Küssen will gelernt sein - Rachel Gibson - E-Book

Küssen will gelernt sein E-Book

Rachel Gibson

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Beschreibung

Ein Buch so prickelnd wie ein Flirt!

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, denkt sich Delaney Shaw und beschließt, die Zähne zusammenzubeißen und ihrem verstorbenen Stiefvater Henry seinen letzten Willen zu erfüllen. Um an ihr Erbe zu kommen, muss sie für ein Jahr in ihre verhasste Heimatstadt zurückkehren. Doch damit nicht genug, denn auch der stadtbekannte Gigolo Nick, Henrys unehelicher Sohn, erbt nur unter einer Bedingung: Er muss in dieser Zeit die Finger von Delaney lassen. Und schon bald merken beide, wie unglaublich lang ein Jahr sein kann …

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Buch

Als die Friseurin Delaney Shaw erfährt, dass sie zur Beerdigung ihres Stiefvaters Henry in ihrem verhassten Heimatort Truly, Idaho, fahren muss, beschließt sie, der Trauerfeier beizuwohnen, die Testamentseröffnung zu hören, ihren Cabrio aufzutanken und so schnell wie möglich wieder das Weite zu suchen. Auch Nick Allegrezza, Henrys unehelicher Sohn und Delanys heimliche Highschool-Liebe, kann sie nicht von ihrer Entscheidung abbringen. Aber Henry macht ihr mit seinem letzten Willen einen gewaltigen Strich durch die Rechnung: Delaney und Nick können nur dann ihr Erbe von drei Millionen Dollar antreten, wenn sie beide ein ganzes Jahr in Truly leben. Dem berüchtigten Weiberheld Nick ist es zudem strikt untersagt, mit Delaney eine »sexuelle Beziehung« einzugehen.

Die ständig von Geldsorgen geplagte Delaney beschließt, die Zähne zusammenzubeißen, bis das verfluchte Jahr um ist, und eröffnet einen Friseursalon in Truly.

Doch alle Vorurteile, die Delaney gegenüber dem Kleinstadtleben hegte, scheinen sich zu bestätigen: Klatsch und Tratsch umgeben sie von allen Seiten. So geht auch bald das Gerücht um, dass Delaney und Nick sich sehr zueinander hingezogen fühlen. Doch ist dies nur ein Gerücht?

Inhaltsverzeichnis

PROLOGEINSZWEICopyright

Im Gedenken an meine geliebten Eltern Al und Mary Reed.

Spätabends, wenn ich zur Ruhe komme, erinnere ich mich immer noch, wie die Haut meiner Mutter duftete und sich der stachelige Bürstenschnitt meines Vaters anfühlte, und ich weiß, dass ich gesegnet war.

PROLOG

Der rote Schein eines Heizgerätes fiel auf Henry Shaws zerfurchtes Gesicht, während die warme Frühlingsbrise das Wiehern seiner geliebten Appaloosas zu ihm herüberwehte. Er steckte eine alte Kassette in den Rekorder, und die tiefe, vom Whiskey raue Stimme Johnny Cashs erfüllte den kleinen Sattelschuppen. Bevor Johnny zum Glauben gefunden hatte, war er ein richtiger Säufer gewesen. Ein harter Bursche, das hatte Henry gefallen. Doch dann hatte Johnny Jesus und June für sich entdeckt, und seine Karriere war den Bach runtergegangen. Das Leben verlief nicht immer nach Plan. Gott, Frauen und Krankheiten verstanden es, einem dazwischenzufunken. Und Henry hasste alles, was seine Pläne durchkreuzte.

Er hasste es, keine Kontrolle zu haben.

Er schenkte sich einen Bourbon ein und schaute durch das kleine Fenster über seiner Werkbank nach draußen. Die untergehende Sonne hing dicht über Shaw Mountain, dem Berg, der nach Henrys Vorfahren benannt war, die sich einst in dem fruchtbaren Tal darunter niedergelassen hatten. Spitze, graue Schatten durchschnitten das Tal zum Lake Mary, dem See, der nach Henrys Ururgroßmutter Mary Shaw benannt war.

Noch mehr als Gott, Krankheiten und Kontrollverlust hasste Henry Ärzte. Sie stocherten und bohrten so lange, bis sie etwas fanden, und sagten einem nie, was man hören wollte. Jedes Mal hatte er versucht, sie vom Gegenteil zu überzeugen, doch letztlich hatte er kapitulieren müssen.

Henry goss Leinöl über alte Baumwolllumpen und warf sie in einen Pappkarton. In seinem Alter hatte er schon eine ganze Schar Enkel haben wollen, doch er hatte keinen einzigen. Er war der letzte Shaw. Der letzte in der langen Reihe einer seit jeher angesehenen Familie. Die Shaws waren fast ausgestorben, und das quälte ihn. Er hatte keinen männlichen Erben, wenn er tot war … Keinen außer Nick.

Er sank auf einen alten Bürostuhl und hob den Bourbon an seine Lippen. Er hätte als Erster zugegeben, dass er dem Jungen unrecht getan hatte. Schon seit Jahren hatte er versucht, es bei seinem Sohn wiedergutzumachen. Aber Nick war stur und unversöhnlich. Genau wie er schon als Kind trotzig und wenig liebenswert gewesen war.

Wenn Henry mehr Zeit bliebe, ließe sich bestimmt noch eine Einigung mit seinem Sohn finden. Doch ihm blieb keine Zeit mehr, und Nick machte es ihm nicht leicht. Nick machte es ihm sogar verdammt schwer, ihn auch nur zu mögen.

Er dachte an den Tag zurück, als Nicks Mutter, Benita Allegrezza, an seine Haustür gehämmert und behauptet hatte, dass Henry der Vater des schwarzhaarigen Babys wäre, das sie in den Armen hielt. Henry hatte sich von Benitas dunklem Blick abgewandt und in die großen, blauen Augen seiner Frau Ruth gesehen, die neben ihm gestanden hatte.

Er hatte es nach Kräften abgestritten. Dabei wäre es durchaus möglich gewesen, dass Benitas Behauptung der Wahrheit entsprach, doch selbst das hatte er geleugnet. Selbst wenn Henry nicht verheiratet gewesen wäre, hätte er nie mit einer Baskin ein Kind haben wollen. Dieser Menschenschlag war für seinen Geschmack zu dunkelhäutig, zu impulsiv und zu religiös, und er hatte sich immer weiße Babys mit blonden Haaren gewünscht. Er wollte nicht, dass seine Kinder für illegale mexikanische Einwanderer gehalten wurden. Klar wusste er, dass Basken keine Mexikaner waren, aber für ihn sahen sie alle gleich aus.

Und wäre Benitas Bruder Josu nicht gewesen, hätte auch kein Mensch von seiner Affäre mit der jungen Witwe erfahren. Aber dieser Schafe besteigende Scheißkerl hatte ihn erpressen wollen, Nick als seinen Sohn anzuerkennen. Zunächst hatte Henry es für einen Bluff gehalten, als der Mann zu ihm gekommen war und gedroht hatte, in der Stadt herumzuerzählen, dass Henry seine trauernde Schwester ausgenutzt und ihr ein Kind gemacht hatte. Er hatte die Drohung ignoriert, doch Josu hatte nicht geblufft. Trotzdem hatte Henry die Vaterschaft bestritten.

Doch mit fünf sah Nick den Shaws so ähnlich, dass Henry niemand mehr glaubte. Nicht einmal Ruth. Sie hatte sich von ihm scheiden lassen und die Hälfte seines Vermögens eingesackt.

Doch damals hatte er noch Zeit. Er war Ende dreißig. Immer noch ein junger Mann.

Henry nahm einen 357er-Revolver in die Hand und ließ sechs Kugeln in die Walze gleiten. Nach Ruth hatte er sich seine zweite Frau Gwen gesucht. Obwohl Gwen eine mittellose ledige Mutter von zweifelhafter Herkunft war, hatte er sie aus zwei Gründen geheiratet. Sie war ganz offensichtlich nicht unfruchtbar, wie er es von Ruth vermutet hatte, und so schön, dass es ihn schmerzte. Sie und ihr Töchterchen waren ihm sehr dankbar gewesen und hatten sich mühelos nach seinen Wünschen formen lassen. Doch seine Stieftochter hatte ihn bitter enttäuscht, und das Eine, was er sich von Gwen am meisten wünschte, hatte sie ihm nicht geben können. Selbst nach jahrelanger Ehe hatte sie ihm keinen rechtmäßigen Erben geschenkt.

