichtig nachgesehen hatte. Er hatte sie wie einen naiven, weltfremden Teenager hingestellt, der noch nicht reif genug war, um ein eigenverantwortliches Leben zu führen. Dass sie lediglich andere Prioritäten besaß und ihr Glück nicht durch beruflichen Erfolg und Reichtum definierte, ignorierte er komplett. Stattdessen bestand ihr Vater seit einiger Zeit darauf, dass sie endlich vernünftig werden sollte. Er war der Meinung, dass man mit siebenundzwanzig Jahren ein Ziel im Leben brauchte und sesshaft werden sollte.

Caroline hielt dagegen, dass man mit siebenundzwanzig Jahren nicht mehr in einem Alter war, in dem man Vorschriften seiner Eltern befolgen musste.

Das nannte man wohl eine Pattsituation, die zur Folge hatte, dass man sich abends auf der Bühne eines Stripclubs wiederfand und einen glitzernden BH trug, dessen Träger sich schmerzhaft in die Schultern schnitten. Die Miete bezahlte sich nicht von allein.

Naserümpfend dachte Caroline darüber nach, dass sie gar nicht vorgehabt hatte, Karriere als Stripperin zu machen, sondern dass sie einfach ein paar Mäuse machen wollte, um ihre Miete zu zahlen und dann etwas Luft zu haben, damit sie sich nach einer guten Alternative umsehen konnte, ohne dass ihr Dad von ihrer momentanen finanziellen Misere erfuhr. Sie war pragmatisch und fand nicht, dass es verwerflich war, an einer Stange zu tanzen. Früher hatte sie rhythmische Sportgymnastik betrieben und war in winzigen Trikots aufgetreten. Sie war sich nackter vorgekommen, wenn sie am Boden geturnt oder auf einem Barren einen Handstand gemacht hatte. Der einzige Unterschied zwischen dem einen und dem anderen war die Tatsache, dass Kampfrichter Punkte vergaben, während das heutige Publikum gejohlt hatte, als sie von der Bühne gestiegen war.