Henry drehte die Walze und schaute auf den Revolver in seiner Hand. Mit dem Pistolenlauf schob er den Karton mit den Leinöllumpen näher an das Heizgerät. Nach seinem Abgang sollte niemand die Schweinerei wegmachen müssen. Der Song, auf den er gewartet hatte, tönte knackend durch die Lautsprecher, und er drehte den Kassettenrekorder lauter, während Johnny besang, wie er in einen brennenden Ring aus Feuer fiel.

Sein Blick verschleierte sich, während er über sein Leben und die Menschen nachdachte, die er zurückließ. Verdammt schade, dass er nicht dabei sein konnte, um ihre Gesichter zu sehen, wenn sie erfuhren, was er getan hatte.

EINS

»Der Tod kommt zu uns allen und damit auch die unvermeidliche Trennung von geliebten Menschen«, sprach Reverend Tippet mit eintöniger, ernster Stimme. »Henry Shaw, unser geliebter Ehemann, Vater und tragendes Mitglied unserer Gemeinde, wird uns fehlen.« Der Pfarrer hielt inne und ließ den Blick über die große Trauergemeinde schweifen, die sich eingefunden hatte, um Abschied zu nehmen. »Henry würde sich freuen, hier so viele Freunde versammelt zu sehen.«

Henry Shaw hätte einen kurzen Blick auf die Autos geworfen, die rückwärts am geschlossenen Friedhofstor parkten, und festgestellt, dass die beachtliche Anteilnahme hinter seinen Erwartungen zurückblieb. Schließlich war er über vierundzwanzig Jahre lang Bürgermeister von Truly, Idaho, gewesen, bis man ihn letztes Jahr zu Gunsten des eingefleischten Demokraten George Tanasee abgewählt hatte.

In der kleinen Gemeinde war Henry ein hohes Tier gewesen. Er hatte die Hälfte der Geschäfte besessen und mehr Geld als die ganze Stadt zusammen. Kurz nachdem seine erste Frau sich vor sechsundzwanzig Jahren von ihm hatte scheiden lassen, hatte er sie durch die hübscheste Frau ersetzt, die er auftreiben konnte. Ihm hatten Duke und Dolores, die schönsten zwei Weimaraner im ganzen Staat, gehört, und noch bis vor Kurzem hatte er im größten Haus der Stadt gewohnt. Doch das war, bevor die verdammten Allegrezza-Jungs begonnen hatten, überall in der Stadt zu bauen. Er hatte auch eine Stieftochter, mit der er jedoch seit Jahren nicht mehr gesprochen hatte.

Henry hatte seine herausragende Stellung in der Gemeinde genossen. Zu den Menschen, die mit ihm einer Meinung waren, war er herzlich und großzügig, doch wer nicht Henrys Freund war, war sein Feind. Wer es wagte, ihn herauszufordern, bereute es normalerweise. Er war ein aufgeblasener, hinterwäldlerischer Scheißkerl gewesen, und als man seinen verkohlten Leichnam aus dem Inferno gezogen hatte, das ihn das Leben gekosten hatte, wurden in der Gemeinde Stimmen laut, dass Henry Shaw genau das bekommen hatte, was er verdiente.

»Wir übergeben den Körper unseres geliebten Menschen der Erde. Henrys Leben …«

Delaney Shaw, Henrys Stieftochter, lauschte der nichts sagend dahinplätschernden Stimme von Reverend Tippet und sah ihre Mutter verstohlen von der Seite an. Die leichten Spuren der Trauer standen Gwen Shaw gut, doch das überraschte Delaney nicht. Ihrer Mutter stand grundsätzlich alles. Schon immer. Delaney richtete den Blick wieder auf den gelben Rosenstrauß auf Henrys Sarg. Die helle Junisonne sprühte Funken von den glänzenden Messingbeschlägen auf dem polierten Mahagoniholz. Sie griff in die Tasche des minzgrünen Kostüms, das sie sich von ihrer Mutter geborgt hatte, und suchte nach ihrer Sonnenbrille. Sie schob sich das Horngestell auf die Nase und verbarg ihre Augen vor den stechenden Sonnenstrahlen und den neugierigen Blicken. Sie straffte die Schultern und atmete tief durch. Sie war seit zehn Jahren nicht mehr zu Hause gewesen. Sie hatte immer zurückkommen und mit Henry Frieden schließen wollen. Dafür war es jetzt zu spät.

Die leichte Brise wehte ihr die rotgold gesträhnten Locken ins Gesicht, und sie strich sich ihr kinnlanges Haar hinter die Ohren. Sie hätte es versuchen müssen. Sie hätte nicht so lange wegbleiben sollen. Sie hätte nicht so viele Jahre ins Land ziehen lassen dürfen, doch ihr war nie in den Sinn gekommen, dass er sterben könnte. Nicht Henry. Bei ihrer letzten Begegnung hatten sie sich schreckliche Dinge an den Kopf geworfen, und seine Wut war so erbittert gewesen, dass sie sich ihr ins Gedächtnis eingebrannt hatte.

In der Ferne grollte ein Geräusch wie der Zorn Gottes. Delaney hob den Blick gen Himmel und hätte sich nicht über Blitz und Donner gewundert, so überzeugt war sie, dass die Ankunft eines Mannes wie Henry im Paradies Turbulenzen auslösen würde. Doch obwohl der Himmel strahlend blau blieb, ging das Grollen weiter und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Eisentore des Friedhofs.

Ein breitschultriger Motorradfahrer mit vom Wind zerzaustem Haar heizte direkt auf die Menschenmenge zu, die sich zum Abschiednehmen versammelt hatte. Das Monstrum von Motor ließ den Boden vibrieren und die Luft erbeben, sodass die Grabrede von einer »Bad-Dog«-Auspuffanlage übertönt wurde. Mit einer verblichenen Jeans und einem weißen T-Shirt bekleidet, fuhr der Motorradfahrer langsamer und brachte die Harley grollend vor dem grauen Leichenwagen zum Stehen. Der Motor erstarb, und der Stiefelabsatz des Bikers kratzte über den Asphalt, als er das Motorrad auf seinen Ständer stellte. Dann richtete er sich mit einer geschmeidigen Bewegung auf. Ein Dreitagebart verdunkelte seinen markanten Kiefer und seine Wangen und lenkte die Aufmerksamkeit auf seinen entschlossenen Mund. Am Ohrläppchen trug er einen kleinen goldenen Ring, und eine Oakley’s aus Platin verbarg seine Augen.

Irgendwas an dem knallharten Biker kam ihr bekannt vor. Irgendwas an seiner glatten dunklen Haut und dem schwarzen Haar, doch Delaney konnte ihn nicht einordnen.

»O Gott«, stieß ihre Mutter neben ihr hervor. »Ich kann nicht glauben, dass er es wagt, in diesem Aufzug hier aufzukreuzen.«

Ihre Fassungslosigkeit wurde von anderen Trauergästen geteilt, die die schlechten Manieren hatten, in lautes Flüstern zu verfallen.

»Der macht bloß Ärger.«

»Schon als Kind war er von Grund auf verdorben.«

Der weiche Jeansstoff seiner Levi’s brachte seine festen Schenkel, seine Lenden und seine langen Beine bestens zur Geltung. Seine breite, muskulöse Brust zeichnete sich durch sein Hemd ab. Delaney hob den Blick wieder zu seinem Gesicht. Langsam nahm er die Sonnenbrille von seiner geraden Nase und schob sie in die Brusttasche seines T-Shirts. Seine hellgrauen Augen erwiderten ihren Blick.

Delaney blieb das Herz stehen, und ihre Knie gaben nach. Sie kannte diese Augen, die sie durchbohrten. Es waren exakt die seines irischen Vaters, nur noch viel aufregender, weil sie sich in einem Gesicht wiederfanden, das für seine baskische Herkunft so typisch war.

Nick Allegrezza, Objekt ihrer Mädchenschwärmereien und Grund ihrer totalen Desillusionierung. Nick, die schlüpfrig sprechende, schmeichlerische Schlange. Er stand da, das Gewicht auf einen Fuß verlagert, als fiele ihm gar nicht auf, was für ein Aufsehen er erregte. Doch viel wahrscheinlicher fiel es ihm durchaus auf und war ihm schlicht egal. Delaney war zehn Jahre fort gewesen, doch manches war noch genau wie früher. Nicks Gesicht war zwar fülliger geworden, seine Züge reifer, doch sein Auftreten erregte immer noch Aufsehen.

Reverend Tippet senkte den Kopf. »Lasst uns für Henry Shaw beten«, begann er. Delaney zog ihr Kinn ein und schloss die Augen. Schon als Kind hatte Nick mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als ihm zustand. Sein älterer Bruder Louie war zwar auch sehr wild gewesen, aber nie so schlimm wie Nick. Alle wussten, dass die Allegrezza-Brüder durchgeknallte, impulsive Bascos waren, mit flinken Fingern und geil wie Strafgefangene auf Kurzurlaub.

Alle Mädchen in der Stadt waren gewarnt worden, sich so weit wie möglich von den Brüdern fernzuhalten, doch wie die Lemminge, die sich blindlings ins Meer stürzen, waren viele dem Ruf der Wildnis erlegen und hatten sich »diesen Baskenkerlen« an den Hals geworfen. Nick hatte sich noch zusätzlich den schlechten Ruf erworben, Jungfrauen ihre Höschen abzuschmeicheln. Doch Delaney hatte er nicht rumgekriegt. Entgegen der weit verbreiteten Meinung hatte sie nicht mit Nick Allegrezza geschlafen. Ihre Unschuld hatte er ihr nicht geraubt.

Jedenfalls nicht technisch gesehen.

»Amen«, sagten die Trauergäste im Chor.

»Ja. Amen«, stimmte Delaney zu und hatte wegen ihrer pietätlosen Gedanken beim Gebet Schuldgefühle. Sie spähte über den Rand ihrer Sonnenbrille, und ihre Augen verengten sich, als sie beobachtete, wie Nick die Lippen bewegte und sich rasch bekreuzigte. Natürlich war er katholisch, genau wie die anderen baskischen Familien in der Gegend. Trotzdem kam ihr der Anblick gotteslästerlich vor, wie sich ein langhaariger und einen Ohrring tragender Biker mit einer so unverhohlen sexuellen Ausstrahlung bekreuzigte wie ein Priester. Und dann, als hätte er den ganzen Tag Zeit, musterte er Delaney eingehend, betrachtete erst ihr Kostüm und sah dann hoch zu ihrem Gesicht. In seinen Augen flackerte etwas auf, das jedoch genauso schnell wieder erlosch, und er wurde von einer blonden Frau mit einem pinkfarbenen Trägerkleid abgelenkt, die neben ihm stand. Sie reckte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Die Trauergäste drängten sich um Delaney und ihre Mutter, um ihnen ihr Beileid auszusprechen, bevor sie zu ihren Wagen gingen. Sie verlor Nick aus den Augen und wandte sich den Menschen zu, die an ihr vorbeischritten. Sie kannte die meisten von Henrys Freunden, die stehen blieben, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln, sah jedoch nur wenige Gesichter unter fünfzig. Sie lächelte, nickte und schüttelte Hände und hasste jede Minute, in der sie mit prüfenden Blicken gemustert wurde. Sie wollte allein sein, damit sie über Henry und die guten Zeiten mit ihm nachdenken konnte. Sie wollte sich an Henry erinnern, bevor sie sich gegenseitig so furchtbar enttäuscht hatten. Doch sie wusste, dass sie erst viel später dazu Gelegenheit hätte. Sie war emotional erschöpft, und als ihre Mutter und sie sich endlich zu der Limousine begaben, die sie wieder nach Hause fahren sollte, wollte sie nichts lieber, als sich in einer Höhle verkriechen.

Das Grollen von Nicks Harley erregte ihre Aufmerksamkeit, und sie warf ihm noch einen Blick über die Schulter zu. Er ließ den Motor zweimal aufheulen, wendete und brauste mit der großen Maschine davon. Delaney zog irritiert die Augenbrauen zusammen, als er an ihr vorbeischoss, und fixierte die Blondine, die sich fest an seinen Rücken drückte. Er hatte doch tatsächlich auf Henrys Beerdigung eine Frau aufgerissen, sie abgeschleppt wie auf einer Kneipentour. Delaney kannte sie nicht, war im Grunde aber nicht überrascht, dass Nick die Beerdigung mit einer Tussi im Schlepptau verließ. Ihm war nichts heilig. Für ihn galten keine Verbote.

Sie stieg in die Limousine und versank in den eleganten Samtsitzen. Henry war tot, und nichts hatte sich geändert.

»Das war eine wirklich schöne Trauerfeier, findest du nicht?«, unterbrach Gwen Delaneys Gedanken, während der Wagen sich vom Friedhof entfernte und in Richtung Highway 55 fuhr.

Delaney hielt den Blick auf den Lake Mary gerichtet, der ab und zu blau durch den dichten Kiefernwald aufblitzte. »Ja«, antwortete sie und wandte ihre Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu. »Sie war wirklich schön.«

»Henry hat dich geliebt. Er konnte nur keine Kompromisse machen.«

Diese Diskussion hatten sie schon oft geführt, und Delaney hatte keine Lust, darüber zu sprechen. Das Gespräch begann und endete immer gleich, ohne dass dabei etwas herauskam. »Was glaubst du, wie viele Leute werden kommen?«, fragte sie, womit sie das Beisammensein nach der Beerdigung meinte.

»Fast alle, denke ich.« Gwen streckte die Hand nach ihr aus und strich Delaney die Haare hinter die Ohren.

Delaney hätte es nicht verwundert, wenn ihre Mutter sich die Finger befeuchtet und ihr Locken aus Spucke in die Stirn gelegt hätte, so wie früher, als Delaney noch ein Kind war. Damals hatte sie das gehasst, und das war heute nicht anders. Dieses ständige Zurechtzupfen, als wäre sie nicht gut genug, so wie sie war. Das ständige Getue, als könnte man sie zu etwas machen, was sie nicht war.

Nein. Nichts hatte sich geändert.

»Ich freue mich so, dass du zu Hause bist, Laney.«

Delaney hatte das Gefühl zu ersticken und drückte auf den elektrischen Fensterheber. Sie atmete die frische Bergluft ein und stieß sie langsam wieder aus. Nur zwei Tage, sagte sie sich. In zwei Tagen konnte sie wieder nach Hause fahren.

Letzte Woche hatte man sie benachrichtigt, dass sie in Henrys Testament bedacht worden war. Wenn man die Umstände berücksichtigte, unter denen sie auseinandergegangen waren, konnte sie sich das nicht erklären. Sie fragte sich, ob er auch Nick bedacht hatte oder ob er seinen Sohn selbst nach seinem Tod noch ignorierte.

Sie überlegte kurz, ob Henry ihr Geld oder Immobilien hinterlassen hatte. Viel wahrscheinlicher war es irgendein idiotisches Geschenk, ein altes verrostetes Fischerboot oder ein imprägnierter Wollmantel. Im Grunde war es auch egal, denn sie wollte nach der Verlesung des Testaments sowieso gleich wieder abreisen. Sie musste nur noch den Mut aufbringen, es ihrer Mutter zu sagen. Vielleicht würde sie von einem Münzfernsprecher irgendwo in der Gegend von Salt Lake City aus bei ihr anrufen. Doch bis dahin wollte sie noch ein paar alte Freundinnen besuchen, ein paar Kneipen unsicher machen und abwarten, bis sie zurück in die Großstadt fahren konnte, wo sie wieder Luft bekam. Denn sie wusste, wenn sie länger als ein paar Tage blieb, würde sie den Verstand verlieren – oder noch schlimmer: sich selbst.

»Schaut nur, wer wieder da ist.«

Delaney stellte einen Teller mit gefüllten Champignons auf das Büfett und blickte in die Augen ihrer Widersacherin aus Jugendtagen, Helen Schnupp. Helen war Delaney ein Dorn im Auge gewesen, ein Stein in ihrem Schuh, und ihr gewaltig auf den Zeiger gegangen. Immer, wenn Delaney irgendwo hinkam, war Helen schon da, ihr meist einen Schritt voraus. Helen war hübscher, die schnellere Läuferin und besser in Basketball. In der zweiten Klasse hatte Helen sie beim Bezirksbuchstabierwettbewerb vom ersten Platz verdrängt. In der achten Klasse war Helen und nicht sie zum Chef-Cheerleader ernannt worden, und in der elften war sie im Drive-in-Kino mit Delaneys damaligem Freund, Tommy Markham, erwischt worden, als sie es im Familienkombi der Markhams miteinander trieben. So etwas vergaß man nicht, und Delaney bereitete es ein stilles Vergnügen, Helens gespaltene Haarspitzen und strohige Strähnchen zu sehen.

»Helen Schnupp«, sagte sie und gestand sich widerwillig ein, dass ihre alte Angstgegnerin bis auf die Frisur immer noch hübsch war.

»Ich heiße jetzt Markham.« Helen schnappte sich ein Croissant und etwas Schinken dazu. »Tommy und ich sind seit sieben Jahren glücklich verheiratet.«

Delaney lächelte gezwungen. »Das ist ja toll!« Sie redete sich zwar ein, sich einen Dreck um die beiden zu scheren, hatte jedoch stets die Wunschvorstellung gehabt, dass es mit Helen und Tommy einmal ein so böses Ende finden würde wie mit Bonnie und Clyde. Dass sie immer noch solch eine Feindseligkeit gegen die beiden hegte, machte ihr nicht so viel aus, wie es vielleicht gesollt hätte. Womöglich war es doch langsam Zeit für die Psychotherapie, die sie ständig vor sich herschob.

»Bist du verheiratet?«

»Nein.«

Helen warf ihr einen mitleidigen Blick zu. »Deine Mutter sagt, du wohnst jetzt in Scottsdale.«

Delaney kämpfte gegen das Bedürfnis an, Helen ihr Croissant in die Nase zu rammen. »Ich lebe in Phoenix.«

»Ach ja?« Helen griff nach einem Champignon und ging weiter am Büfett entlang. »Dann hab ich sie wohl nicht richtig verstanden.«

Delaney bezweifelte stark, dass mit Helens Gehör etwas nicht stimmte. Bei ihren Haaren war das etwas anderes, und wenn Delaney nicht in ein paar Tagen wieder hätte weg sein wollen und wenn sie ein netterer Mensch gewesen wäre, hätte sie ihr vielleicht angeboten, einen Teil des Schadens mit der Schere zu beheben. Vielleicht hätte sie sogar eine Protein-Packung auf Helens Kraushaar geklatscht und ihr den Kopf mit Zellophan umwickelt. Aber so nett war sie nicht.

Sie ließ den Blick durch das überfüllte Esszimmer schweifen, bis sie ihre Mutter ausmachte. Von Freunden umringt, das blonde Haar tipptopp in Schuss, ihr Make-up makellos, sah Gwen Shaw aus wie eine Königin, die Hof hielt. Gwen war schon immer die Grace Kelly von Truly, Idaho, gewesen. Sie sah ihr sogar ein bisschen ähnlich. Mit vierundvierzig ging sie immer noch für neununddreißig durch, und, wie sie oft und gern betonte, sah viel zu jung dafür aus, eine neunundzwanzigjährige Tochter zu haben.

Überall sonst hätte ein Altersunterschied von fünfzehn Jahren zwischen Mutter und Tochter mehr hervorgerufen als hie und da ein Stirnrunzeln, doch im kleinstädtischen Idaho war es nichts Ungewöhnliches, wenn ein Highschool-Pärchen am Tag nach der Schulabschlussfeier heiratete, manchmal weil die Braut kurz vor der Geburt stand. Niemand dachte sich etwas bei Teenagerschwangerschaften, es sei denn, der Teenager war nicht verheiratet. Ein derartiger Skandal gab dem Klatsch noch jahrelang Nahrung.

In Truly glaubten alle, dass die junge Bürgermeistersfrau zur Witwe geworden war, kurz nachdem sie Delaneys leiblichen Vater geheiratet hatte, doch das waren alles Lügen. Mit fünfzehn hatte Gwen ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann gehabt, der sie, als er von ihrer Schwangerschaft erfuhr, abserviert hatte, worauf sie die Stadt verließ.

»Wie ich sehe, sind Sie wieder da. Ich dachte schon, Sie wären tot.«

Delaneys Aufmerksamkeit wurde auf die alte Mrs Van Damme gelenkt, die über ein Aluminium-Gehgerät gebeugt auf die Russischen Eier zuwankte, ihr weißes Haar in Fingerwellen gelegt, genau wie in Delaneys Erinnerung. Der Vorname der Frau wollte ihr partout nicht einfallen, und sie wusste auch nicht, ob sie ihn je gehört hatte. Alle hatten von ihr immer nur als »die alte Mrs Van Damme« gesprochen. Inzwischen war sie so steinalt, ihr Rücken vom Alter und von Osteoporose gebeugt, dass sie sich allmählich in ein menschliches Fossil verwandelte.

»Kann ich Ihnen behilflich sein?«, bot Delaney ihr an und stellte sich ein bisschen aufrechter hin, während sie im Geiste überschlug, wann sie zum letzten Mal ein Glas Milch getrunken oder allermindestens mit Kalzium angereicherte Rennies gekaut hatte.

Mrs Van Damme schnappte sich ein Ei und reichte Delaney ihren Teller. »Etwas hiervon und davon«, ordnete sie an und deutete auf diverse Schüsseln.

»Möchten Sie Salat?«

»Davon krieg ich Blähungen«, flüsterte Mrs Van Damme ihr vertraulich zu und deutete stattdessen auf eine Schüssel Götterspeise. »Das da sieht gut aus, und auch ein paar von diesen Hähnchenflügeln. Die sind zwar scharf, aber ich hab mein Pepto-Bismol dabei.«

Für eine so zarte, gebrechliche Person haute die alte Mrs Van Damme rein wie ein Holzfäller. »Sind Sie mit Jean-Claude verwandt?«, witzelte Delaney, um das ansonsten eher traurige Ereignis ein wenig aufzulockern.

»Mit wem?«

»Mit Jean-Claude Van Damme, dem Kickboxer.«

»Nein, ich kenne keinen Jean-Claude, aber vielleicht gibt es in Emmett einen. Diese Van Dammes aus Emmett geraten immer in irgendeinen Schlamassel und bauen immer irgendwelchen Mist. Letztes Jahr wurde Teddy, der mittlere Enkel meines verstorbenen Bruders, verhaftet, weil er den großen Smokey-Bären geklaut hatte, der vor dem Forstamt stand. Wie ist er bloß auf diese Schnapsidee gekommen?«

»Vielleicht, weil er Teddy heißt.«

»Hä?«

Delaney runzelte die Stirn. »Schon gut.« Sie hätte es gar nicht erst versuchen sollen. Sie hatte vergessen, dass ihr Humor in Hinterwäldlerstädtchen nicht verstanden wurde, in denen Männer die Angewohnheit hatten, ihre Hemdtaschen als Aschenbecher zu benutzen. Sie setzte Mrs Van Damme an einen Tisch in der Nähe des Büfetts und begab sich zur Bar.

Sie hatte schon immer gefunden, dass dieses ganze Ritual, sich nach Beerdigungen zu versammeln, um sich vollzustopfen wie die Mastschweine und sich sinnlos zu betrinken, ein bisschen seltsam war, doch sie nahm an, dass es dazu diente, der Familie Trost zu spenden. Doch Delaney fühlte sich nicht im Geringsten getröstet. Sie kam sich vor wie auf dem Präsentierteller, doch so hatte sie sich während ihrer Zeit in Truly immer gefühlt. Sie war als Tochter des Bürgermeisters und seiner wunderschönen Frau aufgewachsen und stets einen Tick hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Sie war nie kontaktfreudig und laut gewesen wie Henry und auch nie schön wie Gwen.

Sie ging in den Salon, wo Henrys Freunde aus der Moose-Lodge-Verbindung sich einen hinter die Binde kippten und aus allen Poren nach Johnnie Walker stanken. Sie beachteten sie kaum, als sie sich ein Glas Wein einschenkte und Gwens flache Schuhe auszog, die ihre Mutter ihr aufgezwungen hatte.

Delaney wusste, dass sie manchmal zwanghaft war, doch im Grunde litt sie nur unter einer regelrechten Sucht. Sie war ein Shoeaholic. Ihrer Meinung nach hätte Imelda Marcos mildernde Umstände verdient. Delaney liebte Schuhe. Alle Schuhe. Außer Pumps mit flachen, breiten Absätzen. Zu langweilig. Ihr Geschmack tendierte eher zu Stilettos, coolen Stiefeln oder Schnürsandalen. Auch ihre Kleidung war nicht gerade konventionell. In den letzten Jahren hatte sie bei Valentina gearbeitet, einem exklusiven Salon, in dem die Kundinnen hundert Dollar hinlegten, um sich die Haare schneiden zu lassen, und dafür eine Stylistin in Trend setzenden Klamotten erwarteten. Delaneys Kundinnen wollten für ihr Geld kurze Vinylröcke, Leder-Pants oder hauchdünne Blusen über schwarzen BHs sehen. Nicht gerade die passende Trauerkleidung für die Stieftochter eines Mannes, der viele Jahre lang über das Städtchen geherrscht hatte.

Delaney wollte gerade den Raum verlassen, als das Gespräch sie innehalten ließ.

»Don sagt, als sie ihn endlich rausgezogen haben, sah er aus wie ein Holzkohlebrikett.«

»Schrecklicher Tod.«

Die Männer schüttelten gemeinschaftlich die Köpfe und schluckten ihren Bourbon. Delaney wusste, dass das Feuer sich in dem Schuppen ereignet hatte, den Henry auf der anderen Seite der Stadt errichtet hatte. Gwen zufolge hatte er sich in letzter Zeit für die Zucht von Appaloosas interessiert. Pferdemistgestank in der Nähe seines Hauses hatte ihm jedoch weniger zugesagt.

»Henry hat diese Pferde geliebt«, bemerkte ein Moose-Verbindungsbruder, der einen Freizeitanzug im Cowboystil trug. »Ich hab gehört, ein Funken hat auch den Stall in Brand gesetzt. Von den Appaloosas war nicht mehr viel übrig, bloß ein paar Oberschenkelknochen und vereinzelte Hufe.«

»Glaubt ihr, es war Brandstiftung?«

Delaney verdrehte die Augen. Brandstiftung. In einem Städtchen, das noch nicht mal Kabelanschluss hatte, gefiel den Leuten nichts besser, als sich Klatsch und Tratsch anzuhören und Intrigen zu spinnen. Sie lebten dafür. Stürzten sich darauf wie auf eine fünfte Nahrungsmittelgruppe.

»Die Ermittler aus Boise glauben es eigentlich nicht, aber es wurde auch nicht ausgeschlossen.«

Es entstand eine Gesprächspause. Dann sagte einer: »Ich bezweifle, dass das Feuer vorsätzlich gelegt wurde. Wer würde Henry so was antun?«

»Vielleicht Allegrezza.«

»Nick?«

»Er hat Henry gehasst.«

»Ehrlich gesagt, haben das viele. Aber einen Mann und seine Pferde abzufackeln, ist eine ganze Menge Hass. Und ich bezweifle, dass Allegrezza Henry so sehr gehasst hat.«

»Henry war stocksauer wegen dieser Eigentumswohnungen, die Nick draußen an der Crescent Bay baut, und vor ein oder zwei Monaten haben die beiden sich deshalb unten an der Chevron-Tankstelle fast einen Faustkampf geliefert. Ich weiß nicht, wie Nick an diese Immobilie von Henry rangekommen ist, aber er hat es verdammt nochmal geschafft. Und dann ist er hergegangen und hat dort überall Scheißeigentumswohnungen hochgezogen.«

Wieder schüttelten sie einvernehmlich die Köpfe und kippten ihren Bourbon weg. Delaney hatte in ihrer Jugend viele Stunden an den weißen Sandstränden gelegen und war im klaren blauen Wasser der Crescent Bay geschwommen. Die große ungenutzte Strandfläche war bei fast allen in der Stadt begehrt und eine erstklassige Immobilie. Sie hatte sich seit Generationen im Besitz von Henrys Familie befunden, und Delaney fragte sich, wie Nick sie in die Finger bekommen hatte.

»Ich hab neulich erst gehört, dass diese Eigentumswohnungen Allegrezza ein Vermögen einbringen.«

»Ja. Die Kalifornier reißen sie ihm förmlich aus den Händen. Demnächst werden wir hier von Milchkaffee schlürfenden, Dope rauchenden Waschlappen überrannt.«

»Oder noch ärger – von Schauspielern.«

»Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein Weltverbesserer wie Bruce Willis hierherzieht und alles verändern will. Er ist das Schlimmste, was Hailey je passiert ist. Scheiße, er zieht hierher, renoviert ein paar Häuser und glaubt, er kann allen im ganzen verdammten Staat vorschreiben, wie sie wählen sollen.«

Mit solidarischem Nicken und verstimmtem Grunzen pflichteten ihm die Männer bei. Als sich das Gespräch Filmstars und Actionfilmen zuwandte, verließ Delaney unbemerkt den Raum. Sie lief durch den Flur in Henrys Arbeitszimmer und schloss die Ziehharmonikatür hinter sich. Von der Wand hinter seinem massiven Mahagonischreibtisch starrte Henrys Gesicht auf sie herab. Delaney erinnerte sich, wann er das Porträt hatte malen lassen. Sie war damals dreizehn gewesen, etwa die Zeit, als sie zum ersten Mal ein bisschen Unabhängigkeit demonstrieren wollte. Sie hatte sich Ohrlöcher stechen lassen wollen, und Henry hatte Nein gesagt. Das war nicht das erste und ganz sicher nicht das letzte Mal gewesen, dass er über sie bestimmt hatte. Henry hatte immer bestimmen müssen.

Delaney setzte sich in den riesigen Ledersessel und war überrascht, ein Bild von sich auf dem Schreibtisch stehen zu sehen. Sie erinnerte sich an den Tag, als Henry das Foto gemacht hatte. Es war an dem Tag, als sich ihr ganzes Leben veränderte. Sie war damals sieben, und ihre Mutter hatte gerade Henry geheiratet. Es war der Tag, an dem sie aus einem Wohnwagen am Stadtrand von Las Vegas ausgezogen war und nach einem kurzen Flug ein zweistöckiges viktorianisches Haus in Truly betreten hatte.

Beim Anblick des Hauses mit den Zwillingsecktürmen und dem Giebeldach hatte sie geglaubt, in einen Palast zu ziehen, was bedeutete, dass Henry ein König sein musste. Das Herrenhaus war auf drei Seiten von Wald umgeben, der zugunsten eines wunderschön angelegten Gartens zurückgeschnitten worden war, während der Garten hinter dem Haus sanft zu den kühlen Wassern des Lake Mary abfiel.

Innerhalb weniger Stunden hatte Delaney ihre ärmlichen Verhältnisse hinter sich gelassen und war mitten in einem Märchen gelandet. Ihre Mutter war glücklich, und Delaney kam sich vor wie eine Prinzessin. Und an jenem Tag, als sie in einem weißen Rüschenkleid, das sie auf Druck ihrer Mutter hin hatte tragen müssen, auf der Treppe saß, verliebte sie sich in Henry Shaw. Er war älter als die bisherigen Männer im Leben ihrer Mutter – und auch netter. Er schrie Delaney nicht an und brachte ihre Mutter nicht zum Weinen. Er gab ihr das Gefühl, sicher und geborgen zu sein, wie sie es in ihrem jungen Leben bisher nur allzu selten erfahren hatte. Er hatte sie adoptiert, und er war der einzige Vater, den sie je gekannt hatte. Aus diesen Gründen liebte sie Henry und würde es auch immer tun.

An jenem Tag hatte sie auch Nick Allegrezza zum ersten Mal gesehen. Er war mit vor Hass glühenden Augen und Wutflecken auf den Wangen aus den Büschen in Henrys Garten gesprungen. Er hatte ihr Angst eingejagt, und doch war sie zugleich von ihm fasziniert gewesen. Nick war ein schöner Junge mit schwarzen Haaren, glatter, gebräunter Haut und rauchgrauen Augen.

Er hatte im Kreuzdorn gestanden, die Arme an den Körper gepresst, steif vor Wut und Trotz, und sein baskisch-irisches Rebellenblut war durch seine Adern gerast. Er hatte die beiden finster angestarrt und mit Henry gesprochen. Jahre später konnte sich Delaney zwar nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern, doch seinen Zorn würde sie nie vergessen.

»Halt dich von ihm fern«, hatte Henry gesagt, als Nick sich umdrehte und erhobenen Hauptes davonstolzierte.

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass er sie vor Nick warnen würde, doch Jahre später war es die einzige Warnung, auf die sie lieber hätte hören sollen.

Nick zog seine Levi’s an und stand auf, um sich den Hosenstall zuzuknöpfen. Er warf einen Blick über die Schulter auf die Frau, die in Laken gewickelt im Bett lag, das blonde Haar fächerförmig auf dem Kissen ausgebreitet. Sie hielt die Augen geschlossen und atmete leicht und ruhig. Gail Oliver war die Tochter eines Richters und frisch geschiedene Mutter eines kleinen Sohnes. Um das Aus ihrer Ehe zu feiern, hatte sie sich am Bauch das Fett absaugen und sich Brustimplantate aus Kochsalzlösung machen lassen. Auf Henrys Beerdigung war sie ganz unverfroren an ihn herangetreten und hatte verkündet, dass er der Erste sein sollte, der ihren neuen Körper sah. Am Ausdruck in ihren Augen erkannte er, dass er sich geschmeichelt fühlen sollte. Tat er aber nicht. Er hatte nur eine Ablenkung gesucht, und die hatte sie ihm geboten. Sie hatte zwar beleidigt getan, als er mit der Harley vor dem Starlight Motel anhielt, aber nicht von ihm verlangt, sie mit nach Hause zu nehmen.

Nick wandte sich von der Frau im Bett ab und lief über den grünen Teppich zu einer Schiebetür aus Glas, die auf eine kleine Terrasse mit Blick auf den Highway 55 führte. Er hatte eigentlich nicht vorgehabt, an der Beerdigung seines alten Herrn teilzunehmen, und wusste immer noch nicht genau, wie es dazu gekommen war. Eben noch hatte er in Crescent Beach gestanden und mit einem Subunternehmer Baupläne durchgesprochen, und bevor er sich’s versah, saß er schon auf seiner Harley und brauste zum Friedhof. Dabei hatte er gar nicht hingehen wollen. Er hatte gewusst, dass er eine Persona non grata war, doch er war trotzdem hingefahren. Aus irgendeinem Grund, den er nicht zu genau analysieren wollte, hatte er sich verabschieden müssen.

Er trat in eine Ecke der Terrasse, weg vom Licht, das auf die Holzplanken strömte, und war rasch in Dunkelheit getaucht. Reverend Tippet hatte kaum das Wort »Amen« gesagt, da hatte Gail in ihrem hauchdünnen Nichts von einem Kleid mit den schmalen Trägern Nick auch schon einen unsittlichen Antrag gemacht.

»Mein Körper ist mit dreiunddreißig besser, als er mit sechzehn war«, hatte sie ihm kokett ins Ohr geflüstert. Nick erinnerte sich nicht so genau, wie sie mit sechzehn ausgesehen hatte, aber er wusste noch, dass sie auf Sex gestanden hatte. Sie war eins von den Mädchen gewesen, die sich gern flachlegen ließen und sich danach wie Jungfrauen gebärdeten. Sie hatte sich immer von zu Hause fortgeschlichen und an der Hintertür des Lomax-Lebensmittelladens gekratzt, wo er nach Geschäftsschluss jobbte und den Boden kehrte. Wenn er in der Stimmung war, hatte er sie reingelassen und auf einer Frachtkiste oder auf der Kassentheke gevögelt. Danach führte sie sich so auf, als hätte sie ihm einen Gefallen getan. Dabei hatten sie beide gewusst, dass es genau andersrum war.

Die kühle Nachtluft wehte ihm das Haar um die Schultern und streifte über seine nackte Haut. Er nahm die Kälte kaum wahr. Delaney war wieder da. Als er von der Sache mit Henry hörte, hatte er sich schon gedacht, dass sie zur Beerdigung nach Hause kommen würde. Trotzdem war es ein Schock gewesen, sie auf der anderen Seite des Sarges stehen zu sehen, die Haare in etwa fünf Rottönen gefärbt. Auch nach zehn Jahren erinnerte sie ihn noch an eine Porzellanpuppe, glatt und zart wie Seide. Ihr Anblick wühlte wieder alles in ihm auf, und er erinnerte sich an ihre erste Begegnung. Damals waren ihre Haare noch blond, und sie war sieben Jahre alt.

An jenem Tag vor über zwanzig Jahren hatte er gerade im Tasty Freeze in der Schlange gestanden, als er von Henry Shaws neuer Ehefrau erfuhr. Er konnte es nicht fassen! Henry hatte wieder geheiratet. Und da alles, was Henry tat, Nick brennend interessierte, waren sein älterer Bruder Louie und er auf ihre alten Fahrräder gesprungen und um den See zu Henrys riesigem viktorianischem Haus gestrampelt. Mit dem Schwirren seiner Fahrradräder hatte Nick auch der Kopf geschwirrt. Er hatte ja gewusst, dass Henry seine Mutter nie heiraten würde. Sie hassten sich schon, solange Nick denken konnte. Sie sprachen nicht einmal miteinander. Meist ignorierte Henry Nick einfach, doch das änderte sich jetzt vielleicht. Vielleicht mochte Henrys neue Frau Kinder. Vielleicht mochte sie ihn.

Nick und Louie versteckten ihre Fahrräder hinter den Kiefern und krochen unter den dichten Kreuzdorn, der den terrassenförmig angelegten Garten einfasste. Diese Stelle kannten sie gut. Louie war zwölf, zwei Jahre älter als Nick, doch Nick war besser im Warten als sein Bruder. Vielleicht lag es daran, dass er daran gewöhnt war, oder weil sein Interesse an Henry Shaw persönlicher war als das seines Bruders. Die beiden Jungs machten es sich bequem und stellten sich aufs Warten ein.

»Der kommt nicht raus«, beschwerte sich Louie nach einer Stunde Observation. »Wir sind jetzt schon ewig hier, und der kommt nicht raus.«

»Früher oder später kommt der schon.« Nick sah seinen Bruder an und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Vorderseite des großen grauen Kastens. »Muss er ja.«

»Komm, wir fangen lieber Fische in Mr Benders Teich.«

Jeden Sommer besetzte Clark Bender seinen Gartenteich mit Bachforellen. Und jeden Sommer erleichterten ihn die Allegrezza-Jungs um zahlreiche, dreißig Zentimeter lange Prachtexemplare. »Mom wird echt sauer«, warnte Nick seinen Bruder, weil seine Erinnerung an letzte Woche, als sie ihm mit dem Holzlöffel auf die Handflächen geschlagen hatte, noch sehr frisch war. Normalerweise verteidigte Benita ihre Jungs wie eine Löwin. Doch selbst sie konnte Mr Benders Anschuldigungen nicht mehr leugnen, als die zwei Jungs nach Fischinnereien stinkend von ihm nach Hause eskortiert wurden und mehrere ausgesuchte Forellen von ihren Stringernadeln baumelten.

»Das kriegt die gar nicht mit. Bender ist verreist.«

Nick sah Louie forschend an, und beim Gedanken an die vielen hungrigen Forellen juckte es ihn, seine Angelrute zu holen. »Ganz sicher?«

»Klar.«

Er dachte an den Teich und die vielen Fische, die nur auf einen Köder und einen scharfen Haken warteten. Doch dann hob er entschlossen den Kopf und biss die Zähne zusammen. Wenn Henry wieder heiratete, wollte Nick hierbleiben, um seine neue Frau zu sehen.

»Du spinnst doch«, meinte Louie angewidert und rutschte rückwärts aus dem Kreuzdorn.

»Gehst du angeln?«

»Nein, nach Hause, aber erst muss ich noch den Rüssel wringen.«

Nick grinste. Es gefiel ihm, wenn sein älterer Bruder so coole Sachen sagte. »Verrat Mom nicht, wo ich bin.«

Louie zog den Reißverschluss an seiner Hose auf und erleichterte sich seufzend an einer Gelbkiefer. »Bleib bloß nicht so lange weg, sonst kommt sie von allein drauf.«

»Nee.« Als Louie auf sein Fahrrad sprang und wegstrampelte, fixierte Nick wieder die Vorderfront des Hauses. Er stützte das Kinn in die Hand und ließ die Haustür nicht aus den Augen. Während er wartete, dachte er an Louie und überlegte, welches Glück er hatte, einen Bruder zu haben, der schon in die siebte Klasse ging. Mit ihm konnte er über alles reden, und Louie lachte ihn nie aus. Louie hatte in der Schule schon den Aufklärungsfilm gesehen, und so konnte Nick ihm wichtige Fragen stellen, zum Beispiel, wann er endlich Haare an den Eiern bekäme. Sachen, die man seine katholische Mutter nicht ohne Weiteres fragen konnte.

Eine Waldameise krabbelte über Nicks Arm, und er wollte sie gerade zwischen den Fingern zerquetschen, als sich die Haustür öffnete und er erstarrte. Henry trat aus dem Haus, blieb auf der Veranda stehen und warf über die Schulter einen Blick zurück. Er machte mit der Hand ein Zeichen, und ein kleines Mädchen trat durch die Tür. Ein Wust blonder Locken umrahmte ihr Gesicht und fiel ihr wallend über den Rücken. Sie nahm Henrys Hand, und die beiden schlenderten über die Veranda und stiegen die Vordertreppe hinab. Sie trug ein weißes Rüschenkleid und Spitzensöckchen wie Mädchen bei der Erstkommunion. Dabei war noch nicht mal Sonntag. Henry deutete grob in Nicks Richtung, und aus Furcht, entdeckt worden zu sein, hielt Nick den Atem an.

»Gleich da hinten«, sagte Henry zu dem kleinen Mädchen, während sie durch den Garten geradewegs auf Nicks Versteck zusteuerten. »Da steht ein schöner, großer Baum, der meiner Meinung nach ein Baumhaus vertragen könnte.«

Das kleine Mädchen schaute zu dem hochgewachsenen Mann auf und nickte. Dabei wippten ihre goldenen Locken wie Sprungfedern. Die Haut des Mädchens war viel blasser als Nicks, und ihre großen Augen waren braun. Nick fand, dass sie aussah wie eine der kleinen Puppen, die seine Tante Narcisa in einer verschlossenen Vitrine aufbewahrte, weit weg von ungeschickten Bengeln mit schmutzigen Händen. Nick hatte die hübschen Püppchen noch nie anfassen dürfen, aber im Grunde wollte er das auch gar nicht.

»Wie Pu der Bär?«, fragte sie.

»Würde dir das gefallen?«

»Ja, Henry.«

Henry sank auf ein Knie und schaute dem Mädchen in die Augen. »Ich bin jetzt dein Vater. Du kannst Daddy zu mir sagen.«

Nick erstarrte, und sein Herz hämmerte so sehr, dass er keine Luft mehr bekam. Er hatte sein Leben lang auf diese Worte gewartet, doch stattdessen sagte Henry sie zu einem blöden, blassen Mädchen, das Pu den Bären mochte. Er musste ein Geräusch von sich gegeben haben, denn Henry und das Mädchen schauten geradewegs zu seinem Versteck.

»Wer ist da?«, rief Henry streng und erhob sich.

Langsam, mit Angst im Bauch, erhob sich Nick und stellte sich dem Mann, von dem seine Mutter stets behauptet hatte, dass er sein Vater war. Er streckte die Brust raus, stellte sich aufrecht hin und starrte wütend in Henrys hellgraue Augen. Am liebsten wäre er weggerannt, aber er rührte sich nicht.

»Was machst du hier?«, herrschte Henry ihn an.

Nick reckte trotzig das Kinn in die Luft und antwortete nicht.

»Wer ist das, Henry?«, fragte das Mädchen.

»Niemand«, antwortete er und wandte sich an Nick. »Geh nach Hause. Scher dich weg und lass dich hier nicht mehr blicken.«

Bis zur Brust im Kreuzdorn stehend, mit zitternden Knien und Bauchschmerzen, sah Nick Allegrezza all seine Hoffnungen schwinden. Er hasste Henry Shaw. »Du bist ein Rüssel lutschender Scheißkerl«, rief er außer sich und senkte den Blick auf Goldlöckchen. Sie hasste er auch. Mit einem Blick, in dem Hass und Wut brannten, machte er auf dem Absatz kehrt und verließ sein Versteck. Er kam nie wieder. Er hatte die Schnauze voll davon, im Verborgenen zu warten. Auf Dinge zu warten, die er sowieso nie haben würde.

Schritte rissen Nick aus den Grübeleien über seine Vergangenheit, doch er drehte sich nicht um.

»Was denkst du?« Gail stellte sich hinter ihn und schlang ihm die Arme um die Taille, sodass nichts als der dünne Stoff ihres Kleides ihre nackten Brüste von seinem Rücken trennte.

»Worüber?«

»Über das neue und verschönerte Ich.«

Jetzt wandte er sich um und schaute sie an. Sie war in Dunkelheit getaucht, und er sah sie nicht besonders gut. »Du siehst gut aus«, antwortete er.

»Gut? Ich habe Tausende von Dollar für eine Brustvergrößerung bezahlt, und mehr fällt dir dazu nicht ein? ›Du siehst gut aus‹?«

»Was willst du denn von mir hören? Dass es schlauer von dir gewesen wäre, dein Geld in Immobilien anzulegen statt in Salzwasser?«

»Ich dachte, Männer mögen große Brüste«, schmollte sie.

Groß oder klein machte nicht so viel aus wie das, was eine Frau mit ihrem Körper anstellte. Er mochte Frauen, die wussten, wie sie das einsetzen mussten, was sie hatten, die im Bett die Kontrolle verloren. Frauen, die aus sich herausgehen konnten und es hemmungslos mit ihm trieben. Gail war viel zu besorgt um ihr Aussehen.

»Ich dachte, alle Männer fantasieren von großen Brüsten«, fuhr sie fort.

»Nicht alle.« Nick hatte schon sehr lange von keiner Frau mehr fantasiert. Im Grunde hatte er schon seit seiner Kindheit nicht mehr fantasiert, und seine Fantasien waren sowieso immer dieselben gewesen.

Gail schlang ihm die Arme um den Hals und reckte sich auf die Zehenspitzen. »Vorhin schienst du nichts dagegen zu haben.«

»Ich hab auch nicht gesagt, dass ich was dagegen habe.«

Sie strich über seine Brust zu seinem Bauch. »Dann lieb mich noch einmal.«

Er packte sie am Handgelenk. »Ich liebe dich nicht.«

»Und was haben wir dann vor einer halben Stunde gemacht?«

Er erwog, ihr mit dem Vulgärausdruck dafür zu antworten, doch er wusste, dass sie seine Offenheit nicht zu schätzen wüsste. Er überlegte, ob er sie nach Hause fahren sollte, doch sie ließ die Hand zu seinem Hosenstall gleiten, und er fand, dass er noch ein Weilchen warten könnte, um zu sehen, was sie im Sinn hatte. »Das war bloß Sex«, wehrte er ab. »Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.«

»Du klingst verbittert.«

»Warum, weil ich Sex nicht mit Liebe verwechsele?« Nick hielt sich nicht für verbittert, bloß für desinteressiert. Seiner Meinung nach zahlte sich Liebe nicht aus. All das bedeutete nur eine Menge vertane Zeit und vergeudete Gefühle.

»Vielleicht warst du nur noch nie verliebt.« Sie schob die Hand in seinen Hosenstall. »Vielleicht verliebst du dich ja in mich.«

Nick lachte tief in seiner Brust. »Verlass dich nicht darauf.«

ZWEI

Am Morgen nach der Beerdigung schlief Delaney lange und entging mit Mühe und Not einem Treffen der Charitable Society von Truly, dem kleinstädtischen Pendant der Junior League. Sie hatte vorgehabt, den ganzen Tag zu Hause zu faulenzen und ein bisschen Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen, bevor sie am Abend wegging, um sich mit Lisa Collins, ihrer besten Freundin aus der Highschool, zu treffen. Die beiden hatten sich für einen Frauenabend mit Klatsch und Tratsch und Margaritas in Mort’s Bar verabredet.

Doch Gwen hatte ganz andere Pläne für Delaney. »Ich hätte gern, dass du bei dem Treffen dabei bist«, verkündete Gwen, sobald sie die Küche betrat. In taubenblauer Seide sah sie aus wie ein Katalog-Model. Stirnrunzelnd betrachtete sie Delaneys Schuhe. »Wir hoffen, eine neue Spielplatzausstattung für den Larkspur-Park anschaffen zu können, und du könntest kreative Ideen beisteuern, wie wir das Geld dafür auftreiben.«

Delaney hätte lieber sonst was getan, als sich zu einem langweiligen Komitee ihrer Mutter verdonnern zu lassen. »Ich hab schon was vor«, log sie und strich sich Erdbeerkonfitüre auf einen getoasteten Bagel. Sie war jetzt neunundzwanzig und brachte es immer noch nicht fertig, ihre Mutter bewusst vor den Kopf zu stoßen.

»Was denn?«

»Ich treffe mich mit einer Freundin zum Lunch.« Sie lehnte sich gegen die Kücheninsel aus Kirschholz und biss genüsslich in ihren Bagel.

In Gwens Augenwinkeln ließen sich winzige Fältchen nieder. »In dem Aufzug willst du in die Stadt?«

Delaney schaute prüfend auf ihren ärmellosen weißen Pullover, ihre schwarze Jeansshorts und die schmalen Lacklederriemen ihrer Schnürsandalen mit den Gummikeilabsätzen hinab. Sie hatte sich schon relativ bieder gekleidet, aber in Kleinstädten galten wohl andere Maßstäbe. Ihr war das völlig egal; sie fand ihr Outfit toll. »Mir gefallen meine Klamotten«, verteidigte sie sich und fühlte sich wieder wie eine Neunjährige. Es war ein unangenehmes Gefühl, aber es rief ihr den wichtigsten Grund ins Gedächtnis, warum sie Truly nach der Testamentseröffnung morgen Nachmittag schnellstens wieder verlassen wollte.

»Nächste Woche gehen wir zusammen shoppen. Wir fahren nach Boise und verbringen den ganzen Tag im Einkaufszentrum.« Gwen lächelte aufrichtig erfreut. »Jetzt, wo du wieder zu Hause bist, können wir da mindestens einmal im Monat hinfahren.«

Da war es wieder. Gwens Annahme, dass Delaney jetzt, wo Henry tot war, wieder zurück nach Truly zog. Doch Henry Shaw war nicht der einzige Grund gewesen, weshalb Delaney zwischen Idaho und sich mindestens einen Staat Abstand einhielt.

»Ich brauche nichts, Mutter«, wehrte sie ab und aß ihr Frühstück auf. Wenn sie länger als ein paar Tage bliebe, würde Gwen sie zweifellos zu Liz Claiborne mitschleppen und zu einem angesehenen Mitglied der Charitable Society machen. In ihrer Jugend hatte sie ständig Kleider tragen müssen, die ihr nicht gefielen, und sich als jemand anders ausgeben müssen, als sie war, nur um es ihren Eltern recht zu machen. Sie hatte sich ein Bein ausgerissen, um es auf die Liste der besten Schüler zu schaffen, und war bis dato noch nicht einmal für die Überziehung einer Bibliotheksleihfrist abgemahnt worden. Sie war als Tochter des Bürgermeisters aufgewachsen, und das hieß, dass sie perfekt sein musste.

»Sind die Schuhe nicht unbequem?«

Delaney schüttelte den Kopf. »Erzähl mir von dem Feuer«, bat sie, um das Thema zu wechseln. Seit ihrer Ankunft in Truly hatte sie nur sehr wenig darüber erfahren, was in der Todesnacht wirklich passiert war. Ihre Mutter sprach nur ungern davon, doch jetzt, wo die Beerdigung vorbei war, drängte Delaney auf Informationen.

Gwen griff seufzend nach dem Buttermesser, mit dem Delaney sich Konfitüre auf den Bagel geschmiert hatte. Die Absätze ihrer blauen Pumps klapperten auf den roten Backsteinfliesen, als sie zur Küchenspüle ging. »Ich bin jetzt auch nicht schlauer als letzte Woche, als ich dich angerufen habe.« Sie legte das Messer weg und sah aus dem großen Fenster über der Spüle. »Henry war in seinem Sattelschuppen, und der ist in Brand geraten. Sheriff Crow sagte mir, das Feuer sei wahrscheinlich durch einen Haufen Leinöllumpen entstanden, die Henry neben dem alten Heizgerät vergessen hatte.« Gwens Stimme zitterte.

Delaney trat zu ihrer Mutter und legte ihr den Arm um die Schultern. Sie schaute hinaus in den Garten, zu dem Bootsdock, das auf den sanften Wellen schaukelte, und stellte die Frage, vor der sie sich schon die ganze Zeit gefürchtet hatte: »Weißt du, ob er sehr leiden musste?«

»Ich glaube nicht, aber wenn doch, will ich es gar nicht wissen. Ich weiß nicht, wie lange er noch gelebt hat, oder ob Gott ihm gnädig war und ihn sterben ließ, bevor die Flammen ihn erreichten. Ich hab nicht danach gefragt. Die letzte Woche war auch so schon schwer genug.« Sie hielt inne und räusperte sich. »Ich hatte sowieso schon so viel um die Ohren, und ich denke nicht gern darüber nach.«

Delaney schaute wieder ihre Mutter an, und zum ersten Mal seit Ewigkeiten spürte sie eine Verbindung zu der Frau, die ihr das Leben geschenkt hatte. Sie waren grundverschieden, doch eine Gemeinsamkeit hatten sie. Trotz seiner Fehler hatten sie beide Henry Shaw geliebt.

»Deine Freundinnen hätten bestimmt Verständnis dafür, wenn du das Meeting heute absagst. Wenn du möchtest, rufe ich sie für dich an.«

Gwen richtete ihre Aufmerksamkeit auf Delaney und schüttelte den Kopf. »Ich habe Verpflichtungen, Laney. Ich kann mein Leben nicht ewig auf Eis legen.«

Ewig? Henry war noch nicht einmal eine Woche tot, noch keine vierundzwanzig Stunden unter der Erde. Das Gefühl der Verbundenheit mit ihrer Mutter schwand schlagartig, und sie nahm abrupt die Hand von ihrer Schulter. »Ich muss mal kurz an die frische Luft«, murmelte sie und trat durch die Hintertür nach draußen, bevor die Enttäuschung sie völlig überwältigte. Sie atmete tief durch und überquerte die Terrasse.

Enttäuschung war wohl das Wort, womit man ihre Familie am besten beschreiben konnte. Sie hatten stets eine Fassade aufrechterhalten, sodass sie einander zwangsläufig enttäuschen mussten. Delaney hatte sich schon vor langer Zeit damit abgefunden, dass ihre Mutter oberflächlich und viel mehr an Äußerlichkeiten interessiert war als an inneren Werten. Und sie hatte akzeptiert, dass Henry ein richtiger Kontrollfreak war. Solange sie Henrys Erwartungen entsprach, war er ein wunderbarer Vater gewesen, hatte ihr Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt und ihre Freunde und sie zu Bootsfahrten oder zum Zelten in die Sawtooths mitgenommen. Doch das Leben der Shaws hatte

Die Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel »Truly Madly Yours« bei Avon Books, an Imprint of HarperCollins Publishers, New York.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Februar 2009 Copyright © der Originalausgabe 1999 by Rachel Gibson Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2009 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: Getty Images/Pando Hall KA · Herstellung: Str. Redaktion: Anita Hirtreiter Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin

eISBN 978-3-641-10173-2

www.goldmann-verlag.de

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